Liebe, Zorn und Heiligkeit
Peter | 03. Mrz 2011Ich habe die (inhaltlich gar nicht neue) Aufregung um Rob Bells neues Buch kürzlich erwähnt, das Thema beschäftigt mich ja immer wieder. Ein paar Vorab-Verrisse habe ich überflogen, die Präzensenten scheinen mir aus der theologischen Schule von John Piper und Al Mohler zu stammen.
Hier prallen theologische Welten aufeinander, vor allem aber Gottesbilder. Und da ist es so wie in der Christologie: Wenn man mal auf dem falschen Fuß beginnt, hinkt alles, was danach kommt. Christologisch lag der Fehler lange Zeit darin, von einer abstrakten “göttliche Natur” auszugehen, deren Attribute (Allmacht, Allwissen, Allgegenwart) dann die Menschlichkeit Jesu derart sprengten, dass es zu absurden Folgeschlüssen kommen musste. Etwa so, dass der irdische Jesus göttliche idiomata wie Allgegenwart “verhüllt” ausübt.
Hier liegt m.E. ein ähnliches Problem auf Seiten der Kritiker vor: Gottes primäre Eigenschaft ist für sie die Heiligkeit. Heiligkeit zerfällt dann für sie in die zwei (konträren) Charakteristika von Zorn und Liebe. Man ist hier an die Dialektik von Gesetz und Evangelium erinnert, nur dass es eben Gottesattribute sind und keine Wirkweisen der Schrift. Und dieser Dualismus zieht sich nun ausgehend vom Gottesbild durch die ganze Heilslehre, daher eine streng symmetrisch gedachte doppelte Prädestination, in der die Verwerfung und ewige Qual eines Teils – möglicherweise des Großteils – der Menschheit als ein Akt erscheint, durch den Gott seine Heiligkeit erweist und seine Ehre mehrt. Daher auch das Insistieren auf der Vorstellung ewiger Höllenqualen – sie sind in dieser Logik eben auch nötig um der Ehre Gottes Willen.
Was auf den ersten Blick vielleicht noch wie eine Verschiebung von Nuancen wirkt, hat gravierende Folgen – vor allem seelsorgerliche, durchaus aber auch politische. Es beeinflusst nicht nur die Verkündigung (das berüchtigte “turn or burn”), sondern auch Kirchenstrukturen und den Umgang mit Macht. Denn natürlich liest man mit dieser Brille dann auch die Bibel und aus derselben die Bestätigung des eigenen Standpunktes heraus, der doch in Wirklichkeit schon die Prämisse des Denkens war.
Im Grunde muss sich diese Theologie also die Frage stellen lassen, die Papst Benedikt XVI in seiner Regensburger Rede an den Islam stellt: Ist Gott primär als absolut transzendenter, undurchschaubarer Wille zu verstehen, oder hat er sich auf den vernünftigen (darum geht es Benedikt in dem Zusammenhang) – wir könnten aber auch hinzufügen: liebenden und barmherzigen – Umgang mit seinen Geschöpfen festgelegt? Der Heiligkeitsbegriff als primärer theologischer Anker öffnet das Gottesbild für eine eine gewisse Persönlichkeitsspaltung. Mein Verdacht ist – man müsste der These mal genauer nachgehen, ein nettes Promotionsthema mit vielen Fußnoten – ob nicht gerade eine gewisse Schwierigkeit, mit den Ambivalenzen des Lebens und der Schrift fertig zu werden, dazu führt, dass man diese überspringt und letztlich in die Gottesvorstellungen selbst zurückverlagert. Problematische Gewalt entschwindet so im Schatten unhinterfragbarer und unantastbarer Heiligkeit.
Ordnet man dagegen Heiligkeit und Zorn der Liebe unter, sieht alles anders aus. Ein gewaltfreies Gottesbild wird möglich, das jedoch keineswegs harmlos ist. Gottes Zorn wird nicht als ein ausschließender Zorn in seine Heiligkeit, sondern als leidenschaftliche Solidarität mit den Opfern von Gewalt und Unrecht in seine Liebe integriert. Sein Ehrgeiz liegt darin, nicht nur die 99 Schafe zu behalten, sondern auch das eine verlorene noch zu finden. Dafür riskiert er alles. Wo meine Sympathien liegen, brauche ich nicht zu erklären.











