peregrinatio

  • rss
  • Home

Der Kopf ist immer schneller

Peter | 27. Mai 2009

Kürzlich war ich mit dem Auto unterwegs und hörte beim Spurwechsel auf der Autobahn ein metallisch klappendes Geräusch am Auto. Schon schoss mir die erste Sorge durch den Kopf, ob da wohl irgend ein Teil abgefallen war. Alles ging rasend schnell. Nur eine halbe Sekunde später surrte der andere Reifen über die aufgeraute Mittellinie und das Geräusch wiederholte sich. Es war gar kein metallisches Klappern. Entwarnung – alles im grünen Bereich. Was auch immer dazu geführt hatte (meine Urangst vor Autopannen?), mein Kopf hatte die Sinneswahrnehmung “ergänzt” zu einem bestimmten Klang – und sie dabei verfälscht.

Ähnliches ist mir – auch beim Autofahren – ab und zu nachts passiert, vor allem bei Regen und spiegelnder Straße. Der Kopf setzt die Lichter in verschiedenen Farben, Größen und Bewegungsrichtungen zu einem Bild zusammen und plötzlich merke ich, dass die Interpretation nicht stimmt. Das Muster entwickelt sich ungewohnt. Dem Augenblick der Verwirrung folgt eine Art “Neuberechnung” und ich merke, die Straße vor mir krümmt sich anders, als ich vermutet hatte.

Jede Sinneswahrnehmung scheint eine solche automatische Mustererkennung zu durchlaufen. Es gibt also gar keine “reine” Beobachtung, sondern alles wird, noch bevor es das Bewusstsein erreicht, durch einen Filter der vertrautesten (oder vielleicht auch traumatischsten bzw. ersehntesten) Vergleichsbilder gejagt und auf Ähnlichkeit hin abgeklopft. In der Regel funktioniert dieser Prozess so schnell und präzise, dass ich ihn gar nicht bemerke. Hätte ich nun nicht unmittelbar darauf den Vergleich mit dem zweiten Rad gehabt, hätte ich den Fehler nicht bemerkt. Ich wäre vielleicht in eine Werkstatt gefahren, hätte das Geräusch beschrieben und mein Auto untersuchen lassen. So aber ergab der zweite Abgleich ein stimmigeres Muster.

Alles Denken ist also ein Vergleichen und Bewerten, und nur ein Bruchteil davon ist mir bewusst. Die Automatismen darin und mit ihnen die ausgeschlossenen Möglichkeiten einer Interpretation entgehen mir meistens. Meine Erinnerung speichert Ereignis und Deutung nicht getrennt ab, sondern zusammen. Während ich also im Blick auf mein Auto beruhigt weiterfuhr, kam ich im Blick auf mich selbst ins Nachdenken: Wie viele meiner Erinnerungen sind “verfälscht”? Wo ergeben sich aus verfälschter Wahrnehmung und Erinnerung wieder neue Muster, die mich Ereignisse falsch “lesen” lassen? Mit anderen Worten: kann da eine problematische Rückkopplung entstehen, die weitere Verzerrungen verursacht? Welche Möglichkeiten habe ich, mir selbst auf die Schliche zu kommen? Kann ich präventiv etwas unternehmen?

Fragen über Fragen…

Share
Kategorien
Erlebt
RSS Kommentare
RSS Kommentare

« Spruch des Tages (12) Spruch des Tages (13) »

3 Responses to “Der Kopf ist immer schneller”

  1. dasaweb sagt:
    28. Mai 2009 um 08:40

    Diese automatische Mustererkennung, die jede Sinnneswahrnehmung durchläuft ist wohl das Hauptproblem bei technischen Automatisierungen, die auf etwas komplexere Eingaben reagieren sollen (in der Robotik auf die Umgebung bspw.). Man entwickelt sich mit hochkomplexen Algorithmen langsam in eine brauchbare Richtung (z.B. mit Hilfe neuronaler Netze), ist aber noch weit von dem entfernt, was ein Mensch so nebenbei meist locker leistet. Finde das sehr faszinierend und wollte das mal anmerken, auch wenn das mal gar nichts mit deinen eigentlichen Fragen zu tun hat ;o)

  2. Christian sagt:
    28. Mai 2009 um 21:39

    Ich hatte auf einer Software-Konferenz (OOP) mal einen sehr interessanten Vortrag über genau diese Mustererkennung gehört. Mal schauen, was ich noch zusammen kriege: Offensichtlich gibt es im Hirn zwei Verarbeitungsstränge – der eine ist etwas primitiver und reflexhafter, dadurch aber schneller. Der alternative Verarbeitungsweg gleicht die „Eingabe“ gegen Erfahrungen ab, das ist ein bewussterer Verarbeitungsvorgang und dauert etwas länger. Man kann sich wohl in der Kommunikation trainieren, sich bewusst Zeit zu nehmen, auf das Ergebnis des zweiten Wegs zu warten – es reicht oft, schon kurz durchzuatmen bevor man reagierend losbrüllt ;-) . Das gilt natürlich nicht für so Schrecksekundenbruchteile wie auf der Autobahn.

