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Die infiltrierte Normalität

Peter | 17. Jan 2012

Arundhati Roy schreibt in einem Gastbeitrag für die Financial Times über die Lage in Indien, wo trotz stolzen Wirtschaftswachstums nur ganz wenige profitieren und die Ungleichheit weiter zunimmt:

Die 100 reichsten der 1,2 Milliarden Einwohner vereinigen Vermögenswerte auf sich, die einem Viertel des BIPs entsprechen.

… Die 300 Millionen von uns, die zur neuen Mittelschicht gehören, die in Indien nach den Reformen entstanden ist, leben Seite an Seite mit den Geistern der 250.000 schuldengeplagten Bauern, die sich selbst umgebracht haben, und mit den 800 Millionen, die in die Armut getrieben und enteignet wurden, um Platz für uns zu machen. Und die mit weniger als 50 Cent pro Tag überleben müssen.

… Nach zwei Jahrzehnten derartiger “Reformen” und einem phänomenalen Wachstum, das aber ohne weitere Arbeitsplätze vonstattengegangen ist, leben in Indien mehr unterernährte Kinder als irgendwo sonst auf der Welt. In acht indischen Bundesstaaten gibt es mehr Arme als in 26 Ländern Schwarzafrikas zusammen.

Dabei haben die Konzerne und ihre Lenker nicht nur die Demokratie ausgehöhlt, sondern inzwischen auch noch den Protest unterwandert und pervertiert:

Konzerne haben ihrerseits clevere Methoden für den Umgang mit Kritik gefunden. Einen winzigen Bruchteil ihrer Gewinne verwenden sie darauf, Krankenhäuser zu betreiben, Bildungseinrichtungen und Stiftungen, die wiederum Nichtregierungsorganisationen, Akademiker, Journalisten, Künstler, Literaturfestivals und sogar Protestbewegungen finanzieren. Das ist ein Weg, um Meinungsmacher in den eigenen Einflussbereich zu locken. Die Normalität wird infiltriert, die Gewöhnlichkeit kolonialisiert, sodass Kritik daran so abstrus (oder esoterisch) erscheint, als stelle man die “Realität” selbst infrage.

… Den wichtigsten Kampagnenbetreibern gelang es, die Aufmerksamkeit von gewaltigen Korruptionsskandalen in den Unternehmen wegzulenken und die öffentliche Politikerschelte für die gegenteilige Forderung zu nutzen: den Spielraum der Regierung weiter einzuengen, mehr Reformen durchzuführen und mehr Staatsbesitz zu privatisieren.

Klar scheint, dass es mit dem Kapitalismus in Indien nicht mehr lange so weitergehen wird. Unklar ist, wann und wo sich der Protest mit der nötigen Kraft den richtigen Themen und auch Gegenspielern zuwendet, statt sich kaufen und umleiten zu lassen. Arundhati Roy scheint jedenfalls die Hoffnung auf einen Wandel noch nicht begraben zu haben, ebensowenig wie die Opposition in Syrien, die mit einem verlustreichen Zermürbungskrieg gegen das Regime rechnet. Was tut Deutschland, was tun wir – was können wir überhaupt tun?

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