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Einfach erklärt: “missional”

Peter | 07. Mrz 2010

Am Freitag beginnt das Seminar mit Alan Roxburgh und zur Einstimmung hier ein kurzes Video, das sehr einfach erklärt, welches Umdenken dem missionalen Ansatz zu Grunde liegt (gefunden bei JR Woodward):


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Kirche und Zukunft
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Die Suche nach dem “dritten Weg”

Peter | 19. Feb 2010

Der dritte Weg ist derzeit für viele ein großes Thema. Es geht dabei nicht darum, zu sagen, dass alles bisherige falsch war – egal, wie man nun den ersten und zweiten Weg inhaltlich beschreiben würde – sondern nach einer Möglichkeit zu suchen, herrschende Gegensätze und vor allem Ausschlüsse zu überwinden, mit Paradoxien zu leben und zu einem tieferen Verständnis des Lebens vorzudringen. Im dualistischen Denken erscheint dies dennoch als Widerspruch.

Die Suche nach dem dritten Weg ist an vielen Stellen erkennbar. Es ist das erklärte Gegenstück zu faulen Kompromissen und kleinsten gemeinsamen Nennern. Es geht auch nicht um den prichwörtlichen “Mittelweg”. Anders als im Schema These-Antithese-Synthese scheint mir oft nicht die höhere Ebene, sondern das tiefere Verstehen das Ziel zu sein.

Treffend beschrieben hat Bernhard von Mutius diesen Ansatz in Die andere Intelligenz – Wie wir morgen denken werden. Ich habe eine stark vereinfachte Version seiner hilfreichen Gegenüberstellung hier eingefügt. Um die in dieser Kürze schablonenhaft wirkenden Begriffe zu entschlüsseln, ist die Lektüre des anregenden Sammelbandes jedoch sinnvoll.

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Es ist nicht einfach nur ein intellektueller, sondern ein spiritueller Weg. Das bedeutet, dass sich nicht nur der Inhalt der Erkenntnis dabei verändert, sondern auch ihr Subjekt. Für Glaube und Theologie hat auch Richard Rohr ein paar gute Gedanken dazu. Ganz am Ende von Ins Herz Geschrieben stellt er eine kleine Liste von Streitfragen zusammen, an denen die Misere des dualistischen Denkens sichtbar wird:

  • Kreationismus contra Evolution (bzw. Biblizismus und Szientismus)
  • Rechtfertigung durch Glauben contra gute Werke
  • Dilemma der Debatte um Homosexualität
  • Kontinuität contra Innovation
  • Geist contra Natur
Denken, Bernhard von Mutius, Dualismus, Richard Rohr
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Spiritualität, Theologie, emerging church
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Jäger und Sammler

Peter | 25. Jan 2010

Für mich ist klar: Derzeit bildet sich eine Kirche heraus, die aus jedem Teil des Leibes Christi das Wertvollste einsammelt, was es an Weisheit in den verschiedenen Bereichen gibt: spirituelle Weisheit aus der Bibel, aus Meditation und Kontemplation, aus der Wissenschaft, aus dem politischen Ringen um Gerechtigkeit.

Richard Rohr, Ins Herz Geschrieben, S. 16

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Weisheit
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Neu: liberale Evangelikale :-)

Peter | 08. Jan 2010

In deutschen Medien sickert die Erkenntnis durch, dass “evangelikal” nicht (mehr?) identisch ist mit der religiösen Rechten um James Dobson & Co in den USA. Das ist eine gute Nachricht, auf beiden Seiten des großen Teichs. Zwar verwechselt die SZ für mein Empfinden modern mit postmodern, aber sie schreibt abgesehen davon ganz zutreffend:

“Neue Evangelikale” nennt man diese Gruppe in den USA. Ihre Angehörigen sind liberaler, sie kämpfen nicht mehr militant gegen Abtreibung, sondern für Umweltschutz. Vor allem aber sind sie: selbstsicher in ihrem Glauben. Sie müssen nicht mehr beschützt werden vor der Verkommenheit der Welt. Sie filtern ihre Informationen selbst, sie sind auf gottgefällige Medien nicht mehr angewiesen. Moderne evangelikale Frauen lesen Cosmopolitan und entwickeln trotzdem kein Bedürfnis nach Promiskuität. Moderne Evangelikale gucken sogar Avatar – und vergeben Hollywood, dass es offenbar nicht den gleichen Respekt vor dem Namen des Herrn hat wie sie.

