Archive für den Monat: März 2017

Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß?

Die Mächtigen dieser Welt achten sehr genau darauf, welche Bilder sie von sich veröffentlichen.

Da ist der Milliardär mit dem goldenen Haar,
in prunkvollen Gemächern mit goldenen Wasserhähnen,
umgeben von schönen Frauen, die natürlich alle
seinen umwerfenden Intellekt und Charakter bewundern,
die Ikone des Erfolgs.

Und da ist einer mit nacktem, muskulösem Oberkörper
hoch zu Ross oder lässig mit Jagdgewehr,
das Reiterstandbild des 21. Jahrhunderts,
die Ikone der Souveränität.

Und dann das:

Blutendes, rohes, wundes Fleisch
Ohnmächtig und nackt angenagelt
Verlierer, Opfer, Verschmähter, Gefolterter
schon das Hinsehen tut weh und ekelt an.
Die Ikone des Albtraums.

Was hast du dir dabei gedacht, Gott, als du dieses Bild von dir veröffentlicht hast? Damit ist kein Staat zu machen. Dafür bekommt man keine „Likes“. Kein Wunder, dass die Leute dir in Scharen davonlaufen.

Ich meine, fast 2000 Jahre bist du ohne Bild ausgekommen. Du hattest wirklich Zeit, dir zu überlegen, was du von dir veröffentlichst. Wie konnte das bloß passieren?

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Foto: unsplash.com

An wen hast du dabei gedacht? Die chronisch Kranken mit ihren offenen Beinen und künstlichem Ausgang? Die Geflüchteten mit ihren wunden Füßen und zerschlissenen Schuhen? Die Mundtoten und Weggesperrten, die keine unbequemen Wahrheiten mehr ausplaudern können? All diese Schattenmenschen – sind sie dir so viel wert?

Wenn so ein Bild einmal in der Welt ist, dann lässt sich das nicht mehr kontrollieren. Leute kopieren und teilen es, es wird verrissen und verglichen, verfärbt und verfremdet. Es gibt kein zurück mehr.

Aber dir scheint dieses ganze Schlamassel zu gefallen.

Oder?

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In der Diskussion um die vielfältigen Formen von Familie geschieht es immer wieder, dass jemand unter Verweis auf Natur und Biologie versucht, eine normative Aussage zu machen – also zu bestimmen, was eine „richtige“ oder „normale“ Familie ist und was nicht.

Dabei ist Familie – verlässliche Fürsorge verschiedener Generationen – von Anfang an ein soziales Phänomen, das über Blutsverwandtschaft (und damit die reine Biologie) weit hinausgeht. Selbst Verfechter eines konservativen Familienbildes versuchen ja lobenswerterweise, einem Adoptivkind zu vermitteln, dass es genauso zur Familie gehört und genauso geliebt wird. In früheren Zeiten (die unter Konservativen gern romantisiert und idealisiert werden) mit hoher Sterblichkeit und niedriger Lebenserwartung mussten Verwitwete sich schon aus wirtschaftlichen Gründen möglichst schnell einen neuen Partner suchen. Auch das waren „Patchworkfamilien“.

Tief in die Theologie hinein reicht das Thema der Adoption. Für Paulus sind die Christen Gotteskinder, deren Status nicht auf Abstammung beruht (und selbst das wäre noch mehr als nur „Biologie“…), sondern auf der Annahme durch Gott, der Erwählung und dem damit verbundenen Versprechen. Auch hier ist Familie ein primär soziales Gebilde. Da, wo im Neuen Testament im Blick auf Familie normativ geredet wird, geht es um Haltungen und den Umgang innerhalb der Familie: Um Fürsorge, Achtung, Liebe und Geduld.

Wenn ich mit einer Schulklasse über das Thema Familie rede, dann finde ich dort praktisch alle Formen versammelt: Großfamilien (ein Schüler erzählte, sein Vater habe 21 Geschwister), Teilfamilien, bürgerliche Kleinfamilien, Patchwork- und vielleicht auch Regenbogenfamilien. Hier eine Rangordnung der Normalität und Würdigung aufzumachen, hieße vor allem, ausgerechnet das abzuwerten, was vielen Schülern (wenn nicht den meisten) Halt und Heimat gibt.

Solche Spaltungen und Demütigungen sollten wir uns ersparen. Sie sind tatsächlich unbiblisch.

