Kürzlich rief ich bei einer Hotline an. Die Systemstimme teilte mir mit, ich sei Anrufer Nr. 13, und etwa 20 Sekunden später war ich dann auch schon auf 12. Ich hatte etwa 20 Minuten Zeit und dachte, wenn es in dem Takt weitergeht, ist alles in 5 Minuten vorbei. Also blieb ich in der Leitung.

Es ging zunächst gut weiter, die erste Durststrecke kam auf Position acht, dann auf sechs, dann auf vier. Schließlich hatte ich noch 5 Minuten und befand mich auf 2. Na gut, es wird schon noch, dachte ich, und wartete.

Und wartete.

Und wartete.

Eine halbe Minute, bevor ich gehen musste, legte ich entnervt auf. Und als ich mich auf den Weg zu meinem nächsten Termin machte, verstand ich, wie das System funktioniert. Je weiter vorn in der Reihe, desto länger die Wartezeit. Auf zwei sind die Anrufer besonders geduldig, schließlich sind sie kurz vor dem Ziel.

Dass es weiter hinten überhaupt vorangeht, liegt an Leuten wie mir, die auf Platz zwei die Geduld verlieren (oder denen die Zeit ausgeht) und die deshalb irgendwann auflegen.

Ich werde vermutlich nie erfahren, ob damals überhaupt jemand zu sprechen gewesen wäre.

A Challenging Sky

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Tomas Halik hat sich viele Gedanken gemacht über das Christentum in einer postoptimistischen Welt. Optimisten haben es derzeit schwer wie schon lange nicht mehr. Aber Halik ist auch kein Pessimist, obwohl die Apokalyptiker auf allen Seiten gerade wieder Hochkonjunktur haben. In diesen Sätzen bringt er recht deutlich auf den Punkt, warum er da nicht mitmacht:

Der Pessimist nimmt die Verderbnis der Welt wahr, kämpft jedoch nicht und verhandelt auch nicht mit Gott, wie beispielsweise Abraham über die Rettung der Einwohner des sündigen Sodom. Und wenn Sodom brennt, wenn die verdorbene Welt zu Grunde zu gehen droht, so wie es der Pessimist immer voraussagte und erwartete, erwehrt er sich nicht des Blicks der Genugtuung auf dieses Werk der Rache und des Untergangs. Für diesen Blick zurück wird er jedoch mit der Erstarrung bestraft, ähnlich wie die Frau Lots.

Die Pessimisten sind im Augenblick der Katastrophen nicht das „Salz der Erde“, sie sind eher erstarrte „Salzsäulen“, Menschen zu Nichts. Der Optimist ist ein „Falschmünzer“, der Pessimist jedoch ist ein Hochverräter des Lebens, ein Deserteur vor dem Kampf.

In die gleiche Kerbe schlägt diese Woche Georg Seeslen in Der Freitag, wenn er in einem eindringlichen Beitrag dort schreibt:

Menschen, die nicht wissen, wie sie leben sollen, wünschen der Welt den Tod. Das ist der Kern von Amoklauf, Terror, Kontrollwahn oder, wenn wir Glück haben, von nur ein bisschen Paranoia. Das magische Narrativ vom Weltuntergang ist immer eine zweischneidige Angelegenheit. Gebildet aus Panik und Wollust, erzählt von Menschen, die sich in ihr rechtfertigen und, nun ja, erlösen wollen.

… Apokalypse ist, wenn die Menschen nicht mehr können und die Götter nicht mehr wollen.

Riding towards the sun...

Bild: Giampaolo Macorig via flickr.com/creative commons

Und er fügt hinzu:

Wenn wir uns fragen, warum sich aus den westlichen Gesellschaften so viele junge Menschen eifrig als Kanonenfutter, Propagandainstrumente, Selbstmordkandidaten und lebende Bomben für einen Krieg zur Verfügung stellen wollen, an dem nichts Heiliges ist, dann liegt womöglich auch hier die Antwort: Äußeres Subjekt eines Weltuntergangs werden, den irgendetwas vorher im Inneren angerichtet hat.

Ob Lähmung oder Amoklauf - Nutznießer des apokalyptischen Narrativs mit seinem schroffen "Alles oder Nichts" sind die Kräfte, die kritisches Denken zum Zwecke der Machterhaltung oder des Profits ausschalten möchten, um freie Hand zu bekommen in einer Welt der Alternativlosigkeiten:

Das apokalyptische Gefühl ist selber zum Herrschaftsinstrument umfunktioniert. Als wäre nichts anderes mehr möglich als die Wahl zwischen „weiter so“ und „sowieso zu spät“, zwischen dem rasenden Stillstand des Turbokapitalismus und der mörderischen Regression der apokalyptischen Terrorkrieger. Die Bilder der Welt im Untergang lähmen den Wunsch, sie zu verändern. Und die Unfähigkeit, sie zu verändern, erzeugt den audiovisuellen Dauerrausch der Apokalypse. Aus dieser Falle muss sich das kritische Denken befreien.

Das ist in gewisser Hinsicht die Umkehrung des ursprünglichen Sinnes der jüdisch-christlichen Apokalyptik. Prof. Jörg Frey aus Zürich hat diesen kürzlich so beschrieben:

Apokalyptik entwickelt eine eine poetische ‚Gegenwelt’ zu der Welt, die Menschen tagtäglich erleben: Bilder von der Überwindung des Bösen und von der Heraufführung der Heilszeit, Bilder von der Auflösung der schmerzlich erfahrenen Dualitäten, die Vergewisserung und Identitätsstärkung in der jeweiligen Gegenwart bedeuten. Die Rezeption dieser apokalyptischen Traditionen lässt vermuten, dass diese Form der Wirklichkeitsdeutung und -bewältigung in verschiedenen Kreisen als orientierungsstiftend und tragkräftig erfahren wurde. […] Die apokalyptischen Texte sind somit auch ein Zeugnis der Durchhaltekraft eines Glaubens, der sich auch in Unrecht und Bedrückung, Fremdherrschaft und Martyrium erhalten hat.

