Weisheit der Woche: Spielregeln
Peter | 21. Jul 2010Wer das eigene Leben mit einer Reality Soap verwechselt und nach deren Regeln lebt, der darf sich nicht wundern, wenn er ganz plötzlich rausgewählt wird.
Franziska Seng in der Süddeutschen
Wer das eigene Leben mit einer Reality Soap verwechselt und nach deren Regeln lebt, der darf sich nicht wundern, wenn er ganz plötzlich rausgewählt wird.
Franziska Seng in der Süddeutschen
Die SZ hat die Oma von Thomas Müller interviewt. Erna Burghart spricht über ihr Leben und den berühmten Enkel. Diese Passage fand ich besonders nett:
Burghart: Ich verstehe ja nicht viel vom Fußball und habe auch bei früheren Spielen immer nur dann weitergeschaut, wenn der Thomas nicht ausgewechselt wurde. Aber diesmal habe ich alles bis zum Ende angesehen, mit einer Kerze auf dem Tisch.
SZ: Mit einer Kerze? Bringt das was?
Burghart: Schon. Nur diesmal habe ich vergessen, die Kerze anzuzünden. Mich wundert selber, dass es trotzdem geklappt hat.
Ich mag die SZ – normalerweise. Aber vor dem Auftaktspiel unserer Internationalmannschaft einen Astrologen ins Studio zu holen, das gehört schon zu den schwärzeren Stunden ihrer verdienstvollen Geschichte.
Der Mann (ich hab den Namen vergessen und will ihn auch gar nicht wissen) gab ein paar wohlwollend-positive Allgemeinheiten von sich über Löw und Lahm und Schweinsteiger, die man auch ohne Referenz zu irgendwelchen Himmelskörpern tausendfach im heimischen Blätterwald vorfindet. Beruhigend daran: Er ist offenbar des Lesens kundig. Auf die Frage, was die Sterne mit der WM zu tun haben, antwortete er: Eine Menge. Schließlich gebe es 12 Tierkreiszeichen und eine Fußballmannschaft bestehe ja auch aus 12 Leuten … wenn man den Trainier dazu rechne.
Guter Mann, du hättest wenigstens vorher sehen können, dass gestern 14 Leute gespielt haben. Auswechslungen sind ja so ungewöhnlich nicht. Und der Trainerstab besteht auch aus mehr als einer Person. Flick und Köpke mitgerechnet wären wir bereits bei 17 Akteuren. Bei dieser Kaffeesatzleserei geht es offenbar nur darum, Leuten das zu sagen, was sie gerne hören würden und daher glauben wollen, und dem eine an den Haaren des freien Assoziierens herbei gezogene Pseudoplausiblität zu verleihen. Ohne sich freilich auf irgendwas festzulegen.
Leute, gebt mir den Kaffee und behaltet die schwammigen, ausgelutschten Sätze für euch!
… meinen die einen, während die anderen alles minutiös planen und Überraschungen ausschließen wollen. Beide Lebenshaltungen, schreibt Wolf Lotter in der aktuellen Ausgabe von brand eins, helfen nicht weiter. Kleiner Auszug aus dem lesenswerten Text:
Merkwürdige Perspektiven haben nicht nur die, die alles auf lange Sicht so ganz genau haben wollen, die Planungssicherheit einfordern. Es sind auch die ein wenig verpeilt, die daraus den Schluss ziehen, man solle gleich mal mit dem Nachdenken über die nächste Zeit aufhören. Ist alles nur eine Überraschung? Gibt es keine Kausalitäten mehr? Wenn sich Zukunft nicht genau festlegen lässt, soll man dann gleich darauf pfeifen, Zukunft gestalten zu wollen – und damit Perspektiven und Möglichkeiten zu erkennen? Aus dieser Perspektive ist das Leben ein einziger Kindergeburtstag, eine bunte Überraschung. Genau betrachtet aber sind die einen die Flachwurzler mit ihrer Planungssicherheit wie die anderen – die Überraschungsonkels – nur zwei Spielarten einer Haltung. Denken ohne Zukunft ist genauso sinnlos wie Zukunft, über die man nicht nachdenken mag. Die Zukunft ist und bleibt das, was wir daraus machen. Aber wo fängt man damit an?
Obama sagte kürzlich zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, dass sich die entscheidenden Leute ganz offenbar nicht genug Gedanken gemacht hatten, was für Folgen solche (wie wir inzwischen wissen: fahrlässigen) Tiefseebohrungen haben könnten. Während die einen gar nicht mehr denken, versuchen die anderen, das Denken in den gewohnten Bahnen zu beschleunigen oder zu rationalisieren. Derweil wachsen uns die Krisen über den Kopf. Das alte Paradigma ist zerbröselt und ein neues noch nicht in Sicht, schreibt Lotter.
