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Warum “Leib” und “Körper” nicht dasselbe sind

Peter | 27. Jan 2012

Den Abschluss von inno2012 bildete am Mittwoch die Feier des Abendmahls. Die ganze Sache ist mir aus zwei Gründen noch etwas nachgegangen, und da sie zusammenhängen, komme ich hier darauf zurück: Das erste, was mir ganz unvermittelt aufstieß, waren die Einsetzungsworte in der Übersetzung von “das Buch”. Statt “Leib” heißt es dort “Körper”. Nun ist es zweifellos so, dass “Leib” im Deutschen allmählich antiquiert klingt, aber praktisch jeder versteht das Wort ja noch (etwa wenn ich jemanden anfahre, er soll “mir vom Leib bleiben”).

Warum ist das wichtig? Früher war es so, dass Leib sich auf den lebenden Menschen bezog und Körper tendenziell auf ein totes Objekt – in Physik und Geometrie gilt das ja nach wie vor. “Körper” ist technischer – wir können von “Körperfunktionen” reden, aber wir sagen nicht “Leibfunktionen” – der Leib ist etwas Ganzes, das wir nicht in Teilaspekte zerlegen. Rückt mir jemand auf den Leib, dann tritt er mir als Person zu nahe, die “Seele” oder das Selbst ist in dem Gesamtpaket gleich mitgedacht: der “Leib” ist ein “beseelter Körper”, und statt der stofflichen dominiert die sinnliche Seite.

Sollte uns diese Unterscheidung verloren gehen und “Körper” der einzige gebräuchliche Begriff werden, dann würde unsere Sprache – auch die gottesdienstliche Sprache – verarmen. Hier scheint es mir in der Bibelübersetzung voreilig und ohne Not aufgegeben und die Folge ist eine schlagartige Verflachung des Satzes. Flacher würde es ebenso, wenn wir in 1.Korinther 12 Leib durch “Körper” ersetzen: Der Objektcharakter würde stärker werden, die Sprache wird weiter verdinglicht und das, was eigentlich beim Abendmahl wie im Blick auf die Einheit der Gemeinde ausgesagt werden soll, nämlich das Ganze und Lebendige, das Sein in Beziehung, das im-Fluss-Sein und in-Bewegung-Sein, geht dabei immer mehr verloren. Die Metapher “Leib Christi” würde dann zum funktionalen Organigramm, das weniger einem lebendigen Organismus nachempfunden ist, sondern eher an eine Maschine erinnert. Die sprachliche “Modernisierung” führt hier zu einer inhaltlichen Banalisierung.

Ganz passend dazu fiel dann zweitens die “Austeilung” aus, die keine war: “Oblaten” (so die prosaische Ansage – der Begriff Hostie scheint unbekannt gewesen zu sein) und Saft in Plastikstamperln lagen auf Tischen aus: Eine Art “Take-Away-Abendmahl”, bei dem einem niemand mehr die Elemente mit einem Zuspruch reicht, sondern man sie sich selbst wortlos nimmt – und wieder derselbe Effekt: Das Ganze wird verdinglicht, alles ist schon säuberlich und steril portioniert, keine Berührung mit der Hand, dem Blick und der Stimme anderer mehr nötig. Die Teilnehmer machten das wett (oder versuchten es), indem sie sich in Gruppen zusammenstellten und nach dem Verzehr von Oblate und Saft gemeinsam beteten. Je nachdem werden sich viele an das Gebet auch gern erinnern. Aber ob das für die Begegnung mit dem lebendigen Christus in den merkwürdig leblosen Elementen auch gilt?

Ich habe eine Weile gezögert und bin dann nicht hingegangen, um mir etwas vom Tisch zu nehmen. Manch einer denkt jetzt bestimmt pragmatisch: Es gibt viele Wege, Abendmahl zu feiern, muss man da so pingelig und empfindlich sein? Ich war es und bin es bis auf Weiteres auch noch. Am Mittwoch Abend fiel mir wieder auf, wie viel tiefen Sinn die Worte – und sei es nur dieser eine, altbackene Begriff “Leib” – in sich tragen, und wie sehr das Teilen und Austeilen, das Geben und Empfangen dazu beitragen können, dass wir unseren so unglaublich selbstverständlichen modernen Individualismus, ja drohenden Solipsismus überwinden und uns als Teil eines Ganzen erkennen, dessen Mitte der Gekreuzigte und Auferstandene ist.

Das Verblüffende ist, wie man in manchen neuen Bewegungen gleichzeitig ganz viel von Beziehung und Gemeinschaft reden und das Ganze dann (ungewollt, denke ich) sprachlich-symbolisch komplett konterkarieren kann. Passiert uns das an anderen Stellen auch, ohne dass wir es merken?

