Die Wochentage bis Pfingsten bin ich noch im Predigerseminar, dann ist dieser Teil des Vikariats auch schon vorbei. Ich finde es faszinierend, wie ganzheitlich und vielseitig man dort ausgebildet wird. Da wäre zum Beispiel die tägliche Konfrontationstherapie gegen Klaustrophobie.

Ich muss das kurz erklären: Ängste und Zwänge werden mit sogenannten Expositionen behandelt. Man setzt sich einem bestimmten Reiz aus, bis dieser seine destabilisierende Wirkung verliert. Im Nürnberger Predigerseminar findet dies in winzigen Nasszellen statt, die man (vordergründig natürlich zur Körperpflege) in jedes Zimmer eingebaut hat. Um den Effekt zu steigern, gibt es dort textile Duschvorhänge, die sich von mindestens zwei Seiten an den nassen Körper kleben, sobald man sich bewegt oder ein Luftzug den Stoff zum Schwingen bringt. Dann wird es richtig kuschelig.

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(Foto: tertia van rensburg/unsplash.com)

Ich würde jetzt nicht sagen, dass es mich nicht mehr stört. Aber die Fluchtreflexe und Panikattacken haben erkennbar nachgelassen. Ich bin sicher, unsere Ausbilder werden uns irgendwann noch erklären, warum genau das für werdende Pfarrer*innen wichtig ist.

Ein paar Vermutungen hätte ich schon…

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Rowan Williams, der frühere Erzbischof von Canterbury, ist einer der bedeutenden theologischen Denker unserer Zeit. In „The Edge of Words“ wirft er einen gründlichen Blick auf das Phänomen der menschlichen Sprache und deren Bedeutung für das Reden von Gott. Keine einfache Lektüre, aber eine gewinnbringende, wie ich finde, nachdem ich über die letzten Wochen immer wieder darin gelesen habe.

Gleich im ersten Kapitel greift er ein Reizwort auf, nämlich die Frage nach einer „natürlichen Theologie“ - also eines Redens von Gott, das (noch) keine besondere Offenbarung und Tradition voraussetzt, sondern von Erfahrungen und Beobachtungen ausgeht, die allen Menschen – ob religiös oder nicht – zugänglich sind. Angelpunkt seiner Überlegungen ist dabei nicht die Naturwissenschaft und ihre Gegenstände, sondern die Eigenart menschlichen Denkens und Redens.

Ich komme darauf später noch einmal zurück, zunächst möchte ich ein paar Gedanken aus dem dritten Kapitel aufgreifen, in dem es um das Selbst als ein sprachliches und zeitliches Phänomen geht. Wieder setzt Williams beim Reden an. Eine Aussage zu verstehen, sagt er, heißt das Gesagte fortführen zu können. Das schlichte oder sture Nachplappern ist noch kein ausreichender Beleg für ein Verstehen. Wenn ich an die Äußerung eines anderen anschließe, dann baue auch auf dem zuvor Gesagten auf und schaffe einen Ausgangspunkt für spätere Äußerungen. Williams zieht hier eine Linie zu Hegels berühmten Satz, dass alles Wirkliche vernünftig ist:

Das, wovon wir sprechen, ist immer schon eine Wirklichkeit, über die man redet – über die man geredet hat, redet und reden wird, die es erfordert, dass man von ihr redet und über die man nicht reden kann, ohne über das Sprechen zu sprechen, das Denken nachzudenken, das von ihr handelt, und damit auch den sozialen Verhältnissen, unter denen dieses Reden stattfindet. Das Wirkliche ist das, worüber man reden kann – nicht in dem Sinne, dass wir in der Lage wären, adäquate wörtliche Entsprechungen oder logische Bilder für alles in der Welt zu finden, sondern (beinahe im Gegenteil) so, dass die Umwelt, der wir uns gegenübersehen, für uns nur insofern „wirklich“ ist, als sie sich in unserer Sprache niederschlägt und diese zu ständig neuen Anpassungen und neuen Darstellungsweisen drängt. (70)

Aus dieser Perspektive wirft Williams nun einen Blick auf die Frage nach dem Selbst. Ein zeitloses, unveränderliches Selbst kommt nach diesem Verständnis von Wirklichkeit nicht in Frage. Aber da wir gar nicht anders können, als von uns selbst in der ersten Person zu reden, und weil wir uns selbst erst dadurch verstehen, dass wir über uns reden, folgert er:

Was ist das wirkliche Selbst? Die einzig begründbare Antwort in diesem Zusammenhang scheint zu sein, dass es die Tat ist, die hier und jetzt Ereignisse, die aus der Vergangenheit erzählt werden, und mögliche Handlungsverläufe für die Zukunft zu einer Geschichte versammelt, die unablässig revidiert wird, von einer Darstellung zur nächsten. (81)

Indem ich mich so ins Gespräch bringe, setze ich mich auch der Möglichkeit aus, dass andere neue Aspekte ins Gespräch bringen, die bald Konfrontation, bald Bereicherung sein können (das Selbst ist also gerade kein Selbstgespräch!). In der Feier der Eucharistie zum Beispiel ist es die Geschichte der Selbsthingabe Christi, in der uns die Frage begegnet, wie es um die Verbindung mit Christus bestellt ist, und in der uns der Geist Gottes nur mit den Ereignissen des Sterbens und der Auferweckung Christi verbindet. Denn das Selbst entwickelt sich auch im Dialog mit den „normativen Diskursen“ unserer Welt – religiöse Diskurse natürlich eingeschlossen.

