Weisheit der Woche: Weitblick
Peter | 20. Aug 2010In Krisenzeiten braucht man eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams und das Klein-Klein des bloßen Durchwurstelns
Jürgen Habermas – hier zitiert
In Krisenzeiten braucht man eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams und das Klein-Klein des bloßen Durchwurstelns
Jürgen Habermas – hier zitiert
In diesem spannenden Video geht Jeremy Rifkin der Frage nach dem Ursprung der Menschheit, der Zivilisation und der menschlichen Natur nach. Er setzt ein mit der Feststellung, dass der Mensch nicht – wie manche Denker der Aufklärung und Vertreter der (frühen) Evolutionstheorie vermuteten – primär von Aggression und Trieb zur Selbstdurchsetzung gelenkt wird, sondern von Empathie, Kooperation und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit.
Auf die Frage, ob es gelingen kann, globale Solidarität jenseits von ethnischen, religiösen, ideologischen und nationalen Grenzen zu ermöglichen, kommt er eher nebenbei darauf zu sprechen, dass genetische Daten darauf hindeuten, dass die heute Menschheit tatsächlich von einem Mann und einer Frau abstammt und dass daher die globale Familie genetisch betrachtet gar keine Fiktion ist. Weiß jemand, wer diesen Nachweis geführt hat?
Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Ich sage damit nicht, dass Genesis 1-2 in allen Einzelheiten wörtlich auszulegen wäre, besonders was die Theorie von der Erbsünde betrifft. Aber für einen fruchtbaren Dialog zwischen Theologie und Wissenschaft liefert Rifkin ein paar schöne Ansatzpunkte.
Ein paar bemerkenswerte Sachen habe ich in den letzten Tagen gelesen, vielleicht findet der eine oder die andere sie auch spannend:
Die Zeit erläutert, warum viele Spitzenkräfte an ihrer neuen Stelle nicht mehr annähernd so gut sind wie bisher. Das Umfeld ist oft mindestens so wichtig für den Erfolg wie die eigene Leistung.
John Hulsman beschreibt in einem Gastbeitrag für die SZ, warum Sarah Palin eine Gefahr für die USA und die Welt ist, obwohl (oder gerade weil) sie bestimmt nie zur Präsidentin gewählt wird.
Die Stiftung Warentest hat die Anbieter fairer Kleidung unter die Lupe genommen und einen ernüchterndes Fazit gezogen.
Christine Herbert hat sich Gedanken gemacht zum Tag der Freundschaft – und warum sich Männer mit dem Thema schwerer tun als Frauen.
Immerhin: CSU-General Dobrindt entschuldigt sich für sein Gepöbel gegen Hannelore Kraft, die in Duisburg mit einer Rede die Herzen erreichte und den richtigen Ton traf – was man sich das bei ihrem Vorgänger nie hätte vorstellen können.
Anlässlich der gegenwärtigen Entschuldigungsorgien der Deutschen Bahn fiel mir ein altes Gedicht von Steve Turner ein: British Rail regrets. Ich habe es hier gefunden vielleicht inspiriert es ja ein paar Hobbydichter. Es ist alt, aber hierzulande wäre es mit “German Rail” erstaunlich aktuell:
British Rail Regrets by Steve Turner
British Rail regrets
having to regret.
British Rail regrets
it cannot spell.
British Rail regrets
the chalk ran out.
British Rail regrets
that due to a staff shortage
there will be no-one
to offer regrets.
British Rail regrets, but will not be sending
flowers or tributes.
British Rail regrets
the early arrival
of your train.
This was due to industrious action.
British Rail regrets
that because of a work-to-rule
by our tape machine
this is a real person.
British Rail regrets
the cheese shortage
in your sandwich.
This is due to
a points failure.
The steward got
three out of ten.
British Rail regrets.
Tears flow from beneath
the locked doors of staff rooms.
Red-eyed ticket collectors
offer comfort
to stranded passengers.
Angry drivers threaten
to come out in sympathy
with the public.
