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Viva la Vida – ein Abgesang auf die Moderne?

Peter | 09. Jan 2009

Sylvia Lee fragt in dran, was Chris Martin von Coldplay wohl mit seinem Hit Viva la Vida sagen wollte. Ich habe mich das auch immer wieder gefragt, wenn der Song im Radio oder auf iTunes hier lief. Man kann ihn nämlich auch als einen Abgesang auf die Moderne lesen – die Ära, in der das christliche Abendland den Globus mit seinem kulturellen Sendungsbewusstsein kolonisierte:

I hear Jerusalem bells are ringing

Roman Cavalry choirs are singing

Be my mirror my sword and shield

My missionaries in a foreign field

Rom und Jerusalem sind die beiden Orte, an denen dieses christliche Imperium seinen Ursprung hat. Christlicher Glaube verband sich mit römischer Macht, Glocken mit Kavallerie. Und der Begriff “Mission” und “Missionar” entstand im Zusammenhang mit der Christianisierung Südamerikas, dem “fremden Feld”. Vielleicht sind aber nicht nur die kirchlichen Missionare gemeint, sondern auch die Advokaten des grenzenlosen Fortschritts durch Vernunft, Vermessung Berechnung und Objektivierung der Welt und ihrer Lebewesen.

I used to rule the world

Seas would rise when I gave the word

Dieses Experiment ist nun gescheitert – an seinem eigenen Größenwahn. In Wirklichkeit hat der Mensch die Natur nie beherrscht und schon der Versuch, es Gott gleichzutun, war pure Vermessenheit. Doch selbst im Rückblick mag man sich das nicht eingestehen, dass alles nur eine Illusion war (“never an honest word, that was when I ruled the world”). Fulbert Steffensky schreibt dazu:

Vielleicht hat die Entzauberung der Welt dazu geführt, dass wir in grenzenlos imperialer Geste uns alles unterwerfen. wer kein Tabu kennt und die Heiligkeit der Dinge nicht sieht, wird zu ihrem Zerstörer.

Aber die globalen Krisen wachsen der Menschheit über den Kopf. Einschüchterung durch militärische Macht (“I used to … see the fear in my enemies eyes”) und überlegene Technik ist wertlos geworden. Nicht näher beschriebene Revolutionäre warten nun, dass sie den Kopf des Despoten auf einem silbernen Teller geliefert bekommen. Das Leben geht weiter (daher “Viva la Vida”), nur hat das Glück die Seiten gewechselt. Und dann wird mit einem biblischen Bild beschrieben, woher der Sturz rührt:

One minute I held the key, next the walls were closed on me

And I discovered that my castles stand upon pillars of salt, and pillars of sand

Das Haus – Schloss – war auf Sand gebaut und der Sturm (“the wicked and wild wind”) fegte es weg. Eine Form des Gerichts, die für das ewige Gericht – das abschließende Urteil über dieses Kapitel der Weltgeschichte – nichts Gutes ahnen lässt. Daher ist auch nicht klar, ob Petrus einen Grund hat, den gestürzten König beim Namen zu rufen.

Viva la Vida kann man so gesehen nicht nur als Kommentar zur Finanzkrise lesen und dem Absturz der allmächtigen Finanzjongleure, für die es keine Grenzen mehr gab, sondern auch als Neuauflage von Jesaja 14,12ff. Dort heißt es über einen anderen selbstherrlichen Herrscher und seine Hybris:

Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie wurdest du zu Boden geschlagen, der du alle Völker niederschlugst! Du aber gedachtest in deinem Herzen: »Ich will in den Himmel steigen und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen, ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung im fernsten Norden. Ich will auffahren über die hohen Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten.« Ja, hinunter zu den Toten fuhrst du, zur tiefsten Grube! Wer dich sieht, wird auf dich schauen, wird dich ansehen und sagen: »Ist das der Mann, der die Welt zittern und die Königreiche beben machte, der den Erdkreis zur Wüste machte und seine Städte zerstörte und seine Gefangenen nicht nach Hause entließ?«

christliches Abendland, Coldplay, Moderne, Viva la Vida
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