@berlinjc: Kleiner Nachtrag (fast hätte ich “Fußnote” geschrieben) – Mit der Formulierung, dass Gott Gewalt gegen seinen eigenen Sohn anwendet, schaffst Du ein theologisches Riesenproblem. Wenn nämlich Gewalt ein innertrinitarisches Verhalten Gottes ist – und als solches beschreibst Du es de facto – dann ist sie genau das, was wir als “Wesenseigenschaft” bezeichnen, denn zwischen Gottes Wesen und seinem Verhalten kann es keine Differenz geben. Das wäre dann der monströse Gott, den viele fürchten und an den Du, wie ich vermute, im Grunde auch nicht glaubst. Für mich ist der Gedanke völlig inakzeptabel.
… und noch ein Nachtrag:
Der Fehler liegt meiner Meinung nach darin, dass für Dich der Glaube an die Schrift den Glauben an Jesus begründet. Historisch war es aber im Christentum umgekehrt. Und hier unterscheidet sich die moderne Doktrin von der Verbalinspiration qualitativ von dem vorkritischen Bibelverständnis etwa bei Luther, der kein Problem hatte, im Grenzfall auch einmal “Christum gegen die Schrift zu treiben”. Ich halte das für eine folgenschwere Verwechslung von Urkunde und Inhalt. Es ist ja auch eine sehr formale Begründung der Schriftautorität, die einen immensen Bedarf an Präzisierungen nach sich zieht. Aber um die Integrität der Schrift zu retten riskierst Du – vorsichtig gesagt – für meinen Geschmack die Integrität Gottes (s.o.).
Es ist in der Tat schwierig, die Geschichtsbücher des AT als “verbindlich” zu beschreiben. Ich sehe diese Beschreibung allerdings als einen zweiten Schritt an – die Kanonizität dieser Schriften an sich gibt ja schon ihre Verbindlichkeit vor. So wenig damit die Beschreibung ihrer Verbindlichkeit obsolet geworden ist (im Gegenteil!), so entlastend finde ich das aber auch. Wir werden davon entlastet, selbst definieren zu müssen, was “Wort Gottes” ist und was nicht – uns also unseren Kanon selbst zusammenstückeln zu müssen und damit immer in die Versuchung zu geraten, uns ein eigenes Evangelium, aber auch ein eigenes Gesetz zu basteln.
Mir ist dieser Punkt wichtig – nicht, um unbequemen Denkaufgaben aus dem Wege zu gehen, sondern um das zur Geltung zu bringen, was Simon oben auf seine Weise zum Ausdruck gebracht hat: wenn wir nicht Angesprochene sind, ist unser Reden und Denken umsonst.
So eine Rückbesinnung auf das eigene Angesprochensein stellt unser Reden und Denken dann aber auch ins Licht der Verheißung Gottes, dass sein Wort nicht leer zurückkommen wird. Wo wir keine Augen mehr für dieses Licht haben, führen Reden und Denken zwangsläufig in selbstgemachte Sackgassen und Verzweiflung. Ich spüre solche Verzweiflung immer wieder in Gesprächen mit Kommilitonen, Christen und Nichtchristen, die sich intensiv mit der Bibel beschäftigen und sie einfach nicht “auf einen Nenner bringen” können. Ich kenne diese Verzweiflung schmerzlich genug aus eigenem Erleben – der einzige “Nenner”, auf den ich die Bibel bringen kann und der die Verzweiflung überwindet, ist die Erfahrung dieser Anrede Gottes.
Gut, dass Du das mit der Verbalinspiration nochmal ansprichst, Peter – ich habe ja oben schon auf den Knackpunkt des Ganzen hinzuweisen versucht. Ich glaube, an genau diesem Punkt kommt es auch zu den größten Streitigkeiten und Uneinigkeiten, die unlösbar bleiben müssen, solange der Knoten der Schriftfrage nicht geplatzt ist oder zumindest als solcher erkannt wird:
Wir können uns hier und heute nur noch theoretisch, kaum aber erfahrungsmäßig den Glauben an Jesus ohne das “Medium” der Heiligen Schrift oder auch nur des NT vorstellen. Genau das führt oft zur Vertauschung von Erkenntnisgrund und Sachgrund. Wer sich des Unterschieds dieser beiden nicht bewusst ist, gerät in diejenige Gefahr, die Du in Deinem Ausgangspost beschrieben hast: Ambivalenzen ins Gottesbild vorzuverlagern, und eben nicht nur ins Gottesbild, sondern auch in die Gotteslehre, die damit (manchmal auch nolens volens) immun gegen kritische Anfragen gemacht wird. In der Gefahr stehen aber nicht nur Anhänger der Verbalinspiration – grundsätzlich ist das eine Gefahr für jeden; ich habe nur den Eindruck, dass sie bei ersteren besonders akut ist.