Eine Haltung des „Glaubens“ ließe sich für Williams darin erkennen, dass das Selbst sich im vollen Bewusstsein seiner Unvollkommenheit dem Diskurs mit anderen angstfrei stellt, weil es darauf vertraut, dass es jenseits der anderen, ebenfalls auf Anerkennung bedachten und von Eigeninteressen geleiteten Subjekte noch ein Gegenüber hat. Ein Gegenüber, das frei ist von konkurrierenden Ansprüchen und uns mit mit bedingungsloser Offenheit begegnet. „Gnade“ wäre hier der passende theologische Begriff. Noch wichtiger als Begriffe (oder deren Negation) ist in der christlichen Tradition jedoch das Narrativ. In den Gleichnissen Jesu ist immer wieder von Situationen die Rede, in denen es darum geht,

… offen zu sein für die Gnade des Unausgesprochenen und nicht Systematisierbaren. Und wir könnten das Gleichnis des Lebens und Sterbens Jesu als das sehen, worauf Jesu Erzählungen hinauslaufen, den Erweis der Folgen dessen, dass das Unbedingte sich im Leben eines Menschen ausspricht und handelt. (89)

Williams qualifiziert das Narrativ der Evangelien unter anderem als Gnade, Offenheit, den Verzicht auf Selbstsicherung; und damit hebt er es ab von anderen Narrativen, wie etwa dem völkischen Mythos des Rechtspopulismus, der im Übrigen nicht zum Dialog, sondern zum Ausschluss und zur Verdrängung alles Anderen und Fremden ruft, und dem Individuum die Aufgabe abnimmt, immer neue Anpassungen und Darstellungsweisen von sich selbst zu formulieren.

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Die frostigen Nächte dieser Woche haben sichtbare Spuren an den Obstbäumen hinterlassen. Viele Kirsch- und Apfelblüten sind erfroren. Schlaff und mit braunen Rändern hängen sie von den Zweigen.

Die ungewöhnliche Wärme im März und Anfang April (3 Grad über dem langjährigen Mittel) hatte sie sehr früh aufgehen lassen. Zu früh, nun schlägt der Winter zurück und die rosa-weiße Pracht stirbt dahin.

Der traurige Anblick hat Ähnlichkeiten mit der politischen Großwetterlage: Vieles, was offen und damit verwundbar war – aber eben auch fruchtbar und schön! –, droht nun in der Eiseskälte eines harten Rückschlages einzugehen. Demokratie und offene Zivilgesellschaft, Humanität und Menschenrechte, ein achtsamer Umgang mit der Schöpfung und den materiellen Ressourcen unseres Planeten, der Abbau von Grenzen, die Überwindung ethnischer und geschlechtlicher Diskriminierungen und viele andere Errungenschaften sind akut bedroht.

Wir haben es uns ja angewöhnt, christliche Auferstehungshoffnung und Frühling eng zusammenzudenken. Heute müssen wir das Bild noch weiter ausbauen: Weder in der Natur noch in unseren Gesellschaften sind Rückschläge ausgeschlossen. Nicht jeder Trend ist unser Freund. Aber erst dann, wenn uns unerwartete Rückschläge dazu verleiten, alle Hoffnung fahren zu lassen und aufzustecken, wären wir wirklich arme Kreaturen.

Zur österlichen Stimmungslage gehört neben der Freude auch der Trotz. Das kühle Wetter wäre ja noch der geringste Grund, den Trotz groß zu machen in diesem Frühjahr. Aber wenn es uns dazu anregt, den Kampf um die Hoffnung aufzunehmen, dann kommt es wenigstens in dieser Hinsicht zur rechten Zeit.

Frost im Frühling heißt nämlich auch: Die braunen Blüten werden abfallen. Es dauert zwar, bis etwas nachwächst. Trotzdem: Auf dieses Ziel hin dürfen wir leben und arbeiten.

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Die Müdigkeit steckt mir noch ein bisschen in den Knochen, aber die Dankbarkeit und Freude überwiegt. Zum zehnten Mal sind wir in diesem Jahr zum Beten in den Keller gegangen am Karfreitag. Und gut 1.700 Leute aus Erlangen und Umgebung sind mitgekommen. Das ist das erste, was ich jedes Jahr wieder so erstaunlich finde. Dass die Zeitung anders als in den Jahren zuvor nur einen knappen Hinweis brachte, hat sich kaum ausgewirkt auf den steten Besucherstrom Richtung Kellergelände.

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Das zweite, was mich erstaunt hat, war die außergewöhnliche Ruhe in diesem Jahr. Bis auf wenige Ausnahmen ging es im und vor dem Berg für mein Gefühle spürbar ruhiger zu als ich es aus den letzten Durchgängen in Erinnerung habe. Womöglich ist das auch ein positiver Lerneffekt, der damit zu tun hat, dass viele zum wiederholten Mal da waren.

Drittens staune ich, was aus den Gesprächen und Ideen im Team nach Wochen von Planung und Vorbereitung, gelegentlich zähen (aber nie überflüssigen) Diskussionen, nach manchen praktischen Tüfteleien und ein paar pragmatischen Entscheidungen dann alles im Henninger-Keller steht, wenn am Donnerstag kurz vor 18 Uhr die ersten Leute den Berg betreten.

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Viertens staune ich über die Wirkung, die sich in der Kombination aus Ort, Atmosphäre und Installationen entfaltet. Manche bleiben lange stehen, um etwas auf sich wirken zu lassen. Viele Besucher*innen kommen sichtbar bewegt zurück ans Tageslicht, einige brauchen eine ganze Weile, bis sie wieder Worte finden.