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Kennt wahrscheinlich jeder schon: Das Kreuz lässt sich so deuten, dass der vertikale Balken die Gottes- und der horizontale die Nächstenliebe symbolisiert. Dann steht es entweder für das Doppelgebot der Liebe oder (freilich kein Gegensatz) für die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen untereinander.

So weit, so schön und so passend.

Die beiden Kreuzbalken entsprechen so gesehen auch den beiden Tafeln der Zehn Gebote. Die erste Tafel hat mit dem Verhältnis zu Gott zu tun und schützt seine Integrität vor menschlichen Zugriffen: Die Einzigartigkeit, das Bilderverbot, der Name und der Sabbat (die letzten beiden stehen für alle übrigen Kultgesetze). Die zweite Tafel hat mit den Mitmenschen zu tun: Eltern, Unversehrtheit, Partner, Besitz und Wahrhaftigkeit.

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Wenn man nun fragt, was Jesus ans Kreuz gebracht hat, dann stößt man auf ein ganzes Bündel von Konflikten, die sein Wirken nach sich zog. Und interessanterweise lassen diese sich relativ stringent auf die zwei Tafeln verteilen. Jesus verletzt – in den Augen seiner Gegner (ob das nun Pharisäer oder Saddzuzäer waren) – die Gebote der ersten Tafel. Er missachtet die Sabbatruhe, er relativiert gängige Vorstellungen von Reinheit, er kündigt das Ende des Tempels und des Opferbetriebes dort an. Und selbst aus römischer Sicht zeigt er sich auch dem Gottkaiser und dessen irdischen Repräsentanten gegenüber ziemlich respektlos.

Umgekehrt wirft Jesus den Gegnern vor, in ihrer Praxis gegen den Sinn der Gebote der zweiten Tafel zu verstoßen: Statt die Alten zu versorgen, spenden manche das Geld an den Tempel. Männer verstoßen ihre Frauen und die sind dagegen weitgehend wehrlos. Zur Schau gestellte Frömmigkeit soll einen sozialen Vorteil verschaffen, und wer weniger intensiv glaubt, wird verächtlich gemacht und mit Schimpfwörtern belegt. Vergebung für Betrug oder Gewalttaten gibt es auch ohne Opfer und rituelle Reinigung. Das sind nur die Fälle, die mir sofort eingefallen sind.Kreuz:Tafeln

Insofern steht das Kreuz in eben dieser Deutung auch dafür, warum Jesus den Kreuzestod starb und das aller Wahrscheinlichkeit nach auch kommen sah und in Kauf nahm. Er stellte viele gängige Deutungen und Umsetzungen der Gebote in Frage. Und er verschob die Aufmerksamkeit weg vom Kult und all dem Kleingedruckten der „rechten“ Gottesliebe hin zu einem barmherzigen, offenen und versöhnlichen Umgang mit dem Nächsten, der ethnische und religiöse Grenzen überschreitet.

Interessanterweise gibt es das ja immer noch, auch unter Jesusnachfolgern: Diesen Streit, ob zuviel Nächstenliebe (und damit auch soziales und politisches Engagement) der Reinheit unserer Gottesliebe abträglich ist, oder ob das gar kein Gegensatz ist und auch besser nicht als solcher behandelt werden sollte. Ich finde diese rotznasige, empathische Heiligkeit mit den schmutzigen Händen und den weiten Grenzen jedenfalls viel attraktiver als die sterile, strenge und skrupelhafte Variante.

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Es mag an meinem beschränkten Horizont liegen, dass mir erst jetzt die Frage nach einem Zusammenhang zwischen dem berühmten Lösegeld-Wort aus Markus 10,45 und der folgenden Anweisung aus dem Buch Exodus (30,11-17) kommt. Dort lesen wir:

Und der HERR redete zu Mose und sprach: Wenn du die Israeliten zählst, die gemustert werden, soll jeder dem HERRN ein Lösegeld für sein Leben geben, wenn man sie mustert. Dann wird keine Plage über sie kommen, wenn man sie mustert. Dies sollen sie geben, jeder, der zur Musterung antritt: einen halben Schekel nach dem Schekel des Heiligtums, zwanzig Gera der Schekel, einen halben Schekel als Abgabe für den HERRN.