Vielleicht lässt sich das verdeutlichen anhand eines Experiments: ich würde Verbalinspirationisten hin und wieder gerne empfehlen, sich einmal für ein paar Wochen oder Monate ohne Bibel in die Pampa zu begeben und danach zu reflektieren, wie verkommen ihr Glaube in dieser Zeit geworden ist. Ich würde behaupten, auch nach dieser Zeit ist Jesus für sie noch derselbe, vielleicht sogar viel lebendiger – obwohl so manches Bibelwort, so manche biblische Erzählung etc. durcheinandergeworfen, unscharf etc. wurde. Das ändert nichts daran, dass wir in der Bibel einen Schatz haben, der nicht hoch genug angesehen werden kann – und dass wir uns nach so einer lektürelosen Zeit womöglich umso begieriger darauf stürzen würden. Aber es würde m.E. vermutlich so einige Vorstellungen, die mit der Verbalinspirationslehre verbunden sind, ins rechte Licht rücken …
@Simon: Danke für Deine wichtige Anmerkung. Ja, ich neige leider dazu, immer wieder zu theoretisieren. Ich weiß auch nicht so recht, wie ich es abschalten soll. Gerade wenn ich Bibel lese, finde ich das extrem schwierig.
Ich bin mir dessen aber bewusst und versuche hier eine bessere Balance zu finden. Ich glaube auch, dass die Antwort wohl nicht in einer schlauen Theorie liegen wird.
@Peter:
- “Gewalt Gottes gegen Jesus Christus”…
Vielleicht ist “Gewalt” nicht der richtige Begriff.
Aber ich entdecke im Kreuzesgeschehen u.a. den Sühnegedanken. Anders kann ich diverse Bibelstellen dazu nicht verstehen. Wenn also auf Sünde der Tod folgt und Jesus für unsere Sünden gelitten hat, dann hat Gott ein Gesetz aufgestellt, das den Tod beinhaltet. Und den Tod finde ich schon gewalttätig. Zum einen hat Jesu Vater dessen Tod zugelassen. Zum anderen scheint es doch, dass Er diesen Stellvertreter-Tod auch gewollt hat.
Wenn dem anders sein sollte, müsstest Du mir Deine Sicht zu den Sühne-Versen usw. erklären.
- “Verbalinspiration”…
Klar, das AT & NT existierten zuerst im Erlebnis, dann im Mündlichen und dann erst schriftlich… nach einigen Filterprozessen.
Dennoch gibt es einen großen Unterschied zwischen mir und den Verfassern, vor allem, was das NT betrifft:
Ich bin kein Live-Zeuge der Ereignisse und bin auch kein Bekannter eines Live-Zeugen.
Je nach theologischer Tradition besteht aber ein Großteil des (m.E. das gesamte) NT aus diesen Personengruppen.
D.h. für mich: Ich bin Jesus nicht per Handschütteln begegnet und auch seinem Bruder oder seiner Mutter nicht. Ich kenne Ihn zuerst von der Bibel her und interpretiere meine Erlebnisse viel von der Bibel her.
Würde ich meine Erfahrungen zum Maßstab setzen, dann käme ich womöglich gar nicht zu Jesus, sondern zu Allah oder anderen oder gar keinem. Damit bin ich nicht dagegen, den eigenen Erfahrungen einen gewissen Wert beizumessen, zumal ich meine Subjektivität nicht ausschließen kann.
Aber tatsächlich ist die Primär-Quelle meines Glaubens die Bibel.
Wie soll ich denn jetzt zwischen zuverlässiger/richtiger/vertrauenswürdiger Info aus der Bibel unterscheiden und dem Gegenteil?
Woran mache ich das fest?
