Das Exodus-Muster

Gibt es eine stimmige theologische Alternative zum heilgeschichtlichen Muster von Schöpfung, Fall und Sühne, das die westliche Theologie seit Augustinus dominiert und dafür gesorgt hat, dass Erlösung primär als Beseitigung individueller moralischer Schuld und notwendige Weichenstellung für die himmlische Seligkeit verstanden wurde?

Es gibt sie, und wir finden sie in der Bibel – wenn wir, statt im Buch Genesis anzufangen, mit dem Exodus beginnen. Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten ist das Urdatum der Geschichte Israels. Er führt zum Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk am Berg Sinai. Das mosaische Bundesrecht stellt dabei, wie Richard Horsley zeigt, eine Art sozialökonomische Charta dar. Es wird zum Ausgangspunkt einer Traditionslinie, die sich durch die gesamte hebräische Bibel zieht. Sie bildet einen Gegenpol zu den königlich-priesterlichen Traditionen (Palast und Tempel waren, auch in der Sicherung des eigenen Einflusses, stets eng verbunden).

Die Propheten klagen sie gegen die Könige ein, als in Israel und Juda eine Feudalisierung einsetzt. Sie stellen das Scheitern des Bundes fest und kündigen das Ende des Königtums an. Und als dieses dann gekommen ist, beginnen sie von einem neuen Exodus zu reden, der einer Auferweckung des Gottesvolkes gleichkommt.

Clem Onojeghuo

Und auf just diese Exodustraditionen bezieht sich Jesus exklusiv, wenn er die Schrift zitiert – gern auch gegen das herodianische Königshaus und die Priesteraristokratie in Jerusalem. Das Matthäusevangelium stellt Jesus als den neuen Mose dar, beginnend mit der Geburt unter einem kindermordenden Herrscher, der Flucht und Rückkehr, der Taufe (Schilfmeer!), dem neuen Gesetz, das auf einem Berg in Kraft gesetzt wird und das inhaltlich an die egalitäre Ordnung des mosaischen Bundes anknüpft, die unter der armen Landbevölkerung Galiläas noch hoch im Kurs stand. Es gipfelt in der Feier des Passafestes, in der Jesus seinen Tod mit einem neuen Exodus verbindet.

Frank Crüsemann hat die Spur des Exodus durch das neue Testament in einem feinen Beitrag („Gott und Menschen handeln – wie ist das Verhältnis?“) zu dem Band „Befreiung vom Mammon“ (hg. V. Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich, Die Reformation radikalisieren, Bd. 2) nachgezeichnet. Er entdeckt sie im Lukasevangelium, in den Reden der Apostelgeschichte, und auch in den Aussagen des Römerbriefs über die Befreiung von der Schreckensherrschaft der Sünde. Im Gegensatz dazu (zur Sünde und der Unfreiheit unter römischer Herrschaft) sind „die Beziehungen, die Gott eingeht … nicht von Macht bestimmt.“ Jede Reich-Gottes-Theologie, die sich selbst ernst nimmt, müsste eine dezidierte Exodus-Theologie sein.

Vergebung ist der Befreiung dann theologisch nach- und nicht vorgeordnet. Sie ist im Exodus eingeschlossen und sie ist notwendig, um ihn zu vollenden – Freiheit muss sich bewähren und sie bleibt vorläufig auch noch gefährdet.

Das Problem mit der herkömmlichen Vorstellung von Sünde als moralischem Versagen und individueller Schuld und einer primär jenseitsbezogenen Erlösung ist ja die Frage, wie man das dann wieder mit sozialen und politischen Verhältnissen – also dem öffentlichen Leben statt nur dem privaten – zusammenbringt. Denn wenn es in der Bibel vor allem um „Gott und die Seele“ geht, bleiben die Lebensverhältnisse außen vor oder sie dienen nur als austauschbare Kulisse für die Bewährung des Glaubens bis zur endgültigen Heimkehr zu Gott. Genau das passiert, wenn man – etwas überspitzt formuliert – aus dem „alten“ Testament nur die ersten drei Kapitel der Genesis, die zehn Gebote und ein paar messianische Verheißungen in den Kernbestand christlichen Denkens integriert.

Macht man hingegen das Exodus-Muster zur Grundstruktur von Theologie, dann ist damit die Frage nach dem inneren Zusammenhang der hebräischen und griechischen Bibel besser beantwortet, als wenn man diesen in der priesterlichen Sühnetheologie sucht – oder gleich aufgibt. Zugleich wird es möglich, einen kritischen Blick auf die biblischen Texte zu werfen, die andere Vorstellungen von Gott, Gerechtigkeit, Macht und Freiheit vermitteln. Und nicht zuletzt finden wir hier eine Sprache, um die Lebens- und Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren – und zu verändern: „Speaking Truth to Power“, nennt Walter Brueggemann das.

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Öde Ewigkeit?

Im Konfiunterricht gestern kam die Rede auf das ewige Leben und prompt fragte einer, ob das eigentlich wünschenswert sei, ewig zu leben. Immerhin könnte es ja schrecklich langweilig werden.

Das freilich ist die Horrorvorstellung, nicht erst seit Ludwig Thomas Münchner im Himmel – wobei den ja weniger die Ewigkeit schreckte, im Hofbräuhaus hielte er es durchaus ewig aus, sondern eher das ätherisch-Immaterielle der himmlischen Existenz. Die Ewigkeit als bloße Endlosschleife des ewig Gleichen gehört eher in die Reihe der Höllenvisionen. „Schlechte Unendlichkeit“, schreibt Bernhard Waldenfels, und erinnert an den Sisyphus-Mythos.

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Uroš Jovičić

Wie antwortet man auf so einen Einwand? Mir fiel spontan Folgendes ein:

Seit es Menschen gibt, machen sie Musik. Sie singen, sie spielen Instrumente, sie komponieren – Jahrtausende lang. Die Musik der letzten 500 Jahre ist großteils aufgeschrieben, wir kennen sie also. Es sind immer dieselben 8 oder 12 Töne der diatonischen bzw. chromatischen Tonleiter. Und doch ist uns noch nicht langweilig geworden. Im Gegenteil, wenn deine Lieblingsband ein neues Album herausbringst, bist du voller Spannung und Vorfreude. Niemand stellt Berechnungen an, wann der Tag erreicht ist, an dem alles komponiert ist, was komponiert werden kann.

Wenn schon unsere menschliche Kreativität so groß ist, dass wir mit zwölf Tönen 500 Jahre Musik machen können, ohne uns zu langweilen und ohne dass sich alles nur wiederholt, warum sollte es in Gottes Ewigkeit und mit seinem Erfindungsreichtum jemals langweilig werden?

Wäre etwas mehr Zeit gewesen, hätten wir auch noch über G.K. Chestertons Beobachtung reden können, dass kleine Kinder von Wiederholungen kaum genug bekommen können, während Erwachsene davon genervt sind. Für ihn ist das ein Zeichen abnehmender Vitalität. Also stellt er sich Gott in dieser Hinsicht vor wie ein Kind, „jünger als wir“: Er wird nie müde, Gänseblümchen einzeln zu machen und sich jeden Morgen Sonnenaufgänge anzusehen. Und ich denke mir: Vielleicht ist ja auch deshalb Gottes Barmherzigkeit „jeden Morgen neu“.

Irgendwo zwischen diesen beiden Überlegungen spannt sich das weite Feld der ewigen Freude auf.

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(K)ein Stellenangebot

Ein paar haben es schon mitbekommen, dass meine Zeit bei ELIA im Sommer zu Ende geht. Die offizielle Stellenausschreibung ist mittlerweile hier zu finden, aber ich dachte, ich schreibe hier einmal eine ganz persönlich gefärbte, inoffizielle. Vielleicht bekommt ja jemand von Euch Lust, sich danach auch die offizielle anzusehen, oder jemand fällt jemand ein, der Lust darauf haben könnte.

Mar Newhall

Da ist zunächst einmal die Gemeinde: Ich glaube, sie hat das Charisma, Grenzen zu verwischen. Wo andernorts ein „oder“ zu erwarten wäre, steht hier oft ein „und“. Bei Frömmigkeitsstilen triffst du hier Softpop-Lobpreiser, Tagzeitenbeter oder Kontemplative an. Manchen liegt viel an familiärer Nestwärme, andere sind froh über die Möglichkeit, ihre Distanz wahren zu können. Manchmal musst du Konflikte moderieren, manchmal wirst du in welche verwickelt, und manchmal musst du auch den Anstoß dazu geben, latente Spannungen auszutragen. Du bekommst es mit Flüchtlingshelfern, Öko-Aktivisten und Weltmissions-Netzwerkern zu tun, mit Linken und Bürgerlichen, Liberalen und Biblizisten, Kinderlosen und Kinderreichen, Hellhörigen und Schwerhörigen – und dem kompletten Altersspektrum vom Säugling bis zum (nach eigener Einschätzung stets jungdynamischen) Senior.