Jeder, der zur Musterung antritt, der zwanzig Jahre alt ist oder älter, soll die Abgabe für den HERRN entrichten. Der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger als einen halben Schekel geben, wenn ihr die Abgabe für den HERRN entrichtet, um für euer Leben Sühne zu erwirken.

So nimm das Sühnegeld von den Israeliten, und verwende es für den Dienst am Zelt der Begegnung. Und es soll vor dem HERRN die Erinnerung an die Israeliten wachhalten, um Sühne zu erwirken für euer Leben.

Ein bisschen zugespitzt formuliert: Die Tempelsteuer erscheint hier als eine Art „Schutzgeld“, das Schaden ("Plagen“) abwendet und mit dem zugleich der Betrieb des Heiligtums gewährleistet wird. Jeder männliche Jude ab dem Alter von 20 Jahren muss sie entrichten, das war auch zur Zeit Jesu noch so, wobei es außerhalb von Judäa eine freiwillige Abgabe war, schreibt Heinz Schröder in „Jesus und das Geld“. Die Abgabe verbindet den einzelnen mit dem Tempel und über den Tempel mit Gott, das funktionierte auch für Diasporajuden und brachte dem herodianischen Tempel keinen geringen Wohlstand ein.

Liberation by jar [o], on Flickr
"Liberation" (CC BY 2.0) by jar [o]

Das Ganze ist trotzdem etwas undurchsichtig: Fällt ein Lösegeld für eine Art generelle Sündhaftigkeit der Israeliten an, also eine pauschale Zahlung mit sühnender Wirkung? Ist das quasi die monetarisierte Variante des Jom Kippur? Und wenn ja, warum sind Frauen und Kinder dann ausgenommen? Oder schwingt hier das Unbehagen im Blick auf Musterungen und Volkszählungen mit, das sich z.B. in 1.Chr 21 deutlich darin ausdrückt, dass Davids Musterung eine Idee des Satans genannt wird und mit schlimmen Konsequenzen belegt wird? Oder beides? Ein Lösegeld an irgendeine andere Instanz (wie im König von Narnia die Winterhexe) scheint jedenfalls keine Rolle zu spielen.

Und was passiert, wenn man das Lösegeldwort Jesu auf diese Situation bezieht? Je nach Vorverständnis ließe sich dann Folgendes sagen:

  1. Der – einmalige – Tod des Menschensohnes tritt an die Stelle der Tempelsteuer. Er erweitert zugleich deren Sinn. Um es mit Andrew Perriman zu sagen: “What’s at stake is not the routine daily or even annual maintenance of the covenant but the future of a people threatened with annihilation by an all-powerful pagan empire."
  2. Alle weiteren Zahlungen und Transaktionen sind damit überflüssig, der kostspielige Betrieb des prunkvollen Tempels unter Regie der schwerreichen Priesteraristokratie ebenfalls (daher wird dessen Zerstörung wenig später angekündigt).
  3. Die Hingabe des Menschensohnes stiftet Gemeinschaft bis in den letzten Winkel der Diaspora und begründet die Zugehörigkeit zum Volk Gottes neu.
  4. Gott ist nicht etwa Adressat dieser „Sühne“, sondern der, der sie durch sein Handeln in Jesus endgültig ablöst.

Das würde auch den Kontext des Lösegeldwortes erklären, in dem Jesus die Mächtigen der Welt dafür kritisiert, wie sie Menschen knechten und auspressen. Denn das Instrument dieser Knechtschaft sind Bürokratie und Steuereintreiber, autokratische Gesetzgebung, die Konzentration von Kapital, die Aushebung von Truppen und die Einschüchterung von Kritikern durch die Androhung von Gewalt oder Ausschluss aus der Gemeinschaft. All das besteht wohl noch fort, aber es fehlt ihm fortan jegliche religiöse Legitimation.

Wenn das so gemeint war, dann lässt sich jedenfalls leicht vorstellen, warum Jesus in Jerusalem mit so viel Argwohn empfangen wurde.

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Ich war letzte Woche bei der Erzählung von der Versuchung im Garten Eden. Eine Folge der Episode mit der verbotenen Frucht ist, dass die Menschen merken, dass sie nackt sind. Sehen sie also endlich das Offensichtliche? Oder ist das gar keine Frage der Optik, sondern des Bewusstseins und der Kategorien des Verstehens?