Abendmahl, Leib, Körper, Das Buch, inno 2012
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Theologie
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Cooler Song

Peter | 26. Jan 2012

Ich weiß, Kontext ist alles, aber die erste Zeile dieses Liedes ließ erst einmal ganz ungewohnte Bilder in meinem Kopf ablaufen:

Komm, brich ein durch das Eis

Vielleicht klingt es im Sommer weniger riskant. Wobei, noch etwas weiter assoziiert, Gott als “Einbrecher” ja schon wieder ein eminent biblisches Motiv wäre :-)

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Peters Gedanken
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An den Karren fahren

Peter | 26. Jan 2012

Gestern endete inno2012 mit der Frage, wie versöhnt Innovatoren und “Bewahrer” sein können, wie viel Konflikt nötig und konstruktiv ist (das ob war nicht die Frage) und wie Schaden (den ja nicht einfach nur die einen verursachen und die anderen erleiden) vielleicht auch wieder repariert und geheilt werden kann.

Mich hat das an einen anderen Kongress vor vielen Jahren erinnert. Ich hatte dort auf einem ähnlichen Podium eine Aussage in Frage gestellt, die einer der Hauptreferenten (damals schon eine Vaterfigur mit Baritonstimme und wallend silbernem Haupthaar) gemacht hatte.

Nach der Veranstaltung kam einer der Organisatoren, ein schwäbischer Unternehmer, ziemlich aufgebracht auf mich zu und stauchte mich zusammen, weil ich dem Patriarchen “an den Karren gefahren” sei.

Ich ging beim Abschied also (obwohl ich meinen Kommentar immer noch richtig fand) auf den Patriarchen zu und erklärte zerknirscht, es habe mir völlig fern gelegen, ihm an den Karren zu fahren. Worauf der nur freundlich antwortete: “Du darfst mir jederzeit an den Karren fahren.”

Ich habe mich mehr als einmal daran erinnert, wenn ich anderen oder andere mir an den Karren gefahren sind. Gott sei Dank für solche Patriarchen…!

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Erlebt
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Ikone mit Kratzern

Peter | 23. Jan 2012

Ein Bericht in der Zeit lässt die Theologenwelt aufhorchen: Otto Michel, bekannter Neutestamentler und Professor für Judaistik in Tübingen, war Mitglied der NSDAP und zweitweise auch in der SA, hatte das aber zeitlebens verschwiegen. Das wäre vielleicht kaum der Erwähnung wert, wenn Michel nicht nach dem Krieg das Image des Widerstandskämpfers gepflegt hätte und darüber auch seine guten Kontakte zu bekannten jüdischen Denkern.

Neben dieser “Lebenslüge” beleuchtet der Artikel auch den Einfluss der Nazis an der Uni in Tübingen und auch noch einmal die Rolle von Gerhard Kittel im dritten Reich. Michel hat sich nach 1945 von dem Antisemiten Kittel deutlich abgesetzt und sich für eine Rückkehr zum “jüdischen Denken” ausgesprochen, über die bis heute immer wieder diskutiert wird. Unter anderem wirkte Michel, der aus einem “erwecklichen” Hintergrund stammte, auch an der Gründung des Bengelhauses in Tübingen mit.

Otto Michel
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Wasser und Geist

Peter | 22. Jan 2012

Im Gottesdienst heute hatten wir zwei Taufen und ich wurde wieder an Johannes 3 erinnert, wo Jesus vom neugeboren werden aus Wasser und Geist spricht. Dass der Geist für uns nicht zu fassen ist, verdeutlicht der folgende Vergleich mit dem Wind. Wasser wirkt etwas konkreter, aber wie ist das wohl gemeint?

Vielleicht kommt man dem so auf die Spur: Das Wasser Leben spendet, daran erinnert schon die Überlieferung, dass im Garten Eden vier Flüsse entspringen. Flüsse verbinden Menschen: Sie sind Wasserwege, auf denen Menschen reisen, Güter transportiert werden, an deren Ufern Landwirtschaft betrieben wird. Manchmal sind sie die Nahtstellen zwischen Ländern und Kulturen. Und auch die Geschichte ist wie ein großer Strom, der sich aus vielen Nebenflüssen speist. Insofern steht Wasser für Leben, Verbindung und Kontinuität.

Zugleich begegnet uns Wasser oft an den Wendepunkten biblischer Geschichte, wo ein Kapitel geschlossen und ein neues aufgeschlagen wird. Ansatzweise bei Noah, wo Gott, freilich mit bescheidenem Erfolg, den urgeschichtlichen Spülknopf drückt (und fortan die Strategie eines Hardware-Reset verwirft; denn als später Jona, selbst nur durch ein Wunder dem Wasser entronnen, auf den finalen Schlag gegen Ninive spekuliert, verrät Gott zartfühlend, dass ihm sogar die Tiere dort leid tun).

Wichtiger dann beim Auszug der Israeliten aus Ägypten und beim Einzug ins verheißene Land. Und nachdem dieses Kapitel 587 zu Ende ist, als die Verbannten trauernd an den Strömen Babels sitzen (Ps 137,1), hat Ezechiel schließlich die Vision eines neuen Paradiesflusses, der aus dem Tempel strömt: Ein Umbruch deutet sich an, der neue und dauerhafte Kontinuität verheißt.