Evangelikale
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Kirche und Zukunft
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“Missional” und doch “normal”?

Peter | 18. Dez 2009

Neue Schlagwörter wie “missional” und “emergent” (ganz zu schweigen von “postmodern”) haben eine merkwürdige Wirkung. Die einen werden neugierig, die anderen fühlen sich ausgeschlossen. Das liegt in der Natur der Sache. Wo Neues entdeckt oder entwickelt wird, da werden notwendigerweise auch neue Begriffe geprägt. Bei technischen Innovationen sind wir das gewohnt und eignen uns Begriffe wie WLAN und UMTS an. Wenn es um Kirche und Gemeinde geht, haben viele verständlicherweise die Nase voll von den neuesten Trends und betrachten den jeweils “letzten Schrei” erst einmal mit Argwohn.

In Gesprächen kommt dann irgendwann die Frage auf: “Ich komme aus einer ganz normalen Gemeinde. Ist das auch etwas für mich?”. Ich finde die Formulierungen schon immer aufschlussreich: Am häufigsten sagen Leute “ganz normale Landeskirche”. Ich weiß schon, was damit gemeint ist, aber mir scheint trotzdem, dass dabei zwei Aspekte untergehen, die wichtig sind: Erstens sind auch landeskirchliche Parochien sehr unterschiedlich. Das einzige, was man daran als “normal” bezeichnen kann, ist die institutionelle Grundstruktur. Und die – das ist der zweite Punkt – ist rein zahlenmäßig betrachtet eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der globalen Christenheit, also gerade nicht “normal”, wenn man das statistisch versteht. Theologisch sowieso: Weder Kirchensteuer noch Gemeindebezirke und Beamtenrecht sind dem Neuen Testament abgeschaut.

Richtig problematisch wird dann der andere Versuch: irgendein zeitloses (in der Regel dann “biblisches”) Ideal als Norm zu formulieren – die Urgemeinde, der Jüngerkreis, die Pneumatiker in Korinth, der “fünffältige Dienst” – das wir in Reinkultur hier wieder zu errichten hätten. Das “normale” am Neuen Testament ist, dass jede Gemeinde ein bißchen anders aussieht. Für Theologen: Darin steckt auch die Weisheit von Minimaldefinitionen wie CA VII, dass sie nicht zuviel sagen wollen. Aber natürlich ist das keine breit entfaltete Ekklesiologie, die muss noch dazu kommen, wird sich aber in ihren Konkretionen auch ständig ändern.

Und so ist die Erkenntnis, dass keiner “normal” ist – und damit auch keiner abnormal, also falsch – schon der erste Schritt dahin, die eigene Situation als einzigartig wahrzunehmen. Und hier sind wir mitten in der emergenten/missionalen Diskussion. Wenn es kein “Normalmodell” mehr gibt, dem man sich einfach nur anzupassen hat, dann geht es nun um einen längeren Weg, eine kontinuierliche Suche und ein beständiges Fragen und Lernen: Was hat Gott mit der Welt vor? Was bedeutet das hier vor Ort? Welche Rolle können wir mit unseren Stärken und Grenzen darin spielen? Welche Schritte führen in diese Richtung? Wer ist noch unterwegs in diese Richtung? “Normal” sind wir jedoch alle darin, dass wir mit einer gewissen Ratlosigkeit vor völlig neuen Fragen und Aufgaben stehen.

