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Bibelschnipsel

Peter | 28. Jun 2005

In den letzten Jahren hat sich mein Verhältnis zur Bibel in vieler Hinsicht geändert. Das mit Sicherheit spanndendste Moment in dieser Entwicklung ist, dass ich viel mehr Zusammenhänge und Bezüge sehen kann. Es kommt mir vor wie ein kunstvolles Geflecht.

Dass ich vieles erst jetzt sehe, mag eine Sache des Alters und der Erfahrung sein. Aber vielleicht musste auch die Losungsbuch-Mentalität, die einen dazu verleitet, die Bibel als Sammlung von Spruchkartenversen zu sehen (einschließlich Tauf- und Konfirmationssprüche), Platz machen. Hier mein Bekenntnis: Ich lese seit zehn Jahren keine Losungen.

Konkordanzen helfen nicht wirklich dabei, das Wirrwarr der Puzzleteilchen zu organisieren. Im Gegenteil, oft kommt nur noch größere Verwirrung heraus, weil dasselbe Wort je nach Zusammenhang ganz unerschiedliche Aspekte ausdrücken kann. Die Bibel ist ein geschichtliches Buch, die “Logik” liegt also in der Erzählung, und der Struktur dieser Erzählung.

Was also ist der Spannungsbogen der Bibel als Ganzes, wie verläuft dieses Drama durch das Alte und dann das neue Testament und wie haben etwa die Evangelisten ihre Darstellung aufgebaut, akzentuiert und wo kommen die Resonanzen früherer Bücher der Bibel wieder ins Spiel? Neulich hörte ich einen Vortrag von N.T. Wright, der nur ganz beiläufig erklärte, wie die Geschichte von Jakob und Esau einen Resonanzboden für das Gleichnis vom verlorenen Sohn abgibt. Die gute Nachricht: Er ist selbst auch nicht drauf gekommen, erst durch ein Buch.

Wie auch immer: Nach einer Weile liegen die Puzzlelteile plötzlich so, dass Linien sichtbar werden und die Sortiererei auf einmal leichter von der Hand geht. Natürlich könnte das auch eine ideologische Brille leisten, also ist Sensibilität und ein waches Gespür nötig, um falschen Selbstverständlichkeiten entgegenzuwirken.

Ich höre viele Leute klagen, sie würden die Bibel nicht genug lesen. Vielleicht aber ist das gar nicht das Problem, sondern eben die Schnipsel-Mentalität: Je klarer das Gesamtbild wird, desto leichter erinnere ich mich an das Gelesene und desto mehr Fülle lässt sich ein einzelner Satz abgewinnen. Lese ich jetzt mehr? Nun, auf jeden Fall anders und irgendwie fühlt es sich besser an.

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