Fünftens staune ich, wie intuitiv und leicht es inzwischen fällt, die Passion in Bezug zur heutigen Welt- und Lebenserfahrung zu setzen, ohne dabei auf in vielerlei Hinsicht problematische Deutungsmuster wie Sühne, Strafleiden und Opfer zurückzugreifen. Stattdessen geht es um die Mitmenschlichkeit Gottes, es geht um die Bereitschaft, sich vom Leid anderer betreffen zu lassen, um die Hoffnung, dass Gott auch in den schlimmsten und dunkelsten Stunden nahe ist und versteht.

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Ich glaube, erst vor diesem Hintergrund wird die Botschaft von der Auferstehung wirklich nachvollziehbar, dass man nämlich dem konkreten Leiden Jesu in der Passionsgeschichte die konkreten Leiden heutiger Menschen gegenüberstellt und dabei den sozialen und politischen Horizont nicht ausblendet.

Ohne diesen Bezug laufen wir Gefahr, Ostern misszuverstehen als etwas Geschichtsloses und Weltfremdes – und damit auch Leid und Tod nicht ernst zu nehmen, auszuhalten und uns davon verwandeln zu lassen, sondern das alles zu verharmlosen, zu ignorieren und mit triumphalistischen Phrasen und Appellen zu überlagern. Das wäre weder christlich noch gesund für die Seele.

Licht und Wärme fühlen sich eben ganz anders an, wenn man gerade aus dem Keller kommt.

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An einem strahlend sonnigen Vormittag lief ich im vergangenen Sommer zum Erlanger Bahnhof, um nach Nürnberg zu fahren und dort einen Gottesdienst zu halten. Auf der sonntäglich fast menschenleeren Straße kam ein junger Mann auf mich zu und sprach mich an. Er war erkennbar benebelt und sagte, er sei in einer psychischen Notlage.

Ich redete kurz mit ihm und erklärte, dass ich gleich zum Zug müsse, dass ich aber bei der Notrufzentrale anrufen und mich darum kümmern werde, dass schnell jemand kommt. Gesagt, getan. Aber noch bevor ich im Zug saß, dachte ich an die Geschichte vom barmherzigen Samariter, in der ja auch zwei Personen unterwegs zum Tempel waren. Was wäre wohl passiert, wenn ich die Gottesdienstgemeinde hätte sitzen lassen, um dem jungen Mann zu helfen? Eigentlich hätte das doch nur auf Zustimmung und Verständnis treffen können – oder?

Beim Nachdenken fiel mir auf, wo die Schwierigkeit bei solchen Entscheidungen auch liegt: Zu spät oder gar nicht zum Dienst zu erscheinen, wirkt sich sofort aus und ich bekomme die Reaktionen darauf ganz unmittelbar zu spüren. Sie mögen wesentlich harmloser sein als die Folgen unterlassener Hilfe für den Fremden, der sie braucht. Die Abwägung läuft also zwischen schnellen und direkten Konsequenzen für mich selbst und der Ungewissheit, ob solche Unterlassungen Folgen haben und ob diese mich vielleicht irgendwann einholen.

Ich vermute, nach diesem Muster verlaufen viel mehr Entscheidungsprozesse, als uns bewusst ist. Sie stecken hinter Parolen wie „wir sind doch nicht das Sozialamt der Welt“. Denn jetzt zu helfen hat zwei sichere Auswirkungen: Es kostet Geld und Sympathien. Was es dagegen bringt, das wird sich erst später zeigen.

So betrachtet ist das Gleichnis auch eine Einladung, sich auf ungewisse Situationen mit unabsehbaren Folgen einzulassen. Für diese Haltung gibt es in der Bibel ein besonderes Wort: Es heißt „Glaube“.

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Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß?

Die Mächtigen dieser Welt achten sehr genau darauf, welche Bilder sie von sich veröffentlichen.

Da ist der Milliardär mit dem goldenen Haar,
in prunkvollen Gemächern mit goldenen Wasserhähnen,
umgeben von schönen Frauen, die natürlich alle
seinen umwerfenden Intellekt und Charakter bewundern,
die Ikone des Erfolgs.

Und da ist einer mit nacktem, muskulösem Oberkörper
hoch zu Ross oder lässig mit Jagdgewehr,
das Reiterstandbild des 21. Jahrhunderts,
die Ikone der Souveränität.

Und dann das:

Blutendes, rohes, wundes Fleisch
Ohnmächtig und nackt angenagelt
Verlierer, Opfer, Verschmähter, Gefolterter
schon das Hinsehen tut weh und ekelt an.
Die Ikone des Albtraums.

Was hast du dir dabei gedacht, Gott, als du dieses Bild von dir veröffentlicht hast? Damit ist kein Staat zu machen. Dafür bekommt man keine „Likes“. Kein Wunder, dass die Leute dir in Scharen davonlaufen.

Ich meine, fast 2000 Jahre bist du ohne Bild ausgekommen. Du hattest wirklich Zeit, dir zu überlegen, was du von dir veröffentlichst. Wie konnte das bloß passieren?

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Foto: unsplash.com

An wen hast du dabei gedacht? Die chronisch Kranken mit ihren offenen Beinen und künstlichem Ausgang? Die Geflüchteten mit ihren wunden Füßen und zerschlissenen Schuhen? Die Mundtoten und Weggesperrten, die keine unbequemen Wahrheiten mehr ausplaudern können? All diese Schattenmenschen – sind sie dir so viel wert?