Beides dürfte in der Taufe des Johannes eine Rolle spielen: Die Erwartung des nahen Umbruchs, wenn Gottes Herrschaft in der Welt anbricht, und der Horizont der neuen Schöpfung, in der alle lebensfeindlichen Kräfte überwunden sind.

Wiedergeboren werden “aus Wasser” bedeutet, so betrachtet, in diesen Fluss des Lebens einzutauchen und sich von ihm kontinuierlich in die Weite tragen zu lassen. Und zugleich wird es uns geschenkt, ein Leben in eben jenem Umbruch von der alten zur neuen Welt zu führen, der im Tod und der Auferstehung Jesu eingesetzt hat. Von alter Schwere und Trägheit befreit hineinzuleben in eine Welt, die bunter und schöner und vielfältiger sein wird, als sie es heute ist.

Bibel, Spiritualität, Taufe, Wasser
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Spiritualität
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Die NeoApokalyptiker

Peter | 21. Jan 2012

Jörg Lau zitiert in diesem Blogpost über den Konservativismus US-republikanischen Zuschnitts einen interessanten Beitrag von Mark Lilla aus der New York Times. Lilla unterscheidet dort zwei Formen von konservativ-reaktionärem Verhalten auf Umbrüche in Kultur und Gesellschaft, die man als revolutionär und bedrohlich empfindet: Da gib es restaurative Reaktionäre, die das Rad der Geschichte zurückdrehen möchten, und “redemptive reactionaries”, die die neue Ordnung über den Haufen werfen möchten. Sie wollten das Rad weder vor noch zurück drehen, sondern sprengen:

Ever since the French Revolution reactionaries have seen themselves working toward counterrevolutions that would destroy the present state of affairs and transport the nation, or the faith, or the entire human race to some new Golden Age that would redeem aspects of the past without returning there.

IN den USA findet derzeit eine Verschiebung vom restaurativem Konservativismus hin zu einem apokalyptischen Konservativismus statt, sagt Lilla. Viele Neokonservative waren frustrierte “Liberale”, denen aufging, dass so mancher Traum der politischen Linken (oder was in den USA als links gilt) sich in der Realität nicht einlösen ließ.

Sometime in the Eighties, though, neoconservative thinking took on a darker hue. The big question was no longer how to adapt liberal aspirations to the limits of politics, but how to undo the cultural revolution of the Sixties that, in their eyes, had destabilized the family, popularized drug use, made pornography widely available, and encouraged public incivility. In other words, how to undo history.

Heutige konservative Agitatoren wie Glenn Beck sind die Erben dieser Tradition, die ihr Land von Besatzern um jeden Preis “zurückerobern” wollen. Praktisch läuft das auch nichts weniger hinaus als den Selbstmord des kräftig dämonisierten Staates, an dessen Stelle (erst) dann etwas Besseres treten kann:

During the 2010 congressional election campaign, Republican candidates (and some Democrats) were put under enormous pressure to sign the Americans for Tax Reform “Taxpayer Protection Pledge,” which obliges them to oppose any increase in the marginal personal or corporate tax rate, and any limits on deductions or tax credits that aren’t offset by other tax cuts. To date, all but six Republican representatives and seven senators have signed this collective suicide note, making the group’s president, Grover Norquist, nearly as successful as Reverend Jim Jones. That’s how the apocalyptic mind works, though. It convinces people that if they bring everything down around them, a phoenix will inevitably be born.

Das Gefährliche ist, dass diese Leute gar kein anderes Ziel mehr beschreiben können als die Destruktion all jeder Verhältnisse, die ihnen ein Dorn im konservativen Auge sind. Und das trifft, wie Lilla zeigt, fast auf die gesamte Kandidatenriege der Republikaner zu.

Während Lau dann den Bogen nach Ägypten und in den Iran schlägt, fand ich die Parallele von den “Neocons” zur Kritik von David Fitch an der neoreformierten Bewegung und ihrem Exponenten Mark Driscoll (via Jason Clark) spannend, der in jüngster Zeit in Großbritannien mit einem kontroversen Interview auf sich aufmerksam gemacht hat.

Fitch analysiert Driscolls Positionen und Reaktionen und beschreibt ihn dann nicht als den Repräsentanten eines neuen Christentums im säkularen Umfeld, für den seine Mitstreiter und Anhänger ihn halten (und er selbst sich auch), sondern als den konservativen Insolvenzverwalter einer dahinschwindenden Gestalt von Kirche, die im Blick auf die spät- und postmoderne Gesellschaft nicht sprach- und anschlussfähig ist.

Symptomatisch dafür sind Driscolls stures und strikt exklusives Beharren auf traditionellen Sühnetheorien, sein hierarchisches Verständnis von Macht und Autorität (zumal im Verhältnis der Geschlechter) und einem Verständnis von Kirche und Gemeinde, in dem sich letztlich doch alles um den Pastor und seine Predigten dreht.