Einen Mann, der dieses Gespräch mit LeiterInnen und Gemeinden in vielen Ländern geführt hat und führt, haben wir für das Wochenende von 12. bis 14. März eingeladen: Alan Roxburgh. Hier geht es zum Download des Flyers. Und für alle, die gern einen Vorgeschmack hätten, hier ein Video (21:30 min) von Alan in einer Frage- und Antwortrunde, das vor einer Weile in Australien aufgenommen wurde.


Questions & Reflections on Being the Missional Church from Roxburgh Missional Network on Vimeo.

Alan Roxburgh, Gemeinde, Ideale, Kirche, missional, Ekklesiologie, Normalität
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Postliberale Theologie (6)

Peter | 17. Dez 2009

(Für alle, die erst hier einsteigen: Die Begriffe sind z.T. in den vorhergehenden Posts erklärt: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5)

Bei Sprachen ist es ja nun nicht so, dass eine “wahrer” ist als die andere. Wie also lassen sich sprachlich-kulturell die Beziehungen der Religionen untereinander beschreiben, ohne in den Propositionalismus zu verfallen, der nur Wahrheit und Irrtum (oder gar Lüge) kennt? Lindbeck sieht hier mehrere Möglichkeiten:

  1. Unvollendet/Vollendet: Christen erkennen zum Beispiel die Schriften des Judentums an, halten die Offenbarung Gottes aber für unvollständig; ähnlich würden manche Vertreter des Islam die Beziehung zum Christen- und Judentum beschreiben
  2. Unterschiedliche Religionen sind einfach die Objektivierung gleicher oder ähnlicher Erfahrungen (das war der Expressivismus), sie meinen also dasselbe.
  3. Komplementär: Sie beschreiben verschiedene Dimensionen der Existenz, diese sind aber nicht prizipiell unvereinbar. Christen könnten etwa von Buddhisten etwas lernen über Meditation, die Buddhisten sich das soziale Handeln der Christen aneignen.
  4. Direkter Gegensatz: Widersprechende Ziele innerhalb gemeinsamer/überlappender Karten
  5. Kohärent/inkohärent bzw. Authentisch/Inauthentisch (echte Gläubige vs. nur oberflächlich oder aber militant Religiöse)
  6. Mehrere dieser Bestimmungen können gleichzeitig zutreffen

Für den religiösen Dialog bedeutet das: Kulturell-sprachlich steht erstens weniger die kooperative Erforschung gemeinsamer Erfahrungen im Zentrum, weil diese nicht mehr wie beim erfahrungsorientierten Expressivismus (der eigentlich nur Modell 2 zulässt) als das Eigentliche betrachtet und im Kern mit einander identifiziert werden.

Im Blick auf Amos 9,7-8 fragt Lindbeck: Es gibt in der biblischen Offenbarung zweifellos den Zeugenauftrag des Gottesvolkes, aber vielleicht hat Gott „nicht alles, was das Kommen der Gottesherrschaft betrifft, jenem Volk expliziter Zeugen anvertraut, das weiß, was und wo Jerusalem ist, und das (wie die Gläubigen hoffen) – wenn auch nur abweichend – darauf zuwandert.“ (S. 85)

Wenn also auch die anderen im Plan Gottes für seine Welt eine Rolle spielen könnten, fragt er weiter, ob die missionarische Aufgabe von Christen auch manchmal (wichtig: nicht prinzipiell, und nicht prinzipiell nur…) sein könnte, Juden (bzw. Muslime, Marxisten, …) zu ermutigen, bessere Juden (oder …) zu werden.

Im nächsten Post geht es weiter mit der Frage des Heils und den verschiedenen Religionen.

