Autoren-Archive: Peter

Über Peter

Charismystiker, ökotholisch und kontemplaktiv - reicht das zur Einordnung?

Schwer unter die Haut gegangen sind mir diese Woche die Nachrichten über Foltergefängnisse in Syrien. Einzelschicksale wurden ja kaum geschildert – und trotzdem ist schon die allgemeine Vorstellung unerträglich.

Zugleich habe ich mich gefragt, warum in solchen Diktaturen dieses üble Schmierentheater aufgeführt wird: Geständnisse werden durch Folter erzwungen, darauf folgen geheime gerichtliche Eilverfahren und dann die ebenso geheime Hinrichtung. Wozu die ganze Mühe, warum ermordet man die Leute nicht sofort? Wäre das alles nicht viel einfacher?

Drei Gründe fallen mir ein:

  • Die Auftraggeber brauchen für sich selbst den Anschein, wenigstens formal so etwas wie Recht angewandt zu haben. Da ist dieser perverse Wunsch, irgendwie als gut zu erscheinen, auch wenn man das ganz offenkundig nicht ist.
  • Die Opfer werden zusätzlich gequält und gedemütigt, wenn ihnen eine theoretische Chance vorgegaukelt wird, sich zu rechtfertigen und zu retten, und die Gewalt, die ihnen angetan wird, als rechtens deklariert wird.
  • Die Handlanger des Systems machen bereitwilliger mit, wenn man ihnen diesen Selbstbetrug anbietet und ihr Tun als irgendwie rechtmäßig ausgibt.

Ich vermute, die dritte Antwort ist die wichtigste. Und deswegen ist es so eminent wichtig, diese Verbrechen zu dokumentieren und dem Regime bei jeder Gelegenheit den Spiegel vorzuhalten. Die Anstifter oben in der Befehlskette werden wir kaum überzeugen. Aber wir können es ihnen etwas schwerer machen, Helfershelfer zu finden. Und den vorhandenen Helfershelfern wird es nicht mehr möglich sein, aus Unwissenheit zu plädieren, wenn das Regime stürzt.

Im kleineren Maßstab gilt das auch hier: Die Populitiker, die Flüchtlinge trotz offensichtlicher Lebensgefahr ins vermeintlich "sichere" Afghanistan abschieben wollen, werden sich kaum von unseren Protesten beeindrucken lassen. Aber es gibt vielleicht Polizisten und Beamte, die einen so fragwürdigen Beschluss nicht ausführen wollen. Je mehr das sind, desto schwieriger wird es für die Regierungen.

Die Dickfelligkeit der Mächtigen darf uns nicht dazu verleiten, leiser zu werden. Auch der ohnmächtige Protest ist nicht ganz so ohnmächtig, wie er scheint. Er erreicht nicht jedes Gewissen, aber doch einige. Diese Woche habe ich Micha 6 gelesen und nicht am Ende von Vers 8 die Bibel zugeklappt. So geht es weiter in Sachen Recht und Unrecht, falls jemand mal Worte und Vorbilder sucht:

Horcht! Der Herr ruft der Stadt zu: [Klug ist es, deinen Namen zu fürchten.] Hört, ihr Bürger und Räte der Stadt!

Kann ich die ungerecht erworbenen Schätze vergessen, du Haus voller Unrecht, und das geschrumpfte Maß, das verfluchte? Soll ich die gefälschte Waage ungestraft lassen und den Beutel mit den falschen Gewichten?

Ja, die Reichen in der Stadt kennen nichts als Gewalttat, ihre Einwohner belügen einander, jedes Wort, das sie sagen, ist Betrug. Deshalb hole ich aus, um dich zu schlagen und dich wegen deiner Sünden in Schrecken zu stürzen.

Du wirst essen, doch du wirst nicht satt; Schwindel wird dich befallen. Was du beiseite schaffst, rettest du nicht; was du rettest, übergebe ich dem Schwert. Du wirst säen, aber nicht ernten; du wirst Oliven pressen, aber dich mit dem Öl nicht salben; du wirst Trauben keltern, aber den Wein nicht trinken.

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Seit ein paar Wochen ist Ulrich Becks postum erschienenes Buch „Die Metamophose der Welt“ auch auf Deutsch auf dem Markt. Ich fand es in mehrfacher Hinsicht sehr anregend und hilfreich. Vielleicht gerade in Zeiten wie diesen. Beck setzt sich darin mit der Weltrisikogesellschaft auseinander, die in den letzten Jahrzehnten durch die Globalisierung und Kosmopolitisierung der Welt entstanden ist.

Er kommt darin zu dem Schluss, dass wir es mit einem ganz neuen Typus von Wandel und Veränderung zu tun haben. Die Entwicklungen, die er beschreibt, verlaufen nicht einfach nur etwas schneller als bisher (aber mehr oder weniger in dieselbe Richtung), sondern sie führen in Situationen, in denen uns die Begriffe und Konzepte ausgehen. Vor allem aber versagen viele Institutionen, deren Aufgabe es wäre, für Stabilität und Berechenbarkeit zu sorgen:

Es handelt sich bei der Weltrisikogesellschaft um eine gesellschaftliche Formation, in der die hingenommenen, akkumulierten Nebenfolgen von Milliarden habituellen Handlungen die existierende soziale und politische, institutionelle Ordnung haben obsolet werden lassen. (S. 72)

Herkömmliche Begriffe wie Transformation werden in der Regel für zielgerichtete, planvolle, kontrollierbare und schrittweise Veränderungen verwendet. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess. Anders die Metamorphose: Sie tritt ungeplant ein, Ausgangspunkt und Ergebnis stehen in einem eher losen Zusammenhang. Wie in der Biologie löst sich erst einmal alles auf und verliert seine Form und Konturen. Und während bei Weltrisikogesellschaft die Akzent noch auf den unerwünschten Nebenwirkungen der Modernisierung lag, liegt er nun auf den positiven Nebenwirkungen der global produzierten Risiken. Das ist etwas Neues:

Während die Konflikte, die sich an Revolutionen des Weltbilds entzündeten, Jahrzehnte, selbst Jahrhunderte währten, und die Folgen der französische Revolution sich über die vergangenen 200 Jahre erstreckten, … spielt sich die Metamorphose der Welt in Weltsekunden ab, in einer Geschwindigkeit, die nicht weniger als unfassbar ist, und infolgedessen überrennt und überwältigt sie nicht nur den einzelnen, sondern auch die Institutionen. Und aus diesem Grund entzieht sich die Metamorphose, obwohl sie sich unmittelbar vor unseren Augen abspielt, den Konzeptualisierungen der Sozialwissenschaften fast vollkommen. Und aus diesem Grund auch haben so viele heute den Eindruck, dass die Welt aus den Fugen ist. (S. 81)

Und so verläuft die Metamorphose auf drei Ebenen zugleich: Kategorial in unserem Weltbild, institutionell in unserem „in-der-Welt-Sein“, und normativ-politisch, indem neue Handlungsoptionen entstehen. Eine sehr spannende Vorstellung.

Etwas beunruhigend ist für mich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Beschreibungen des Wandels, die mir im kirchlichen Kontext begegnen, eher darauf beruhen, dass man die Entwicklungen der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit extrapoliert und fortschreibt und sich dann Gedanken macht, wie damit möglichst kontrolliert umzugehen wäre. Wenn Beck Recht hat (und es spricht viel dafür), dann wird das vorne und hinten nicht ausreichen. Dann müssten wir darüber nachdenken, wie wir uns alle darauf vorbereiten, mit dem gänzlich Unerwarteten und Unkontrollierbaren fertig zu werden. Davon höre und lese ich wenig.

