Kopftücher und Kruzifixe
Peter | 27. Apr 2010Da war sie wieder, die Diskussion über “religiöse Symbole”. Die Wellen schlagen wieder hoch, aber wir treten auf der Stelle. Was mich daran heute am meisten beschäftigt, sind die Klassifizierungen, mit denen da gearbeitet wird.
Erstens zum Thema “Religion”: Was sind “Religionen” in einer Zeit, in der der dogmatische Atheismus quasireligiöse Züge annimmt? Kann man überhaupt noch klar sagen, wo Religion beginnt und endet? Wie sieht es aus mit religiösen Formen, die der Materialismus und die Konsumkultur entwickelt haben, wo bestimmte Werte und Ideale gefeiert und propagiert werden? Sprich: Gibt es irgendeinen neutralen Winkel, der ideologie- und religionsfrei wäre, und irgendeinen Punkt im kulturellen Niemandsland, von dem aus ein objektives Urteil über letztgültige Überzeugungen anderer möglich ist?
Und noch eine Stufe weiter gedacht: Ist es zielführend, alle religiösen Symbole phänomenologisch zu erfassen und in einen Topf zu werfen? Oder sind die nicht sehr unterschiedlich angesiedelt? Was ist mit den beliebten Tatoos chinesischer Schriftzeichen, und welche Symbolik steckt in Schmuckstücken und modischen Emblemen? Hat das Kopftuch im Islam denselben Stellenwert wie das Kreuz für Christen und müssten deshalb mit den Kopftüchern auch die Kreuze aus den Schulen verschwinden? Müssen Christen mit der (wohl nicht unberechtigten) Sorge leben, dass das Kopftuch nur instrumentalisiert wird, um das Kreuz loszuwerden?
Und ist es denkbar, dass neben einem ästhetisch nachvollziehbaren Widerwillen gegen die Gewalt, die mit dem Kreuz assoziiert wird und hinter der manche (fälschlich, auch christlicher Sicht) einen gewalttätigen Gott vermuten, neben dem bekannten Missbrauch (!) des Symbols in Kriegen und Kolonialisierung, auch aus anderen Gründen Widerstände gegen Kreuze richten: weil das Kreuz – aus dem biblischen Kontext heraus verstanden – immer eben auch das Symbol für die Opfer der Gewalt ist und eine Gesellschaft auf das eigene (in der Regel sauber verdrängte) Gewaltpotenzial verweist?
Kann man, wenn man ganzheitliche Bildung zum Ziel macht, auf die nicht nur theoretische Beschäftigung mit einem Symbol wie dem Kreuz, das einzelne wie eine ganze Gesellschaft vor solch tiefgreifende Fragen stellt und ein solches kritisches Potenzial hat, denn verzichten? Und bereitet man mit dieser Vermeidungsstrategie Kinder auf das Leben in einer Gesellschaft vor, die multireligiös ist und bleiben wird?
Der Versuch, Religion ins Private zu verlegen, ist doch längst gescheitert. Unser Verhältnis zu Geld und Wirtschaft, zu Glück und Gesundheit hat alle möglichen religiösen Züge angenommen. Neue Kulte sind entstanden und überschwemmen uns mit ihren Symbolen und Logos. Kreuze im Klassenzimmer sind für Christen sicher nicht unverzichtbar. Sie haben aber dort an der Wand auch einen ganz anderen Effekt als Kopftücher oder Burkas, die einzelne Schülerinnen tragen. Das grobe Raster “religiöses Symbol” bringt unsere Diskussion nicht richtig weiter.
Aber mich beschäftigt noch eine Frage: Wie kann man als Politiker für Kreuze in den Schulen sein und zugleich eine Ökonomisierung des Schulwesens dulden, in der Effizienz zum alles entscheidenden Kriterium wird, wo unser Bildungssystem kaputtgespart und die Zukunft einer ganze Schülergeneration verspielt wird, wo die Integration schwacher Schüler und Nichtmuttersprachler in viel zu großen Klassen noch viel zu oft misslingt und (wie in der Wirtschaft) nur die Starken überleben – oder die, deren Eltern sich teure Nachhilfe leisten können? Das geht mir überhaupt nicht in den Kopf.











@Florian:
Der Begriff der Hoffnung ist biblisch tatsächlich ausschließlich positiv belegt. Ich glaube, Du empfindest “Hoffnung” als Synonym zu “Bangen”. Bangen ist immer auch mit Angst konnotiert, mit Ungewißheit. Das ist aber das genaue Gegenteil der biblischen Botschaft: Hoffnung ist da nicht etwa die Ausrichtung des Sinnes auf etwas, was möglicherweise (“hoffentlich”) einmal sein wird, sondern ein befreites Leben schon im Hier und Jetzt, weil das, worauf sich die Hoffnung richtet (die Vollendung des Reiches Gottes), im Hier und Jetzt bereits begonnen hat. Das heißt nicht, daß man als Christ immer schon frei von Angst und Sorge wäre – aber als Christ kann man sich daran erinnern, daß Angst und Sorge bereits der Boden entzogen ist. Insofern ist eine ängstliche Lebenseinstellung, möglichst alles “richtig” zu machen, um evtl. einmal die Möglichkeit eines “ewigen Lebens” zu haben, eine völlig verkehrte Karikatur christlichen Glaubens. “Ewiges Leben” beginnt nicht möglicherweise erst in der Zukunft, sondern ist Inbegriff eines Lebens mit Gott – und das findet für Christen bereits in der Gegenwart statt.
Sei mir nicht böse, wenn ich von daher sage, daß Du m.E. mit dem Kreuz eher eine Karikatur christlichen Glaubens verbindest als das, wofür es tatsächlich steht. In der Tat sind deshalb Diskussionen wie hier wichtig und gut – sie zeigen Christen, wie das Kreuz mißverstanden wird und damit, daß die Botschaft des Kreuzes unmißverständlicher kommuniziert werden muß. Wenn so eine Diskussion gesellschaftsfähig würde, dann hätte der Streit um die Sichtbarkeit religiöser Symbole im öffentlichen oder staatlichen Raum überhaupt erst eine sinnvolle Grundlage. Wie ich ja schon gesagt habe: für Christen steht und fällt Religionsfreiheit nicht mit dem Kreuz im Klassenzimmer. Ich brauche das dort nicht, wenngleich ich es sinnvoll finde, solange darüber auch gesprochen wird. Die Religionsfreiheit wird aber z.B. dort zumindest empfindlich berührt, wo ein Kreuz aus dem Klassenzimmer entfernt werden muß, weil es ein Elternteil oder einen Schüler stört, während ein Großteil anderer Eltern und Schüler dieses Kreuz dort ausdrücklich befürwortet – und genau das ist in der Vergangenheit immer wieder der Fall gewesen. Der Minderheitenschutz hat keinen Vorrang vor der Religionsfreiheit, so sehr die Religionsfreiheit ja überhaupt erst den Minderheitenschutz begründet hat (siehe dazu auch den Artikel, den ich oben schon einmal verlinkt hatte). Das bedeutet nicht, daß Nichtchristen ein Kreuz im Klassenzimmer einfach zu schlucken haben. Das wäre bereits die Perversion der Bedeutung des Kreuzes. Man könnte ja so ein Kreuz, wenn es jemanden tatsächlich so stark belasten sollte, einvernehmlich abhängen oder aus dem Blickfeld dieser Person nehmen und damit nicht einfach Meinungen gegeneinander aussspielen, sondern gemeinsame Wege finden – oder, besser noch, eben so eine Diskussion führen wie hier, damit würden sich manche Konflikte fast von alleine lösen.