Wenn so ein Bild einmal in der Welt ist, dann lässt sich das nicht mehr kontrollieren. Leute kopieren und teilen es, es wird verrissen und verglichen, verfärbt und verfremdet. Es gibt kein zurück mehr.

Aber dir scheint dieses ganze Schlamassel zu gefallen.

Oder?

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In der Diskussion um die vielfältigen Formen von Familie geschieht es immer wieder, dass jemand unter Verweis auf Natur und Biologie versucht, eine normative Aussage zu machen – also zu bestimmen, was eine „richtige“ oder „normale“ Familie ist und was nicht.

Dabei ist Familie – verlässliche Fürsorge verschiedener Generationen – von Anfang an ein soziales Phänomen, das über Blutsverwandtschaft (und damit die reine Biologie) weit hinausgeht. Selbst Verfechter eines konservativen Familienbildes versuchen ja lobenswerterweise, einem Adoptivkind zu vermitteln, dass es genauso zur Familie gehört und genauso geliebt wird. In früheren Zeiten (die unter Konservativen gern romantisiert und idealisiert werden) mit hoher Sterblichkeit und niedriger Lebenserwartung mussten Verwitwete sich schon aus wirtschaftlichen Gründen möglichst schnell einen neuen Partner suchen. Auch das waren „Patchworkfamilien“.

Tief in die Theologie hinein reicht das Thema der Adoption. Für Paulus sind die Christen Gotteskinder, deren Status nicht auf Abstammung beruht (und selbst das wäre noch mehr als nur „Biologie“…), sondern auf der Annahme durch Gott, der Erwählung und dem damit verbundenen Versprechen. Auch hier ist Familie ein primär soziales Gebilde. Da, wo im Neuen Testament im Blick auf Familie normativ geredet wird, geht es um Haltungen und den Umgang innerhalb der Familie: Um Fürsorge, Achtung, Liebe und Geduld.

Wenn ich mit einer Schulklasse über das Thema Familie rede, dann finde ich dort praktisch alle Formen versammelt: Großfamilien (ein Schüler erzählte, sein Vater habe 21 Geschwister), Teilfamilien, bürgerliche Kleinfamilien, Patchwork- und vielleicht auch Regenbogenfamilien. Hier eine Rangordnung der Normalität und Würdigung aufzumachen, hieße vor allem, ausgerechnet das abzuwerten, was vielen Schülern (wenn nicht den meisten) Halt und Heimat gibt.

Solche Spaltungen und Demütigungen sollten wir uns ersparen. Sie sind tatsächlich unbiblisch.

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Kennt wahrscheinlich jeder schon: Das Kreuz lässt sich so deuten, dass der vertikale Balken die Gottes- und der horizontale die Nächstenliebe symbolisiert. Dann steht es entweder für das Doppelgebot der Liebe oder (freilich kein Gegensatz) für die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen untereinander.

So weit, so schön und so passend.

Die beiden Kreuzbalken entsprechen so gesehen auch den beiden Tafeln der Zehn Gebote. Die erste Tafel hat mit dem Verhältnis zu Gott zu tun und schützt seine Integrität vor menschlichen Zugriffen: Die Einzigartigkeit, das Bilderverbot, der Name und der Sabbat (die letzten beiden stehen für alle übrigen Kultgesetze). Die zweite Tafel hat mit den Mitmenschen zu tun: Eltern, Unversehrtheit, Partner, Besitz und Wahrhaftigkeit.

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Wenn man nun fragt, was Jesus ans Kreuz gebracht hat, dann stößt man auf ein ganzes Bündel von Konflikten, die sein Wirken nach sich zog. Und interessanterweise lassen diese sich relativ stringent auf die zwei Tafeln verteilen. Jesus verletzt – in den Augen seiner Gegner (ob das nun Pharisäer oder Saddzuzäer waren) – die Gebote der ersten Tafel. Er missachtet die Sabbatruhe, er relativiert gängige Vorstellungen von Reinheit, er kündigt das Ende des Tempels und des Opferbetriebes dort an. Und selbst aus römischer Sicht zeigt er sich auch dem Gottkaiser und dessen irdischen Repräsentanten gegenüber ziemlich respektlos.

Umgekehrt wirft Jesus den Gegnern vor, in ihrer Praxis gegen den Sinn der Gebote der zweiten Tafel zu verstoßen: Statt die Alten zu versorgen, spenden manche das Geld an den Tempel. Männer verstoßen ihre Frauen und die sind dagegen weitgehend wehrlos. Zur Schau gestellte Frömmigkeit soll einen sozialen Vorteil verschaffen, und wer weniger intensiv glaubt, wird verächtlich gemacht und mit Schimpfwörtern belegt. Vergebung für Betrug oder Gewalttaten gibt es auch ohne Opfer und rituelle Reinigung. Das sind nur die Fälle, die mir sofort eingefallen sind.Kreuz:Tafeln

Insofern steht das Kreuz in eben dieser Deutung auch dafür, warum Jesus den Kreuzestod starb und das aller Wahrscheinlichkeit nach auch kommen sah und in Kauf nahm. Er stellte viele gängige Deutungen und Umsetzungen der Gebote in Frage. Und er verschob die Aufmerksamkeit weg vom Kult und all dem Kleingedruckten der „rechten“ Gottesliebe hin zu einem barmherzigen, offenen und versöhnlichen Umgang mit dem Nächsten, der ethnische und religiöse Grenzen überschreitet.