Viele von diesen Menschen arbeiten schon jetzt ehrenamtlich mit oder sind darauf ansprechbar: In der Seelsorge, Kinder- und Jugendarbeit, rund um die technische und musikalische Gestaltung der Gottesdienste, in einem der vielen Projekte, die hier entstehen und irgendwann auch wieder beerdigt werden, und in der Leitung der Gemeinde. Sie mögen es selten, wenn man sie bevormundet, aber sie freuen sich meistens auf ein Gegenüber: Hochmotivierte Leute, die als Christen in ihrem Beruf ihre Frau/ihren Mann stehen, die oft gut ausgebildet und in Glaubensfragen sprachfähig sind: Katholiken, Freikirchler, und eine Mehrheit, die der Evangelisch-Lutherischen Kirche angehört.

Du würdest mit profilierten Kolleginnen zusammenarbeiten, die ihre Arbeitsbereiche souverän entwickeln und kirchlich wie kommunal gut vernetzt sind. Und mit einem Vorstand, der intensiv Anteil nimmt an allem, was in der Gemeinde geschieht. Im Vergleich zum klassischen Pfarrdienst ist noch interessant: Schulunterricht gehört nicht zu deinen Aufgaben, die üblichen  Kasualien sind vergleichsweise selten, vor allem aber kommen mehr Taufen  auf dich zu als Beerdigungen. Mit den Gremien und Vertreter*innen des evangelischen Dekanats hast du immer wieder zu tun, da ist momentan auch vieles in Bewegung.

Schließlich: Alles bei ELIA finanziert sich aus freiwilligen Spenden, das funktioniert seit 25 Jahren gut (wenn man kein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis hat…).

Was solltest du mitbringen? Ich denke, es hilft, wenn du…

  • theologisch versiert und vor allem mehrsprachig bist, also von einem Dialekt in den anderen übersetzen kannst,
  • eher in Kategorien von Beziehung als von Ordnung denkst,
  • Humor mitbringst und dich selbst nicht so schrecklich ernst nimmst,
  • Veränderungen nicht als Zumutung empfindest,
  • eigene Positionen einbringen und verständlich machen kannst,
  • keine Minderwertigkeitskomplexe oder Ressentiments gegenüber Akademikern hast (damit lebt es sich in dieser Stadt ganz schlecht!).

Wenn du diesen Text bis zu Ende gelesen hast, und falls er Herzklopfen verursacht hat, Sehnsucht oder Neugier, dann helfe ich gern weiter, oder du schreibst direkt an  elia-verein@elia-erlangen.de.

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Gott und die ganze Welt beherbergen

Der Prüfungsgottesdienst liegt hinter mir, das Prüfungsgespräch ebenfalls. Vielleicht hat sich die Kommission inzwischen auch schon auf eine Bewertung geeinigt, irgendwann erfahre ich das dann auch in den nächsten Wochen. Aber ganz unbelastet von allen Bewertungen hier der Wortlaut der Predigt zu Offenbarung 1,9-18 für alle, die einfach so Lust haben, ihn zu lesen und sich ihren eigenen Reim drauf zu machen:

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Es ist Sonntag in den Bergwerken von Patmos. Aber das kümmert dort niemand: Die Zwangsarbeit der Verbannten kennt keine Pause. Unter Tage verliert man ohnehin jedes Gefühl für Zeit. Drüben auf dem kleinasiatischen Festland feiern sie Gottesdienst – in Ephesus, Pergamon oder Smyrna. Hier sitzt der Seher Johannes einsam, im Staub, der unablässig aus den Eingeweiden des Berges rieselt. Es ist Sonntag, aber was macht das für einen Unterschied?

Dunkel geworden ist es auch über Juden und Christen im römischen Reich, seit Kaiser Domitian an die Macht gekommen ist. Immer wieder einmal wurden sie schikaniert oder diskriminiert, daran hatten sie sich gewöhnt. Nun aber werden einzelne von ihnen inhaftiert und deportiert – von der Justiz und den Sicherheitskräften, die immer gewalttätiger auftreten. Der Schatten der Angst legt sich über sie. Ist das der Anfang vom Ende für die Jesus-Bewegung?

Als der Herbst kalt und dunkel wurde, begann ich – wieder einmal – in Tolkiens „Herr der Ringe“ zu lesen. Im Unterschied zu früheren Jahren merkte ich, wie schon in den ersten Kapiteln bestimmte Sätze in mir ganz viel zum Klingen brachten:

  • „Gerüchte verbreiteten sich über merkwürdige Dinge, die draußen in der Welt geschahen.“
  • „Frodo traf jetzt oft fremde … aus fernen Ländern, die im Westen Zuflucht suchten. Sie waren besorgt und manche sprachen im Flüsterton von dem Feind und dem Lande Mordor.“
  • „Von dort breitete sich die Macht weiter aus und im fernen Osten und Süden wurden Kriege geführt, und die Furcht wuchs.“
  • „ … selbst die Taubsten und die hartnäckigsten Stubenhocker hörten sonderbare Erzählungen, und diejenigen, die an den Grenzen ihren Geschäften nachgingen, sahen merkwürdige Dinge.“

Die Welt verdüstert sich. Das Lebensgefühl trübt sich ein, selbst in der heilen Welt des abgelegenen Auenlandes. Fremde kommen ins Land auf der Flucht von Kriegen im Osten und Süden, und sie haben unheilvolle Nachrichten im Gepäck: Es braut sich etwas zusammen. Tolkien hat diese Sätze zwei Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Das ist keineswegs nur eine Phantasiegeschichte, es ist vielmehr ein Spiegel seiner Zeit.

Und – das eben war mein Gefühl beim Lesen – womöglich auch unserer Zeit: Rabbi Jonathan Sacks fragte kürzlich einen amerikanischen Freund, wie er die Wahl von Donald Trump erlebte. Der antwortete sarkastisch: Wie der Mann, der an Deck der Titanic in sein Whiskyglas starrt uns sagt: »Ich hatte zwar um Eis gebeten, aber das…«

Der Demokratieindex 2016 führt nur noch 19 von 167 Ländern weltweit als „vollständige Demokratien“, dort leben zusammengerechnet nicht einmal mehr 5% der Weltbevölkerung. 2014 waren es noch 24 Länder und fast dreimal so viele Menschen. In fast der Hälfte aller Länder hat sich die Lage innerhalb des letzten Jahres verschlechtert. Freilich, das Reich Gottes ist mehr als Demokratie. Aber Jesus schließt autoritäre Herrschaft von Menschen über Menschen kategorisch aus.

Unser „Auenland“ ist kleiner geworden. Wir ahnen, wie sich „Mitgenossen an der Bedrängnis“ fühlen.

* * *

Es ist hier, wie so oft, der Gefangene, der die tröstet, die noch in Freiheit sind. Johannes tut das freilich nicht aus eigener Kraft und Antrieb. Ihm ist etwas widerfahren: In der Dunkelheit von Patmos hat er eine Vision. Eine Gestalt in Weiß und Gold erscheint, das Gesicht leuchtet blendend hell wie die Sonne, sieben Leuchter um ihn herum, sieben Sterne in der rechten Hand, eine Stimme tosend wie ein Wasserfall. Und als er zu sprechen beginnt, wird klar, um wen es sich handelt: „Ich war tot, aber nun lebe ich ewig und habe die Schlüssel zu Tod und Unterwelt.“ Der Seher ist da schon überwältigt zu Boden gegangen.“Wie tot“ ist er, aber die Berührung des Auferstandenen erweckt ihn zu neuem Leben.

Es ist Sonntag auf Patmos und die Dunkelheit hat einen tiefen Riss bekommen. Licht fällt auf den Verbannten, auf seine verschwitzten und verdreckten Kleider, auf seine Zweifel und sein Ringen mit der Aussichtslosigkeit seiner Lage. Das riesige Imperium und sein reizbarer Herrscher verfährt mit seinen Feinden (oder denen, die es dafür hält) anscheinend, wie es ihm beliebt. Johannes weiß aber auch, dass der, der ihm hier erscheint, selbst verhaftet und in Ketten gelegt, gefoltert und getötet wurde. Nur ist das eben nicht das Letzte, was es über ihn zu sagen gibt.

