Wie kann man nach einer solchen Woche predigen, in der Bernd Höcke das Holocaust-Gedenken und die Erinnerungskultur als Schande bezeichnet und in der Donald Trump vor und nach seinem Amtsantritt als US-Präsident alles als Lüge und Fake beschimpft, was seine Eitelkeit verletzt?

Und was haben solch schrille Töne zu tun mit den schleichenden Verunsicherungen und Auflösungstendenzen, die auch christlichen Gemeinden zu schaffen machen, weil Beziehungen oberflächlicher werden und Menschen in der Konsumgesellschaft des Neoliberalismus allein bleiben? Hier trifft die Nachrichtenlage und die Identitätspolitik auf unsere Alltagsfragen und -nöte.

Was haben wir solchen Kräften, die auf viele verängstigend und zersetzend wirken, entgegenzusetzen? Wie muss eine christliche Identität im 21. Jahrhundert gestrickt sein, damit sie kein Fake ist – also auch nicht der Versuch, "die Fragen, die der Modernisierungsprozess aufwirft, ideologisch zu entsorgen“, wie Ulrich Beck das dem um „hergestellte und herstellbare Fraglosigkeit“ bemühten Biologismus, ethnischen Nationalismus, Neorassismus oder dem militanten religiösen Fundamentalismus vorwirft?

Welche Praxis des Glaubens und welche Vorstellung von Evangelium und Kirche hat also Aussicht auf Bestand und kann zum Frieden in der Welt beitragen?

Die Antwort habe ich im Blick auf ein anderes Mahnmal der Schande – das Kreuz – (und mit einem kurzen Seitenblick ins aktuelle Philosophie-Magazin) versucht, halbwegs allgemeinverständlich zu formulieren. Wenn Euch das Ergebnis interessiert, könnt Ihr den Mitschnitt hier anhören und dort die Kernsätze mit- oder nachlesen.

Share

Der Soziologe Zygmunt Bauman ist kürzlich gestorben. Es gibt wenige Autoren, die meinen Blick auf die Welt in den letzten zehn Jahren so nachhaltig beeinflusst haben wie der Mann aus Posen, der zwei Diktaturen erlebte. Es war vor allem seine differenzierte Sicht der gesellschaftlichen Veränderungen, die er „flüchtige Moderne“ nannte. Das war ein großer Fortschritt gegenüber viele diffusen und gelegentlich auch reichlich konfusen Konzepten von „Postmoderne“. Wir alle leben in der Flüchtigen Moderne, ob wir nun dem Postmodernismus zuneigen oder nicht (selbst dessen erbittertste Feinde, fand Bauman, die Fundamentalisten religiöser und atheistischer Färbung, sind allesamt typische Exemplare dieser zweiten Moderne).

Als kleine Verbeugung vor dem großen Mann habe ich im letzten Kapitel von Terry Eagletons „Culture and the Death of God“ geblättert, von dem ich den Eindruck habe, dass hier ganz ähnliche Gedanken (nun aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers) auftauchen. Es wirkt wie ein Echo auf Baumans Thesen. Vielleicht finden es ja auch andere tröstlich, dass seine Ideen und Entdeckungen weiterleben.

Eagleton hat nachgezeichnet, wie im Laufe der Säkularisierung verschiedene Dinge als Platzhalter für „Gott“ ins Spiel gebracht wurden: Die Vernunft, die Kultur, die Geschichte, die Nation, die Ästhetik, die Menschheit (bis hin zu Nietzsches Übermenschen) – all das hatte eine transzendente Dimension. Gott war zumindest in seiner Abwesenheit präsent, und die Lücke, die er bei denen hinterließ, die nicht mehr an ihn glaubten oder nicht mehr von ihm sprechen wollten, blieb durch diese Platzhalter sichtbar:

Während der Modernismus den Tod Gottes als Trauma erfährt, als einen Affront, gleichermaßen eine Quelle der Angst wie ein Grund zum Feiern, erfährt der Postmodernismus ihn gar nicht mehr. Es gibt in der Mitte des Universums kein gottförmiges Loch, […] es gibt überhaupt keine Lücke mehr in diesem Universum. […] Das postmoderne Subjekt tut sich schwer, in sich selbst genug Tiefe und Kontinuität zu finden, um ein geeigneter Kandidat für tragische Selbstaufgabe zu werden. Man kann nichts aufgeben, was man nie besessen hat. Wenn es keinen Gott mehr gibt, dann zum Teil deshalb, weil es keinen geheimen, inneren Ort mehr gibt, wo er sich einstellen könnte. (S. 186)

Wenn aber weder die Einheit des Subjektes noch die Einheit der Welt einen sicheren Ausgangspunkt des Denkens bildet, dann ist auch für den einen Gott kein konzeptioneller Raum mehr vorhanden. Der Mensch hört auf, sich als intentional und schöpferisch zu betrachten. auch das hat mit einem Wandel der Gesellschaft zu tun, und zwar einem, der auch Bauman intensiv beschäftigt hat:

Konsumenten sind passive, diffuse, vorläufige Subjekte – so wird der Allmächtige traditionellerweise nicht dargestellt. Solange Menschen als Produzenten, Arbeiter, Hersteller, Gestalter ihrer selbst angesehen werden, kann Gott nie völlig erlöschen. Hinter jeder produktiven Tätigkeit lauert ein Bild der Schöpfung, und ein schöpferischer Akt im besonderen – die Kunst – konkurriert mit dem Allmächtigen selbst. Aber nicht einmal er kann den Advent des Menschen als des ewigen Konsumenten überleben. (S. 190)

Das neue absolute Prinzip ist die Kultur. Alles ist Kultur, alles ist kulturell erzeugt und überformt, jedes Nachdenken darüber ist wiederum ein kulturelles Geschehen; Kultur ist unhintergehbar, aber sie ist nicht mehr transzendent, sondern nur noch transzendental - die Bedingung der Möglichkeit all dieser Phänomene. Das wirkt sich auch auf postmoderne Religiosität und Spiritualität aus:

Spiritualität ist das Bedienen von Bedürfnissen, die einem die Stylistin oder der Aktienhändler einem nicht erfüllen kann. Doch im Grunde ist diese ganze Zweite-Hand-Jenseitigkeit nur eine Form des Atheismus. Ein Weg, sich erhaben zu fühlen ohne die krasse Unannehmlichkeit Gottes. (S. 191f.)

Ebenso werden Überzeugungen und Glaubensansichten postmodern zu Accessoires, die man eher zu ästhetisch-dekorativen Zwecken benutzt, als dass man sich ihnen bleibend verpflichtet fühlen würde. Die Suche nach Glaube und Gewissheit wird dagegen prinzipiell wahlweise als Schwäche diffamiert oder als erster Schritt zu einem tyrannischen Dogmatismus. Eagleton kommentiert:

Überzeugung setzt eine Einheitlichkeit des Selbst voraus, die sich nur schwer verträgt mit dem flatterhaften, adaptiven Subjekt des fortgeschrittenen Kapitalismus. Außerdem ist zuviel Lehrmeinung schlecht für den Konsum. Sie ist außerdem aus der Mode, weil der Glaube die Gesellschaft nicht zusammenhält wie die Lutherische Kirche oder die Pfadfinderbewegung. Der Kapitalismus mit seinem Hang zum Pragmatischen, Utilitaristischen, vor allem in seiner postindustriellen Inkarnation, ist eine zutiefst glaubenslose Gesellschaftsordnung. Zu viel Überzeugung ist für dein Funktionieren weder notwendig noch wünschenswert.

… Die Glaubenslosigkeit des fortgeschrittenen Kapitalismus ist in seinen praktischen Routinen eingebaut. Sie ist nicht primär eine Frage der Frömmigkeit oder Skepsis seiner Bürger. Der Markt verhielte sich auch dann noch atheistisch, wenn jeder Marktteilnehmer ein wiedergeborener Evangelikaler wäre. (S. 195f.)

Mit dem Ende des kalten Krieges dachten viele, es sei nicht nur das ende der Geschichte gekommen, sondern auch das Ende aller großen, sinnstiftenden Erzählungen. Und hier beginnt die große Ironie des 21. Jahrhunderts:

Kaum war eine gründlich atheistische Kultur auf den Plan getreten, eine, die nicht mehr ängstlich diesem oder jenem Platzhalter für Gott anhing, setzte sich die Gottheit mit Nachdruck wieder auf die Tagesordnung. Die beiden Ereignisse sind keineswegs unzusammenhängend: Der Fundamentalismus hat seine Ursache in der Angst, weniger im Hass. Er ist die pathologische Denkweise all jener, die fühlen, dass in einer schönen neuen spätmodernen Welt gescheitert sind, und von denen einige schlussfolgern, dass sie auf ihre unterbewertete Existenz nur dadurch aufmerksam machen können, dass sie eine Bombe im Supermarkt explodieren lassen. (S. 197)

Der Allmächtige wurde anscheinend in seinem Sarg gar nicht sicher festgenagelt. Er hatte einfach nur die Adresse geändert, er emigrierte in den Bible Belt der USA, die Evangelikalen Gemeinden Lateinamerikas und die Slums der arabischen Welt. Und sein Fanclub wächst stetig an. (S. 199)

Eagleton macht sich ausgiebig lustig über die Versuche der politischen Linken (er nennt z.B. Agamben, Zizek, Badiou, Habermas und de Botton) das humanitäre und soziale Potenzial der Religion (zumal der christlichen) zu instrumentalisieren, ohne sich auf ihre inneren Überzeugungen jemals ernsthaft einzulassen und den eigenen Materialismus in Frage zu stellen.