Kurz zurück zu Lilla: Keineswegs nur zwischen den Zeilen wird bei Driscoll spürbar, welche Aggressionen das liberale Feindbild auslöst. Genug Apokalyptik steckt in seinem Bibelverständnis sowieso. Und in einer Welt außerhalb von Seattle, wo seine Strategie (derzeit noch) aufgeht, etwa im postchristlichen Europa, teilt er zornig oder irritiert aus. Statt überholte Positionen in Frage zu stellen, werden sie um so martialischer verfochten.

Miroslav Volf zitiert in Exclusion and Embrace einen Satz von Giles Deleuze – es geht um Modernismuskritik mit biblischen Bezügen. Deleuze wird, sagt Volf, dem Neuen Testament damit nicht gerecht. Vielleicht jedoch jener Apokalyptik, die den “Himmel” als jene Art totalitärer Theokratie ausmalt, die viele eher an sein Gegenteil erinnert:

Die Modernität der Apokalypse liegt nicht in den Katastrophen, die sie ankündigt, sondern in der programmierten Selbstverklärung, der glanzvollen Errichtung des neuen Jerusalem, in der wahnsinnigen Konstruktion einer endgültigen Herrschaft von Recht und Moral… Ohne es zu wollen überzeugt uns die Apokalypse davon, dass nicht der Antichrist das Schlimmste ist, sondern die neue Stadt, die vom Himmel herabkommt, die heilige Stadt.

Habe ich die Assoziationskette überstrapaziert? Zumindest so viel lässt sich vielleicht festhalten: Gerade der erbitterte Widerstand gegen einen vermutlich liberalen Zeitgeist könnte selbst mehr vom Zeitgeist bedingt sein, als die jeweiligen Protagonisten gern glauben möchten. Rein theoretisch, versteht sich…

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(post)moderne Zeiten
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Frischer Zahlensalat

Peter | 20. Jan 2012

kommt aus England auf den Tisch: Die Anglikanische Kirche meldet aktuell 1.000 sogenannte fresh expressions, nochmal 1.000 existieren bei den Methodisten, die in dieser Frage Kooperationspartner sind:

The first ever statistical analysis of the Fresh Expressions movement has concluded that there are at least 1,000 CofE fresh expressions of church or new congregations across the country. These aim to provide new forms of church which are different in ethos and style from the church which planted them because they are designed to reach a different group of people than those already attending the original church. The emphasis is on planting something which is appropriate to its context rather than cloning something which works elsewhere.

Around 30,000 people attend fresh expressions each month who don’t attend traditional regular services, equating to an average of around 40 people per participating parish exploring new forms of church – the statistical equivalent of an additional diocese. These 30,000 are included in the average weekly and monthly statistics. Almost all dioceses have reported fresh expressions or new congregations with over half of these initiatives aimed at families with young children.

Diesen 30.000 Teilnehmenden an nichttraditionellen Gottesdiensten stellt die CofE die Gesamtzahl von 923.700 Gottesdienstbesuchern gegenüber, die allerdings rückläufig ist.

201201201158.jpg

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Kirche und Zukunft
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Am Anfang war der Gesang

Peter | 19. Jan 2012

Tolkien könnte mit seinem Kunstmythos, dass die Welt aus dem Gesang der Ainur entstand. gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt gewesen sein, zumindest nicht von der Art, wie Menschen ihre gemeinsame Welt erschaffen. Iain McGilchrist hat gute Argumente dafür gefunden, dass vor der Sprache die Musik, vor der Rede der Gesang war.

Man schätzt, dass Sprache als Symbolsystem im heutigen Sinne mit Silben, Wörtern und Grammatik etwa 40.000 bis 80.000 Jahre alt ist, so alt sind die ältesten Bilder und Skulpturen, die man ausgegraben hat und die auf demselben Prinzip der Repräsentation beruhen. Wesentlich älter muss das Vermögen von Menschen sein, komplexe Laute zu erzeugen, indem die Stimmbänder moduliert und die Atmung auf die komplexen Erfordernisse längerer Lautsequenzen eingestellt wurde. Bei den Vorfahren des Homo Sapiens jedenfalls waren die Nervenkanäle zum Brustkorb und Kehlkopf deutlich größer als die heutiger Primaten. Daher gelingt es trotz vieler Versuche nicht, Affen das Sprechen beizubringen, während Vögel singen und zum Teil menschliche Stimmen imitieren können, und Wale und Delphine auch für unsere Verhältnisse “musikalisch” kommunizieren.