Postoptimisten müssen keine Pessimisten werden. Und man kann die apokalyptischen Texte der Bibel auch gegen das lähmende und/oder todessehnsüchtige apokalyptische Gefühl der Gegenwart lesen und auslegen. Zum Ende des Kirchenjahres und im Advent bieten sich wieder gute Gelegenheiten. Nutzen wir sie doch und reden voll Hoffnung von einem Gott, der nicht zu denen gehört, die nicht mehr wollen oder können.

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Eigentlich hatte ich keine Lust, etwas über Mark Driscoll zu schreiben, selbst als sich in den letzten Wochen die Aufregung um seine Person erheblich zuspitzte. Mir wäre nichts Neues eingefallen, und dass ich seine theologische Position, seine Ausdrucksweise und seine eigentümliche Interpretation von „Männlichkeit" für indiskutabel halte, habe ich hier mehrfach zu Protokoll gegeben. Driscoll war für mich in den letzten Jahren der Luis Suarez der Rechtsevangelikalen und Neoreformierten.

Heute kam nun die Nachricht von seinem Rücktritt. Auch die war nach dem ganzen Vorlauf keine große Überraschung. Aufschlussreich und äußerst nachdenkenswert fand ich die letzten Sätze in dem Bericht von Sarah Pulliam Bailey auf RNS, alles O-Töne des langjährigen Aushängeschilds von Mars Hill und Acts 29. Da geht es nicht um die Dinge, die ich schon immer kritikwürdig fand. Es wird das Selbstverständnis eines Menschen und seines Umfeldes deutlich: Der absurde Kult um Größe, Wachstum, Konkurrenz, Gewinnen und Erfolg, der so wunderbar in den Mainstream der US-Kultur passt und doch so völlig unvereinbar mit dem Evangelium ist. In Driscolls Worten:

“I’m a guy who is highly competitive. Every year, I want the church to grow. I want my knowledge to grow. I want my influence to grow. I want our staff to grow. I want our church plants to grow. I want everything — because I want to win.”

Driscoll conceded that he wouldn’t be content with remaining the same. “That’s my own little idol and it works well in a church because no one would ever yell at you for being a Christian who produces results. So I found the perfect place to hide,” he said.

“And I was thinking about it this week. What if the church stopped growing? What if we shrunk? What if everything fell apart? What if half the staff left? Would I still worship Jesus or would I be a total despairing mess? I don’t know. By God’s grace, I won’t have to find out, but you never know.”

Über Kampf und Konkurrenz als tödliche Krankheit unserer Gesellschaften schrieb diese Woche George Monbiot im Guardian: "The war of every man against every man – competition and individualism, in other words – is the religion of our time, justified by a mythology of lone rangers, sole traders, self-starters, self-made men and women, going it alone." Und dieser (Driscoll sagt es ja selbst!) Götze, dem eine ganze Bewegung huldigte, hat ihn nun im Stich gelassen. Früh genug, um sich umorientieren zu können und einen anderen Weg einzuschlagen, auf dem man die Ellenbogen angelegt und das Beißen bleiben lassen kann. Nun, wo er dieses Biotop, in dem er der geworden ist, der er ist, verloren hat, könnte er durch Gottes Gnade entdecken, wovon er durch diese schmerzhafte Trennung erlöst wurde und wozu ihn das befreit.

Und in all dem könnte er den Jesus, um den es ihm immer ging und den er doch nur so verzerrt kennen gelernt hatte, vielleicht noch einmal neu sehen lernen. Die wirkliche Gnade ist nicht, dass er es nicht herausfinden muss, sondern dass er es nun endlich herausfinden darf.

Ich wünsche es aber auch allen anderen, die Mark Driscoll gewähren ließen – weil er Erfolg und "Ergebnisse" brachte, weil er Machtphantasien bediente, weil er die Illusion ermöglichte, christliche Gegenkultur könne sich mit dem kruden Weltbild und der mehr als nur unterschwelligen Aggression der Rednecks und Teaparty-Konservativen erfolgreich verbünden zu einem coolen Mix – dass sie ihn nicht zum Problembär und Einzelfall mit (fraglos) schwierigem Charakter abstempeln und sich die Hände in Unschuld waschen, sonst wiederholt sich dieses Drama womöglich nur mit neuer Besetzung. Driscolls Schreiben, mit dem er seinen Rückzug ankündigt, lässt ahnen, dass er lieber früher als später zurückkommen möchte. Aber das wäre unklug.

Um es in bewusster Abwandlung des berüchtigten John-Piper-Tweets („Farewell, Rob Bell“) zu sagen: Come back, Mark Driscoll, aber bitte lass dir und der Gnade auch genug Zeit dabei.

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Das Relevant Magazine hielt die abstrus anmutende Nachricht für relevant, dass eine Bikergang aus den Niederlanden sich freiwillig für den Kampf gegen IS gemeldet hat – und dass die Regierung das irgendwie billigt oder duldet. (Danke für den Tipp, Phil Mertens!)

