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Sennett (4): gesellschaftlicher Voyeurismus

Peter | 14. Mrz 2007

Die Suche nach Intimität und der Rückzug ins Private haben mit einer ganz anderen Wahrnehmung des Fremden in unserer Kultur zu tun. In anderen Regionen der Welt werden Fremde auch heute noch neugierig beäugt und angesprochen, bei uns werden sie, vor allem in den Metropolen, wie Luft behandelt:

…um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in (…) westlichen Hauptstädten ein Verhaltensmuster, das sich von allem unterschied, was man hundert Jahre zuvor (…) gekannt hatte oder heutzutage im größten Teil der nichtwestlichen Welt kennt: Die Vorstellung, dass Fremde kein Recht hätten, miteinander zu sprechen, dass jedermann das öffentliche Recht auf einen unsichtbaren Schutzschirm besitze, das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Das öffentliche Leben wurde zu einer Sache des Beobachtens, der passiven Teilnahme, zu einer Art von Voyeurismus.

Die Ursachen dieser Haltung (Sennett stellt sie ausführlich dar, ich kann das hier leider nicht) kann man beschreibend nachvollziehen. Fremde sind zu Unberührbaren geworden. Wenn mich ein Fremder anspricht, habe ich (nicht ganz zu Unrecht) die Sorge, dass er mir entweder etwas verkaufen will oder ein – vorsichtig gesagt – leicht exzentrischer Typ ist.

Wenn wir nun ein Ideal christlicher Gemeinschaft haben, das auf Intimität fußt, dann führt das fast zwangsläufig dazu, dass Gemeinden Fremde offen oder unterschwellig abweisen. Und zwar mit der folgenden Logik:

Technorati Tags: Beziehungen, Fremde, Intimität, soziales Engagement



Wir kennen und verstehen uns gegenseitig noch nicht einmal so, wie es richtig wäre (d.h. familiär, intim). Folglich haben wir entweder nicht die Zeit/Kraft für Fremde (oder gemeinsames gesellschaftliches Engagement nach außen), oder sowieso nichts zu geben, weil unser Gemeindeleben ja defizitär ist. Dann lassen wir es bleiben, denn erst (!!!) einmal muss es bei uns “stimmen”.

Klingt nobel, könnte aber völlig falsch sein. Zum Glück kennt die Bibel und die christliche Tradition Gastfreundschaft als eine geistliche Übung. Im Deutschen fällt unter den Tisch, dass es im Griechischen um die Liebe zum Fremden (!) geht, den man behandelt, als wäre er ein Freund, wohl wissend, dass er das (noch?) nicht ist. Eine gastfreundliche Gemeinschaft, die den Blick bewusst nach außen (und damit weg von sich selbst) richtet, verliert sich nicht in der Suche nach einer falschen, unerreichbaren (und unbiblischen) Intimität.

Die muss nur dann das Band der Einheit abgeben, wenn wir unseren Auftrag vergessen und die Liebe, die mit Fremdheit nämlich kein Problem hat, schon längst verloren haben. So paradox es klingt: Sind die Klagen über mangelnde Nähe im Innern ein Zeichen für den Verlust unserer Fähigkeit, echte Brücken nach außen zu schlagen? Sollten wir also statt noch ein Tässchen Kaffee mit einander zu trinken und von uns selbst zu erzählen lieber gemeinsam etwas zum Nutzen anderer tun, wenn wir mit unserer Gemeinschaft unzufrieden werden?

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