Superman beim Radfahren

Kürzlich traf ich Superman. Er stand mit seinem rot-gelben Emblem auf blauer Brust an einer Weggabelung. Das Cape hatte er wohl zuhause gelassen, dafür hatte er ein Fahrrad dabei – und seine Familie. Der eine unebene Weg führte auf eine nahe Passhöhe, der andere weiter hinein in ein sachte ansteigendes Tal. Superman schien noch unentschlossen, die Familie sah eher genervt aus. Die Räder waren allesamt nicht recht geländetauglich. Die Gruppe wirkte auch nicht so, als würden sie viel mit dem Rad fahren. Klar, Superman bewegt sich anders fort, wenn er im Dienst ist.

Ich lief weiter Richtung Passhöhe, die Superfamilie stand noch eine Weile herum und nahm dann den anderen Weg. So richtig kamen sie nicht vom Fleck. Nach etwa 200 Metern begann das Mädchen mit lauten Unmutsbekundungen. Die Karawane geriet wieder ins Stocken. Lief nicht so super bei Superman & Co. Ich hätte nicht mit ihm tauschen mögen.

Mein Weg führte dann steil bergauf und ich musste schauen, wohin ich trete. Irgendwann verlor ich sie aus den Augen.

Schon klar, dachte ich, dass „echte“ Superhelden keine Familie haben. Man schaut einfach nicht so souverän aus, wenn man mit denen unterwegs ist. Sie haben ihren eigenen Kopf, ihre Launen und Wehwehchen. Sie denken nicht daran, dich anzuhimmeln.

Später am Nachmittag traf ich Superman wieder, diesmal im Supermarkt. Offenbar waren alle heil zurück von dem anstrengenden Ausflug. Die Superkinder bedienten sich aus den Regalen und auch unser Held sah wieder ganz entspannt aus.

Ich dachte mir: Radfahren und sich um die Familie kümmern ist doch eine super Sache. Aber vielleicht sollte man dabei ein anderes T-Shirt tragen.

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Wahrheit, Freiheit und der Zwang zur Wahl

Ich habe wieder mal „Das hier ist Wasser“ von David Foster Wallace herausgekramt. Am Ende seiner Ansprache an die Absolventen des Kenyon College heißt es da, aktuell wie eh und je:

In den Niederungen des Erwachsenenalltags gibt es keinen Atheismus. Man kann nicht nichts anbeten – jeder betet etwas an. Aber wir können wählen, was wir anbeten. Und ein höchst einleuchtender Grund, sich dafür an einen Gott oder etwas Spirituelles zu halten […], ist der, dass euch so ziemlich alles andere bei lebendigem Leib auffrisst.

Wenn ihr Geld und Güter anbetet – wenn ihr daraus den wahren Sinn des Lebens bezieht –, dann werdet ihr davon nie genug haben, nie das Gefühl haben, dass es reicht. Das ist die Wahrheit.

 

Foster Wallace spielt diesen Gedanken jeweils noch einmal mit Schönheit, Macht und Intellekt durch, dann fährt er fort:

Wisst ihr, das Heimtückische an diesen Formen der Anbetung ist nicht, dass sie böse oder sündhaft wären, sondern dass sie so unbewusst sind. Sie sind Standardeinstellungen. Sie sind Glaubensformen, in die man nach und nach einfach so hineinschlittert, jeden Tag ein bisschen mehr; […]

Und die sogenannte »wirkliche Welt« hält einen auch nicht davon ab, gemäß diesen Standardeinstellungen zu operieren, denn die sogenannte »wirkliche Welt« der Männer, des Geldes und der Macht läuft wie geschmiert dank dem Öl aus Angst, Verachtung, Frustration, Gier und Selbstverherrlichung. Unsere heutige Kultur hat sich diese Kräfte auf eine Art und Weise nutzbar gemacht, die außerordentlichen Reichtum, Komfort und individuelle Freiheit hervorgebracht hat. Nämlich die Freiheit für jeden von uns, Herrscher seines winzigen, schädelgroßen Königreichs zu sein, allein im Mittelpunkt der Schöpfung.

Dieser Schein-Freiheit des Konsums und des neoliberalen Systems stellt er nun eine andere Definition von Freiheit gegenüber:

Aber es gibt natürlich verschiedene Formen der Freiheit, und die kostbarste wird in der großen weiten Welt des Siegens, Leistens und Blendens nie erwähnt. Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.

Das ist wirkliche Freiheit.

Dass diese Freiheit erst noch entdeckt werden will, zeigt nebenbei die Suche in einer Bilderdatenbank: Zum Stichwort Freiheit finden sich da fast ausschließlich Bilder, in denen einzelne Personen vor der Kulisse großartiger Naturpanoramen abgebildet sind. Die Freiheit, auf den bedürftigen Anderen zuzugehen, ist da noch nicht angekommen.

PS: Martin Horstmann hat mich auf dieses Video aufmerksam gemacht, in dem Forster Wallaces Rede visualisiert ist. Die oben zitierten Teile scheinen allerdings nicht alle enthalten zu sein.

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Platzanweisungen

Vielleicht war es der Titel, vielleicht auch nur eine Intuition, jedenfalls lese ich seit ein paar Tagen in „Grenzgänger“, der Biografie von Klaus Mertes. Immer wieder lese ich den eigentlich flüssigen Text ganz langsam, weil er mir Wichtiges sagt.