Vielleicht schließen sich Hell's Angels und Bandidos der Truppe ja noch an (und versöhnen sich bei der Gelegenheit noch)? Dann wäre wir nicht mehr weit weg von den Kreuzzügen (freilich, und das ist die einzig gute Nachricht in dem ganzen Schlamassel, ohne Kreuz – Totenschädel sind da sicher das angemessenere Symbol).

Bikers

Bild: Roey Ahram via flickr/creative commons

Aber so haben die Kreuzzüge ja begonnen: Eine Schreckensmeldung aus dem Osten (damals: die Niederlage der nicht eben populären Byzantiner gegen die muslimischen Seldschuken) traf auf eine Gesellschaft im Westen, die ein massives Gewaltproblem hatte. Damals betraf das die fränkischen Ritter, die sich nur zu gern gegenseitig an die Gurgel gingen. Die „Lösung" lag darin, das eine Problem mit den anderen buchstäblich zu erschlagen. Das bedrohliche Gewaltpotenzial im Inneren wurde auf einen äußeren Feind umgelenkt, der es einem auch noch ganz leicht machte, alle diesbezüglichen Skrupel über Bord zu werfen.

Nur Zyniker kämen freilich auf die Idee, dass der eine oder andere Minister den Bikern, die in Syrien fallen, keine Träne nachweinen würde. Den Rittern damals winkte die Verheißung des Ablasses für die Sünden, die sie vor dem Kreuzzug begangen hatten. Über Amnestie-Deals mit der niederländischen Justiz ist nichts bekannt.

Wenn es über 900 Jahre später einen Fortschritt gibt, dann vielleicht ja den, dass die Kirchen sich aus solch zweifelhaften Aktionen heraushalten.

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Ein paar Eindrücke von der Reise nach Iona habe ich hier ja schon geschildert. Inzwischen ist bei Calvendo auch ein Kalender online mit Bildern, die in dieser Woche auf diesem besonderen Fleckchen Erde entstanden sind.

Wenn Ihr mögt, klickt Euch durch die Bilder, und wenn Sie Euch gefallen, lasst es mich wissen und/oder schreibt eine kleine Bewertung oder eine Kundenrezension auf amazon, da kann man ihn auch besichtigen und bestellen.

Wenn Ihr weitere Iona-Begeisterte kennt, empfehlt den Kalender gerne weiter oder verschenkt ihn an sie. Bekanntlich steht Weihnachten ja bald wieder vor der Tür… :-) Von A5 bis A2 ist alles möglich.

Und falls Ihr Freunde jenseits des Kanals habt, könnt Ihr hier das Ganze auch auf Englisch mit englischem Kalendarium bekommen.

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(Wer es noch nicht gelesen hat: Teil 1 und Teil 2)

Wait

Wie geht es weiter? Vielleicht so:

Sie zieht zurück in die gemeinsame Wohnung und richtet sie, so gut es geht, wieder her. Und dann wartet sie auf seine Rückkehr. Immer wieder schickt er Nachrichten. Das hält ihre Hoffnung am Leben, aber es ist eine angespannte Hoffnung. Wenn er sie wirklich so liebt, wie er schreibt, warum dauert das denn alles so lange?

Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, steht er plötzlich vor der Tür. Sie hat Mühe, ihn zu erkennen nach der langen Zeit, und weil er so ärmlich gekleidet daherkommt. Die Wohnung steht immer noch unter Beobachtung. Immer wieder geht er weg, um sich mit Leuten zu treffen, und dann kommt er wieder zurück. Sie würde ihn am liebsten nicht mehr gehen lassen, aber sie weiß, dass sie das nicht verlangen kann.

Wie befürchtet kommt schließlich der Tag, als die Polizei die Wohnung durchsucht und ihn mitnimmt. Er wird im Schnellverfahren verhaftet und kurz darauf kommt die Nachricht von seinem Tod. Insider munkeln, er sei an den Folgen von Folter gestorben. Das Begräbnis findet in aller Stille statt. Nur ihre besten Freundinnen sind dabei.

Geheimdienst und Innenministerium sind zufrieden, dass die Gefahr vorbei ist. Nun können sie sich anderen Dingen zuwenden.

Aber dann gibt es ein paar merkwürdige Besuche und neue Botschaften. Das Gerücht geht um, dass er lebt und die Revolution wieder in vollem Gange ist. In aller Stille besucht er sie und verschwindet ebenso plötzlich, wie er gekommen war. Aber lange genug, dass sie glauben kann, das war keine Halluzination. Allmählich gehen bei ihr die seltsamsten Menschen aus und ein. Fremde werden zu Freunden, Zyniker und Resignierte wagen wieder, auf die große Wende zu hoffen.

Manche von ihnen sind ihm irgendwo begegnet und finden nun zu ihr. Andere kommen ins Haus und haben das Gefühl, dass er unsichtbar da ist - irgendwie „Dazwischen“, wenn sie am Tisch sitzen und erzählen, wenn sie sich erinnern und von der Zukunft träumen, wenn sie immer wieder seine Sprüche zitieren

Zwischen all diesen Menschen.

Zwischen Traurigkeit und Vorfreude.

Zwischen all den kleinen Anfängen und den großen Herausforderungen.

Diese Liebesgeschichte ist noch nicht zu Ende. Aber wenn das, was aussah, wie das absolute, totale Ende, nicht das Ende war, dann ist das Ende so, wie es dieser Brief beschrieben hatte: Eher fallen die Berge und Hügel in sich zusammen, als dass er sie vergisst oder verlässt.

