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Ein kostspieliges Ja

Peter | 04. Feb 2012

Brian McLaren schriebt in Naked Spirituality, dass Evangelikale den Wert des Commitment (Zusage, Bindung, Verpflichtung, Hingabe) schon immer verstanden haben. Man ist vielleicht von Geburt aus blond, oder deutsch, oder auch Linkshänder.

Die Beziehung zu Gott ähnelt jedoch mehr einer Ehe: sie erfordert ein bewusstes Ja – ein erstmaliges, das dann zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten bekräftigt werden möchte. Manche dieser Situationen und Augenblicke sind alles andere als einfach:

Am meisten zählt unser Ja, wenn wir ungerechte Behandlung statt Lob erfahren für unsere Mühen. Deshalb ist das Thema des Leidens für gute Taten so zentral in allen unseren spirituellen Traditionen.

Ja zu sagen zum Tun des Guten und dann ignoriert zu werden, Ja zu sagen zum Tun des Richtigen und dann missverstanden und kritisiert zu werden, Ja zu sagen zum Handeln aus Liebe und dann geschmäht und sogar gekreuzigt zu werden – das ist das Terrain, auf das wir eines Tages alle eingeladen werden.

Das ist das Ja des nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.

Spiritualität, Spiritualität
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Spiritualität
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Altes Lied, neue Strophen

Peter | 03. Feb 2012

Das Thema wird offenbar nie langweilig: Die Klage der Frauen über die Männer und die Klage der Männer über die Klage der Frauen. Der Feuilleton-Beitrag “Schmerzensmänner” von Nina Pauer in der Zeit hat zahlreiche Antworten erhalten, unter anderem von Ina Deter und Johan Korndner in der taz und Christoph Scheuermann vom Spiegel. Persönlich fand ich aber die Replik aus Pauers eigenen “Stall” am interessantesten. Sie stammt von Meli Kiyak, die zur Qual der Wahl im Zeitalter des totalen Konsums kritisch bemerkt:

In der Generation der 30- bis 40-Jährigen findet sich doch wirklich jeder, jede und alles, je nach Milieu, Bildung, Herkunft, Wohnort. Wer es nicht glaubt, schaue sich um. Es gibt Musikklubs, die nach Musikrichtungen unterteilt sind, es gibt Restaurants, die nur Knoblauchgerichte oder milchfreie Speisen anbieten, es gibt Boutiquen, die für schwangere Frauen ausgerichtet sind, und Kaufhäuser, die ausschließlich Geringverdiener im Blick haben, es gibt Spartenfernsehen, Spartenradio, Spartenbuchhandlungen, Spartenkontaktbörsen […]

Das Überangebot führt allerdings dazu, dass man mit seiner persönlichen Checkliste loszieht: »Wie soll er aussehen, passt er zu meinen Lebensmittelunverträglichkeiten und den Haustieren, wie viele Kinder und Ehefrauen darf er höchstens alimentieren? Wie präsentiert er sich bei Facebook, wie groß, wie dick ist er? Nein, nicht schon wieder einer mit Schuppenflechte, mit dem Letzten musste man auch schon auf gemeinsame Schaumbäder verzichten, und wenn man etwas liebt, dann Schaumbäder…« Allzu verständlich, dass der durch Überfluss verwöhnt Suchende seine Kriterien nicht ausgerechnet bei der Partnerwahl einschränken wird. Also macht man sich auf die Suche nach dem Richtigen, der zum richtigen Zeitpunkt alles richtig macht. Wenn Männer alles prima können, Geld verdienen, renovieren, sich um die Verhütung kümmern, Parfum benutzen, kann es nur noch an Details scheitern. Dann geht es nur um Melancholie, Ratlosigkeit, Nervosität und so. Wer Herrn Optimal und Fräulein Perfekt nicht findet, der schraubt nicht etwa seine Kriterien herunter, sondern verzweifelt gleich grundsätzlich. Wer so tickt, ist kein Mensch, sondern eine Suchmaschine.

