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Zutaten gesunder Gemeinschaft (1): Die Mischung macht’s

Peter | 04. Aug 2010

Joseph Myers nennt in The Search To Belong vier Felder, in denen sich gesundes Gemeinschaftsleben entwickelt. Ich habe sie hier kurz angerissen, die Definitionen haben mit Raum und Distanz unterschiedlichen Ausmaßes zu tun. Es gibt nicht die eine Gestalt von Beziehungen, die immer richtig ist.

Es stimmt auch nicht, dass die unterschiedlichen Formen nur Durchgangsstadien auf dem Weg ins Allerheiligste der Intimität sind. Selbst unsere Beziehung zu Gott kennt diese unterschiedlichen Dimensionen. Wir fühlen uns ihm nicht immer gleich nah und vertraut.

Wichtig ist nun, dass unsere Beziehungen in den vier Feldern im richtigen Verhältnis stehen. Myers nennt das die “Gruppenchemie” und meint damit nicht primär, das, was wir oft im Sinne von Sympathie verstehen. Wir brauchen sehr viele öffentliche Kontakte, viele soziale (einen größeren Bekanntenkreis), einige persönliche (echte Freundschaften) und wenige intime Beziehungen. Aber selbst mit Freunden und Partnern bewegen wir uns immer wieder im öffentlichen Raum und passen unser Verhalten an die (unausgesprochenen) Spielregeln größerer Gruppen an. Von innen nach außen gedacht verdoppelt sich der Personenkreis also mindestens.

Oft pflegen Gemeinden jedoch nur eine oder zwei bestimmte Tonlagen. Neulich erzählte eine engagierte Katholikin, dass sie seit ihrem Umzug in einer neuen Pfarrgemeinde Anschluss gesucht hat und wie irritiert sie war, als sie Stimmen aus der Kerngemeinde hörte, die etwas abschätzig von “Laufkundschaft” sprachen. Die Anwesenheit “Fremder” (und jeder Neue ist natürlich erst einmal fremd) wurde als Störung oder Beeinträchtigung einer Gemeinschaft empfunden, die darauf beruhte, dass jeder jeden kannte – die klassische Definition des Social Space.

Myers nennt auch verschiedene Beispiele, in denen Wortwahl und Sprache für eine subtile Ausgrenzung sorgten, weil der Zugang zur Gemeinde, den jemand gerade gewählt hat, dort als minderwertig abqualifiziert wird. In der Regel betrifft das “Besucher”, “Gäste” und damit alle, die den Weg noch nicht in eine Kleingruppe oder verbindliche Form von Mitarbeit und Mitgliedschaft gefunden haben. Ohne die Bedeutung dieser Dinge zu relativieren – wir müssen trotzdem lernen, dass auch die sporadischen und distanzierten Formen echte Zugehörigkeit ausdrücken können, nicht nur passives Konsumententum (das gibt es leider auch, und ich bin noch etwas ratlos, wie man mit dieser Spannung fertig wird).

Es hat mich auch an ein anderes Erlebnis erinnert: Leute kamen neu zur Gemeinde dazu und suchten nach dem “inneren Kreis”. Oft kannten sie das von früher und unterstellten, dass es da einen informellen Klüngel gibt, der privilegierte Informationen austauscht und die wichtigen Entscheidungen regelt. Folglich musste man möglichst viele enge Kontakte zu den Leuten in den vermeintlichen oder tatsächlichen Schlüsselpositionen knüpfen. Für mich persönlich bedeutete das, dass immer wieder jemand mit der unausgesprochenen Erwartung auf mich zukam, dass wir Freunde werden. Aber erstens ist meine Kapazität begrenzt und zweitens hat die Erwartung mich so unter Druck gebracht, dass ich mich instinktiv zurückzog, weil ich spürte, dass die Enttäuschung programmiert war. Freundschaften brauchen einen weiteren Raum, um sich zu entwickeln: den zwanglosen Bekanntenkreis. Leute, deren Namen ich kenne, aber die ich nicht zu meinem Geburtstag einlade.

Beziehungen, Gemeinschaft, Zugehörigkeit
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One Response to “Zutaten gesunder Gemeinschaft (1): Die Mischung macht’s”

  1. Andreas Wendt sagt:
    04. Aug 2010 um 19:17

    Vielen Dank für die Zusammenfassung. Jetzt hast Du mich soweit, dass ich das Buch auch bestellt habe! ;-)
    Ich versuche gerade, mir anzugewöhnen, dass ich bei Gottesdiensten nicht mehr von “Besuchern”, sondern von “Teilnehmern” rede. Auch wenn sie vielleicht “nur” zuhören, ist das doch Teilnahme. (Man kann davon immer noch “Mitwirkende” abgrenzen, wenn man meint, das zu müssen, aber in unseren Statistiken werden Hauptamtliche immer unter den Besuchern mitgezählt, auch wenn sie “müssen”.)
    Gut, da unterstelle ich erstmal allen positiv, dass sie keine passiven Konsumenten sind. Aber solange ich nicht in die Herzen sehen kann, will ich, wenn ich mich schon irre, lieber gut über die Menschen denken.

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