peregrinatio

  • rss
  • Home

Authentisch Predigen

Peter | 10. Aug 2010

Nach dem Post über Authentische Antworten hier noch ein weiterführender Gedanke zum Thema Predigen, der wieder die vier Beziehungsräume (öffentlich – sozial – persönlich – intim) voraussetzt.

Predigen spielt sich im mindestens sozialen, meist auch im öffentlichen Raum ab. Unverfängliche, zum Thema passende Anekdoten sind eine schöne Sache. Aktuelle “Wie gehts mir”-Erklärungen gehören da aber einfach nicht hin, vor allem, wenn es um Probleme geht (mit Erfolgen ist es jedoch nicht viel besser). Die aktuelle Befindlichkeit herauszuhalten bedeutet nicht, zu lügen oder zu heucheln. Denn ich kann ungelöste persönliche Dinge da nicht ausbreiten, ohne dass die Gemeinde anfängt, sich Sorgen um mich zu machen, anstatt über den Gegenstand meiner Predigt nachzudenken.

Ein konkretes Beispiel: Als ich mit Gipsarm ankam, musste ich den Unfall in drei Sätzen erklären – nicht während, sondern vor Beginn der Predigt. Und ich fing nicht an, zu beschreiben, wie mich das beim Schlafen stört, wann ich noch Schmerzen habe, ob ich wütend bin auf den Verursacher und so weiter. Ich kann auch mit genügend innerem und zeitlichem Abstand von bewältigen Problemen berichten, aber es muss klar werden, dass das abgeschlossen und vergangen ist, und auch nur dann, wenn es die eigene Person nicht ungebührlich in Szene setzt.

Authentisch predigen bedeutet also, nicht dem Irrtum zu erliegen, man müsse jede Aussage durch den Verweis auf eigenes Erleben untermauern. Persönliche Geschichten, vor allem sehr persönliche Geschichten, erzeugen immer eine größere Resonanz. Die Versuchung ist also durchaus gegeben, möglichst viel Persönliches zu erzählen, weil das von den Hörern belohnt wird. Doch es lauern hier mehrere Gefahren:

  • Die Abnutzung: Wenn Persönliches zum Standardrepertoire wird und nicht etwas Besonderes bleibt, verliert es seine Wirkung. Woche für Woche kann kaum jemand bewegende persönliche Erlebnisse erzählen, ohne am Ende um des Effekts willen Banalitäten aufzubauschen. Das ist natürlich ein Vorteil für Gast- und Wanderprediger – man kommt mit drei bis fünf guten (oder schlimmstenfalls rührseligen) Storys über die Runden und erzeugt zumindest die Illusion, es gehe hier sehr persönlich zu.
  • Die Verselbstständigung: Es mag eine Nebenwirkung der Klatschpresse sein, aber viele Predigthörer erinnern sich an nebensächliche persönliche Details und haben die – eigentlich beabsichtigte? – Aussage der Predigt längst vergessen.
  • Die Verengung: Wenn ich nur “persönlich” predigen kann, dann wird mein persönliches Erleben zum Nadelöhr. Die Palette der Themen, die ich in der Bibel finde und die mit den Fragen und Erfahrungen in meiner Gemeinde korrespondiert, ist jedoch viel breiter. Es findet aber unter der Hand auch eine Verengung des Evangeliums auf den persönlichen und intimen Bereich statt. Das wird nie explizit gesagt, aber die soziale und öffentliche Dimension des Glaubens rückt in den Hintergrund.
  • Die Verflachung: Persönliche Geschichten können durchaus eine beachtliche Wirkung haben, aber wenn wir darüber vergessen, die Bezüge zum Ganzen der christlichen Botschaft herauszustellen und neben einem schönen Beispiel auch gute Gründe für ein bestimmtes Handeln zu vermitteln, verpufft sie auch ganz schnell wieder.

Sicher sagen mir nach diesem Post viele, dass ich nicht in der Gefahr stehe, auf der persönlichen Seite vom Pferd zu fallen. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Ab und zu passt alles und ich kann tatsächlich persönlicher predigen als sonst. Authentisch ist es aber in jedem Fall.

Spiritualität
Share
Kategorien
Spiritualität
RSS Kommentare
RSS Kommentare

« Authentisch antworten Homosexualität: Leiser streiten »

12 Responses to “Authentisch Predigen”

  1. Onkel Toby sagt:
    10. Aug 2010 um 09:35

    Beruht der Akt des “Predigens” nicht eh auf wenn nicht sogar obsoleten, dann doch mittlerweile zumindest extem fragwürdigen Ansichten über verschiedene Beziehungshöhen (der “Herr Pastor”, dem “unterstellt wird, zu wissen” gegen den “Laien”)? Wäre es nicht interessanter zu Fragen, welche Alternativen sich zum “Frontalunterricht” ergeben, wenn man sich “Kirche” als eine Gemeinschaft in verschiedenen Beziehungsräumen vorstellt?

