Wie kann es sein, dass der Tod eines einzelnen sich auf das Leben vieler, möglicherweise aller Menschen auswirkt? Was für die einen eine Selbstverständlichkeit ist, die sie nie angezweifelt haben, ist für andere schwer einzusehen. Die Tage haben wir das wieder einmal in einer Gesprächsrunde diskutiert.

So lange wir uns in der Metapher von Kult und Opfer bewegen, ist die Sache klar. Da gehört (ähnlich wie im magischen Denken) die „Stellvertretung“ zu den ungeschriebenen Regeln des Spiels: Ein Opfertier repräsentiert eine Gruppe von Menschen, und dann kann auch das Lebewesen noch durch Lebensmittel ersetzt werden und es ist immer noch ein „gültiges“ Opfer, das seinen rituellen Zweck erfüllt.

Was aber, wenn diese Selbstverständlichkeit nicht schon da ist? Welche Analogien lassen sich dann finden? Stellvertretung „funktioniert“ in unserer Gesellschaft über Institutionen und Strukturen. Die ermächtigen Menschen, für ganze Gruppen als deren Repräsentanten Entscheidungen zu treffen und Zusagen zu geben, im Gegenzug gibt es (wenigstens auf dem Papier) eine Pflicht zur Rechenschaft und regeln für die Entscheidungsfindung. Der Bundespräsident kann nur ein Gesetz unterschreiben, das der Bundestag zuvor beschlossen hat, und manchmal muss auch der Bundesrat noch zustimmen.

Es gibt aber auch, und damit kommen wir Jesus wieder näher, eine charismatische, nichtinstitutionelle Form der Stellvertretung oder Repräsentanz. Wir finden sie in Bewegungen und deren Führergestalten. Und dann lassen sich ähnliche Aussagen finden: Als Martin Luther King ermordet wurde, da galt dieser Anschlag nicht nur ihm als Person, sondern der Bewegung, für die er stand. Er wusste von der Gefahr und nahm das Risiko bewusst auf sich. Insofern starb King für die Rechte der Afroamerikaner, man kann aber auch sagen, dass er "für alle Amerikaner" starb, denn der Rassismus belastete den Frieden im ganzen Land. Man kann vielleicht noch einen schritt weitergehen und sagen, er starb für alle Menschen, die in der einen oder anderen Form von Rassismus und sozialer Ausgrenzung betroffen sind - Opfer wie Täter. Ganz ähnlich lässt sich das von Oscar Romero sagen, der heute seliggesprochen wird für seinen todesmutigen Einsatz für die Armen. Und freilich galt dieser Einsatz auch den Reichen und Mächtigen, die er zur Umkehr rief.

Wenn wir bei Märtyrern sind – freilich nicht der völligen Perversion dieses Begriffs durch Selbstmordattentäter, sondern bei Menschen, die sich für die Würde und Rechte anderer einsetzen und dabei Gewalt erleiden – dann könnten viele Zeitgenossen auch noch mit, wenn wir sagen, sie setzen sich für etwas ein, das ihnen (und womöglich uns auch) „heilig“ ist. Etwa die Vision, die wir in der Erklärung der Menschenrechte formuliert finden. Wenn Menschen ihr Leben riskieren für etwas, das uns heilig ist, dann tun sie das in einem gewissen Sinn immer auch "für uns“ mit, sie repräsentieren alle Gleichgesinnten, und die Gewalt, die sie erleiden, wird von allen als persönlicher Angriff erlebt, die sich mit ihnen identifizieren.

Wenn wir von da aus auf Jesus zurückschauen und uns vergegenwärtigen, dass er quasi auf der Grenzlinie – beziehungsweise im Niemandsland – zwischen Juden- und Heidentum starb (oder in römischer Sprache: Römern und „Barbaren“), dann lässt sich das eben analog verstehen wie Kings Bedeutung für Angehörige aller Rassen und Völker oder Romeros für die Armen und deren Unterdrücker. Paulus scheint das in Galater 3,28 so verstanden zu haben, und er fügt den konfliktträchtigen Unterschied der Geschlechter dort gleich noch hinzu, ebenso wie die soziale Kluft zwischen Herren und Sklaven (das Kreuz war die Strafe der Herren für aufständische Sklaven). Ganz verschiedene Abgrenzungen und Identifikationen treffen also in diesem Punkt zusammen.

Es lassen sich also genug Kategorien für Konflikte und Zerwürfnisse finden, die auf uns zutreffen. Damit sind auch „unsere Sünden“ markiert und qualifiziert. Der Katholik James Alison hat sie in einer erfrischenden Interpretation des Sühnegeschehens summarisch so beschrieben: »… he was giving himself entirely without ambivalence and ambiguity for us, towards us, in order to set us “free from our sins” – “our sins” being our way of being bound up with each other in death, vengeance, violence and what is commonly called “wrath”.«

Inwiefern lässt sich das als „Erlösung“ deuten? Märtyrer wie King, Romero und andere weigern sich, sich in die ihnen zugewiesene Opferrolle zu fügen. Sie weigern sich ebenfalls, die gewaltsame Opfer-Täter-Relation einfach umzukehren. Sie demonstrieren damit eine Freiheit, sich über die Logik des Aufrechnens und der Vergeltung hinwegzusetzen. Sie räumen dieser Freiheit einen höheren Stellenwert ein als der eigenen Unversehrtheit und dem Überleben. Sie sind überzeugt davon, dass ein solcher Tod nicht sinnlos ist, sondern die Gewalttäter und deren Motive demaskieren, ihre fadenscheinigen Legitimierungen erschüttern und damit schließlich den Niedergang und Zerfall ihrer Macht herbeiführen kann.

Wenn man das nun in einem weiteren Interpretationsschritt zusammendenkt mit dem paulinischen „Gott war in Christus“, dann folgt daraus:

  • Gott solidarisiert sich mit den Opfern und öffnet den Tätern die Tür zur Versöhnung
  • Er „braucht“ keine Gewalt, sondern er stellt sie bloß in ihrer ganzen Abscheulichkeit
  • Er legitimiert auch keine menschliche Gewalt als „notwendig“
  • Er offenbart einen Gott, der frei ist von Rachegelüsten und Vergeltung (und sie auch nicht als „Strafe muss sein“ tarnt)
  • Er macht als Opfer von Gewalt das Angebot der Versöhnung
  • In dem allen wird ein Neuanfang möglich

Fortsetzung folgt, Teil 1 steht hier

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Nun ist der Bahnstreik (erst einmal?) wieder vorbei. Für alle, die sich schon drauf eingestellt hatten (und erst mühsam wieder umschalten im Kopf) oder noch am Zweifeln sind, ob es auch wirklich der letzte war, hier schon mal ein möglicher Soundtrack für die nächste Runde:

Slow Train Coming – Bob Dylan fährt im Regionalzug weiter

Homeward Bound - Simon und Garfunkel studieren den Notfahrplan

Downtown Train - Rod Stewart wartet vergeblich auf seine Mitreisende

Railway Hotel - Mike Batt hat den Anschlusszug verpasst

High Speed Train - REM fahren in einem ICE, der nicht in Wolfsburg hält

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Don't Answer Me - Alan Parsons in der Warteschleife der Bahn-Hotline

If I Could Turn Back Time - Cher wäre lieber mit dem Auto gefahren

Don't Leave Home - Dido sagt die Reise gleich ganz ab

On the Evening Train – Johnny Cash ist streikmüde

Nine Million Bicycles - wo hatte Katie Melua nochmal ihr Fahrrad abgestellt?

