emerging church

Manche Dinge erstaunen schon, bevor sie losgehen. Con:Fusion 2014 zählt dazu: Der Termin ist ungünstig, der Ort ist abgelegen, der Rahmen ist spartanisch, aber wir sind seit Wochen schon ausgebucht. Besser hätte man das Motto „Exzentrisch Glauben“ wohl kaum illustrieren können.

Die Idee entstand noch im letzten Winter: Gemeinsames Leben auf Zeit, auch gemeinsames geistliches Leben, gemeinsam Nachdenken und Reden und gemeinsam Dinge schaffen, die wir teilen und vielleicht auch von dort wieder mitnehmen können. Tischdecken und Philosophieren. Beten und Betten machen.

Die positiven Erfahrungen, die Walter Faerber und ich im Sommer auf Iona machten, haben die Vorfreude auf Con:Fusion weiter wachsen lassen. Auch da war es das gemeinsame Üben und Arbeiten auf engem Raum, das in Verbindung mit einigen gelungenen inhaltlichen Impulsen viel in Bewegung gebracht hatte.

Als ich letzte Woche dann bei den Krautreportern auf einen Bericht von Theresia Enzensberger über das UnMonastery in Matera stieß, waren die Parallelen unverkennbar. Simon de Vries hat sie gestern schön beschrieben. Freilich werden wir die spirituelle Dimension nicht wie die Edgeryders aus-, sondern bewusst einblenden. Im Februar haben wir noch gewitzelt, dass wir einen UnOrden gründen. Vielleicht wird das ja ein erster Schritt.

Irgendwie liegt diese Verschiebung jedenfalls in der Luft. Die Edgeryders sprachen im Oktober über „Stewardship“, und auch hier geht es weg vom Konsum vorgefertigter und hochglänzend präsentierter Inhalte mit vorhersagbarem Resultat – hin zu einem gemeinsamen, offenen Fragen und Suchen nach alternativen Lösungen für die Fragen unserer Zeit. Immer in Bodennähe und vielleicht doch auch mit dem einen oder anderen Gipfelerlebnis, wer weiß? Gott im Gewöhnlichen suchen und dabei doch auf ungewöhnliche Gedanken kommen. Mein einziger Kummer ist, dass ich nicht in allen drei Themengruppen gleichzeitig dabei sein kann…

Cloisters at Sunset

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Christian Lehnert meditiert in seinen hinreißenden Korinthischen Brocken unter anderem über den Begriff der "Ekklesia" bei Paulus. Er beginnt mit zwei Bildern: Dem Ort, wo das im Krieg zerstörte Haus seines Vaters stand, und dem Abdruck, den vermutlich ein Holzkreuz auf einer Stuckplatte im römischen Herculaneum hinterließ, als der Vesuv ausbrach im Jahr 79. „Ekklesia" als Spur eines Ereignisses und Ort der Erwartung. Abdruck und Gegenwart des bis zu seiner Wiederkehr abwesenden Christus.

Großartig finde ich, wie Lehnert die Eigenart und Einzigartigkeit dieses Phänomens festhält ohne dabei je exklusiv zu werden, es geht um eine neue Art des In-der-Welt-Seins, die sich ganz dem Christus verdankt:

Das entstehende Christentum suchte seine Gestalt nicht in der Schaffung neuer Kulträume oder besonderer Sphären des Heiligen. Seine ersten Spuren sind weder Sakralarchitekturen noch Riten der Abgrenzung. Das frühe Christentum holte seine Kraft aus der Alltäglichkeit, aus den einfachen Gebräuchen des Essens und Trinkens, des Waschens, der Geselligkeit. Es schuf keine Sonderwelten, sondern setzte das einfache Leben in einen neuen Zusammenhang. In kleinen körperlichen Gesten sprach sich der neuen Glauben aus, im Weinkelch an den Lippen und im Brot auf der Zunge. Diese Elemente waren wie Sternchen aus der antiken Lebenswelt gebrochen und neu zusammengesetzt zu einem Mosaik.

Es hätte naheliegendere Begriffe gegeben für das junge Christentum, schreibt Lehnert, etwa der jüdische Begriff der synagoge, der schon religiös konnotiert war. Stattdessen wählt Paulus ein profanes Wort: die griechische Volksversammlung, die eben keine abgrenzbare, partikulare Interessengemeinschaft innerhalb einer Gesellschaft meint:

ekklesia ist nichts unter anderem, sie ist etwas anderes – eine plötzliche Veränderung, nichts, was man kennt. Wenn Paulus eine einzelne Gemeinde als ekklesia anspricht, schwingt immer auch mit, dass eigentlich eine Gesamtheit gemeint ist – die ganze ekklesia. Es gibt sie nur so. Wo auch immer sie geschieht, ist sie ganz, egal, wie viele es sind, die in Christus sind, denn es sind immer alle, und auch die Toten und die Kommenden gehören dazu. Es handelt sich um keine teilbare Quantität.