Mal plakativ und bissel überzogen dargestellt:
a) Entweder ich beharre auf der Ebene “Bibel = Wort Gottes” und komme bei manchen Bibelstellen zu einem “Das ist eben ein Mysterium”-Achselzucken.
b) Oder ich schneide die Verse raus, die nicht in mein Gottesbild passen, weil ich meine, dass ich alles von Gott verstehen muss. Und wenn ich was nicht verstehe, dann kann es nicht zu Gottes Wesen passen.
a) ist natürlich eine z.T. krampfige Schiene, die oft versucht, alle Spannungen in der Bibel glattzubügeln. Ich vermute, dass es keine “reine” Theologie gibt, die die Lebendigkeit der Bibel formatieren kann. Oft wird hier die eigene Bibel-Lese-Brille übersehen und man zementiert die Dogmen – letztlich genauso wählerisch wie mancher unter b).
b) kann dann dahin führen, dass ich auch die vielen unschönen Gerichtsworte Jesu, seinen Peitscheneinsatz im Tempel und seinen auf den ersten Blick fiesen Umgang mit manch Bittenden umdeuten muss, weil sie ja nicht zum lieben Gott passen. Die Gewalt-Stellen des AT lassen sich hier und da auch im NT finden.
Soweit meine Gedanken, unfertig und in der Hoffnung, dass es noch einen dritten (oder vierten…) Weg gibt, mit den “Problem-Stellen” der Bibel umzugehen.
@berlinjc: Was Du unter dem Stichwort Verbalinspiration schreibst, hat mit Verbalinspiration an sich wenig zu tun, sondern mit der Frage nach der Inspiration der Heiligen Schrift überhaupt. Was genau bedeutet denn nun für Dich “Inspiration”?
Die Alternative, die Du weiter unten dann mit a) und b) eröffnest, zeigt m.E. gerade, wir sehr wir einem linearen Denken verhaftet sind, das unter Umständen mehr von den Prämissen neuzeitlicher Logik geprägt ist, als wir uns eingestehen wollen. Ich sehe a) und b) nun wirklich nicht als einziges Alternativpaar oder als nicht erweiterbar durch weitere Alternativen, sowenig sie schon für sich genommen stimmig sind: Die Gleichung “Bibel = Wort Gottes” kann äußerst banal sein, weil damit noch gar nicht geklärt ist, was “Wort Gottes” eigentlich bedeutet (siehe meine Ausführungen dazu oben). Und auch mit der steilsten Offenbarungstheologie wird man hinsichtlich b) nicht drum herumkommen, die Selektivität des eigenen Wahrnehmens einzugestehen. Das gilt für Vertreter der Verbalinspiration genauso wie für deren Gegner. Und es kann auch bei ersteren vorkommen, dass sie schon systembedingt einen blinden Fleck in ihre Theologie integrieren.
@Tobias:
Für mich bedeutet “Inspiration” ungefähr das:
Gott hat die Schreiber der Bibel dazu motiviert und angeleitet, das Erlebte und Gehörte aufzuschreiben (die entsprechenden, wenn auch wenigen Bibelstellen hierzu lasse ich mal weg). Es war kein Diktat, sondern Gottes Wort durch Menschen.
Dabei kommt die Persönlichkeit des Einzelnen voll zum Tragen.
Und Gott scheint hindurch.
Ganz evangelikal beziehe ich das auf die “Urschriften” und sehe damit die Möglichkeit, dass manche Verse aus heutigen Übersetzung falsch oder missverständlich sein können.
All das entbehrt nicht der gründlichen Auslegung, wobei ich mich bemühe, die grammatikalisch-historische Auslegungsmethode zu verwenden. Damit komme ich hier und da zum Ergebnis, dass es in der Bibel reines Menschenwort gibt oder gar satanisches Wort. Die “Göttlichkeit dieser Wörter” besteht lediglich darin, dass sie insoweit wahr sind, als dass sie geschehen sind.
Zum linearen Denken:
Sicherlich bin ich dem verhaftet. Muss auch nicht per se falsch sein.
Muss auch nicht richtig sein.
Allerdings wehre ich mich gegen ein völliges Aufweichen in Richtung Subjektivität. Das Motto dort wäre: “Weil wir alle nur beschränkte Wesen, können wir eigentlich kein gesichertes Wissen bzw. eine garantierte Gewissheit haben.”