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Den Impuls für den folgenden Text hat mein Freund Andreas Ebert mir am vergangenen Samstag in einem Münchner Biergarten gegeben. Er ist nicht mehr als ein Zwischenstand. Ich habe auf jede Art der Absicherung gegen Missverständnisse verzichtet, weil auch das zu einem Bekenntnis gehört. Ich habe auch auf theologische Standardformeln so weit wie möglich verzichtet, weil sie meist ins Reich der Gewohnheit deuten.

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Ich glaube, dass im Ursprung alles gut ist und dass es das am Ende auch wieder sein wird. In der Zwischenzeit ist es, wie wir alle wissen, ziemlich kompliziert.

Ich glaube, dass diese Welt der Quanten und Quasare nicht von Ungefähr denkende und fühlende Wesen beherbergt, dass sie geistreich, kommunikativ und schöpferisch ist: Lebende Verbindungen, aus denen heraus Überraschendes geschieht – wie gute Poesie, zwischen deren Zeilen sich mehr andeutet, als ich erfasse.

Ich glaube, dass wir Denkende und Fühlende das Potenzial haben, über uns hinauszuwachsen, oder das Gute, das wir uns wünschen, zu sabotieren. Und dass wir beides tun. Doch mitten in dieser Geschichte des zaghaften Lernens und krachenden Scheiterns begegnen manche einer Stimme, die herausruft: Aus der Stadt in die Steppe, aus dem Frondienst in die Freiheit, von den Hecken und Zäunen an den gedeckten Tisch zu Wein, Musik und Tanz.

Ich glaube, dass dieser Ruf allen gilt und sich einzigartig ausspricht im Leben Jesu von Nazareth, der diese Botschaft nicht nur bringt, sondern ist. Weil er bei den Abseitigen erscheint und ihnen eine Stimme gibt, mit seiner Zuwendung soziale, mentale und physische Wunden heilt, die Nutznießer der alten Ordnung aufschreckt, eine Gerechtigkeit an den Tag legt, die noch ihre Feinde umarmt, und Menschen in eine herrschaftsfreie Ordnung einweiht, wird er des Verrats und der Verführung angeklagt und im Namen der Staatsräson zur Abschreckung von Nachahmern am Kreuz brutalstmöglich vernichtet.

Ich glaube, dass der Autor der kosmischen Poesie, die wir „Welt“ und „Geschichte“ nennen, die Gerechtigkeit vor den Mächtigen gerettet und damit ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. Sein Ruf der Liebe dringt durch das Leid, durch Hass und Gleichgültigkeit bis hinein in den absoluten Abgrund des Grabes. Das Neue beginnt dort – mit einer Person, die durch verschlossene Türen geht. Und es setzt sich fort in einer Gemeinschaft von Ausbrechern, die (gewiss oft zögernd und zweifelnd, dann aber auch wieder zielstrebig und mutig) soziale, kulturelle und ethnische Schranken überwinden.

Ich glaube, der Geist des Lebens befreit dazu, dass wir zu unserem verwundeten Menschsein stehen, mit uns selbst und anderen versöhnt leben, zerstörerischen Kräften in uns selbst und um uns her trotzen, und gelassen in die Zukunft schauen.

Ich glaube, dieses alltägliche Wunder ist der Vorbote einer großen Verwandlung.

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In den immer wieder aufbrechenden Diskussionen über die Frage, inwiefern die Kreuzigung Jesu von Nazareth eine Heilsbedeutung für die ganze Welt hat, geraten die Ebenen, auf denen wir diskutieren, oft durcheinander. Es geht um ein Ereignis, nämlich die Hinrichtung eines jüdischen Propheten nach einem politischen Prozess in Jerusalem zur Zeit des Passafestes (um nur ein paar wichtige Stichpunkte zu nennen), und um dessen Deutung.

Freilich kehrt sich dieser Zusammenhang für die meisten Christen insofern um, als sie eine bestimmte Deutung schon mitbringen, wenn sie die Ereignisse betrachten. Das führt dann tendenziell dazu, dass man die übernommene Deutung in den Texten wieder entdeckt und nicht auf die Idee kommt, sich noch nach alternativen Schlussfolgerungen umzusehen. Selbst dann nicht, wenn diese in der Bibel stehen, oder der Bibel ähnlich nahe stehen.

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Die bekannteste dieser Deutungen ist die vom stellvertretenden Strafleiden: Jesus erleidet am Kreuz die Strafe für die Sünden entweder der Mensch- oder zumindest der Christenheit (bzw. in der Regel noch präziser: der einzelnen Christen) und macht es damit möglich, dass Schuld aller Art vergeben werden kann. Im Umkehrschluss heißt das, dass eigentlich jeder einzelne Sünder diese grausame, zum qualvollen Tod führende Folter verdient gehabt hätte. Das andere Problem: Die einzige Instanz, die eine solche Strafe verhängen (und einen Deal zugunsten der eigentlich Schuldigen ermöglichen) könnte, ist Gott selbst. Veranlasst hier also der liebende Vater im Himmel die brutale Hinrichtung seines Sohnes? Und hätte das, wenn dieser Tod denn schon „notwendig“ war, nicht etwas humaner ausfallen können? Ist als Gewalt das Mittel der Wahl, mit dem Gott Frieden, Versöhnung und Ordnung in die Welt bringt?

Die Deutungen basieren alle auf Metaphern, also sprachlichen Bildern. Wenn wir heute zum Beispiel in den Nachrichten von einem „Dammbruch“ lesen (weil ein Gericht Sterbehilfe erlaubt, weil die Griechen einen Teil ihrer Schulden nicht zurückzahlen, weil die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte drastisch zunehmen), dann bricht da natürlich keine Mauer und kein Wall und es ergießt sich auch keine verheerende Springflut oder Schlammlawine, es werden geltende Konventionen außer Kraft gesetzt mit entsprechenden Folgen für die gesamte Gesellschaft.