Vielleicht hat es mit den vielen Buchungen und Platzreservierungen zu tun, die die Urlaubszeit mit sich bringt, gestern jedenfalls war es diese Passage, an der ich hängen blieb:

Der Wunsch, Erster sein zu wollen, wird im Evangelium erfüllt, allerdings durch Zuweisung des letzten Platzes. Da, wo es keine Positionen, keine öffentliche Anerkennung und keine Macht gibt, da hält sich die Elite des Evangeliums auf. Der letzte Platz ist wirklich ein erster Platz. Das Paradox lässt sich nicht dadurch auflösen, dass man Letzter werden will, um Erster zu sein. […] Wer aus eigenem Willen zur Elite des Evangeliums gehören will, gehört nicht dazu. Der letzte Platz wird zugewiesen – der Platz bei den Armen, bei den Kranken, den Ausgeschlossenen, der Platz am Kreuz.

Wer sich auf den letzten Platz einlässt, ist gefährlich – ohne es zu wollen. Von dieser Erfahrung spricht das Evangelium an vielen Stellen…

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Paul Bergmeir

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Gefährliche Linientreue

In den letzten Tagen ist es mir mehrfach passiert, dass ich auf dem Rad von Autos überholt wurde, die dabei weniger als einen halben Meter Abstand hielten. Das erschreckt mich jedes Mal, denn ein kleiner Schlenker wegen eines Hindernisses auf der Fahrbahn (Schlagloch, Bierflasche, Tannenzapfen etc.) hätte genügt, einen lebensgefährlichen Unfall zu verursachen.

Abgesehen davon, dass manche einfach nicht richtig Auto fahren können, liegt das an zwei Problemen:

Dieses ebenso linientreue wie Gedanken- und verantwortungslose Verhalten scheint mir auch ein Problem bei den schmalen Fahrradstreifen, die derzeit auf vielen Fahrbahnen angebracht werden – mal mit gestrichelten, mal mit durchgezogenen Linien, mal mit rotem, mal mit normalem Asphalt. Denn statt auf den Abstand zu dem verletzlichen Radler zu achten, begnügen sich viele damit, die Linie zu halten. Im Endeffekt ist dann wieder nur ein halber Meter Platz (oder weniger), aber der Autofahrer hat subjektiv das Gefühl, im Recht zu sein.

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Warren Wong

(Und dann gibt es noch die Wahnsinnigen unter den Radfahrern, die auf solchen Streifen gegen die Fahrtrichtung unterwegs sind. Auch das liegt an dem Fehlschluss, die Linie schütze sie schon irgendwie. Das einzige, was wirklich schützt, ist Umsicht und Rücksichtnahme. Sonst hilft nur noch genug Blech und Airbags um mich herum.)

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Sehen, was da ist

Im Evangelium heute ging es um die Speisung der Fünftausend. Nicht schon wieder, dachte ich, um mich gleich darauf in der Predigt auffordern zu lassen, in der bekannten Geschichte doch wieder Neues zu entdecken. Und was soll ich sagen – es hat funktioniert.

Irgendwann fiel mir auf, dass der entscheidende Beitrag für das Wunder nicht von den Jüngern kam. Der arme Philippus wird sogar ein bisschen vorgeführt – Johannes lässt Jesu Begleiter ja gern unbedarfte Fragen stellen, damit Jesus schöne Reden halten kann.

Es waren in diesem Fall aber die Leute, die das „Rohmaterial“ lieferten, genauer: ein Kind aus der Menge.

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Kate Remmer

Die Frage, die sich für mich daraus ergibt, ist die nach den Ressourcen im Handeln der Kirche. So lange wir von uns aus denken und von dem, was wir haben und leisten können, rückt jede Art von Wunder in weite Ferne. Mit Bordmitteln war das nicht zu bewältigen. Wenn wir uns aber fragen, was zwischen Jesus und den Leuten passieren könnte, zu denen er uns schickt (oder die sich bei uns einfinden), dann geht noch was.

Der eine Jünger sieht nur, was den Leuten fehlt. Der andere sieht auch, was sie mitbringen. Mehr braucht Jesus nicht.

Was wäre alles möglich, wenn wir so an unseren Auftrag herangingen? Darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken heute Nachmittag.

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Schön gerechnet

Letzte Woche schlug für die beiden großen Kirchen die statistische Stunde der Wahrheit. Es wurden Zahlen über Ein- und Austritte, Taufen und Todesfälle veröffentlicht und vielstimmig kommentiert. Für die katholische Kirche sah es etwas besser aus, für die EKD etwas schlechter.

Verblüffend fand ich allerdings, wie der Sachverhalt im Twitter-Account der EKD dargestellt wurde. Der handelte nämlich von einer „erfreulichen Entwicklung in der kirchlichen Statistik“. Das sah dann so aus:

Die Zahlen stimmen und die Tendenz zum Vorjahr ist günstig – 20.000 Austritte weniger. Wer das Bild anschaut, könnte zur Annahme verleitet werden, die EKD wachse wieder moderat. Freilich fehlt der größte Faktor: 340.000 Sterbefälle. Mag ja sein, dass es schon mal schlimmer war, aber gut ist es noch lange nicht, das zeigt auch der merkwürdig verdruckste Umgang mit den Zahlen.

Wenigstens im Lutherjahr hätte man mit dem Glaubenssatz von der Rechtfertigung des Sünders (und damit auch des Gescheiterten, des Verlierers, des Irrelevanten oder Abgehängten) an die eigene Statistik herangehen können. Anerkennen und aussprechen, was der Fall ist: Fast doppelt so viele Sterbefälle wie Taufen, gut siebenmal so viele Austritte wie Eintritte.

Statt sich am statistisch geschönten Schopf aus dem demografischen und areligiösen Sumpf ziehen zu wollen, könnte man in aller Ratlosigkeit und Enttäuschung ehrlich klagen und trauern. Um sich dann mit einem Kyrie Eleison der Gnade des barmherzigen Gottes anvertrauen. Und dann fröhlich und mutig überlegen, was nun zu tun ist.