Das Ganze spiegelt sich in der Entwicklung des einzelnen wider. Kinder können singen, bevor sie sprechen: Sie modulieren Töne, imitieren und verstehen Rhythmen und Phrasierungen – und sie kommunizieren darüber. Während wir mit Worten über irgendetwas reden können, spricht Musik uns an. Und Sprache ohne Tonalität, wie die Blechstimmen von Navigationsgeräten, ist ein merkwürdig beschränktes Medium. Bei schriftlicher Kommunikation schließlich ist noch mehr Sorgfalt nötig, um den richtigen “Ton” zu treffen. Anders gesagt: Prosodie kann viele “semantische Ambiguitäten” auflösen. In jedem Fall ist sie körpernäher und gehört zu den 90% menschlicher Kommunikation, die nicht aus Worten bestehen. Es spricht wohl auch Etliches dafür, dass Poesie – gesungene Dichtung in der Regel – älter ist als Prosa. Schließlich kann man auch noch mit vielen Worten viel besser lügen und täuschen als mit Gesten, Mimik und Intonation.

Von da aus weiter gedacht: Ein wort- und vernunftlastiges (und weitgehend körperloses) Christentum, wie es unter Protestanten die Norm ist, tut vielleicht gut daran, den Wert von Musik und Gesang nicht nur zur ästhetischen Umrahmung theologischer Aussagen, sondern als eigene und sinnvolle Form der Kommunikation neu zu entdecken (das geschieht ja auch an vielen Stellen). Die Lieder (Taize macht das gut vor, einige Lobpreislieder ganz passabel nach) brauchen auch nicht immer unglaublich bedeutungsschwangere Texte zu haben. Wobei ich als Textfreak hinzufügen würde: doof müssen sie deshalb auch nicht sein. Aber das resultiert ja eher aus einem Hang zu geschwätzigen Plattitüden und unbesehenem Gebrauch von vorgestanzten Textbausteinen.

Das Ganze wirft auch ein interessantes Licht auf die oft irritiert wirkenden Kommentare, mit denen das Thema Glossolalie in der kirchlich-theologischen Literatur normalerweise abgefertigt wird. Denn auch dort geht es neben dem Reden in einer Art unverständlichen “Babysprache” (als “ganzheitlichem Sprachgeschehen”) häufig um das Singen. Das liefert vielleicht keine “verwertbaren” Aussagen über Gott, aber es spricht Menschen immer wieder tief an.

In Frage steht auch die moderne Unterscheidung zwischen Musikproduzenten und -konsumenten, die sich ebenfalls bis in die Kirchen hinein etabliert hat. Mehr oder weniger professionelle Solisten und Ensembles “bieten” den tendenziell passiven Gottesdienstbesuchern einen Ohrenschmaus (oder berieseln einzelne als Konserve), während in vielen ursprünglichen Kulturen alle gemeinsam singen und tanzen, und das nicht nur zu einigen wenigen Anlässen, sondern bei allem, was das Leben ausmacht. McGilchrist spricht von einer integralen und integrativen Rolle der Musik in diesen Gesellschaften.

Spiritualität
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Die infiltrierte Normalität

Peter | 17. Jan 2012

Arundhati Roy schreibt in einem Gastbeitrag für die Financial Times über die Lage in Indien, wo trotz stolzen Wirtschaftswachstums nur ganz wenige profitieren und die Ungleichheit weiter zunimmt:

Die 100 reichsten der 1,2 Milliarden Einwohner vereinigen Vermögenswerte auf sich, die einem Viertel des BIPs entsprechen.

… Die 300 Millionen von uns, die zur neuen Mittelschicht gehören, die in Indien nach den Reformen entstanden ist, leben Seite an Seite mit den Geistern der 250.000 schuldengeplagten Bauern, die sich selbst umgebracht haben, und mit den 800 Millionen, die in die Armut getrieben und enteignet wurden, um Platz für uns zu machen. Und die mit weniger als 50 Cent pro Tag überleben müssen.

… Nach zwei Jahrzehnten derartiger “Reformen” und einem phänomenalen Wachstum, das aber ohne weitere Arbeitsplätze vonstattengegangen ist, leben in Indien mehr unterernährte Kinder als irgendwo sonst auf der Welt. In acht indischen Bundesstaaten gibt es mehr Arme als in 26 Ländern Schwarzafrikas zusammen.

Dabei haben die Konzerne und ihre Lenker nicht nur die Demokratie ausgehöhlt, sondern inzwischen auch noch den Protest unterwandert und pervertiert:

Konzerne haben ihrerseits clevere Methoden für den Umgang mit Kritik gefunden. Einen winzigen Bruchteil ihrer Gewinne verwenden sie darauf, Krankenhäuser zu betreiben, Bildungseinrichtungen und Stiftungen, die wiederum Nichtregierungsorganisationen, Akademiker, Journalisten, Künstler, Literaturfestivals und sogar Protestbewegungen finanzieren. Das ist ein Weg, um Meinungsmacher in den eigenen Einflussbereich zu locken. Die Normalität wird infiltriert, die Gewöhnlichkeit kolonialisiert, sodass Kritik daran so abstrus (oder esoterisch) erscheint, als stelle man die “Realität” selbst infrage.