George Lindbeck, postliberal, Religionen, Wahrheit
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Postliberale Theologie (5): Karten und Kategorien – Wahrheitsansprüche neu denken

Peter | 16. Dez 2009

Beim Propositionalismus geht es um die Übereinstimmung zwischen der Struktur des Wissens und der Struktur des Gewussten. Es gibt nur wahr oder falsch (egal ob das Irrum ist oder Lüge). Ausdrucksorientiert könnte man „Wahrheit“ als symbolische Effektivität verstehen, die aber ist schwer zu bestimmen und zu vergleichen. Man könnte höchstens sagen, alles was irgendwie “wirkt”, ist auch irgendwie “richtig”, weil es einen Nerv trifft.

Sprachlich-kulturell stellt sich die Frage nach der Angemessenheit der Kategorien (analog z.B. zu mathematischen Systemen), sie machen die Formulierung von Wahrheiten erster Ordnung/Intention erst möglich. Eine kategorial „wahre“ Religion macht angemessenes Reden von Gott erst möglich – es muss aber nicht jede einzelne ihrer Aussagen deshalb (propositional/ontologisch) „richtig“ sein, also die Wirklichkeit korrekt wiedergeben

Die Kategorien verschiedener Religionen können etwa inkompatibel sein: „Größer“ bedeutet nicht „röter“. Westliche Religionen haben zum Beispiel keine Kategorien, um sich auf das buddhistische Nirwana zu beziehen, sie können daher erst einmal gar keine sinnvollen Aussagen dazu machen. Umgekehrt, sagt Lindbeck,

… viele Christen behaupten, dass die Geschichten von Abraham, Isaak, Jakob und Jesus Teil des Referenzsinnes des Wortes „Gott“, so wie dies in der biblischen Religion gebraucht wird, sind, und sie schließen daraus, dass Philosophen und andere, die keinen Bezug auf diese Erzählungen nehmen, mit „Gott“ etwas anderes meinen. (77)

Es gibt aber kulturell-sprachlich kein allgemein gültiges Grundkonzept wie bei den ersten beiden Ansätzen, keinen neutralen oder “objektiven” Ausgangspunkt, an dem sich Wahrheitsansprüche messen lassen.

Propositional gedacht muss eine Religion fehlerfrei sein, um unüberholbar zu werden (Glaube, Schrift, Kirchenlehre) und die höchsten Offenbarungsinhalte (mit Thomas von Aquin gesprochen: revelabilia) vollständig enthalten. Andere Religionen haben dann einen geringeren Wahrheitsgehalt, sind vermischt mit Irrtümern oder sind unvollständig.

Expressiv gedacht besteht die Möglichkeit, dass Religionen sich gegenseitig ergänzen und verstärken, aber die Qualität des symbolischen Ausdrucks findet schwerlich eine Obergrenze, es wäre also immer eine Steigerung denkbar.

Kategorial ist das leichter zu denken: Möglicherweise hat eine Religion die passendsten Kategorien. Andere Religionen könnten kategorial „falsch“ sein, aber trotzdem echte Erfahrung und propositionale Wahrheit enthalten.

Denkt man über Religionen in einer kognitivistischen Weise, sind sie immer sinnvoll genug, um falsch sein zu können, und die teuflischste kann einige Schimmer von Wahrheit sogar dann enthalten, wenn es sich um nicht mehr als den Glauben an die Existenz des Teufels handeln sollte. In einer kategorialen Interpretationsweise könnten im Gegensatz dazu Satansglaube oder Satanismus weder wahr noch falsch sein, sondern wie Ansichten über einen quadratischen Kreis lediglich unsinnig sein (obgleich auf sehr abscheuliche Weise).

Eine Religion kann (auch im kategorialen Denken) in ihrer gelebten Gesamtheit von Lehre und gemeinschaftlicher Praxis als Proposition gedacht werden, als Entsprechung zu Gottes Sein und Willen. Ein Vergleich mit Landkarten hilft hier weiter. Karten, das ist dabei wichtig, müssen gebraucht werden, um zur Proposition zu werden.

