Lieder:liche Beobachtungen

Immer wieder mal beschäftigt mich die Frage, was wir so alles singen und was das transportiert. Und in diesem Jahr wird das Ganze noch etwas eingefärbt durch die vielen Erinnerungen und Rückbesinnungen auf die Reformation. Vor ein paar Wochen habe ich mit Grundschülern Mike Müllerbauers Bratkartoffel-Superpfanne-Song betrachtet und mit Luthers reformatorischer Erkenntnis verglichen. Alle Kinder fanden, Luther hätte das Lied gemocht und eines fügte noch nachdenklich hinzu, wenn es damals schon solche Lieder gegeben hätte, hätte Luther nicht so lange mit seinen Ängsten und Gewissensnöten kämpfen müssen.

Gestern nun habe ich noch eine Weile über Albert Freys „Jesus Erlöser der Welt“ nachgedacht. Das Lied – kein Kinderlied – beginnt ja mit „Was für ein Mensch“ und spielt damit auf Joh 19,5 an. Die folgenden Zeilen stellen mir allerdings nicht den gefangenen und geschundenen Jesus vor Augen, sondern sie sind eine Aufzählung der massivsten Wundergeschichten, die die Evangelien hergeben: Sturmstillung, Seewandel, Weinwunder und Brotvermehrung. Das Übernatürliche steht ganz im Mittelpunkt. Die Heilungswunder, die Gottes Barmherzigkeit im Kontext menschlichen Leides sichtbar machen, fehlen hier zu meiner Überraschung auch.

Im Sinne der Zweinaturenlehre intoniert dann der zweite Vers „Was für ein Gott…“ und handelt von Menschwerdung, Demut und Selbsthingabe. Wobei das konkrete Leiden hier nur angedeutet wird, es bleibt implizit („der alle Schuld dieser Erde … auf sich nimmt“).

Mich hat die Verschiebung des Kontextes interessiert, die in der ersten Strophe gegenüber dem Johannesvangelium stattfindet. Und da kommt wieder Luther ins Spiel, nämlich die Heidelberger Disputation von 1518 und die Frage nach dem Ort der Gotteserkennntnis. Zugegeben – ein strenger Maßstab. Da heißt es unter anderem:

Aber der (verdient ein rechter Theologe genannt zu werden), der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als in Leiden und Kreuz sichtbar gemacht begreift. Das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes – d.h. seine Menschlichkeit, Schwachheit, Torheit – ist dem unsichtbaren entgegengesetzt, wie 1.Kor 1,25 von der göttlichen Schwachheit und Torheit sagt. Weil die Menschen nämlich die Erkenntnis Gottes aufgrund seiner Werke mißbrauchten, wollte nun Gott aus dem Leiden erkannt werden.

Luther wendet sich hier gegen eine metaphysische Gottesvorstellung, die Gott in Gegensatz zu menschlicher Schwäche, Verwundbarkeit und Ohnmacht stellt. Wenn man ausgerechnet das ecce homo so aus der Passion löst, dann liegt der Schluss nahe, dass sich das Göttliche im Menschen Jesus am deutlichsten in den Augenblicken zeigt, wo er souverän die Naturgesetze überstimmt.

Auf der persönlichen Ebene lässt mich das Lied dann auch eher ratlos zurück: Weinwunder und Seewandel gehören nicht zu meinen persönlichen Glaubenserfahrungen. Der Verweis darauf im Lied konfrontiert mich daher mit einer Leerstelle im Erleben. Es weist mich auch nicht an die alltäglichen, im Bereich des Natürlichen und Kreatürlichen angesiedelten Gottesbegegnungen. Es bietet mir an, in die Bewunderung aus der Ferne einzustimmen. Um Nähe und Trost zu finden, muss ich auf ein anderes Lied warten – und erst einmal meine Irritation verdauen.

Hat jemand einen Vorschlag, was ich stattdessen singen könnte? Oder sollte ich mir einfach weniger Gedanken machen?

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