Über die Sinne ins Herz

Die Jahreslosung für 2016 – „Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ – schlägt in eine Kerbe, die mich schon ein Weilchen beschäftigt. Ich komme gleich drauf, muss zuerst aber ein Missverständnis anschneiden: Dass Gott selbst dann, wenn wir ihn „Vater“ nennen, damit nicht als männlich im menschlichen Sinne qualifiziert ist ) weil „männlich“ in der Umgangssprache als „nicht weiblich“ verstanden wird), das hat sich zum Glück ja schon ziemlich weit herumgesprochen. Bei Gott schließt die „männliche Seite“ seine „weibliche Seite“ (wenn man von ihm so überhaupt reden möchte) also nicht aus, sondern ein.

Aber die Bibel bezeichnet Gott nirgends als Mann (und ebensowenig als Frau), und Begriffe wie „Vater" und „Mutter" beschreiben daher nicht in erster Linie das Geschlecht (weder biologisch, noch sozial), sondern die Beziehung, die Gott zu uns hat und die Rolle, die er für uns spielt. Wer meint, Gott auf das reduzieren zu müssen, was er/sie für maskulin hält, ist damit in seiner Gotteserfahrung schwer eingeschränkt.

MOTHERS LOVE by VinothChandar, on Flickr
"MOTHERS LOVE" (CC BY 2.0) by VinothChandar
Wenn dieses Hindernis nun aus dem Weg ist, dann stellt sich die Frage, wie eine Mutter eigentlich tröstet. Das ist das wirklich interessante an Jesaja 66,13. Nicht, dass Väter nicht trösten könnten. Dennoch suchen die meisten Kinder (und viele Erwachsene) instinktiv die Nähe der Mutter. Das liegt nicht nur daran, dass in vielen Situationen die Mütter viel mehr Zeit mit den Kindern verbringen als die Väter. Denn die Beziehung vom Kind zur Mutter ist von Anfang an sinnlicher als das Verhältnis zum Vater.

Mütter können nämlich nicht nur Hunger stillen, sondern auch Kummer – und das weit über das Säuglingsstadium hinaus. Wenn ein Kind sich verletzt hat und zu seiner Mutter läuft, dann ist es mehr der Klang der Stimme als der Informationsgehalt ihrer Worte, der tröstet; es ist die Umarmung, der Geruch, das Wiegen und Streicheln, das Geborgenheit vermittelt und an die Ur-Geborgenheit erinnert. Das bekommt selbst der empathischste Vater nicht ohne Weiteres hin. Kinder haben ein anderes Zeitgefühl als Erwachsene. Ihnen zu sagen, dass der Schmerz irgendwann schon wieder nachlässt, ist relativ sinnlos.

Da, wo nicht nur Männer und Väter, sondern auch alle anderen Frauen um das rechte Wort verlegen sind, braucht die Mutter keine Worte, um zu trösten. Sie putzt dem Kind die Nase, küsst die tränenverschmierte Wange, setzt es auf ihren Schoß, verbindet das lädierte Knie oder den Schnitt im Finger, sie findet den verlorenen Schnuller oder sie hat etwas Warmes oder Süßes zur Hand, an dem man herumnuckeln und mit dem man den Kummer herunterschlucken oder -spülen kann.

Gott tröstet den resignierten und deprimierten Elia, indem er ihm etwas zu Essen schickt. Im Angesicht der Feinde – wenn mir zu Recht angst und bange wird – deckt er mir den Tisch und schenkt mir voll ein, sagt der 23. Psalm. Und im Neuen Testament macht Jesus, der große Berührer und Gastgeber, Platz für den Tröster: Gottes Geist, der keineswegs nur im Reden und im Wort gegenwärtig ist, sondern unseren Leib von innen heraus erfüllt und berührt. Das ist ein bisschen so, als würden wir den beruhigenden Herzschlag Gottes spüren. Schließlich berührt er uns auch durch andere Menschen, die uns anstelle und im Namen des irdischen Jesus nahe kommen.

Die reinen Worttheologen sind 2016 gegenüber den Mystikern schwer im Hintertreffen. Wenn ich an meine dunkelsten Stunden denke, dann waren es nicht primär Worte, sondern Gottes hautnahe, oft wortlose Gegenwart, die mir am meisten geholfen hat. Diese Stille ist keine Leere oder Abwesenheit. Und sie ist eine ungemein sinnliche Erfahrung. Ich vermute mal, damit bin ich nicht allein.

Die Dixie Chicks haben dafür die passenden Worte gefunden:

I come to find a refuge in the
Easy silence that you make for me
It's okay when there's nothing more to say to me
And the peaceful quiet you create for me
And the way you keep the world at bay for me

Wir alle werden 2016 Trost brauchen, aus unterschiedlichsten Gründen. Dann ist es gut, sich daran zu erinnern: Gottes Trost erreicht er das Herz über die Sinne. Und er stillt unseren Kummer.

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Ein Gedanke zu “Über die Sinne ins Herz

  1. murphyline

    Mit dieser Erfahrung bist du nicht allein und ich bin ganz erleichtert, dass ich auch nicht alleine mit meiner Erfahrung bin.

    Als ich vorletztes Jahr an Krebs erkrankte, hatten Gott und ich uns nichts mehr zu sagen. Es war eine friedliche Stille. Er war da und ich wartete ab, auf welcher Seite des Seins ich wärend der Krankheit landen wurde. Hier oder bei ihm.

    Oft kam ich mir seltsam vor, weil ich dachte, dass man im Angesicht des Todes doch besonders viel beten und sich religiös vorbereiten müsse.

    Aber es gab nur diese wenigen Worte, den ich in dieser stillen Zeit in mir trug: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. (Röm 14.8.)

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