Die Menschen haben sich entschlossen, etwas (die Frucht vom Baum der Erkenntnis) anders zu sehen als Gott. Mit Erfolg, sie fallen nämlich nicht tot um. Man kann die Dinge also anders sehen! Aber just an diesem Punkt der Erkenntnis tritt eine entscheidende Veränderung ein: Sie sehen einander an und stellen fest, dass man die Dinge nicht nur anders sehen kann als Gott, sondern auch anders als man selbst. Und dass sie selbst zu diesen „Dingen“ gehören, die man anders sehen kann.

Ich sehe also dich an und sehe, dass du mich ansiehst. Aber ich weiß jetzt, dass du mich nicht unbedingt so siehst, wie ich mich selbst sehe. Und erst recht nicht so, wie ich gesehen werden möchte (auch das sind nun zwei verschiedene Dinge!). Das Bild von mir, das in deinem Kopf existiert, kann ich nicht kontrollieren und ändern. Aber es bestimmt, wie du mit mir umgehst: Wirst du das, was du an und in mir siehst, dazu verwenden, mir wohlwollend und liebevoll zu begegnen, oder wirst du mich verachten und mich bloßstellen? Ich kann mir nicht sicher sein. Ich merke ja, wie berechnend ich gerade denke. Ich bin deiner Willkür ebenso ausgeliefert wie du meiner. Anders ausgedrückt: Ich habe die Deutungshoheit über mich selbst verloren.

Weil ich dieses Bild nicht direkt bestimmen kann, das du von mir hast, zeige ich dir von nun an nur bestimmte Ansichten von mir. Nämlich die Seiten, die mich in ein möglichst günstiges Licht rücken: Puzzleteile, von denen ich erwarte und hoffe, dass du sie zu meinem Wunschbild zusammensetzt. Alles andere verhülle ich mit Feigenblättern und mache es unsichtbar.

Unsere Beziehung ist durch dieses Image-Management schon kompliziert geworden. Aber der Knoten wird noch dicker. Denn es reicht nicht, meine (echten oder auch nur vermeintlichen) Schattenseiten zu verbergen. Ich muss auch verbergen, dass ich etwas verberge. Sonst wirst du irgendwann misstrauisch fragen, was es hier nicht zu sehen gibt. Dann wirst du entweder nachbohren oder alles, was ich an Gutem preisgebe von mir, nur noch verdächtig finden.

Daher verstecken sich die Menschen sogar vor Gott: Sie müssen verbergen, dass sie etwas verbergen. Es wird richtig, richtig kompliziert.

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Foto: unsplash.com

Doch auch so lässt sich die verlorene Naivität – "die Welt ist so, wie ich sie sehe, und das siehst du genauso“ – nicht mehr retten. Die Menschen müssen das, was sie verbergen, ja sogar vor sich selbst verstecken, um im Folgenden so tun zu können, als sei die eigene Sicht der Welt die einzig wirkliche und mögliche. Kein sehr überzeugendes Manöver, aber ein verbreitetes. Es ist ein Kennzeichen von Diktatoren, dass sie nur die Aussagen über sich gelten lassen, die ihrem Wunschbild entsprechen. Und es ist die Grunddynamik aller Filterblasen und Echokammern.

Nein, die Geschichte vom Garten handelt nicht von einer fernen Vergangenheit…

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Ein Samstagmorgen in der Fußgängerzone. In der Nähe des Ortes, wo ich mein Rad abgestellt habe, steht in junger, blonder Russlanddeutscher auf der Straße und predigt – irgendwas über Sünde und Gericht, die üblichen Bibelstellen und ein vager Exkurs in die eigene sündige Vergangenheit. Man mag ihm gar nichts Schlimmes zutrauen, wie er da so steht, ein bisschen blass, mit inzwischen heiserer Stimme. Und tatsächlich kommen auch keine anderen Konkretionen als dass er damals sein Geld für Dinge ausgegeben hat, die ihm Spaß machen. Ist das ein bewusster Versuch, so etwas wie Gemeinsamkeit mit potenziellen Zuhörern auszudrücken?

Neben ihm stehen drei Kinder und halten Traktate in der Hand. Der Mann pausiert, wendet sich ihnen kurz zu, und fährt dann in seiner Ansprache fort. Doch das Erlösungsbedürfnis der Erlanger ist heute überschaubar: Niemand bleibt stehen und die Passanten, die in einiger Entfernung auf Bänken in der Sonne sitzen oder auf den Bus warten, scheinen ihn zu ignorieren. Ich hoffe um der Kinder willen, dass seine Stimme nicht mehr lange hält, und er bald guten Gewissens die Segel streichen kann.