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Männer, Frauen und Kinder
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Natürlich bereichert

Peter | 03. Feb 2012

Mit den hilfreichen Anregungen einiger Kommentatoren ausgestattet bin ich am Mittwoch beim Treffen der NGE-Berater in Fulda gewesen. Klaus Schönberg vom Paradies-Projekt und Stefan Lingott von Novavox waren ebenfalls mit Kurzreferaten am Start und Oliver Schippers moderierte das ganze souverän, locker und launig.

Im Vorfeld hatte ich mir ja noch über modernistische Aspekte im Naturverständnis Gedanken gemacht. In den Gesprächen und Begegnungen während dieses interaktiv gestalteten Tages bin ich einer bunten Vielfalt von sehr aufgeschlossenen Leuten begegnet, die so gar nicht an fertigen Konzepten zu kleben schienen, sondern sich bereitwillig und neugierig auf die verschiedenen Impulse einließen und engagiert mitdiskutierten. So engagiert und aufgeschlossen, wie ich es tatsächlich schon eine ganze Weile nicht erlebt habe.

Es ist ja nicht alltäglich, unter so vielen Menschen zu sein, die sich ernsthaft Gedanken über Zukunft und Veränderung manchen und dabei nicht in starren Schablonen, denken, sondern offene Fragen stellen, und die bereit sind, sich auf einen Weg zu machen, auch wenn die Route noch nicht vollständig berechnet ist. Das war hier der Fall, und zwar auf ziemlich hohem Niveau.

Eine neue Frage, die ich aus der Diskussion mitgenommen habe: Ist Matthäus 28,18-20 eigentlich die einzige (bzw. alles entscheidende) Formulierung des Auftrags der christlichen Kirche? Und wenn ja, ist sie dann vor allem so zu verstehen, dass es jedem einzelnen Christen aufgetragen ist, andere “zu Jüngern zu machen”, oder deutet die Plural-Formuiierung an, dass es sich hier um einen Mannschaftssport handelt?

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Erlebt
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Warten auf Volf (1)

Peter | 02. Feb 2012

Mit der Übersetzung von Miroslav Volfs Exclusion and Embrace bin ich nun (endlich!) fertig und warte gespannt auf den Termin der Veröffentlichung. Sobald der feststeht, werde ich ihn hier bekanntgeben. In der Zwischenzeit poste ich immer mal wieder ein Appetithäppchen: interessante Beobachtungen oder provokative Thesen, die Fragen aufwerfen. Ausdiskutieren können wir das alles, wenn jeder das Buch auf dem Tisch liegen hat. Aber man kann mit dem Nachdenken ja schon mal anfangen :)

Los geht’s mit einer These zu “biblischem Mann- und Frausein aus Kapitel IV:

Biblisches „Frausein“ und „Mannsein“ – wenn es so etwas überhaupt gibt, so verschieden wie die männlichen und weiblichen Charaktere und Rollen, auf die wir in der Bibel stoßen, nun einmal sind – sind keine göttlich sanktionierten Modelle, sondern kulturell verortete Beispiele; sie sind Schilderungen von Erfolg und Scheitern der Männer wie der Frauen, dem Anspruch Gottes auf Ihr Leben in einer konkreten Lage gerecht zu werden. Damit sage ich nicht, dass die biblischen Konstrukte dessen, was Männer und Frauen […] tun oder lassen sollten, falsch sind, sondern dass sie in einem anderen kulturellen Kontext von begrenztem normativem Wert sind, da sie notwendigerweise mit spezifischen kulturellen Annahmen über geschlechtliche Identität und Rollen befrachtet sind.

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Männer, Frauen und Kinder, Theologie
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Wie natürlich ist »natürlich«?

Peter | 31. Jan 2012

“Natürlich” ist ein recht dehnbarer Begriff, das wissen wir alle aus der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion. Ich bereite mich gerade auf ein Treffen mit natürlichen Gemeindeentwicklern vor und habe dazu die deutsche NGE Website betrachtet, um zu verstehen, in welchen Kontext hinein ich auf die Fragen aus dem letzten Post antworten soll.

