Gibt es so etwas wie „identitäres Christentum“?

Vor ein paar Wochen sah ich in der 3Sat-Mediathek einen Bericht über „Die rechte Wende“. Dort kommt die identitäre Bewegung um Götz Kubitschek ausführlich zu Wort, unter anderem auch Martin Sellner.

Bei Zusehen fühlte ich mich, vor allem bei Sellner, immer wieder mal an Vertreter neokonservativen Christentums erinnert, mal vom Inhalt her und öfter noch war es der Habitus. Seither denke ich nach, woran das liegt. Man sieht die Kubitscheks im Film beim Tischgebet mit Kreuzzeichen.

Edwin Andrade

Gibt es also eine Schnittmenge, und wenn ja, wo liegt sie? In einem autoritären Weltbild? In der Vorstellung einer ehernen Schöpfungsordnung mit fixen Geschlechterrollen und Lebensräumen, die den Völkern und Kulturen seit jeher zugewiesen sind?

Liegt sie in einer bestimmten Art, Identität zu konstruieren – über die ausschließende Differenz,  über essentialistische Vorstellungen (Identität ist etwas Gegebenes und nicht das Resultat vielschichtiger Identifikationsprozesse), über die Naturalisierung historisch bedingter Konstellationen – die sind dann nicht mehr kontingent, sondern notwendig immer schon so, wie sie sind, und wer daran etwas ändert, greift fahrlässig in die gute Ordnung ein?

Und wenn das so ist, wie gehen wir dann mit kirchlichen Bewegungen um, die einen ähnlichen Rollback im Sinn haben wie die Identitären?

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2 Antworten auf „Gibt es so etwas wie „identitäres Christentum“?“

  1. Ja, es gibt hier wohl gewisse Analogien in den Denkstrukturen. Ich meine, dass es sich hier letztlich um eine erkenntnistheoretische/offenbarungstheologische Frage handelt. Es geht um das Selbst und den Anderen – um diese Dimension der Alterität (die mehr ist als Nicht-Identität). Theologisch formuliert könnte das z.B. so aussehen (es wird dabei durchaus auch deutlich, dass Theologie vom Fremden her zu denken und nicht vom selbst hermeneutisch sehr weitereichende Konsequenzen mit sich bringt):
    Gott ist der fremde Gast. Dieses Ereignis ist im Offenbarungsgeschehen bezeichnet. Heisst das,
    das wir uns flüchten in eine unübersichtliche Beliebigkeit der Offenbarung? Nein: Es ist zu vertrauen
    darauf, dass Gott tatsächlich spricht und bereits endgültig gesprochen hat durch Christus. Und doch:
    Christlicher Lebensvollzug geschieht allein auf die Gnade Gottes hin. Die Offenbarung lässt sich
    deshalb nicht domestizieren. Allein die Hoffnung auf Gottes Wort – nicht das vorliegende, die Bibel,
    sondern das sich ereignende, gegebenenfalls durch die Bibel – unterfüttert unsere theologische
    Existenz. Ohne diese Zuversicht, wenn Gottes Offenbarung in der Selbsttranszendenz eines
    subjektiven Selbstbewusstseins gefangen gehalten wird, wird kein Gang ins gelobte Land angetreten,
    sondern wir werden enden in einem Denken des „Heldenstolzes, der Herrschaft und der
    Grausamkeit“

    1. Danke für den Beitrag, Tobias. Theologie vom Fremden her zu denken ist wahrlich eine Aufgabe! Oft genug haben wir Gott quasi weihnachtlich vereinnahmt als „einen von uns“.

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