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Viel früher als normal wachte ich heute morgen auf mit vagen Erinnerungen an den Traum, den ich gerade gehabt hatte. Das ist nicht sehr häufig der Fall. Aber noch bemerkenswerter war der Inhalt des Traumes. Vielleicht ist es deshalb sinnvoll, das festzuhalten.

Ich war mit einer Gruppe von Leuten in einem flachen Landstrich entlang einer Staatsgrenze zu Fuß unterwegs. Deutschland war es nicht. Plötzlich rief jemand nach mir und ich sah auf der anderen Seite der Grenze, die ein loser Stacheldraht markierte, einen Verletzten liegen. Der Mann brauchte medizinische Hilfe, Schutz gegen die Kälte und etwas zu essen. Ich versuchte, meinen Arm unter dem Draht durchzuschieben und ihm etwas zu geben von dem, was ich zufällig bei mir trug. Für einen humanitären Einsatz war ich gar nicht ausgerüstet.

Dann aber stürmten – noch in einiger Entfernung – Bewaffnete aus dem Gebüsch, riefen irgendwelche Kommandos und begannen zu schießen. Ich ging in Deckung und versuchte, unsere nahegelegene Unterkunft zu erreichen. Die anderen Mitglieder der Gruppe kamen ebenfalls aus unterschiedlichen Richtungen angerannt.

Was mit dem Verletzten geschah, weiß ich nicht. Das war der Moment, an dem ich aufwachte und nicht mehr einschlief. Ich kann mich nicht erinnern, überhaupt jemals eine Kriegsszene geträumt zu haben.

Aber es ist eben 2017.

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Mexikos Präsident hat das Treffen mit dem mächtigsten Mann der Welt abgesagt. Das ist keine Überraschung, wenn man betrachtet, wie zwischenmenschliche Kooperation funktioniert: Die meisten Menschen lehnen unfaire Angebote ab, selbst wenn sie dafür selbst Nachteile in Kauf nehmen müssen. Mexiko „mauert“ auf der Kommunikationsebene zurück: Eskalation statt Kooperation.

Der Anthropologe Mike Tomasello hat das intensiv erforscht: Wir Menschen zeichnen uns durch eine ausgeprägte Kooperationsfähigkeit aus. Wir sind dabei auch in der Lage, mit einer gewissen Selbstlosigkeit zu handeln, oder besser ausgedrückt, mit einem Blick auf das Gemeinwohl. Das unterscheidet uns von Primaten:

Affen sind rationale Maximierer und am Teilen so gut wie gar nicht interessiert. Im Gegensatz zu Menschen, die sich von früh an hüten, allzu unfaire Angebote zu machen, weil sie wissen, dass ihre Mitspieler genauso wie sie selbst solche durchaus zurückweisen, obwohl sie dann gar nichts bekommen.

"Teilen lernt nur, wer es schon kann“ steht über dem Bericht, den die FAZ damals zu Tomasellos Thesen geschrieben hat. Im Blick auf Donald Trump lässt diese Feststellung leider nur wenig Hoffnung aufkommen. Selbst Wahrheit und Fakten sind sein Exklusivbesitz.

Im Blick auf seine Wähler jedoch stellt sich die Frage nach der Fairness um so mehr: Wer sich als Verlierer fühlt, der sabotiert das Spiel eben auch dann, wenn er sich selbst dabei am meisten schadet. Genau davon profitieren die Rechten derzeit so massiv. Leider sind in diesem komplexen Spiel (anders als in bilateralen Szenarien wie zwischen zwei Regierungen) so viele verschiedene Akteure beteiligt, dass die Strafaktion oder der Protest sehr wahrscheinlich die falschen trifft – nämlich die, die auf allen Seiten der Mauer am Verwundbarsten sind.

Generell lautet der kategorische Imperativ in einer kosmopolitisierten Zeit „cooperate or die“, wie Ulrich Beck in Die Metamophose der Welt kurz und knackig formulierte. Mit Unabhängigkeitserklärungen hingegen lösen wir die unsere Probleme im 21. Jahrhundert nicht mehr. Wer, wie Tomasellos Primaten, vor allem auf einseitige Maximierung des Gewinns aus ist und jeden Deal als Nullsummenspiel betrachtet, der kann damit kurzfristig Erfolg haben.

Allerdings geht das dann zwangsläufig auf Kosten der Gemeinschaft, wie das Gefangenen-Dilemma zeigt. Wer also nicht vertrauen und teilen kann, der ist wirklich arm dran.

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Wie kann man nach einer solchen Woche predigen, in der Bernd Höcke das Holocaust-Gedenken und die Erinnerungskultur als Schande bezeichnet und in der Donald Trump vor und nach seinem Amtsantritt als US-Präsident alles als Lüge und Fake beschimpft, was seine Eitelkeit verletzt?

Und was haben solch schrille Töne zu tun mit den schleichenden Verunsicherungen und Auflösungstendenzen, die auch christlichen Gemeinden zu schaffen machen, weil Beziehungen oberflächlicher werden und Menschen in der Konsumgesellschaft des Neoliberalismus allein bleiben? Hier trifft die Nachrichtenlage und die Identitätspolitik auf unsere Alltagsfragen und -nöte.

Was haben wir solchen Kräften, die auf viele verängstigend und zersetzend wirken, entgegenzusetzen? Wie muss eine christliche Identität im 21. Jahrhundert gestrickt sein, damit sie kein Fake ist – also auch nicht der Versuch, "die Fragen, die der Modernisierungsprozess aufwirft, ideologisch zu entsorgen“, wie Ulrich Beck das dem um „hergestellte und herstellbare Fraglosigkeit“ bemühten Biologismus, ethnischen Nationalismus, Neorassismus oder dem militanten religiösen Fundamentalismus vorwirft?

Welche Praxis des Glaubens und welche Vorstellung von Evangelium und Kirche hat also Aussicht auf Bestand und kann zum Frieden in der Welt beitragen?

Die Antwort habe ich im Blick auf ein anderes Mahnmal der Schande – das Kreuz – (und mit einem kurzen Seitenblick ins aktuelle Philosophie-Magazin) versucht, halbwegs allgemeinverständlich zu formulieren. Wenn Euch das Ergebnis interessiert, könnt Ihr den Mitschnitt hier anhören und dort die Kernsätze mit- oder nachlesen.

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Der Soziologe Zygmunt Bauman ist kürzlich gestorben. Es gibt wenige Autoren, die meinen Blick auf die Welt in den letzten zehn Jahren so nachhaltig beeinflusst haben wie der Mann aus Posen, der zwei Diktaturen erlebte. Es war vor allem seine differenzierte Sicht der gesellschaftlichen Veränderungen, die er „flüchtige Moderne“ nannte. Das war ein großer Fortschritt gegenüber viele diffusen und gelegentlich auch reichlich konfusen Konzepten von „Postmoderne“. Wir alle leben in der Flüchtigen Moderne, ob wir nun dem Postmodernismus zuneigen oder nicht (selbst dessen erbittertste Feinde, fand Bauman, die Fundamentalisten religiöser und atheistischer Färbung, sind allesamt typische Exemplare dieser zweiten Moderne).