  • Werden sie falsch gelesen, sind sie Teil einer falschen Proposition: man kommt nämlich nicht ans Ziel, wenn man die Himmelsrichtungen verwechselt.
  • Umgekehrt sind sie trotz Fehlern im Detail „wahr“, wenn man das Ziel tatsächlich erreicht (darum geht es ja, nicht um bloßes Wissen)
  • Eine Phantasiekarte (etwa von Mittelerde) ist dagegen kategorial falsch – und praktisch nutz- und sinnlos
  • Eine exakte Karte von einem irrelevanten Raum (Frankreich, aber ich will nach Prag) ist ebenfalls unnütz
  • Hat eine Karte korrekte Größenverhältnisse, kann sie propositional wahr oder falsch sein (die Entfernung A-B stimmt, aber B ist nicht, wie angegeben, Prag)
  • Manche Karten oder Routenpläne sind anfangs akkurat und werden dann vage oder falsch
  • Eine ungenaue Skizze genügt manchen Leuten, wenn sie einen guten Orientierungssinn haben
  • viele Details können, selbst wenn sie “stimmen” manche zur Umständlichkeit verleiten bzw. auf “interessante” Umwege schicken (gilt im Glauben noch mehr als bei Karten oder Reiseführern)
George Lindbeck, postliberal, Religionen, Karten
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Postilberale Theologie (3): Glauben lernen

Peter | 10. Dez 2009

Religiöswerden bedeutet, so verstanden, sich eine bestimmte „Sprache“ anzueignen und die Welt in ihrer Begrifflichkeit und ihren Kategorien zu interpretieren. Eine Religion ist damit ein „verbum externum“ und nicht der Ausdruck eines vorgängigen „verbum internum“, das eher dem geistlichen Vermögen zum Hören entspricht, aber eben die “Grammatik” schon als gegeben voraussetzt. Oder noch anders gesagt: Man lernt das Evangelium nicht im eigenen Seelengrund kennen, man kann es sich nicht selber sagen, es kommt immer von außen, vermittelt, durch andere, in Gemeinschaft.

Wir haben es hier mit einem hylomorphen Modell zu tun, das heißt, die Form hat Vorrang vor der Substanz, die es nicht ungeformt gibt – das ist eher aristotelisch gedacht, aber auch hebräisch-konkret. Der Gegensatz dazu ist das idealistische Modell: die Erfahrung, der immaterielle Geist ist vor aller sichtbaren Gestalt da, das Allgemeine vor dem Besonderen.

In der Betonung der externen Dimension (Code/Syntax) ist das sprachlich-kulturelle Verstehen dem Propositionalismus nahe, ohne dessen intellektualistische Tendenz (Betonung des Inhalts des Gesagten) zu übernehmen.

Religion kann nicht auf kognitivistische (oder voluntaristische) Weise vorrangig als Angelegenheit der bewusst freien Wahl und Befolgung explizit gewusster Sachverhalte oder Direktiven betrachtet werden. Religiöswerden heißt vielmehr – nicht weniger als sprachlich oder kulturell kompetent zu werden – die Internalisierung eines Bestandes an Fertigkeiten durch Übung und Ausbildung. (S. 60)

Lernen ist komplexer und unaufdringlicher, als man erklären kann. Nicht das Wissen über Religion oder Kenntnis der Inhalte, sondern wie man auf eine bestimmte Art religiös ist, ist das Entscheidende. Lehraussagen und Verhaltensnormen können (!) auf diesem Weg hilfreich sein, aber Gebet, Ritus und Vorbild sind in der Regel wichtiger: es geht um das “gewusst wie”.

Zugleich bleibt Raum für die expressiven Aspekte. Symbole sind aber nicht äußerliche “Dekoration” des harten Kerns der Glaubenssätze (das argwöhnt der propositionale Kognitivismus), sondern sie vermitteln das Grundmuster der Religion, also das Eigentliche effektiv. Die Richtung – und hier trifft sich Lindbeck mit vielen emergenten Denkern – geht von außen nach innen: Von einer neuen Praxis zu einem neuen Empfinden und Verstehen.