Mit unseren Begriffen lässt sich das kaum angemessen abbilden.:

Die deutschen Übersetzungsmöglichkeiten »Gemeinde« oder »Kirche« verstellen beide eher das Verständnis – das erste Wort, weil es partiell gedacht ist, bürgerliche Vereinskultur steht vor Augen, das andere, weil es institutionell verfestigt. Ekklesia aber ist die Beschreibung einer Unterbrechung, etwas wie eine Bewusstseinsstörung. Sie ähnelt dem Nachbild eines grellen Lichtes, wenn man geblendet die Augen schließt und Ringe zerfließen, gelb und orange, nunmehr ohne Entsprechung in der äußeren Wirklichkeit. Etwas geschah, und was bleibt?

In vielen Gesprächen über Ekklesiologie ist mir diese sprachliche Verlegenheit zwischen kumpelhafter Cliquenwirtschaft und desinteressiertem Hebelwerk begegnet, in die uns unsere deutschen Termini unablässig stürzen, und die Lehnert so treffend beschreibt. Die ekklesia ist kein Ort, keine greifbare Struktur, eher ein unwillkürlicher Zustand. Einige Seiten später drückt er es dann so aus:

Die ekklesia ist nicht faßlich, sie kennt sich selbst nicht, sie ist die Strömungsfolge eines Ereignisses, das ihr nichts zu eigen gibt, sondern sie selbst als Eigenes erst bildet. Wer in ihr mitgetrieben wird, kann das Gefälle nicht verstehen – er hat kein Ufer. Im Glauben gibt es kein Ufer. […]

Das Ereignis des Christus schafft sich eine Strömungsform in der Wirklichkeit. Der Christus wird in ihr gesungen, gebetet und gedacht. Er wird in ihr geatmet und er wird in ihr geopfert. Er wird in ihr beklagt und gepriesen. Er wird in ihr gelebt, und dieses Leben der ekklesia ist der Wahrheitsausweis des Christus. Vom Ufer aus sieht man den Strom, vielleicht Strudel, Wellenkämme oder festen Schaum, der sich an Hindernissen staut. In der Strömung wirst du erfaßt von einer Kraft, die dich haltlos forttreibt.

 

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Lieber Peter Rollins,

seit dem Apostel Paulus ist es keinem christlichen Theologen mehr gelungen, eine "Narrenrede" im Stil von 2. Korinther 10 hinzulegen. Paulus, der den von obskuren "Superaposteln" verwöhnten Korinthern nicht nur paradox den Spiegel vorhält, in dem sie ihre eigene Blasiertheit erkennen konnten, sondern der auch noch den Jargon und die Superlative seiner Kritiker ins Absurde zieht. Und der dreist genug ist, von der äußeren Armseligkeit seiner eigenen Existenz die Verbindung zu leidenden Christus zu ziehen.

Doch jetzt, das muss ich anerkennend sagen, hat Paulus in Dir einen kongenialen Nachfolger gefunden. Und ein paar Zeilen Werbetext reichen dazu aus:

the Idolatry of God event has been carefully curated to provide a stage upon which the most innovative and paradigm shifting evolution in Christian thought and practice can be presented. Calling into question the most basic assumptions concerning faith that are shared by theists and atheists alike a radical form of faith collective will be explored that has the potential of usurping the dying church in its currently existing form.

Einfach genial, wie Du hier die Superlative des frommen Marketing vorführst: Der "innovativste Ansatz überhaupt", und zwar nicht nur Theologie, sondern auch Praxis. Hoch überlegen, egal ob man der "sterbenden Kirche" angehört oder schon Atheist ist. Und dann wird auch noch eine feindliche Übernahme der Konkursmasse religiösen und areligiösen Denkens in Aussicht gestellt. Weltherrschaft!

Christen und Atheisten werden ihre Grabenkämpfe aussetzen und auf deine Provokation anspringen. Sie werden Dich als neuen gemeinsamen Feind entdecken, ihre Differenzen begraben und vereint gegen Dich antreten. Und damit wird Dir gelingen, was seit 200 Jahren oder mehr nicht möglich war, nämlich Frieden zu schaffen in einer ganz neuen Dimension.