[Gleichzeitig ist die Metapher vom Dammbruch auch ein Bild, das ganz bewusst darauf abzielt, aufzurütteln oder Ängste zu maximieren: Für einen Fundamentalisten ist jeder Akt der Bibelkritik ein „Dammbruch", weil damit die „objektive“ Autorität der Schrift insgesamt einem Urteil der „subjektiven“ Vernunft unterworfen wird – wer sich also heute fragt, ob die Pastoralbriefe von Paulus geschrieben wurden, der bestreitet morgen die Gottessohnschaft Christi oder rüttelt an den ewig gültigen Fundamenten der Schöpfungsordnung im Sinne der christlichen Ehe und Familie.]

Mit Metaphern ist es wie mit Modellen. Wenn ein (sprachliches, grafisches, dreidimensionales) Modell uns hilft, das Wesentliche an einem Vorgang oder Sachverhalt besser zu verstehen, hat es seinen Zweck erreicht. Der Stadtplan ist dazu da, dass ich den Bahnhof oder das Rathaus finde. Je intuitiver das geschieht, desto besser. Wenn es aber länger dauert, den Plan zu verstehen, als den Weg selbst zurückzulegen (und mich dabei notfalls durchzufragen), dann stellt sich die Frage, wie sachdienlich und wie nützlich mein Modell ist.

Metaphern laden zu Assoziationen ein. Wenn aber die spontanen Assoziationen eher befremdlich als erhellend ausfallen, dann erfüllen sie ihren Zweck nicht. Manche Begriffe und Bilder sind entweder nichtssagend oder verbrannt. Wollen wir also beurteilen, wie nützlich unsere Metaphern sind, dann muss sich das einerseits an den geschichtlichen Ereignissen orientieren, die sie erläutern sollen, und andererseits am Verstehenshorizont der Menschen hier und heute, denen diese Erläuterung gilt. Es gibt zum Beispiel Menschen, für die etwa die Metapher von Gott als „Vater“ genau das Gegenteil dessen anklingen lässt, was sie in den Evangelien meint: eine zugängliche, lebensbejahende, zärtliche und fürsorgliche Autorität. Ich kann nun ausgiebig lamentieren, wie verkommen unsere Gesellschaft ist und wie die verqueren Vorstellungen einzelner Gott im Weg stehen. Ich kann eine teuflische List dahinter vermuten, aber ich kann auch einfach die Metapher wechseln. Vielleicht lässt sich aus einem nicht nur intellektuell, sondern auch emotional geklärten Gottesbild irgendwann auch die Anrede „Vater“ irgendwann erlösen.

Womit wir wieder beim Thema wären.

Fortsetzung folgt

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Religion, schreibt Zygmunt Bauman, steht in der Postmoderne vor dem Problem, dass die Konsum- und Erlebnisgesellschaft das Thema Transzendenz weitgehend besetzt und aus dem Jenseits ins Diesseits verlagert hat. Für ein "Leben in Fülle" werden zahllose Techniken, Waren und Dienstleistungen angeboten, mit denen die einzelnen ihr Lebensglück optimieren können.

Swim at your own risk

Manchmal fällt die Orientierung schwer. Die postmodernste Form von Religion ist daher der Fundamentalismus, und der ist für Bauman gerade "keine kleine Nachwehe angeblich längst ausgetriebener, doch immer noch nicht ganz unterdrückter mystischer Sehnsüchte“ oder gar eine Flucht in die Vormoderne:

Der Fundamentalismus ist ein durch und durch zeitgenössisches, postmodernes Phänomen, das sich die „rationalisierenden“ Reformen und technischen Entwicklungen der Moderne voll und ganz zu eigen macht und weniger ein Rollback moderner Ansätze erreichen, als vielmehr den Kuchen essen und ihn behalten will: einen vollen Genuss moderner Attraktionen, ohne den Preis zu zahlen, den sie fordern.

Der "Preis" ist ein Leben unter den Bedingungen der permanenten Wahl mit der ständigen Sorge, das Beste und Entscheidende zu verpassen und die vorhandenen Möglichkeiten nicht befriedigend auszureizen. Damit bleibt letztlich auch jede(r) allein. Folglich beschreibt Bauman den Preis für die postmoderne Freiheit als

… die bittere Erfahrung […] eines aus riskanten Entscheidungen bestehenden Lebens - stets unter dem Zwang, auf bestimmte Chancen zu setzen und andere zu vergeben; es ist die Erfahrung der jeder Entscheidung innewohnenden unabänderlichen Ungewissheit; der unerträglichen, weil mit niemandem geteilten Verantwortung für die unbekannten Konsequenzen jeglicher Wahl; der beständigen Furcht, sich die Zukunft und bisher nicht vorstellbare Möglichkeiten zu verbauen;

Im Unterschied zur traditionellen Religion, in der die Schwäche der Gattung Mensch das Problem darstellte, scheinen der Menschheit insgesamt heute kaum noch Grenzen gesetzt. Dieser Omnipotenz steht aber die Versagensangst und Unvollkommenheit des einzelnen Menschen um so schroffer gegenüber. Folglich treibt der Fundamentalismus mit seinen klaren Ordnungskategorien und Orientierungshilfen „den Kult der Expertenberatung und den besessenen Selbstdrill unter Spezialistenaufsicht, wie die postmoderne Konsumkultur sie alltäglich propagiert, lediglich zu ihrem radikalen Schluss.“

In dieser Hinsicht verkörpert der Fundamentalismus die Errungenschaften wie die Schattenseiten der Postmoderne. Er verspricht die Erlösung vom Wahlzwang durch die Bindung an eine absolute, höchste Autorität:

Der Fundamentalismus ist eine radikale Medizin gegen den Flucht der postmodernen, marktbeherrschten Konsumgesellschaft, gegen die risikokontaminierte Freiheit […].

In einer Welt, in der jede Lebensform gestattet und doch keine sicher ist, bringen sie den Mut auf, jedem, der es hören will, zu erklären, wie er sich entscheiden muss, damit die Entscheidung ungefährlich bleibt und vor allen in Frage kommenden Gerichten bestehen kann. In dieser Hinsicht gehört der Fundamentalismus zu einer größeren Familie totalitärer oder prototoatlitärer Lösungen, die all denen angeboten werden, die die Bürde der individuellen Freiheit unerträglich finden.

Bauman kann den Fundamentalismus daher auch als "alternativen Rationalismus“ bezeichnen, der sich gegen den neoliberalen Rationalismus totaler Wahlfreiheit stellt, der alles beliebig erscheinen lässt. Hier wird nun umgekehrt alles der Gewissheit untergeordnet.

