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Babel 2010

Peter | 24. Mai 2010

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel könnte kaum aktueller sein: die Türme wachsen immer weiter in den Himmel, die ganze Welt blickte im vergangenen Jahr gebannt nach Dubai als vorläufigem Höhepunkt der Wolkenkratzerei. Die Banken, Baufirmen und Investoren, die superreichen Kunden der Luxushotels sorgen zugleich dafür, dass die Schuldenberge, Müllberge und Ölteppiche ebenso ins Unermessliche wachsen.

Gut, es ist nicht mehr ein Turm, sondern viele. Und er gehört nicht mehr allen, sondern nur ganz wenigen – die anderen dürfen Teile liefern, in Containersiedlungen fern ihrer Familien zusammengepfercht hausen, Leben und Gesundheit auf den Baustellen riskieren. Sie bekommen das Gift aus der Luft und im Grundwasser ab oder zahlen mit den Steuern auf ihr kleines Einkommen die Zeche der Zocker.

Unsere globalisierte Welt hat nur für die Bewohner der Sonnenseite keine Grenzen. Aber die Etagen dieser Welt (wer sagt, die gehörten nur zum antiken Weltbild?) sind sauber getrennt, es fährt kein Aufzug zwischen Penthouse und Souterrain. Die Überholspur auf den Autobahnen darf man nur mit den Sternen, Ringen und sonstigen Symbolen der Premium-Marken befahren. Wir leben in unmittelbarer Nähe und doch auf ganz verschiedenen Planeten. Babel ist überall. Das System reproduziert sich tausendfach, und wenn es einen Kreislaufkollaps bekommt, leiden Millionen.

Auf der Straße indes gibt es ein Gewirr von Stimmen: Menschen, die einander noch nie gehört, geschweige denn verstanden haben, sind plötzlich im Gespräch. Sogar ein paar Leute von oben begegnen denen von unten und erkennen, dass sie verwandt sind, dass sie alle zusammen gehören. Die unten lassen sich von Verschwiegenheitsklauseln nicht mehr den Mund verbieten. Sie lassen sich nicht mehr gegeneinander ausspielen, nur weil es bei ihnen Unterschiede von Herkunft und Hautfarbe gibt. Sie verabreden sich zu Folgetreffen. Sie sitzen um einen Tisch herum und hören einander zu. Sie beginnen zu teilen: Erst Brot und Wein, dann ihre Freuden und Sorgen, schließlich ihre Angst vor einander und ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit.

Sie entdecken, dass bei Gott niemand nutzlos ist. Sie träumen von einer Welt im Gleichgewicht. Sie brechen Tabus: “Über Geld spricht man nicht. Über Religion und Politik auch nicht.” Sie langweilen sich bei Glamour-Paraden, Promi-Tratsch und Castingshows. Sie lassen sich ihre Sehnsüchte nicht mehr diktieren, denn sie leben in der Hoffnung, dass Gott selbst ihnen die Jahre erstatten wird, die die Heuschrecken (auch die sind wieder da!) gefressen haben, wie Joel sagt. Ab heute ist auch Jerusalem überall.

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