British Rail regrets.
That’s why its members
are permanently dressed in black.
That’s why porters stand around
as if in a state of shock.
That’s why Passenger Information
is off the hook.
British Rail regrets
that due to the shortage of regrets
there will be a train.
Wer das eigene Leben mit einer Reality Soap verwechselt und nach deren Regeln lebt, der darf sich nicht wundern, wenn er ganz plötzlich rausgewählt wird.
Franziska Seng in der Süddeutschen
Die SZ hat die Oma von Thomas Müller interviewt. Erna Burghart spricht über ihr Leben und den berühmten Enkel. Diese Passage fand ich besonders nett:
Burghart: Ich verstehe ja nicht viel vom Fußball und habe auch bei früheren Spielen immer nur dann weitergeschaut, wenn der Thomas nicht ausgewechselt wurde. Aber diesmal habe ich alles bis zum Ende angesehen, mit einer Kerze auf dem Tisch.
SZ: Mit einer Kerze? Bringt das was?
Burghart: Schon. Nur diesmal habe ich vergessen, die Kerze anzuzünden. Mich wundert selber, dass es trotzdem geklappt hat.
Ich mag die SZ – normalerweise. Aber vor dem Auftaktspiel unserer Internationalmannschaft einen Astrologen ins Studio zu holen, das gehört schon zu den schwärzeren Stunden ihrer verdienstvollen Geschichte.
Der Mann (ich hab den Namen vergessen und will ihn auch gar nicht wissen) gab ein paar wohlwollend-positive Allgemeinheiten von sich über Löw und Lahm und Schweinsteiger, die man auch ohne Referenz zu irgendwelchen Himmelskörpern tausendfach im heimischen Blätterwald vorfindet. Beruhigend daran: Er ist offenbar des Lesens kundig. Auf die Frage, was die Sterne mit der WM zu tun haben, antwortete er: Eine Menge. Schließlich gebe es 12 Tierkreiszeichen und eine Fußballmannschaft bestehe ja auch aus 12 Leuten … wenn man den Trainier dazu rechne.
Guter Mann, du hättest wenigstens vorher sehen können, dass gestern 14 Leute gespielt haben. Auswechslungen sind ja so ungewöhnlich nicht. Und der Trainerstab besteht auch aus mehr als einer Person. Flick und Köpke mitgerechnet wären wir bereits bei 17 Akteuren. Bei dieser Kaffeesatzleserei geht es offenbar nur darum, Leuten das zu sagen, was sie gerne hören würden und daher glauben wollen, und dem eine an den Haaren des freien Assoziierens herbei gezogene Pseudoplausiblität zu verleihen. Ohne sich freilich auf irgendwas festzulegen.
Leute, gebt mir den Kaffee und behaltet die schwammigen, ausgelutschten Sätze für euch!
… meinen die einen, während die anderen alles minutiös planen und Überraschungen ausschließen wollen. Beide Lebenshaltungen, schreibt Wolf Lotter in der aktuellen Ausgabe von brand eins, helfen nicht weiter. Kleiner Auszug aus dem lesenswerten Text:
Merkwürdige Perspektiven haben nicht nur die, die alles auf lange Sicht so ganz genau haben wollen, die Planungssicherheit einfordern. Es sind auch die ein wenig verpeilt, die daraus den Schluss ziehen, man solle gleich mal mit dem Nachdenken über die nächste Zeit aufhören. Ist alles nur eine Überraschung? Gibt es keine Kausalitäten mehr? Wenn sich Zukunft nicht genau festlegen lässt, soll man dann gleich darauf pfeifen, Zukunft gestalten zu wollen – und damit Perspektiven und Möglichkeiten zu erkennen? Aus dieser Perspektive ist das Leben ein einziger Kindergeburtstag, eine bunte Überraschung. Genau betrachtet aber sind die einen die Flachwurzler mit ihrer Planungssicherheit wie die anderen – die Überraschungsonkels – nur zwei Spielarten einer Haltung. Denken ohne Zukunft ist genauso sinnlos wie Zukunft, über die man nicht nachdenken mag. Die Zukunft ist und bleibt das, was wir daraus machen. Aber wo fängt man damit an?