Das könnte uns auch vor einem anderen Missverständnis der Rechtfertigung bewahren: Wenn wir bei der Gnade beginnen, befreit uns das von der Versuchung, Sündenböcke zu finden. Also die Misere exklusiv all denen in der Kirche anzulasten, die anders denken als wir selbst.

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Alltagsgebete (2): Ampelgebet

Ob als Radfahrer, Autofahrer oder Fußgänger: In Nürnberg verbringt man viel kostbare Lebenszeit an roten Ampeln. Grüne Welle ist Glückssache und die Rotphasen scheinen mir deutlich länger auszufallen als in Erlangen.

 

Tim Gouw

Warum also nicht beten? Hier kommt ein weiteres Alltagsgebet, rote Ampeln und Staus gibt es ja überall:

Ewiger Gott,
Ursprung der Zeit,
Erfinder der Gelassenheit,
Ziel aller Wege.

In mir und um mich her
staut sich die Ungeduld,
rumort der Zeitdruck,
zappelt die Eile.

Du aber lässt dich aufhalten,
lässt uns selbst dann die Vorfahrt,
wenn wir deine Wege durchkreuzen,
statt deinen Spuren zu folgen.

Hier stehe ich –
lass mich erkennen, was mich treibt;
lass mich ablegen, was mich bremst,
und gib mir den Schwung deiner Liebe,
für den Weg,
der heute noch vor mir liegt.

Amen.

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Espressogebet

Die keltischen Christen haben mich in den letzten Wochen wieder mal beschäftigt. In verschiedenen Kreisen habe ich davon erzählt und mich dabei selber wieder an die schönen Alltagsgebete erinnert, die von ihnen überliefert sind.

Also beschloss ich, selbst eines zu schreiben. Eines meiner Morgenrituale ist es, den Kaffee zuzubereiten. Bis der Thermoblock aufgeheizt ist, vergeht genug Zeit, um das folgende Gebet zu sprechen:

Gott des Erwachens,
Licht des neuen Tages,
Ursprung neuen Lebens:

Du gibst dem Müden Kraft
und Stärke dem Unvermögenden.

Lass mich wach werden für deine Gegenwart
empfänglich für deine Stimme
in allem, was heute meinen Weg kreuzt.

Lass mich wach bleiben für deine Gerechtigkeit
empfindsam für all das, was denen zugefügt wird,
die keine Stimme haben, und deren Worte versagen.

Lass mich unermüdlich sehen und sagen,
was die Hoffnung nährt und dem Frieden dient.

In dieser alten und müden Welt
schlägst du eine neue Seite auf
im Buch Deiner Liebe zu uns Menschen.

In dieser stickigen Atmosphäre
sende den frischen Wind deines Geistes,
der befreit und beflügelt
und das Aroma der neuen Welt verbreitet.

Durch Jesus Christus,
deinen Sohn,
unseren Herrn,

Amen.
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Der Garten und das Ganze, oder: Eden und die Hoffnung

In „Andere Räume“ schreibt Michel Foucault über das, was er „Heterotopien“ nennt: Orte in unserer Welt, die eine Art „Widerlager“ zu den Zentralorten der Alltagswelt sind. Orte, an die wir das auslagern, was hier keinen rechten Platz hat. Orte, an denen wir das versammeln, was im übrigen Leben nie zusammenfällt, oder was sich unserem bewussten, gezielten Zugriff entzieht. In diesem Zusammenhang schreibt Foucault über den Garten:

Der traditionelle Garten der Perser war ein geheiligter Raum, der in seinem Rechteck vier Teile enthalten mußte, die die vier Teile der Welt repräsentierten, und außerdem einen noch heiligeren Raum in der Mitte, der gleichsam der Nabel der Welt war (dort befanden sich das Becken und der Wasserstrahl); und die ganze Vegetation des Gartens mute sich in diesem Mikrokosmos verteilen. Und die Teppiche waren ursprünglich Reproduktionen von Gärten: der Garten ist ein Teppich, auf dem die ganze Welt ihre symbolische Vollkommenheit erreicht, und der Teppich ist so etwas wie ein im Raum mobiler Garten. Der Garten ist die kleinste Parzelle der Welt und darauf ist er die Totalität der Welt. Der Garten ist seit dem ältesten Altertum eine selige und universalisierende Heterotopie.

Als Theologe denke ich sofort an den Garten Eden: Eine Quelle in der Mitte (daneben der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis), und vier Flüsse, die in die vier Himmelsrichtungen fließen. Als Heterotopie versammelt der Garten die ganze Welt an einem Ort, wie Foucault schreibt. Er steht symbolisch für das Ganze, gerade weil er ein eingegrenzter und entlegener Ort ist.

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joyce huis

Was sich in diesem Garten abspielt, geht die ganze Welt an. Das ist nicht einfach nur ein nebulöses „irgendwo“, sondern hier – Hier und Jetzt. Und daher ist es nicht sachgemäß, diese Geschichte als „historisch“ zu lesen, als beschriebe sie eine Vergangenheit, die sich sogar numerisch datieren und über Koordinatenangaben lokalisieren ließe. Sie beschreibt vielmehr das, was überall und ständig stattfindet, aber von einem anderen Ort aus.

