Öde Ewigkeit?

Im Konfiunterricht gestern kam die Rede auf das ewige Leben und prompt fragte einer, ob das eigentlich wünschenswert sei, ewig zu leben. Immerhin könnte es ja schrecklich langweilig werden.

Das freilich ist die Horrorvorstellung, nicht erst seit Ludwig Thomas Münchner im Himmel – wobei den ja weniger die Ewigkeit schreckte, im Hofbräuhaus hielte er es durchaus ewig aus, sondern eher das ätherisch-Immaterielle der himmlischen Existenz. Die Ewigkeit als bloße Endlosschleife des ewig Gleichen gehört eher in die Reihe der Höllenvisionen. „Schlechte Unendlichkeit“, schreibt Bernhard Waldenfels, und erinnert an den Sisyphus-Mythos.

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Uroš Jovičić

Wie antwortet man auf so einen Einwand? Mir fiel spontan Folgendes ein:

Seit es Menschen gibt, machen sie Musik. Sie singen, sie spielen Instrumente, sie komponieren – Jahrtausende lang. Die Musik der letzten 500 Jahre ist großteils aufgeschrieben, wir kennen sie also. Es sind immer dieselben 8 oder 12 Töne der diatonischen bzw. chromatischen Tonleiter. Und doch ist uns noch nicht langweilig geworden. Im Gegenteil, wenn deine Lieblingsband ein neues Album herausbringst, bist du voller Spannung und Vorfreude. Niemand stellt Berechnungen an, wann der Tag erreicht ist, an dem alles komponiert ist, was komponiert werden kann.

Wenn schon unsere menschliche Kreativität so groß ist, dass wir mit zwölf Tönen 500 Jahre Musik machen können, ohne uns zu langweilen und ohne dass sich alles nur wiederholt, warum sollte es in Gottes Ewigkeit und mit seinem Erfindungsreichtum jemals langweilig werden?

Wäre etwas mehr Zeit gewesen, hätten wir auch noch über G.K. Chestertons Beobachtung reden können, dass kleine Kinder von Wiederholungen kaum genug bekommen können, während Erwachsene davon genervt sind. Für ihn ist das ein Zeichen abnehmender Vitalität. Also stellt er sich Gott in dieser Hinsicht vor wie ein Kind, „jünger als wir“: Er wird nie müde, Gänseblümchen einzeln zu machen und sich jeden Morgen Sonnenaufgänge anzusehen. Und ich denke mir: Vielleicht ist ja auch deshalb Gottes Barmherzigkeit „jeden Morgen neu“.

Irgendwo zwischen diesen beiden Überlegungen spannt sich das weite Feld der ewigen Freude auf.

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6 Antworten auf „Öde Ewigkeit?“

  1. Mir scheint das Problem darin zu liegen, dass wir griechische Ewigkeitsvorstellungen haben und die herrlichen biblischen Bilder vom Reich Gottes nicht mehr durchbuchstabieren. Party mit fettem Fleisch und altem Wein, Schwerter zu Pflugscharen, eine Stadt mit Bäumen, deren Blätter Krankheiten heilen, ernten, was man gesät hat, und abends unter dem Baum sitzen… Das Reich Gottes ist wie das Leben, nur diesmal in richtig!

    1. Ja, unsere Vorstellungen sind definitiv abstrakter und statischer als das, was die Propheten uns ausmalen. Wir haben spätestens seit Newton unwillkürlich Bilder von Planeten im Kopf, die Millionen von Jahren ihre Kreise ziehen: Ein kosmisches Uhrwerk. Da freut sich niemand auf die nächste Runde. Könnte auch babylonisch sein, jetzt, wo ich drüber nachdenke…?

  2. Dazu aus Paul Tillichs Brief an Cécile:

    „Eternal life is not endless duration after death (that would be hell), but it is participation in the eternal out of which our temporal existence comes and to which it returns. One must experience eternaty here and now.“

    Ewigkeit heißt nicht unendlich lange Zeit, sondern ist das Gegenüber der Zeit. Darum „in Zeit und Ewigkeit“.

  3. Ja, der Vergleich mit der Musik: Heute hörte ich Chopins Klavierkonzert Nr. 1 in e-moll in einer Interpretation, die die Melodien als ganz neu erscheinen ließ. Wow.
    Und wenn schon die Wiederholung von einem weltberühmten Konzert das Herz ergreift … Wie cool ist da der Vergleich zum ewigen Himmel.

    1. Apropos „Himmel“ – wer hat sich (außer bei kitschigen Bildpostern) je beschwert, dass Sonnenuntergänge langweilig wären? Wir schauen auch beim tausendsten noch fasziniert dem Spiel der Farben und Schatten zu. Und doch hat das Licht nur drei Grundfarben…

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