Als kleine Verbeugung vor dem großen Mann habe ich im letzten Kapitel von Terry Eagletons „Culture and the Death of God“ geblättert, von dem ich den Eindruck habe, dass hier ganz ähnliche Gedanken (nun aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers) auftauchen. Es wirkt wie ein Echo auf Baumans Thesen. Vielleicht finden es ja auch andere tröstlich, dass seine Ideen und Entdeckungen weiterleben.

Eagleton hat nachgezeichnet, wie im Laufe der Säkularisierung verschiedene Dinge als Platzhalter für „Gott“ ins Spiel gebracht wurden: Die Vernunft, die Kultur, die Geschichte, die Nation, die Ästhetik, die Menschheit (bis hin zu Nietzsches Übermenschen) – all das hatte eine transzendente Dimension. Gott war zumindest in seiner Abwesenheit präsent, und die Lücke, die er bei denen hinterließ, die nicht mehr an ihn glaubten oder nicht mehr von ihm sprechen wollten, blieb durch diese Platzhalter sichtbar:

Während der Modernismus den Tod Gottes als Trauma erfährt, als einen Affront, gleichermaßen eine Quelle der Angst wie ein Grund zum Feiern, erfährt der Postmodernismus ihn gar nicht mehr. Es gibt in der Mitte des Universums kein gottförmiges Loch, […] es gibt überhaupt keine Lücke mehr in diesem Universum. […] Das postmoderne Subjekt tut sich schwer, in sich selbst genug Tiefe und Kontinuität zu finden, um ein geeigneter Kandidat für tragische Selbstaufgabe zu werden. Man kann nichts aufgeben, was man nie besessen hat. Wenn es keinen Gott mehr gibt, dann zum Teil deshalb, weil es keinen geheimen, inneren Ort mehr gibt, wo er sich einstellen könnte. (S. 186)

Wenn aber weder die Einheit des Subjektes noch die Einheit der Welt einen sicheren Ausgangspunkt des Denkens bildet, dann ist auch für den einen Gott kein konzeptioneller Raum mehr vorhanden. Der Mensch hört auf, sich als intentional und schöpferisch zu betrachten. auch das hat mit einem Wandel der Gesellschaft zu tun, und zwar einem, der auch Bauman intensiv beschäftigt hat:

Konsumenten sind passive, diffuse, vorläufige Subjekte – so wird der Allmächtige traditionellerweise nicht dargestellt. Solange Menschen als Produzenten, Arbeiter, Hersteller, Gestalter ihrer selbst angesehen werden, kann Gott nie völlig erlöschen. Hinter jeder produktiven Tätigkeit lauert ein Bild der Schöpfung, und ein schöpferischer Akt im besonderen – die Kunst – konkurriert mit dem Allmächtigen selbst. Aber nicht einmal er kann den Advent des Menschen als des ewigen Konsumenten überleben. (S. 190)

Das neue absolute Prinzip ist die Kultur. Alles ist Kultur, alles ist kulturell erzeugt und überformt, jedes Nachdenken darüber ist wiederum ein kulturelles Geschehen; Kultur ist unhintergehbar, aber sie ist nicht mehr transzendent, sondern nur noch transzendental - die Bedingung der Möglichkeit all dieser Phänomene. Das wirkt sich auch auf postmoderne Religiosität und Spiritualität aus:

Spiritualität ist das Bedienen von Bedürfnissen, die einem die Stylistin oder der Aktienhändler einem nicht erfüllen kann. Doch im Grunde ist diese ganze Zweite-Hand-Jenseitigkeit nur eine Form des Atheismus. Ein Weg, sich erhaben zu fühlen ohne die krasse Unannehmlichkeit Gottes. (S. 191f.)

Ebenso werden Überzeugungen und Glaubensansichten postmodern zu Accessoires, die man eher zu ästhetisch-dekorativen Zwecken benutzt, als dass man sich ihnen bleibend verpflichtet fühlen würde. Die Suche nach Glaube und Gewissheit wird dagegen prinzipiell wahlweise als Schwäche diffamiert oder als erster Schritt zu einem tyrannischen Dogmatismus. Eagleton kommentiert:

Überzeugung setzt eine Einheitlichkeit des Selbst voraus, die sich nur schwer verträgt mit dem flatterhaften, adaptiven Subjekt des fortgeschrittenen Kapitalismus. Außerdem ist zuviel Lehrmeinung schlecht für den Konsum. Sie ist außerdem aus der Mode, weil der Glaube die Gesellschaft nicht zusammenhält wie die Lutherische Kirche oder die Pfadfinderbewegung. Der Kapitalismus mit seinem Hang zum Pragmatischen, Utilitaristischen, vor allem in seiner postindustriellen Inkarnation, ist eine zutiefst glaubenslose Gesellschaftsordnung. Zu viel Überzeugung ist für dein Funktionieren weder notwendig noch wünschenswert.

… Die Glaubenslosigkeit des fortgeschrittenen Kapitalismus ist in seinen praktischen Routinen eingebaut. Sie ist nicht primär eine Frage der Frömmigkeit oder Skepsis seiner Bürger. Der Markt verhielte sich auch dann noch atheistisch, wenn jeder Marktteilnehmer ein wiedergeborener Evangelikaler wäre. (S. 195f.)

Mit dem Ende des kalten Krieges dachten viele, es sei nicht nur das ende der Geschichte gekommen, sondern auch das Ende aller großen, sinnstiftenden Erzählungen. Und hier beginnt die große Ironie des 21. Jahrhunderts:

Kaum war eine gründlich atheistische Kultur auf den Plan getreten, eine, die nicht mehr ängstlich diesem oder jenem Platzhalter für Gott anhing, setzte sich die Gottheit mit Nachdruck wieder auf die Tagesordnung. Die beiden Ereignisse sind keineswegs unzusammenhängend: Der Fundamentalismus hat seine Ursache in der Angst, weniger im Hass. Er ist die pathologische Denkweise all jener, die fühlen, dass in einer schönen neuen spätmodernen Welt gescheitert sind, und von denen einige schlussfolgern, dass sie auf ihre unterbewertete Existenz nur dadurch aufmerksam machen können, dass sie eine Bombe im Supermarkt explodieren lassen. (S. 197)

Der Allmächtige wurde anscheinend in seinem Sarg gar nicht sicher festgenagelt. Er hatte einfach nur die Adresse geändert, er emigrierte in den Bible Belt der USA, die Evangelikalen Gemeinden Lateinamerikas und die Slums der arabischen Welt. Und sein Fanclub wächst stetig an. (S. 199)

Eagleton macht sich ausgiebig lustig über die Versuche der politischen Linken (er nennt z.B. Agamben, Zizek, Badiou, Habermas und de Botton) das humanitäre und soziale Potenzial der Religion (zumal der christlichen) zu instrumentalisieren, ohne sich auf ihre inneren Überzeugungen jemals ernsthaft einzulassen und den eigenen Materialismus in Frage zu stellen.