Wo kommen wir vor in dieser Geschichte?

Einmal persönlich: Die meisten erleben bei sich selbst wechselhafte Gefühle und gemischte Motive, nicht nur im Blick auf andere Menschen, sondern auch auf Gott. Und wir erleben Zeiten der Funkstille, des Wartens und Zweifelns, der unerfüllten Sehnsucht, in denen sich scheinbar gar nichts tut.

Es berührt uns aber auch gemeinschaftlich: All die „verlassenen“, von anderen (und womöglich auch sich selbst) abgeschriebenen Kirchen und Gemeinden, denen kaum noch jemand etwas zutraut und von denen niemand etwas erwartet, die als Konkursmasse gelten.

Leben im Exil und im Warten heißt, dass wir ganz ehrlich werden können im Blick auf uns selbst. Und dann erreicht uns – nicht immer so schnell, wie wir uns das vielleicht wünschen – neue Hoffnung, dass wir nicht allein und gottverlassen sind, auch wenn alle Umstände genau das zu sagen scheinen. In Jesus ist Gott selbst ein von allen Verlassener geworden, damit sich niemand mehr verlassen fühlen muss. Und selbst wenn wir uns so fühlen, dann war das nicht das letzte Wort und dann ist das nicht das Ende.

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Ganz nüchtern lasen wir heute im Epheserbrief davon, dass man einander in der Kirche (wie auch in der Familie) manchmal halt einfach ertragen muss. Das ist eine schlichte und doch tiefe Lebensweisheit. Vielleicht hat sie etwas mit dem Älterwerden zu tun, bestimmt aber mit einer gewissen Reife.

Unreifere Beziehungskonzepte kennen nur den Modus der Euphorie oder der Krise, scheint mir. Ist die Euphorie weg, hält man das schon für den Anfang vom Ende (und wenn man das glaubt, ist es auch oft so). Wenn aber das Verfliegen der Euphorie schon die Krise ist, dann ist die Versuchung hoch (zumal wenn alle anderen ähnlich ängstlich sind), dieses Abflauen möglichst lange zu kaschieren oder zu leugnen. Oft so lange, bis der Frust am Ende so abgrundtief ist, dass man gleich alles hinschmeißt.

Aber wir sind einfach nicht so gestrickt, dass wir ständig auf der höchsten Erregungsstufe laufen können. Von daher ist es befreiend, wenn man sich eingesteht, dass wahre und echte Liebe manchmal auch „nur" bedeutet, sich und den anderen auszuhalten (N.B.: ersteres kann noch schwerer sein. Der große Philosoph Brian Adams dichtete vor Ewigkeiten schon: If you wanna leave me, can I come, too? ).

Das „Ertragen“ ist also kein Zerfallsprodukt der Liebe (das verbitterte Aushalten schon eher), sondern es ist eine ganz authentische Äußerung wahrer Liebe.

Zwischen Euphorie und Panik, Intimität und Irritation liegt ein weites, fruchtbares Land.

Dear God, You Rock - Amen.

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Als Spiegel-Online Leser habe ich diese Woche zwei Meldungen aufmerksam verfolgt:

Wolfgang Schäuble grenzt sich scharf gegen die AfD ab und macht aus seiner herzlichen Abneigung gegen das Programm und den Politikstil der Rechtspopulisten keinen Hehl: Sie sind „eine Schande für Deutschland“.

Xavier Naidoo zeigt sich am Nationalfeiertag in Berlin angeblich „privat“, aber dann eben doch ganz öffentlich, auf Veranstaltungen stramm rechter Gruppen (der „Reichsdeutschen“) und nennt Jesus als Vorbild dafür, denn der – so gibt SPON das sinngemäß wieder – habe sich ja auch von niemandem distanziert.

Wirklich nicht?

Es gibt ja auch im bunten Chor des Christentums ausgesprochen grenzwertige Stimmen. Muss ich "im Namen der Liebe" also gute Miene zu deren Spiel machen (das wünschen sie sich natürlich, obwohl sie selbst oft mächtig holzen gegen andere), oder sollte ich lieber Schäubles Ansatz wählen und sagen, dass ich manche Positionen äußerst unsympathisch finde und auf gar keinen Fall mit denen in einen Topf geworfen werden möchte, die sie vertreten?

Muss ich, um es konkret zu machen, Xavier Naidoo verteidigen, weil er Christ ist? Oder sollte ich lieber hoffen und beten, dass er aus der Kritik lernt, die er jetzt zu hören bekommt? Und dass meine christlichen Bekannten, die (warum auch immer) die AfD super finden, merken, dass das weder für Deutschland noch für die Christenheit ein Ruhmesblatt ist?

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(Wer Teil 1 noch nicht gelesen hat, bitte erst hier klicken)

Schließlich kommt er doch – der Tag, an dem er nach langem Zögern beschließt, seine Frau zu verlassen. Er packt seine Sachen und verlässt das Haus. Von einem Tag auf den anderen ist er nicht mehr erreichbar. Für sie bricht eine Welt zusammen. Als wäre das nicht genug, gerät sie auch noch ins Visier der Geheimdienste. Ihr verschwundener Mann, munkelt man, habe Kontakte zu Staatsfeinden unterhalten.

forget about the sunshine when it's gone
Bild: Meg Wills via flickr.com

Gleichzeitig beginnt der soziale Abstieg: Sie muss das Haus verlassen und in ein Zimmer zur Untermiete ziehen. Die Menschen in diesem Teil der Stadt sind ihr fremd, die wenigsten sprechen ihre Sprache, sie fühlt sich einsam. Arbeit zu finden ist nicht einfach, es bleiben nur schlechte Jobs. Frühere Freundinnen gehen ihr aus dem Weg, ihre Nachbarinnen tuscheln hinter ihrem Rücken. Männer behandeln sie zunehmend respektlos.

