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Postliberale Theologie (2): Der sprachlich-kulturelle Ansatz

Peter | 09. Dez 2009

Lindbeck kehrt das Verhältnis von Innen und Außen, Individuellem und Sozialem, Form und Substanz gegenüber dem expressivistischen Ansatz der liberalen Theologie um: Religion ist nicht der äußere Ausdruck einer zunächst und wesentlich innerlichen Erfahrung, das ist eine idealistische Vorstellung. Sie wird besser beschrieben als ein sprachliches und kulturelles Grundgerüst, das Leben und Denken formt und damit auch bestimmte Erfahrungen erst ermöglicht.

„Sie ist in erster Linie nicht ein Feld von Glaubenssätzen über das Wahre und Gute (obwohl es diese einschließen kann) oder ein symbolischer Ausdruck grundsätzlicher Haltungen, Gefühle und Empfindungen (obwohl diese hervorgerufen werden können). Vielmehr: sie gleicht einem Idiom, das die Beschreibung von Realität, die Formulierung von Glaubenssätzen und das Ausdrücken innerer Haltungen, Gefühle und Empfindungen ermöglicht. Gleich einer Kultur oder Sprache, ist sie ein gemeinschaftliches Phänomen, das viel eher die jeweilige Subjektivität einzelner prägt, als dass sie in erster Linie eine Manifestation dieser Subjektivität wäre. Dieses Grundgerüst besteht aus einem Vokabular diskursiver und nichtdiskursiver Symbole in Verbindung mit einer bestimmten Logik und Grammatik.“ (S. 56f.)

Es besteht also eine Verbindung kognitiver und verhaltensmäßiger Dimensionen, von Lehrsätzen und Riten bis hin zu bestimmten Formen von Gemeinschaftsbildung. Denn erst das passende Symbolsystem ermöglicht bestimmte Gedanken und Verknüpfungen. Christliche und buddhistische Mystiker mögen manchmal ähnliche Beschreibungen verwenden, aber der Kontext ihrer Erfahrungen ist verschieden, die Erfahrungen selbst damit auch, bis auf das, was an Grundstimmungen oder -empfindungen eben ganz allgemein menschlich ist. Die prägende Wirkung einer Religion kann so, sagt Lindbeck auch bei Menschen anhalten, die ihr gar nicht mehr explizit angehören – eine Beobachtung, die für den westlichen (jüdisch-christlichen) wie auch den islamischen Kontext belegt ist.

Lindbeck greift damit unter anderem Wittgensteins Sprachspiel-Theorie auf und kommt zu interessanten Anwendungen. Dazu dann mehr im nächsten Post.

George Lindbeck, postliberal, Religionen, Sprachspiel
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5 Responses to “Postliberale Theologie (2): Der sprachlich-kulturelle Ansatz”

  1. Werner sagt:
    09. Dez 2009 um 09:02

    Gibt es eine Verbindungslinie von Lindbeck zu Dietrich Ritschl oder Bernd Wannenwetsch? Die Vorstellung einer “Grammatik des Glaubens” und der “Kirche als Sprachgemeinschaft” sind dem oben Dargestellten wehr ähnlich …

  2. Peter sagt:
    09. Dez 2009 um 09:26

    Also Lindbeck hat das 1984 veröffentlicht. Wannenwetsch könnte da sozusagen auf seinen Schultern stehen, Ritschl vielleicht auch. Oder sie haben auch Wittgenstein rezipiert.

  3. Phil Mertens sagt:
    09. Dez 2009 um 09:29

    Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich das richtig verstanden habe. Würde das in etwa folgendes bedeuten: Ein “Heide” hört z.B. aus dem Apostolicum “Ich glaube an Gott den Vater”, woraufhin sich in ihm eine Art Religion/Glaube entwickelt? Oder was genau beinhaltet das “sprachliche und kulturelle Grundgerüst, das Leben und Denken formt und damit auch bestimmte Erfahrungen erst ermöglicht”?

    Ich selbst bin in der katholischen Kirche groß geworden, wodurch ich ein gewisses Gottesbild vermittelt bekam. Will Lindbeck in etwa sowas sagen oder mißverstehe ich ihn/Dich? Wenn ersteres, würde mich interessieren, wodurch er sich wirklich vom Expressivismus des 19.Jh.s unterscheidet, also konkret: Wie kann (will er überhaupt?) einen Subjektivismus/Relativismus umgehen? GIbt es ein Absolutes? Oder will er auf etwas ganz anderes hinaus? Denn mit seiner Beobachtung dürfte er ja schon irgendwie recht haben. Aber will er denn eigentlich auf ein Religionsverständnis eher nach Schleiermacherschem Verständnis oder redet er hier mehr von der von Barth abgelehnten Religion, der er die Offenbarung Gottes entgegensetzt?

    Sorry, vielleicht schieße ich auch völlig am Ziel vorbei… Trotzdem viele Grüße!

  4. Peter sagt:
    09. Dez 2009 um 10:32

    @Phil: Wieder gute Fragen. Lass mir noch etwas Zeit, die Antworten kommen in den nächsten Posts, ich will sie hier nicht vorweg nehmen.

  5. Phil Mertens sagt:
    09. Dez 2009 um 10:34

    Sorry, bin manchmal etwas übereilig. Werde mich gedulden. Vielleicht sollte ich auch erst das Buch lesen und danach hier mitdiskutieren bzw. zumindest die letzten Post abwarten.

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