In ihrer fundamentalistischen Version wird Religion nicht zur »Privatsache«, nicht wie alle anderen individuellen Belange privatisiert und im Stillen praktiziert […]: Sie regelt verbindlich und unmissverständlich jeden Bereich des Lebens und hebt damit die Bürde der Verantwortung auf, die schwer auf den Schultern des einzelnen lastet.

Und dann stellt Bauman die entscheidende Frage: Lassen sich Antworten auf all diese real existierenden Schwierigkeiten finden, die keinen Hang zum Totalitären haben? Auf die Theologie bezogen könnte das bedeuten: Wenn es keine absolute äußere Autorität (Buch, Papst etc.) gibt, kann der Glaube an das Evangelium zu einer inneren Quelle von Kraft und Mut werden, die uns in dieser verrückten Welt hilft, die Augen offen zu halten, ohne dabei zu resignieren? Finden wir unsere eigene Stimme und lernen wir, mutig verantwortliche Entscheidungen zu treffen, oder versuchen wir lieber, all das fehlerfrei aufzusagen, was uns als unfehlbare Richtschnur angepriesen wurde? Was könnte Menschen dazu bewegen, sich die eigene Interpretations- und Anpassungsleistung in Glaubensfragen einzugestehen, statt auf Buchstaben zu zeigen und daraus alternativlose Konsequenzen zu ziehen?

Parker Palmer hat einmal geschrieben: "Wir sind unvollkommene und kaputte Wesen, die in einer unvollkommenen, kaputten Welt leben. Die Genialität des menschlichen Herzens liegt darin, aus diesen Spannungen Einsicht, Energie und neues Leben zu gewinnen." Vielleicht hat das auch mit jener Fähigkeit zu tun, die Rilke in seinem vielzitierten Brief an Franz Kappus beschreibt:

ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

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Heute ist es genau vier Wochen her, dass wir abends durch den Pessach-Trubel in der Jerusalemer Altstadt gingen (ich hatte in meinem Leben noch nie so viele schwangere Frauen und kinderreiche Familien gesehen wie dort. Hierzulande fällt man mit vier Kindern schon auf, dort hätten wir am untersten Ende der Skala gelegen). Aus der Ferne warfen wir einen Blick auf die Klagemauer, vor der die Haredim dicht gedrängt standen. Als wir uns auf den Rückweg machten, sprach uns einer von ihnen an. Mit seinem festlichen Schtreimel sah er aus wie eine Gestalt aus dem 18. Jahrhundert.

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Der Eindruck änderte sich jedoch, als er ein paar Bücher und Traktate aus seinem schwarzen Mantel zog. Die englischen Titel sprachen davon, wie man es schnell zu Reichtum bringt – mit Gottes Hilfe natürlich. Der Verfasser sei übrigens ein Rabbi aus Frankfurt, sagte unser Gegenüber. Auf den ersten Blick konnte ich wenig Unterschied zum christlichen Wohlstandsevangelium erkennen. Da weder die Zeit noch die Sprachkenntnisse für ein theologisches Gespräch ausreichten, gingen wir bald weiter.

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Später habe ich bei Gilles Kepel nachgelesen, der die Renaissance des (Ultra-)orthodoxen Judentums seit den Siebzigern beschreibt. Und auch da zeigt sich, dass Moderne und Vormoderne sich eigenartig mischen und durchdringen, so dass man das Ergebnis nicht einfach als „altmodisch" abtun kann. Kegel schreibt:

Allgemein betrachtet, kann man sagen, dass die ganze jüdische Welt in den siebziger Jahren eine Bewegung der Teschuwa (was soviel bedeutet wie „Rückkehr zum Judentum“ und „Reue“, das heißt Rückkehr zu einer strikten Einhaltung des jüdischen Gesetzes, der Halacha) erlebte. Die „Reumütig Zurückgekehrten“ (Baalei Teschuwa) verschließen sich den Versuchungen der säkularen Gesellschaft, um ihr Dasein ausschließlich auf die Gebote und Verbote zu gründen, die sie heiligen jüdischen Texten entnehmen. (Die Rache Gottes, S. 205)

Kepel untersucht Bücher und Selbstzeugnisse der Rückkehrer, die vormals laizistisch, areligiös oder atheistisch waren, dann aber in Begegnung mit einem Rabbi oder in einer der zahlreichen neugegründeten Talmudschulen erkannten, dass die Säkularisierung in eine Sackgasse und die moderne Gesellschaft in eine Wertekrise führt, eine "Epoche der Anomie“. Dem konservativen Protestantismus ebenfalls nicht fremd ist die Kritik an der Aufklärung: Hochmut der Vernunft, der notgedrungen zum Totalitarismus führt, erst in der Französischen Revolution, dann im Dritten Reich. Diese Argumentationslinie ist bei verwandten Strömungen in der katholischen Kirche auch anzutreffen (ich habe sie erst vergangene Woche wieder in einer Diskussion entdeckt). (205)

Vorbereitet wurde das Wiedererstarken der Haredim in den USA. Dort zerbrach während der sechziger Jahre das Bündnis von Juden und Afroamerikanern in der Bürgerrechtsbewegung. Es kam zu Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen.

Eine ganze Philosophie des Universalismus, des Zusammenhalts der Gesamtgesellschaft zerbricht hier unter der Gewalt eines stark ritualisierten, den anderen gezielt ausgrenzenden Partikularismus. In dieser Situation verschärfter ethnischer, rassischer und religiöser Abgrenzungen sehen jene ihre Chance gekommen, die die äußerliche gesetzestreue und Trennung von den Gojim zum obersten Prinzip der jüdischen Identität erklären. (215)

Ein weiterer Faktor dieses Aufstiegs ist die Gegenkultur der 68er-Generation. Die Auflehnung gegen das bürgerliche Establishment, gegen Konformismus und Repression, die Begeisterung für speziale Utopien und Experimente wie die Sehnsucht, eine bessere Gesellschaft auf den Ruinen der bestehenden zu schaffen, zogen viele junge Juden an - ihr Anteil an der Protestbewegung wurde dreimal so hoch veranschlagt wie in der Gesamtbevölkerung. Viele dieser Hippies fanden den Weg in die konservativen Talmudschulen zu einer Zeit, als andere sich den Jesus People anschlossen (und dem amerikanischen Evangelikalismus einen kräftigen Wachstumsschub einbrachten).

In Frankreich waren jüdische Studenten 1968 federführend in der radikalen Linken und lang entschiedene Gegner des Staates Israel. Seit dem Schock des Münchener Attentats von 1972 wandelte sich die Stimmung jedoch. Viele distanzierten sich vom linken Aktivismus und besannen sich auf ihre jüdische Identität. Verstärkt wurde diese Bewegung in den folgenden Jahren durch junge sephardische Juden, die aus dem Maghreb eingewandert waren.