Gegenüber steht ein Tisch mit einer türkischen Fahne, türkischen Schildern und einem, das auf Deutsch sagt, alle Macht geht vom Volke aus. Ich vermute, darin steckt eher Kritik an den Plänen der AKP für eine Verfassungsänderung. Hinter mir geht eine Frau mit partiell rot eingefärbtem, dunklem Haar vorbei, die den Stand wütend betrachtet. Im Weitergehen schreit sie auf Türkisch etwas augenscheinlich Unfreundliches über ihre Schulter, später dreht sie sich noch zweimal um und reckt den Mittelfinger in die Luft in Richtung der Nestbeschmutzer, ihre Miene ist immer noch grimmig verzerrt, sie kann sich gar nicht mehr beruhigen.

Politischer Dialog, der mit Hass beantwortet wird, und religiöser Monolog, der nirgends ankommt. Und wir irgendwo zwischendrin. Alles auf engem Raum an einem Samstagmorgen in der Fußgängerzone.

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Immer wieder einmal habe ich gelesen, die Schlange habe die Frau im Garten Eden belogen. Aber das musste sie gar nicht. In der Übersetzung von Buber/Rosenzweig lautet ihr Kommentar nicht „ihr dürft von keinem der Bäume essen“, sondern einfach nur: "Ob schon Gott sprach: Esst nicht von allen Bäumen des Gartens …!"

Viel mehr war gar nicht nötig (der Versucher im Neuen Testament lügt ja auch nicht…), und exakt darin trifft sich diese Episode mit dem, was wir heute täglich erleben: Stimmen, die uns unablässig beeinflussen. Die auf vermeintliche und tatsächliche Wahrheiten verweisen, aber in einer ganz bestimmten Zuspitzung. Nämlich so, dass sie die Ausnahmen von der Regel unter der Hand zum Regelfall werden lassen, indem sie eine bestimmte Fixierung auslösen.

Um mit einem unverfänglichen Beispiel einzusteigen: Bewohner meiner Heimatstadt lassen sich relativ leicht davon überzeugen, dass Kraftfahrer aus benachbarten Städten und Landkreisen mit der Straßenverkehrsordnung auf Kriegsfuß stehen. Wenn ich also sage, dass nicht alle Forchheimer oder Fürther anständig Auto fahren können, dann fällt jedem ein Erlebnis ein, das diese Aussage stützt (auswärtige Nummernschilder sind nämlich auffälliger als heimische). Und so ist es nicht weit von „nicht alle Forchheimer können Auto fahren“ zu „die Forchheimer können alle nicht Auto fahren“. Indem ich eine Verbindung zwischen einem bestimmten Verstoß und einer Gruppe Fremder herstelle (und das gegebenenfalls öfter wiederhole), charakterisiert er irgendwann die ganze Gruppe, obwohl anfänglich jeder wusste, dass das Quatsch ist. Das „nicht“ vom Satzfang wandert immer weiter nach hinten.

Und nun hören wir täglich Sätze wie

  • Nicht alle Zuwanderer kommen in friedlicher Absicht
  • Nicht alle Politiker sind immun gegen Bestechung
  • Nicht alle Muslime halten die Demokratie für eine gute Staatsform
  • Nicht alle ALG-II Empfänger suchen ernsthaft nach einem Job
  • [für den „frommen“ Leser, der es nicht politisch möchte: Nicht alle Pfarrer/Landeskirchler/Katholiken sind „gläubig“]

Die, die so etwas sagen, verweisen vordergründig erst einmal nur auf offensichtliche, wenn auch seltene Möglichkeiten – Dinge, die sich nie ganz ausschließen lassen. Sie sagen ihre Banalitäten aber so oft und so lange, bis sich unsere Wahrnehmung immer weiter verengt. Bis 99,9% der Geflüchteten so friedlich sein können, wie sie wollen, und dennoch unter Generalverdacht stehen. Und wer sich für sie einsetzt, wer das schiefe Bild zurechtrückt, wird der Schönfärberei, der Manipulation und fanatiserter “politischer Korrektheit“ beschuldigt. Denn (um die perfide Strategie noch einen Schritt weiter zu treiben) „nicht alle, die sich für Geflüchtete einsetzen, sind selbstlos, tolerant und arbeiten mit lauteren Mitteln“.