* * *

Es ist Sonntag, und während andernorts von ihm geredet wird, spricht der lebendige Christus hier auf Patmos, bei den Verbannten und Verdammten für sich selbst. Und die Verzweiflung weicht vor seinen Worten ein Stück zurück. Menschen brauchen solche Lichtblicke, um nicht zu resignieren – um sich und die Welt nicht aufzugeben. Johannes bekommt einen geschenkt, und weil er ihn aufgeschrieben hat, wissen auch wir davon – davon, wie das Licht bis in die Abgründe dieser Welt hinein scheint.

Johannes braucht den Lichtblick auch, weil gleich danach eine ganze Serie weiterer Visionen folgt. Sie malen das Gericht Gottes über eine Welt, in der unschuldige, wehrlose Menschen Gewalt leiden und Weltreiche wie das römische sich wie wildgewordene Monster gebärden, grell und surreal aus. Der Lichtblick am Anfang lässt ahnen, wie die Geschichte ausgehen wird. Deshalb kann er hinsehen und alles beschreiben, ohne darüber die Hoffnung zu verlieren. Der Tod ist entmachtet, und darüber verlieren seine Handlanger und Vorboten ihren Schrecken: Krieg, Katastrophen, Größenwahn, der Zerfall von Menschen und Gesellschaften.

Wir haben diesen Lichtblick nur als Erzählung. Das ist auf den ersten Blick reichlich wenig. Dafür haben wir mehr als eine von diesen Erzählungen. Wir haben heute im Evangelium schon gehört, wie Petrus, Jakobus und Johannes Jesus auf dem Berg Tabor verherrlicht sehen, und wie sie dort nicht bleiben konnten. Wir kennen die Geschichte von Paulus, dem Jesus vor Damaskus erscheint, so dass er stürzt und einige Tage lang blind ist, wie jemand, der in die Sonne geschaut hat. Diese Geschichten sind unwiderruflich in der Welt. Wir können uns von ihnen immer wieder daran erinnern lassen, dass unsere Zukunft nicht ungewiss ist.

* * *

Es ist Sonntag in Nürnberg, der letzte nach Epiphanias. Die Zeit der Lichter geht zu Ende, das Kirchenjahr wird erst einmal düsterer und ernster weitergehen. Und die Welt vermutlich auch. Aber nun wissen wir ja – oder lernen es gerade: Wenn wir nach Hoffnung für uns und die Welt suchen, sollten wir das bei nicht bei den Mächtigen tun. Sondern bei denen, die niemand sehen soll und kaum jemand sehen will: Den politischen Gefangenen, den Misshandelten und Verleumdeten. Dort sind die prophetischen Stimmen am ehesten zu hören.

Einer, der erst weggesperrt und später ermordet wurde, war Dietrich Bonhoeffer. Pfingsten 1944, sieben Jahre nach Tolkiens düsterer Ahnung, schrieb er aus der Haft:

„Ich beobachte immer wieder, dass es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können; wenn Flieger kommen, sind sie nur Angst; wenn es etwas Gutes zu essen gibt, sind sie nur Gier; wenn ihnen ein Wunsch fehlschlägt, sind sie nur verzweifelt; wenn etwas gelingt, sehen sie nichts anderes mehr. Sie gehen an der Fülle des Lebens und an der Ganzheit einer eigenen Existenz vorbei. […] Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen des Lebens zu gleicher Zeit; wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns. Wir weinen mit den Weinenden und freuen uns zugleich mit den Fröhlichen; wir bangen … um unser Leben, aber wir müssen doch zugleich Gedanken denken, die uns viel wichtiger sind, als unser Leben.“

Gott und die ganze Welt in uns zu beherbergen – was für eine Aufgabe! In düsteren Zeiten brauchen wir allen Trost, den wir bekommen können. Den Trost des Sehers Johannes, den Trost von Dietrich Bonhoeffer, und den Trost, den wir uns gegenseitig spenden: Indem wir von unseren eigenen Lichtblicken erzählen und einander zuhören, indem wir lachen und weinen, klagen und danken, feiern und fasten – und uns an Jesus erinnern, der gekreuzigt und auferweckt wurde.

Denn die Fülle des Lebens auszukosten, das gelingt uns nicht ohne dabei auch die eine oder andere bittere und schmerzhafte Erfahrung zu machen. Wer sich immer nur auf der Sonnenseite aufhält, dem fehlt diese Tiefendimension. Dann wird selbst die Freude und der Genuss schal.

* * *

In einem der düstersten Momente der Geschichte vom Herrn der Ringe kommt der Hobbit Pippin mit dem Zauberer Gandalf in eine Stadt ohne Hoffnung. Aber Gandalf versteht es offenbar, „Gott und die ganze Welt“ in sich zu beherbergen, denn er lacht auf einmal:

„Pippin schaute erstaunt auf das Gesicht, das jetzt dicht neben seinem war, denn das Lachen hatte fröhlich und vergnügt geklungen. Dennoch sah er im Gesicht des Zauberers Kummer- und Sorgenfalten; doch als er genauer hinschaute, erkannte er, dass sich unter alledem eine große Freude verbarg; eine Quelle der Heiterkeit, die gereicht hätte, ein ganzes Königreich zum Lachen zu bringen, wenn sie zu sprudeln begann.“

Es ist Sonntag in Nürnberg. Und wir dürfen ein bisschen fröhlicher und ein ganzes Stück trotziger und barmherziger in die düstere Welt hinaus blicken.

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Warum wir heute ständig Kulturkämpfe führen

Ich habe hier vor ein paar Tagen gefragt, ob es zu dem, was die identitäre Bewegung in der Politik darstellt, theologische Analogien gibt. Auf Facebook hat Arne Bachmann zurückgefragt, ob es nichtidentitäres Christentum geben kann. Ich denke schon, denn es geht ja nicht um die Frage, ob man eine Identität hat, sondern darum wie man diese versteht und lebt. Arnes Vorschlag war, im Christentum nicht eine Identität neben anderen zu sehen, sondern eine Art Meta-Identität (meine Worte), die alle anderen Identitäten und deren Konkurrenz relativiert.

Ein anderes Licht auf diese Frage wirft der Schluss des rund 100-seitigen ersten Kapitels aus „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz. Reckwitz beschreibt darin sehr ausführlich, dass die Spätmoderne sich von der Produktion standardisierter, einheitlicher Massengüter abwendet, die Kennzeichen der industriellen Moderne war (bei Bauman liefe das unter „solid modernity“). Nun steht die Hervorbringung von „Singularitäten“ im Zentrum. Damit ist alles gemeint, was als etwas Besonderes erfahren wird (ein Produkt, ein Event, eine Gemeinschaft, ein Ort, ein Individuum), weil und indem es starke Affekte auslöst. Der spätmoderne Kulturkapitalismus dreht sich um solche Auf- und Abwertungen des Besonderen. Das Markenimage wird wichtiger als der reine Gebrauchswert eines Produkts, denn es dient auch der Singularisierung des Konsumenten, der es wie ein Kurator im Leben so anordnet, dass er sich dadurch als besonders ausweisen kann.

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Veronica Benavides

Drei Entwicklungen kommen hier zusammen und greifen ineinander: Die neue Mittelklasse verlegt seit etwa 1970 den Akzent weg von materiellen Lebensstandard („keeping up with the Joneses“) hin zur Lebensqualität. In der neuen Wissens- und Kulturökonomie ist Authentizität, die dem Bürgertum als stille Sehnsucht seit der Romantik anhaftet, der neue Leitwert der creative economy. Wenn zum Beispiel die Chefs von Apple auf ihren Keynote den Artikel nervtötend konsequent weglassen, während sie von iPhones und anderen Produkten reden, dann suggerieren sie damit, dass das nicht ein Exemplar einer Geräteklasse (Smartphone) unter anderen ist, sondern es trägt einen Eigennamen – das Produkt ist so einzigartig und unverwechselbar wie eine Person.