Alles, was sie an ihm auszusetzen hatte, wirkt plötzlich hoffnungslos kleinkariert. Warum beginnt man das, was man hatte, so oft erst dann zu schätzen, wenn man es verliert? Vom guten Leben ist sie weiter weg als je zuvor. Und das schlimmste ist, dass sie immer deutlicher sieht, wie sie selbst ohne Not alle Türen zu einer Versöhnung zugeschlagen hatte.Sie braucht noch eine ganze Weile, bis sie sich fängt. Aber dann weiß sie, dass sie sich nicht gehen lassen will. Sie will die Scherben aufsammeln und ihr Leben in den Griff bekommen.

Eines Abends besucht sie ein Freund ihres Mannes. Er hat eine Nachricht dabei. Die erste seit Jahren. Sie beginnt erst zögernd zu lesen, aber dann ist sie auf ganzer Linie überrascht vom Inhalt: Kein Vorwurf, keine Klage. Stattdessen die Erinnerung an das Kennenlernen, an die ersten Jahre, als sie ein Herz und eine Seele waren, und das Bekenntnis, dass er das nie vergessen wird. Er spricht davon, dass zwischen ihnen alles wieder gut wird.

Sie kann es nicht fassen. Sie legt die Brief weg und schaut eine Weile aus dem Fenster hinaus in die Dunkelheit. Dann dreht sie sich um, nimmt den Brief wieder zur Hand und liest noch einmal. Kein Zweifel, das ist seine Handschrift. Und auch Art, sich auszudrücken erkennt sie sofort wieder. Bei allen Unterschieden zwischen ihnen beiden, bei allen Überraschungen, die er ihr zugemutet hatte im Lauf der Jahre, allen Enttäuschungen, weil Dinge sich nicht nach ihren Vorstellungen entwickelt hatten, allem Frust und Streit – sie konnte sich immer auf sein Wort verlassen.

Und doch ist er ein anderer geworden. So wie sie selbst eine andere geworden ist. Kann jetzt wirklich alles gut werden zwischen ihnen beiden? Wir haben diesen Brief. Hier ist der Wortlaut:

Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, aber weil ich dich von Herzen liebe, hole ich dich wieder heim. Als der Zorn in mir aufstieg, habe ich mich für einen Augenblick von dir abgewandt. Aber nun will ich dir für immer gut sein. Das sage ich, der Herr, der dich befreit. Zur Zeit Noachs schwor ich: ‘Nie mehr soll das Wasser die Erde überfluten!’ So schwöre ich jetzt: ‘Nie mehr werde ich zornig auf dich sein und nie mehr dir drohen! Berge mögen von ihrer Stelle weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig.’ Das sage ich, der Herr, der dich liebt.

Wie die Geschichte weitergeht? Dazu in Kürze mehr.

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Dies ist eine wahre Geschichte über Freude und Schmerz und wie nahe beides beisammen liegen kann. Sie handelt von einem kreativen Self-Made-Man. Er hatte, quasi aus dem Nichts, ein florierendes StartUp in der Biotechnik-Branche auf die Beine gestellt – und sich damit eigentlich für den Olymp der Reichen und Schönen qualifiziert. Doch in deren Gesellschaft fand er niemanden, der zu ihm gepasst hätte. Sie kamen alle zu selbstverliebt daher und neigten dazu, andere zu benutzen und von oben herab zu behandeln. Und weil er jemand war, der Ungerechtigkeit nur ganz schwer ertragen konnte, machte ihm diese Mentalität schwer zu schaffen.

Die Firma lief gut und stabil genug, dass er es sich leisten konnte, allein und weitgehend inkognito durch die Welt zu reisen. Er verließ die Welt der Villenviertel und tauchte ab als Wanderer, nur einem Rucksack unterwegs. Und so traf er schließlich in einem Flüchtlingslager in Afrika eine junge Frau. Sie wirkte rebellisch und leidenschaftlich, wenn es um Gerechtigkeit ging, mit einem ungeheuren Freiheitsdrang und vor allem voller waghalsiger Träume.

Untitled
Foto: marie-II via flickr.com (creative commons 2.0)

"Ist sie das alles wirklich", fragte er sich anfangs, "oder sehe ich das nur in ihr, weil es mir selbst so wichtig ist?" Er musste es herausfinden. Vielleicht war sie ja auch ein bisschen von beidem? Also verriet er ihr bei den ersten Begegnungen nur zögerlich, wer er war. Er wollte nicht, dass sie in ihm nur das Ticket in ein besseres Leben sah.

Umgekehrt stellte er fest: Sie stammte aus bescheidenen Verhältnissen und wusste, wie es sich anfühlt, wenn man keine Lobby und keine Rechte hat, wenn man unterdrückt und ausgenutzt wird. Sie war gewiss keine Heilige, aber sie gehörte zu exakt den Menschen, um die es ihm mehr als um alles andere ging. Dort in Afrika fingen sie an, gemeinsam von einer besseren Welt zu träumen, in der Menschen nicht unter die Räder des Sicherheitsapparats, der Konzerne oder der Hassprediger und ihrer Anhänge kommen.