Das “Natürliche” daran ist, dass die Metapher des Körpers verwendet wird. Nicht die des Leibes – den Unterschied habe ich letzte Woche hier beleuchtet. Und so kommt der Körper dort in Teile gegliedert und funktional aufgeschlüsselt daher. Ebenso könnte man auch jede Maschine beschreiben, oder einen Goldhamster, oder ein Krokodil: Muskeln, Blut, Herz, Augen, Hände (ok, hier ist das Krokodil im Nachteil). Auf die lebendige Einheit des ganzen – auf die gewachsene, unverwechselbare Persönlichkeit einzelner Gemeinden oder ganzer Kirchen – verweist zumindest die Startseite nicht.

Dazu passt ganz gut, dass unter den drei Charakteristika des Konzepts zwei Schlüsselbegriffe moderner Naturwissenschaft firmieren: “Prinzipienorientiert” und “empirisch”. Die Prinzipen – Descartes hätte seine helle Freude an dem Projekt – sind “unabhängig von Kultur und Theologie einer Gemeinde”. Anders gesagt: sie blenden jeglichen geschichtlich-sozialen Kontext aus und erheben einen universalen Geltungsanspruch. Und auch der dritte Oberbegriff, “trinitarisch”, erscheint funktional und farbcodiert. Ist das nur notwendige pädagogische Methodik oder hat sich hier das Virus eines anwendungsorientierten Reduktionismus ausgebreitet?

Die Sprache und Begrifflichkeit weist die NGE nun also doch als ein eminent kulturgebundenes Projekt aus – ein typisches Kind der Moderne. Wachstum erscheint weniger als Geheimnis oder gar Geschenk, seine Faktoren sind entschlüsselt und mit der richtigen Technik (das Bild von der “Minimumtonne” ist ja mechanistisches Denken par excellence) ist das dann auch zu beheben. Während bei Paulus die Pneumatologie, das Reden vom Heiligen Geist als gestaltender Kraft, der Ort ist, an dem die Gemeinde als “Leib” in den Blick kommt, werden hier die Leiter und Berater zu den Akteuren. Müsste man sie jedoch nicht, fragt der Postmoderne, eher als Teil des Problems beschreiben – nicht mehr als andere, aber eben auch nicht weniger?

Nun gut, es ist in der Botanik ja zweifellos so, dass es Zusammenhänge von Ursache und Wirkung gibt. Und freilich ist eine Gruppe von Menschen, eine Organisation (auch wenn viele das Wort scheuen und nur von “Organismus” reden wollen) eben doch etwas anderes als ein Pflänzchen. Aber passt dieses Verständnis von “natürlich”, das die Frage der Umwelt (sprich: Geschichte, Gesellschaft, Ort und Kultur) für mindestens zweitrangig, wenn nicht vernachlässigbar hält, nicht eher in ein Gewächshaus als in ein lebendiges, sich wandelndes Ökosystem unter freiem Himmel, zumal in Zeiten des nicht nur meteorologischen Klimawandels?

Also bin ich gespannt, was die NGE-Crew erzählt und ob der Eindruck, den die Website vermittelt, sich vielleicht auch wieder völlig relativiert, wenn man mit den Leuten intensiver redet.

Moderne, natürlich, Reduktionismus, Mechanistisches Denken
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(post)moderne Zeiten
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Die Kleinen sind die wahren Sünder

Peter | 30. Jan 2012

Elektroautos, berichtet die taz, tragen kaum zu einer Reduktion der Treibhausgase bei, so lange sich unser Strommix nicht parallel gravierend ändert. Wesentlich effektiver wäre es, wenn die Verbrennungsmotoren sparsamer würden. Prinzipiell wäre das kein Problem, die Autoindustrie müsste “nur” populäre Fehlentwicklungen wie Geländewagen einstellen. In Golfstaaten wie Niedersachsen gewiss eine Zumutung.