… Den wichtigsten Kampagnenbetreibern gelang es, die Aufmerksamkeit von gewaltigen Korruptionsskandalen in den Unternehmen wegzulenken und die öffentliche Politikerschelte für die gegenteilige Forderung zu nutzen: den Spielraum der Regierung weiter einzuengen, mehr Reformen durchzuführen und mehr Staatsbesitz zu privatisieren.

Klar scheint, dass es mit dem Kapitalismus in Indien nicht mehr lange so weitergehen wird. Unklar ist, wann und wo sich der Protest mit der nötigen Kraft den richtigen Themen und auch Gegenspielern zuwendet, statt sich kaufen und umleiten zu lassen. Arundhati Roy scheint jedenfalls die Hoffnung auf einen Wandel noch nicht begraben zu haben, ebensowenig wie die Opposition in Syrien, die mit einem verlustreichen Zermürbungskrieg gegen das Regime rechnet. Was tut Deutschland, was tun wir – was können wir überhaupt tun?

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(post)moderne Zeiten
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Geschickte Arbeitsteilung

Peter | 16. Jan 2012

Heute stieß ich bei Miroslav Volf auf diesen interessanten Gedanken, der gleich einige Assoziationen weckte:

In einer Welt, deren Ordnung auf Gewalt beruht, greifen wir instinktiv nach dem auferstandenen Messias, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist (Matthäus 28,20). Nun ist es nicht so, dass wir für den Gekreuzigten keine Verwendung fänden. Wir bestehen nur auf einer klaren Arbeitsteilung zwischen dem Gekreuzigten und dem Auferstandenen. Der gekreuzigte Messias ist gut für die innere Welt unserer Seelen, die von Schuld und Verlassensein gequält werden. Er ist der Heiland, der an unserer statt stirbt, um unsere Sünden wegzunehmen und unser Gewissen zu befreien; er ist der Mitleidende, der uns die Hand hält, wenn wir das Tal der Tränen durchschreiten. Aber für die äußere Welt unseres körperlichen Daseins, wo Interessen kollidieren und eine Macht mit der anderen das Schwert kreuzt, haben wir das Gefühl, dass wir eine andere Art von Messias brauchen – „den König der Könige und Herrn der Herren“, der unseren Willen unbeugsam macht, unsere Arme stark, unsere Schwerter scharf. Das Bild vom hilflosen Messias, der am Kreuz hängt, wird vom siegreichen Reiter auf dem weißen Pferd überlagert, dessen Augen „wie eine Feuerflamme“ und dessen „Gewand in Blut getränkt“ ist, der kommt, „um die Kelter des Weines, des rächenden Zornes Gottes, des Herrschers über die ganze Schöpfung“ zu treten (Offenbarung 19,11-17). Wir werden an den Gekreuzigten glauben, aber wir wollen mit den weißen Reiter marschieren.

Christologie, Miroslav Volf
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Theologie
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Narrative Theologie

Peter | 13. Jan 2012

Ich schreibe gerade als Co-Autor an einem kleinen Buch über die große Frage “Was ist das Evangelium?” Es sind ja sehr unterschiedliche Versionen im Umlauf und damit stellt sich sogleich die Frage, wie sich unsere heutigen “Evangelien” zur Verkündigung Jesu vom nahen Reich Gottes und zur Botschaft der Apostel verhalten.

Nun stellt sich damit auch die Frage, was noch notwendige Elementarisierungen und was schon fahrlässige Verkürzungen der guten Nachricht sind, und ob sie dabei noch eine gute Nachricht bleibt. Und es stellt sich nicht nur die Frage nach dem “was”, von dem da die Rede ist sondern auch nach dem “wie” – wie es angemessen zur Sprache gebracht werden kann und wie nicht (ein gutes Beispiel der – trotz Bibelzitaten – quasi kontextfreien Totalpropositionierung sind zum Beispiel die “Vier geistlichen Gesetze“).

Roger E. Olson hat einen griffigen kleinen Post zum Thema “Narrative Theologie” geschrieben, den ich in diesem Zusammenhang sehr hilfreich finde. Ein paar Kerngedanken greife ich kurz heraus.

  • Narrative Theologie gibt der Geschichte Gottes mit seinem Volk, die sich im biblischen Kanon niederschlägt, die zeitliche und sachliche Priorität gegenüber Propositionen, also eher abstrakten dogmatischen (oder ethischen) Lehrsätzen.
  • Lehrsätze können aus dem narrativen Kontext dieses großen Dramas nicht gelöst werden, ohne dabei miss- oder unverständlich zu werden. Ob eine Proposition sachlich angemessen ist, muss immer von der Erzählung her beurteilt werden.
  • Diese Geschichte kann nicht in Lehrsätze überführt werden, sondern sie muss gemeinschaftlich gelebt und weitergeführt werden, Olson spricht von einer “Improvisation” der weiteren Geschichte.