Schließlich verhalf er ihr zur Flucht vor dem autoritären Regime, indem er ihr einen Pass besorgte, mit dem sie ausreisen konnte. Fast wäre sie an der Grenze noch gestoppt worden, aber es funktionierte dann doch noch alles. Sie verbringen ein paar Wochen allein in den Bergen und beschließen in dieser Zeit zu heiraten. Dann nimmt er sie mit zu sich nach Hause.

Vermutlich hatten sie sich das beide einfacher vorgestellt: Er muss sie immer wieder gegen den Spott der etablierten Nachbarn in Schutz nehmen, die sie wegen ihrer einfachen Herkunft verachten. Und es macht ihm Sorgen, dass sie immer weniger miteinander reden. Manchmal scheint ihm, sie ist ganz zufrieden damit, dass ihre Welt nun eine bessere ist. Gelegentlich sagt oder tut sie Dinge, die sie so oberflächlich erscheinen lassen wie die anderen Frauen, mit denen er sich ein gemeinsames Leben nie vorstellen konnte.

Wenn er wieder über seinen Traum von einer gerechten Welt für alle spricht, ist sie nicht mehr so aufmerksam und interessiert wie früher. Manchmal hat er das Gefühl, dass sie ihn belächelt. Ist das noch die Frau, in die er sich verliebt hat? Und kann er noch auf sie zählen?

Er stellt sie zur Rede. Sie weicht ihm immer wieder aus. Manchmal wirft sie ihm vor, er liebe sie nicht genug. Anderen Frauen ginge es besser. Seinetwegen sei sie eine Außenseiterin in der High Society. Er stecke viel zu viel von ihrem gemeinsamen Vermögen in seine sinnlosen Weltverbesserungsprojekte. Andere Male ist sie zerknirscht und sagt unter Tränen, dass sie sich ändern werde. Aber die guten Vorsätze halten nicht lange.

Mit der Zeit spürt er immer deutlicher, dass sie sich selbst nicht leiden kann. Sie sucht Trost in Luxusartikeln, behandelt die Angestellten im Haus schlecht und beneidet die Nachbarn, bei denen angeblich alles besser ist. Hat sie ihn wirklich jemals geliebt? Ist sie in diesem inneren Zustand dazu überhaupt fähig? Auch wenn er ihr nie vorgehalten hat, dass sie von ihm abhängig ist, dass er ihr alles erst ermöglicht hat – nimmt sie ihm diese Ungleichheit insgeheim doch übel?

Er versucht ihr zu erklären, dass sie dabei ist, nicht nur sich zu zerstören, sondern auch diese Beziehung. Sie reagiert defensiv und zieht sich weiter zurück. Die Positionen verhärten. Er ahnt, dass er sie verlieren wird.

Fortsetzung folgt

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In manchen Kreisen, so mein Eindruck, gibt es zwar eifrige Lippenbekenntnisse zur Demokratie, aber insgeheim träumen nicht wenige immer noch von einer Monarchie; freilich mit einem idealen Regenten. Manche finden, auch die Kirche sollte besser möglichst undemokratisch funktionieren. Autoritäre Weltbilder stehen erstaunlich hoch im Kurs - ein schmaler Grat.

Natürlich wäre das Leben einfacher, wenn wir uns um den Staat und die Ordnung keine Gedanken machen müssten, sondern das in kompetente Hände legen könnten und dabei wüssten, dass dieser Monarch alles richtig macht, wenn er „durchregiert". Flüchtlinge, Terror, Klimawandel, TTIP, Jugendarbeitslosigkeit und Ebola würden uns keine schlaflosen Nächte mehr bereiten. Das ist im Grunde ein romantischer und nostalgischer, vor allem aber ein verzweifelter und letztlich verantwortungsloser Traum. Und die neuen Feudalherren sind nur zu gern bereit, diesen Wunsch zu erfüllen.

Neulich habe ich (wieder einmal, nach längerer Pause) ein eng verwandtes Statement gehört. Unter Bezug auf ein paar Bibelstellen ging es dort um das Verhältnis der Geschlechter und jemand machte sich stark für eine Rückorientierung am Patriarchat. Freilich wurde er nicht müde, die Last der Verantwortung und den Ernst der Aufgabe des Patriarchen herauszustellen, er schien aber durchaus der Überzeugung zu sein, dass die meisten Frauen sich nichts sehnlicher wünschen als einen solchen Gentleman als Retter, Vormund oder Schirmherr.

Wie schon Friedrich Rückert dichtete: "Wenn nur was käme und mich mitnähme!"

Mag sein, dass es solche Träume gibt. Die Motive dürften in diesen Fällen ähnlich gemischt sein wie bei den Royalisten. Vielleicht liegt die Sache aber in Wahrheit ganz anders, als es dem freundlichen Patriarchen schien. Das Zeitmagazin interviewte vor einer Weile den Paartherapeuten Ulrich Clement. Der vermutet, dass weibliche Unterwerfungsphantasien, die vor allem der feministischen Forschung Rätsel aufgaben, in Wirklichkeit verkappte Allmachtsphantasien sind. Kaum eine Frau will also wirklich zurück ins 19. Jahrhundert.

(Frage: Was passiert mit uns Männern, und was mit geistlichen Leiter_innen, wenn wir uns diesen Schuh anziehen und diesen Messiaskomplex aufhalsen?)