Dennoch: Die Tiguans, X3, Q5, Kugas und wie sie noch heißen, sind nicht nur ein Designverbrechen und Symbol des “Eskapismus” der Stadtbewohner, die sich die automobile Illusion von Freiheit und Weite in die Garage stellen, wie jüngst der Designer Paolo Tumminelli sagte, sondern auch ein massives Umweltproblem:

Wenn zehntausend Menschen statt einer dicken Limousine – etwa anstelle eines 7er BMW – einen dicken Porsche Cayenne kaufen, ist der Schaden für die Umwelt noch überschaubar. Anders ist das aber, wenn Millionen Menschen statt eines Golfs einen Tiguan anschaffen, dessen höhere CO2- und Verbrauchswerte in keinem Verhältnis zum Nutzungswert stehen. Relativ gesehen machen die großen weniger Sinn als die kleinen, doch absolut gesehen sind erstere die wahren Sünder.

Geländewagen
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Klima und Umwelt
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Fragen, die es in sich haben

Peter | 30. Jan 2012

Am Mittwoch soll ich in 30 Minuten die folgenden Fragen beantworten:

  • Vor welchen Herausforderungen steht die Gemeinde?
  • Welche Trends und Konzepte helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen? Helfen Trends und Konzepte?
  • Welche Werte geraten aktuell ins Blickfeld?
  • Wozu braucht es Gemeinde?

Eine halbe Stunde ist nicht so furchtbar viel Zeit. Ein paar Ideen habe ich natürlich auch schon. Trotzdem: Was müsste da auf jeden Fall vorkommen?

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emerging church
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Schamlos zerredet?

Peter | 29. Jan 2012

Im Verhältnis zur Musik ist alle Mittheilung durch Worte von schamloser Art; das Wort verdünnt und verdummt; das Wort entpersönlicht: das Wort macht das Ungemeine gemein.

Der Vielschreiber Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Herbst 1887

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Philosophisches
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Die Tricks der Bedenkenträger

Peter | 28. Jan 2012

Noch einmal zum Thema von vorgestern: In der Anleitung zum Unglücklichsein berichtet Paul Watzlawick vom Trick einer jüdischen Mutter. Sie schenkte ihrem Sohn zwei Pullis, einen grünen und einen gelben. Beim nächsten Treffen trug der Sohn den grünen. Die Mutter sah ihn an und sagte: “Schade, der gelbe hat dir also nicht gefallen?”

Wenn jemand eine neue Idee hat oder etwas Neues starten möchte, lassen ihn die Bedenkenträger gern in dieselbe Falle tappen. Die funktioniert in diesem Fall so:

“Du denkst also, dass das, was wir machen [oder wie wir es machen] schlecht [falsch, überholt, minderwertig] ist?”

“Äh nein, warum, ich wollte doch nur etwas Neues ausprobieren, es halt mal anders versuchen.”

“Wenn es nicht besser ist, warum sollten wir es dann machen?”

Schwupp – schon kann man wieder zur Tagesordnung übergehen, und alles wieder so machen, wie man es schon immer gemacht hat.

Es sei denn, jemand fragt sofort zurück, bevor die Falle zuschnappt, ob die Frage auf die Ansicht schließen lässt, dass der Status Quo schon das Ideal ist, oder ob der Fragesteller sagen möchte, dass es niemand besser machen kann als er. Denn in der Regel läuft genau diese Projektion ab: Wir machen es so, weil es nur so richtig ist. Wer etwas anderes will, denkt zwangsläufig, dass wir im Unrecht sind. Wenn jemand das Richtige für falsch erklären (d.h. etwas anders machen) darf, dann ist er eine Bedrohung. Es ist das öde Denkmuster von Konkurrenz und Ausschluss.

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Erlebt
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Warum “Leib” und “Körper” nicht dasselbe sind

Peter | 27. Jan 2012

Den Abschluss von inno2012 bildete am Mittwoch die Feier des Abendmahls. Die ganze Sache ist mir aus zwei Gründen noch etwas nachgegangen, und da sie zusammenhängen, komme ich hier darauf zurück: Das erste, was mir ganz unvermittelt aufstieß, waren die Einsetzungsworte in der Übersetzung von “das Buch”. Statt “Leib” heißt es dort “Körper”. Nun ist es zweifellos so, dass “Leib” im Deutschen allmählich antiquiert klingt, aber praktisch jeder versteht das Wort ja noch (etwa wenn ich jemanden anfahre, er soll “mir vom Leib bleiben”).

