Wahre und falsche Emergenz

Seit ein paar Tagen habe ich Richard Rohrs Falling Upward. A Spirituality for the two Halves of Life hier liegen. Er stellt darin die beiden Lebenshälften mit ihren ganz unterschiedlichen Aufgaben einander gegenüber. In der ersten Lebenshälfte geht es – sehr verkürzt gesagt – darum, sich einen Platz und er Welt zu erarbeiten und zu erkämpfen, das sich zu beweisen und etwas zu schaffen oder zu erreichen. Das hat dann auch mit Auseinandersetzung, Emanzipation und Abgrenzung zu tun.

Die Schlüsselaufgabe für die zweite Lebenshälfte sieht Rohr in Anschluss an C.G. Jung darin, das Erreichte loszulassen, über es hinauszugehen. Eine wiederkehrende Formel lautet „transcend and include“. Betrachtet man die emergente Bewegung (vor allem in den USA), dann fällt auf, dass das nicht immer gelungen ist, sondern dass man sich hier und da in neuen Antithesen und negativen Definitionen festgefahren hat. Freilich ist es in Umbruchssituationen immer auch ganz normal, dass man zuerst sagen kann, was nicht mehr ist oder funktioniert und erst viel später weiß, was an Stelle des Alten nun entsteht. David Fitch hat das in diesem Blogpost unter anderem als Problem benannt. Vielleicht hat das aber damit zu tun, dass etliche der Protagonisten tatsächlich noch nicht zu den Fragen der zweiten Lebenshälfte vorgedrungen sind?

Auf der anderen Seite wird auch deutlich, dass ein gewisser Gegensatz zwischen „emergenten“ und „neokonservativen“ Christen vermutlich dauerhaft bestehen bleibt. Nicht in dem Sinne, dass eine Seite das Spiegelbild der anderen ist und bleibt, wohl aber darin, dass diese beiden Wege nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Für Rohr, der nicht nur evangelikale, sondern auch katholische Neocons im Blick hat, ist diese Bewegung ein regressives Phänomen und ein Hinweis darauf, dass diejenigen, die sich dafür so begeistern, die Aufgaben der ersten Lebenshälfte noch nicht richtig bewältigt haben. Hier einige seiner Beobachtungen:

This pattern is usually an inconsistent mix of old-fashioned styles and symbols with very contemporary ideologies of consumerism, technology, militarism and individualism. … In fact, neoconservatives are usually intense devotees of modern progress and upward mobility in the system (S. 40)

The result is a generation of seminarians and young clergy who’re cognitively rigid and „risk adverse“; who want to circle the wagons around their imagined secure and superior group (…). Ecumenism, interfaith dialogue and social justice are dead issues for them.

… Self-knowledge its dismissed as psychology, love as „feminine softness“, critical thinking as disloyalty, while law, ritual and priestcraft have become a compulsive substitute for actual divine encounter or honest relationship. This does not bode well for the future of any church or society (S. 42/43).

In manchem steht übrigens der Attentäter von Oslo, Anders Breivik, diesen Strömungen nahe, wie die Analyse seines Manifests ergeben hat. Er scheint eine deutliche Nähe zu einem exklusivistischen und antimodernistischen Katholizismus zu pflegen, wie die katholische Theologin Saskia Wendel auf Zeit.de erklärt – und auch den Unterschied zwischen Fundamentalismus und Konservativismus noch einmal verdeutlicht.

Emergenz wäre also ein Etikettenschwindel, wenn damit eine neue Tradition in Abgrenzung von allen alten, der Austausch moderner gegen postmoderne Dogmen und Gewissheiten, oder eine neue fest umrissene und definierte Methode oder Stilform gemeint wäre, und nicht etwa der notwendige Versuch, sich dem Risiko des Neuen und Fremden existenziell auszusetzen, den Preis für die eigene Veränderung zu bezahlen und die eigenen inneren Grenzen zu erweitern. Wie aber kann man das wirksam vermitteln?

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10 Antworten auf „Wahre und falsche Emergenz“

  1. Dass du in der dritten Zeile von „der ersten Lebenssäfte“ schreibst, war vermutlich keine Absicht…?! 😉

  2. Würde gerne in der zweiten Lebenshälfte auch loslassen. Leider zeigt sich aber in meinem Konkrete Lebensvollzug, dass in der zweiten Lebenshälfte auch die Plätze immer wieder weiter erkämpft werden müssen. Für mich hört sich das bei Richard Rohr in der Theorie immer einleuchtend und wünschenswert an. In der Praxis lässt sich dieses Loslassen aber aus meiner Sicht im existenziellen Bereich nur für einen kleinen Personenkreis umsetzen. Habe Richard Rohr diesbezüglich auch schon persönlich gefragt wie das gehen soll. Eine plausible und praktisch durchführbare Idee konnte ich aus seinen Antworten nicht erzeugen. Falls dies einem Leser hier gelingen sollte, wäre ich für Hinweise dankbar.