Bauman hat sich, so weit ich sein Werk kenne, nie als religiöser Mensch geäußert. Anders Eagleton, der damit über Bauman hinausgeht und diesen Gedankengang schließt, indem er – zutreffend, wie ich finde – schreibt:

Dem christlichen Glauben geht es jedoch nicht um moralische Erbauung, politische Einheit oder ästhetischen Charme. Er setzt auch nicht bei irgendeiner ominös-verschwommenen ‚unendlichen Verantwortung‘ an. Er beginnt mit einem gekreuzigten Leib. (S. 206)

… Wenn religiöser Glaube von der Bürde befreit wäre, soziale Ordnungen mit Rechtfertigungen ihres Vorhandenseins zu möblieren, dann wäre er frei, seinen wahren Zweck wiederzuentdecken als Kritik all solcher Politik. So gesehen läge sein Heil in seiner Überflüssigkeit. Das Neue Testament sagt kaum etwas über staatsbürgerliche Verantwortung. Es ist überhaupt kein „zivilisiertes“ Dokument. Es zeigt keinerlei Begeisterung für gesellschaftlichen Konsens. […] Es untermauert nicht die Feld-Wald-und-Wiesen-Moral, sondern bringt die äußerst unbequeme Nachricht, dass unsere Lebensformen eine radikale Auflösung durchmachen müssen, wenn sie als gerechte und barmherzige Gemeinschaften wiedergeboren werden sollen. Das Zeichen dieser Auflösung ist die Solidarität mit den Armen und Ohnmächtigen. Hier könnte eine neue Konfiguration von Glaube, Kultur und Politik geboren werden.

Dazu in ein paar Tagen mehr.

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Alle Schafe in meiner Herde erinnern sich noch an den Tag des sprechenden Feuers. Seither ist nämlich nichts mehr so, wie es war. Das kommt davon, wenn man zu weit geht.

Keines von uns kann sich an die Zeit erinnern, als Mose noch nicht da war. Aber uns allen fiel auf, dass er nicht wie die anderen Hirten war. Die älteren unter uns wussten noch von ihren Eltern und Großeltern, dass er irgendwann vor einem halben Menschenleben und von irgendwoher bei Jethros Sippe auftauchte. Er blieb, und weil er keinen anderen Beruf erlernt hatte, bekam er eine Herde Schafe zugeteilt.

Wir kannten Mose nur als jemand, der in sich zu ruhen schien. Er wirkte versöhnt mit sich und seinem Leben, wenn er abends am Feuer saß und zu den Sternen hinaufschaute. Aber das war nicht immer so: Anfangs soll er rastlos und gehetzt gewirkt haben. Immer wieder suchten seine Augen den südlichen Horizont über der Steppe ab und wenn sie etwas entdeckten, dann wurde der Griff um seinen Stock so fest, dass die Fingerknöchel weiß waren. Dabei wollte außer uns und seiner Frau eigentlich nie jemand etwas von ihm. Angst und Fluchtreflex wichen irgendwann einer Leere und tiefen Resignation. Dann mussten wir Schafe ihn fast dazu antreiben, neues Weideland zu finden oder uns zum Wasserloch zu lotsen. Sein Gang war ungelenk und schwerfällig. Er schien durch uns hindurchzusehen, als wären wir Rauch- oder Nebelschwaden. Innerlich war er meilenweit weg. Aber er fand den Weg zurück. Zurück in das Hier und Jetzt, in die staubige, sonnenverbrannte und schweißgetränkte Wirklichkeit. Irgendwann lachte er wieder. Und manchmal summte er sogar ein Lied.

Den ängstlichen und den abwesenden Mose hätten wir durchaus ziehen lassen. Aber der Abschied vom angekommenen Mose traf uns alle ziemlich hart.

Ich muss sagen, ich hatte schon ein schlechtes Gefühl, als wir an jenem Tag den Rand der Steppe überschritten und uns in die Wüste hinein bewegten. Es hatte doch seinen guten Grund, dass Mose uns bisher nie dorthin geführt hatte. Was außer Sand und Felsen, Leere und Gefahr erwartet einen dort? Das Irritiendste daran war, dass wir alle das Gefühl hatten, Mose wisse nicht so recht, was er dort wolle. Aber das wäre doch das Mindeste, was man als Schaf von seinem Führer/Hirten erwarten kann! Zögerlich trotteten wir also hinter ihm her. Aber er schien unseren Bummelstreik gar nicht zu bemerken, und irgendwann gaben wir ihn dann auch auf. Etwas Unbekanntes zog diesen Menschen an.

Ebenso unvermittelt, wie er losmarschiert war, blieb er auf einmal stehen und kniff die Augen zusammen. „Versucht er, sich an den Rückweg zu erinnern?“, fragte ich mich besorgt und ärgerte mich nicht zum ersten Mal, dass ich seine Sprache nicht sprechen konnte und er die unsere so schlecht verstand.

Irgendwann fiel uns auf, dass er einen brennenden Busch anstarrte.

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Feuer finden wir Schafe nicht attraktiv. Wir brauchen es nicht wie die Menschen, um uns daran zu wärmen oder damit Essen zuzubereiten. Wir können es weder anzünden noch löschen. Aber wir wissen genau, wie schnell es sich in trockenem Gras und Gebüsch ausbreitet und wie gefährlich das werden kann. Abstand wahren heißt daher die Devise, die wir schon im Lämmergarten lernen. Doch das war kein gewöhnliches Feuer. Es flackerte, aber kein Rauch schien aufzusteigen, kein Zweig knisterte und fiel glühend zu Boden. Hitze hätte man in der flirrenden Wüstenluft ohnehin kaum bemerkt.

Was war das?

Das Feuer rief Mose beim Namen. Es sprach nicht in der Sprache der Midianiter und auch nicht in der der Ägypter, die Mose ab und zu benutzte, wenn er einen Fluch ausstieß. Mose antwortete in derselben Sprache: „Hinneni - hier bin ich.“ Das Feuer sagte zu Mose, er solle näher kommen und die Schuhe ausziehen. Barfuß stand er auf dem nackten Fels vor dem Feuer, das im Busch war und doch nicht da war oder wenigstens nicht so, wie ein gewöhnliches Feuer da ist und brennt. Es war eine Anwesenheit, die sich nicht greifen ließ – nicht mit Händen, nicht mit Worten – die aber deswegen nicht weniger wirklich zu sein schien. Und sie war ausgesprochen packend: Die Worte gingen nicht einfach nur ins Ohr, sondern sie schienen wie die Wärme der Wüstensonne ohne erkennbaren Widerstand die Haut zu durchdringen und tief ins Innere hineinzustrahlen.

Mose war wieder verstummt.

Aus der Ferne war schwer zu verstehen, was das Feuer ihm sagte. Anscheinend ging es um Menschen, die Mose kannte und über deren kritische Lage er Bescheid wusste. Zumindest fragte er kein einziges Mal nach. Er stand einfach nur da, starrte in die Flammen und nickte ab und zu fast unmerklich mit dem Kopf. Aber je länger er so dastand, desto mehr richtete sich sein Rücken auf. Sein Körper spannte sich wie die Sehne eines unsichtbaren Bogens, und die Schultern wirkten auch schon breiter als noch vor einigen Minuten.

Das Feuer sprach inzwischen weiter von einem Land, wo Milch und Honig fließen. Ich dachte, jetzt übertreibt es aber maßlos. Wo bitteschön gibt es sowas? Aber Mose schien in dieser unwirtlichen Umgebung förmlich riechen und schmecken zu können, was ihm zu Ohren kam. Vor uns stand nicht mehr der Hirte, der seinem Schwiegervater half und dessen Leben den Bahnen das gewohnten Alltags folgte, sondern jemand, der nach einem langen und tiefen Schlaf aufgestanden war. Hellwach lauschte er der Stimme.

Nach einer Weile wurde es still und das Feuer ging aus. Doch es war nicht weg: Als Mose uns entgegenkam, auf nackten Sohlen, die Schuhe in der Hand, sah ich es in seinen Augen leuchten. Und ich erkannte etwas vom Tonfall der Feuerstimme wieder, als er uns rief, um den Heimweg anzutreten.