Warum ist das wichtig? Früher war es so, dass Leib sich auf den lebenden Menschen bezog und Körper tendenziell auf ein totes Objekt – in Physik und Geometrie gilt das ja nach wie vor. “Körper” ist technischer – wir können von “Körperfunktionen” reden, aber wir sagen nicht “Leibfunktionen” – der Leib ist etwas Ganzes, das wir nicht in Teilaspekte zerlegen. Rückt mir jemand auf den Leib, dann tritt er mir als Person zu nahe, die “Seele” oder das Selbst ist in dem Gesamtpaket gleich mitgedacht: der “Leib” ist ein “beseelter Körper”, und statt der stofflichen dominiert die sinnliche Seite.

Sollte uns diese Unterscheidung verloren gehen und “Körper” der einzige gebräuchliche Begriff werden, dann würde unsere Sprache – auch die gottesdienstliche Sprache – verarmen. Hier scheint es mir in der Bibelübersetzung voreilig und ohne Not aufgegeben und die Folge ist eine schlagartige Verflachung des Satzes. Flacher würde es ebenso, wenn wir in 1.Korinther 12 Leib durch “Körper” ersetzen: Der Objektcharakter würde stärker werden, die Sprache wird weiter verdinglicht und das, was eigentlich beim Abendmahl wie im Blick auf die Einheit der Gemeinde ausgesagt werden soll, nämlich das Ganze und Lebendige, das Sein in Beziehung, das im-Fluss-Sein und in-Bewegung-Sein, geht dabei immer mehr verloren. Die Metapher “Leib Christi” würde dann zum funktionalen Organigramm, das weniger einem lebendigen Organismus nachempfunden ist, sondern eher an eine Maschine erinnert. Die sprachliche “Modernisierung” führt hier zu einer inhaltlichen Banalisierung.

Ganz passend dazu fiel dann zweitens die “Austeilung” aus, die keine war: “Oblaten” (so die prosaische Ansage – der Begriff Hostie scheint unbekannt gewesen zu sein) und Saft in Plastikstamperln lagen auf Tischen aus: Eine Art “Take-Away-Abendmahl”, bei dem einem niemand mehr die Elemente mit einem Zuspruch reicht, sondern man sie sich selbst wortlos nimmt – und wieder derselbe Effekt: Das Ganze wird verdinglicht, alles ist schon säuberlich und steril portioniert, keine Berührung mit der Hand, dem Blick und der Stimme anderer mehr nötig. Die Teilnehmer machten das wett (oder versuchten es), indem sie sich in Gruppen zusammenstellten und nach dem Verzehr von Oblate und Saft gemeinsam beteten. Je nachdem werden sich viele an das Gebet auch gern erinnern. Aber ob das für die Begegnung mit dem lebendigen Christus in den merkwürdig leblosen Elementen auch gilt?

Ich habe eine Weile gezögert und bin dann nicht hingegangen, um mir etwas vom Tisch zu nehmen. Manch einer denkt jetzt bestimmt pragmatisch: Es gibt viele Wege, Abendmahl zu feiern, muss man da so pingelig und empfindlich sein? Ich war es und bin es bis auf Weiteres auch noch. Am Mittwoch Abend fiel mir wieder auf, wie viel tiefen Sinn die Worte – und sei es nur dieser eine, altbackene Begriff “Leib” – in sich tragen, und wie sehr das Teilen und Austeilen, das Geben und Empfangen dazu beitragen können, dass wir unseren so unglaublich selbstverständlichen modernen Individualismus, ja drohenden Solipsismus überwinden und uns als Teil eines Ganzen erkennen, dessen Mitte der Gekreuzigte und Auferstandene ist.