Und dann kommt auch noch die Digitalisierung zum kulturell-kreativen Komplex hinzu. Rationalisierung und Standardisierung treten in den Hintergrund und finden dort weitgehend unsichtbar statt, mit ihrer Hilfe werden im großen Stil Singularitäten erzeugt. Der Postmaterialismus geht über in „Singularitätsmärkte“, an denen es um Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und Anerkennung geht:

Die durchgreifende Singularisierung und Kulturalisierung aller Bestandteile des Lebens – Wohnen, Essen, Reisen, Körperkultur, Erziehung etc. –, die hier erfolgt, geht so Hand in Hand mit der Statusinvestition ins eigene Singularitätskapital und in die Darstellung des besonderen Lebens vor den Anderen. In gewisser Weise gilt hier die „Norm der Abweichung“ oder positiv gewendet: die Norm der performativen Authentizität, der sozialen Aufführung von Unverwechselbarkeit. (S. 108)

Ich denke, mit dem Begriff der Singularität lassen sich viele Fresh-X Projekte gut erfassen. Gegenüber den stark vereinheitlichenden Tendenzen großkirchlicher Strukturen, die das Individuelle, Lokale und damit auch Besondere gerade begrenzen (wenn nicht gar unterdrücken oder überlagern) setzt man hier auf das Unverwechselbare. Es findet eine Kulturalisierung von Kirche statt, die nicht mehr auf Kontinuität abstellt, sondern auf Authentizität:  „die Darstellung des besonderen Lebens vor den Anderen“. Mit viel Liebe wird hier alles designt, was designt werden kann.

Ganz am Ende kommt Reckwitz darauf zu sprechen, dass diese Entwicklungen in der Spätmoderne zu einer ganzen Reihe von Polarisierungen führen: Bei den Gütern (Massenware vs. Kultobjekte), den Arbeitsverhältnissen (einfache, monotone und prekäre Arbeit vs. hochqualifizierte Wissens- und Kulturökonomie), den Klassen und Lebensstilen (kosmopolitische, gebildete Mittelklasse vs. abgehängte Unterklasse), den sozialen Räumen (kreative Hotspots vs. Fly-over-country). Und nicht zuletzt in der Politik.

Und hier schließt sich jetzt der Kreis (für alle, die sich gewundert haben, wann den nun endlich noch etwas „Identitäres“ kommt). Reckwitz schreibt, dass sich gegen das neue, dominante politische Paradigma „eines apertistischen (öffnenden) und differenziellen (Unterschiede setzenden) Liberalismus, welcher auf eine Kombination von Wettbewerb und kultureller Vielfalt setzt“ von verschiedenen Seiten Widerstand erhebt; es gibt nämlich

…ein ganzes Bündel von antiliberalen (sub)politischen Kulturessenzialismen und -kommunitarismen (Ethnizität, Nationalität, religiöser Fundamentalismus, Rechtspopulismus) …, die gegen die Hyperkultur und ihre Märkte nun kollektive Identitäten mobilisieren. Diese Identitätsbewegungen bewegen sich freilich innerhalb [!!] der Logik der Gesellschaft der Singularitäten [Anm. von mir: bei Bauman ist ja auch Fundamentalismus die postmodernste Form von Religiosität]: Auch sie setzen auf Kultur und Singularität, verorten diese jedoch nicht auf mobilen Märkten, sondern innerhalb besonderer – religiöser, nationaler, ethnischer, völkischer – Kollektive. Das Ergebnis sind die für die Gesellschaft der Singularitäten überaus charakteristischen Konflikte um die Kultur. (S. 110)

Ich denke, ich kann nun auch klarer sagen, was mich an manchen (hippen wie miefigen) Frommen immer wieder an Typen wie Martin Sellner erinnert: Es ist dieser Gestus, mit dem sie dem Liberalismus, den sie ablehnen und verachten, den Untergang prophezeien. Vielleicht rührt die Verachtung auch daher, dass die eigene Identität im Rennen um Aufmerksamkeit und Anerkennung – Reckwitz nennt das Valorisierung – zusehends ins Hintertreffen geraten ist. Wenn er allerdings Recht hat, dann führen sie ihren Kulturkampf mit denselben Prämissen wie alle anderen. Weiterführende Lösungen als die energische Selbstdurchsetzung des eigenen Kollektivs (ein Mehr vom eigenen) haben sie, so weit ich das sehe, nicht anzubieten.

Eine kurze Einführung in Reckwitz‘ Gedankengänge gibts beim Deutschlandfunk (danke, Helge Seekamp!) und hier auf Zeit Online.

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Gibt es so etwas wie „identitäres Christentum“?

Vor ein paar Wochen sah ich in der 3Sat-Mediathek einen Bericht über „Die rechte Wende“. Dort kommt die identitäre Bewegung um Götz Kubitschek ausführlich zu Wort, unter anderem auch Martin Sellner.

Bei Zusehen fühlte ich mich, vor allem bei Sellner, immer wieder mal an Vertreter neokonservativen Christentums erinnert, mal vom Inhalt her und öfter noch war es der Habitus. Seither denke ich nach, woran das liegt. Man sieht die Kubitscheks im Film beim Tischgebet mit Kreuzzeichen.

Edwin Andrade

Gibt es also eine Schnittmenge, und wenn ja, wo liegt sie? In einem autoritären Weltbild? In der Vorstellung einer ehernen Schöpfungsordnung mit fixen Geschlechterrollen und Lebensräumen, die den Völkern und Kulturen seit jeher zugewiesen sind?

Liegt sie in einer bestimmten Art, Identität zu konstruieren – über die ausschließende Differenz,  über essentialistische Vorstellungen (Identität ist etwas Gegebenes und nicht das Resultat vielschichtiger Identifikationsprozesse), über die Naturalisierung historisch bedingter Konstellationen – die sind dann nicht mehr kontingent, sondern notwendig immer schon so, wie sie sind, und wer daran etwas ändert, greift fahrlässig in die gute Ordnung ein?

Und wenn das so ist, wie gehen wir dann mit kirchlichen Bewegungen um, die einen ähnlichen Rollback im Sinn haben wie die Identitären?

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Gott ist genervt: Unharmonische Weihnachtsgedanken.

Weihnachten herrscht in unseren Familien und Freundeskreisen manchmal, aber beileibe nicht immer ungetrübte Freude. Hin und wieder ist einer genervt. Das Essen misslingt oder entspricht nicht den Erwartungen, Gäste verspäten sich, mühsam ausgesuchte Geschenke treffen auf eher mäßige Begeisterung, der Gesprächsstoff geht aus, weil zu viele Themen mit Konflikten besetzt und die Harmlosigkeiten alle schon abgegrast sind. Irgendwann fällt ein falsches Wort, oder jemand bekommt etwas gut Gemeintes in den falschen Hals. Es folgt betretenes oder beleidigtes Schweigen, manchmal auch ein erhitzter Wortwechsel.

Einen solchen finden wir zu Weihnachten auch beim Propheten Jesaja. Mit dem feinen Unterschied, dass hier Gott der Genervte ist:

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel. (Jesaja 7,10-14)

Der Prophet Jesaja und Ahas, der König von Jerusalem, haben Stress: Die Sicherheitslage ist angespannt. Es droht Krieg mit den nördlichen Nachbarstaaten. Jesaja fordert Ahas auf, zu glauben, und das heißt, sich angesichts sehr realer Gefahr auf Gottes Treue zu verlassen. Ahas indes glaubt nicht, dass Gott ihn und sein Volk retten wird. Jesaja bietet dem König im Namen Gottes an, sich – quasi als vertrauensbildende Maßnahme – ein Zeichen auszusuchen, der aber lehnt – freilich nur scheinbar demütig – ab. In Wahrheit ist das ein Affront: Er will sich die Möglichkeit offen halten, die mächtigen Assyrer um Hilfe zu bitten – eine brutale Supermacht, viel schlimmer als die jetzigen Feinde.

Gott ist genervt davon, wie dieser König hier herumlaviert. Wenn sich Ahas eine andere Schutzmacht sucht als Gott, steht damit auch die besondere Beziehung Gottes mit dem Königshaus aus Davids Linie in Frage. Und damit die Zukunft des Volkes Gottes. Also kündigt der Prophet von sich aus ein Zeichen an, ungebeten: Ein Kind wird in Kürze zur Welt kommen, das seine junge Mutter „Immanuel“ nennt: „Gott mit uns“. Bevor der Kleine gut und böse unterscheiden kann, sagt Jesaja gleich anschließend, werden die Reiche der Aggressoren verwüstet sein. Leider auch der größte Teil von Ahas’ eigenem Königreich, weil Ahas – das zeichnet sich schon ab – auch diese erneute Einladung zum Vertrauen ausschlägt.

Die gute Nachricht in der schlechten Nachricht lautet: Es ist kein totaler Untergang, der jetzt droht. Aber es bleibt unklar, ob der Name „Immanuel“ ein dankbares Bekenntnis, oder ein trotziges ist, oder vielleicht auch nur ein verzweifeltes Flehen.

