Schottisches Tagebuch (4): Fetisch auf vier Rädern

Seit unserem letzten Besuch ist die Zahl der Touristen in den Highlands drastisch angewachsen. Quälend langsam dahinzuckelnde Wohnmobile mit desorientierten Fahrer*innen verstopfen die Single Track Roads, und wie das mit den Ausweichbuchten funktioniert, das hat sich auch noch nicht jede(r) genau angeschaut.

Der Postbote von Duirinish hat es irgendwann satt. Hupend überholt er drei italienische Campervans, die mit müden 20 km/h über den Asphalt kriechen, dann bremst er, steigt aus und liest dem Lenker des ersten Fahrzeugs energisch die Leviten. Er steigt wieder in sein rotes Auto und zischt davon, die eingeschüchterten Camper lassen die lange Schlange, die sich hinter ihnen angestaut hat, endlich passieren. Hoffentlich hält die Zerknirschung noch eine Weile.

Und dann brettern da ja noch die vielen SUVs herum. Schwerer, breiter und vor allem lauter durstiger als die Kleinwagen, die sonst hier immer anzutreffen waren. Gut wegen der dicken Schlaglöcher vielleicht, aber man sieht es den winzigen Sträßchen deutlich an, dass sie für die Lieblingsspielzeuge der oberen Mittelschicht nicht gebaut wurden.

Was macht die Dinger so populär?

Ich glaube, es handelt sich hier um einen klassischen Fetisch: Ein Symbol für etwas, das verloren gegangen ist, und dessen Vorhandensein diesen Verlust zugleich anzeigt und verdeckt: Den Verlust unseres Verhältnisses zur Schöpfung. Wir isolieren uns gegen alle Umwelteinflüsse, wir halten uns die Möglichkeit offen, an jeden Punkt im Gelände ohne körperliche Anstrengung zu gelangen, ohne den unberechenbaren und womöglich widrigen Elementen ausgesetzt zu sein. Der wuchtige Panzer macht uns quasi unverwundbar im Straßenverkehr. So lange man hinter dem Steuer sitzt, kann man sich ein bisschen übermenschlich fühlen.

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In Wirklichkeit sind wir ebenso verwundbar wie die Natur, über die die großen, breiten Räder hinwegrollen. Aber zu beidem haben wir ein gebrochenes Verhältnis: Zur eigenen Schwäche, weil sie uns Angst macht, und zur Natur, die wir zum Erlebnis- und Freizeitpark umfunktioniert haben – einer Kunstlandschaft, die unseren Bedürfnissen entspricht ohne je eigene Ansprüche anzumelden. Sie wird zur beliebig austauschbaren Selfie-Kulisse.

Genauso gilt freilich: Dass Sneakers, Sportklamotten und Jogginganzüge so populär sind, offenbart gerade den Bewegungsmangel, nicht etwa die Sportlichkeit unserer Gesellschaft.

Was man nicht alles lernt, da draußen.

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6 Antworten auf „Schottisches Tagebuch (4): Fetisch auf vier Rädern“

  1. Hi,
    als Schottlandfan (war wenigstens bereits zehnmal dort) lese ich mit Interesse deine Reisebeschreibung.
    Solch ein Campervan-Aufkommen habe ich dort vor vielen Jahren mal erlebt. Italiener und Schweizer waren es damals.
    Über die SUV’s auf solchen Straßen kann ich auch nur den Kopf schütteln.
    Einmal hatte ich einen Vauxhall (Opel) Mokka als Mietwagen. Nie wieder!

    Aber eins irritiert mich: dicke Schlaglöcher auf Singletrackroads? Also ich treibe mich dort überwiegend Out Of The Beaten Tracks herum – also vornehmlich Singletrackroads. Aber dicke Schlaglöcher kann ich nicht bestätigen. Selbst in entlegensten Bereichen nicht. Deutsche Straßen in der Größe sind idR in einem viel schlechteren Zustand.

    1. Dann sind die neueren Datums, aber es waren mehrere schlimme Schlaglöcher auf der Strecke. Leider habe ich keine Fotos gemacht, aber in paar Dutzend richtig große und tiefe waren schon dabei. Zum Teil in den Ausweichbuchten, zum Teil bröselt der Asphalt am Rand und dann wäscht der Regen alles schnell zu einem tiefen Krater aus…

      1. Ich war letztes Jahr an der Westküste – bis ganz in den hohen Norden und auf Mull. Mag es an der Gegend liegen?

    1. Uff, ich hatte zwar schon von dem Touristenandrang auf Sky gelesen. Aber die Bilder von zB dem fairy pools sind geradezu erschreckend. Eigentlich ist dieses Tal wegen seiner Abgeschiedenheit so attraktiv. Aber so …. 🙁

      Einerseits freut mich, dass Schottland gut besucht wird, weil die Einheimischen dort dann davon leben können. Andererseits ist zu viel einfach zu viel. Das dann auch die Straßen leiden, sollte nicht verwundern.
      Auf Mull habe ich auch Iona besucht. Als ich nach langer, schön einsamer Fahrt an der Nordküste entlang dort ankam und diese Menge an Reisebusse und Touristen gesehen habe, war ich erschüttert. Wer dann noch weiß, über welche teils sehr enge Singletrackroads diese großen Reisebusse fahren, um nach Iona zu kommen, wird meinen Missmut darüber evtl. verstehen.

      1. Absolut. Die Insel ist in der Ferienzeit erst zum aushalten, wenn die letzte Fähre nach Mull weg ist. Dann allerdings ist man dem Himmel schon ziemlich nahe 🙂

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