    Ich könnte den Autor raussuchen, falls es dich interessiert.

  3. Peter sagt:
    29. Mai 2009 um 08:29

    Wenn es Dir keine zu große Mühe macht, Christian – interessant klingt das auf jeden Fall.

Leave a Reply

Hier klicken, um die Antwort abzubrechen.

 

Mai 2009
S M D M D F S
« Apr   Jun »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  

vernetzt mit Emergent Deutschland

Letzte Artikel

  • Wenn Worte meine Sprache wären…
  • Neue deutsche Coolness?
  • Himmlische Alpha-Männchen?
  • Ein kostspieliges Ja
  • Altes Lied, neue Strophen

Letzte Kommentare

  • Ein anderer Simon bei Wenn Worte meine Sprache wären…
  • karola bei Himmlische Alpha-Männchen?
  • Peter bei Himmlische Alpha-Männchen?
  • Ephcharisto bei Schamlos zerredet?
  • Simon bei Wenn Worte meine Sprache wären…

Kategorien

  • (post)moderne Zeiten
  • Artefakte
  • Auf-Gelesen
  • Aus dem Netz gefischt
  • emerging church
  • Erlebt
  • Infos zum Blog
  • keltisches Christentum
  • Kirche und Zukunft
  • Klima und Umwelt
  • Konsumgesellschaft
  • Männer, Frauen und Kinder
  • Mit Gott im Job
  • nsfj
  • Peters Gedanken
  • Philosophisches
  • Spiritualität
  • Theologie
  • Totaaal ernst gemeint…
  • Uncategorized

Dieses und jenes…

  • Bahn bittet mal wieder um Verständnis... 1 week ago
  • … Null: 126.867 Wörter, 869.914 Zeichen, 1.049 Absätze, 323 Seiten 1 week ago
  • Zurück von innocreek und vielen guten, wenn auch zu kurzen Begegnungen 2 weeks ago
  • More updates...

Posting tweet...

Blogroll

  • Alan Roxburgh
  • Alex Kupsch
  • Andrew Perriman
  • Ben Myers
  • BioLogos Foundation
  • Björn Wagner
  • Brian McLaren
  • Dan Kimball
  • Daniel Hufeisen
  • Daniel Renz/Schlunkfunk
  • Depone
  • Diakonisch.de
  • Dosi – Der Sämann
  • ELIA – quer gedacht
  • fxneumann
  • Generous Orthodoxy
  • Gofi Müller
  • Hasos Tafel
  • Jason Clark
  • LeRon Shults
  • Marlin Watling
  • Mike Bischoff
  • Nadja Bolz-Weber
  • Natur des Glaubens
  • Olaf Radicke
  • Pastorbuddy
  • Pete Rollins, Belfast
  • Rolf Krüger
  • Scot McKnight
  • Simon de Vries
  • Steve Taylor
  • the church and postmodern culture
  • Thomas Glörfeld
  • Tobias Künkler
  • Toby Faix
  • Wittenburg Door

emerging church

  • emergentvillage
  • Postmoderne Theologie
  • The Gospel and Our Culture Network
  • The Ooze

Ideen & Inspiration

  • Artikel von N.T. Wright
  • Coaching verleiht Flügel
  • Patrick Dixon: Global Change
  • Rich Mullins
  • Sacred Space
  • täglich Beten mit der Northumbria Community
  • Tony Campolo

was ich noch mache

  • ELIA Podcast
  • Lausanner Bewegung
  • Licht der Sonne, Glanz des Himmels
  • Mein aktuelles Buch: "Kaum zu fassen"
  • Meine Gemeinde

Archiv

StatPress

Visits today: 49

kostenloser Counter

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-Share Alike 2.0 Germany License

Das “Original” für den Tag:

Meta

  • Anmelden
  • Artikel-Feed (RSS)
  • Kommentare als RSS
  • WordPress.org
rss RSS Kommentare valid xhtml 1.1 design by jide powered by Wordpress get firefox