Interessanterweise gibt es das ja immer noch, auch unter Jesusnachfolgern: Diesen Streit, ob zuviel Nächstenliebe (und damit auch soziales und politisches Engagement) der Reinheit unserer Gottesliebe abträglich ist, oder ob das gar kein Gegensatz ist und auch besser nicht als solcher behandelt werden sollte. Ich finde diese rotznasige, empathische Heiligkeit mit den schmutzigen Händen und den weiten Grenzen jedenfalls viel attraktiver als die sterile, strenge und skrupelhafte Variante.

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Es mag an meinem beschränkten Horizont liegen, dass mir erst jetzt die Frage nach einem Zusammenhang zwischen dem berühmten Lösegeld-Wort aus Markus 10,45 und der folgenden Anweisung aus dem Buch Exodus (30,11-17) kommt. Dort lesen wir:

Und der HERR redete zu Mose und sprach: Wenn du die Israeliten zählst, die gemustert werden, soll jeder dem HERRN ein Lösegeld für sein Leben geben, wenn man sie mustert. Dann wird keine Plage über sie kommen, wenn man sie mustert. Dies sollen sie geben, jeder, der zur Musterung antritt: einen halben Schekel nach dem Schekel des Heiligtums, zwanzig Gera der Schekel, einen halben Schekel als Abgabe für den HERRN.

Jeder, der zur Musterung antritt, der zwanzig Jahre alt ist oder älter, soll die Abgabe für den HERRN entrichten. Der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger als einen halben Schekel geben, wenn ihr die Abgabe für den HERRN entrichtet, um für euer Leben Sühne zu erwirken.

So nimm das Sühnegeld von den Israeliten, und verwende es für den Dienst am Zelt der Begegnung. Und es soll vor dem HERRN die Erinnerung an die Israeliten wachhalten, um Sühne zu erwirken für euer Leben.

Ein bisschen zugespitzt formuliert: Die Tempelsteuer erscheint hier als eine Art „Schutzgeld“, das Schaden ("Plagen“) abwendet und mit dem zugleich der Betrieb des Heiligtums gewährleistet wird. Jeder männliche Jude ab dem Alter von 20 Jahren muss sie entrichten, das war auch zur Zeit Jesu noch so, wobei es außerhalb von Judäa eine freiwillige Abgabe war, schreibt Heinz Schröder in „Jesus und das Geld“. Die Abgabe verbindet den einzelnen mit dem Tempel und über den Tempel mit Gott, das funktionierte auch für Diasporajuden und brachte dem herodianischen Tempel keinen geringen Wohlstand ein.

Liberation by jar [o], on Flickr
"Liberation" (CC BY 2.0) by jar [o]

Das Ganze ist trotzdem etwas undurchsichtig: Fällt ein Lösegeld für eine Art generelle Sündhaftigkeit der Israeliten an, also eine pauschale Zahlung mit sühnender Wirkung? Ist das quasi die monetarisierte Variante des Jom Kippur? Und wenn ja, warum sind Frauen und Kinder dann ausgenommen? Oder schwingt hier das Unbehagen im Blick auf Musterungen und Volkszählungen mit, das sich z.B. in 1.Chr 21 deutlich darin ausdrückt, dass Davids Musterung eine Idee des Satans genannt wird und mit schlimmen Konsequenzen belegt wird? Oder beides? Ein Lösegeld an irgendeine andere Instanz (wie im König von Narnia die Winterhexe) scheint jedenfalls keine Rolle zu spielen.

Und was passiert, wenn man das Lösegeldwort Jesu auf diese Situation bezieht? Je nach Vorverständnis ließe sich dann Folgendes sagen:

  1. Der – einmalige – Tod des Menschensohnes tritt an die Stelle der Tempelsteuer. Er erweitert zugleich deren Sinn. Um es mit Andrew Perriman zu sagen: “What’s at stake is not the routine daily or even annual maintenance of the covenant but the future of a people threatened with annihilation by an all-powerful pagan empire."
  2. Alle weiteren Zahlungen und Transaktionen sind damit überflüssig, der kostspielige Betrieb des prunkvollen Tempels unter Regie der schwerreichen Priesteraristokratie ebenfalls (daher wird dessen Zerstörung wenig später angekündigt).
  3. Die Hingabe des Menschensohnes stiftet Gemeinschaft bis in den letzten Winkel der Diaspora und begründet die Zugehörigkeit zum Volk Gottes neu.
  4. Gott ist nicht etwa Adressat dieser „Sühne“, sondern der, der sie durch sein Handeln in Jesus endgültig ablöst.

Das würde auch den Kontext des Lösegeldwortes erklären, in dem Jesus die Mächtigen der Welt dafür kritisiert, wie sie Menschen knechten und auspressen. Denn das Instrument dieser Knechtschaft sind Bürokratie und Steuereintreiber, autokratische Gesetzgebung, die Konzentration von Kapital, die Aushebung von Truppen und die Einschüchterung von Kritikern durch die Androhung von Gewalt oder Ausschluss aus der Gemeinschaft. All das besteht wohl noch fort, aber es fehlt ihm fortan jegliche religiöse Legitimation.

Wenn das so gemeint war, dann lässt sich jedenfalls leicht vorstellen, warum Jesus in Jerusalem mit so viel Argwohn empfangen wurde.

