Das Samariterproblem

An einem strahlend sonnigen Vormittag lief ich im vergangenen Sommer zum Erlanger Bahnhof, um nach Nürnberg zu fahren und dort einen Gottesdienst zu halten. Auf der sonntäglich fast menschenleeren Straße kam ein junger Mann auf mich zu und sprach mich an. Er war erkennbar benebelt und sagte, er sei in einer psychischen Notlage.

Ich redete kurz mit ihm und erklärte, dass ich gleich zum Zug müsse, dass ich aber bei der Notrufzentrale anrufen und mich darum kümmern werde, dass schnell jemand kommt. Gesagt, getan. Aber noch bevor ich im Zug saß, dachte ich an die Geschichte vom barmherzigen Samariter, in der ja auch zwei Personen unterwegs zum Tempel waren. Was wäre wohl passiert, wenn ich die Gottesdienstgemeinde hätte sitzen lassen, um dem jungen Mann zu helfen? Eigentlich hätte das doch nur auf Zustimmung und Verständnis treffen können – oder?

Beim Nachdenken fiel mir auf, wo die Schwierigkeit bei solchen Entscheidungen auch liegt: Zu spät oder gar nicht zum Dienst zu erscheinen, wirkt sich sofort aus und ich bekomme die Reaktionen darauf ganz unmittelbar zu spüren. Sie mögen wesentlich harmloser sein als die Folgen unterlassener Hilfe für den Fremden, der sie braucht. Die Abwägung läuft also zwischen schnellen und direkten Konsequenzen für mich selbst und der Ungewissheit, ob solche Unterlassungen Folgen haben und ob diese mich vielleicht irgendwann einholen.

Ich vermute, nach diesem Muster verlaufen viel mehr Entscheidungsprozesse, als uns bewusst ist. Sie stecken hinter Parolen wie „wir sind doch nicht das Sozialamt der Welt“. Denn jetzt zu helfen hat zwei sichere Auswirkungen: Es kostet Geld und Sympathien. Was es dagegen bringt, das wird sich erst später zeigen.

So betrachtet ist das Gleichnis auch eine Einladung, sich auf ungewisse Situationen mit unabsehbaren Folgen einzulassen. Für diese Haltung gibt es in der Bibel ein besonderes Wort: Es heißt „Glaube“.

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