  3. Ein Zitat:

    If you have a personal relationship with Jesus Christ and God then you are a religious
    Christian. Myself and many more like me do not necessarily have a personal relationship
    with Jesus Christ and God. We do however believe in Christianity as a cultural, social,
    identity and moral platform. This makes us Christian.

    Jetzt ratet mal, wer das geschrieben hat. Ich werde es im nächsten Beitrag sagen, aber macht mal den Test, ob ihr das herausfindet, ohne auf die Auflösung zu schielen 😉

  4. Jetzt wollt ihr sicher wissen, wer das war, und warum ich das gepostet habe. Ich sag erst mal was über das „warum“, weil ich so die Antwort so weit „verstecken“, dass es leichter fällt, sie zu übersehen, während mensch meinen ersten Beitrag liest. So dass es ziemlich unwahrscheinlich wird, dass jemand die Lösung aus Versehen liest, und so den obigen „Test“ nicht mitmachen kann.

    Der Grund ist, weil ich auch hier einen Reflex finde, der mir auf den Keks geht. Nämlich christliche Fundis oder gar Evangelikale mit Gewalt in Verbindung zu bringen. Das Zitat stammt nämlich von dem Attentäter von Oslo (S.1252 bzw. 1262 seines „Manifests“, je nach Seitenzählung), der sich damit als theologisch „liberaler“ Kulturchrist outet. Natürlich ist er kein typischer Liberaler – politisch ist er überhaupt nicht liberal, und die im Blogbeitrag genannte Nähe zum mittelalterliche Katholizismus ist durchaus real, nur mit Fundamentalismus hat er eben nichts am Hut.

    Ist schon kennzeichnend für unsere Gesellschaft, dass erst die Muslime und dann die fundamentalistischen Christen verantwortlich gemacht wurden, ohne dass es dafür konkrete Anhaltspunkte gab. So was sagt viel über die Vorurteile aus, die in unserer Gesellschaft verbreitet sind.

  5. @helmut: Ich sehe das mit den Vorurteilen differenzierter. Es gibt (siehe Oklahoma City) durchaus neben Psychopathen Fälle, in denen sich eine christliche konservative Ideologie (Glaube wäre das sicher der falsche Begriff) zur Legitimierung von Gewalt heranziehen lässt.
    Man kann (ich habe das Zitat übrigens gleich erkannt, es war ja überall zu lesen) jetzt Breiviks Identifikation als „christlich“ sicher anzweifeln oder bestreiten, muss zugleich sicher aber auch erkennen, dass es – abgesehen von der Gewaltfrage! – doch Berührungspunkte zum Gedankengut mancher Gruppen und Bewegungen gibt, was natürlich die Frage aufwirft, ob diese sich nicht auch unter bestimmten Bedingungen radikalisieren könnten.
    Wenn man nun noch in Rechnung stellt, dass der Großteil der US-Evangelikalen „Gewaltfreiheit“ zumindest insofern nie konsequent vertreten hat, als man gern bereit war, vermeidliche „gerechte“ Kriege zu führen und Verbrecher hinzurichten, dann mag man das für die Gegenwart verneinen, es bleiben aber m.E. auch Zweifel.

  6. @Peter: Ich finde deine Argumentation in dieser Sache schwierig. Du berufst dich auf das Interview mit Saskia Wendel und ziehst daraus Schlüsse: „Er scheint eine deutliche Nähe… zu pflegen“. Bamm, da wird sie wieder geschwungen, die Breivik-Keule. In dem Fall gegen eine bestimmte katholische Richtung. Damit wird im Moment so viel Schaden angerichtet – Matussek hat das in seinem umstrittenen Spiegel-Artikel gut angerissen. Er und auch andere kritisieren z.B. Frau Wendel für ihre Aussagen deutlich. Wenn man also aufgrund eines solchen Interviews Schlüsse zieht und sich nur auf eine Quelle beruft, sollte man ehrlicherweise darauf hinweisen, dass diese Aussagen zumindest umstritten sind.

    Man möchte den vielen Medien, Bloggern, Foren, geradezu mal zurufen: kommt runter, Leute. Hört auf zu hyperventilieren. Breivik ist kein Christ und es gibt keine greifbare Nähe zu irgendeinem christlichen Fundamentalismus, zumindest, wie er in Deutschland bekannt ist. Das haben ja SOGAR Lambrecht/Baars („Mission Gottesreich“) bestätigt.