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Ich war letzte Woche bei der Erzählung von der Versuchung im Garten Eden. Eine Folge der Episode mit der verbotenen Frucht ist, dass die Menschen merken, dass sie nackt sind. Sehen sie also endlich das Offensichtliche? Oder ist das gar keine Frage der Optik, sondern des Bewusstseins und der Kategorien des Verstehens?

Die Menschen haben sich entschlossen, etwas (die Frucht vom Baum der Erkenntnis) anders zu sehen als Gott. Mit Erfolg, sie fallen nämlich nicht tot um. Man kann die Dinge also anders sehen! Aber just an diesem Punkt der Erkenntnis tritt eine entscheidende Veränderung ein: Sie sehen einander an und stellen fest, dass man die Dinge nicht nur anders sehen kann als Gott, sondern auch anders als man selbst. Und dass sie selbst zu diesen „Dingen“ gehören, die man anders sehen kann.

Ich sehe also dich an und sehe, dass du mich ansiehst. Aber ich weiß jetzt, dass du mich nicht unbedingt so siehst, wie ich mich selbst sehe. Und erst recht nicht so, wie ich gesehen werden möchte (auch das sind nun zwei verschiedene Dinge!). Das Bild von mir, das in deinem Kopf existiert, kann ich nicht kontrollieren und ändern. Aber es bestimmt, wie du mit mir umgehst: Wirst du das, was du an und in mir siehst, dazu verwenden, mir wohlwollend und liebevoll zu begegnen, oder wirst du mich verachten und mich bloßstellen? Ich kann mir nicht sicher sein. Ich merke ja, wie berechnend ich gerade denke. Ich bin deiner Willkür ebenso ausgeliefert wie du meiner. Anders ausgedrückt: Ich habe die Deutungshoheit über mich selbst verloren.

Weil ich dieses Bild nicht direkt bestimmen kann, das du von mir hast, zeige ich dir von nun an nur bestimmte Ansichten von mir. Nämlich die Seiten, die mich in ein möglichst günstiges Licht rücken: Puzzleteile, von denen ich erwarte und hoffe, dass du sie zu meinem Wunschbild zusammensetzt. Alles andere verhülle ich mit Feigenblättern und mache es unsichtbar.

Unsere Beziehung ist durch dieses Image-Management schon kompliziert geworden. Aber der Knoten wird noch dicker. Denn es reicht nicht, meine (echten oder auch nur vermeintlichen) Schattenseiten zu verbergen. Ich muss auch verbergen, dass ich etwas verberge. Sonst wirst du irgendwann misstrauisch fragen, was es hier nicht zu sehen gibt. Dann wirst du entweder nachbohren oder alles, was ich an Gutem preisgebe von mir, nur noch verdächtig finden.

Daher verstecken sich die Menschen sogar vor Gott: Sie müssen verbergen, dass sie etwas verbergen. Es wird richtig, richtig kompliziert.

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Foto: unsplash.com

Doch auch so lässt sich die verlorene Naivität – "die Welt ist so, wie ich sie sehe, und das siehst du genauso“ – nicht mehr retten. Die Menschen müssen das, was sie verbergen, ja sogar vor sich selbst verstecken, um im Folgenden so tun zu können, als sei die eigene Sicht der Welt die einzig wirkliche und mögliche. Kein sehr überzeugendes Manöver, aber ein verbreitetes. Es ist ein Kennzeichen von Diktatoren, dass sie nur die Aussagen über sich gelten lassen, die ihrem Wunschbild entsprechen. Und es ist die Grunddynamik aller Filterblasen und Echokammern.

Nein, die Geschichte vom Garten handelt nicht von einer fernen Vergangenheit…

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Ein Samstagmorgen in der Fußgängerzone. In der Nähe des Ortes, wo ich mein Rad abgestellt habe, steht in junger, blonder Russlanddeutscher auf der Straße und predigt – irgendwas über Sünde und Gericht, die üblichen Bibelstellen und ein vager Exkurs in die eigene sündige Vergangenheit. Man mag ihm gar nichts Schlimmes zutrauen, wie er da so steht, ein bisschen blass, mit inzwischen heiserer Stimme. Und tatsächlich kommen auch keine anderen Konkretionen als dass er damals sein Geld für Dinge ausgegeben hat, die ihm Spaß machen. Ist das ein bewusster Versuch, so etwas wie Gemeinsamkeit mit potenziellen Zuhörern auszudrücken?

Neben ihm stehen drei Kinder und halten Traktate in der Hand. Der Mann pausiert, wendet sich ihnen kurz zu, und fährt dann in seiner Ansprache fort. Doch das Erlösungsbedürfnis der Erlanger ist heute überschaubar: Niemand bleibt stehen und die Passanten, die in einiger Entfernung auf Bänken in der Sonne sitzen oder auf den Bus warten, scheinen ihn zu ignorieren. Ich hoffe um der Kinder willen, dass seine Stimme nicht mehr lange hält, und er bald guten Gewissens die Segel streichen kann.

Gegenüber steht ein Tisch mit einer türkischen Fahne, türkischen Schildern und einem, das auf Deutsch sagt, alle Macht geht vom Volke aus. Ich vermute, darin steckt eher Kritik an den Plänen der AKP für eine Verfassungsänderung. Hinter mir geht eine Frau mit partiell rot eingefärbtem, dunklem Haar vorbei, die den Stand wütend betrachtet. Im Weitergehen schreit sie auf Türkisch etwas augenscheinlich Unfreundliches über ihre Schulter, später dreht sie sich noch zweimal um und reckt den Mittelfinger in die Luft in Richtung der Nestbeschmutzer, ihre Miene ist immer noch grimmig verzerrt, sie kann sich gar nicht mehr beruhigen.