Die weitere Entwicklung ist durch den Ausgang des Sechstagekrieges bestimmt: Die heiligen Stätten sind in jüdischer Hand, die Grenzen des säkularen Staates Israel (den die Haredim ablehnten) entsprechen plötzlich denen zur Zeit Davids, selbst säkulare Juden betrachten den Sieg über die arabischen Armeen als göttliches Wunder. Wenn aber die Einnahme des Landes eine Tat Gottes war, dann ist eine Rückgabe ein Akt des Ungehorsams, also kategorisch ausgeschlossen. Das zumindest ist die Interpretation der Ereignisse durch die nationalreligiöse Bewegung Gusch Emunim. Plötzlich sind Kombinationen von Kampfanzug und Kippa, Jeans und Zizit denkbar. Religiös-zionistische Schulen und Lehranstalten entstehen und werden staatlich gefördert, der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten beginnt und wird nach der Wahl Menachem Begins 1977 nachträglich legalisiert, um nur ein paar Ereignisse zu nennen, die Kepel aufzählt. Seither wächst der Einfluss der Religiösen auf die Politik und das öffentliche Leben.

Aus ihren religiösen Traditionen weitgehend entfremdeten Hippies und Linken wurden Strenggläubige, die eigentlich gerade am Aussterben waren. Ein erstaunliches Comeback, das unter anderem die Frage aufwirft, was wohl eines Tages aus diesen religiösen Protestkulturen wird. Die widersprüchliche Sehnsucht danach, irgendwie aus der Zeit zu fallen, gehört offenbar untrennbar in unsere Zeit hinein. Anders gesagt: Pointiert unmodern sein zu wollen, ist ganz schön modern.

Die andere Lektion lautet: Fortschritt ist keine Einbahnstraße. Es wäre naiv zu glauben, dass einmal erreichte Verbesserungen unwiderruflich erhalten bleiben, und dass die Entdeckungen und Erkenntnisse, die ihnen zugrunde liegen, keiner sorgfältigen Begründung mehr bedürfen.

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Weiter in der unsortierten Israel-Nachlese. Heute mal ohne Bezug zum Palästina-Konflikt:

Als ich in Jerusalem erzählte, dass ich ein paar Tage später nach Haifa fahre (inzwischen ist das fast drei Wochen her), wurde mir gesagt, ich müsse dort unbedingt die wunderschönen Baha’i Gärten ansehen. Dort angekommen, machte ich mich also auf den Weg und entdeckte eine streng an den Nordhang des Karmel gezirkelte Anlage, gegen die jeder Barockgarten unordentlich und asymmetrisch wirkt.

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So viel Künstlichkeit hatte ich nicht erwartet. Ich bog nach ein paar Minuten lieber wieder ab und spazierte durch das Wadi Nisnis, in dem sich lokale und internationale Künstler verewigt hatten und wo kein Haus wie das andere aussah. Und fragte mich währenddessen: Ist diese Gartenanlage typisch für moderne Kunstreligionen, und deren – zweifellos gut gemeintes – Anliegen, Symmetrie und Ordnung in das gewachsene Gestrüpp konkurrierender Glaubensrichtungen zu bringen?

Direkt unterhalb der Baha’i Gärten liegt übrigens die German Colony. Sie wurde ebenfalls im 19. Jahrhundert von der Tempelgesellschaft erbaut und gegründet, die ihre Wurzeln im württembergischen Pietismus hat, sich aber theologisch von diesem deutlich unterscheidet, weil sie zum Beispiel die Gottessohnschaft und den Erlösungstod Christi ablehnt. Nach der Gründung des Staates Israel wurden die Templer 1950 aufgefordert, Haifa zu verlassen. Heute sind in den schmucken Häuschen Restaurants und Läden untergebracht und Touristen flanieren vorbei.

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Zwei religiöse Innovationen des 19. Jahrhunderts also nebeneinander. Die eine aus einem europäisch-christlichen Kontext, die andere aus einem muslimisch-persischen. Beiden merkt man diese Herkunft an, beide versuchen die Tradition, aus der sie stammen, universal zu erweitern und deren innere Widersprüche und Spannungen zu beseitigen, und so ließen sich wohl noch weitere Parallelen finden.

Niedergelassen haben sie sich in Haifa am Fuß des Karmel, auf dem der Prophet Elija seine blutige Konfrontation mit den Baalspropheten hatte. Harte Kontraste auf engem Raum…

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Gott der Schöpfer,
der die Berge hoch aufragen lässt
und die Bäume fest einwurzelt,
lasse dich stark werden im Glauben

Gott der Versöhner,
der sich zu den Ausgestoßenen gesellt
und den Aggressiven die Stirn bietet,
lasse dich wachsen in der Liebe

Gott der Vollender,
der den Verzagten Mut schenkt
und die Verstreuten sammelt,
lasse dich fröhlich bleiben in der Hoffnung

So segne dich der dreieinige Gott
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

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Die Sicherheit hat dem Reichtum und dem Ruhm den ersten Rang unter den modernen Götzen abgelaufen. Die Nachrichten spiegeln das fast im Wochenrhythmus wider. Sicherheit ist die fixe Idee, von der die Moderne seit dem Erdbeben vom Lissabon beherrscht wird, hat Zygmunt Bauman in Collateral Damage geschrieben. Dafür ist uns kaum ein Opfer zu groß, bis heute. Wer radikale oder grausame Maßnahmen in der Politik durchsetzen möchte, muss die Bedrohung beschwören. Wer zur Macht aufsteigen möchte, muss sein Programm als Prävention von Risiken verkaufen.

Gestern hat sich nun herausgestellt, dass der BND im Auftrag der NSA nicht nur potenzielle Straftäter überwacht und ausgespäht hat, sondern auch Politiker und Unternehmen, und zwar ohne Kenntnis der (überforderten, inkompetenten oder desinteressierten?) Kontrollorgane, monatlich des Kanzleramtes. Für Kai Biermann von der Zeit ist das der Albtraum der Demokratie. Unterdessen fordern Politiker der GroKo seit Wochen weitere Befugnisse in der Überwachung (die Vorratsdatenspeicherung), obwohl sich die unkontrollierbaren Dienste jetzt schon an keine demokratischen Regeln mehr halten. Und der NSU-Prozess zeigt Woche für Woche, wie deutsche Sicherheitsbehörden sich, etwa mit ihren V-Leuten, im rechten Sumpf verstricken und ihn eher ausweiten, statt ihn trocken zu legen, weil sie selbst längst zur Parallelgesellschaft geworden sind.