  2. Depone sagt:
    10. Aug 2010 um 09:37

    Interessant finde ich auch, dass eine Predigt oder ein Vortrag durch das verbreiten desselben als Podcast o.ä., häufig den Beziehungsraum wechselt. Das finde ich auch unter dem Aspekt spannend, da manches was gesagt wird situations- und kontextabhängig ist, und losgelöst davon nicht unmittelbar sinnvoll oder angemessen erscheint.

  3. Peter sagt:
    10. Aug 2010 um 10:06

    @Onkel Toby: das kann man so sehen, muss man aber nicht. Für viele ist es nicht das Gefälle im Wissen, sondern dass da jemand seine Gaben einbringt und andere davon profitieren. Es predigen ja längst mehr nicht nur Pastoren. Zugleich kann man diese Aufgabe ab einer bestimmten Größe (sprich: öffentlicher Raum, darum ging es hier ja) nicht mehr jedem zumuten.
    @Depone: Das kommt dazu, wird natürlich dadurch auch wieder etwas relativiert, dass der Podcast-Hörer weiß, dass er eine Gemeindepredigt hört und kein Webradio, das auf seine Zielgruppe hin konzipiert wäre.

  4. Will sagt:
    10. Aug 2010 um 11:33

    I find most people desire to feel the illusion, as though they belong in a persönlich sense. But they truly appreciate the anonymity of the öffentlich (“public”) and sozial space. It is dangerous to hurry or force people to transition through these spaces if they are not prepared for this depth of relational committment. But it is fascinating that preaching is expected to be at this level of openness and authenticity. Do you think this is because people deeply desire connection with others but would like to reserve the right to retreat from others if relationships get too close for their convenience?

  5. Peter sagt:
    10. Aug 2010 um 11:50

    Hi Will,
    Richard Sennett wrote the best piece on authenticity that I have read in “The Fall of Public Man”, Section IV. To him, much of the public sphere and the competencies to navigate it (most important: fulfilling roles) has been lost and replaced by what he calls the tyranny of intimacy. And it is exactly the misconception that good relationships have to be intimate that lead not only to forms of voyeurism but to fratricide. Scary, but accurate.

  6. Ulrich M. sagt:
    10. Aug 2010 um 15:26

    Würde Depone Recht geben. Das trifft übrigens nicht nur auf Zuhörer zu, die sich beim Hören einer Predigt-mp3 wundern über so losgelöst komisch wirkende Elemente, es gilt auch anders herum. Ich habe auch einmal nach einer Predigt in einem Jugendgottesdienst darauf geachtet, dass der Mitschnitt nur um eine persönliche Beispiel-Geschichte gekürzt online gestellt wurde. Es war OK und sinnvoll sie “vor Ort” zu erzählen, es wäre unpassend und unangemessen gewesen, sie weltweit herunterladbar zu machen. Im Raum Anwesenden gibt man da einen gewissen Vertrauensvorschuss, zudem ist der Inhalt später nur noch “erinnerbar”, nicht auf Ewigkeit “abspielbar”.

  7. Daniel sagt:
    11. Aug 2010 um 07:10

    “Vereinnahmung” wäre noch eine Gefahr einer allzu persönlichen Schräglage in der Predigt: Zuhörer(innen) könnten – vielleicht unbewusst – denken: “Bei mir muss das alles genauso laufen wie bei dem da vorne – und wenn nicht, bin ich halt noch nicht so weit…”

    Nur, um es nochmal klarzukriegen: Von welchem Beziehungsraum genau gehst du im Gottesdienst der ELIA-Gemeinde aus? (Es gibt ja das Missverständnis speziell unter Landeskirchlern, dass in freien Gemeinden alles gleich intim ist…oder zumindest sehr persönlich. ;-) )

    Danke für diesen Beitrag – ein Beispiel für die gelungene Synthese aus Theorie und Praxis!

  8. Daniel sagt:
    11. Aug 2010 um 07:24

    …wobei ELIA ja keine klassische “freie” Gemeinde ist, eher eine freiere… :-)

  9. Peter sagt:
    11. Aug 2010 um 08:35

    @Daniel: das kann man gar nicht so einheitlich beantworten. Für viele fühlt es sich nach sozialem Raum an, aber aufgrund der Anzahl der Leute und weil immer Neue/Fremde/Gäste da sind, kann man es auch als öffentlichen Raum sehen.