Mich überkam ein seltsames Gefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte: Eine Spur von Traurigkeit, als hätte ich etwas Wertvolles verloren, gepaart mit dem Wunsch, sich wie ein Adler aufschwingen zu können, hoch hinauf in die wirbelnde Luft, um den Horizont abzusuchen und es zu finden. Es war, als würde sich in mir alles ausdehnen – Kummer, Verletzlichkeit, Verlangen, Hoffnung, Mut – als wäre meine Seele eine dieser Wüstenpflanzen, die in der Trockenheit verschrumpeln und dann beim ersten Regen ihre Blätter nach allen Seiten recken; als hätte das frische Wasser dieser Begegnung den alltäglichen Durst gestillt und einen noch tieferen geweckt.

Das war nicht mein Gefühl – Schafe empfinden so etwas eigentlich nicht, es schwappte nur über mich hinweg und ließ dann wieder nach. Aber ich habe an diesem Tag etwas Entscheidendes über die Menschen gelernt: Sprechendes Feuer kann in ihnen wohnen. Und wenn es einen erfasst hat, springt es zum nächsten. Es gibt den Alten die Frische der Jugendlichkeit und Jugendlichen die Festigkeit des Alters. Die Grenzen des Möglichen werden neu gezogen. Denn das erste, was das Feuer in ihnen verbrennt, ist Gleichgültigkeit, Abstumpfung und Resignation. Das zweite ist Angst und Sorge, der verkümmerte Geist. Menschen sind merkwürdig: Sie können sich verändern und zugleich mehr denn je sie selbst werden. Und wenn das Feuer sie packt, zieht notfalls einer allein los und nimmt es mit einem Tyrannen auf.

Wie es mit Mose weiterging? Das wisst Ihr bestimmt viel besser als ich. Wir haben ihn damals an das Feuer aus der Wüste verloren. Aber mein Gefühl sagt mir, die Welt der Menschen hat an jenem Tag einen Fackelträger der Hoffnung gewonnen. Das sprechende Feuer ist immer noch in der Welt unterwegs. Wenn es bei Euch vorbeikommt - jetzt wisst Ihr ja Bescheid.

Und denkt daran, die Schuhe auszuziehen.

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Die Weihnachtsgeschichte lässt sich aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten und erzählen. Die weihnachtliche Lesung aus dem 2. Samuel 7 bringt zum Beispiel König David ins Spiel. Ich fragte mich beim Lesen: Wie hätte David wohl die Geburt Jesu von Nazareth erlebt? Was wäre ihm dabei durch den Kopf gegangen, wenn er hätte zuschauen dürfen?

(Vielleicht hat er ja tatsächlich…?)

Ich stelle mir das ungefähr so vor: Irgendwo in den himmlischen Wohnungen geht ein Engel den Flur entlang, klopft an einer Tür, wartet eine Weile und öffnet sie dann vorsichtig. Aus dem Zimmer hören wir laute Musik – sie erinnert verdächtig an Leonhard Cohens berühmtes „Hallelujah“ –, die mitten im Lied abbricht. „Ja, bitte, was gibt’s?“ fragt eine Stimme.

„Ich sollte doch Bescheid sagen, David, wenn es so weit ist“, sagt der Engel. „Der Countdown läuft bereits, in ein paar Minuten geht es los. Die Live-Übertragung hat schon begonnen. Der Allmächtige hat Dir einen Platz in auf der Kommandobrücke freigehalten. Stell deine Harfe in die Ecke und komm mit.“

„Augenblick, Metatron“, sagt David, „ich muss nur schnell noch diesen magischen Akkord notieren, dann bin ich so weit.“ „Beeil dich“, sagt der Engel, „Was du gleich siehst, reicht garantiert für mindestens hundertfünfzig neue Psalmen!“ Und wenige Augenblicke später eilen der Engel und David den Flur entlang Richtung Kommandobrücke, die ein bisschen wie Raumschiff Enterprise aussieht. Dort angekommen, nehmen sie auf zwei Sesseln Platz, und Metatron sagt: „Bild auf Schirm eins, bitte!“

Ein großer Bildschirm leuchtet auf und von oben sieht man das Tote Meer, den See Genezareth, Jordantal, Hügelland und Sinai-Halbinsel. „Ihr habt die Sessel erneuert, seit ich das letzte Mal da war“, sagt David. „Ist ja auch schon eine Weile her“, antwortet Metatron. „Stimmt,“ sagt David, „ich konnte lange nicht mehr hinsehen. Es war einfach zu deprimierend. Mach mal das Bild größer, ich erkenne noch gar nichts.“

„Kommt schon“, sagt Metatron. „Jetzt kannst Du schon einzelne Hügel und Ortschaften erkennen. Das große oben am Bildrand ist Jerusalem.“ „Ach Jerusalem. Wenn ich gewusst hätte, wie schnell meine Nachfolger das herunterwirtschaften und wie die Babylonier schließlich alles platt machen, dann hätte ich mir nicht so viel Mühe gegeben mit dem Bauen.“

Metatron antwortet: „Inzwischen sieht es wieder recht imposant aus.“ „Ja“, sagt David, „aber das war doch alles dieser Gauner Herodes. Am kaiserlichen Hof in Rom gibt er das Schoßhündchen, das Augustus (der hält sich übrigens für einen Gott, wusstest du das?) aus der Hand frisst, und bei seinen eigenen Leuten ist er als übler Schlächter verschrien. Das einzige, was er wirklich kann, ist Geld für seine Protzbauten auf den Kopf zu hauen. Das mag ich mir nicht anschauen. Irgendwann baut er noch einen Turm, der an den Wolken kratzt und schreibt seinen Namen in goldenen Buchstaben drauf. Aber sag mal, was ist der andere Ort da unten, der jetzt näher kommt?“

„Das ist Bethlehem“, sagt Metatron. „Bethlehem!“ seufzt David. „Lange habe ich es nicht mehr gesehen. Groß ist es geworden! Und jetzt erkenne ich auch die Hügel wieder. Da, hinter diesem Olivenhain, habe ich immer unsere Schafe gehütet. Eine schöne Zeit war das! Das ganze Leben war noch so gemächlich. Abends hatte ich Zeit zum Harfe spielen, ich musste keine Lageberichte lesen, Steuerlisten erstellen, Ernennungsurkunden unterschreiben – dieser ganze Verwaltungskram kann einem das Königsein ja wirklich vermiesen. Und guck mal, da stehen ja immer noch Schafe. Ganz wie früher. Seh’ ich das richtig: Brennt da ein Feuer, und ein paar Hirten sitzen daneben?“

In diesem Moment geht die Türe auf. Mose und Elija kommen herein. Mose stellt eine Schale mit Manna-Chips auf den Tisch und Elija eine Flasche Wein vom Berg Karmel. „Oh, Hirten und Schafe!“ sagt Mose, als sein Blick auf den Bildschirm fällt. „Meine besten Erinnerungen. Nicht halb so anstrengend, wie später die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste zu scheuchen. Aber wer sind die anderen Leute da im Bild?“

Metatron erklärt: „Er heißt Joseph, sie Maria. Sie suchen gerade noch ein Nachtlager. Es eilt ein bisschen, sie ist nämlich hochschwanger.“ Und David fügt stolz hinzu: „Wir sind übrigens verwandt! Joseph stammt aus meiner Familie, also ist auch das Kind, das bald zur Welt kommt, mein Nachkomme.“

„Na endlich, David“, sagt Elija. „Mit deinen Erben lief es ja nicht immer rund. Und was musste ich mich rumärgern mit Königen in Israel. Ein Friedefürst war gewiss nicht darunter. Dafür haufenweise Windbeutel: geldgierig, arrogant und nachtragend. Und das soll jetzt alles besser werden?“

„Allerdings,“ gibt David zurück, „das hat Nathan ja damals schon prophezeit: Einer kommt, der die Krone wirklich verdient hat. Und der behält sie dann auch.“

Elia schaut etwas verwundert: „Apropos Krone: sehr vornehm schauen die zwei ja nicht aus…“

Metatron hält dagegen: „Na gut, aber David war’s ja auch nicht, bis Samuel ihn fand.“ „Genau,“ sagt David, „und zwar bei den Schafen, da unten.