Ich arbeite lieber mit Arbeitshypothesen. “Bislang ist XY meine Erkenntnis.”
Daher auch meine “eher, könnte, möglicherweise, tendentiell”.
M.E. gibt es eine Wechselwirkung zwischen Wirklichkeit und Denken. Mit unserem Denken (und Tun) prägen wir die Wirklichkeit und deuten die Wirklichkeit. Andererseits weist die Wirklichkeit unserem Denken und Handeln Möglichkeiten und Schranken auf. So können wir uns an der Wirklichkeit “reiben”. Daraus entstehen dann logische Schlüsse und manch lineares Denken… oder auch mal ein ganzheitliches oder gar zirkuläres Denken.
Wenn es mehr als zwei Möglichkeiten gibt, spricht man m.E. nicht mehr von Alternativen. Welche dritte oder vierte Möglichkeit siehst Du denn?
Jetzt sehe ich mich doch noch mal genötigt zum Thema “inwiefern sind die Geschichtsbücher Wort Gottes” mich zu äußern und auf den hervorragenden (aber nicht unbedingt eingängigen) Artikel des Philosophen (und Theologen?) Paul Ricoeur hinzuweisen:
http://www.religion-online.org/showchapter.asp?title=1941&C=1772
Dort macht Ricoauer etwas, das diese Diskussion nicht völlig auflöst, aber was eine Sache noch mal präzise benennt: man kann nicht von der einen Art von Offenbahrung in der Bibel sprechen, es gibt vielmehr verschiedene Genres in denen man jeweils sehr unterschiedlich überhaupt von Offenbahrung sprechen kann, Das wäre das prophetische Genre, das narrative Genre, das präskriptive Genre (zehn Gebote etc), das hymnische Genre und das Weisheitsgenre. Probleme entstehen, wenn man “Offenbahrung” immer durch die Brille des prophetischen Genres versteht nämlich, dass die Stimme Gottes hinter der Stimme des AUtors zu suchen ist. Im narrativen Genre geht es genau um das nicht; der Autor verschwindet sogar. Im narrativen Genre bedeutet Offenbahrung, dass Gottes Spur in einem (oder mehreren) Ereignissen entdeckt wird. Das ist jetzt natürlich nur ein sehr formaler Einwand, der noch nichts inhaltliches (also zur Gewaltfrage) klärt. Aber dennoch: wenn es nicht darum geht, dass man zB das Buch Josua als solches “retten” muss weil ja Gott es irgendwie diktiert hat, sondern dass es darum geht, dass im Ereignis “das Volk Israel bekommt ein Land” das Wirken Gottes durchscheint, kann man vielleicht das Gewaltproblem anders diskutieren.
@berlinjc: Ich denke, wir brauchen jetzt nicht mehr groß über unsere unterschiedlichen Sichtweisen reden. Wir gehen momentan beide unseren Weg. Du bist mir auf jeden Fall sehr sympathisch. Du vertrittst Deine Meinung sehr höflich und bescheiden und versuchst nicht, sie anderen aufzudrängen. Davor habe ich großen Respekt! Danke dafür!
Ich habe mittlerweile in der Bibel weitergelesen und es wird nicht wirklich besser. Jetzt war gerade die Simson-Geschichte dran. Klar, die hat offensichtlich Legenden-Charakter. Aber auch durch eine solche Legende sollte ja dann “Gott hindurchscheinen”. Was machst Du damit, wenn Simson “Vom Geist Gottes erfüllt” wird und dann mal eben 30 Philister tötet, weil er sein Geheimnis ausgeplaudert hat. Mir ist nicht klar, wie solche Geschichten – selbst in Gleichnisform – zu Gott passen. Muss man erst studieren, um hierin einen Sinn sehen zu können?
@Arnachie: Ja, soweit bin ich auf jeden Fall auch schon. Aber auch in einer Geschichte spürt man ja den “Geist” dahinter, also was die Schreiber ausdrücken wollten. Natürlich kann es sein, dass wir das heute auf Grund der Kultur anders verstehen. Aber dann ist die Frage inwieweit man die Geschichten (ohne Studium?) überhaupt noch verstehen kann.
