Der Garten und das Ganze, oder: Eden und die Hoffnung

In „Andere Räume“ schreibt Michel Foucault über das, was er „Heterotopien“ nennt: Orte in unserer Welt, die eine Art „Widerlager“ zu den Zentralorten der Alltagswelt sind. Orte, an die wir das auslagern, was hier keinen rechten Platz hat. Orte, an denen wir das versammeln, was im übrigen Leben nie zusammenfällt, oder was sich unserem bewussten, gezielten Zugriff entzieht. In diesem Zusammenhang schreibt Foucault über den Garten:

Der traditionelle Garten der Perser war ein geheiligter Raum, der in seinem Rechteck vier Teile enthalten mußte, die die vier Teile der Welt repräsentierten, und außerdem einen noch heiligeren Raum in der Mitte, der gleichsam der Nabel der Welt war (dort befanden sich das Becken und der Wasserstrahl); und die ganze Vegetation des Gartens mute sich in diesem Mikrokosmos verteilen. Und die Teppiche waren ursprünglich Reproduktionen von Gärten: der Garten ist ein Teppich, auf dem die ganze Welt ihre symbolische Vollkommenheit erreicht, und der Teppich ist so etwas wie ein im Raum mobiler Garten. Der Garten ist die kleinste Parzelle der Welt und darauf ist er die Totalität der Welt. Der Garten ist seit dem ältesten Altertum eine selige und universalisierende Heterotopie.

Als Theologe denke ich sofort an den Garten Eden: Eine Quelle in der Mitte (daneben der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis), und vier Flüsse, die in die vier Himmelsrichtungen fließen. Als Heterotopie versammelt der Garten die ganze Welt an einem Ort, wie Foucault schreibt. Er steht symbolisch für das Ganze, gerade weil er ein eingegrenzter und entlegener Ort ist.

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Was sich in diesem Garten abspielt, geht die ganze Welt an. Das ist nicht einfach nur ein nebulöses „irgendwo“, sondern hier – Hier und Jetzt. Und daher ist es nicht sachgemäß, diese Geschichte als „historisch“ zu lesen, als beschriebe sie eine Vergangenheit, die sich sogar numerisch datieren und über Koordinatenangaben lokalisieren ließe. Sie beschreibt vielmehr das, was überall und ständig stattfindet, aber von einem anderen Ort aus.

Freilich gilt die Einordnung als Heterotopie nur für die Bildebene. Denn es wird ja ein Garten beschrieben, der in unserer Welt nicht als konkreter Ort auffindbar ist. Insofern ist das Paradies als eine Utopie zu verstehen, ein Nicht-Ort. Ein Spiegel, schreibt Foucault, kann beides sein: Utopie und Heterotopie. Eine Utopie, weil ich mich im Spiegel an einem virtuellen Ort sehe, den es so nicht gibt. Er tut sich hinter der Oberfläche des Spiegels auf. Eine Heterotopie, weil ich von diesem „anderen Ort“ tatsächlich zurückschaue auf mich und alles Wirkliche, was mich umgibt.

Das wäre dann der Schlüssel zur Auslegung der Geschichte vom Paradies: Sie ist ein Spiegel. Ein ganz besonderer zumal: Wer auch immer hineinschaut, sieht (nicht nur, aber auch und ganz besonders) sich selbst, umgeben von Gott, Mitmenschen und Mitgeschöpfen, in lebensfördernden und vom Leben gezeichneten Beziehungen. Vielleicht auch ein Ort, der uns – und hier wird es ganz aktuell – auch davor bewahren kann, unsere Welt nur noch dystopisch wahrzunehmen, als einen schlimmen Ort ohne Hoffnung.

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