Freilich gilt die Einordnung als Heterotopie nur für die Bildebene. Denn es wird ja ein Garten beschrieben, der in unserer Welt nicht als konkreter Ort auffindbar ist. Insofern ist das Paradies als eine Utopie zu verstehen, ein Nicht-Ort. Ein Spiegel, schreibt Foucault, kann beides sein: Utopie und Heterotopie. Eine Utopie, weil ich mich im Spiegel an einem virtuellen Ort sehe, den es so nicht gibt. Er tut sich hinter der Oberfläche des Spiegels auf. Eine Heterotopie, weil ich von diesem „anderen Ort“ tatsächlich zurückschaue auf mich und alles Wirkliche, was mich umgibt.

Das wäre dann der Schlüssel zur Auslegung der Geschichte vom Paradies: Sie ist ein Spiegel. Ein ganz besonderer zumal: Wer auch immer hineinschaut, sieht (nicht nur, aber auch und ganz besonders) sich selbst, umgeben von Gott, Mitmenschen und Mitgeschöpfen, in lebensfördernden und vom Leben gezeichneten Beziehungen. Vielleicht auch ein Ort, der uns – und hier wird es ganz aktuell – auch davor bewahren kann, unsere Welt nur noch dystopisch wahrzunehmen, als einen schlimmen Ort ohne Hoffnung.

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Protest und Position

Die Fremdheitsgefühle nicht nur des Dichters gegenüber einer aus den Fugen geratenen Welt thematisierte Rowan Williams vor 40 Jahren in seinem lesenswerten Aufsatz „Poetic and Religious Imagination“. Dabei kommt er auf das Buch Hiob zu sprechen, in dem diese Fremdheit dargestellt wird. Er beschreibt sehr treffend und schön, um was es dort geht:

… Hiob verlangt weiterhin eine Antwort, er verweigert die Resignation gegenüber dem Zustand der Welt ebenso wie die leichtfertige Rechtfertigung ihres Zustandes, weil er instinktiv und zutiefst überzeugt ist, dass „die Welt nicht genug“ ist. …  Schlicht zu resignieren wäre Verrat; das Strukturieren und Erklären Blasphemie. Was bleibt noch, wenn man die Welt weder akzeptieren noch vernünftig erklären kann? Es bleibt Hiobs Protest.  Hiob versteht seine Erfahrung als Frage, auf die man nur mit weiteren Fragen antworten kann. Seine Welt ist keine abgeschlossene Struktur, auf die sich nur passiv reagieren lässt, noch ist sie ein Problem, für das er, sein Bewusstsein, die Lösung wäre. Sie ist ein ungeordneter Fluss, in dem er seinen Ort finden muss. aber dieses Finden eines Ortes (eine mögliche Definition persönlicher Reife) heißt auch, in jeder Hinsicht Position zu beziehen: eine Wahl zu treffen hinsichtlich der Wirklichkeit, sich auf eine ‚Richtung‘ … der Welt und in der Welt festzulegen.

Dazu passt ganz gut, was ich diese Woche bei Bernhard Waldenfels in „Ortsverschiebungen – Zeitverschiebungen“ gelesen habe. Für Waldenfels ist die Erfahrung von Fremdheit konstitutiv für menschliche Selbst- und Welterfahrung: „Die Sachen selbst sind nie ganz sie selbst, so wie wir selbst nie ganz wir selbst sind“ (S. 30). Wir befinden uns zwar immer an einem Ort, und doch gilt zugleich: „Einzig der Mensch lässt sich charakterisieren als ein leibliches Wesen, das seinen Ort sucht“ (S. 39).

So kommt Waldenfels auf die zwei großen Ortsfragen der biblischen Urgeschichte zu sprechen. Er beginnt mit der Frage Gottes an den Menschen:

„Gott fragt Adam, der sich schuldbewusst vor seinem Antlitz versteckt: »Wo bist du?« Adam antwortet, indem er erklärt, warum er sich dem göttlichen Blick entzogen habe. Indem er dies tut, gibt er implizit zur Antwort: »Hier bin ich.« Er stellt sich der fremden Frage, indem er Stellung nimmt.“

Adam protestiert nicht wie Hiob gegen eine ungerechte Welt. Aber auch er sucht seinen Stand. Indem Gott ihn fragt, kann er nicht anders, als sich selbst zu fragen, was mit ihm los ist: „Ich werde mir selbst fraglich. Dadurch dringt eine Andersheit in mein Selbst ein, die es unmöglich macht, Selbstbefragung als reine Selbstbefragung zu verstehen.“ Diese zwiespältige Fraglichkeit des (mal mehr, mal weniger dislozierten) Menschen lässt ihm den eigenen Ort fremd erscheinen.


dan carlson

Zumal der eigene Ort nie ganz der eigene ist. Darauf verweist die zweite Frage, die Gott an Kain richtet: „Wo ist dein Bruder?“ Sie zeigt an, „dass ich nicht an meinem Ort bin ohne stellvertretend den Platz eines Anderen einzunehmen. […] eigener und fremder Ort überdecken sich; ich bin zugleich dort, wo der oder die andere ist.“ (S. 41)

Hiob sucht und findet seinen Ort in seinem Protest gegen das sinnlose Leid der Welt. Und er bringt Gott dazu, Position zu beziehen. Auch wenn das bedeutet, dass Gott Hiob in Frage stellt – „Wer bist du schon?“ –, nun stellt sich auch Gott. Als hätte er darauf gewartet, dass ihn jemand dazu auffordert, anstatt sich resigniert zurückzuziehen oder dem Sinnlosen irgendwie noch einen mühsam konstruierten Sinn zuzuschreiben, die den Schrecken mildert.