Obama sagte kürzlich zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, dass sich die entscheidenden Leute ganz offenbar nicht genug Gedanken gemacht hatten, was für Folgen solche (wie wir inzwischen wissen: fahrlässigen) Tiefseebohrungen haben könnten. Während die einen gar nicht mehr denken, versuchen die anderen, das Denken in den gewohnten Bahnen zu beschleunigen oder zu rationalisieren. Derweil wachsen uns die Krisen über den Kopf. Das alte Paradigma ist zerbröselt und ein neues noch nicht in Sicht, schreibt Lotter.
Woher kommen neue Perspektiven? Fast meine ich, Alan Roxburgh hier wieder zu hören, wenn am Ende von Werten und Kultur die Rede ist, aus denen man keine Pläne, sondern Strategien (den Begriff hatte Roxburgh allerdings in dem Sinne von “Plan” verwendet) gewinnt, die jedem einzelnen wieder Freiräume eröffnen, selbstständig zu handeln. Und Kulturen bestehen im Wesentlichen aus gemeinsamen Geschichten. Nochmal Lotter:
Man muss also etwas wollen und darüber reden, das auch andere verstehen – oder, wie man neudeutsch sagen würde, blicken würden, damit man die Entwicklung nicht verpeilt.
sind diese Basejumper, die sich am Trollstigen in Norwegen von den senkrecht abfallenden Bergen stürzen und mit ihren Wingsuits an den Kehren der Passstraße entlang fliegen:
wingsuit base jumping from Ali on Vimeo.
Viele Menschen fühlen sich von Büchern eingeschüchtert. Nicht ganz zu Unrecht, wie sich zeigt. Ganz oben auf der Liste dieser Wälzer findet sich seit kurzem der 2067 Seiten dicke Große Ploetz, mit dem gestern eine Buchhändlerin in Kassel einen Räuber in die Flucht schlug.
Merke: Besser ein dickes Buch im Regal als den Revolver in der Schublade! Dürfen auch zwei sein…
Ich hatte beim Durchlesen überlegt, zwei oder drei Zitate zu posten. Aber dieses Interview von Pater Klaus Mertes, dem Rektor des Canisius-Kollegs, ist von vorn bis hinten so undiplomatisch (im Sinne vom Herumreden um den heißen Brei) und mit treffenden Aussagen gespickt, dass ich nur sagen kann: Selber lesen.
Und dann gleich weiter hier mit Johann Baptist Metz über Mystik und Gerechtigkeit. Keine Zeit zum Verschnaufen also…
Es passiert in (fast) jeder Familie: Christopher Hitchens hat einen Bruder, der dem Atheismus den Rücken gekehrt und ein Buch darüber veröffentlicht hat, warum er diesen Glauben verloren (und einen anderen gefunden) hat: The Rage Against God.
Hier ein Interview mit Peter Hitchens:
Peter Hitchens Author Interview–The Rage Against God from Gorilla Poet Productions on Vimeo.
Greg Boyd von der Woodlands Hill Church predigt zu Ostern über das unübersetzbare deutsche Wort “Sehnsucht”:
Die erste Predigt, die ich gehört habe, wo Debussy im Hintergrund gespielt wird. Nebenbei – Huffington Post beschreibt Boyd als den Mann, der “Evangelikale zum Christentum bekehrt”. Auch interessant – mehr dazu in einem Interview hier.
Die British Library hat einige grandiose Werke komplett ins Netz gestellt, darunter eine illustrierte äthiopische Bibelhandschrift, den Kodex Sinaiticus (eine der wichtigsten Handschriften des NT) und die Lindisfarne Gospels. DaVinci, Mozart und Händel sind auch mit von der Partie.
Etwas Zeit zum Staunen sollte man jedoch mitbringen, wenn man hineinklickt.
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