Aber Beziehungen auf Augenhöhe sind schwieriger als solche mit Gefälle, und Demokratien sind anspruchsvoller als autoritäre Formen von Regierung. Zum Glück haben Christen ja schon immer den schmalen, herausfordernden und risikoreichen Weg gewählt, nicht den breiten, anspruchslosen…

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Jesus spricht in Lukas 17 davon, dass man beim Reich Gottes nicht einfach sagen könne, es sei hier oder da. Dennoch ist es nahe, in Reichweite, am Kommen und im Wachsen begriffen. Für letzteres verwendet Jesus durchweg organische Bilder, insofern ist der Vergleich, den ich jetzt anstelle, etwas heikel. Trotzdem:

Seit etwa 20 Jahren gibt es das Internet. Auf die Frage, wo das Internet denn sei, kann man auch nicht einfach auf irgendetwas zeigen. Bildschirme, Router, Datenleitungen, Satelliten, Netzknotenpunkte, Inhalte, Nutzer, Protokolle, Software – alles gehört irgendwie dazu und nichts ist für sich genommen schon das Internet.

Internet, 5 minutes, $1.00Foto: Eris Stassi via flickr.com

„Das Internet“ ist ständig im Werden. Praktisch jede(r) kann sich anschließen lassen. Zwar nutzt nicht jede(r) das Internet, manche finden es zu teuer, zu gefährlich oder zu kompliziert. Aber das Internet hat im Laufe der relativ kurzen Zeit, seit es „nahe herbeigekommen“ ist, das Leben vieler Menschen und ganzer Gesellschaften verändert – mal etwas mehr, mal etwas weniger.

Natürlich ist das Reich Gottes nicht das Internet (ebenso wenig wie das Internet das Reich des Bösen ist, wie manche argwöhnen). Aber es gibt Analogien, die uns helfen können, besser zu verstehen, wie das mit dem Reich Gottes „funktioniert“. Man lernt zum Beispiel über das Internet Menschen kennen, denen man anders bei begegnet wäre. So ist es mit dem Reich Gottes auch.

day 185 - Internet!Foto: Rachel Titiriga via flickr.com

Das ließe sich jetzt bestimmt noch in verschiedene Details fortsetzen, und sicher werden manchen nun alle möglichen Aspekte einfallen, in denen der Vergleich mächtig hinkt. Schließlich hat das Internet keineswegs nur gute Seiten. Ich beschränke mich daher auf diese knappen Gedanken.

Kumbia en internet

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Ein Jahr lang sind wir in dieselbe Schule gegangen, ich in die fünfte und er in die zehnte Klasse. Als „Frischling" habe ich die Großen damals nur aus schüchterner Distanz bestaunt. Kennengelernt haben wir uns nun 39 Jahre später, als Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm am Samstag mit uns Gottesdienst feierte. Und das fand wieder in einer Schule statt.

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Den Talar ließ der Bischof im Koffer, zwei Bewegungslieder machten ihm keine Mühe und bei den Fürbitte-Gebeten in kleinen Gruppen saß er, ehe ich mich versah, mit drei Jugendlichen ganz vertieft auf dem Fußboden – keine Spur von Distanz oder Herablassung, die sogar bei einfachen Amtsträgern gelegentlich vorkommt. Da war ich dann einen heiligen Moment lang wirklich sprachlos.

In seiner Predigt über das Jesuswort vom alten Wein in der alten Schläuchen und dem neuen Wein in den neuen warb er für ein gutes Miteinander ohne Abwertung und Konkurrenz, und sprach auch die Probleme an, die entstehen, wenn alt und neu zusammentreffen. Da konnte ich gut mit, es deckt sich mit meinen Erfahrungen. Und es passt wunderbar zum Konzept der Mixed Economy, das die Anglikaner und ihre Partner bei den Fresh Expressions betonen (in Norddeutschland ist daraus ein Mischwald geworden). Darüber haben wir im Anschluss auch noch kurz gesprochen, im strukturkonservativen Bayern stecken solche Überlegungen bislang in den Kinderschuhen.

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Denn wenn wir heute nicht darüber nachdenken, wie wir den neuen Wein lesen und lagern (gestern bin ich durch Iphofen geradelt, da ist der neue Wein gerade in aller Munde und bringt Menschen ziemlich in Bewegung), dann haben wir irgendwann keinen reifen, alten Wein mehr (und – auch wenn Jesus es nicht ausdrücklich erwähnt, es steckt ja im Bild –manchmal liegt auch ein reifer Wein schon länger im Keller, als ihm gut tut).

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Drei Themen haben mich aus dieser Begegnung mit dem Landesbischof besonders bewegt: Er redet erstens mit Begeisterung. Der Geist Gottes spielt für ihn eine wichtige Rolle - im Leben der einzelnen und der Gemeinden. Wir haben auch kurz darüber gesprochen, welchen Stellenwert der Heilige Geist in der aktuellen ökumenischen Missionstheologie spielt. Unsere Jugendlichen schließlich fragten nach seinem Lieblingsvers aus der Bibel und er antwortete mit 2.Kor 3,17: Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.

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Aus dieser Freiheit des Geistes wächst der – im besten Sinne „missionarische" – Impuls, auf andere zuzugehen, mit ihnen die Schätze des Glaubens zu teilen, für das Leben mit den menschenfreundlichen Gott zu werben. Aus Freude, und nicht etwa aus Höllenangst und Pflichtgefühl, oder wie es Fulbert Steffensky einmal sagte: „Mission heißt zeigen, was man liebt." In der Predigt vom Samstag kam das schön zum Ausdruck und mischt sich mit dem dritten Impuls, Menschen mit weitem Herzen zu verbinden und das Denken in kleinen Karos, Konkurrenz und Konfrontation zu überwinden:

Es ist egal, ob ihr alte Schläuche nehmt oder neue Schläuche nehmt, aber lasst den Wein des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung durchfließen! Lasst ihn überfließen, dass alle davon kosten können! Lasst die Kleinen und die Großen davon kosten! Lasst die Armen und die Reichen davon schmecken! Lasst die Traurigen und die Frohen sich daran laben! Schickt niemanden weg, auch wenn er keine Ahnung hat, wie man den Schlauch anfasst! Und: bleibt beieinander! Gönnt euch einander! Wachst über euch hinaus und geht in die Welt und seid Salz der Erde!