Ich würde hinzufügen, dass wir diese Geschichte sicher unvollkommen auffassen und verinnerlichen, dass sie auch bei strikt analytischer Betrachtung in eine Vielzahl von Texten und Teilhandlungen zerfällt, uns aber doch immer wieder trotz aller Inhomogenität als ein “Ganzes” berührt und anspricht. Und so lange es ein lebendiger Umgang mit Gottes Story ist, werden wir immer wieder an den Punkt kommen, wo wir (zunächst oft ohne es im Detail rechtfertigen zu können) intuitive Schlüsse daraus ziehen und genial improvisieren, oder auch spüren, dass irgendetwas einfach nicht richtig ins Muster der Gesamtstruktur passt, selbst wenn man den Fehler in der Herleitung bestimmter Aussagen über Gott noch nicht gefunden hat. George Lindbeck hat das als die Intuition von Heiligen bezeichnet.

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Angst

Peter | 12. Jan 2012

Zwischen den Jahren habe ich “Angst” von Robert Harris gelesen, einen temporeichen Thriller über Alex Hoffmann, den Entwickler eines computergestützten Hedgefonds, in dessen Milliardärsvilla am Ufer des Genfer Sees sich merkwürdige Dinge ereignen. Als Hoffmann versucht, herauszufinden, wer genau sein Leben(swerk) da zerstören will oder ob er sich alles nur einbildet, gerät er in einen Kampf auf Leben und Tod.

Mehr zum Plot kann man nicht verraten, ohne schon zu viel gesagt zu haben. Harris hat sich von Fachleuten beraten lassen, und ich hatte gehofft, dass das Buch noch etwas mehr Enthüllungscharakter im Blick auf die Finanzindustrie an den Tag legen würde, aber dann dominiert doch die Lust am Aufbau einer Kulisse, die bei längerem Nachdenken nicht hundertprozentig überzeugt.

Zum Glück! Was bleibt, ist das beunruhigende Gefühl, dass das ganze System extrem anfällig ist und auch ohne Ereignisse, wie sie Harris hier mit blühender Phantasie schildert, Entwicklungen jederzeit so schnell aus dem Ruder laufen könnten, dass der Schaden gewaltig wäre.

Fazit: Spannende Unterhaltung, trotz immer wieder eingestreuter Bildungsschnipsel aus wissenschaftlichen Werken von Charles Darwin und anderen aber nur begrenzt lehrreich – und im Blick auf die aktuelle Krise eher der Versuch, von den herrschenden Sorgen zu profitieren, als konstruktiv darauf zu antworten.

Finanzkrise, Hedgefonds
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Auf-Gelesen
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Höllenretter

Peter | 11. Jan 2012

Rob Bells schönes kleines Buch Love Wins hat ein neues Genre hervorgebracht: Etliche Autoren fühlen sich bemüßigt, die Existenz der Hölle nachzuweisen und erheben sie damit zum normativen Glaubensgegenstand. Auch das verkauft sich gut in einem bestimmten Segment der Christenheit. Jüngst hat etwa Gerth Medien “Hölle Light” von Francis Chan und Preston Sprinkle veröffentlicht.

Der Untertitel verrät schon den Anspruch von Chan und Sprinkle auf unwiderlegbare Aussagen: “Was Gott über die Hölle sagt, und was wir daraus gemacht haben”. Das Vorwort verrät dann, dass es um Gottes Charakter geht. Genauer: Seine Souveränität. Er darf machen, was er will. Menschen steht kein Urteil darüber zu. Man ahnt schon, wie es vermutlich weitergeht: Nur wer sich in einer Art geistlichen Stockholm-Syndrom dem undurchschaubaren und unbestechlichen Urteil dieses übermächtigen Gegenübers bedingungslos unterwirft, hat Aussichten auf gute Behandlung.

So ganz wird man den Verdacht nicht los, dass mit dem “wir” im Untertitel die Autoren gar nicht von sich reden, sondern von denjenigen, deren Meinung ihnen missfällt – was Bell aus der Hölle gemacht hat zum Beispiel. Daher wird auch gleich klargestellt, dass es nicht etwa einen Konflikt um eine sinnvolle und sachgemäße Interpretation der Bibel geht, der am Ende vielleicht unterschiedliche Standpunkte denkbar erscheinen ließe, sondern darum, dass hier jemand ganz genau und definitiv sagen kann, was Gott sagt und was nicht.

Kaum eine Frage, dass bei diesen Prämissen die Höllenrettung gelingen wird und sich mancher Leser beruhigt zurücklehnen kann, weil seine vom Hauch des Zweifels leicht zerzauste Welt nun wieder in streng symmetrischer Ordnung ist. Wer kein Geld ausgeben und etwas Interessantes zu dem Thema lesen möchte, kann diesen anregenden Blogpost von Andrew Perriman lesen, in dem er sich mit Tim Kellers Thesen zu eben jenem heißen Thema beschäftigt.

Andrew Perriman, Hölle, Rob Bell
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Entschlossen Auftreten

Peter | 10. Jan 2012

In Lukas 10,19 steht ein steiler, kämpferischer Satz Jesu an seine Jünger, an dem ich neulich hängen geblieben bin:

Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können.