Bauman hat sich, so weit ich sein Werk kenne, nie als religiöser Mensch geäußert. Anders Eagleton, der damit über Bauman hinausgeht und diesen Gedankengang schließt, indem er – zutreffend, wie ich finde – schreibt:

Dem christlichen Glauben geht es jedoch nicht um moralische Erbauung, politische Einheit oder ästhetischen Charme. Er setzt auch nicht bei irgendeiner ominös-verschwommenen ‚unendlichen Verantwortung‘ an. Er beginnt mit einem gekreuzigten Leib. (S. 206)

… Wenn religiöser Glaube von der Bürde befreit wäre, soziale Ordnungen mit Rechtfertigungen ihres Vorhandenseins zu möblieren, dann wäre er frei, seinen wahren Zweck wiederzuentdecken als Kritik all solcher Politik. So gesehen läge sein Heil in seiner Überflüssigkeit. Das Neue Testament sagt kaum etwas über staatsbürgerliche Verantwortung. Es ist überhaupt kein „zivilisiertes“ Dokument. Es zeigt keinerlei Begeisterung für gesellschaftlichen Konsens. […] Es untermauert nicht die Feld-Wald-und-Wiesen-Moral, sondern bringt die äußerst unbequeme Nachricht, dass unsere Lebensformen eine radikale Auflösung durchmachen müssen, wenn sie als gerechte und barmherzige Gemeinschaften wiedergeboren werden sollen. Das Zeichen dieser Auflösung ist die Solidarität mit den Armen und Ohnmächtigen. Hier könnte eine neue Konfiguration von Glaube, Kultur und Politik geboren werden.

Dazu in ein paar Tagen mehr.

Share

2 Kommentare

Alle Schafe in meiner Herde erinnern sich noch an den Tag des sprechenden Feuers. Seither ist nämlich nichts mehr so, wie es war. Das kommt davon, wenn man zu weit geht.

Keines von uns kann sich an die Zeit erinnern, als Mose noch nicht da war. Aber uns allen fiel auf, dass er nicht wie die anderen Hirten war. Die älteren unter uns wussten noch von ihren Eltern und Großeltern, dass er irgendwann vor einem halben Menschenleben und von irgendwoher bei Jethros Sippe auftauchte. Er blieb, und weil er keinen anderen Beruf erlernt hatte, bekam er eine Herde Schafe zugeteilt.

Wir kannten Mose nur als jemand, der in sich zu ruhen schien. Er wirkte versöhnt mit sich und seinem Leben, wenn er abends am Feuer saß und zu den Sternen hinaufschaute. Aber das war nicht immer so: Anfangs soll er rastlos und gehetzt gewirkt haben. Immer wieder suchten seine Augen den südlichen Horizont über der Steppe ab und wenn sie etwas entdeckten, dann wurde der Griff um seinen Stock so fest, dass die Fingerknöchel weiß waren. Dabei wollte außer uns und seiner Frau eigentlich nie jemand etwas von ihm. Angst und Fluchtreflex wichen irgendwann einer Leere und tiefen Resignation. Dann mussten wir Schafe ihn fast dazu antreiben, neues Weideland zu finden oder uns zum Wasserloch zu lotsen. Sein Gang war ungelenk und schwerfällig. Er schien durch uns hindurchzusehen, als wären wir Rauch- oder Nebelschwaden. Innerlich war er meilenweit weg. Aber er fand den Weg zurück. Zurück in das Hier und Jetzt, in die staubige, sonnenverbrannte und schweißgetränkte Wirklichkeit. Irgendwann lachte er wieder. Und manchmal summte er sogar ein Lied.

Den ängstlichen und den abwesenden Mose hätten wir durchaus ziehen lassen. Aber der Abschied vom angekommenen Mose traf uns alle ziemlich hart.

Ich muss sagen, ich hatte schon ein schlechtes Gefühl, als wir an jenem Tag den Rand der Steppe überschritten und uns in die Wüste hinein bewegten. Es hatte doch seinen guten Grund, dass Mose uns bisher nie dorthin geführt hatte. Was außer Sand und Felsen, Leere und Gefahr erwartet einen dort? Das Irritiendste daran war, dass wir alle das Gefühl hatten, Mose wisse nicht so recht, was er dort wolle. Aber das wäre doch das Mindeste, was man als Schaf von seinem Führer/Hirten erwarten kann! Zögerlich trotteten wir also hinter ihm her. Aber er schien unseren Bummelstreik gar nicht zu bemerken, und irgendwann gaben wir ihn dann auch auf. Etwas Unbekanntes zog diesen Menschen an.

Ebenso unvermittelt, wie er losmarschiert war, blieb er auf einmal stehen und kniff die Augen zusammen. „Versucht er, sich an den Rückweg zu erinnern?“, fragte ich mich besorgt und ärgerte mich nicht zum ersten Mal, dass ich seine Sprache nicht sprechen konnte und er die unsere so schlecht verstand.

Irgendwann fiel uns auf, dass er einen brennenden Busch anstarrte.

DSC02667.jpg

Feuer finden wir Schafe nicht attraktiv. Wir brauchen es nicht wie die Menschen, um uns daran zu wärmen oder damit Essen zuzubereiten. Wir können es weder anzünden noch löschen. Aber wir wissen genau, wie schnell es sich in trockenem Gras und Gebüsch ausbreitet und wie gefährlich das werden kann. Abstand wahren heißt daher die Devise, die wir schon im Lämmergarten lernen. Doch das war kein gewöhnliches Feuer. Es flackerte, aber kein Rauch schien aufzusteigen, kein Zweig knisterte und fiel glühend zu Boden. Hitze hätte man in der flirrenden Wüstenluft ohnehin kaum bemerkt.

Was war das?

Das Feuer rief Mose beim Namen. Es sprach nicht in der Sprache der Midianiter und auch nicht in der der Ägypter, die Mose ab und zu benutzte, wenn er einen Fluch ausstieß. Mose antwortete in derselben Sprache: „Hinneni - hier bin ich.“ Das Feuer sagte zu Mose, er solle näher kommen und die Schuhe ausziehen. Barfuß stand er auf dem nackten Fels vor dem Feuer, das im Busch war und doch nicht da war oder wenigstens nicht so, wie ein gewöhnliches Feuer da ist und brennt. Es war eine Anwesenheit, die sich nicht greifen ließ – nicht mit Händen, nicht mit Worten – die aber deswegen nicht weniger wirklich zu sein schien. Und sie war ausgesprochen packend: Die Worte gingen nicht einfach nur ins Ohr, sondern sie schienen wie die Wärme der Wüstensonne ohne erkennbaren Widerstand die Haut zu durchdringen und tief ins Innere hineinzustrahlen.

Mose war wieder verstummt.

Aus der Ferne war schwer zu verstehen, was das Feuer ihm sagte. Anscheinend ging es um Menschen, die Mose kannte und über deren kritische Lage er Bescheid wusste. Zumindest fragte er kein einziges Mal nach. Er stand einfach nur da, starrte in die Flammen und nickte ab und zu fast unmerklich mit dem Kopf. Aber je länger er so dastand, desto mehr richtete sich sein Rücken auf. Sein Körper spannte sich wie die Sehne eines unsichtbaren Bogens, und die Schultern wirkten auch schon breiter als noch vor einigen Minuten.

Das Feuer sprach inzwischen weiter von einem Land, wo Milch und Honig fließen. Ich dachte, jetzt übertreibt es aber maßlos. Wo bitteschön gibt es sowas? Aber Mose schien in dieser unwirtlichen Umgebung förmlich riechen und schmecken zu können, was ihm zu Ohren kam. Vor uns stand nicht mehr der Hirte, der seinem Schwiegervater half und dessen Leben den Bahnen das gewohnten Alltags folgte, sondern jemand, der nach einem langen und tiefen Schlaf aufgestanden war. Hellwach lauschte er der Stimme.

Nach einer Weile wurde es still und das Feuer ging aus. Doch es war nicht weg: Als Mose uns entgegenkam, auf nackten Sohlen, die Schuhe in der Hand, sah ich es in seinen Augen leuchten. Und ich erkannte etwas vom Tonfall der Feuerstimme wieder, als er uns rief, um den Heimweg anzutreten.