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Ilya Yakover

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Ein Mann im Belagerungszustand. Das können wir verstehen: Auch für uns Heutige scheint die Frage eher die zu sein, welches der vielen Unheile, die derzeit drohen, uns zuerst erreicht:

  • Die Atomraketen aus Nordkorea und Donald Trumps Vergeltung?
  • Die Folgen der Kriege in der Ukraine und Syrien?
  • Die nächste große Wirtschaftskrise, gegen die sich nur wenige Superreiche versichern können?
  • Das labile Klima unseres Planeten – Stürme, Dürren, Überflutung?
  • Der massive Rechtsruck in Polen, Ungarn, Österreich und Sachsen mit seinem aggressiven Argwohn gegen alles Fremde und jeden, der aus der völkischen Reihe tanzt?

Aus Angst vor vermeintlichen Gefahren wenden sich auch heute viele an Helfer, die noch größeren Schaden anrichten. Irrsinnigerweise sind (in Ungarn, Polen oder den USA) auch viele fromme Christen darunter. Sie gewinnen kurzfristig an Sicherheit und opfern langfristig ihre Freiheit, wenn sie knallharte Machtpolitiker wählen, die Meinungs- und Pressefreiheit abschaffen oder ständig den Finger ab Abzug haben.

Kein Zweifel: Auch davon ist Gott genervt. Er hat es satt. Was wird er dagegen unternehmen?

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Er unternimmt Folgendes:

Fast 800 Jahre nach Jesaja legt der Evangelist Matthäus den Satz von der Jungfrau und dem Immanuel einem Engel in den Mund, der Josef im Traum erscheint und ihn auffordert, die schwangere Maria nicht zu verlassen.

Wieder macht Gott seinem Volk in schweren Zeiten ein Angebot. Wieder durch die Geburt eines Kindes.

Nur hat Herodes das, was Ahas noch überlegte, längst hinter sich: Er ist bereits mit einer brutalen und gierigen Supermacht verbündet. Die Römer garantieren, dass seine Sippe an der Macht bleibt. Er ist König von Augustus Gnaden, so wie Assad in Syrien heute nicht ohne Putins Hilfe regieren könnte. Herodes ist paranoid, prunksüchtig, gewalttätig und heimtückisch, wie der Kindermord von Bethlehem beweist. Sogar ein paar seiner eigenen Söhnen ließ er umbringen, damit sie ihn nicht vom Thron verdrängen. Der neugeborene Immanuel – Jesus – muss mit seinen Eltern vor Herodes nach Ägypten fliehen. In jenes Land, dessen König zu Moses Zeiten kleine israelitische Jungs ermorden ließ. Aus Gründen der staatlichen Sicherheit, wie es dann immer heißt.

Gott ist genervt vom Verhalten der Mächtigen. Für Herodes ist die Geburt des Immanuel der Anfang vom Ende, ein Zeichen seines Untergangs. Die mörderische Intrige gegen das Jesuskind schlägt fehl. Er stirbt nach qualvoller Krankheit, seine Dynastie tritt ab. Statt seiner Söhne regiert jetzt ein römischer Statthalter in Jerusalem. Die Stimmung im Land ist so polarisiert, dass noch zwei Generationen später heftige Unruhen ausbrechen. Die Stadt und der Tempel werden dabei zerstört. Nur ein Rest überlebt und zerstreut sich über die ganze Welt – Jesaja reloaded.

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Jesus, der neue Immanuel, wächst inmitten dieser Ereignisse auf. Die Evangelisten sehen in ihm das Gegenbild zu einer Politik der Angst, der Korruption und Ausbeutung, des Vertrauens auf Rüstungstechnik, Waffengewalt und Geheimpolizei. Er wird gut und böse provokant anders unterscheiden als die meisten seiner Zeitgenossen. Er wird zur Gewaltlosigkeit aufrufen, zum friedlichen Aufstand gegen Macht und Mammon, zum radikalen Vertrauen auf Gottes Fürsorge, sein Mit-Sein mitten in den Turbulenzen des Lebens. Wie Jesaja ruft er Menschen auf, in einer alternativen Welt zu leben, die von Gott und seiner Treue bestimmt wird, und sich keine Angst einjagen zu lassen.

Der Immanuel zeigt: Gott hat sich durch die Hintertüre in die Welt geschlichen. Er ist mit den Armen, mit den Friedfertigen, mit den Leidenden, er ist einer von ihnen und teilt ihr Leben. Er erleidet wie sie den Hass, der ihm von den Unterdrückern entgegenschlägt, und ebenso die Wut des Mobs, der Sündenböcke sucht und Blut sehen will.

Mob und Macht versuchen diese Störung aus der Welt zu schaffen, aber am dritten Tag ist sie wieder da und breitet sich aus wie ein Gerücht, von Mund zu Mund und Herz zu Herz. Ein Gerücht von der Treue Gottes denen gegenüber, die ihm vertrauen. Selbst im Angesicht von Krisen, Krieg, Katastrophen und Tod.

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Gott ist genervt von allem, was Menschen zerstört, ihre Würde mit Füßen tritt, Zusammenhalt und Vertrauen zersetzt, Gewinn über Gemeinwohl stellt. Er hat sich endgültig auf die Seite all derer geschlagen, die unter Unrecht leiden und nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Nun fordert er uns heraus, uns zu ihm zu stellen. Und unsererseits darauf zu vertrauen, dass Gottes Macht größer ist als all die Drohungen, denen wir uns ausgesetzt sehen.

Weihnachten – das ist aus der Jesaja-Perspektive die Frage, welcher Schutzmacht wir uns anvertrauen, einzeln und gemeinsam. Und was dabei aus uns wird. Vielleicht haben sogar einige der Dinge, die uns an Weihnachten genervt haben, mit solchen Schutzmächten und unserer Abhängigkeit von ihnen zu tun:

  • Dem wehrhaften Nationalstaat mit Polizei, Armee (und, wenn nötig, Bürgerwehren)? Der stellt Ordnung über Leben, Überwachung über Vertrauen und Gleichschritt über Freiheit.
  • Der Supermacht des freien Marktes, des Geldes und des cleveren Kalküls? Sie bringt wenige Gewinner und viele Verlierer hervor. Sie stürzt mich in die Tretmühle der Selbstoptimierung – und wenn alles ausgereizt ist, werde ich ausgemustert.
  • Starken und aggressiven Anführern, die laut, rücksichtslos und breitbeinig daherkommen und von sich behaupten, für „das Volk“ zu sprechen? Sie leben von Opfer-Typen und Opportunisten, beuten Angst, Neid und Hass aus. Sie spalten und säen Misstrauen. Andere machen sie innerlich kleiner, um selbst größer zu wirken.
  • Der Hoffnung auf Ruhm, Bewunderung und Anerkennung auf den analogen und digitalen Bühnen dieser Welt? Statt ich selber zu sein (und zu entdecken, was das eigentlich bedeuten würde), werde ich immer überlegen, was gerade gefragt ist und gut ankommt. Was Beifall (die „Likes“) oder Aufsehen erregt (die beliebten „Tabubrüche“). Was eben gerade als Projektionsfläche vorhandener Stimmungen taugt.

Ständig werden wir bewertet und beurteilt. Das strengt an und macht müde. Kein Wunder, dass wir genervt sind. Weihnachten ist eine Gelegenheit, dem auf die Spur zu kommen, was uns das Leben wirklich verleidet.

Und dann die Alternative zu betrachten: Ich vertraue dem Einen, der als Kind kam und es nicht als Zumutung empfand, klein zu sein. Der auch als Erwachsener Vertrauen schenkte und sich verletzlich machte. Der nicht das eigene Überleben und Wohlergehen im Sinn hatte. Der Menschen nicht taxierte und sich überlegte, welchen Nutzen sie für ihn wohl haben. Der Leute zusammenbringt, die sich von selbst nie zusammenfinden würden. Dem Immanuel.

Es ist riskant, Gott zu vertrauen. Es ist schwer, sich von ihm allein beschenken und beschützen zu lassen. Aber es ist auch der Weg zu einem erfüllten Leben – und zum Frieden mit mir selbst, meinen Mitmenschen und Gott.

Sein Segen und Wohlgefallen sei mit uns allen.