Angesichts der Tatsache, dass die Jünger barfuß unterwegs waren, hat die Aussage erst einmal auch eine ganz wörtliche Komponente. Sie stimmt aber auch darauf ein, dass neben dem Interesse und Desinteresse, von dem bis dahin die Rede war, auch heftiger Widerstand zu erwarten ist.

Selbst wenn das Evangelium barfuß und unbewaffnet daherkommt, ist es eine Botschaft, die an bestehenden Machtverhältnissen rüttelt und deren Legitimität in Frage stellt. Und wenn plötzlich ganz einfache Landmenschen davon reden, dass Gottes Reich unter ihnen Fuß gefasst hat, dann kann es auch mit der Untertanenmentalität schnell zu Ende gehen. Aber es geht noch weiter, es geht insgesamt um Ohnmachtserfahrungen, die zerstörerisch wirken, sagt Michael Welker in seiner Interpretation des Begriffs “dämonisch”:

Dämonisches Wirken führt Situationen herbei, in denen wir uns zu völliger Hilflosigkeit verdammt sehen, wo Geduld nichts nützt und die Zeit nichts heilt. Beschwichtigungs- und Ermutigungsfloskeln bleiben uns im Halse stecken. Ohnmachtsempfinden, Apathie und Ausbrüche von Angst und Verzweiflung wechseln einander ab. Durch dämonische Mächte werden Situationen herbeigeführt, die wir im Rückblick “hoffnungslos” oder “tragisch” nennen, die wir erleichtert durch den Tod abgelöst sehen oder die wir verdrängen, weil es unerträglich ist, in der Gegenwart des Grauens und der Grausamkeit zu leben. (M. Welker, Gottes Geist, S.204)

So gesehen kann man im Treten auf “Schlangen und Skorpione” keine Anleitung für hemdsärmlig-fromme Ghostbusters, sondern eher so etwas wie Zivilcourage erkennen: Klar gehört dazu auch, klug wie Schlangen und ohne Falsch wie Tauben zu sein, aber auch unerschrocken gegenüber den ausgesprochenen (und unausgesprochenen) Drohungen, und unbefangen, wenn mal wieder der Eindruck vorherrscht, gegen irgendein Übel sei halt kein Kraut gewachsen. Ob das nun die Suche nach Frieden und Versöhnung zwischen zerstrittenen Konfliktparteien ist, ob es um kollektive Betriebsblindheiten geht, überbordende Gier oder zynische Machtspielchen – wer an das nahe Reich Gottes glaubt, muss sich mit dem Status Quo nicht schweigend arrangieren. Er darf – sollte! – entschlossen auftreten, egal welches Gift ihm unter die Füße kommt.

(PS: Am Ende heißt es: “Nichts wird euch schaden können”. Wie auch immer das zu verstehen ist, leider bedeutet es offenbar nicht, dass Christen garantiert nichts zustößt, wie aktuell der Blick nach Afrika wieder deutlich macht)

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Verliebt in Theorien

Peter | 08. Jan 2012

Iain McGilchrist berichtet in seinem Buch The Master and His Emissary von einem Experiment, bei dem die Probanden vorhersagen mussten, ob ihnen als nächstes Rot oder Grün gezeigt wird. Sie absolvierten den Test mit mehr oder weniger Erfolg, dann aber wurde ihnen (ohne dass sie es wussten) immer die Farbe gezeigt, die sie genannt hatten – sensationelle hundert Prozent Trefferquote stellten sich ein.

Als man die Teilnehmer danach interviewte, konnte ein großer Teil auch ganz genau erklären, wie es dazu gekommen war. Sie hatten komplizierte Theorien zur Abfolge der Farben und Methodik ihrer makellosen Vorhersage entwickelt. Das Problem war nur: sie waren alle falsch. Es gibt in uns einen starken Drang, zu gewinnen und Recht zu haben. So nützlich dieser hin und wieder ist, so fatal kann er in anderen Situationen sein. Er “rettet” uns aus Ambivalenz und Unsicherheit, indem er illusionäre und riskante “Gewissheiten” und eine über-optimistische Selbsteinschätzung produziert und alle Absurditäten, Widersprüche und Gefahren dieses Standpunktes abblendet, also zu Realitätsverlust führt.

So lange sich das auf banale Dinge bezieht, kann es ja ganz lustig sein. Wenn es aber dazu führt, dass wir fatale politische Entscheidungen treffen (oder versäumen, wie bei den internationalen Klimakonferenzen), dass zwanghaft ideologische Systeme entstehen oder krankmachende Dogmen (passende Beispiele darf hier jeder selbst einfügen), dann wird es schon unheimlicher. Man muss also auch bei Theorien und Weltbildern (selbst wenn sie “biblisch” sind…) dem Rat das Paulus aus 1.Kor 7,29f. folgen, sie zu “haben, als hätte man nicht.”

 

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