Der Absturz von Germanwings 4U9525 hat gezeigt, wie eine Sicherheitsmaßnahme – die gepanzerte Cockpittüre – zur tödlichen Falle für 150 Menschen wurde. Ungeachtet dessen wurden umgehend neue Forderungen erhoben (Berufsverbote für psychisch Kranke), die völlig zu Unrecht Millionen von Menschen als gemeingefährlich stigmatisieren – und es um so wahrscheinlicher machen, dass Betroffene ihre Krankheit möglichst lange verheimlichen, statt sich behandeln zu lassen.

17209448546_f3f217e254_zDer Wahn, alles kontrollieren zu müssen, führt offenkundig dazu, dass wir immer mehr die Kontrolle verlieren. Hier nun schlicht und lapidar auf Gottvertrauen zu verweisen, ist nicht unproblematisch. Gott lässt sich sicher nicht als Garant für unsere Unversehrtheit unter allen Umständen in die Pflicht nehmen. Aber der Glaube, dass Gott auf der Seite der Leidenden steht und die Hoffnung darauf, dass er – spät vielleicht, aber doch – Trauer in Freude verwandeln wird, könnten in uns den Mut wachsen lassen, mit manchen Risiken zu leben.

Denn da, wo wir Risiken um jeden Preis ausschalten wollen, verspielen wir nicht nur unsere Freiheit, wir erschaffen womöglich auch noch schlimmere Gefahren als die, vor denen wir uns fürchten. Das wäre vielleicht der erste Schritt, um aus den Albträumen aufzuwachen.

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Vorgestern war der 70. Jahrestag der Befreiung Nürnbergs durch die US-Armee. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass es der 20. April war, an dem sie nach 5 Tagen Kampf abgeschlossen wurde. Nürnberg hatte in den Augen der Amerikaner keine große strategische Bedeutung, aber einen hohen symbolischen Wert: Die Stadt der Reichsparteitage, die Stadt der Rassengesetze, die Hochburg des besonders fanatischen Gauleiters Julius Streicher. Später kamen noch die Nürnberger Prozesse dazu.

Nürnberg hat sich viele Gedanken gemacht, wie man mit diesem Erbe umgeht. Ein Dokuzentrum wurde errichtet, die Straße der Menschenrechte setzt einen anderen architektonischen und das Zentrum für Menschenrechte einen anderen inhaltlichen Akzent, allenfalls die Besucher des Norisrings und der großen Open-Air-Konzerte am Zeppelinfeld kommen den inzwischen maroden Bauten des dritten Reiches noch richtig nahe. Und Fanatismus wird allenfalls im Fußball noch toleriert. All das ließe sich als „taking back history“ beschreiben, nur orientiert man sich klugerweise nach vorn und an der Gegenwart.

Etwas ungeschickter lief die – zweifellos gut gemeinte – Bewältigung der düsteren Vergangenheit durch verschiedene christliche Initiativen aus dem pfingstlich-charismatischen Spektrum. Dort wurde der Verweis auf die NS-Zeit immer wieder recht zwiespältig interpretiert, indem man sich zwar klar vom Faschismus abgrenzte, aber das schloss den Eroberungsgedanken nicht ausdrücklich ein, vielmehr wurde dieser einfach umgedreht.

Nachdem damals die Bösen ihren Feldzug von hier aus angetreten hatten, so schien es, sollten das nun die Guten machen und die Stadt, das Land oder neuerdings eben auch den europäischen Kontinent erobern. Natürlich nicht für sich selbst, sondern „für Gott“, aber solche Aussagen klingen in den Ohren vieler, die sie hören und lesen, eben ausgesprochen zwiespältig. Zumal dann, wenn eine Bewegung, die in ihren Selbstbeschreibungen gern das Attribut „radikal“ im Mund führt, dezidiert laut und plakativ auftritt und womöglich auch mit dem für eine offene Gesellschaft typischen Pluralismus von Weltanschauungen und Lebensformen ihre Mühe hat (genau das nämlich verbirgt sich hinter dem Fundamentalisten-Schlagwort des „Säkularen Humanismus“), solche Rückeroberungsphantasien in die Welt setzt. Und wenn von nur noch 2% Christen in Europa die Rede ist, dann liegt der Aussage ganz offenkundig eine massiv verengte Definition von Christsein zugrunde.

Freilich waren es in der Regel nicht die Gemeinden aus Nürnberg oder der Region, die solche Parolen erfanden. Aber die Vorstellung, Ausgangspunkt einer gewaltigen Erweckung zu werden hat, zumal wenn man das immer wieder von Außen gesagt bekommt, ja auch etwas Schmeichelhaftes und Verlockendes. So ließe sich die Schmach der Vergangenheit vielleicht ja auch schneller und effektiver abschütteln oder kompensieren. Meine Frage an dieser Stelle ist allerdings, ob sich die Christen in der Region einen Gefallen tun, wenn sie die alten und überholten, vor allem in amerikanischen Köpfen aber immer noch dominierenden Zuschreibungen übernehmen, selbst wenn sie auf deren Umkehrung hoffen.

Anders gefragt: Muss denn der Segen, den wir uns wünschen, in einem spiegelbildlichen Verhältnis zum „Fluch“ des dritten Reiches stehen, oder darf er vielleicht ganz anders aussehen? Was für eine Geschichtstheologie wird denn da eigentlich bemüht in der Werbung für fromme Massenveranstaltungen? Ist Gott an solche Kontinuität gebunden, interessiert sie ihn oder ist er doch vielleicht völlig frei, in dem wo und wie er handelt? Und könnte man das den Initiatoren (fast hätte ich „Invasoren“ geschrieben…) künftig bitte freundlich, aber unnachgiebig ausreden?

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Hebron, heute eine Großstadt im Westjordanland. Hier liegen in der Höhle Machpela Abraham und Sara, Isaak und Rebekka begraben. Über der Höhle am Rande der Altstadt befindet sich ein Gebäudekomplex, der aus einer Moschee und einer Synagoge besteht. Die Abraham-Moschee ist eine ehemalige byzantinische Kirche, die Synagoge war schon immer Synagoge. Die Fundamente beider Gebäude ruhen auf einer Schicht, die noch von Herodes dem Großen stammt.

In der Moschee ist gerade noch das Mittagsgebet, also gehe ich zuerst in die Synagoge. Ich passiere zwei Kontrollposten des Militärs und werde auf der Treppe erneut von einem Schwerbewaffneten angesprochen: Where you from? Germany. What do you want? I am a tourist and I want to see the tomb of Abraham. You Muslim? No. You can go in.