Etwa so: Man lernt zu beten, indem man Gebete nach- und mitspricht, und egal wie unbeholfen das geschieht und wie beschränkt man den Inhalt versteht, es ist echtes Beten von Anfang an. Von daher gewinnen aktuelle Begrifflichkeiten wie belonging before believing eine ganz neue Plausibilität.

George Lindbeck, Glaube, postliberal, unbekannt, Lernen
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Postliberale Theologie (2): Der sprachlich-kulturelle Ansatz

Peter | 09. Dez 2009

Lindbeck kehrt das Verhältnis von Innen und Außen, Individuellem und Sozialem, Form und Substanz gegenüber dem expressivistischen Ansatz der liberalen Theologie um: Religion ist nicht der äußere Ausdruck einer zunächst und wesentlich innerlichen Erfahrung, das ist eine idealistische Vorstellung. Sie wird besser beschrieben als ein sprachliches und kulturelles Grundgerüst, das Leben und Denken formt und damit auch bestimmte Erfahrungen erst ermöglicht.

„Sie ist in erster Linie nicht ein Feld von Glaubenssätzen über das Wahre und Gute (obwohl es diese einschließen kann) oder ein symbolischer Ausdruck grundsätzlicher Haltungen, Gefühle und Empfindungen (obwohl diese hervorgerufen werden können). Vielmehr: sie gleicht einem Idiom, das die Beschreibung von Realität, die Formulierung von Glaubenssätzen und das Ausdrücken innerer Haltungen, Gefühle und Empfindungen ermöglicht. Gleich einer Kultur oder Sprache, ist sie ein gemeinschaftliches Phänomen, das viel eher die jeweilige Subjektivität einzelner prägt, als dass sie in erster Linie eine Manifestation dieser Subjektivität wäre. Dieses Grundgerüst besteht aus einem Vokabular diskursiver und nichtdiskursiver Symbole in Verbindung mit einer bestimmten Logik und Grammatik.“ (S. 56f.)

Es besteht also eine Verbindung kognitiver und verhaltensmäßiger Dimensionen, von Lehrsätzen und Riten bis hin zu bestimmten Formen von Gemeinschaftsbildung. Denn erst das passende Symbolsystem ermöglicht bestimmte Gedanken und Verknüpfungen. Christliche und buddhistische Mystiker mögen manchmal ähnliche Beschreibungen verwenden, aber der Kontext ihrer Erfahrungen ist verschieden, die Erfahrungen selbst damit auch, bis auf das, was an Grundstimmungen oder -empfindungen eben ganz allgemein menschlich ist. Die prägende Wirkung einer Religion kann so, sagt Lindbeck auch bei Menschen anhalten, die ihr gar nicht mehr explizit angehören – eine Beobachtung, die für den westlichen (jüdisch-christlichen) wie auch den islamischen Kontext belegt ist.

Lindbeck greift damit unter anderem Wittgensteins Sprachspiel-Theorie auf und kommt zu interessanten Anwendungen. Dazu dann mehr im nächsten Post.

George Lindbeck, postliberal, Religionen, Sprachspiel
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Lesslie Newbigins 100. Geburtstag

Peter | 08. Dez 2009

Heute wäre Lesslie Newbigin 100 geworden, Sivin Kit hat mich darauf aufmerksam gemacht. Er ist für mich einer der großen emergenten Vordenker, auch wenn das damals noch gar keine theologische Kategorie war.