Mich überkam ein seltsames Gefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte: Eine Spur von Traurigkeit, als hätte ich etwas Wertvolles verloren, gepaart mit dem Wunsch, sich wie ein Adler aufschwingen zu können, hoch hinauf in die wirbelnde Luft, um den Horizont abzusuchen und es zu finden. Es war, als würde sich in mir alles ausdehnen – Kummer, Verletzlichkeit, Verlangen, Hoffnung, Mut – als wäre meine Seele eine dieser Wüstenpflanzen, die in der Trockenheit verschrumpeln und dann beim ersten Regen ihre Blätter nach allen Seiten recken; als hätte das frische Wasser dieser Begegnung den alltäglichen Durst gestillt und einen noch tieferen geweckt.

Das war nicht mein Gefühl – Schafe empfinden so etwas eigentlich nicht, es schwappte nur über mich hinweg und ließ dann wieder nach. Aber ich habe an diesem Tag etwas Entscheidendes über die Menschen gelernt: Sprechendes Feuer kann in ihnen wohnen. Und wenn es einen erfasst hat, springt es zum nächsten. Es gibt den Alten die Frische der Jugendlichkeit und Jugendlichen die Festigkeit des Alters. Die Grenzen des Möglichen werden neu gezogen. Denn das erste, was das Feuer in ihnen verbrennt, ist Gleichgültigkeit, Abstumpfung und Resignation. Das zweite ist Angst und Sorge, der verkümmerte Geist. Menschen sind merkwürdig: Sie können sich verändern und zugleich mehr denn je sie selbst werden. Und wenn das Feuer sie packt, zieht notfalls einer allein los und nimmt es mit einem Tyrannen auf.

Wie es mit Mose weiterging? Das wisst Ihr bestimmt viel besser als ich. Wir haben ihn damals an das Feuer aus der Wüste verloren. Aber mein Gefühl sagt mir, die Welt der Menschen hat an jenem Tag einen Fackelträger der Hoffnung gewonnen. Das sprechende Feuer ist immer noch in der Welt unterwegs. Wenn es bei Euch vorbeikommt - jetzt wisst Ihr ja Bescheid.

Und denkt daran, die Schuhe auszuziehen.

Share

Die Weihnachtsgeschichte lässt sich aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten und erzählen. Die weihnachtliche Lesung aus dem 2. Samuel 7 bringt zum Beispiel König David ins Spiel. Ich fragte mich beim Lesen: Wie hätte David wohl die Geburt Jesu von Nazareth erlebt? Was wäre ihm dabei durch den Kopf gegangen, wenn er hätte zuschauen dürfen?

(Vielleicht hat er ja tatsächlich…?)

Ich stelle mir das ungefähr so vor: Irgendwo in den himmlischen Wohnungen geht ein Engel den Flur entlang, klopft an einer Tür, wartet eine Weile und öffnet sie dann vorsichtig. Aus dem Zimmer hören wir laute Musik – sie erinnert verdächtig an Leonhard Cohens berühmtes „Hallelujah“ –, die mitten im Lied abbricht. „Ja, bitte, was gibt’s?“ fragt eine Stimme.

„Ich sollte doch Bescheid sagen, David, wenn es so weit ist“, sagt der Engel. „Der Countdown läuft bereits, in ein paar Minuten geht es los. Die Live-Übertragung hat schon begonnen. Der Allmächtige hat Dir einen Platz in auf der Kommandobrücke freigehalten. Stell deine Harfe in die Ecke und komm mit.“

„Augenblick, Metatron“, sagt David, „ich muss nur schnell noch diesen magischen Akkord notieren, dann bin ich so weit.“ „Beeil dich“, sagt der Engel, „Was du gleich siehst, reicht garantiert für mindestens hundertfünfzig neue Psalmen!“ Und wenige Augenblicke später eilen der Engel und David den Flur entlang Richtung Kommandobrücke, die ein bisschen wie Raumschiff Enterprise aussieht. Dort angekommen, nehmen sie auf zwei Sesseln Platz, und Metatron sagt: „Bild auf Schirm eins, bitte!“

Ein großer Bildschirm leuchtet auf und von oben sieht man das Tote Meer, den See Genezareth, Jordantal, Hügelland und Sinai-Halbinsel. „Ihr habt die Sessel erneuert, seit ich das letzte Mal da war“, sagt David. „Ist ja auch schon eine Weile her“, antwortet Metatron. „Stimmt,“ sagt David, „ich konnte lange nicht mehr hinsehen. Es war einfach zu deprimierend. Mach mal das Bild größer, ich erkenne noch gar nichts.“

„Kommt schon“, sagt Metatron. „Jetzt kannst Du schon einzelne Hügel und Ortschaften erkennen. Das große oben am Bildrand ist Jerusalem.“ „Ach Jerusalem. Wenn ich gewusst hätte, wie schnell meine Nachfolger das herunterwirtschaften und wie die Babylonier schließlich alles platt machen, dann hätte ich mir nicht so viel Mühe gegeben mit dem Bauen.“

Metatron antwortet: „Inzwischen sieht es wieder recht imposant aus.“ „Ja“, sagt David, „aber das war doch alles dieser Gauner Herodes. Am kaiserlichen Hof in Rom gibt er das Schoßhündchen, das Augustus (der hält sich übrigens für einen Gott, wusstest du das?) aus der Hand frisst, und bei seinen eigenen Leuten ist er als übler Schlächter verschrien. Das einzige, was er wirklich kann, ist Geld für seine Protzbauten auf den Kopf zu hauen. Das mag ich mir nicht anschauen. Irgendwann baut er noch einen Turm, der an den Wolken kratzt und schreibt seinen Namen in goldenen Buchstaben drauf. Aber sag mal, was ist der andere Ort da unten, der jetzt näher kommt?“

„Das ist Bethlehem“, sagt Metatron. „Bethlehem!“ seufzt David. „Lange habe ich es nicht mehr gesehen. Groß ist es geworden! Und jetzt erkenne ich auch die Hügel wieder. Da, hinter diesem Olivenhain, habe ich immer unsere Schafe gehütet. Eine schöne Zeit war das! Das ganze Leben war noch so gemächlich. Abends hatte ich Zeit zum Harfe spielen, ich musste keine Lageberichte lesen, Steuerlisten erstellen, Ernennungsurkunden unterschreiben – dieser ganze Verwaltungskram kann einem das Königsein ja wirklich vermiesen. Und guck mal, da stehen ja immer noch Schafe. Ganz wie früher. Seh’ ich das richtig: Brennt da ein Feuer, und ein paar Hirten sitzen daneben?“

In diesem Moment geht die Türe auf. Mose und Elija kommen herein. Mose stellt eine Schale mit Manna-Chips auf den Tisch und Elija eine Flasche Wein vom Berg Karmel. „Oh, Hirten und Schafe!“ sagt Mose, als sein Blick auf den Bildschirm fällt. „Meine besten Erinnerungen. Nicht halb so anstrengend, wie später die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste zu scheuchen. Aber wer sind die anderen Leute da im Bild?“

Metatron erklärt: „Er heißt Joseph, sie Maria. Sie suchen gerade noch ein Nachtlager. Es eilt ein bisschen, sie ist nämlich hochschwanger.“ Und David fügt stolz hinzu: „Wir sind übrigens verwandt! Joseph stammt aus meiner Familie, also ist auch das Kind, das bald zur Welt kommt, mein Nachkomme.“

„Na endlich, David“, sagt Elija. „Mit deinen Erben lief es ja nicht immer rund. Und was musste ich mich rumärgern mit Königen in Israel. Ein Friedefürst war gewiss nicht darunter. Dafür haufenweise Windbeutel: geldgierig, arrogant und nachtragend. Und das soll jetzt alles besser werden?“

„Allerdings,“ gibt David zurück, „das hat Nathan ja damals schon prophezeit: Einer kommt, der die Krone wirklich verdient hat. Und der behält sie dann auch.“

Elia schaut etwas verwundert: „Apropos Krone: sehr vornehm schauen die zwei ja nicht aus…“

Metatron hält dagegen: „Na gut, aber David war’s ja auch nicht, bis Samuel ihn fand.“ „Genau,“ sagt David, „und zwar bei den Schafen, da unten.

Mose runzelt die Stirn und zeigt auf das Bild: Jungs, wer sorgt denn nun für die Sicherheit da unten? Ich meine ja nur. Als Kind wäre ich fast umgebracht worden. So etwas vergisst man nicht!“

„Wissen wir doch, Mose. Aber die Kollegen vom SEK sind gleich vor Ort“, beruhigt ihn Metatron, und Elija fragt: „S-E-K? Wofür steht das bitteschön?“

„Singendes Engel-Kommando“, antwortet Metatron. David will wissen, ob die Engel eines von seinen Liedern singen, Der Herr ist mein Hirte würde doch gut passen. Aber Metatron meint, sie wurden gebeten, etwas Neues zu schreiben für diesen besonderen Anlass.