    Was der kranke Kopf Breivik da als Katastrophe angerichtet hat, ist bekanntermaßen Folge eines fatalen Mixes verschiedenster Einflüsse. Und mit der gleichen Intensität, mit der die christlichen Einflüsse nun kritisiert und hinterfragt werden, müsste man sich auch die anderen vornehmen. Kein einziger dieser Aspekte alleine hätte jemals zu einem solchen Wahnsinn führen können. Schon gar nicht das sog kulturell-christliche Weltbild, dass sich dieser Mann zurechtgelegt hat.

    Aber durch die Blume schwingt nun von viel zu vielen Seiten dieser Vorwurf: „wir habens ja immer geahnt, das christlicher Fundamentalismus zu solchem Wahnsinn führen kann“. Und das ist gefährlich. Wer christlicher Fundamentalist ist und wer nicht, entscheiden und definieren nämlich leider nicht irgendwelche reflektierten Theologen und Theologinnen. Schön wärs. Für zu viele Menschen ist doch alles jenseits der bekannten staatskirchlichen Grenzen schon unter die Sippenhaft des Fundamentalismus genommen. Das beginnt ja schon bei den eigenen Nachbarn: „wie, Freikirche?“ Und plötzlich wird man gemustert, ob man nicht selber auch potentieller Bombenwerfer sein könnte. So gesehen hat die erste fehlerhafte Einschätzung der norwegischen Polizei („wahrscheinlich christlicher Fundamentalist“) einen enormen Schaden angerichtet und ist so – positiv gesehen – zu einer Herausforderung für viele Christen geworden, ihre eigenen Standpunkte neu zu definieren und formulieren.

  7. @Simon: Dein letzter Satz bringt meine Intention gut auf den Punkt. Heute kann sich niemand mehr leisten, sich zu bestimmten Fragen indifferent zu verhalten. In diesem Fall: Gewalt, Fremdenhass und kulturell-ethnische „Reinheitsideale“ oder Kreuzzugs-Mentalität. Ich halte es nicht für abwegig, dass Kreuzzugsrhetorik auch praktische Folgen hat, da muss man nur George W. Bush anschauen, der war ja nun tatsächlich ernsthafter „Christ“, nicht nur in seinen eigenen Augen. Oder – wenn Du jetzt Christ nicht als Synonym von „evangelikal“ denkst – was ist mit der Legitimation ethnischer Gewalt durch manche orthodoxen Kirchen, in deren Klöstern sich Kriegsverbrecher verstecken konnten?
    Dass Evangelikale und/oder Freikirchler in Deutschland eine immer mal wieder gern diffamierte Minderheit sind, deren Situation sich durch Breiviks Anschlag nicht verbessert hat, ist sicher wahr. Die Ursachen dafür liegen allerdings auf beiden Seiten, denke ich. Und die gelegentlichen Schulterschlüsse mit ultrakonservativen katholischen Bewegungen helfen da bestimmt nicht weiter.
    Breivik war für mich nur ein Nebenaspekt. Die kritisierten neokonservativen Denkstrukturen sind auch ohne ihn problematisch und führen in die Sackgasse, selbst wenn sie derzeit bei vielen gut ankommen. Die Frage umgekehrt wäre lediglich, ob sein Manifest ohne solche Ideologien, ob christlich oder nicht, denkbar wäre.

  8. @Peter: Stimmt schon, in der Tat hat der durch GW Bush so kämpferisch und offensiv vorgetragene christliche Glaube in der Folge von 9/11 die „evangelikalen“ Christen gerade im postmodernen Europa herausgefordert, wie kaum etwas zuvor. Das Phänomen des neuen Atheismus als Reaktion darauf wäre in seiner Militanz (und das Wort verwende ich bewusst) ansonsten auch kaum denkbar gewesen.

    Mir ging es bzgl des Interviews mit Frau Wendel nur darum, nicht unkritisch Aussagen zu übernehmen, die die eigene Erwartungshaltung ohnehin mehr oder weniger stützen. Und das passiert rund um die Kausa Breivik leider viel zu häufig, gerade in der Bewertung der mutmaßlichen christlichen Einflüsse.

    Gerade eben wurde auf SPON ein neuer Artikel über Breivik veröffentlicht, der diesen (Un-)Menschen und seine Motivation in einem psychologisch-sachlicheren Licht zu
    sehen versucht. Zitat: „Er hätte genauso gut Linksextremist werden können, oder ein Gotteskrieger, wenn er den passenden Glauben hätte“. Das sind doch mal (für uns Christen) erfreulich zurückhaltende Töne im Lärm des ganzen Medienkonzertes.

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