Politischer Dialog, der mit Hass beantwortet wird, und religiöser Monolog, der nirgends ankommt. Und wir irgendwo zwischendrin. Alles auf engem Raum an einem Samstagmorgen in der Fußgängerzone.

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Immer wieder einmal habe ich gelesen, die Schlange habe die Frau im Garten Eden belogen. Aber das musste sie gar nicht. In der Übersetzung von Buber/Rosenzweig lautet ihr Kommentar nicht „ihr dürft von keinem der Bäume essen“, sondern einfach nur: "Ob schon Gott sprach: Esst nicht von allen Bäumen des Gartens …!"

Viel mehr war gar nicht nötig (der Versucher im Neuen Testament lügt ja auch nicht…), und exakt darin trifft sich diese Episode mit dem, was wir heute täglich erleben: Stimmen, die uns unablässig beeinflussen. Die auf vermeintliche und tatsächliche Wahrheiten verweisen, aber in einer ganz bestimmten Zuspitzung. Nämlich so, dass sie die Ausnahmen von der Regel unter der Hand zum Regelfall werden lassen, indem sie eine bestimmte Fixierung auslösen.

Um mit einem unverfänglichen Beispiel einzusteigen: Bewohner meiner Heimatstadt lassen sich relativ leicht davon überzeugen, dass Kraftfahrer aus benachbarten Städten und Landkreisen mit der Straßenverkehrsordnung auf Kriegsfuß stehen. Wenn ich also sage, dass nicht alle Forchheimer oder Fürther anständig Auto fahren können, dann fällt jedem ein Erlebnis ein, das diese Aussage stützt (auswärtige Nummernschilder sind nämlich auffälliger als heimische). Und so ist es nicht weit von „nicht alle Forchheimer können Auto fahren“ zu „die Forchheimer können alle nicht Auto fahren“. Indem ich eine Verbindung zwischen einem bestimmten Verstoß und einer Gruppe Fremder herstelle (und das gegebenenfalls öfter wiederhole), charakterisiert er irgendwann die ganze Gruppe, obwohl anfänglich jeder wusste, dass das Quatsch ist. Das „nicht“ vom Satzfang wandert immer weiter nach hinten.

Und nun hören wir täglich Sätze wie

  • Nicht alle Zuwanderer kommen in friedlicher Absicht
  • Nicht alle Politiker sind immun gegen Bestechung
  • Nicht alle Muslime halten die Demokratie für eine gute Staatsform
  • Nicht alle ALG-II Empfänger suchen ernsthaft nach einem Job
  • [für den „frommen“ Leser, der es nicht politisch möchte: Nicht alle Pfarrer/Landeskirchler/Katholiken sind „gläubig“]

Die, die so etwas sagen, verweisen vordergründig erst einmal nur auf offensichtliche, wenn auch seltene Möglichkeiten – Dinge, die sich nie ganz ausschließen lassen. Sie sagen ihre Banalitäten aber so oft und so lange, bis sich unsere Wahrnehmung immer weiter verengt. Bis 99,9% der Geflüchteten so friedlich sein können, wie sie wollen, und dennoch unter Generalverdacht stehen. Und wer sich für sie einsetzt, wer das schiefe Bild zurechtrückt, wird der Schönfärberei, der Manipulation und fanatiserter “politischer Korrektheit“ beschuldigt. Denn (um die perfide Strategie noch einen Schritt weiter zu treiben) „nicht alle, die sich für Geflüchtete einsetzen, sind selbstlos, tolerant und arbeiten mit lauteren Mitteln“.

Für solche Vergiftungen menschlichen Zusammenlebens und gesellschaftlicher Kommunikation kann uns die alte Geschichte aus dem Buch Genesis die Augen öffnen. Allein deswegen sollten wir sie immer wieder lesen und besprechen. Denn hier und heute müssen wir Gutes und Böses mit Gottes Hilfe unterscheiden. Andernfalls wird jedes Paradies zur Hölle.

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Vor einem Jahr habe ich das Vikariat in St. Leonhard-Schweinau begonnen. Ein guter Anlass, kurz zurück zu blicken, zumal ich auch immer wieder gefragt werde – mal besorgt, mal süffisant, mal neugierig – wie es mir denn so geht.

Der Kilometerzähler an meinem Rad zeigt 4.000 mehr als vor Jahresfrist, und vieles davon geht zurück auf dienstliches Pendeln zwischen Wohnort und „Einsatzgemeinde“, wie das im Kirchensprech heißt. Im Sommerhalbjahr waren es mehr Fahrten, im Winter (und mit mehr Gepäck für den Schulunterricht) spürbar weniger. Das ändert sich jetzt allmählich wieder, und irgendwann erreiche ich dann auch das Tempo vom vergangenen Sommer. Auf dem Weg nach Nürnberg trage ich nun meistens einen Helm, es kommen also ganz neue Gewohnheiten dazu.

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(Foto: Andrew Gook, unsplash.com)

Mehr als nur ein bisschen dankbar bin ich für meinen Mentor, der mir ebenso humorvoll und einfühlsam wie abgeklärt hilft, mich in meine Rolle und in die Gemeindearbeit mit ihren Besonderheit und Eigentümlichkeiten hineinzufinden. Im Predigerseminar habe ich freundliche, aufgeschlossene und kompetente Studienleiter kennengelernt und bin in einem Vikarskurs gelandet, der trotz stattlicher Größe einen bemerkenswerten Zusammenhalt entwickelt hat. Und die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in der Kirchengemeinde zeigen bis zum heutigen Tag endlose Geduld mit mir, während ich die vielen neuen Namen lerne, vergesse und wieder neu lerne.