Das Verblüffende ist, wie man in manchen neuen Bewegungen gleichzeitig ganz viel von Beziehung und Gemeinschaft reden und das Ganze dann (ungewollt, denke ich) sprachlich-symbolisch komplett konterkarieren kann. Passiert uns das an anderen Stellen auch, ohne dass wir es merken?

Abendmahl, Leib, Körper, Das Buch, inno 2012
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Theologie
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Cooler Song

Peter | 26. Jan 2012

Ich weiß, Kontext ist alles, aber die erste Zeile dieses Liedes ließ erst einmal ganz ungewohnte Bilder in meinem Kopf ablaufen:

Komm, brich ein durch das Eis

Vielleicht klingt es im Sommer weniger riskant. Wobei, noch etwas weiter assoziiert, Gott als “Einbrecher” ja schon wieder ein eminent biblisches Motiv wäre :-)

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Peters Gedanken
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An den Karren fahren

Peter | 26. Jan 2012

Gestern endete inno2012 mit der Frage, wie versöhnt Innovatoren und “Bewahrer” sein können, wie viel Konflikt nötig und konstruktiv ist (das ob war nicht die Frage) und wie Schaden (den ja nicht einfach nur die einen verursachen und die anderen erleiden) vielleicht auch wieder repariert und geheilt werden kann.

Mich hat das an einen anderen Kongress vor vielen Jahren erinnert. Ich hatte dort auf einem ähnlichen Podium eine Aussage in Frage gestellt, die einer der Hauptreferenten (damals schon eine Vaterfigur mit Baritonstimme und wallend silbernem Haupthaar) gemacht hatte.

Nach der Veranstaltung kam einer der Organisatoren, ein schwäbischer Unternehmer, ziemlich aufgebracht auf mich zu und stauchte mich zusammen, weil ich dem Patriarchen “an den Karren gefahren” sei.

Ich ging beim Abschied also (obwohl ich meinen Kommentar immer noch richtig fand) auf den Patriarchen zu und erklärte zerknirscht, es habe mir völlig fern gelegen, ihm an den Karren zu fahren. Worauf der nur freundlich antwortete: “Du darfst mir jederzeit an den Karren fahren.”

Ich habe mich mehr als einmal daran erinnert, wenn ich anderen oder andere mir an den Karren gefahren sind. Gott sei Dank für solche Patriarchen…!

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Ikone mit Kratzern

Peter | 23. Jan 2012

Ein Bericht in der Zeit lässt die Theologenwelt aufhorchen: Otto Michel, bekannter Neutestamentler und Professor für Judaistik in Tübingen, war Mitglied der NSDAP und zweitweise auch in der SA, hatte das aber zeitlebens verschwiegen. Das wäre vielleicht kaum der Erwähnung wert, wenn Michel nicht nach dem Krieg das Image des Widerstandskämpfers gepflegt hätte und darüber auch seine guten Kontakte zu bekannten jüdischen Denkern.

Neben dieser “Lebenslüge” beleuchtet der Artikel auch den Einfluss der Nazis an der Uni in Tübingen und auch noch einmal die Rolle von Gerhard Kittel im dritten Reich. Michel hat sich nach 1945 von dem Antisemiten Kittel deutlich abgesetzt und sich für eine Rückkehr zum “jüdischen Denken” ausgesprochen, über die bis heute immer wieder diskutiert wird. Unter anderem wirkte Michel, der aus einem “erwecklichen” Hintergrund stammte, auch an der Gründung des Bengelhauses in Tübingen mit.

Otto Michel
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Wasser und Geist

Peter | 22. Jan 2012

Im Gottesdienst heute hatten wir zwei Taufen und ich wurde wieder an Johannes 3 erinnert, wo Jesus vom neugeboren werden aus Wasser und Geist spricht. Dass der Geist für uns nicht zu fassen ist, verdeutlicht der folgende Vergleich mit dem Wind. Wasser wirkt etwas konkreter, aber wie ist das wohl gemeint?