Mose runzelt die Stirn und zeigt auf das Bild: Jungs, wer sorgt denn nun für die Sicherheit da unten? Ich meine ja nur. Als Kind wäre ich fast umgebracht worden. So etwas vergisst man nicht!“

„Wissen wir doch, Mose. Aber die Kollegen vom SEK sind gleich vor Ort“, beruhigt ihn Metatron, und Elija fragt: „S-E-K? Wofür steht das bitteschön?“

„Singendes Engel-Kommando“, antwortet Metatron. David will wissen, ob die Engel eines von seinen Liedern singen, Der Herr ist mein Hirte würde doch gut passen. Aber Metatron meint, sie wurden gebeten, etwas Neues zu schreiben für diesen besonderen Anlass.

Elija stellt fest, dass das Bild nun schlechter ist, weil es allmählich Nacht wird in Bethlehem. Mose greift zu seinem Stab und teilt das Bild mit einer energischen Bewegung. In der linken Hälfte erscheinen Maria und Joseph jetzt groß und deutlich. Mose kommentiert: „Endlich haben sie einen geschützten Ort gefunden. Was ist das - eine Höhle? Oder eher ein Stall? Müssen sie sich verstecken? Vor den Ägyptern vielleicht?“

„Die Ägypter sind keine Gefahr mehr,“ meint Metatron, „aber Herodes hat überall seine Soldaten. Und der steckt mit den Römern unter einer Decke.“

David kratzt sich fragend am Kopf: „Wohnt denn Joseph nicht in Bethlehem?“ Und als er hört, eine Volkszählung des Kaisers habe die beiden hergebracht, wird er noch nachdenklicher. Er sagt: „In meinem ganzen Leben war Gott nie so zornig über mich wie damals, als ich eine Volkszählung ansetzte. Denn wer so etwas tut, braucht Geld oder Soldaten oder beides. Der Kaiser wird sich noch wünschen, er hätte das bleiben lassen.“

Während David noch in Gedanken versunken ist, ruft Mose plötzlich laut: „Hey, da drüben bei den Hirten blitzt und blinkt der Himmel!“ Ein Engel erklärt, das sei das SEK, angeführt von Metatrons Bruder. Der sei früher in der Abteilung für Polarlichter gewesen. Metatron seufzt: „Leider trägt er gern etwas dick auf. Seht, jetzt muss er den Hirten schon wieder sagen, dass sie sich nicht fürchten sollen.“

David spitzt die Ohren: „Wie schön sie singen! Klingt doch fast wie eines von meinen Liedern, oder? Diese himmlischen Stimmen sind umwerfend gut. Plötzlich zweifelt man nicht mehr, dass Frieden auf die Erde kommt, wenn man so einen Gesang hört.“

Mose unterbricht ihn: „Seid mal still. Ich höre da noch ein anderes Geräusch…“

Tatsächlich, irgendwo schreit ein Baby.

Elija sieht es als erster: „Maria – Sie hat das Baby gerade bekommen, schaut nur! Jetzt wickelt sie es in ein warmes Tuch und hält es fest im Arm. Klein schaut er aus, unser Befreier.“

Mose findet: „Naja, wer hätte das von mir gedacht, als mein Körbchen im Nil schwamm, dass ich dem Pharao die Stirn biete? Und hätte deine Mutter beim Windeln wechseln davon geträumt, dass du einmal König Ahab samt Anhang in Bedrängnis bringen würdest, Elija? Gott fängt doch immer klein an.“

David wischt sich eine Träne der Rührung aus dem Auge. „Jungs, jetzt bin ich doch ein bisschen stolz. Ein Spross aus meiner Familie, bei meinen Leuten in meiner Stadt.“ Und Metatron antwortet: „Da kannst du wirklich stolz sein. Wusstest Du eigentlich, dass Maria auch singt und Lieder schreibt? Neulich habe ich ein Protestlied von ihr gehört, in dem sie davon rappt, dass Gott die Welt auf den Kopf stellt - Reiche gehen pleite und Großmäulern verschlägt es die Sprache. Der Song hat es auf Anhieb in die himmlischen Top Twenty geschafft. Singen jetzt alle hier.“

„Sie wird mir immer sympathischer“, findet David. „Am Ende kommt ja doch noch etwas Gutes aus meiner abgedrehten Sippe.“

Ein Engel erklärt Metatron, die Hirten seien auf dem Weg zu dem Neugeborenen und das SEK wolle dort noch einmal auftreten. Man habe ja schließlich lange geprobt für heute. Lieber kein Spektakel. Aber Metatron findet, der Kleine und seine Eltern brauchen Ruhe. Die Hirten sollten auch deshalb allein gehen, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden. Es könne sonst zu gefährlich für ihn und die Familie werden…

Elija nickt sagt mit ernster Miene: „Tja, so ein Friedefürst lebt gefährlich unter all den Kriegsherren da unten. Besser, wenn sie noch nicht ahnen, was da auf sie zukommt. Er sieht aber auch wirklich sehr friedlich aus. (Flüstert) Ich glaube, jetzt ist er eingeschlafen.“

Mose lächelt: „Wenn er größer ist, gehen wir ihn mal besuchen, Elija. Am besten treffen wir uns auf einem hohen Berg. Mit Bergen kennen wir beide uns ja aus. Wie wäre der Tabor, der liegt ganz nahe bei Nazareth?“

„Machen wir“, antwortet Elija. „Apropos Berg, lass uns anstoßen mit dem Wein vom Karmel.“ Alle Versammelten erheben ihre Gläser: „Auf den Befreier! Auf den Sohn Davids!“


* * *


Zurück zu uns. Weihnachten, das heißt:

Gott schlägt ein neues Kapitel auf in der Geschichte der Welt.

Wie immer beginnt er klein. Winzig klein.

Wie immer sucht er Menschen, die sich auf ihn einlassen: Maria und Joseph, ein paar Hirten, drei Fremde.

Aber mit dem ersten Fuß, der er auf diese Erde setzt, wird auch deutlich, was neu ist: Die Geburt des verletzlichen Messias markiert den Anfang vom Ende der Gewaltherrscher.