Elija stellt fest, dass das Bild nun schlechter ist, weil es allmählich Nacht wird in Bethlehem. Mose greift zu seinem Stab und teilt das Bild mit einer energischen Bewegung. In der linken Hälfte erscheinen Maria und Joseph jetzt groß und deutlich. Mose kommentiert: „Endlich haben sie einen geschützten Ort gefunden. Was ist das - eine Höhle? Oder eher ein Stall? Müssen sie sich verstecken? Vor den Ägyptern vielleicht?“

„Die Ägypter sind keine Gefahr mehr,“ meint Metatron, „aber Herodes hat überall seine Soldaten. Und der steckt mit den Römern unter einer Decke.“

David kratzt sich fragend am Kopf: „Wohnt denn Joseph nicht in Bethlehem?“ Und als er hört, eine Volkszählung des Kaisers habe die beiden hergebracht, wird er noch nachdenklicher. Er sagt: „In meinem ganzen Leben war Gott nie so zornig über mich wie damals, als ich eine Volkszählung ansetzte. Denn wer so etwas tut, braucht Geld oder Soldaten oder beides. Der Kaiser wird sich noch wünschen, er hätte das bleiben lassen.“

Während David noch in Gedanken versunken ist, ruft Mose plötzlich laut: „Hey, da drüben bei den Hirten blitzt und blinkt der Himmel!“ Ein Engel erklärt, das sei das SEK, angeführt von Metatrons Bruder. Der sei früher in der Abteilung für Polarlichter gewesen. Metatron seufzt: „Leider trägt er gern etwas dick auf. Seht, jetzt muss er den Hirten schon wieder sagen, dass sie sich nicht fürchten sollen.“

David spitzt die Ohren: „Wie schön sie singen! Klingt doch fast wie eines von meinen Liedern, oder? Diese himmlischen Stimmen sind umwerfend gut. Plötzlich zweifelt man nicht mehr, dass Frieden auf die Erde kommt, wenn man so einen Gesang hört.“

Mose unterbricht ihn: „Seid mal still. Ich höre da noch ein anderes Geräusch…“

Tatsächlich, irgendwo schreit ein Baby.

Elija sieht es als erster: „Maria – Sie hat das Baby gerade bekommen, schaut nur! Jetzt wickelt sie es in ein warmes Tuch und hält es fest im Arm. Klein schaut er aus, unser Befreier.“

Mose findet: „Naja, wer hätte das von mir gedacht, als mein Körbchen im Nil schwamm, dass ich dem Pharao die Stirn biete? Und hätte deine Mutter beim Windeln wechseln davon geträumt, dass du einmal König Ahab samt Anhang in Bedrängnis bringen würdest, Elija? Gott fängt doch immer klein an.“

David wischt sich eine Träne der Rührung aus dem Auge. „Jungs, jetzt bin ich doch ein bisschen stolz. Ein Spross aus meiner Familie, bei meinen Leuten in meiner Stadt.“ Und Metatron antwortet: „Da kannst du wirklich stolz sein. Wusstest Du eigentlich, dass Maria auch singt und Lieder schreibt? Neulich habe ich ein Protestlied von ihr gehört, in dem sie davon rappt, dass Gott die Welt auf den Kopf stellt - Reiche gehen pleite und Großmäulern verschlägt es die Sprache. Der Song hat es auf Anhieb in die himmlischen Top Twenty geschafft. Singen jetzt alle hier.“

„Sie wird mir immer sympathischer“, findet David. „Am Ende kommt ja doch noch etwas Gutes aus meiner abgedrehten Sippe.“

Ein Engel erklärt Metatron, die Hirten seien auf dem Weg zu dem Neugeborenen und das SEK wolle dort noch einmal auftreten. Man habe ja schließlich lange geprobt für heute. Lieber kein Spektakel. Aber Metatron findet, der Kleine und seine Eltern brauchen Ruhe. Die Hirten sollten auch deshalb allein gehen, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden. Es könne sonst zu gefährlich für ihn und die Familie werden…

Elija nickt sagt mit ernster Miene: „Tja, so ein Friedefürst lebt gefährlich unter all den Kriegsherren da unten. Besser, wenn sie noch nicht ahnen, was da auf sie zukommt. Er sieht aber auch wirklich sehr friedlich aus. (Flüstert) Ich glaube, jetzt ist er eingeschlafen.“

Mose lächelt: „Wenn er größer ist, gehen wir ihn mal besuchen, Elija. Am besten treffen wir uns auf einem hohen Berg. Mit Bergen kennen wir beide uns ja aus. Wie wäre der Tabor, der liegt ganz nahe bei Nazareth?“

„Machen wir“, antwortet Elija. „Apropos Berg, lass uns anstoßen mit dem Wein vom Karmel.“ Alle Versammelten erheben ihre Gläser: „Auf den Befreier! Auf den Sohn Davids!“


* * *


Zurück zu uns. Weihnachten, das heißt:

Gott schlägt ein neues Kapitel auf in der Geschichte der Welt.

Wie immer beginnt er klein. Winzig klein.

Wie immer sucht er Menschen, die sich auf ihn einlassen: Maria und Joseph, ein paar Hirten, drei Fremde.

Aber mit dem ersten Fuß, der er auf diese Erde setzt, wird auch deutlich, was neu ist: Die Geburt des verletzlichen Messias markiert den Anfang vom Ende der Gewaltherrscher.

„Das Wort wurde Fleisch und zog in die Nachbarschaft“, weiß der Evangelist Johannes. Gott riskiert alles, daher wird er auch nicht locker lassen, bis er sich durchgesetzt hat. Jetzt gibt es für ihn kein Zurück mehr. Was an Weihnachten geschehen ist, lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Christus, so schreibt es Paulus später, ist das „Ja“ auf alle Verheißungen Gottes. Und ganz oben auf dieser langen Liste von Gottes Zusagen stehen, so singen es die Engel den Hirten auf dem Feld zu, Frieden und Gerechtigkeit für die Menschen seines Wohlgefallens, „große Freude“ für „alles Volk“. Zugleich ist er Gottes „Nein“ zu Hass, Verrat, Verleumdung, Misstrauen, Gewalt und Gleichgültigkeit unter Menschen.

Ganz egal, wie sehr sich der Welthorizont 2016 verdunkelt hat – wir feiern heute die Ankunft des Lichtes und erinnern uns daran: Das große „Ja“ ist gesprochen. Es gilt – immer noch, immer wieder, und ganz besonders allen, die sich in diesen Tagen klein und verletzlich fühlen.

Fröhliche Weihnachten!

Lichtblick.jpg
Share

Im Advent habe ich Terry Eagletons Culture and the Death of God wieder aus dem Regal gezogen und das Kapitel über den Tod Gottes gelesen. Eagleton beginnt mit Schopenhauer, den Nietzsche als den ersten echten Atheisten bezeichnete, weil er Gott nicht einfach nur hinter Begriffen wie Geist, Vernunft, Kultur, Nation, Humanität versteckt, die ihrerseits Absoluta darstellen. Eagleton hingegen erkennt in dem düsteren „Willen“ bei Schopenhauer doch wieder eine Art Parodie Gottes. Schopenhauer kann das metaphysische Denken nicht so recht abschütteln: Bei aller Sinnlosigkeit, die er konstatiert, gibt der Wille diesem Anblick stets eine gewisse Kohärenz. Eagleton witzelt: „Es ist bemerkenswert, wie formal kohärent die völlige Nichtigkeit noch erscheinen kann.“

Nietzsche selbst hingegen hatte verstanden, dass mit dem Tod Gottes auch das Ende des Menschen, wie man ihn bis dahin kannte, gekommen war. Man kann Gott nicht abschaffen und noch an Dingen wie Sinn und traditioneller, altruistischer Moral festhalten wollen, wie es etwa die französischen Aufklärer das versucht hatten. Nietzsche bekämpfte das Weiterleben des Christentums in Moral, Natur, oder Geschichte, weil er es für unaufrichtig hielt.

Eagleton entdeckt eine Reihe von Entsprechungen und Übereinstimmungen zwischen Nietzsche und dem Christentum im Gegenüber zur säkularen Metaphysik und bürgerlichen Religion. Sie beginnt mit der Feststellung, dass wir Menschen die Schuld am Tod Gottes tragen:

Wie im christlichen Glauben ist der einzige Ausgangspunkt das Geständnis, dass göttliches Blut an unseren Händen klebt. Auch der Mensch muss zerlegt werden, insofern er der Einheit und Unendlichkeit Gottes nachempfunden ist. … Der Tod Gottes läutet des Tod des Menschen ein, als jener feigen, schuldbeladenen, abhängigen Kreatur, die diesen Namen derzeit trägt. (S. 159)

Und da liegt auch schon die zweite Parallele, denn der Tod Gottes schließt den Tod des Menschen und die Geburt einer neuen Menschheit ein. Nietzsche scheint gar nicht aufgefallen zu sein, kommentiert Eagleton, wie seine Vorstellung des Übermenschen der neuen Menschheit des Neuen Testaments ähnelt. Und an dieser Stelle wird es Weihnachten und Karfreitag zugleich:

Die Inkarnation ist der Ort, wo sowohl Gott als auch der Mensch eine Art Kenosis oder Selbsterniedrigung durchmachen, symbolisiert durch die Selbstaufgabe Christi. Nur durch diese tragische Selbstentleerung kann sich hoffentlich eine neue Menschheit herausbilden. In ihrer Solidarität mit den Ausgestoßenen und Geplagten ist die Kreuzigung eine Kritik jeglichen anmaßenden Humanismus’. Nur durch das Bekennen von Verlust und Versagen kann die Bedeutung der Macht in das Wunder der Auferweckung verwandelt werden. Der Tod Gottes ist das Leben des Bilderstürmers Jesus, der die abgöttische Vorstellung von Jahwe als erzürntem Despoten erschüttert und ihn stattdessen als verletzlich und aus Fleisch und Blut zeigt.