Vielleicht kommt man dem so auf die Spur: Das Wasser Leben spendet, daran erinnert schon die Überlieferung, dass im Garten Eden vier Flüsse entspringen. Flüsse verbinden Menschen: Sie sind Wasserwege, auf denen Menschen reisen, Güter transportiert werden, an deren Ufern Landwirtschaft betrieben wird. Manchmal sind sie die Nahtstellen zwischen Ländern und Kulturen. Und auch die Geschichte ist wie ein großer Strom, der sich aus vielen Nebenflüssen speist. Insofern steht Wasser für Leben, Verbindung und Kontinuität.

Zugleich begegnet uns Wasser oft an den Wendepunkten biblischer Geschichte, wo ein Kapitel geschlossen und ein neues aufgeschlagen wird. Ansatzweise bei Noah, wo Gott, freilich mit bescheidenem Erfolg, den urgeschichtlichen Spülknopf drückt (und fortan die Strategie eines Hardware-Reset verwirft; denn als später Jona, selbst nur durch ein Wunder dem Wasser entronnen, auf den finalen Schlag gegen Ninive spekuliert, verrät Gott zartfühlend, dass ihm sogar die Tiere dort leid tun).

Wichtiger dann beim Auszug der Israeliten aus Ägypten und beim Einzug ins verheißene Land. Und nachdem dieses Kapitel 587 zu Ende ist, als die Verbannten trauernd an den Strömen Babels sitzen (Ps 137,1), hat Ezechiel schließlich die Vision eines neuen Paradiesflusses, der aus dem Tempel strömt: Ein Umbruch deutet sich an, der neue und dauerhafte Kontinuität verheißt.

Beides dürfte in der Taufe des Johannes eine Rolle spielen: Die Erwartung des nahen Umbruchs, wenn Gottes Herrschaft in der Welt anbricht, und der Horizont der neuen Schöpfung, in der alle lebensfeindlichen Kräfte überwunden sind.

Wiedergeboren werden “aus Wasser” bedeutet, so betrachtet, in diesen Fluss des Lebens einzutauchen und sich von ihm kontinuierlich in die Weite tragen zu lassen. Und zugleich wird es uns geschenkt, ein Leben in eben jenem Umbruch von der alten zur neuen Welt zu führen, der im Tod und der Auferstehung Jesu eingesetzt hat. Von alter Schwere und Trägheit befreit hineinzuleben in eine Welt, die bunter und schöner und vielfältiger sein wird, als sie es heute ist.

Bibel, Spiritualität, Taufe, Wasser
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Die NeoApokalyptiker

Peter | 21. Jan 2012

Jörg Lau zitiert in diesem Blogpost über den Konservativismus US-republikanischen Zuschnitts einen interessanten Beitrag von Mark Lilla aus der New York Times. Lilla unterscheidet dort zwei Formen von konservativ-reaktionärem Verhalten auf Umbrüche in Kultur und Gesellschaft, die man als revolutionär und bedrohlich empfindet: Da gib es restaurative Reaktionäre, die das Rad der Geschichte zurückdrehen möchten, und “redemptive reactionaries”, die die neue Ordnung über den Haufen werfen möchten. Sie wollten das Rad weder vor noch zurück drehen, sondern sprengen:

Ever since the French Revolution reactionaries have seen themselves working toward counterrevolutions that would destroy the present state of affairs and transport the nation, or the faith, or the entire human race to some new Golden Age that would redeem aspects of the past without returning there.

IN den USA findet derzeit eine Verschiebung vom restaurativem Konservativismus hin zu einem apokalyptischen Konservativismus statt, sagt Lilla. Viele Neokonservative waren frustrierte “Liberale”, denen aufging, dass so mancher Traum der politischen Linken (oder was in den USA als links gilt) sich in der Realität nicht einlösen ließ.

Sometime in the Eighties, though, neoconservative thinking took on a darker hue. The big question was no longer how to adapt liberal aspirations to the limits of politics, but how to undo the cultural revolution of the Sixties that, in their eyes, had destabilized the family, popularized drug use, made pornography widely available, and encouraged public incivility. In other words, how to undo history.