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Einfach weitergehen

Die tapferen Taten in den Alten Geschichten und Liedern, Herr Frodo: Abenteuer, wie ich sie immer nannte. Ich glaubte, das waren Taten, zu denen die wundervollen Leute in den Geschichten sich aufmachten und nach denen sie Ausschau hielten, weil sie es wollten, weil das aufregend war und das Leben ein bisschen langweilig, eine Art Zeitvertreib, könnte man sagen. Aber so ist es nicht bei den Geschichten, die wirklich wichtig waren, oder bei denen, die einem im Gedächtnis bleiben. Gewöhnlich scheinen die Leute einfach hineingeraten zu sein […]. Aber ich nehme an, sie hatten eine Menge Gelegenheiten umzukehren, wie wir. Nur taten sie es nicht. Und wenn sie es getan hätten, dann wüssten wir’s nicht, dann dann wären sie vergessen worden.

Wir hören von denen, die einfach weitergingen – und nicht alle zu einem guten Ende, wohlgemerkt; zumindest nicht zu dem, was die Leute in der Geschichte, und nicht die außen, ein gutes Ende nennen. Du weißt schon, nach Hause kommen und feststellen, dass alles in Ordnung ist, wenn auch nicht ganz wie vorher – wie beim alten Herrn Bilbo. Aber das sind nicht immer die besten Geschichten zum Hören, obwohl sie die besten Geschichten sein mögen, in die man hineingeraten kann!

Ich möchte mal wissen, in was für einer Geschichte wir sind.

Samweis Gamdschie im 4. Buch des „Herrn der Ringe“

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Matthew Kalapuch

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Situationsethik – christlicher als ihr Ruf

Für viele (vor allem alle Verfechter „klarer“, weil buchstabengebundener Ge- und Verbotsethik) ist das ja ein heikler Begriff, lässt er doch vermuten, dass man sich mit Verweis auf passende Umstände alles moralisch so hinbiegen könnte, wie man will.

Allerdings lässt sich das Gebot der Nächstenliebe auch unter Situationsethik im weiteren Sinn einreihen: Wer der/die Nächste ist, das entscheidet sich immer in einer konkreten Situation, denn es geht nicht um eine bestimmte Eigenschaft dieser oder jener Person, sondern um die Tatsache, dass ich gerade jetzt mit ihr zu tun habe. Darum, wie wir gerade situiert sind. Deswegen antwortet Jesus in Lk 17 auf die Frage „wer ist mein Nächster?“ damit, dass er eine Situation schildert, in der das deutlich wird. Und der Samariter hilft in der Geschichte ja nicht, weil er ein Gebot im Hinterkopf hatte, sondern weil er von der Not des Mitmenschen angerührt wurde – so definiert sich Barmherzigkeit.

Toa Heftiba

Ob man die oder den Nächsten im Internet-Zeitalter noch ausschließlich räumlich bestimmen kann (oder ob Raum anders zu bestimmen wäre), ist eine wichtige Frage. Unsere Situationen sind komplexer geworden: Wir bekommen Notlagen anderer in Echtzeit mit, die tausende Kilometer entfernt sein können. Manchmal können wir direkt reagieren, oft nicht. Aber heißt das, dass wir gar nicht zu reagieren brauchen? Auch deswegen wird es ja immer schwerer, eindeutige Normen zu bestimmen, die jeder Situation angemessen sind.

Aber eines lässt sich sagen: Wenn man sich an der Liebe zum Nächsten orientiert, wird alles Tun radikal menschen- und situationsbezogen sein.

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Lieder:liche Beobachtungen

Immer wieder mal beschäftigt mich die Frage, was wir so alles singen und was das transportiert. Und in diesem Jahr wird das Ganze noch etwas eingefärbt durch die vielen Erinnerungen und Rückbesinnungen auf die Reformation. Vor ein paar Wochen habe ich mit Grundschülern Mike Müllerbauers Bratkartoffel-Superpfanne-Song betrachtet und mit Luthers reformatorischer Erkenntnis verglichen. Alle Kinder fanden, Luther hätte das Lied gemocht und eines fügte noch nachdenklich hinzu, wenn es damals schon solche Lieder gegeben hätte, hätte Luther nicht so lange mit seinen Ängsten und Gewissensnöten kämpfen müssen.

Gestern nun habe ich noch eine Weile über Albert Freys „Jesus Erlöser der Welt“ nachgedacht. Das Lied – kein Kinderlied – beginnt ja mit „Was für ein Mensch“ und spielt damit auf Joh 19,5 an. Die folgenden Zeilen stellen mir allerdings nicht den gefangenen und geschundenen Jesus vor Augen, sondern sie sind eine Aufzählung der massivsten Wundergeschichten, die die Evangelien hergeben: Sturmstillung, Seewandel, Weinwunder und Brotvermehrung. Das Übernatürliche steht ganz im Mittelpunkt. Die Heilungswunder, die Gottes Barmherzigkeit im Kontext menschlichen Leides sichtbar machen, fehlen hier zu meiner Überraschung auch.

Im Sinne der Zweinaturenlehre intoniert dann der zweite Vers „Was für ein Gott…“ und handelt von Menschwerdung, Demut und Selbsthingabe. Wobei das konkrete Leiden hier nur angedeutet wird, es bleibt implizit („der alle Schuld dieser Erde … auf sich nimmt“).

Mich hat die Verschiebung des Kontextes interessiert, die in der ersten Strophe gegenüber dem Johannesvangelium stattfindet. Und da kommt wieder Luther ins Spiel, nämlich die Heidelberger Disputation von 1518 und die Frage nach dem Ort der Gotteserkennntnis. Zugegeben – ein strenger Maßstab. Da heißt es unter anderem:

Aber der (verdient ein rechter Theologe genannt zu werden), der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als in Leiden und Kreuz sichtbar gemacht begreift. Das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes – d.h. seine Menschlichkeit, Schwachheit, Torheit – ist dem unsichtbaren entgegengesetzt, wie 1.Kor 1,25 von der göttlichen Schwachheit und Torheit sagt. Weil die Menschen nämlich die Erkenntnis Gottes aufgrund seiner Werke mißbrauchten, wollte nun Gott aus dem Leiden erkannt werden.

Luther wendet sich hier gegen eine metaphysische Gottesvorstellung, die Gott in Gegensatz zu menschlicher Schwäche, Verwundbarkeit und Ohnmacht stellt. Wenn man ausgerechnet das ecce homo so aus der Passion löst, dann liegt der Schluss nahe, dass sich das Göttliche im Menschen Jesus am deutlichsten in den Augenblicken zeigt, wo er souverän die Naturgesetze überstimmt.

Auf der persönlichen Ebene lässt mich das Lied dann auch eher ratlos zurück: Weinwunder und Seewandel gehören nicht zu meinen persönlichen Glaubenserfahrungen. Der Verweis darauf im Lied konfrontiert mich daher mit einer Leerstelle im Erleben. Es weist mich auch nicht an die alltäglichen, im Bereich des Natürlichen und Kreatürlichen angesiedelten Gottesbegegnungen. Es bietet mir an, in die Bewunderung aus der Ferne einzustimmen. Um Nähe und Trost zu finden, muss ich auf ein anderes Lied warten – und erst einmal meine Irritation verdauen.

Hat jemand einen Vorschlag, was ich stattdessen singen könnte? Oder sollte ich mir einfach weniger Gedanken machen?

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Gott – kein Er/Sie/Es

Personsein und Geschlechtlichkeit lässt sich für uns Menschen schwer trennen, das zeigt die Debatte um das „Dritte Geschlecht“. Wenn wir aber den Personbegriff auf Gott beziehen, dann verstellt uns die Kategorie „Geschlecht“ den Blick und erschwert es, zu sinnvollen Aussagen zu gelangen: 

Als Subjekt seiner Geschichte ist Gott aber, wie Karl Barth sagt, „Nicht ein Es…, aber auch nicht ein Er wie geschöpfliche Personen, sondern … immer ein Ich.“ Heute müssen wir hinzufügen, Gott ist auch nicht eine „Sie“. Aus seiner Geschichte erschließt sich vielmehr, dass der „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Ex 3,14) nicht weniger denn als Person gedacht werden kann.