In dem, was Williams und Waldenfels schreiben, wird auch deutlich, dass in Hiobs Situation etwas Exemplarisches sichtbar wird. Nicht im extremen Ausmaß von Leid und Verlust, aber in der Tatsache, dass unser Ort in der Welt immer fraglich ist. Etwas zieht mir „den Boden unter den Füßen weg“. Waldenfels nennt das Atopie, und die Ursache für dieses Herausfallen aus der vertrauten, geordneten Welt liegt an den Rissen, Brüchen  und Abgründen in dieser selbst – an dem „ungeordneten Fluss“, von dem Williams schreibt.  Der Ort, an dem ich bin, wird (oder bleibt) mir fremd – äußerlich wie innerlich:

„Niemand, auch nicht der Feldvermesser, weiß völlig, wo er ist. Und auch die Moralvermesser wissen nicht völlig, wo sie sind. […]

Im »Un-bewussten« wiederholt sich die Zweideutigkeit der A-topie. Auch das Unbewusste ist kein bloßes Nichtwissen, kein Wissen, das anderswo abgelagert ist, sondern eine eigentümliche Form des Wissensentzugs inmitten unseres Wissens, wie es sich schon im wissenden Nichtwissen des Sokrates andeutet. Von daher bekommt all unser Reden und Tun etwas Doppelbödiges.“ (S. 125f.)

Das Doppelbödige ist immer da. So lange alles rund läuft, können wir es vielleicht ignorieren oder verdrängen. Wenn unsere Illusionen von Sicherheit und Sorglosigkeit platzen, unsere Karten der Welt nicht mehr stimmen, dann geht es uns wie Hiob. Deswegen ist seine Geschichte auch so bleibend aktuell.

Gott gibt keine Antwort, die es Hiob möglich macht, verstörende und widersprüchliche  Erfahrungen sauber in ein moralisches oder theologisches Koordinatensystem einzuordnen. Aber er bestätigt ihn an dem Ort, an dem er protestierend steht, indem er mit ihm spricht – und sich zu ihm stellt.

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Lässt Gott mit sich reden?

Wenn man über das Gebet nachdenkt, namentlich das bittende und vor allem für-bittende Gebet, dann steht man vor der Frage, wie sich Gottes Wirken und menschliches Tun zu einander verhalten. Dazu kursieren alle möglichen Vorstellungen. Viele haben mit abstrakt-philosophischen Fragen zu tun: Greift Gott überhaupt in die Eigengesetzlichkeit der Welt ein, den Lauf der Dinge, dem wir unterworfen sind? Oder wäre es übergriffig, wenn Menschen Gott auf ihre Seite zu ziehen versuchten?

Verändert das Gebet (nur) den Betenden, und wenn ja, wäre das schon ein Erfolg oder eher ein Problem (nämlich eine Kapitulation vor dem Unvermeidlichen)? Wenn Gott „allmächtig“ ist, geschieht sein Wille dann nicht automatisch? Ist es sinnvoll oder notwendig, ihn um irgendetwas zu bitten? Ist die Tatsache, dass es Leid und Böses in der Welt gibt, ein Indiz dafür, dass Gott entweder nicht allmächtig ist oder aber kein ausgeprägtes Interesse an uns hat?

praying by t-bet, on Flickr
praying“ (CC BY-ND 2.0) by t-bet

Zugleich stehen wir in unserer Welt vor Herausforderungen, die so gewaltig sind, dass wir kaum anders können, als Gott um Beistand und Hilfe zu bitten. Und im Kleinen, im Persönlichen, ist es oft auch nicht anders. Was können wir, biblisch begründet, dazu sagen? Und was folgt praktisch daraus?

In den letzten Wochen habe ich dazu bei einer ganzen Reihe von Autoren nachgelesen.  Von Abraham Heschel bis Frank Crüsemann, von Walter Wink bis Rowan Williams und von Ezechiel bis J.R.R. Tolkien. Sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Schlussfolgerungen über die Partnerschaft zwischen Gott und Menschen. Wer mag, kann sich das Ergebnis hier anhören.

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Zweite Wahl, erste Sahne

Matthäus 22,1-10 (NGÜ):

Jesus fuhr fort, ihnen Gleichnisse zu erzählen. Er sagte: »Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der für seinen Sohn das Hochzeitsfest vorbereitet hatte. Er sandte seine Diener aus, um die, die zum Fest eingeladen waren, rufen zu lassen. Doch sie wollten nicht kommen.
Daraufhin sandte der König andere Diener aus und ließ den Gästen sagen: ›Ich habe das Festessen zubereiten lassen, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!‹ Aber sie kümmerten sich nicht darum, sondern wandten sich ihrer Feldarbeit oder ihren Geschäften zu. Einige jedoch packten die Diener des Königs, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig. Er schickte seine Truppen und ließ die Mörder töten und ihre Stadt niederbrennen.
Dann sagte er zu seinen Dienern: ›Das Hochzeitsfest ist vorbereitet, aber die Gäste, die ich eingeladen hatte, waren es nicht wert, daran teilzunehmen. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet alle zur Hochzeit ein, die ihr dort antrefft.‹ Die Diener gingen auf die Straßen und holten alle herein, die sie fanden, Böse ebenso wie Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen.«

Am Montag spielte die deutsche Nationalmannschaft beim Confed Cup im russischen Sotschi. Der Stellenwert des Turniers ist, sagen wir: überschaubar, und die Karten waren teuer, das Stadion wäre ziemlich leer gewesen. Kein Anblick, mit dem man die Welt hätte beeindrucken können; also ließ man tausende Tickets verschenken, um das trostlose Bild etwas aufzuhübschen.