Heutige konservative Agitatoren wie Glenn Beck sind die Erben dieser Tradition, die ihr Land von Besatzern um jeden Preis “zurückerobern” wollen. Praktisch läuft das auch nichts weniger hinaus als den Selbstmord des kräftig dämonisierten Staates, an dessen Stelle (erst) dann etwas Besseres treten kann:

During the 2010 congressional election campaign, Republican candidates (and some Democrats) were put under enormous pressure to sign the Americans for Tax Reform “Taxpayer Protection Pledge,” which obliges them to oppose any increase in the marginal personal or corporate tax rate, and any limits on deductions or tax credits that aren’t offset by other tax cuts. To date, all but six Republican representatives and seven senators have signed this collective suicide note, making the group’s president, Grover Norquist, nearly as successful as Reverend Jim Jones. That’s how the apocalyptic mind works, though. It convinces people that if they bring everything down around them, a phoenix will inevitably be born.

Das Gefährliche ist, dass diese Leute gar kein anderes Ziel mehr beschreiben können als die Destruktion all jeder Verhältnisse, die ihnen ein Dorn im konservativen Auge sind. Und das trifft, wie Lilla zeigt, fast auf die gesamte Kandidatenriege der Republikaner zu.

Während Lau dann den Bogen nach Ägypten und in den Iran schlägt, fand ich die Parallele von den “Neocons” zur Kritik von David Fitch an der neoreformierten Bewegung und ihrem Exponenten Mark Driscoll (via Jason Clark) spannend, der in jüngster Zeit in Großbritannien mit einem kontroversen Interview auf sich aufmerksam gemacht hat.

Fitch analysiert Driscolls Positionen und Reaktionen und beschreibt ihn dann nicht als den Repräsentanten eines neuen Christentums im säkularen Umfeld, für den seine Mitstreiter und Anhänger ihn halten (und er selbst sich auch), sondern als den konservativen Insolvenzverwalter einer dahinschwindenden Gestalt von Kirche, die im Blick auf die spät- und postmoderne Gesellschaft nicht sprach- und anschlussfähig ist.

Symptomatisch dafür sind Driscolls stures und strikt exklusives Beharren auf traditionellen Sühnetheorien, sein hierarchisches Verständnis von Macht und Autorität (zumal im Verhältnis der Geschlechter) und einem Verständnis von Kirche und Gemeinde, in dem sich letztlich doch alles um den Pastor und seine Predigten dreht.

Kurz zurück zu Lilla: Keineswegs nur zwischen den Zeilen wird bei Driscoll spürbar, welche Aggressionen das liberale Feindbild auslöst. Genug Apokalyptik steckt in seinem Bibelverständnis sowieso. Und in einer Welt außerhalb von Seattle, wo seine Strategie (derzeit noch) aufgeht, etwa im postchristlichen Europa, teilt er zornig oder irritiert aus. Statt überholte Positionen in Frage zu stellen, werden sie um so martialischer verfochten.

Miroslav Volf zitiert in Exclusion and Embrace einen Satz von Giles Deleuze – es geht um Modernismuskritik mit biblischen Bezügen. Deleuze wird, sagt Volf, dem Neuen Testament damit nicht gerecht. Vielleicht jedoch jener Apokalyptik, die den “Himmel” als jene Art totalitärer Theokratie ausmalt, die viele eher an sein Gegenteil erinnert:

Die Modernität der Apokalypse liegt nicht in den Katastrophen, die sie ankündigt, sondern in der programmierten Selbstverklärung, der glanzvollen Errichtung des neuen Jerusalem, in der wahnsinnigen Konstruktion einer endgültigen Herrschaft von Recht und Moral… Ohne es zu wollen überzeugt uns die Apokalypse davon, dass nicht der Antichrist das Schlimmste ist, sondern die neue Stadt, die vom Himmel herabkommt, die heilige Stadt.

Habe ich die Assoziationskette überstrapaziert? Zumindest so viel lässt sich vielleicht festhalten: Gerade der erbitterte Widerstand gegen einen vermutlich liberalen Zeitgeist könnte selbst mehr vom Zeitgeist bedingt sein, als die jeweiligen Protagonisten gern glauben möchten. Rein theoretisch, versteht sich…

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