Für solche Vergiftungen menschlichen Zusammenlebens und gesellschaftlicher Kommunikation kann uns die alte Geschichte aus dem Buch Genesis die Augen öffnen. Allein deswegen sollten wir sie immer wieder lesen und besprechen. Denn hier und heute müssen wir Gutes und Böses mit Gottes Hilfe unterscheiden. Andernfalls wird jedes Paradies zur Hölle.

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Vor einem Jahr habe ich das Vikariat in St. Leonhard-Schweinau begonnen. Ein guter Anlass, kurz zurück zu blicken, zumal ich auch immer wieder gefragt werde – mal besorgt, mal süffisant, mal neugierig – wie es mir denn so geht.

Der Kilometerzähler an meinem Rad zeigt 4.000 mehr als vor Jahresfrist, und vieles davon geht zurück auf dienstliches Pendeln zwischen Wohnort und „Einsatzgemeinde“, wie das im Kirchensprech heißt. Im Sommerhalbjahr waren es mehr Fahrten, im Winter (und mit mehr Gepäck für den Schulunterricht) spürbar weniger. Das ändert sich jetzt allmählich wieder, und irgendwann erreiche ich dann auch das Tempo vom vergangenen Sommer. Auf dem Weg nach Nürnberg trage ich nun meistens einen Helm, es kommen also ganz neue Gewohnheiten dazu.

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(Foto: Andrew Gook, unsplash.com)

Mehr als nur ein bisschen dankbar bin ich für meinen Mentor, der mir ebenso humorvoll und einfühlsam wie abgeklärt hilft, mich in meine Rolle und in die Gemeindearbeit mit ihren Besonderheit und Eigentümlichkeiten hineinzufinden. Im Predigerseminar habe ich freundliche, aufgeschlossene und kompetente Studienleiter kennengelernt und bin in einem Vikarskurs gelandet, der trotz stattlicher Größe einen bemerkenswerten Zusammenhalt entwickelt hat. Und die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in der Kirchengemeinde zeigen bis zum heutigen Tag endlose Geduld mit mir, während ich die vielen neuen Namen lerne, vergesse und wieder neu lerne.

Es ist auch ein Jahr der Kontraste: Da ist der Kontrast zwischen der Akademikerstadt Erlangen und dem Nürnberger Westen mit Arbeitern, Angestellten und einem hohen Migrationsanteil an der Bevölkerung. Und der Kontrast zwischen den ELIA-Gottesdiensten im gut gefüllten Theater mit so ziemlich allen Altersgruppen hier und den eher lichten Reihen mit überwiegend ergrauten Häuptern dort, zwischen meist unstrukturiertem Lobpreis und klassischer Liturgie nach G1, zwischen Predigthörern, die an Humor und Ironie gewöhnt sind und solchen, die sich lieber nichts anmerken lassen, wenn ich auf die Idee komme, einen Witz zu reißen, ohne ihn vorher anzukündigen.

Vielleicht liegt letzteres auch an dem schwarzen Talar, an den ich mich nur sehr mühsam gewöhne. Bei Beerdigungen sehe ich den Nutzen noch am klarsten, in allen anderen Situationen bremst und dämpft er gefühlt mehr, als dass er beflügelt. Ein Ausbilder meinte neulich, der Talar schütze auch die Gemeinde vor mir. Gut, da hat er wahrscheinlich Recht…

Mein Aktionsradius ist durch diese Umstände drastisch beschränkt, manche Debatten und Ereignisse bekomme ich nur noch am Rande mit – und es fehlt mir im Grunde auch nicht: Bei soviel Input und neuen Eindrücken, die es zu verarbeiten gilt, sinkt natürlich der Bedarf an zusätzlichen Impulsen von außen. Das einzige, was ich daran vermisse, sind die Begegnungen mit vielen von Euch. Andererseits tut es aber auch gut, so klare Prioritäten zu haben – es vereinfacht das Neinsagen.

Ab und zu höre ich, dass Leute schon wissen und sogar verraten, was für mich nach dem Abschluss im kommenden Jahr folgt. Wenn Ihr so jemandem begegnet, sagt mir Bescheid – ich selbst tappe nämlich noch im Dunkeln und bin immer interessiert an erhellenden Auskünften über meine Zukunft.

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