„Das Wort wurde Fleisch und zog in die Nachbarschaft“, weiß der Evangelist Johannes. Gott riskiert alles, daher wird er auch nicht locker lassen, bis er sich durchgesetzt hat. Jetzt gibt es für ihn kein Zurück mehr. Was an Weihnachten geschehen ist, lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Christus, so schreibt es Paulus später, ist das „Ja“ auf alle Verheißungen Gottes. Und ganz oben auf dieser langen Liste von Gottes Zusagen stehen, so singen es die Engel den Hirten auf dem Feld zu, Frieden und Gerechtigkeit für die Menschen seines Wohlgefallens, „große Freude“ für „alles Volk“. Zugleich ist er Gottes „Nein“ zu Hass, Verrat, Verleumdung, Misstrauen, Gewalt und Gleichgültigkeit unter Menschen.

Ganz egal, wie sehr sich der Welthorizont 2016 verdunkelt hat – wir feiern heute die Ankunft des Lichtes und erinnern uns daran: Das große „Ja“ ist gesprochen. Es gilt – immer noch, immer wieder, und ganz besonders allen, die sich in diesen Tagen klein und verletzlich fühlen.

Fröhliche Weihnachten!

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Im Advent habe ich Terry Eagletons Culture and the Death of God wieder aus dem Regal gezogen und das Kapitel über den Tod Gottes gelesen. Eagleton beginnt mit Schopenhauer, den Nietzsche als den ersten echten Atheisten bezeichnete, weil er Gott nicht einfach nur hinter Begriffen wie Geist, Vernunft, Kultur, Nation, Humanität versteckt, die ihrerseits Absoluta darstellen. Eagleton hingegen erkennt in dem düsteren „Willen“ bei Schopenhauer doch wieder eine Art Parodie Gottes. Schopenhauer kann das metaphysische Denken nicht so recht abschütteln: Bei aller Sinnlosigkeit, die er konstatiert, gibt der Wille diesem Anblick stets eine gewisse Kohärenz. Eagleton witzelt: „Es ist bemerkenswert, wie formal kohärent die völlige Nichtigkeit noch erscheinen kann.“

Nietzsche selbst hingegen hatte verstanden, dass mit dem Tod Gottes auch das Ende des Menschen, wie man ihn bis dahin kannte, gekommen war. Man kann Gott nicht abschaffen und noch an Dingen wie Sinn und traditioneller, altruistischer Moral festhalten wollen, wie es etwa die französischen Aufklärer das versucht hatten. Nietzsche bekämpfte das Weiterleben des Christentums in Moral, Natur, oder Geschichte, weil er es für unaufrichtig hielt.

Eagleton entdeckt eine Reihe von Entsprechungen und Übereinstimmungen zwischen Nietzsche und dem Christentum im Gegenüber zur säkularen Metaphysik und bürgerlichen Religion. Sie beginnt mit der Feststellung, dass wir Menschen die Schuld am Tod Gottes tragen:

Wie im christlichen Glauben ist der einzige Ausgangspunkt das Geständnis, dass göttliches Blut an unseren Händen klebt. Auch der Mensch muss zerlegt werden, insofern er der Einheit und Unendlichkeit Gottes nachempfunden ist. … Der Tod Gottes läutet des Tod des Menschen ein, als jener feigen, schuldbeladenen, abhängigen Kreatur, die diesen Namen derzeit trägt. (S. 159)

Und da liegt auch schon die zweite Parallele, denn der Tod Gottes schließt den Tod des Menschen und die Geburt einer neuen Menschheit ein. Nietzsche scheint gar nicht aufgefallen zu sein, kommentiert Eagleton, wie seine Vorstellung des Übermenschen der neuen Menschheit des Neuen Testaments ähnelt. Und an dieser Stelle wird es Weihnachten und Karfreitag zugleich:

Die Inkarnation ist der Ort, wo sowohl Gott als auch der Mensch eine Art Kenosis oder Selbsterniedrigung durchmachen, symbolisiert durch die Selbstaufgabe Christi. Nur durch diese tragische Selbstentleerung kann sich hoffentlich eine neue Menschheit herausbilden. In ihrer Solidarität mit den Ausgestoßenen und Geplagten ist die Kreuzigung eine Kritik jeglichen anmaßenden Humanismus’. Nur durch das Bekennen von Verlust und Versagen kann die Bedeutung der Macht in das Wunder der Auferweckung verwandelt werden. Der Tod Gottes ist das Leben des Bilderstürmers Jesus, der die abgöttische Vorstellung von Jahwe als erzürntem Despoten erschüttert und ihn stattdessen als verletzlich und aus Fleisch und Blut zeigt.

Man kann Gottes Abwesenheit mit dem Fetisch des Menschen kaschieren, sagt Eagleton. Aber schon der Gott, dessen man sich da entledigt hatte, war nicht viel mehr als ein Fetisch, der Menschen vor der „unerträglichen Wahrheit“ schützt, dass der Gott des Christentums „Freund, Liebhaber und Mitangeklagter ist und nicht Richter, Patriarch und Über-Ich.“ Und so folgert Eagleton:

Für den christlichen Glauben ist der Tod Gottes nicht eine Frage seines Verschwindens, er ist einer der Orte, wo er am gegenwärtigsten überhaupt ist. Jesus ist nicht Mensch, der für Gott eintritt. Er ist ein Zeichen, dass Gott in menschlicher Gebrechlichkeit und Vergeblichkeit Fleisch geworden ist. Nur indem er diese Wirklichkeit voll auslebt und den Tod bis ganz ans Ende erfährt, tut sich ein Weg über das Tragische hinaus auf.

Was genau es mit der Tragik auf sich hat, beschreibt Eagleton etwas später. Nietzsche sei ein Verfechter des Theodizeegedankens in dem Sinne, dass er davon überzeugt gewesen sei, alles Elend der Welt werde dadurch gerechtfertigt, dass schließlich der Übermensch auf den Plan tritt. Ganz ähnlich wie Nietzsche hatte der Liberale John Stuart Mill die Sklaverei als eine notwendig für das Entstehen der antiken Hochkulturen bezeichnet. Ein solches Denken hat für wirkliche Tragik keinen Platz.

Der christliche Glaube hingegen betrachtet das Leiden als unannehmbar. Sich dem Leiden und der Verzweiflung entgegenzustellen und auf die Erlösung hinzuwirken bedeutet, beides nicht als Gelegenheit zu moralischem Heldentum anzusehen:

Der Jesus des Neuen Testaments rät den Kranken kein einziges Mal, sich mit ihren Leiden zu versöhnen. Im Gegenteil, er scheint den Ursprung ihrer Beschwerden als dämonisch anzusehen. In Gethsemane, von Panik über seinen bevorstehenden Tod erfasst, betet er darum, von diesem Schicksal befreit zu werden. Das Los, das ihn erwartet, mag tragisch sein, keinesfalls aber heroisch, als adelte das Leiden einen Menschen. Im Gegenteil, solche politischen Exekutionen sind tragisch, eben weil Schmerz an sich kein Verdienst ist, aber auch, weil er in aller Regel vermeidbar gewesen wäre. (S. 171)

Und dann fallen ein paar wichtige Worte, die in einer Woche, auf die der Schatten des Terrors gefallen ist, besonders wichtig sind:

Jesus musste nicht sterben, genausowenig wie jeder andere politische Gefangene nicht umkommen muss. Das nicht anzuerkennen bedeutet, die Mächte zu entschuldigen, die solche Strafen verhängen. Wenn diesem Leid noch etwas von Wert abgewonnen werden kann, gut und schön. Es wäre vorzuziehen, wenn sich Nutzen auf weniger qualvollem Weg erzielen ließe. … Theodor Adorno war der Tragödie gegenüber aus genau diesem Grund skeptisch: Sie schien ihm dem Sinnlosen zu viel Sinn zuzuschreiben und damit dessen Horror zu mildern.