Ist das die Botschaft dieses Gleichnisses, dass Gott so jemand ist wie Wladimir Putin, vor dessen Einladung man sich besser drücken sollte, weil man dafür einen hohen Preis bezahlen würde – und weil man eh nur Statist bliebe in einer hohlen und verkrampften Inszenierung von Größe, Glanz und Macht?


Andreas Rønningen

Vielleicht lässt sich diese Frage – was Jesus denn nun über Gottes Wirken in der Welt sagen will – beantworten, wenn wir ein bisschen eintauchen in die Geschichte. Stellen wir uns vor, wir sind einer der Gäste im Hochzeitssaal, der sich zusehends füllt:

Ich blicke mich um und sehe wenige bekannte Gesichter. Ich frage mich, ob das so eine gute Idee war, zuzusagen, als ich auf der Straße angesprochen wurde. Aber nachdem ich eh nichts vorhatte heute war die Aussicht auf ein Festessen und etwas fröhliche Gesellschaft nicht so schlecht. Und es duftet ja wirklich großartig aus der Küche. Jetzt merke ich erst, wie lange ich schon nichts Anständiges mehr gegessen habe. Bestimmt kennen sich alle anderen Gäste und nur ich bin ein Außenseiter. Es könnte ein anstrengender Aufenthalt werden, aber jetzt kann ich nicht nicht einfach wieder verdrücken.

Ich stelle mich mit meinem Aperitif in der Hand zu zwei anderen Gästen, die sich unterhalten. Sie sind gerade dabei, sich bekannt zu machen. Ruben ist Wanderarbeiter auf einer nahen Großbaustelle des Königs. Für das Fest heute hat er frei bekommen. Und Joseph ist ein Samaritaner, der geschäftlich in der Stadt ist. Er versucht, seinen Dialekt zu unterdrücken, um nicht angefeindet zu werden, aber es misslingt ihm zwischendurch immer wieder. Dann kommt noch Mosche hinzu. Er ist Wachsoldat im Tempel und hat gerade ein paar Tage frei, weil seine Frau ein Kind zu Welt gebracht hat. Er wollte erst gar nicht kommen, dann ließ er sich doch breitschlagen.

Ich wechsle den Tisch. Nebenan werden Gerüchte diskutiert, die ursprünglich geladenen Gäste hätten das Fest boykottiert. Der König habe es sich mit ihnen verscherzt, weil er ihre Sonderrechte gegenüber dem gemeinen Volk abschaffen wollte, meint einer aus der Runde. Ich denke mir: Das würde ja ins Bild passen, dass er nun Krethi und Plethi einlädt. Am Ende freut er sich über die neuen Gäste noch genauso wie über die Vertreter des Establishments.

Aber das sind ja wir, fährt mir durch den Kopf. Wann erscheint der Gastgeber denn endlich? Was wird er sagen, wenn er kommt? Hat er sich längst inkognito unter die Leute gemischt und hört zu, was wir über ihn reden? Wird er mir die Hand schütteln – hat er es schon getan? Muss ich mir Sorgen machen, dass ich nicht seinen Erwartungen entspreche – schließlich bin ich ja irgendwie nur Gast zweiter Wahl? Wie redet man überhaupt mit so jemandem? Ich nehme mir vor, zu sagen: „Ein ganz wunderbares Fest, Eure Majestät!“

* * *

Wie hat die Geschichte auf die Jünger gewirkt? Vielleicht ist es so gewesen: Jesus heilt eben noch ein paar Kranke und streitet mit ein paar Schriftgelehrten. Währenddessen sitzen die Zwölf im Schatten und zerbrechen sich die Köpfe:

„Was wollte er damit jetzt sagen?“, fragt Andreas.

„Ich glaube, wir sind die Gäste“, meint Petrus.

„Welche Gäste,“ fragt Johannes, „die erste oder die zweite Wahl?“

„Die zweite Wahl“, sagt Matthäus. „Mich hat er doch an der Mautstation gefunden. Euch vier beim Fischen. Wo er geht und steht, sammelt er Leute. Normale Leute, seltsame Leute, sogar Frauen sitzen mit ihm an einem Tisch, wenn er wieder mal feiert!“

Simon der Zelot sagt: „Du, Matthäus, hast für die Römer gearbeitet, ich habe Anschläge auf sie verübt. Für mich warst du der Böse, für dich war ich es. Aber Jesus hat uns beide berufen.“

„Stimmt“, sagt Matthäus. „Ich habe mich schon öfter gefragt, was er sich wohl dabei gedacht hat. Oder ob er schon einmal das Wort Zielgruppe gehört hat. Wenn du kampagnenfähig sein willst, brauchst du ein klares Profil…“

„Moment mal,“ unterbricht Petrus, „wenn wir die zweite Runde sind, dann wäre Herodes Antipas einer von der ersten Gruppe. Und zwar einer der militanten Typen. Er hat schließlich Johannes den Täufer umbringen lassen. Johannes war ja auch ein Bote Gottes, oder? Dann waren das eben aber keine guten Nachrichten für Herodes…“

„Hat er auch nicht verdient“, sagt Jakobus. „Und lange vor Johannes wurde Jeremia verschleppt und verschwand spurlos. Auch der hatte mit Kritik an den Mächtigen ja nicht gespart. Prophet ist halt ein sehr gefährlicher Job. Ich mache mir immer wieder Sorgen um Jesus. Das geht nicht mehr lange gut hier.“

„Was, wenn wir gar nicht die Gäste sind aus der Geschichte, sondern die Boten?“ fragt Philippus besorgt in die Runde. Und Thomas fügt hinzu: „Sind wir dann auch in Gefahr? In Galiläa hat er uns ja immer wieder mal ausgesandt, genau wie die Diener aus der Geschichte. Zum Glück haben sie uns da freundlich aufgenommen, sogar die schrägen Typen. Aber hier, in Jerusalem, das ist schon ein anderer Menschenschlag.“