Man kann Gottes Abwesenheit mit dem Fetisch des Menschen kaschieren, sagt Eagleton. Aber schon der Gott, dessen man sich da entledigt hatte, war nicht viel mehr als ein Fetisch, der Menschen vor der „unerträglichen Wahrheit“ schützt, dass der Gott des Christentums „Freund, Liebhaber und Mitangeklagter ist und nicht Richter, Patriarch und Über-Ich.“ Und so folgert Eagleton:

Für den christlichen Glauben ist der Tod Gottes nicht eine Frage seines Verschwindens, er ist einer der Orte, wo er am gegenwärtigsten überhaupt ist. Jesus ist nicht Mensch, der für Gott eintritt. Er ist ein Zeichen, dass Gott in menschlicher Gebrechlichkeit und Vergeblichkeit Fleisch geworden ist. Nur indem er diese Wirklichkeit voll auslebt und den Tod bis ganz ans Ende erfährt, tut sich ein Weg über das Tragische hinaus auf.

Was genau es mit der Tragik auf sich hat, beschreibt Eagleton etwas später. Nietzsche sei ein Verfechter des Theodizeegedankens in dem Sinne, dass er davon überzeugt gewesen sei, alles Elend der Welt werde dadurch gerechtfertigt, dass schließlich der Übermensch auf den Plan tritt. Ganz ähnlich wie Nietzsche hatte der Liberale John Stuart Mill die Sklaverei als eine notwendig für das Entstehen der antiken Hochkulturen bezeichnet. Ein solches Denken hat für wirkliche Tragik keinen Platz.

Der christliche Glaube hingegen betrachtet das Leiden als unannehmbar. Sich dem Leiden und der Verzweiflung entgegenzustellen und auf die Erlösung hinzuwirken bedeutet, beides nicht als Gelegenheit zu moralischem Heldentum anzusehen:

Der Jesus des Neuen Testaments rät den Kranken kein einziges Mal, sich mit ihren Leiden zu versöhnen. Im Gegenteil, er scheint den Ursprung ihrer Beschwerden als dämonisch anzusehen. In Gethsemane, von Panik über seinen bevorstehenden Tod erfasst, betet er darum, von diesem Schicksal befreit zu werden. Das Los, das ihn erwartet, mag tragisch sein, keinesfalls aber heroisch, als adelte das Leiden einen Menschen. Im Gegenteil, solche politischen Exekutionen sind tragisch, eben weil Schmerz an sich kein Verdienst ist, aber auch, weil er in aller Regel vermeidbar gewesen wäre. (S. 171)

Und dann fallen ein paar wichtige Worte, die in einer Woche, auf die der Schatten des Terrors gefallen ist, besonders wichtig sind:

Jesus musste nicht sterben, genausowenig wie jeder andere politische Gefangene nicht umkommen muss. Das nicht anzuerkennen bedeutet, die Mächte zu entschuldigen, die solche Strafen verhängen. Wenn diesem Leid noch etwas von Wert abgewonnen werden kann, gut und schön. Es wäre vorzuziehen, wenn sich Nutzen auf weniger qualvollem Weg erzielen ließe. … Theodor Adorno war der Tragödie gegenüber aus genau diesem Grund skeptisch: Sie schien ihm dem Sinnlosen zu viel Sinn zuzuschreiben und damit dessen Horror zu mildern.

In Jesus betritt Gott eine Welt voller sinnloser Gewalt. Die Evangelisten machen daraus keinen Hehl, sie erzählen freimütig von Machtpolitik, Verrat und Mord. Denn sie wissen, wie die Geschichte weitergeht und wie sie endet: Mit der Geburt einer neuen Welt und dem Ende aller Tragödien.

DSC08673.jpg

Share

1 Kommentar

Die menschliche Seele ist eine Rodung im Wald, und dem göttlich Reinen und Makellosen muss es völlig unbegreiflich sein, warum sie immer wieder zuwächst. Das ist der Kampf, von dem die Bibel erzählt. Die Dunkelheit, die sich immer wieder herabsenkt, über Mensch auf Mensch, Generation für Generation, Jahrhundert für Jahrhundert.

Karl Ove Knausgård, Alles hat seine Zeit

praerie

Share

Vor einer Weile wurde im Fußball diskutiert, ob ein Team einen „aggressive Leader“ braucht. Inzwischen ist die Idee in der Politik wieder in Mode gekommen und lässt knorrige Kicker wie Mark van Bommel schrecklich harmlos aussehen. Dabei weiß schon das Buch Richter in der hebräischen Bibel über diesen autoritären Typ Anführer nicht Gutes zu berichten. Mehr noch - schon der Wunsch nach einer großen Führungsperson wird kritisiert:

Einst machten sich die Bäume auf, um sich einen König zu salben, und sie sagten zum Ölbaum: Sei du unser König! Der Ölbaum sagte zu ihnen: Soll ich mein Fett aufgeben, mit dem man Götter und Menschen ehrt, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten die Bäume zum Feigenbaum: Komm, sei du unser König! Der Feigenbaum sagte zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit aufgeben und meine guten Früchte und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten die Bäume zum Weinstock: Komm, sei du unser König! Der Weinstock sagte zu ihnen: Soll ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten alle Bäume zum Dornenstrauch: Komm, sei du unser König! Der Dornenstrauch sagte zu den Bäumen: Wollt ihr mich wirklich zu eurem König salben? Kommt, findet Schutz in meinem Schatten! Wenn aber nicht, dann soll vom Dornenstrauch Feuer ausgehen und die Zedern des Libanon fressen.

Share

1 Kommentar

Im heutigen Evangelium hieß es zu Beginn des Abschnitts:

Es war im fünfzehnten Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus war römischer Bevollmächtigter von Judäa. Herodes regierte als Landesfürst in Galiläa, sein Bruder Philippus als Landesfürst in Ituräa und Trachonitis. Und Lysanias regierte als Landesfürst in Abilene. Die Obersten Priester waren Hannas und Kajaphas.

Man kann das als die Bemühung des Historikers um eine genaue zeitliche Einordnung lesen. Oder als ein Stimmungsbild, als eine Erklärung, warum dringend etwas passieren musste. Aktuell würde das ungefähr so lauten:

Es war in der dritten Amtszeit von Wladimir Putin, des Erfinders der „gelenkten Demokratie“. Der Rechtspopulist Donald Trump war gerade zum Präsidenten der USA gewählt worden. Für Patriarch Kirill war Putins Wahl 2011 ein „Wunder Gottes“, für Franklin Graham und seine Freunde die von Donald Trump. Apropos Gott: Präsident Erdogan nannte den gescheiterten Militärputsch in der Türkei ein „Geschenk Gottes“ und ließ Zehntausende von Kritikern verhaften. Der Krieg in Syrien ging in seinen sechsten Winter. Die Briten stimmten für den Austritt aus der EU. Dax und Dow Jones erreichten derweil Höchststände.

Wer die Gedanken zu Lukas 3,1ff weiter hören möchte – einfach hier klicken.

Share

1 Kommentar

Der Mensch ist ein Luxuswesen. Der Luxus im ursprünglichen Sinn ist keine konsumistische Praxis. Er ist vielmehr eine Lebensform, die frei ist von der Notwendigkeit. Die Freiheit beruht auf der Abweichung, auf dem Luxieren von der Notwendigkeit. Der Luxus transzendiert die Intentionalität, die Not zu wenden. Heute wird der Luxus vom Konsum vereinnahmt. Exzessiver Konsum ist eine Unfreiheit, ein Zwang, der der Unfreiheit der Arbeit entspricht. Der Luxus als Freiheit ist wie das Spiel nur jenseits von Arbeit und Konsum denkbar. So gesehen, ist er der Askese benachbart.

Byung-Chul Han, Psychopolitik, S. 72

201612080907.jpg

Bild: Yuliya Ginzburg, Unsplash.com, Lizenz: Creative Commons Zero

Share

Das Katastrophenjahr 2016 geht zu Ende. John Oliver hat ihm schon vorab einen sarkastischen Rückblick gewidmet. Viele fragen sich derzeit, wo es hingeht mit unserer Welt. Die Epistel des Ewigkeitssonntags hatte darauf eine Antwort parat, in der eine ganze Reihe von Hinweisen enthalten sind, die entdeckt und entschlüsselt werden wollen.

Was also verbirgt sich hinter den poetischen Sätzen über einen neuen Himmel und eine neue Erde? Warum muss das Meer verschwinden, wo wir doch so gerne am Strand spazieren gehen oder uns in die Wellen stürzen? Und wie ist das zu verstehen, dass Gott am Ende unter den Menschen zeltet? Was hat das für Folgen für den Umgang mit Macht und die Beziehungen zwischen Menschen, Völkern und Kulturen?

