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Henry Nouwen – Reaching Out (1): Einsamkeit, die erstickt

Peter | 09. Sep 2007

Ich hatte vor einer Weile ein paar Zitate aus Henri Nouwens Klassiker Reaching Out gepostet, hier nun eine etwas systematischere Zusammenfassung in mehreren Teilen. Sie beginnt mit einer Grundbewegung des Lebens aus dem Geist: Von der Einsamkeit zur Stille (from loneliness to solitude).


Zwischen Konkurrenz und Miteinander
Einsamkeit ist eine Erfahrung, die man unweigerlich macht, aber auch scheut: Heimweh und Unverstandensein als Kind oder Teenager, von anderen ignoriert zu werden, auf Parties, in Sitzungen, während der Arbeit oder allein beim vergeblichen Versuch, ein Buch zu lesen. Gesteigert wird das alles durch die Anonymität unserer Städte und den Konkurrenzdruck der Leistungsgesellschaft. Sie führt nicht selten in alle möglichen Formen von Sucht und Abhängigkeit.

Selbst bei geselligen Anlässen bleiben die höflichen Gespräche an der Oberfläche, nichts entsteht an Beziehung, was den Augenblick überdauert. Die Sprache verrät den Wunsch nach Nähe, aber den Schmerz der Einsamkeit kann sie nicht heilen. Er sitzt zu tief.

Das Meiden der schmerzhaften Leere
Wir scheuen die Konfrontation mit unserer eigenen Einsamkeit und verdrängen unseren Schmerz, indem wir in Aktivität, Zerstreuung und Betriebsamkeit flüchten. Aber jede Form von Kreativität setzt voraus, dass wir uns unserer Einsamkeit stellen und die Oberflächlichkeit durchbrechen.

Stattdessen warten wir auf Anrufe, e-mails und Nachrichten, die uns versichern, dass wir nicht einsam sind: “In dem Maß, wie unser inneres Leben versagt, gehen wir immer regelmäßiger und verzweifelter zum Postamt. Sie können darauf zählen, dass der arme Kerl, der mit den meisten Briefen herauskommt, stolz auf seine ausgiebige Korrespondenz, schon lange nichts mehr von sich selbst gehört hat.” (Henry David Thoreau)

Die Gefahr endgültiger “Lösungen”
Die Flucht vor unserer Einsamkeit kann fatale Folgen haben. Ein Ort ohne Schmerz, das Gefühl von Fremdheit und Unruhe existiert nur als Wunschtraum, den uns niemand erfüllen wird. Und wenn wir uns in dieser irrigen Erwartung an andere klammern, zerstören wir die Beziehung zu ihnen, die die Freiheit braucht, sich einander zu nähern und von einander auch wieder zu entfernen. Manchmal meinen wir, jetzt endlich diese Beziehung oder dieses Umfeld gefunden zu haben, nur um dann bitter enttäuscht zu werden.

Aus dieser Sehnsucht nach völliger Geborgenheit entsteht daher ungewollt Gewalt – in Gedanken der Rache, verletzenden Worten oder Taten. Eine Spirale der Zerstörung setzt ein. Bei allem, was man an Einfühlsamkeit und Offenheit in Beziehungen immer auch dazulernen kann, bleiben wir ein unauflösliches Geheimnis für uns selbst und andere. Echte Intimität lässt dieses Geheimnis bestehen.

Auch die Forderung nach totaler Offenheit führt nicht zum Ziel. Alles ans Licht zu zerren oder auszusprechen, kann mehr schaden als nützen, und auch schrecklich trivial werden, so dass gemeinsames Schweigen manchmal mehr Nähe schafft als ständiges Geplapper. Viele Ehen leiden unter der Erwartung, einer könne den anderen aus seiner Einsamkeit retten und eine völlig Harmonie sei erreichbar. Khalil Gibran setzt dagegen:

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von euch allein sein,
So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern.
(…)
Und steht zusammen, doch nicht zu nah:
Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,
Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.

Von der Wüste zum Garten
Statt vor unserer Einsamkeit zu fliehen, sollten wir sie lieber kultivieren und fruchtbar machen. Mit Mut und Beharrlichkeit lässt sich die Wüste zum Garten umgestalten.

Die Bewegung von der Einsamkeit zur Stille jedoch ist der Anfang allen spirituellen Lebens, weil sie eine Bewegung ist vom ruhelosen Gefühl zum ruhenden Geist, vom Verlangen, das um sich greift zu einer Suche, die nach innen dringt, vom ängstlichen Klammern zum furchtlosen Spiel. (S. 13)

Ein guter geistlicher Begleiter ist jemand, der uns in diesem Prozess helfen kann, uns der eigenen Einsamkeit zu stellen und durch sie hindurch mit Geduld in eine Tiefe hinein zu finden, in der wir unsere Selbsttäuschungen verlieren und neue Quellen von echter Freude und wahrem Frieden finden.

Technorati Tags: Einsamkeit, Henri Nouwen

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One Response to “Henry Nouwen – Reaching Out (1): Einsamkeit, die erstickt”

  1. Das schwierigste an Jugendarbeit ist… » Schrotty - think about sagt:
    10. Sep 2007 um 23:49

    [...] Der Peter Aschoff schreibt hier gerade über Henri Nouwen. | Tags: Beziehung, Jugend, Jugendarbeit, [...]

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