„Die denken doch immer, sie seien erste Wahl“, seufzt Judas. „Uns behandeln sie wie nutzlose Trottel. Bestimmt meinen sie, wenn Gott schon redet, dann bestimmt so wie einer von ihnen. Von einem Galiläer lassen die sich nichts sagen.“

Und Philippus antwortet: „Bloß weil hier der Tempel steht meinen sie, sie stünden Gott näher und hätten ihn schon irgendwie in der Tasche. Auch das hat sich seit Jeremias Zeiten nicht geändert. Ganz schön arrogant.“

„Ja, schon,“ sagt Johannes, „aber jetzt sind wir ja schon wieder bei Bösen und Guten, oder?“

* * *

Wechseln wir die Perspektive noch einmal – so wie im Gleichnis die Akteure immer wieder wechseln: Sprechen wir über die Kirche.

Manchmal hat man ja den Eindruck, es gibt unter Christen kaum einen gemeinsamen Nenner. Außer, dass alle eine Einladung angenommen haben, und gerade erst herausfinden, auf was für einer Party sie da gelandet sind.

Dann ist Kirche sogar richtig gut, weil sie nicht einfach nur ein klar umrissenes Milieu oder Segment bedient und dessen Vorlieben und Abneigungen übernimmt. Wir sind ja irgendwie alle Gäste zweiter Wahl. Und irgendwie auch nicht. Paulus schreibt an die Korinther:

Schaut euch doch nur einmal an,
wer bei euch berufen wurde,
zur Gemeinde zu gehören, Brüder und Schwestern!
Nach menschlichem Maßstab
gibt es bei euch weder viele Weise
noch viele Einflussreiche oder viele,
die aus vornehmen Familien stammen!

Nein, was der Welt als dumm erscheint,
das hat Gott ausgewählt,
um ihre Weisen zu demütigen.
Und was der Welt schwach erscheint,
das hat Gott ausgewählt,
um ihre scheinbare Stärke zu beschämen.
Und was für die Welt keine Bedeutung hat
und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt –
also gerade das, was nichts zählt,
um dadurch das außer Kraft zu setzen,
was etwas zählt.

Gott arbeitet offenbar an einem groß angelegten Umsturz. Und dazu sucht er Menschen, die nach menschlichen Maßstäben nicht erste Wahl wären.

Wie kommt das Reich Gottes heute in die Welt? Drei aktuelle Beispiele können uns den Weg weisen:

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat am vergangenen Sonntag eine Aktion durchgeführt, die sich „Deutschland spricht“ nennt. Man konnte sich bewerben, indem man fünf politische Fragen beantwortete, und dann seine Postleitzahl angeben. Dann bekam man einen Gesprächspartner aus der Nachbarschaft zugeteilt, der ganz anders denkt als man selbst. 600 ausgewählte Paare trafen sich also und debattierten unter vier Augen über Flüchtlinge, Atomausstieg, Europas Umgang mit Russland, Ehe für alle und andere heiße Themen, die unsere Gesellschaft spalten und oft zum Abbruch des Kontakts führen. Die Erfahrungen waren so gut, dass viele Teilnehmer sich wieder treffen wollen. Eine Teilnehmerin berichtet: „Je länger wir uns unterhielten, desto weniger unterschiedliche Ansichten kamen zum Vorschein. … Wenn man sich … zusammensetzt und die Themen beleuchtet, auch genau zuhört, was die andere sagt, dann merkt man, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind.“

Mit Unterstützung vieler Wähler wirft Emmanuel Macron, der neue Präsident Frankreichs, das skandalträchtige politische Establishment und dessen nicht weniger zwielichtige Kritiker vom Front National aus der Nationalversammlung. Ein bunter Haufen von Neuen sitzt im Parlament, kaum einer kennt den anderen, viele haben das Gebäude noch nie von innen gesehen. „Kann das gut gehen?“, fragen viele. „Warum eigentlich nicht?“, sagen andere – deprimierender als zuletzt konnte es kaum noch werden.

Im Februar habe ich mit ein paar Kolleg*innen die Vesperkirche in Gustav Adolf besucht. Wir fanden dort in der Südstadt ein wahrhaft biblisches Bankett vor: Alte und Junge, Franken und Migranten, Studierte und Bildungsferne, Schlips- und Jogginghosenträger, Wohlhabende und Hartz-IV-Empfänger, Gläubige und Gottlose (-wobei…?). Ich setzte mich an den ersten freien Platz an einem Tisch und war sofort im Gespräch mit Fremden. Scharen von freiwilligen Helfern tragen die Aktion. Auch das ist ein sehr bunter Haufen. Aber ein Haufen mit einer Mission. Irgendwie alle Gäste des einen Gottes und die meisten irgendwie auch schon seine Diener und Mitarbeiter.

Wenn es nach Gott geht, kann der Festsaal nicht voll genug und die Festgesellschaft nicht bunt genug sein. Und was zunächst aussieht, als wäre es zweite Wahl, das ist ihm dabei das Liebste.