  10. Daniel sagt:
    11. Aug 2010 um 11:56

    …so hatte ich auch deine bisherigen Statements zu dem Thema verstanden: Nicht automatisch von zu engen Räumen ausgehen und keine falschen Erwartungen bedienen…oder wecken.

  11. Peter sagt:
    11. Aug 2010 um 12:04

    Ja. was nicht geht, ist so zu reden, als wären das alles vertraute Freunde. Andererseits sieze ich die Gemeinde nicht, es ist ja “meine” Gemeinde und kein Haufen Fremder.

  12. Heike sagt:
    11. Aug 2010 um 17:33

    Interessante (und schon recht alte) Idee zu diesem Thema: Das “homiletische Dreieck” (Bohren, Lange)

Leave a Reply

Hier klicken, um die Antwort abzubrechen.

 

August 2010
S M D M D F S
« Jul   Sep »
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  

vernetzt mit Emergent Deutschland

Letzte Artikel

  • Ein kostspieliges Ja
  • Altes Lied, neue Strophen
  • Natürlich bereichert
  • Warten auf Volf (1)
  • Wie natürlich ist »natürlich«?

Letzte Kommentare

  • markus bei Altes Lied, neue Strophen
  • Sempervivum bei Altes Lied, neue Strophen
  • Peter bei Natürlich bereichert
  • Viktor Steiner bei Natürlich bereichert
  • Phil Mertens bei Warten auf Volf (1)

Kategorien

  • (post)moderne Zeiten
  • Artefakte
  • Auf-Gelesen
  • Aus dem Netz gefischt
  • emerging church
  • Erlebt
  • Infos zum Blog
  • keltisches Christentum
  • Kirche und Zukunft
  • Klima und Umwelt
  • Konsumgesellschaft
  • Männer, Frauen und Kinder
  • Mit Gott im Job
  • nsfj
  • Peters Gedanken
  • Philosophisches
  • Spiritualität
  • Theologie
  • Totaaal ernst gemeint…
  • Uncategorized

Dieses und jenes…

  • Bahn bittet mal wieder um Verständnis... 3 days ago
  • … Null: 126.867 Wörter, 869.914 Zeichen, 1.049 Absätze, 323 Seiten 1 week ago
  • Zurück von innocreek und vielen guten, wenn auch zu kurzen Begegnungen 1 week ago
  • More updates...

Posting tweet...

Blogroll

  • Alan Roxburgh
  • Alex Kupsch
  • Andrew Perriman
  • Ben Myers
  • BioLogos Foundation
  • Björn Wagner
  • Brian McLaren
  • Dan Kimball
  • Daniel Hufeisen
  • Daniel Renz/Schlunkfunk
  • Depone
  • Diakonisch.de
  • Dosi – Der Sämann
  • ELIA – quer gedacht
  • Generous Orthodoxy
  • Gofi Müller
  • Hasos Tafel
  • Jason Clark
  • LeRon Shults
  • Marlin Watling
  • Mike Bischoff
  • Nadja Bolz-Weber
  • Natur des Glaubens
  • Olaf Radicke
  • Pastorbuddy
  • Pete Rollins, Belfast
  • Rolf Krüger
  • Scot McKnight
  • Simon de Vries
  • Steve Taylor
  • the church and postmodern culture
  • Thomas Glörfeld
  • Tobias Künkler
  • Toby Faix
  • Wittenburg Door

emerging church

  • emergentvillage
  • Postmoderne Theologie
  • The Gospel and Our Culture Network
  • The Ooze

Ideen & Inspiration

  • Artikel von N.T. Wright
  • Coaching verleiht Flügel
  • Patrick Dixon: Global Change
  • Rich Mullins
  • Sacred Space
  • täglich Beten mit der Northumbria Community
  • Tony Campolo

was ich noch mache

  • ELIA Podcast
  • Lausanner Bewegung
  • Licht der Sonne, Glanz des Himmels
  • Mein aktuelles Buch: "Kaum zu fassen"
  • Meine Gemeinde

Archiv

StatPress

Visits today: 280

kostenloser Counter

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-Share Alike 2.0 Germany License

Das “Original” für den Tag:

Meta

  • Anmelden
  • Artikel-Feed (RSS)
  • Kommentare als RSS
  • WordPress.org
rss RSS Kommentare valid xhtml 1.1 design by jide powered by Wordpress get firefox