In Jesus betritt Gott eine Welt voller sinnloser Gewalt. Die Evangelisten machen daraus keinen Hehl, sie erzählen freimütig von Machtpolitik, Verrat und Mord. Denn sie wissen, wie die Geschichte weitergeht und wie sie endet: Mit der Geburt einer neuen Welt und dem Ende aller Tragödien.

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Die menschliche Seele ist eine Rodung im Wald, und dem göttlich Reinen und Makellosen muss es völlig unbegreiflich sein, warum sie immer wieder zuwächst. Das ist der Kampf, von dem die Bibel erzählt. Die Dunkelheit, die sich immer wieder herabsenkt, über Mensch auf Mensch, Generation für Generation, Jahrhundert für Jahrhundert.

Karl Ove Knausgård, Alles hat seine Zeit

praerie

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Vor einer Weile wurde im Fußball diskutiert, ob ein Team einen „aggressive Leader“ braucht. Inzwischen ist die Idee in der Politik wieder in Mode gekommen und lässt knorrige Kicker wie Mark van Bommel schrecklich harmlos aussehen. Dabei weiß schon das Buch Richter in der hebräischen Bibel über diesen autoritären Typ Anführer nicht Gutes zu berichten. Mehr noch - schon der Wunsch nach einer großen Führungsperson wird kritisiert:

Einst machten sich die Bäume auf, um sich einen König zu salben, und sie sagten zum Ölbaum: Sei du unser König! Der Ölbaum sagte zu ihnen: Soll ich mein Fett aufgeben, mit dem man Götter und Menschen ehrt, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten die Bäume zum Feigenbaum: Komm, sei du unser König! Der Feigenbaum sagte zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit aufgeben und meine guten Früchte und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten die Bäume zum Weinstock: Komm, sei du unser König! Der Weinstock sagte zu ihnen: Soll ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten alle Bäume zum Dornenstrauch: Komm, sei du unser König! Der Dornenstrauch sagte zu den Bäumen: Wollt ihr mich wirklich zu eurem König salben? Kommt, findet Schutz in meinem Schatten! Wenn aber nicht, dann soll vom Dornenstrauch Feuer ausgehen und die Zedern des Libanon fressen.

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Im heutigen Evangelium hieß es zu Beginn des Abschnitts:

Es war im fünfzehnten Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus war römischer Bevollmächtigter von Judäa. Herodes regierte als Landesfürst in Galiläa, sein Bruder Philippus als Landesfürst in Ituräa und Trachonitis. Und Lysanias regierte als Landesfürst in Abilene. Die Obersten Priester waren Hannas und Kajaphas.

Man kann das als die Bemühung des Historikers um eine genaue zeitliche Einordnung lesen. Oder als ein Stimmungsbild, als eine Erklärung, warum dringend etwas passieren musste. Aktuell würde das ungefähr so lauten:

Es war in der dritten Amtszeit von Wladimir Putin, des Erfinders der „gelenkten Demokratie“. Der Rechtspopulist Donald Trump war gerade zum Präsidenten der USA gewählt worden. Für Patriarch Kirill war Putins Wahl 2011 ein „Wunder Gottes“, für Franklin Graham und seine Freunde die von Donald Trump. Apropos Gott: Präsident Erdogan nannte den gescheiterten Militärputsch in der Türkei ein „Geschenk Gottes“ und ließ Zehntausende von Kritikern verhaften. Der Krieg in Syrien ging in seinen sechsten Winter. Die Briten stimmten für den Austritt aus der EU. Dax und Dow Jones erreichten derweil Höchststände.

Wer die Gedanken zu Lukas 3,1ff weiter hören möchte – einfach hier klicken.

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Der Mensch ist ein Luxuswesen. Der Luxus im ursprünglichen Sinn ist keine konsumistische Praxis. Er ist vielmehr eine Lebensform, die frei ist von der Notwendigkeit. Die Freiheit beruht auf der Abweichung, auf dem Luxieren von der Notwendigkeit. Der Luxus transzendiert die Intentionalität, die Not zu wenden. Heute wird der Luxus vom Konsum vereinnahmt. Exzessiver Konsum ist eine Unfreiheit, ein Zwang, der der Unfreiheit der Arbeit entspricht. Der Luxus als Freiheit ist wie das Spiel nur jenseits von Arbeit und Konsum denkbar. So gesehen, ist er der Askese benachbart.

Byung-Chul Han, Psychopolitik, S. 72

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Bild: Yuliya Ginzburg, Unsplash.com, Lizenz: Creative Commons Zero

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Das Katastrophenjahr 2016 geht zu Ende. John Oliver hat ihm schon vorab einen sarkastischen Rückblick gewidmet. Viele fragen sich derzeit, wo es hingeht mit unserer Welt. Die Epistel des Ewigkeitssonntags hatte darauf eine Antwort parat, in der eine ganze Reihe von Hinweisen enthalten sind, die entdeckt und entschlüsselt werden wollen.

Was also verbirgt sich hinter den poetischen Sätzen über einen neuen Himmel und eine neue Erde? Warum muss das Meer verschwinden, wo wir doch so gerne am Strand spazieren gehen oder uns in die Wellen stürzen? Und wie ist das zu verstehen, dass Gott am Ende unter den Menschen zeltet? Was hat das für Folgen für den Umgang mit Macht und die Beziehungen zwischen Menschen, Völkern und Kulturen?

Und wenn das die Vorstellung des End-Gültigen ist, die uns geschenkt ist, was bedeutet das auch in dunklen Tagen für unser Gottesbild, für unser Verhältnis zu Welt und zu uns selber, und für unsere Erwartung an die Zukunft, in deren Horizont wir schon jetzt leben?

Hier habe ich meine Gedanken dazu formuliert (bis ca Minute 18).

Wer möchte, kann dazu Heaven for Everyone hören. Vor 10 Tagen – auch das passte zum Ewigkeitssonntag – war Freddy Mercurys 25. Todestag. Und wenn man sich vorstellt, mit dem „du“ im Text des Liedes ist Gott gemeint, dann wird daraus sogar ein ganz passables Gebet…

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Wie konnten wir uns eigentlich alle verständlich machen, als es das Kompositum „zeitnah“ noch nicht gab? Wie kamen wir nur klar mit solch kurzen, schlichten und eleganten Wörter wie „bald“, „schnell“, „eilig“ (oder sogar "unverzüglich", „sofort"), die der Zeit ihr eigenes Reich lassen?

Die Zeit ist ja das gerade nicht, was „nah“ gewöhnlich ausdrückt, nämlich eine weitere Funktion des Raumes, ein Abschnitt auf einem Maßband, einem Lineal, einer Landkarte; lieber Immanuel Kant, wir brauchen nur heute noch eine transzendentale Kategorie.

„Zeitnah“ ist die Sprache der Projektplaner und Businessgrafiker, die ihre Wirklichkeit in Charts einsperren und mit ominösen Deadlines drohen. Es ist die Sprache der an Zeit chronisch Armen, der Ungeduldigen, der Beschleuniger, der Hektiker.

Wenn wir also das nächste Mal „Seht die gute Zeit ist nah“ singen, freue ich mich darüber, dass es noch nicht heißt, "das Gute kommt zeitnah“. Denn da geht es nicht um Termindruck, sondern um Verheißung und Erwartung. Keine Deadline, kein terminus, sondern ein neuer Anfang.

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