Es ist auch ein Jahr der Kontraste: Da ist der Kontrast zwischen der Akademikerstadt Erlangen und dem Nürnberger Westen mit Arbeitern, Angestellten und einem hohen Migrationsanteil an der Bevölkerung. Und der Kontrast zwischen den ELIA-Gottesdiensten im gut gefüllten Theater mit so ziemlich allen Altersgruppen hier und den eher lichten Reihen mit überwiegend ergrauten Häuptern dort, zwischen meist unstrukturiertem Lobpreis und klassischer Liturgie nach G1, zwischen Predigthörern, die an Humor und Ironie gewöhnt sind und solchen, die sich lieber nichts anmerken lassen, wenn ich auf die Idee komme, einen Witz zu reißen, ohne ihn vorher anzukündigen.

Vielleicht liegt letzteres auch an dem schwarzen Talar, an den ich mich nur sehr mühsam gewöhne. Bei Beerdigungen sehe ich den Nutzen noch am klarsten, in allen anderen Situationen bremst und dämpft er gefühlt mehr, als dass er beflügelt. Ein Ausbilder meinte neulich, der Talar schütze auch die Gemeinde vor mir. Gut, da hat er wahrscheinlich Recht…

Mein Aktionsradius ist durch diese Umstände drastisch beschränkt, manche Debatten und Ereignisse bekomme ich nur noch am Rande mit – und es fehlt mir im Grunde auch nicht: Bei soviel Input und neuen Eindrücken, die es zu verarbeiten gilt, sinkt natürlich der Bedarf an zusätzlichen Impulsen von außen. Das einzige, was ich daran vermisse, sind die Begegnungen mit vielen von Euch. Andererseits tut es aber auch gut, so klare Prioritäten zu haben – es vereinfacht das Neinsagen.

Ab und zu höre ich, dass Leute schon wissen und sogar verraten, was für mich nach dem Abschluss im kommenden Jahr folgt. Wenn Ihr so jemandem begegnet, sagt mir Bescheid – ich selbst tappe nämlich noch im Dunkeln und bin immer interessiert an erhellenden Auskünften über meine Zukunft.

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Hat die Schlange die Frau im Garten Eden belogen? Oder muss man, um Schaden zu verursachen und Menschen auf Abwege zu bringen, die Wahrheit vielleicht nur schlau und passend akzentuieren?

Und wie ist das mit dem Nacktsein und der Scham zu verstehen? Worüber gehen den Menschen die Augen auf, was macht das mit ihnen und wo berührt sich das mit unserem alltäglichen Bemühen, in einer Welt der Projektionen, Vorurteile und Unterstellungen die Deutungshoheit über uns selbst zu behalten?

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Bild: Unsplash.com

Morgen beginnt die Fastenzeit: Was kann christliche Spiritualität dazu beitragen, dass ich im Wirrwarr manipulativer Stimmen den Blick für die Wahrheit nicht verliere? Und wie lebe ich einigermaßen authentisch unter den Blicken und Erwartungen anderer?

Hier könnt Ihr hören, was mir dazu eingefallen ist.

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2 Kommentare

In den letzten Tagen habe ich mich mit Ostergottesdiensten und -predigten befasst. Was mich beim Stöbern und Suchen überrascht hat, war, wie viele (durchaus renommierte, ich sag’ nicht welche) Prediger völlig apolitisch über das Osterevangelium reden konnten. Als wäre Ostern in erster Linie eine Antwort auf die Frage nach dem individuellen Tod – dem eigenen oder dem eines geliebten Menschen!

Und dabei ist mir wieder neu aufgefallen, dass Ostern für mich in erster Linie die Antwort auf die Frage ist, woher wir die Hoffnung auf eine bessere Welt nehmen. Es wird ja nicht irgendwer auferweckt, sondern der Messias der Armen, der die Herrschaft Gottes ankündigt – und den seine Kritik an den ungerechten Verhältnissen ans Kreuz brachte. Und dann heißt Ostern vor allem: Die Revolution geht weiter, egal wie viele seiner Mitstreiter noch eingesperrt und ermordet, abgeschrieben und verleumdet oder anderweitig „kaltgestellt“ werden.

Erst in zweiter Linie geht es dann um den persönlichen Tod und dann heißt Ostern: Irgendwann werden wir alle vollzählig um einen großen Tisch herum sitzen und feiern – auch die, die ihr Leben in dem Kampf für eine gerechte Welt verloren haben. Hier findet das Politische das Individuelle: Wenn ich den Tod nicht fürchten muss, wenn der Tod mich nicht mehr um die Früchte meines Engagements bringen kann, dann kann ich um so befreiter und selbstvergessener einsetzen für alles, was Recht ist.

Ewiges Leben ist also ein engagiertes Leben.

Heute ist ein guter Tag, um darüber nachzudenken. Vor 74 Jahren starben Hans und Sophie Scholl. Ihr Vater Robert rief dem obersten NS-Richter Roland Freisler im Prozess zu: „Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit!“. Die Mutter erinnert Sophie angesichts der Hinrichtung an die Nähe Jesu. Und Ihr Mitstreiter Christoph Probst verabschiedet sich mit den Worten „In wenigen Minuten sehen wir uns in der Ewigkeit wieder.“

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