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Selbstachtung und Selbstverleugnung

Peter | 19. Mai 2011

Bei dem eigentlich immer lesenswerten Wolf Lotter auf Brand Eins habe ich heute zum Thema Respekt folgende sehr nachdenklich stimmende Zeilen gelesen. Er beschreibt einen gesellschaftlichen circulus vitiosus:

Die meisten Führungskräfte, Manager und Politiker strengen sich an, disziplinieren sich, vernachlässigen Familie und Beziehungen, geben alles, wie es so schön heißt. Um was genau zu kriegen? Macht ohne Bedeutung, Einfluss, aber keinen Respekt und wenig Anerkennung.

Im Gegenteil: Es gehört kulturell zum guten Ton, die “oben” zu bashen, für alles verantwortlich zu machen, was man im eigenen Leben verbockt hat. Der Sachzwang killt den Anstand, den Respekt und die Würde. Und deshalb wimmelt es in den Chefetagen auch von Leuten, die hartnäckig verdrängen müssen, dass sie ihr eigentliches Karriereziel, ein Leben in Würde, Anerkennung und also Respekt, verfehlt haben.

Das führt zur Selbstverleugnung – und zerstört die Grundlage aller Rücksichtnahme auf andere, den Respekt zu sich selbst. Wer sich selbst nicht achtet, schafft das bei anderen erst recht nicht.

Das wirft auch im Blick auf Kirchen und Gemeinden Fragen auf:

Erstens: Schaffen wir es, eine Gegenkultur zu entwickeln? Und das, ohne dabei süßlich-nett und unkritisch zu werden, ohne in die alte Autoritätshörigkeit zurückzufallen, die die neue Respektlosigkeit ja nicht ganz zu Unrecht, aber zu einem sehr hohen Preis aufgegeben hat?

Zweitens: Wie buchstabieren wir “Selbstverleugung”, so dass man dem Begriff überhaupt noch etwas Positives abgewinnen kann? Also gerade nicht als Preisgabe der Selbstachtung, nicht als negatives Selbstbild oder gestörte Selbstwahrnehmung (bzw. Kontaktverlust zu den eigenen Gefühlen und Empfindungen)?

Vielleicht kann man ja sagen: Man kann nur verleugnen, was man wirklich kennt. Wenn – berechtigt oder nicht – Zorn in mir hochsteigt, kann ich also sagen: Ich weiß genau, was ich jetzt fühle und was ich im Moment am liebsten tun würde. Ich weiß aber auch genau, warum ich auf Rache und gehässige Worte verzichte: Weil ich es Gott (und mir selbst) wert bin, nicht zum Spiegelbild von Gewalt oder Respektlosigkeit zu werden. Weil ich lieber Böses mit Gutem überwinde, und wenn es sein muss, dafür auch einen hohen Preis zu bezahlen. Denn die Folgeschäden und -kosten der Alternative sind enorm.

Die Frage nach der unverlierbaren Menschenwürde ist dabei kein geringes Problem. Karl Barth hat sie so beantwortet:

Der Mensch selber ist […] wertbeständig, ist und bleibt und wird immer neu interessant. Darum nämlich, weil Gott Wert auf ihn legt, weil Gott sich in aller Macht gerade für ihn interessiert. Nicht auf Grund einer ihm, seiner allgemeinen Art und seiner besonderen Existenz immanenten Würde und Wichtigkeit also – nicht auf Grund von etwas, was Gott gerade an ihm finden müsste. (KD IV,3 S. 915)

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Barth Missional (12): “Heiliger Egoismus”

Peter | 19. Mai 2011

Barth bescheinigt der klassisch-reformatorischen Lehre von der Kirche ein gravierendes Versäumnis. Bei allen richtigen Reflexionen über das Wesen der Kirche gerät die Frage “Wozu das alles?” nie richtig in den Blick. Die Folgen liegen auf der Hand:

Die klassische Lehre von der Kirche leidet unter demselben «heiligen Egoismus», den wir schon in unserer Auseinandersetzung mit der klassischen Lehre von des Menschen Berufung zu beklagen fanden. Daß die Kirche nicht um ihrer selbst willen, sondern für die Welt da ist, wird in ihr überhaupt nicht sichtbar, geschweige denn, daß sie von Grund und Haus aus, wesenhaft eben für die Welt da ist. Kam es daher, daß das protestantische 16. und 17. Jahrhundert durch jene ausgesprochene Unfreudigkeit, ja Unwilligkeit zur Mission ausgezeichnet war, auf die hier am Anfang dieses dritten Teils der Versöhnungslehre hingewiesen wurde? Oder war umgekehrt diese Unfreudigkeit und Unwilligkeit der Grund des auffallenden Versagens des Selbstverständnisses der Kirche jener Zeit? (S. 878)

Auf den ersten Blick scheint es, als hätte die katholische Kirche das besser gelöst. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber eine ähniche Tendenz, nämlich der Parole “die Welt für die Kirche” zu folgen statt umgekehrt zu sagen: “Die Kirche für die Welt”.

Karl Barth, Ekklesiologie
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