Hier zur Feier des Tages ein Zitat aus “The Gsopel in a Pluralist Society”:

Unter allen Menschen gibt es eine Sehnsucht nach Einheit, denn Einheit bietet die Verheißung des Friedens. Das Problem ist, dass wir Einheit zu unseren Bedingungen wollen, und es sind unsere rivalisierenden Programme der Einheit, die uns zerreißen. Wie Augustin sagte: alle Kriege werden um des Friedens willen ausgetragen. Die Weltgeschichte könnte man als eine Abfolge von Bestrebungen erzählen, die der Welt Einheit bringen sollten, und natürlich lautet die Bezeichnung dieser Bestrebungen “Imperialismus”. Das christliche Evangelium ist manchmal zum Instrument eines Imperialismus gemacht worden, und davon müssen wir uns abwenden. Aber im Kern ist es die Verweigerung gegenüber jeglichem Imperialismus, denn in seinem Zentrum steht das Kreuz, das alle Imperialismen demütigt und uns einlädt, die Mitte menschlicher Einheit in dem zu finden, der zu Nichts gemacht wurde, damit alle eins seien.

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Mittelstandskirchen

Peter | 01. Dez 2009

Letzte Woche habe ich einen sehr interessanten Vortrag von Michael Ramminger über Basisgemeinden in Lateinamerika gehört. Er konfrontierte uns mit der (sicher nicht neuen) Feststellung, dass die Kirchen in Deutschland Mittelstandskirchen sind.

Ich habe mich beim Zuhören gefragt: Was passiert eigentlich mit den Kirchen – mit uns Christen – wenn (wofür viele Indizien sprechen) die Mittelschicht hierzulande immer mehr verschwindet?

Mittelschicht
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Bilder vom ef09

Peter | 28. Nov 2009

Kommentare finden sich genug auf dem LiveBlog, hier ein paar visuelle Eindrücke vom laufenden Emergent Forum:

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200911281232.jpg

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Jetzt gehts los

Peter | 27. Nov 2009

Die Tische sind gedeckt, die ersten Macbooks (und ein paar andere Rechner) werden aufgeklappt, alte Bekannte fallen sich in die Arme und neue Bekanntschaften werden geschlossen. Das Emergent Forum startet in ein paar Minuten. Hundert Leute und das alles ohne Stars und große Redner. Ich bin vielleicht gespannt auf die nächsten beiden Tage!

Zum Liveblog geht es hier

DSC01889.JPG

Emergent Forum
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Tote Tempel

Peter | 05. Okt 2009

Keine Ahnung, warum der Artikel über den Niedergang der US-amerikanischen Shopping Malls mit einem Werbeschild vor einem derangierten Gabäudekomplex beginnt, auf dem es um Jesus geht. Weitere Bilder gibt es auf der sehenswerten, aber momentan nicht erreichbaren Website deadmalls.com.

Nachdenklich macht allerdings die Feststellung, dass nicht nur viele Konsumtempel leer stehen und verfallen, sondern dass seit 2006 keine neue überdachte, klimatisierte Mall mehr gebaut wurde. Statt der monolithischen Klötze entstehen offene Lifestyle Center – das entspricht schon viel eher wieder einer kleinteiligen innerstädtischen Fußgängerzone.

Vielleicht ist das aber nicht nur ein Wink an die Stadtplaner, sondern auch ein Indiz dafür, dass das Konzept der Megachurch – hierzuland ohnehin nicht so erfolgreich – seine besten Tage schon gesehen hat: Der Versuch, auf der grünen Wiese neben einem großen Parkplatz alles unter ein Dach zu packen, Menschen aus einem weiten Umkreis mit hochglänzenden Angeboten und Attraktionen zu locken und so eine eigene, fromme, gar nicht so kleine Welt zu schaffen.