Alle Rückmeldungen, die ich in den letzten Tagen bekommen habe, zeugen davon, dass diese Botschaft große Zustimmung findet, und dass diese Vision einer Kirche, die Gott und der Welt aktiv zugewandt ist, für ganz viele anschlussfähig ist.

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Am Freitag hat die Heute-Show Teilnehmer am „Marsch für das Leben“ in Berlin ein bisschen auf die Schippe genommen. Ich fand die Interviews von Lutz van der Horst wie immer schlagfertig und witzig, aber eben nicht fies. In der Diskussion im Internet meldeten sich dennoch, wie so oft, empörte Stimmen zu Wort.

Die Standardphrase in solchen Diskussionen lautet: „Gott lässt sich nicht spotten“. Mit dem Bibelzitat verbinden sich meistens Erwartungen, dass Blasphemie wieder sanktioniert werden muss und untrügliche Symptome dafür, dass die Vertreter dieses Standpunktes zwar für sich selbst gern uneingeschränkte Religionsfreiheit in Anspruch nehmen, im Namen derselben jedoch Meinungs- und Pressefreiheit liebend gern einschränken würden. Pluralismus ist für sie ausschließlich negativ konnotiert. Da dürfen Meinungen geäußert werden, die nicht in das eigene dogmatische Raster passen.

Nimmt man die Bibel dagegen wirklich ernst, dann lässt Gott sich sehr wohl verspotten. Nachzulesen in der Passionsgeschichte. Und dann vergibt er denen auch noch, die ihn verspottet haben, lange bevor die überhaupt auf die Idee kommen, um Vergebung nachzusuchen.

Erstaunlich ist, dass Gott nicht nur bei Spott und Frotzeleien ein Auge zudrückt, sondern anscheinend auch bei Humorlosigkeit. Was dies betrifft, teile ich persönlich seinen Standpunkt allerdings noch nicht mit letzter Überzeugung.

Marsch für das Leben 2013 – What the Fuck?

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So ein Arbeitstag bringt gewisse Wechselbäder mit sich. Heute morgen sprach ich mit der theologischen Referentin einer großen Kirche über eine noch relativ junge charismatische Gruppierung in ihrem Zuständigkeitsbereich, die ihr einige Sorgen bereitet. Die Kritik konnte ich mühelos nachvollziehen. Sie sprach davon, dass dort eine Radikalität und enorme Intensität zur Norm erhoben wird, die keinen Raum mehr dafür lässt, dass sich die Art zu glauben und das Engagement im Laufe eines Lebens verändert und entwickelt. Stattdessen wird jedes Nachlassen des religiösen Eifers und jedes Abweichen von der „klaren“ Linie mit Schuldgefühlen belegt.

Genau das war der Grund, warum ich irgendwann anfing, mich als „Postcharismatiker“ zu bezeichnen. Mir wurde schmerzhaft bewusst, dass ich die ständig geforderte, vermeintlich „normale“ Betriebstemperatur auf Dauer nicht halten kann, ohne daran innerlich kaputt zu gehen und andere kaputt zu machen. Der Weg zu dieser Einsicht hat aber ein paar Jahre gedauert, und vielleicht findet die betreffende Gruppe ihn ja auch noch irgendwann und muss dann andere Formen und Erfahrungen nicht mehr abschätzig bewerten.

Das andere Gespräch betrifft das gleiche Frömmigkeitsspektrum, aber eine gegenläufige Entwicklung. Ein Pfingstpastor erzählte von seinen Kontakten zur ACK, den manchmal schwierigen Diskussionen im eigenen Lager wegen so mancher Berührungsängste und Vorurteile, aber vor allem von seiner Begeisterung über die Aufnahme dort und die Impulse, die sich im Miteinander entwickeln. Das finde ich immens spannend. Der Ökumene in Deutschland kann das nur gut tun, wenn die Pfingstbewegung dort eine Stimme hat, und für die Pfingstbewegung wird es auch ein Segen sein, wenn Gräben zugeschüttet und Distanz überbrückt wird.

Heute nachmittag dann die Trauerfeier für einen jungen Mann, der letzte Woche auf einer Radtour von einem PKW über den Haufen gefahren wurde. Gott und Kirche waren ihm und den meisten Freunden weitgehend fremd geblieben, und nur ein Teil der Trauergäste konnte oder mochte das Vaterunser mitsprechen. Aber auch die gänzlich unfrommen Abschiedsworte hatten eine große Tiefe und in dem gemeinsamen Reden, Zuhören und Nachdenken entstanden in wenigen Augenblicken ganz tiefe Verbindungen. Jeder spürte die Echtheit des anderen in dem schweren Moment des Abschieds.

Wenn wir über Ökumene nachdenken, über Wachstum und Wandel des Glaubens, über das Problem von Engführungen, Übereifer und anmaßenden Abgrenzungen, dann mit dieser Perspektive des Nachmittags: Wie können wir in solchen Momenten und mit solchen Menschen die gute Nachricht angemessen verkörpern und in Worte fassen?

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