Gunda Schneider-Flume in ihrem sympathischen „Grundkurs Dogmatik“

Alex Iby

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Er spricht wieder

Zum Ende des Kirchenjahres kommen düstere Themen und Gestalten zur Sprache – Dämonen zum Beispiel. Liegt’s am trüben Novemberwetter, braucht es diesen Griff in die Gruselkiste? Ganz sicher brauchen können wir die Haltung, die aus den biblischen Texten dazu spricht: Alles andere als resignativ ist sie, kämpferisch und voller Hoffnung. Wie zum Beispiel in diesem Abschnitt aus dem Lukasevangelium:

Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

An der Fassade vieler älterer Kirchen gibt es Wasserspeier. Dämonen wurden da aus dem Stein gemeißelt als skurrile Fabelwesen, aus deren Rachen einst das Regenwasser spritzte. Wer unachtsam darunter stand, konnte empfindlich nass werden. Die Steinmetze hatten ganz offensichtlich ihren Spaß an den finsteren Gestalten. Drinnen in der Kirche, auf den Altären und den Fenstern, sind Heilige und Szenen aus der Bibel abgebildet. Draußen aber haben die bösen Geister ihren Platz – als Erinnerung daran, dass in dieser Welt nicht nur gute Kräfte am Werk sind. Und vielleicht auch daran, dass wir nicht immer alles verstehen und exakt einordnen können, was um uns herum passiert.

Diese Faszination für skurrile Fratzen und Fabelwesen begegnet uns heute eher in der Fantasyliteratur – von Harry Potter bis zum Herrn der Ringe und von der Twilight-Saga bis Game of Thrones. Dort haben Geister und Dämonen an den Rändern unseres aufgeklärten Denkens – auch irgendwie „draußen“ – ganz genüsslich überlebt. Aber die konkrete Erfahrung, dass es zerstörerische Kräfte draußen in der Welt gibt, oder Orte mit einer bedrückenden Atmosphäre, die teilen wir mit Jesus und seinen Zeitgenossen. Wir reden ja auch ab und zu vom „Ungeist“ des erstarkenden Rechtsextremismus oder der Rechthaberei in der Kirche, und von den „Dämonen der Vergangenheit“, wenn Rassisten ihre Fackelzüge abhalten und ihre Macht wieder öffentlich zur Schau stellen.

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Wenn in der Bibel von Dämonen die Rede ist, dann geht es dabei um Erfahrungen von Ohnmacht. Wir sehen das hier ganz konkret: Ein Mensch, der keinen Ton mehr herausbringt, ist in vieler Hinsicht hilflos. An den Gesprächen seiner Umgebung nimmt er nicht mehr teil. Aber auch seine Familie und Freunde sind hilflos. Sie müssen erraten, was er braucht und wie es ihm geht, sie bleiben im Ungewissen darüber, was er von ihnen hält und was ihn quält. Beziehungen, in denen nicht mehr geredet wird (oder in denen nur noch einer redet), sind voller Leid. Wer sich als ohnmächtig erlebt, der hat – so sagen wir – nichts zu melden.

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Cristian Newman

Nicht alle, die glauben, nichts zu melden zu haben, verstummen freilich darüber. Manche werden tatsächlich wütend. Leider auf die falschen Leute. Die Zeit schrieb dazu jüngst:

„In letzter Zeit scheint es doch so, dass immer mehr Menschen wütend sind, auf die Politik, auf die Eliten. Sie sind es aber weniger, weil das oberste Prozent ihnen seit Jahrzehnten gigantische Summen wegnimmt, sondern eher aus Angst, dass ihnen die  – zuwandernden – untersten Prozente in Zukunft etwas wegnehmen könnten. Dabei haben die sprichwörtlichen 99 Prozent hier einen gemeinsamen Gegner.“

Einstweilen also bekämpfen Schwache die noch Schwächeren: Geringverdiener lassen sich gegen Hartz-IV-Empfänger aufhetzen, Osteuropäer und Russlanddeutsche gegen Muslime und so weiter. Auch das ist eine Form von Aberglauben: Schlag den Schwächeren, dann geht’s dir bestimmt besser. Ein Aberglaube, die Ohnmacht eher steigert als überwindet. Das Geld der Reichen und Mächtigen liegt derweil unangetastet irgendwo zwischen Panama und Paradise.

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Zurück zu unserer Geschichte: Besatzung und Besessenheit, Übermacht und Ohnmacht hängen offenbar zusammen. Es ist wohl kein Zufall, dass in weiten Teilen des Alten Testaments von Dämonen nicht die Rede ist; damals war Israel zwar gefährdet, aber relativ frei. Jesus dagegen hat im von den Römern – einer brutalen Militärdiktatur – besetzten Palästina häufig solche verstörenden Begegnungen mit Besessenen. Allerdings wird das alles nicht genüsslich ausgemalt und breitgetreten. Nüchterner, ja einsilbiger lässt sich der Vorfall kaum beschreiben, als Lukas das hier tut: Der Besessene ist stumm. Jesus treibt den Geist aus. Der Mann redet wieder. Die Leute staunen. Fertig. Null Gruseleffekte. Keine sensationelle Action.

Manche von Ihnen würden vielleicht zustimmen, wenn ich sage: Dass Männer den Mund nicht aufbekommen, ist ja innerhalb gewisser Grenzen nichts Ungewöhnliches. Hier freilich stellt sich die Frage: Wann hat dieser Mann aufgehört, sich mitzuteilen? Fand er nichts Bedeutsames mehr zu sagen, verzweifelte er am Sinn des Redens, fehlten ihm die Worte für den Schmerz oder die Leere? Und was waren die ersten Worte, die dann sprach: Hat er sich bei Jesus bedankt? Hat er nach seiner Frau und seinen Kindern gefragt? Hat er endlich verraten, was ihm die Sprache verschlagen hatte?

Wir erfahren all das auch deshalb nicht, weil die Geschichte schon weitergegangen ist: Es entbrennt nämlich ein Streit darüber, wie das alles zu deuten ist – wie die Dämonen wirken, und vor allem durch wen.

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Jesu Kritiker, die nicht näher charakterisiert werden, bedienen sich einer waschechten Verschwörungstheorie. Kurz zusammengefasst lautet sie: Alles nur Theaterdonner, alles nur üble Maskerade. Jesus bringt nur scheinbar Befreiung von den bösen Geistern, in Wirklichkeit ist er der gerissenste Agent des Bösen. Die Nebenwirkungen seiner Therapie sind schlimmer als die Krankheit, die er damit zu kurieren scheint: Er führt Menschen noch weiter weg von Gott und einem gelingenden Leben. Er nimmt ihnen auch noch das letzte bisschen Kraft und Würde.

Einen Gegner zu dämonisieren, ihn als das absolut Böse oder dessen williges Werkzeug hinzustellen, war damals ein beliebtes Mittel der Auseinandersetzung, das war es im Mittelalter und während der Reformation, und das ist es heute noch. Mehr Misstrauen geht nicht. Diese Woche haben wir uns an die Reichspogromnacht erinnert. Sie hat gezeigt, wohin so etwas führt. Auch wir Menschen des 21. Jahrhunderts kennen solche Verschwörungstheorien. Sie erklären angeblich alles und ändern nichts. Im Bus, beim Friseur, in der Kantine sind sie zu hören. Sie ergießen sich über das Internet in die Köpfe und Gespräche wie der Schwall kalten Novemberregens aus einem Wasserspeier:

  • Die Anschläge vom 11. September wurden von der CIA oder vom Mossad inszeniert.
  • Die Bundesregierung holt Flüchtlinge ins Land, weil sie das „Staatsvolk“ austauschen will.
  • Die Kirchenleitung will Bibel und Bekenntnis abschaffen.
  • Die Kondensstreifen am Himmel bestehen nicht aus harmlosen Eiskristallen, sondern giftigen Chemikalien.
  • Und wenn jemand diesen wirren Spekulationen widerspricht, beweist das bloß, dass die Presse lügt und wie mächtig und allgegenwärtig die Feinde längst schon sind.

Sascha Lobo bezeichnete diese Geisteshaltung vor einiger Zeit als „Pseudoskepsis“. Diese “zweifelt an allem außer an sich selbst.“ Das trifft auch auf Jesu Kritiker zu: Sie zweifeln an allem außer an sich selbst. Wenn jemand anders als sie Macht über Dämonen hat, kann diese nur aus einer dunklen Quelle kommen. Ihre Welt der Dämonen ist genauso militärisch organisiert wie das römische Weltreich. Sie folgt derselben Einteilung der Welt in oben und unten, Freund und Feind, nach der auch das heidnische Imperium funktioniert.