Und wenn das die Vorstellung des End-Gültigen ist, die uns geschenkt ist, was bedeutet das auch in dunklen Tagen für unser Gottesbild, für unser Verhältnis zu Welt und zu uns selber, und für unsere Erwartung an die Zukunft, in deren Horizont wir schon jetzt leben?

Hier habe ich meine Gedanken dazu formuliert (bis ca Minute 18).

Wer möchte, kann dazu Heaven for Everyone hören. Vor 10 Tagen – auch das passte zum Ewigkeitssonntag – war Freddy Mercurys 25. Todestag. Und wenn man sich vorstellt, mit dem „du“ im Text des Liedes ist Gott gemeint, dann wird daraus sogar ein ganz passables Gebet…

Share

5 Kommentare

Wie konnten wir uns eigentlich alle verständlich machen, als es das Kompositum „zeitnah“ noch nicht gab? Wie kamen wir nur klar mit solch kurzen, schlichten und eleganten Wörter wie „bald“, „schnell“, „eilig“ (oder sogar "unverzüglich", „sofort"), die der Zeit ihr eigenes Reich lassen?

Die Zeit ist ja das gerade nicht, was „nah“ gewöhnlich ausdrückt, nämlich eine weitere Funktion des Raumes, ein Abschnitt auf einem Maßband, einem Lineal, einer Landkarte; lieber Immanuel Kant, wir brauchen nur heute noch eine transzendentale Kategorie.

„Zeitnah“ ist die Sprache der Projektplaner und Businessgrafiker, die ihre Wirklichkeit in Charts einsperren und mit ominösen Deadlines drohen. Es ist die Sprache der an Zeit chronisch Armen, der Ungeduldigen, der Beschleuniger, der Hektiker.

Wenn wir also das nächste Mal „Seht die gute Zeit ist nah“ singen, freue ich mich darüber, dass es noch nicht heißt, "das Gute kommt zeitnah“. Denn da geht es nicht um Termindruck, sondern um Verheißung und Erwartung. Keine Deadline, kein terminus, sondern ein neuer Anfang.

Share

1 Kommentar

In den Diskussionen um den Rechtspopulismus gibt es immer wieder einmal Augenblicke, wo die Vertreter der offenen, demokratischen und …

… und hier entsteht schon die erste Schwierigkeit: Schreibe ich „liberal“? Das klingt entweder nach FDP oder nach einer Mischung aus Überlegenheitsgefühl und Gleichgültigkeit, die ich auch nicht meine. Schreibe ich „freiheitlich“? Dann könnte man an die FPÖ denken, die die Freiheit der Autochthonen gegen die Freiheit der Geflüchteten ausspielt. Wie rede ich von Freiheit, ohne die falschen Befreier zu begünstigen?

Weiter im Text: Also, in diesen Diskussionen gibt es immer wieder Momente, wo Entrüstung und Empörung, nicht nur und vielleicht auch nicht in erster Linie, darüber geäußert wird, dass jemand gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schürt, sondern dass er Dinge sagt, von denen es doch ganz klar ist, dass man so nicht denkt und redet. Als ob der schlichte Hinweis genügen würde, damit das Gegenüber aufhört.

Die Rechten nutzen diese Einladung zum inszenierten Tabubruch, der ihnen nicht nur Aufmerksamkeit verschafft, sondern auch das Image des Rebellen. Zum Rebellen-Image gehört auch die Wahrnehmung, es handele sich um eine vitale, irgendwie jugendliche und dynamische Bewegung. Zugleich erinnert die verächtliche oder verzweifelte Empörung der Linken und der (Noch-)Mitte an die Eltern der 68-Generation, der es nicht gelang, ihre traditionellen und autoritären Werte gegen die Protestbewegung zu verteidigen. Sie wirken allein schon durch diesen Kontrast alt und verbraucht.

Nun stellt sich heraus, dieser Wandel war weder gründlich noch nachhaltig genug, um zu einer Selbstverständlichkeit zu werden. Jan C. Behrends schrieb kürzlich in der Zeit einen Nachruf auf den Liberalismus. Dort heißt es: "Die hegelianische Illusion von der Unumkehrbarkeit der Liberalisierung versperrte uns den Blick.“ An der Umkehrung wird seit langem hart gearbeitet, und inzwischen zeigt das Wirkung. Oft funktioniert das so, wie Sylvia Sasse es bei Geschichte der Gegenwart (danke für den Lesetipp, Walter Faerber!) beschreibt: "Mit der Geste von Aufdeckung und Bloßlegung werden Forschungsergebnisse tendenziös gelesen, um selbst wieder etwas zu verdecken und zu verhüllen."

Anders gesagt, in der heutigen Welt mit ihren zerfaserten, multiplen und inkongruenten Öffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten ist schlicht gar nichts mehr selbstverständlich. Es hilft also nicht, bloß an einen nicht mehr vorhandenen Konsens zu appellieren. Es genügt nicht, defensive Reaktionen zu zeigen, die oft paternalistisch wirken und vor allem die Notwendigkeit verkennen, die eigene Position nicht einfach nur durch die Wiederholung derselben Bilder, Begriffe und Narrative zu vertreten. Denn deren Wirkung hat sich vielfach schon abgenützt.

Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass der liberale Rekurs auf die Aufklärung allein genügt. Die einen kennen „ihren“ Kant längst nicht mehr, die anderen haben ihn längst gegen Nietzsches Willen zur Macht eingetauscht. Der muss sich vor keinem kategorischen Imperativ mehr rechtfertigen. Diese Leute sind sehr wohl gefährlich, aber weder sind sie alle ungebildet, noch geistig oder kulturell zurückgeblieben.

Ich glaube, wir kommen auch nicht umhin, eine genuin christliche Antwort auf die Zeichen der Zeit zu geben. Die Gelegenheit dafür ist günstig, der ökumenische Schulterschluss zwischen Katholiken und Protestanten funktioniert. Mit einigen Einschränkungen: Die evangelikale Welt ist über Trump gespalten, der Rechtskatholizismus in Ungarn und Polen (und seine Inseln in Deutschland) verweigert Papst Franziskus die Gefolgschaft. Aber wir haben im Evangelium von Gottes herrschaftsfreier Ordnung ein quicklebendiges Narrativ, das den synthetischen Legenden von Nation und Leitkultur unter anderem das voraus hat, dass es Gegensätze überbrücken kann. Und dass es die Vision einer versöhnten Welt schon immer in sich getragen hat.

Wirken wird das aber erst dann, wenn Christen – vor allem in den großen Konfessionen – sich unverblümt der Wirklichkeit stellen, dass wir eine Minderheit sind, die weder auf Selbstverständlichkeiten pochen kann, noch ungefragt davon ausgehen, dass andere ihre Prämissen teilen oder ihren Schlussfolgerungen zustimmen. Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, sich wieder auf Lesslie Newbigins wichtige Einsicht zu besinnen, dass die herrschende Plausibilitätsstruktur im globalen 21. Jahrhundert uns nicht mehr begünstigt, sondern vor die Aufgabe stellt, unerschrocken (und ohne uns dafür zu entschuldigen) Position zu beziehen und dem durch unser praktisches Verhalten die nötige Verständlichkeit zu verleihen:

Wenn das Evangelium verstanden werden soll, wenn es angenommen werden soll als etwas, das Wahrheit über die wirkliche Situation des Menschen vermittelt, wenn es, wie wir sagen, einen Sinn ergeben soll, dann muss es in der Sprache derer kommuniziert werden, an die es sich richtet und in Symbole gefasst werden, die für sie eine Bedeutung haben. Und da das Evangelium nicht als körperlose Botschaft daherkommt, sondern als Botschaft einer Gemeinschaft, die den Anspruch erhebt, danach zu leben und andere einlädt, sich dem anzuschließen, muss das Leben dieser Gemeinschaft so eingerichtet sein, dass es “einen Sinn ergibt” für jene, die man einlädt.

Oder, um es mit Walter Wink zu sagen:

Was die Kirche am besten kann, auch wenn sie es viel zu selten tut, ist einem ungerechten System [„Ideologie“ wäre hier vielleicht noch passender] die Legitimation zu nehmen und ein spirituelles Gegenklima zu schaffen.

Share

2 Kommentare

Wieder einmal scheint es schlimmer zu kommen, als viele lange dachten. Nach dem Brexit steht nun Donald Trump vor dem Wahlsieg in den USA. Und die schockierte Welt rätselt, wie das möglich war.