Woher kommen neue Perspektiven? Fast meine ich, Alan Roxburgh hier wieder zu hören, wenn am Ende von Werten und Kultur die Rede ist, aus denen man keine Pläne, sondern Strategien (den Begriff hatte Roxburgh allerdings in dem Sinne von “Plan” verwendet) gewinnt, die jedem einzelnen wieder Freiräume eröffnen, selbstständig zu handeln. Und Kulturen bestehen im Wesentlichen aus gemeinsamen Geschichten. Nochmal Lotter:
Man muss also etwas wollen und darüber reden, das auch andere verstehen – oder, wie man neudeutsch sagen würde, blicken würden, damit man die Entwicklung nicht verpeilt.
sind diese Basejumper, die sich am Trollstigen in Norwegen von den senkrecht abfallenden Bergen stürzen und mit ihren Wingsuits an den Kehren der Passstraße entlang fliegen:
wingsuit base jumping from Ali on Vimeo.
Viele Menschen fühlen sich von Büchern eingeschüchtert. Nicht ganz zu Unrecht, wie sich zeigt. Ganz oben auf der Liste dieser Wälzer findet sich seit kurzem der 2067 Seiten dicke Große Ploetz, mit dem gestern eine Buchhändlerin in Kassel einen Räuber in die Flucht schlug.
Merke: Besser ein dickes Buch im Regal als den Revolver in der Schublade! Dürfen auch zwei sein…
Ich hatte beim Durchlesen überlegt, zwei oder drei Zitate zu posten. Aber dieses Interview von Pater Klaus Mertes, dem Rektor des Canisius-Kollegs, ist von vorn bis hinten so undiplomatisch (im Sinne vom Herumreden um den heißen Brei) und mit treffenden Aussagen gespickt, dass ich nur sagen kann: Selber lesen.
Und dann gleich weiter hier mit Johann Baptist Metz über Mystik und Gerechtigkeit. Keine Zeit zum Verschnaufen also…
Es passiert in (fast) jeder Familie: Christopher Hitchens hat einen Bruder, der dem Atheismus den Rücken gekehrt und ein Buch darüber veröffentlicht hat, warum er diesen Glauben verloren (und einen anderen gefunden) hat: The Rage Against God.
Hier ein Interview mit Peter Hitchens:
Peter Hitchens Author Interview–The Rage Against God from Gorilla Poet Productions on Vimeo.
Greg Boyd von der Woodlands Hill Church predigt zu Ostern über das unübersetzbare deutsche Wort “Sehnsucht”:
Die erste Predigt, die ich gehört habe, wo Debussy im Hintergrund gespielt wird. Nebenbei – Huffington Post beschreibt Boyd als den Mann, der “Evangelikale zum Christentum bekehrt”. Auch interessant – mehr dazu in einem Interview hier.
Die British Library hat einige grandiose Werke komplett ins Netz gestellt, darunter eine illustrierte äthiopische Bibelhandschrift, den Kodex Sinaiticus (eine der wichtigsten Handschriften des NT) und die Lindisfarne Gospels. DaVinci, Mozart und Händel sind auch mit von der Partie.
Etwas Zeit zum Staunen sollte man jedoch mitbringen, wenn man hineinklickt.
Dieses »Man muss es doch mal sagen dürfen« ist taktisch nicht gut. Dahinter steht nämlich der Wille, alles Widerspenstige wegzuhauen.
Wolfgang Kubicki (FDP) in der Zeit über Guido Westerwelle – gilt aber auch für Christen…
Mark Driscoll – wen wundert’s? – hat mit “Avatar” die neueste Ausgeburt der Hölle entdeckt. “Paganism” und “Satanism” scheinen für ihn dasselbe zu sein, obwohl letzteres ohne Christentum kaum denkbar ist.
Jason Clark setzt dem nun eine positivere und differenziertere Sicht entgegen. Ich finde Driscoll wie fast immer maßlos. Man kann die unübersehbar Anklänge an den Mythos vom edlen Wilden und die neokolonial gestrickte Gestalt des weißen Messias kritisieren, aber mit Satanismus oder Heidentum hat die eher kitschige Story wenig gemein.
Was Driscoll und seine aggressive Kritik betrifft, so scheint er mir in der Tat mehr zu den “Himmelsmenschen” in Kampfanzügen zu passen und das Kulturmandat (und sein Verständnis von Kunst?) aus Genesis 1 im Sinne der kategorischen Unterwerfung statt der achtsamen Fürsorge zu lesen. Dann ist so ein Film natürlich gefährlich.
Die chinesischen Behörden fanden das im Übrigen auch…
Einer Untersuchung von Kardiologen aus dem kalifornischen Oakland zufolge müssen Menschen, die täglich mehrere Tassen Kaffee trinken, seltener wegen Rhythmusstörungen im Krankenhaus behandelt werden.
hier gefunden
Eben lese ich von einem Flugblatt in Griechenland, das in Empörung über den frechen Focus zum Boykott aufruft und dabei folgende Aussage trifft:
Die Verfälschung einer Statue der griechischen Geschichte, Schönheit und Zivilisation, die aus einer Zeit stammt, wo sie (die Deutschen, Anm. d. Red.) Bananen auf Bäumen gegessen haben, ist unverzeihlich und nicht hinnehmbar.
Nun lieben die Germanen zweifellos ihre Bäume, für die sie von der EU jedoch keine Prämien kriegen und daher auch keine falschen Angaben machen mussten. Aber vielleicht sollten die klammen Wächter der Zivilisation nochmal die paar Zeilen zu “Bananen” in der Wikpedia nachlesen…
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