Drinnen sitzen in einem Vorraum überwiegend Frauen in einer Tischrunde. Sie winken mit fröhlich zu und eine bringt mir einen Teller mit süßem Gebäck. Ich bedanke mich und nehme einen Happen. Weiter im inneren sitzen hinter einer spanischen Wand Männer und studieren Bücher. Dann erreiche ich den Innenhof. Ein dem Aussehen nach charedischer Jude begrüßt mich und fragt, woher ich komme. Er spricht gebrochen Englisch, aber ich spüre kein Ressentiment, als er hört, dass ich Deutscher bin.

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SynagogeHebron.jpgDann erklärt er mir, dass auf der anderen Seite die Muslime seien und Juden nicht in die Moschee dürfen. Dass der Ausschluss umgekehrt auch gilt, hatte ich ja schon erlebt. Als ich vorsichtig andeute, dass ein Frieden zwischen den Lagern doch im Sinne aller wäre, winkt er ab. Ihr Christen und wir Juden sind friedlich, gibt er mir zu verstehen, aber die Muslime wollen uns alle töten. Ich widerspreche vorsichtig - die Muslime, dich ich bisher getroffen habe, sind friedliche Menschen, die auch viel erduldet haben. Dann wird es schwierig, seiner Antwort sprachlich zu folgen, denn er setzt zu einem Redeschwall an. So viel habe ich dann doch verstanden: Wenn die Palästinenser aus dem Gazastreifen eine Rakete auf uns schießen, dann schießen wir zehn oder hundert zurück. Und dann ist es uns egal, ob und wie viele Frauen und Kinder dort sterben.

Ich frage, ob er sich vorstellen kann, dass es eines Tages Frieden gibt. Ja, sagt er, wenn der Messias kommt.

 

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Ich setze meinen Rundgang fort. Die Grabmale der Patriarchen kann man durch ein offenes Fenster sehen, sie sind mit Tüchern bedeckt. Von der angrenzenden Moschee aus gibt es auch jeweils ein Fenster. Sie sind aber so angelegt, dass man nicht hinübersehen kann. Und vor allem nicht schießen. Das nämlich tat Baruch Goldstein, der 1994 in die voll besetzte Moschee stürmte, 29 Menschen tötete (darunter auch den Imam) und 125 weitere verletzte. Die Muslime zeigen mir ein paar Augenblicke später die notdürftig verspachtelten Einschusslöcher in der Wand ihres Gotteshauses. Sie zeigen mir auch, wo man in die Höhle hinuntersehen kann, und den uralten Gebetsstuhl aus einem einzigen Holzstock, der ein Geschenk Saladins war.

In Hebron schützt die israelische Armee heute mit massiver Präsenz nicht nur die (überwiegend radikalen und militanten) jüdischen Siedler vor den arabischen Nachbarn, sondern inzwischen nolens volens auch die palästinensischen Kinder auf ihrem Schulweg entlang der jüdischen Siedlungen. Mitten in der arabischen Altstadt haben Siedler ein Haus über den Marktgassen besetzt und aufgestockt, auch dort schiebt das Militär nun Wache; und die Händler schützen sich mit Maschendraht über ihren Köpfen gegen den Unrat, der von oben herabgeworfen wird.

Die Organisation Breaking the Silence – ehemalige Soldaten der IDF, die sich kritisch mit ihrer Besatzerrolle auseinandersetzen – bietet Führungen durch Hebron (mit Transfer ab Tel Aviv) an, um die Übergriffe der Siedler zu zeigen: Steinwürfe, faule Eier, Beschimpfungen übelster Art. Yehuda Shaul von Breaking the Silence hat die Zustände hier vor ein paar Jahren schon als Apartheid bezeichnet. Diese eindrückliche Bildstrecke von Christian Peacemakers International zeigt die gegenwärtige Lage sehr anschaulich. Freilich gab es früher, deutlich früher, auch Gewalt von Muslimen gegen Juden, aber seit mehr als 30 Jahren scheint die handfeste Aggression in Hebron doch eher nur in eine Richtung zu verlaufen.

Auf dem Rückweg nach Jerusalem frage ich mich, ob sich Abraham und Sara, die ihr Leben als Fremdlinge führten und kein Land besaßen, im Grab umdrehen würden, wenn sie wüssten, was sich über ihren Gräbern abspielt; und was der Messias wohl sagen und tun wird, wenn er kommt.

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Nablus im Westjordanland, wir haben mit den Frauen vom Bait al Karama Slow Food gekocht und gemeinsam zu Mittag gegessen. Nun wandern wir gemeinsam durch die Gassen der Altstadt. Wir besuchen einen Gewürzladen und auf dem Weg dorthin kommen wir an einem rußgeschwärzten Gebäude vorbei, das seit einem Angriff der Israelis ausgebrannt ist.

An anderen Stellen wird die historische Bausubstanz renoviert und dann sieht man, wie wunderschön diese Stadt sein kann. Westliche Besucher sind hier selten, aber wir werden überall sehr freundlich empfangen. Auf einem der engen Plätze stehen Kinder. Ein kleiner Junge kommt auch mich zu. Es gestikuliert, dass ich ein Foto von ihm machen soll.

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Und dann schaut er ganz still in meine Kamera. Unsere ganze Gruppe hält den Atem an. Ich gehe in die Knie, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein, und löse aus. Auf dem jungen Gesicht leuchtet die ganze Würde dieses Menschenkindes auf. Wortlos bestaunen wir die Offenheit und Verletzlichkeit. Ich zeige ihm das Bild, bedanke mich und wir verabschieden uns. Aber die kurze Begegnung geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich habe das Foto ein paar Tage später an eine unserer Begleiterinnen geschickt. Vielleicht erreicht es den Jungen ja irgendwie. Ich hoffe, er erfährt, dass wir an ihn denken. Und dass wir nicht vergessen, in welcher schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage seine Familie und seine Stadt sich befinden.

Es ist jener stille Moment, der mich vielleicht mehr als alles andere verändert hat auf dieser Reise. Wir sind alle verletzliche Menschen. Wir werden alle mit einer Sehnsucht danach geboren, in Frieden zu leben und offen für einander zu sein.

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Am Damaskustor steigen wir in die Jerusalemer Straßenbahn und fahren nach Nordosten. In der Shufat Street 108 liegt Sabeel, das ökumenische Zentrum für Befreiungstheologie. Sabeel ist das arabische Wort für „Weg“. Wir sind rechtzeitig zum Mittagsgebet dort.

Neben den Leuten, die dort arbeiten, treffen wir zwei Freiwillige des ökumenischen Programms EAPPI, das unter anderem an den israelischen Checkpoints im Westjordanland Beobachter aufstellt, die Schikanen und Menschenrechtsverletzungen der IDF dokumentieren – beziehungsweise durch ihre Anwesenheit möglichst verhindern.

