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Wutbürger 2.0?

Peter | 10. Aug 2011

Die Berichte von den Straßenschlachten in London haben mich an unseren Urlaub vor zwei Jahren erinnert, das inzwischen letzte von vielen Malen, die ich in London war. Seither habe ich mich zwar nach den Freunden dort zurückgesehnt, nicht aber nach der Stadt. Ich mag’s im Zweifelsfall lieber “arm, aber sexy” wie Berlin.

Ich fand die Tage dort anstrengend. Nicht wegen der Hektik, Enge und Lautstärke der Metropole, sondern wegen dem krassen Kontrast von Arm und Reich. Von Prunk und Verschwendung auf der einen Seite und Armut und Perspektivlosigkeit auf der anderen. Meine Grundstimmung, als ich meinen Sohn durch die Straßen von Kensington begleitete, wo er die Luxuskarossen bestaunte, war – das wurde mir erst heute so richtig klar – Wut und Zorn. Sie blieben knapp unter der Oberfläche des Bewusstseins, aber ich empfand den Spaziergang als anstrengend und unerfreulich.

Auf bbc.com habe ich heute einen britischen Polizeioffizier sagen hören, die Ausschreitungen hätten keinen Grund, es sei ihnen kein Unrecht vorausgegangen. Wie blind muss man eigentlich sein, um zu übersehen, dass diese stetig wachsende Kluft – wunderbar beschrieben in diesem Artikel der SZ – schon die ganze Zeit Unrecht war? Nun ist aus der Kluft ein veritabler Abgrund geworden.

Leider haben wir Deutschen den Engländern viel zu gewissenhaft nachgeeifert und hier dieselbe wachsende Kluft geschaffen. Was uns jetzt noch fehlt, ist die Clique der Superreichen in ihrem prunkvollen Kokons aus Stahl, Designerkram und Personenschützern, die allen anderen schamlos vor Augen führen, dass sie zu den Verlierern gehören. Ich erinnere mich noch an eine Werbung in der Tube, die stolz verkündete, in London sei jeder zwanzigste ein Millionär. Wie viele von den anderen 95% an und unter der Armutsgrenze leben, davon stand da nichts.

Wenn man sich schon vor zwei Jahren als Tourist mit dem Zorn, der da in der Luft lag, innerhalb einiger Tage “infizieren” konnte, wie muss es sein, wenn man dort lebt und nicht weg kann? Die Gewaltausbrüche sind gewiss nicht zu rechtfertigen, aber eben auch keine Überraschung. Und wenn hier kein Politikwechsel kommt, erleben wir in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht ganz ähnliche Dinge.

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Gruß und Kuss und Überdruss…

Peter | 10. Aug 2011

Mark Zuckerberg selbst wurde neulich irgendwo sinngemäß mit der Bemerkung zitiert, wer meine, seinen Facebook-Kontakte seien wirkliche Freunde, der wisse nicht, was der Begriff bedeutet. Aber auch an anderen Stellen entsteht durch die Eigendynamik sozialer Netze Verwirrung.

In den letzten Wochen habe ich bei mir einen wachsenden Widerwillen gegen Geburtstagsgrüße entdeckt. Es liegt einfach daran, dass die Pinnwand-Grüße so inflationäre in der Häufigkeit, zugleich aber so stereotyp in der Formulierung sind. Da gibt es die betont joviale Version {“burzeltach”), das “Happy Birthday” (in der Hoffnung, das Englisch weniger banal klingt), die formal-fromme (“Herzliche Glück- und Segenswünsche”, “Gottes reichen Segen”), moderat fromme (“ich wünsch dir Gottes Segen…”) und salopp-fromme (“fetten Segen”); man kann es sich auch ganz leicht machen und den “like” Button unter einem der vielen anderen Einträge klicken.

Wenn man der achte oder dreizehnte Gratulant ist, scheint beides gleich einfallslos zu sein: Die Standard-Textbausteine der anderen wiederholen oder nur ein Daumen-hoch klicken. Bei all den Leuten, denen man im weiten “Freundes”-Kreis täglich vor den Augen hunderter anderer gratulieren könnte, nun lyrisch und originell zu werden, haut in der Praxis einfach nicht hin. Vielleicht sollte man sich eher drauf einigen, dass man sich wie in manchen Beziehungen nicht nur “nichts schenkt”, sondern auch auf Pinnwand-Glücwünsche verzichtet? Oder gibt es irgendeinen Filter, der die Glückwünsche nur für den Adressaten sichtbar macht?

Wenn ich sie nicht jeden Tag lese, sondern nur ab und an (an meinem eigenen Geburtstag und an mich adressiert), und dann vielleicht auf einer Karte – oder durchaus auch in einer Mail, die, weil nicht den Blicken anderer ausgesetzt, vielleicht noch ein paar persönlichere Worte zulässt –, dann brauche ich auch keine lyrische Innovation, dann freut mich sogar das Formelhafte und Schlichte wieder.

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