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Kirche, die sich selbst schockiert

Vor mittlerweile 40 Jahren stellte Johann Baptist Metz die folgende Frage. Ich halte sie für immer noch aktuell – er offenbar auch, denn der Text erschien 2014 wieder, und zwar unverändert. Es geht um Gestalt und Auftrag von Kirche. Vermutlich hatte damals noch niemand etwas von „New Monasticism“ gehört – die unterschiedlichen FreshXWebsites und Programme waren auch noch nicht am Start. Aber ein Mann mit Weitblick, Mut und klaren Worten:

Müssten es nicht gerade „die Religiosen“ [d.h. die Angehörigen von Ordensgemeinschaften] sein, die einer unabgestorbenen Religiosität inmitten unserer aufgeklärten und zweckrational durchorganisierten Welt auf der Spur sind? Müssten nicht gerade die Gespür und Hellsichtigkeit dafür entfalten, dass und wie es durchaus Religion in einer sog. nachreligiösen Zeit gibt: ungestillten Hunger und Durst nach Gerechtigkeit – auch und gerade für die anderen, die Opfer unseres geschichtlichen Lebens; unverzweckbare Bedürfnisse nach Sinn und ohnmächtige Rebellionen gegenhereinstürzende Sinnlosigkeit; Trauer, die sich durchhält gegen die anonymen Trauer- und Melancholieverbote einer Erfolgs-, einer Siegergesellschaft; Sehnsucht nach neuem Leben und nach Auferstehung, und das alles meist sprachlos oder doch meilenweit entfernt von der offiziellen Kirchensprache? Könnten und müssten nicht einzelne Orden innovatorisch gerade in dem Sinne wirken, dass sie diesen Spuren von Religion nachgehen und deren Sprachlosigkeit (wie auch diejenige der Kirche solcher Religiosität gegenüber) überwinden helfen?

Das prophetische Charisma der Orden besteht für Metz unter anderem in einer „innerkirchlichen Schockwirkung“. Kirche, die sich im Namen Gottes selbst schockiert. Mir fällt gerade keine Institution ein, der das gelingt. Leider gelingt es auch in den Kirchen nicht oft genug.

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Noch mal gut gegangen…

Neulich Abend, ich radelte von Nürnberg nach Hause über die Wiesen am Hutgraben. Der Himmel hatte sich zugezogen, aber richtig dunkel waren die Wolken nicht. In der Ferne über dem Tennenloher Forst hatte ich allerdings schon leichtes Donnergrollen gehört.

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Um so unvorbereiteter war ich, als etwa 20 Meter direkt über mir ein Blitz horizontal durch die Luft zuckte. Das Licht, ein „elektrisches“ Surren und der harte Knall des Donners kamen innerhalb eines Sekundenbruchteils zusammen. Zu schnell, um zu erschrecken. 300 Meter weiter wiederholte sich die Szene, nur dass der Abstand diesmal etwas größer war. Und eine Minute später ein drittes Mal, noch einen Tick weiter weg von mir.

Das hätte auch anders ausgehen können, wie eine Nachricht vom selben Tag zeigt.

Als am Wochenende dann vom Pfingstfeuer die Rede war, musste ich noch ein paar Mal an das Erlebnis denken. Ich bin froh, dass das eine freundlichere Energie ist.

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Ein Fest mit Sprengkraft

Wie Sturm und Feuer kommt der Geist an Pfingsten und sprengt die Versammlung der Jünger. Das Rauschen des Sturms erfüllt den Raum, das Feuer verteilt sich auf die anwesenden Menschen. Türen scheinen aufzufliegen, die Fenster sind sowieso offen, Wände spielen keine Rolle mehr. Die Taube, die auf Jesus am Jordan landete, hätte so etwas nicht hinbekommen.

Sturm und Feuer… Ich erinnere mich an Worte aus 1. Könige 19:

Ein starker, heftiger Sturm,
der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus.
Doch der Herr war nicht im Sturm.
Nach dem Sturm kam ein Erdbeben.
Doch der Herr war nicht im Erdbeben.
Nach dem Beben kam ein Feuer.
Doch der Herr war nicht im Feuer.“

Der Herr war nicht im Feuer. Der Herr war nicht im Sturm. Damals.

Aber jetzt ist er im Feuer und im Sturm. So eine Art Feuer jedenfalls, und eine Art Sturm. Kein sanftes Säuseln. Niemand verhüllt sein Gesicht, sondern mit offenen Augen und Mündern stehen alle kurz darauf auf den Straßen Jerusalems.

Jetzt also doch Sturm und Feuer. Und falls sich jemand fragt, wo das Erdbeben ist – das folgt in Kapitel 4, als Petrus und Johannes aus dem Gefängnis kommen, alle gemeinsam beten, der Geist erneut „ausbricht“ und die Wände wackeln. Die bedrohte Redefreiheit wird wiederhergestellt.

Alle drei Elemente, mit denen der Prophet es schon zu tun hatte, sind also versammelt. Als würde Gott auf seine Leute zeigen und sagen: Das sind meine Propheten für diese Zeit und diesen Ort. Einfache Leute, die unerschrocken vom auferstandenen Jesus reden und damit die Mächtigen ins Schwitzen bringen. So wie Moses, nachdem der zu lange in ein sprechendes Feuer geschaut hatte.

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Feuer und Wind ergeben zusammen einen Flächenbrand. Eine bedrohliche Vorstellung, sofern es „richtiges“ Feuer ist. Aber große Hoffnung, wenn es das Feuer ist, das aus den Augen derer scheint, die den Gewaltigen die Wahrheit ins Gesicht sagen: „Eure Macht ist nicht so groß, wie ihr glaubt, und eure Zeit ist abgelaufen.“

Manchmal wird es auch wieder ein sanftes Säuseln sein, ein „verschwebendes Schweigen“ (Buber). Es ist eben der freie Geist des befreienden Gottes. Er sprengt all das, was zu eng und zu starr geworden ist: Kirchenmauern, Konzepte, Gesetze, Erwartungen, Scheuklappen und Angstbarrieren.

Davon gern mehr. Und gern jeden Tag.

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