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Jesus dreht den Spieß nicht um, er dämonisiert seine Gegner nicht. Sondern er zeigt ihnen, dass ihre Behauptungen erstens widersprüchlich sind, und dass sie zweitens darüber den Blick für Gottes Wirken verloren haben. Denn jemand, der keine Stimme hat, vor aller Welt wieder spricht, dann ist das kein böser Trick, sondern erkennbar Gottes Werk. Es hat eine geistliche Dimension: Der stumme Mann war ein Ebenbild jener „stummen Götzen“, die Griechen und Römer anbeten. Jetzt spricht er. So ist er Ebenbild des Gottes Israels, der zu uns Menschen spricht und sich mitteilt: Vom Beginn der Welt an bis jetzt, wo er sich in Jesus aufmacht, die Welt neu zu machen.

In den alten und neuen Verschwörungstheorien begegnet uns die ungesunde Faszination des Bösen. Es erscheint übermächtig und allgegenwärtig. Jesu Gegner sind ihr erlegen. Sie finden nichts zu sagen über Gott. Sie erkennen Gottes Wirken selbst dann nicht mehr, wenn es vor ihrer Nase geschieht. Sie sehen nicht, dass das gewünschte „Zeichen vom Himmel“ längst da ist. In dieser Hinsicht sind sie genauso blockiert wie der Stumme.

Jesus setzt dagegen die Faszination des Reiches Gottes. Es überwältigt nicht den Menschen, sondern die Ohnmacht. Es kommt von unten und aus dem Nichts, durch einen Wanderprediger aus der galiläischen Provinz. Es kommt klein und punktuell, immer umkämpft, aber es kommt unaufhaltsam. Das Bollwerk der Macht bekommt Risse – einen nach dem anderen.

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Jesus schließt mit dem Angebot, sich von dieser unguten Fixierung auf das Böse und die Ohnmacht befreien zu lassen, Ohnmacht und Passivität zu überwinden und sich ihm anzuschließen. Wie wäre es also, wenn wir in der neuen Woche nicht nach Missständen und Problemen suchen – die gibt es zuhauf –, sondern nach Zeichen für Gottes Wirken? Vielleicht können wir dabei sogar zu seinen Komplizen werden, selbst Zeichen setzen?

Menschen, die keine Stimme haben, gibt es genug: Arme ziehen sich verschämt aus dem öffentlichen Leben zurück, Fremde werden bestenfalls geduldet und können sich kaum wehren gegen Behördenwillkür, politische Häftlinge werden von auoritären Regimes mundtot gemacht, psychisch Kranke reden nicht über ihr Leiden, weil sie nicht in den Verdacht geraten wollen, verrückt und gefährlich zu sein.

Wenn wir in solchen Momenten nicht stumm bleiben, sondern ein Wort für andere einlegen und mit ihnen sprechen, dann kann das viel bewirken. Darin steckt nicht nur ein Vorgeschmack auf Gottes Reich, dann ist es schon angebrochen.

Und wenn mal wieder jemand Verschwörungstheorien zum Besten gibt, erzählt von solchen Erfahrungen. Erfahrungen, die zeigen, dass Gott nicht fern ist und das Böse nicht übermächtig.

Selbst wenn (was unwahrscheinlich ist!) niemand anders Euch hören will – Gott hört zu. Macht mutig den Mund auf. Dafür hat er Euch eine Stimme gegeben.

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Jenseits der Machthaber und Rechthaber

In einer wenig bekannten und reichlich dramatischen Geschichte im 2. Buch der Könige wird Samaria belagert. Drinnen stehen sich der Machthaber, der König von Israel, und der Rechthaber vom Dienst, der Prophet Elischa, gegenüber: Zwei Typen, die man auch (oder gerade?) in den Kirchen häufiger antrifft.

Die wahren Helden des spannenden Dramas sind allerdings ganz andere Leute. Wer die sind und was sich eventuell von ihnen lernen ließe, das könnt Ihr hier anhören:

Ein König kriegt die Krise

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rawpixel.com

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Doppelt Wehmut

Wehmut trifft meine momentane Stimmungslage gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen, weil ich nach intensivem Fragen und Nachdenken zu dem Entschluss gekommen bin, nach dem Ende des Vikariats im kommenden Herbst Erlangen zu verlassen. Nach 25 Jahren und vielen unschätzbaren, prägenden Erfahrungen mit einer rundherum außergewöhnlichen,   engagierten Gemeinde wird das ein gewaltiger Umbruch für mich persönlich und die ganze Familie.

Nun, wo der Abschied in Sichtweite kommt, färbt das auch die Erinnerungen noch einmal anders ein. Mit Wehmut, laut Wikipedia „ein Gefühl zarter Traurigkeit, hervorgerufen durch Erinnerung an Vergangenes“. Kein Abschied ohne Schmerzen – aber Schmerzen der guten Art, denn sie zeigen, was wertvoll ist.

Die Stelle für den Probedienst, so heißt die nächste Etappe von drei Jahren, kann man sich nicht aussuchen, die wird einem zugewiesen. Das heißt, die Zukunft ist noch nicht sichtbar, also kann die Vorfreude auf das Neue die Wehmut auch nicht überlagern oder kompensieren (es wäre wohl auch gar nicht gesund).

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Ein Bild, das mich trägt, ist für mich in dieser Situation das der keltischen peregrinati – insbesondere die Geschichte jener Mönche, die ihr Coracle bestiegen, aufs Meer hinausfuhren und dann die Ruder über Bord warfen – im Vertrauen auf Gott und in der Erwartung, dass er Gottes Wind ihr kleines Boot schon an den richtigen Ort weht (und ich unterwegs nicht an den Klippen des zweiten kirchlichen Examens zerschelle…).

Das ist die andere Art von Weh-Mut: Der abenteuerliche Entschluss loszulassen, sich auf eine Situation einzulassen, die man nicht beherrscht, zu vertrauen. Nicht in der naiven Vorstellung, dass das Neue einfacher, schöner oder besser wäre. Aber sehr wohl in der Erwartung, Gott an dem neuen Ort, an den es mich hinweht, zu entdecken und mich dem anzuschließen, was er dort tut.

Bis auf Weiteres werden beide Formen von Wehmut mich begleiten. Der Anker ist gelichtet, das Boot schaukelt auf dem Wasser.

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Nicht ganz dicht?

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem CSU-Stammwähler. Er hatte bei der Bundestagswahl grün gewählt, weil er Merkel unterstützen wollte – aber Seehofer ablehnt, der Staatsanwälte gegen Pfarrer einsetzt, die Kirchenasyl gewähren, der Obergrenzen für Humanität fordert, den Nationalisten und Autokraten Viktor Orbán hofiert oder die Lügen der heimischen Autoindustrie viel zu lange schöngeredet und belohnt hat.

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Tim Gouw

Nun hat die CSU ein historisch schlechtes Wahlergebnis eingefahren und Seehofer will „die rechte Flanke“ dicht machen. Sein Kollege Tillich aus Sachsen tutet ins gleiche Horn. Auch der hatte sich nach rechts nur äußerst ungern und selten abgegrenzt, immer viel „Verständnis“ für den Rassismus, die Islamophobie, die Europafeindlichkeit, den passiv-aggressiven Autoritarismus, der der AfD so viele Stimmen beschert hat, und einen ähnlichen Hang zum Exzeptionalismus.

Dieses Verständnis hat die Rechten jedoch erst richtig stark gemacht. Ein kurzer Blick nach Österreich hätte genügt, um zu verstehen, dass das nicht funktioniert. Im Zweifelsfall wählen die kulturell Abgehängten (oder „der Ostmann“) eben das giftige Original, nicht die Kopie, die letztlich doch wieder mit der Hassfigur Angela Merkel kooperiert. Nach dem Austritt aus der AfD denken Petry und Pretzell nun auch noch laut über eine Art „bundesweite CSU“ nach. Dann bliebe rechts noch weniger Platz zum Rutschen.

Einigen Funktionären dämmert schon, dass die rechte Flanke nicht mehr „dicht“ zu kriegen ist, wenn man die Mitte nicht verlieren will. Etwa, indem man die Entfremdung zwischen Partei und katholischer Kirche weiter verschärft, die – anders als in Polen und Ungarn – keinen nationalkonservativen Kurs stützt. So oder so dürfte die Ära der absoluten CSU-Mehrheiten mit dem Einzug der neuen Rechten in die Parlamente dem Ende entgegen gehen.

Es ist also einiges in Bewegung. Das könnte für Bayern durchaus eine gute Nachricht sein. Allen Klartextverliebten in der CSU, die so gern „Kante zeigen“, sollte inzwischen klar sein: Es kann nicht darum gehen, noch weiter nach rechts zu rutschen. Stattdessen gilt: Abstand wahren, und das bitte konsequent, und bitte gleich.

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