Eine Antwort auf diese Frage hat Zygmunt Bauman schon im Jahr 2000 gegeben, als er Flüchtige Moderne veröffentlichte. Dort beschreibt er die Veränderungen, deren Folgen wir jetzt so deutlich vor Augen geführt bekommen. er spricht von einer „grundlegenden Veränderung des öffentlichen Raums“, und der liegt „in der Art und Weise, wie die moderne Gesellschaft sich selbst bearbeitet und sich auf sich selbst bezieht“. (S. 35)

In der zweiten, reflexiven oder „flüchtigen“ Moderne ist erstens der Glaube daran, dass der Fortschritt und Wandel irgendwann einmal ein Ziel erreicht, verloren gegangen. Zweitens sind die „Modernisierungsaufgaben“ dereguliert und privatisiert worden. Das zeigt sich gut in Margaret Thatchers berühmten Ausspruch „there is no such thing as society“: Kein fürsorglicher Staat schaltet und waltet mehr, sondern jeder muss selbst sehen, wo er bleibt. Individualisierung ist das Schicksal, wählen zu müssen. Identität ist nicht vorgegeben, sondern sie wird zur Aufgabe, mit der man nie fertig wird. Niemand, sagt Bauman forderte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton,

als dieser die Zuständigkeit der Bundesregierung für den Bereich der Sozialpolitik abschaffte und damit das kollektive Versprechen individueller Vorsorge gegen Schicksalsschläge brach, die hinterhältigerweise immer auf einzelne hereinbrechen. (S. 87)

Also hat das Individuum tragischerweise auch mit Clintons Hilfe die politische Bühne erobert. Mit Tocqueville sagt Bauman:

Das Individuum […] ist der größte Feind des Bürgers. Der Bürger ist eine Person, die ihr Wohlergehen an das Wohlergehen der Stadt knüpft – wohingegen das Individuum nur lauwarme Gefühle und Skepsis angesichts öffentlicher Angelegenheiten von allgemeinem Interesse entwickelt. Was soll »Allgemeininteresse« mehr bedeuten, außer dass jeder nach seiner Facon glücklich wird? (S. 47f.)

Von Rechts wegen sind wir selbstbestimmt. Aber es fehlen uns die Mittel, aus dieser Freiheit etwas Lohnendes zu machen. Vom Staat erwartet man, dass er die öffentliche Sicherheit gewährleistet und „Räuber, Perverse, Bettler und anderes Gesindel“ wegsperrt. Das Allgemeininteresse wird, und hier zitiert Bauman Joel Roman „zu einem Kartell der Egoismen […], das sich auf kollektive Emotionen und die Angst vor dem Nachbarn stützt.“ Und das erzeugt vielfältige Probleme für Politik und Gemeinwesen,

weil die Anliegen und Bedenken der Individuen den öffentlichen Raum bis zum Überlaufen anfüllen, weil sie mit dem Anspruch auftreten, als Individuen die einzig legitimen Akteure in diesem Raum zu sein und mit harten Ellenbogen alles andere aus der öffentlichen Sphäre verdrängen. Die »Öffentlichkeit« wird durch die »Privatsphäre« kolonisiert; das öffentliche Interesse reduziert sich auf die Neugier des Publikums, auf das Interesse am Privatleben von Figuren des öffentlichen Lebens, und die Kultur schurrt zusammen auf die öffentliche Darstellung privater Affären und das öffentliche Eingeständnis privater Gefühle (je intimer, desto besser). »Öffentliche Angelegenheiten«, die sich dieser Reduktion auf das Private widersetzen, bleiben schlicht unverständlich. (S. 49)

Trump hat mit seinem öffentlichen Eingeständnis privater Gefühle (Angst, Ressentiment, Zorn und Stolz) die Mehrheit der Wähler hinter sich gebracht, Hillary Clinton hat sich viel Mühe mit Politik gegeben, die sich nicht aufs Private reduzieren ließ und damit, wie Bauman sagt, unverständlich blieb. Und die Tatsache, dass sie ihre Gefühle zurückhält, statt sie vor sich her zu tragen, macht sie vielen Wählern suspekt. Die individualisierten Akteure auf der öffentlichen Bühne suchen nicht nach gemeinsamen Anliegen, sondern sie knüpfen kurzlebige Kontakte, die ihren privaten Interessen dienen.

Populism by Dr Case, on Flickr
"Populism" (CC BY-NC 2.0) by Dr Case

Und der Rechtspopulismus profitiert von dieser Form der Vergemeinschaftung:

Es sind Gemeinschaften geteilter Sorgen, Ängste oder gemeinsamen Hasses – in jedem Fall aber sind diese Gemeinschaften nichts anderes als der Nagel, an dem eine Reihe vereinzelter Individuen vorübergehend ihre vereinzelten Ängste aufhängen. (S. 49)

Wir sind immer auf der Suche nach Sündenböcken – seien es Politiker, die ihr Privatleben nicht in Ordnung halten können, Kriminelle, die aus den Vierteln der Armen hervorkriechen, oder »Fremde mitten unter uns« (S. 51)

Für das Individuum ist der öffentliche Raum im Wesentlichen ein riesiger Bildschirm, auf den private Sorgen projiziert werden, ohne dass sie den Status des Privaten dabei verlieren oder durch ihre Vergrößerung zu etwas Kollektivem würden (S. 52)

Die Ursachen für Donald Trumps Wahlsieg beim Individuum Trump suchen zu wollen, wäre nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Kategorie des Individuellen alles andere verdrängt hat. Trump ist ein Symptom unserer Welt, wenn er sich aufbläst und seine Vorurteile schamlos herausposaunt und Diskrimierung wieder salonfähig macht, wenn er eine Mauer gegen die Angst und die Armut errichten will (endlich einmal etwas, das man sieht…).

Es ist kein Zufall, dass mit Trump eine Figur des Reality TV ins weiße Haus einzieht, denn es waren unter anderem die Talkshows, die das öffentliche Reden über private Angelegenheiten legitimierten.

Sie machen das Unaussprechliche aussprechbar, überführen das Schamhafte ins Anständige, und scheußliche geheimnisse werden zu Quellen des Stolzes [!]. […] Hier reden Menschen vor einem Millionenpublikum frei von der Leber weg. Ihre privaten Probleme, und damit auch meine ähnlich gelagerten privaten Probleme, sind öffentlichkeitstauglich. (S. 85)

Sein hemdsärmeliger Aufruf, er werde das im Alleingang alles richten, ist der Sieg des Privaten im öffentlichen Raum. Nun haben die Amerikaner auch das Präsidentenamt privatisiert (dasselbe haben die Türken und Russen auf ihre Art auch schon getan, als sie die Macht autoritären Männern antrugen). Und die ganze Welt wird nun miterleben und -erleiden, was das praktisch bedeutet.

Baumans Credo hingegen lautet:

Jede wahre Befreiung muss heute nicht auf weniger, sondern auf ein mehr an „öffentlicher Sphäre“ und öffentlich gefasster Macht setzen.

Das ist jetzt unser aller Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte.

Share

1 Kommentar

Der Apfelbaum vor meinem Fenster hat über die letzte Woche die meisten seiner Blätter verloren. Der farbenfrohe Herbst geht erkennbar seinem Ende entgegen. Es wird täglich etwas dunkler, und irgendwie konfrontiert mich das mit meiner eigenen Endlichkeit. Wer bin ich, was kann ich ausrichten, und was hat bleibenden Wert im Leben? Paulus schrieb dazu vor fast 2.000 Jahren:

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. (Römer 14,7-9)

In der Süddeutschen Zeitung schrieb Heribert Prantl dieser Tage:

Früher wurden die Uhren angehalten, wenn einer starb Und heute? Werden die Toten oft anonym und billig beigesetzt. Und die Lebenden beschweren sich, wenn sie sich für eine Beerdigung freinehmen müssen.

Keiner stirbt sich selber - lässt sich das heute noch uneingeschränkt sagen? Und müsste man vielleicht gleich hinzufügen: Weil eben viele sich selber leben, ändert auch der Tod nichts mehr daran? Großfamilien und Dorfgemeinschaften sind selten geworden, Nachbarschaften vielfach anonym und kaum einer arbeitet noch so lange im gleichen Unternehmen, dass die Kollegen 20 Jahre nach der Pensionierung noch Kontakt haben und zur Trauerfeier erscheinen.

Viele trifft dabei gar keine Schuld, sie sind weder beziehungsgestört noch anderweitig schwierig. Eher handelt es sich um eine beständige Erosion von Beziehungen, ein Verdunsten von Zugehörigkeit, ein Ausdünnen von Zusammenhalt. Vielleicht wird ja auch deswegen der letzte Rest gefühlter Zugehörigkeit zur Nation so überhöht, zur so künstlichen wie kümmerlichen „Leitkultur“ aus Christkind mit Goldlocken (als Zugpferd für den dazugehörigen Markt), aus "O du Fröhliche", ein bisschen Goethe und Helene Fischer.

Das ist, wie ein Freund kürzlich sagte, eine „schwache Identität“. Um so erbitterter und verzweifelter wird sie behauptet. Eine schwache Identität liegt auch dort vor, wo die Alten Jüngere um ihre Jugend beneiden und die Jungen die Alten verachten, weil sie beide – Junge wie Alte – das Alter nur als einen großen Defekt wahrnehmen.

