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Newbigin (7): Die Logik der Erwählung

Peter | 12. Aug 2006

Die Vorstellung, Gott könne seine Offenbarung und damit den Weg zum Heil willkürlich einzelnen Menschen oder Gruppen anvertrauen ist einer der anstößigsten (und am häufigsten, von außen wie von “innen” missverstandenden) Aspekte des Juden- und Christentums. Das Ziel des modernen Rationalismus war ja, sich jeglicher Abhängigkeit von einer Tradition zu entledigen und alle Überlieferung der Kritik durch die (fälschlich für voraussetzungslos gehaltene, “reine”) Vernunft zu unterziehen, um dem autonomen Individuum unmittelbaren Zugang zur Wahrheit zu verschaffen.

Im Gegensatz dazu sieht die biblische Überlieferung den Menschen eingebunden in ein Netz von Beziehungen. Sie versucht erst gar nicht, abtrakte Wesensdefinitionen zu erstellen oder die Beziehung zu Gott (oder zur Wahrheit) “an sich” zu bestimmen. Gottes Offenbarung kommt nicht etwa senkrecht von oben (“durchs Dachfenster”), sondern:

Um Gottes rettende Offenbarung zu empfangen, müssen wir die Tür öffnen für den Nachbarn, den er als seinen beauftragten Boten schickt, und – mehr noch – diesen Boten nicht als einen zeitweiligen Lehrer oder Führer annehmen, dessen wir uns wieder entledigen können, wenn wir alles Nötige gelernt haben, sondern als jemanden, der unser Heim auf Dauer mit uns teilt.

Technorati Tags: Gemeinde, Kultur, Pluralismus, Mission, Theologie, Weltanschauung



Newbigin verfolgt diese Logik der Erwählung durch Römer 9-11 hindurch. Gott hat Israel verstockt, damit das Evangelium zu den Heiden abprallen kann (“bounce off” – schön gesagt…). Schließlich aber wird das Heil von den Heiden zurück zu Israel kommen. Nicht durchs Dachfenster, sondern über den Nachbarn. Von daher müssen auch verschiedene Missverständnisse ausgeräumt werden, was “Erwählung” bedeutet und was nicht:

Erwählung bedeutet keinen privilegierten Statur bei Gott. Dagegen sind schon die Propheten des alten Bundes Sturm gelaufen. Stattdessen bedeutet Erwählung Leiden, Zurechtweisung und Demütigung. Israel wird zur Verkörperung des Leidens Gottes an seiner ungehorsamen Welt. Gerade weil Gottes Liebe allen gilt, bestimmt er eine Gemeinschaft dazu, seine Boten zu sein.

Also haben die Erwählten auch keinen besonderen Anspruch, den sie Gott gegenüber geltend machen könnten. Er bleibt frei in seinem Tun, daher warnt Paulus auch ausdrücklich vor Selbstgefälligkeit und exklusiver Überheblichkeit. Gott hat nicht manche erwählt, um den Rest zu vernichten, sondern um alle zu retten (Röm 11,32).

Am Kreuz Christi werden alle Menschen als Feinde Gottes offenbar und alle in Jesu Gebet der Vergebung eingeschlossen. Und doch spielte sich das an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt ab. es kann daher nicht durch eine kosmische Erleuchtung, sondern nur unter denselben konkreten, an Zeit und Ort gebundenen Bedingungen bekannt gemacht werden. Der auferstandene Jesus ist nicht allen erschienen. Sicher nicht den “Gläubigen”, denn die hatten jeglichen Glauben verloren. Aber denen, die Gott als Zeugen erwählt hat, damit sie gehen und Frucht bringen.

Erwählt zu sein bedeutet also, in Gottes Mission einbezogen zu werden, an seinen Leiden teilzuhaben und die Wunden zu tragen, wie Paulus deutlich macht.

Es bedeutet, dass diese konkrete Gruppe von Menschen, die den Namen Jesu durch die Geschichte hindurch tragen, diese seltsame und oft absurde Gesellschaft von Leuten, so gebrechlich, so töricht, so oft fatal kompromittiert durch die Welt, dieser Leib in all seiner Zufälligkeit und Eigenheit es ist, der die Verantwortung trägt, das Geheimnis der Herrschaft Gottes durch die Weltgeschichte zu tragen.

Das bedeutet auch, dass die christliche Kirche eine Tradition des rationalen Diskurses entwickeln muss, der alle (!) kulturellen Traditionen der Menschheit umfasst und integriert, um ein tieferes Verstehen der Welt und des Lebens zu entwickeln. Des weiteren geht es weder darum, einen selbstgefälligen, rationalen Universalismus zu pflegen (irgendwie werden am Ende doch alle gerettet), noch ständig ängstlich zu überlegen, wer nun draußen ist und wer drin. Zwischen Zutrauen und einer gesunden Gottesfurcht besteht kein Widerspruch.

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