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Wir sprechen gemeinsam die Liturgie auf Englisch und bekannte Teile, wie das Vaterunser, parallel in den jeweiligen Muttersprachen, wir tauschen uns aus über einen provozierenden Bibeltext (Jesus vor Pilatus), wir feiern die Eucharistie unter der Leitung von Naim Ateek, der das Zentrum gegründet hat.

Naim erinnert in den Fürbitten an das Massaker von Deir Yasin: Am 9. April 1948 (auf den Tag vor 47 Jahren) wurden dort etwa 120 Einwohner (von denen nur eine kleine Minderheit bewaffnet war) von jüdischen Untergrundkämpfern getötet, der Rest der 600 Menschen vertrieben. Innerhalb der nächsten Wochen (und noch vor Beginn des sogenannten Unabhängigkeitskrieges) flohen 200.000 bis 300.000 Palästinenser aus ihren Dörfern. Auf dem Gebiet von Deir Yasin steht heute Giv’at Shaul, ein westlicher Stadtteil von Jerusalem. Wir sind nur wenige Kilometer entfernt.

Dann essen wir gemeinsam zu Mittag, erzählen einander, wo wir herkommen und warum wir hier sind. Ich frage Naim, welches von den vielen Büchern dort er mir am meisten empfehlen würde, und er zeigt auf A Palestinian Christian Cry for Reconciliation. Das Vorwort ist von Desmond Tutu. Naim ist anglikanischer Pfarrer und stammt aus Beisan, später lebte er in Nazareth und promovierte in San Francisco. Sein Buch Justice and only Justice gilt als Wegbereiter für das Kairos-Dokument, das vom Ökumenischen Rat unterstützt wird. Es ruft zum gewaltfreien Widerstand gegen die Besatzung und zur Versöhnung unter den Ethnien und Religionen auf, aber auch dazu, das Schweigen in den Kirchen, der Politik und den Medien zu brechen.

Gestärkt stürzen wir uns wieder ins Getümmel der Altstadt am letzten Tag des Pessach-Festes und am Gründonnerstag der orthodoxen Christen. Orthodoxe Popen mit singenden Pilgergruppen und orthodoxe Juden umgeben von ihren vielen, vielen Kindern wetteifern um die wildeste Bartmode. Wer religiösen Pluralismus studieren möchte, kommt hier voll auf seine Kosten. Wer Ruhe und Besinnung sucht, braucht ein dickes Fell.

Naim Ateek spricht am 5. Juni auf dem evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Am Tag danach findet unter dem Motto „Gerechtigkeit schafft Frieden“ ein Studientag von Pax Christi statt, der auch von der ACK in Baden-Württemberg getragen wird und auf dem auch jüdische Aktivisten vertreten sind. Die Veranstaltung ist hochkarätig besetzt und wer eh in der Nähe ist, sollte die Gelegenheit – diesen Kairos – nutzen. Für manche Dinge muss man nicht – jedenfalls nicht immer – nach Jerusalem reisen.

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Auf dem Berg Garizim, der sich über Nablus im Westjordanland erhebt, liegt eine jüdische Siedlung, mit Schlagbaum und Stacheldraht abgegrenzt. Einer der Siedler führt uns durch seinen Weinberg. Er trägt eine Kippa unterm Käppi und sagt anfangs in jedem dritten Satz „Praise the Lord“. Er liebt seinen Wein und das Land, das – so sagt er – Gott ihnen gegeben hat. Im Buch Jeremia sei doch schon angekündigt, dass sie in Samaria wieder Wein anbauen würden.

Jedes Jahr kommen christliche Freiwillige aus den USA und helfen bei der Lese. Wir bekommen die gekühlten Tanks gezeigt und machen eine kleine Weinprobe. Der Wein ist gut, aber er kostet auch ein kleines Vermögen. Ich frage noch einmal nach dem Land. Er versichert mir, dass die Siedler sich das Land nicht etwa genommen hätten, sondern die Regierung habe es ihnen legal zugeteilt. Ich frage nicht mehr, wie das gehen kann, wenn ein Territorium besetzt ist und das Land anderen Menschen gehört hat, die für den Bau dieser Siedlung enteignet wurden. Oder ob man so mit der Bibel umgehen darf.

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Der Wein ist koscher, erklärt er. Ich erkundige mich nach den Kriterien für koscheren Wein und höre, dass er von Juden gemacht sein muss, die den Sabbat einhalten. Ich frage zurück nach den Erntehelfern, die sind doch keine Juden. Na, was draußen auf den Feldern passiert, zählt nicht. Aber ab der Kelter ist die Produktion ganz in jüdischer Hand. Ich weiß nicht, wann und wo dieser Regeln erfunden wurden (in der Bibel stehen sie, so weit ich weiß, ja nicht). Aber so kann man einen ganzen Wirtschaftskreislauf und eine Wertschöpfungskette durch religiöse Vorschriften nach außen abschließen, eine Art geistig-ökonomischer Stacheldraht.

Ich frage die palästinensischen Christen, wie es ihnen damit geht, dass christliche Zionisten aus den USA die Siedler und damit auch die Politik der Enteignung und den Bruch des internationalen Rechts unterstützen. Sie seufzen, ein bisschen resigniert. Die meisten Amerikaner wissen vermutlich nicht, dass es unter den Palästinensern auch Christen gibt und dass diese Christen genauso wie ihre muslimischen Nachbarn und Freunde unter der systematischen Zerstückelung ihres Landes und den vielen Demütigungen der Besatzungsmacht leiden.

Ich kaufe zögernd eine kleine Menge von dem teuren Stoff. Aber ich weiß, den eigentlichen Preis für das Trinkvergnügen haben andere bezahlt.

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Die ganze Doppelbödigkeit dessen, wie Israel mit den Palästinensern umgeht, zeigte sich mit heute am Beispiel der Mietwagenfirma Budget. Mit meinen Vertragsunterlagen habe ich eine Karte bekommen, auf der die besetzten Gebiete überhaupt nicht als solche gekennzeichnet sind; es sieht da vielmehr so aus, als beginne Israel auf dem Golan und erstrecke sich dann zwischen Jordan und Mittelmeer bis zum Negev.

Gleichzeitig steht im Kleingedruckten meines Mietvertrages, dass ich unter gar keine Umständen mit diesem Auto in Gebiete fahren darf, die der palästinensischen Autonomiebehörde unterstellt sind. Ich wusste das zum Glück schon vorher, sonst hätte ich es vielleicht nicht zur Kenntnis genommen.

Vielleicht ist das Logik-Budget der Verantwortlichen einfach zu knapp gewesen, um diesen Widerspruch zu bemerken?

Andererseits: Vielleicht bemerkt ihn hier aber auch nur deshalb niemand, weil diese absurde Situation schon so lange gewohnter Alltag ist.

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