Je mehr Zeit Menschen in den Malls verbrachten, so dachte man, desto bessere Konsumenten würden sie schließlich. Auf Kirche umgemünzt bedeutet das, je mehr jemand an Gottesdiensten und Gruppenangeboten teilnimmt, desto besser steht es um seinen Glauben. Dachte man…

Kirchenbauten bilden übrigens laut Wikipedia schon seit der Antike die Stadt ab: Die Basilika mit ihrem Portal (als Analogie zum Stadttor), die via sacra durch das Mittelschiff führt zur Apsis, die dem Königspalast entspricht und in deren Mosaiken Christus als Weltenherrscher erscheint. Die antiken Kirche liegen noch mitten in den Stadtvierteln. Im Mittelalter prägten zunächst Burgen das Stadtbild – hohe Gebäude auf engem Raum – also bekamen auch die Kirche Türme. Aus einem Turm wurden schließlich viele, weil inzwischen die Städte gewachsen waren und ihr Bild durch viele Kirchtürme bestimmt wurde.

Ob man das nun eher positiv deuten möchte (Kirchen erinnern als Verweis auf das himmlische Jerusalem daran, dass die Stadt nicht sich selbst gehört) oder negativ (entweder als simple Anpassung oder als imperiale Geste) – die Frage nach dem Sinn und der implizit immer auch prägenden Botschaft christlicher Versammlungsräume bleibt spannend. Zum Beispiel eben auch die, ob Kirchen als unbewusstes Ebenbild des Einkaufszentrums Konsumhaltung und Kommerzialisierung fördern und Menschen aus der Verwurzelung in konkreten, nicht zwingend nur räumlich zu denkenden Nachbarschaften herauslöst. Das gilt dann vom Ansatz her schon für die kleineren Neubauten im Industriegebiet am Stadtrand, die es ja auch bei uns ganz oft gibt: Der Ort predigt mit. Er ist schon immer ein Bestandteil der jeweiligen Liturgie.

Kirche, Architektur, Einkaufszentren
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Kirche und Zukunft, Konsumgesellschaft
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Doch nicht alles relativ

Peter | 27. Sep 2009

Im neulich schon erwähnten kleinen Aufsatzband Die Reformation. Potentiale der Freiheit hat Michael Welker einen Aufsatz mit dem Titel Sola Scriptura geschrieben, der unter anderem auch auf den Pluralismus eingeht, der ein wesentliches Merkmal der Postmoderne ist und zugleich alle möglichen Ängste auslöst. Welker beschreibt das so:

Angesichts dieser diffusen Pluralität fürchten die einen mit Recht das drohende Chaos, den Relativismus, den Verfall von Gemeinsamkeit und sozialer Konnektivität. Andere machen sich weiche und meist illusorische Vorstellungen von der unendlichen Fülle der Entfaltungsmöglichkeiten, die diese Pluralität biete. Wieder andere rufen nach autoritären Gegensteuerungen gegen dieses Chaos, oder sie setzen auf liberale Integrationsformeln, etwa: wir brauchen dieses oder jenes Minimum an Gemeinsamkeit, um aus dem Schlamassel herauszukommen. Alle diese Sichtweisen haben eins gemeinsam: Vom Pluralismus haben sie nichts kapiert.

Der Pluralismus bringt nicht einfach Bindungslosigkeit, Relativismus, Individualismus mit sich, obwohl diese Erscheinungen auch in pluralistischen Umgebungen auftreten. Der Pluralismus bildet und pflegt vielmehr multisystemische Formen, die sehr wohl hohe Bindekräfte entwickeln, aber eben nicht die gesellschaftseinheitliche, kultureinheitliche Bindekraft versprechen können.

Die Zivilgesellschaft ist für Welker ein Beispiel, wie verschiedene Gruppen und Zusammenschlüsse auf die gesellschaftlichen Systeme wie Politik, Bildung, Recht, Wirtschaft etc. Einfluss nehmen. Nur gibt es das eine Prinzip eben nicht mehr, das alles so organisiert und zusammenhält, wie der Modernismus es gerne gehabt hätte. Welker zieht von hier aus eine Linie zum Pluralismus des biblischen Kanons. In der Vielstimmigkeit der Überlieferung sieht er daher kein Problem, sondern einen Reichtum.

Pluralismus, Welker
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