IMG_4111.jpg

Im Gegensatz dazu können wir das, wovon Paulus hier schreibt, als „starke Identität“ verstehen. Das Maß aller Dinge ist nicht die Nation, die Kultur, Jugend und Fitness, oder dass alles so bleibt, wie es war. Das Maß aller Dinge ist Jesus Christus und seine Gegenwart in unserem Leben. Ein Leben, das nur ein Gestern, ein Morgen und dazwischen ein dünnes Jetzt kennt, ist trostlos, sagte Romano Guardini einmal. Der Strom der Zeit schiebt mich voran wie ein Gletscher das Geröll mitschleift. Denn wenn Jesus mir nahe kommt, verändert das auch meine Gegenwart. Angesichts seiner Nähe sehe ich mich selbst in einem größeren Zusammenhang. Der Horizont wird weiter, das Leben gewinnt an Tiefe. Es gibt mehr als nur vorn und hinten. Manches Unbedeutende wird aus dieser neuen Perspektive bedeutend, und manches, was einmal wichtig erschien, verliert an Bedeutung.

Indem Paulus vom Leben und vom Sterben spricht, macht er schon deutlich, dass er weiß, nichts wird so bleiben, wie es ist. Das Sterben gehört zum Leben dazu und es kündigt sich im Laufe eines Menschenlebens immer wieder einmal an: Manchmal mit einem Paukenschlag, in einer niederschmetternden Diagnose, oder wenn ich um Haaresbreite einer tödlichen Gefahr entgehe. Manchmal ganz zart und leise, in einem Abschied, im Vergessen, im Nachlassen der Kräfte, in Momenten der Einsamkeit, in der Begegnung mit meinen zerbrechlichen Seiten oder der Zerbrechlichkeit anderer.

Wir brauchen uns also gar nicht künstlich daran erinnern, dass nichts bleibt wie es ist und dass wir sterblich sind. Es reicht völlig, dass wir die gelegentlichen Hinweise darauf zur Kenntnis – und uns zu Herzen nehmen. Denn der Blick auf unsere Endlichkeit kann uns auch daran erinnern: Wenn wir das Leben bewusst leben, kann sich darin auch etwas vollenden und zu etwas Bleibendem werden. Noch einmal Guardini:

Alter … bedeutet nicht nur das Ausrinnen einer Quelle, der nichts mehr nachströmt; oder das Erschlaffen einer Form, die vorher stark und gespannt war; sondern es ist selbst Leben, von eigener Art und eigenem Wert. […] »Voll-Enden« heißt wohl, zu Ende bringen, aber so, dass darin das sich erfüllt, worum es geht. So ist der Tod nicht das Nullwerden, sondern der Endwert des Lebens - etwas, das unsere Zeit vergessen hat.

Das prägt eine andere Identität: Meine Persönlichkeit, was mich ausmacht, wer ich bin, kann ich mir vorstellen wie ein Portrait. Auf diesem Bild ist mein Charakter ablesbar. Das, was gleich bleibt an mir: Lebensgewohnheiten, Verhaltensmuster, Denkweisen, Temperament, mein Mittelpunkt und mein stabiler Kern. Und hoffentlich auch, wie Gott mich gedacht hat.

Aber so ein Bild ist immer eine eingefrorene Momentaufnahme. Deswegen, fährt Guardini fort, können wir uns uns selbst, unsere Persönlichkeit, unser Leben auch wie eine Melodie vorstellen. Ein Ton folgt auf den nächsten, ein Takt auf den anderen. Die Harmonien wechseln, etwa von Dur nach Moll und zurück, und erst am Ende wird klar, ob der Schlussakkord fröhlich ist oder düster, beschwingt oder ruhig.

Vielleicht lässt sich das so weiterdenken: Wenn ich „des Herrn“ bin, wenn ich Christus gehöre, wenn ich aus dieser Beziehung heraus mein Leben führe und gestalte, dann bekommt diese Melodie eine Begleitung. Paulus beschreibt sie mit ein paar kurzen Hinweisen: Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden. Und er kehrt damit die Reihenfolge um, in der er unser Leben beschreibt: Statt erst vom Leben und dann vom Sterben zu sprechen, redet er nun erst vom Tod und dann von der Auferstehung. Denn es ist kraft seiner Auferstehung, dass Jesus „eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht“ - so heißt es ganz am Anfang des Römerbriefs. Er ist das Maß aller Dinge – der wahre Herr dieser Welt und meines Lebens.

Während also mein Leben auf ein Ende zuläuft, das hoffentlich Vollendung und Erfüllung bedeutet und nicht nur Zerfall oder Leerwerden, kommt mir in Christus das Leben der neuen Welt entgegen. Es erreicht mich wie eine Symphonie, die leise und tief mit einem einzelnen pulsierenden Herzschlag beginnt, dann aber immer bewegter und vielstimmiger wird, bis auch ich nicht mehr ungerührt zuhören kann, sondern im Takt wippe und klopfe, bis ich Luft hole und die Stimmbänder anspanne, den Mund öffne und mit meiner ganz eigenen Melodie einstimme.

Dieses zu-Christus-Gehören macht eine "starke Identität“ möglich, nämlich einen anderen, versöhnten Umgang mit meiner Endlichkeit: Wer endlich sein kann, der kann auch endlich sein. Vor ein paar Wochen bekam ich die Aufgabe gestellt, auf einen nahen Friedhof zu gehen und mir dort zu überlegen, wie mein Grabstein einmal aussehen sollte. Ich saß dort eine Weile in der Sonne, dann fielen mir ein paar Zeilen des großen kanadischen Liedermachers Leonard Cohen ein. Cohen ist im September 82 Jahre alt geworden. Ein Lied aus dem Jahr 1984 hat er wiederholt als sein bestes bezeichnet. Er war ungefähr so alt wie ich jetzt, als er die ebenso schlichten wie wunderschönen Worte schrieb:

If it be your will
That I speak no more
And my voice be still
As it was before
I will speak no more
I shall abide until
I am spoken for
If it be your will
[…]

If it be your will
If there is a choice
Let the rivers fill
Let the hills rejoice
Let your mercy spill
On all these burning hearts in hell
If it be your will
To make us well

Share

In den letzten Tagen habe ich, angeregt durch Jonathan Sacks, viel über die Josephsgeschichte nachgedacht (einiges davon hat sich hier niedergeschlagen). Die Versöhnung am Ende ist ja recht spannend inszeniert von Josephs Seite und die Frage ist, warum er es den Brüdern erst so schwer macht.

Die beste Antwort darauf ist: Die Brüder brauchen einen Perspektivwechsel – einen Rollentausch, um sich selbst und Joseph zeigen zu können, dass sie nicht mehr die sind, die ihn damals fast umgebracht hätten und dann in die Sklaverei verkauften. Hätten sie geahnt, was für ein Lohn sie am Ende erwartet, hätte Joseph nie wissen können, ob ihren freundlichen Worten zu trauen ist. Vielleicht hätten sie selbst es nie mit letzter Gewissheit sagen können.

Mit den Vätergeschichten (die eigentlich mehr Geschichten von Konflikten zwischen Brüdern sind) beginnt die Geschichte Israels, der ein Perspektivwechsel schon dadurch eingeschrieben ist, als das Volk sich durch den Auszug aus der Sklaverei erst richtig konstituiert. Vor allem die Propheten werden daran immer wieder erinnern.

Kein Wunder also, wenn Jesus von seinen Zuhörern immer wieder einen Perspektivwechsel verlangt. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeigt, dass die Frage, wer mein Nächster ist, den ich lieben soll wie mich selbst, ohne Perspektivwechsel gar nicht zu beantworten ist.

Vor ein paar Wochen stieß ich bei Zeit Online auf einen wunderschönen Bericht von einem radikalen Perspektivwechsel. Dudi Mizrahi, Hooligan aus dem ultraorthodoxen Jerusalemer Stadtteil Givat Schaul, freundet sich mit Arabern an und kämpft gegen Rassismus, seit er bei einer palästinensischen Familie in Nablus übernachtete. Eigentlich eine klassische Bekehrungsgeschichte - der Vergleich mit einer „Erweckung“ wird denn auch explizit gezogen.

Wenn man Bekehrung so versteht (und damit auch nicht in Konkurrenz zur Taufe oder einem allmählichen Hineinwachsen in den Glauben), dann wäre sie der ultimative Perspektivwechsel: Ich übernehme dauerhaft die Perspektive des Gekreuzigten, der Spott, Verachtung, Hass und Gewalt erleidet, weil er sich mit den Ausgeschlossenen, Ausgebeuteten und Abgemeldeten, den Verschmähten, Verleumdeten und Verworfenen identifiziert, weil er ihnen eine Stimme und Ansehen gibt und die Erinnerung an sie wach hält – vor Gott und der Welt. Der Gekreuzigte ist, um es mit Hannah Arendt zu sagen, einer derer, die nichts haben als die „abstrakte Nacktheit ihres Nichts-als-Menschseins“. Es bedeutet aber auch, Gott in den Gesichtern und Lebensgeschichten dieser Menschen sehen zu lernen.

Zu solchen Bekehrungen einzuladen wäre dann eine zutiefst christliche – und am heutigen Tag muss ich natürlich noch hinzufügen: zutiefst reformatorische – Angelegenheit. Immer und immer wieder. Dann wird irgendwann auch ein fröhlicher Wechsel draus.

Share