Mir geht es auch bei Josua nicht so sehr darum, dass ich glaube, das sei so geschehen und ich müsste das jetzt in mein Weltbild einordnen. Eher, dass ich mich frage, was wollen mir die Schreiber damit sagen und sagt mir das irgendwas über Gott. Ich hätte auch bei einem Roman, der nicht den Anspruch hat, mir was über Gott zu sagen, dieselben Probleme wenn ich den Eindruck hätte, er verherrlicht Gewalt.
@berlinjc: Wenn Du es ganz ursprünglich lateinisch haben willst, dann ist eine Alternative immer die Wahlmöglichkeit zwischen lediglich zwei (meist einander ausschließenden) Optionen, da hast Du recht! Ich habe mich in dem Fall dem Einfluss der französischen Sprache hingegeben, in der die Alternative nur noch eine von zwei oder mehr möglichen Optionen bezeichnet.
Also, zunächst nochmals zur Ausführung Deines Schriftverständnisses – mit Verbalinspiration hat das, wie schon zuvor vermutet, in der Tat wenig zu tun, zumal es ja an zahlreichen Einzelpunkten Definitionsfragen gibt (z.B. “Gott scheint hindurch”). Eine dritte Möglichkeit hat Arnachie bereits vorweggenommen: die Hermeneutik Paul Ricœurs z.B. lässt diese a)-b)-Variante bereits hinter sich. Ähnliches könnte man von anderen neuzeitlichen Hermeneutiken sagen – ich bringe mal z.B. noch Gadamer ins Spiel.
Ich wehre mich, wie Du, gegen ein “völliges Aufweichen in Richtung Subjektivität” – ich denke allerdings auch, dass dort, wo dieser Vorwurf erhoben wird, oftmals noch gar nicht recht verstanden ist, worum es einer bestimmten Auslegungsmethode oder Hermeneutik wirklich geht und wie sie “funktioniert” (das ist jetzt sehr uneigentlich gesprochen). Man sollte Subjektivität nicht mit Willkür verwechseln, auch nicht mit Empirie o.ä. – es geht zunächst einmal ganz elementar darum, dass wir es, der Grammatik, Schrift, Vokabular etc. mit Menschenwort zu tun haben. Mehr menschliches “Subjekt” geht kaum.
Anstatt angesichts dessen irgendwie ein leichtes Unwohlsein zu verspüren, kann man das durchaus zum Ausgangspunkt einer biblischen Hermeneutik machen, ohne Gott als Autor abzuschreiben – im Gegenteil: ich glaube, das ist z.B. schon bei Luther in nuce umgesetzt, Johann Georg Hamann hat es dann mit seinem Wahlspruch “Gott ein Schriftsteller!” zum hermeneutischen Programm gemacht.
@Simon:
Ich glaube, ich stehe gerade an einem ähnlichen Punkt, wie du damals standst. Das theologische Nachdenken über Gott bringt mich nicht weiter. Es verärgert mich sogar meistens noch um so mehr, wenn ich sehe, was für “komische” Gottesbilder die Leute in den Gemeinden haben.
Um “Sicherheit” zu bekommen, dass es diesen Gott wirklich gibt (und ich es mir nicht nur wünsche) bitte ich seit November immer wieder diesen Gott, dass er mir diese Sicherheit gibt.
Leider tut sich nix.
Deswegen jetzt die Frage:
Wie hat sich Jesus dir verständlich gemacht, als du dein christlich sozialisiertes Gottesbild abgelegt hast? Wie konntest du Gottes Liebe wahrnehmen, wo du doch nicht mal wusstest, ob da überhaupt jemand ist? Ich kann es mir schon so überhaupt nicht vorstellen, wie ich Gottes Liebe denn erfahren soll, wenn ich ihn weder sehen, noch hören noch sonst irgendwas von ihm wahrnehmen kann.
Nach 25 Jahren Leben als “Christ” machen mich diese ganzen Zweifel gerade ziemlich fertig. Was will mir Gott damit zeigen?
@Martin:
Sehr gerne erzähle ich dir, wie und was bei mir persönlich passiert ist. Aber ich bitte um Verständnis, dass ich das nicht unbedingt in diesem Forum machen möchte, sondern privat. Dafür ist mir das irgendwie zu “kostbar”… Wenn dir das recht ist, kann Peter dir gerne meine Mailadresse geben. Bis dann.
verständlich