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Henry Nouwen – Reaching Out (3): Kreativ antworten

Peter | 11. Sep 2007

Die Bewegung von Einsamkeit zur Stille stellt keinen Rückzug von den drängenden Fragen unserer Zeit dar. Sie erlaubt es, unser ängstliches Reagieren in eine liebende Antwort umzuformen. So lange wir auf der Flucht vor unserer Einsamkeit sind, bleiben wir abhängig von der Aufmerksamkeit anderer, die unsere Welt zum Götzen macht. Viele unserer Aktivitäten sind nur Reaktionen auf ein launisches, sich ständig veränderndes Umfeld und wachsen nicht aus unserem Innersten heraus. Dort reift in der Stille und im geduldigen Hören auf unsere Welt eine Antwort.

Nouwen berichtet von einem Priester, der sein Zeitungsabo kündigte, weil ihn die vielen schlechten Nachrichten in seiner Andacht störten. Echtes geistliches Leben, so setzt er dagegen, kann mit diesem Nachrichten umgehen, sie werden Teil unserer Kontemplation und bringen eine angstfreie, liebende Antwort hervor. Unsere eigene Geschichte hört auf, eine Kausalkette oder eine bloße Abfolge von Ereignissen zu sein, sondern sie wird zum Ruf nach einem veränderten Herzen und Denken. Die Welt hört auf, diabolisch zu sein (indem sie uns ständig zwingt, für die eine und gegen die andere Seite Partei zu ergreifen) und wird symbolisch, indem wir lernen, innere und äußere Ereignisse, Persönliches und Politisches, zusammen zu bringen.

Ein Kollege erklärte Nouwen einmal, er habe sein ganzes Berufsleben über die ständigen Unterbrechungen seiner Arbeit durch andere geklagt, bis er am Ende erkannte, dass diese Unterbrechungen seine eigentliche Arbeit waren. Unerwünschte Ereignisse, die unsere Kreise stören, führen zu stillem Protest bis hin zu ohnmächtiger Wut dessen, sich sich als Opfer der anderen sieht. Wir könnten sie aber als Einladungen sehen, einen ausgedienten Lebensstil aufzugeben und neue Erfahrungen zu machen, weil sich dahinter nicht ein böser Zufall, sondern eine fürsorgliche Hand verbirgt.

Es ist tragisch zu sehen, wie das religiöse Empfinden im Westen so individualisiert worden ist, dass Konzepte wie ein “zerknirschtes Herz” sich nur noch auf persönliche Schulderfahrung bezogen werden und die Bereitschaft, dafür Sühne zu leisten. Das Bewusstsein unserer Unreinheit in Gedanken, Worten und Taten kann uns tatsächlich in eine reumütige Stimmung versetzen und Hoffnung auf eine vergebende Geste wecken. Aber wenn die Katastrophen unserer Tage, die Kriege, Massenmorde, ungezügelte Gewalt, überfüllten Gefängnisse, Folterkammern, der Hunger und die Krankheit von Millionen Menschen und das unbeschreibliche Elend eines Großteils der Menschheit in sicherem Abstand zur Stille unserer Herzen gehalten wird, dann bleibt auch Reue bloß ein frommes Gefühl. (S. 31)

Sünde und Bosheit, Heilung und Vergebung haben ganz andere Dimensionen als nur die unserer Innerlichkeit. Aber wie lebt man mit der Last solcher schrecklichen Nachrichten und Ereignisse? Manche von uns sind darüber zu unbequemen Mahnern geworden, die andere in ihrer bequemen Ruhe der Selbsttäuschung stören und uns helfen, in unsere Verantwortung für die Welt hinein zu wachsen. Hält uns die Angst vor unserer eigenen Ohnmacht davon ab, nicht nur die Wunden zu betrachten, die wir auch heilen können? Sind wir lieber blind und taub als anzuerkennen, dass nicht wir die Herren des Universums sind?

Viele Aktivisten sind daran gescheitert, dass ihr Protest nicht tief genug ging. Dann droht Kritik selbstgerecht zu werden und der Druck, zu schnellen Lösungen zu kommen, wächst. Nur wenn sich der Verstand hinunter begibt in das Herz ist unsere Antwort tief genug verwurzelt, um nicht bitter und zynisch zu werden, wenn der erwartete Erfolg ausbleibt. Echter Protest verlangt von uns, dass wir zugeben, dass die Probleme der Menschheit auch mit uns zu tun haben. Wir haben sie vielleicht nicht verursacht, aber wir sind gerufen, darauf eine Antwort zu geben.

Thomas Merton hat von der “Wüste der Barmherzigkeit” geschrieben, in der Wasser aus dem dürren Land hervorbricht und die Armen alles besitzen werden. Je mehr Merton die Stille seines Herzens kultivierte, desto mehr wurde er in seiner barmherzigen Solidarität mit den Leidenden zum zum Wortführer für viele, wenn er schreibt:

nun ist es transparent offenbar geworden, dass eine automatische “Zurückweisung der Welt” und “Missachtung der Welt” tatsächlich gar keine Entscheidung ist, sondern ein Ausweichen wor der Entscheidung. Der Mensch, der meint, er könne Auschwitz oder Vietnam den Rücken kehren und so tun, als gäbe es das nicht, blufft einfach. Ich denke, sogar Mönche räumen das im Allgemeinen ein.

Barmherzigkeit, die in der Stille geboren wurde, macht uns unsere Geschichtlichkeit bewusst. Die aktuellen Manifestationen des Bösen und des Todes sind keine lästigen Unterbrechungen mehr, sondern ein Ruf zur eigenen Umkehr und zur Veränderung der Herzen, so dass sie eine unerschöpfliche Quelle von Großzügigkeit, Hoffnung und neuem Leben werden.

Technorati Tags: Barmherzigkeit, Einsamkeit, Henri Nouwen, Herz, Nächstenliebe, soziales Engagement, Spiritualität, Stille

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