Denn Dein Ziel ist es ja gar nicht, sie zu überwinden oder zu widerlegen – zumal Dein Cocktail aus zusammengewürfelten Paradoxien von Johannes vom Kreuz, Heidegger/Bultmann, frühem Barth und Zizek alles ja andere als bahnrechend neu ist – sondern sie mit der Aussicht auf einen leichten Sieg im theologischen Boxkampf zum Übermut zu verleiten und dazu zu bringen, am Ende über ihre eigenen Füße zu stolpern - Dekonstruktion im wahrsten Sinn des Wortes. Argumentativ ist den Taschenspielertricks, mit denen Du Glauben und Unglauben ständig vertauschst, ja gar nicht beizukommen. Wer es versucht, hat schon verloren, weil Du Dich im entscheidenden Moment in ein unscharfes "Kollektiv" verwandelst, dessen Position unbestimmbar ist.

Und schließlich führt das Hypermarketing für Euren Event in Belfast die Superlativrhetorik des frommen Kommerzes und Konferenztourismus souverän vor. Wenn die ganz Unentwegten dann im April bei Euch auf der Matte stehen, werden sie nichts anderes sehen, als ein paar nachdenkliche Leute, die sich redlich mühen, das mit Jesus irgendwie zu kapieren und praktisch umgesetzt zu bekommen, und die dabei irren und scheitern. Sie werden sehen, dass sie das dort, wo sie sind und leben, auch ganz leicht schaffen, gern dahin zurückkehren und sich zusammen mit anderen unspektakulären Leuten fragen, was es wohl bedeutet, Gott und ihren Nächsten zu lieben. Denn wer genau hinsieht, erkennt in Dir trotz der theatralischen Pose des Besserzweiflers den weinenden Propheten, der die "sterbende Kirche" liebt und ihre Auferweckung ersehnt.

Daher suggeriert das Projekt "Pyrotheology" ein rauschendes Feuerwerk, das in Wirklichkeit aus einem einzigen Knallfrosch besteht – aber wir beide wissen ja auch: Schon ein Knallfrosch reicht aus, dass jemandem, der hoch zu Ross daherkommt, der theologische Gaul durchgeht. Und wenn darnach einem solchen schmerzhaften Sturz alle demütig und rechtschaffen ernüchtert über sich selbst begriffen haben, dass sie nur da stark sind, wo sie zu ihrer Schwäche stehen und sich gegen allen Augenschein an Gott halten, dann ist das Ziel erreicht und die Evolution 1950 Jahre nach Paulus ans Ziel gekommen. Gott sei Dank! Das neue Zeitalter ist angebrochen, Phönix emergiert aus der Asche toter Tradition und die widersprüchliche Widerspruchsfreiheit bisheriger Inkarnationen des Glaubens weicht einer widerspruchslosen Widersprüchlichkeit, der sich niemand mehr entziehen kann. Halleluja.

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In diesen Tagen ist bei Baker Academics die Festschrift für Prof. em. Eddie Gibbs vom Fuller Seminary erschienen. Herausgeber ist Ryan Bolger, der vor ein paar Jahren mit Gibbs das Buch Emerging Churches: Creating Christian Community in Postmodern Cultures veröffentlicht hat.

Der Titel des neuen Buches lautet The Gospel After Christendom: New Voices, New Cultures, New Expressions. Ryan Bolger hat 28 Beiträge aus der ganzen Welt gesammelt und die machen in ihrer vielfältigen Unterschiedlichkeit wie in den beachtlichen Gemeinsamkeiten, den Reiz dieses einzigartigen Bandes aus. Man kann wegen der lockeren Systematik alles der Reihenfolge nach lesen, oder auch kreuz und quer durchs Buch "zappen".

Aus Deutschland haben neben mir auch Tobias Faix aus Marburg und Markus Weimer mitgewirkt, alle auf Englisch übrigens. Der Jubilar soll sich sehr gefreut haben. Hier ein Video von der Buchpräsentation in Pasadena:

Und schließlich noch das Inhaltsverzeichnis für alle Interessierten:

Introduction Ryan K. Bolger

I. Peoples

1. Iglesias Emergentes in Latin America Osias Segura-Guzman

2. Emerging Churches in Aotearoa New Zealand Steve Taylor

3. Emerging Missional Churches in Australia Darren Cronshaw

4. New Expressions of Church in Scandinavia Ruth Skree

5. New Expressions of Church in the Low Countries Nico-Dirk Van Loo

6. Fresh Expressions of Missional Church in French-Speaking Europe Blayne Waltrip

7. Emerging Christian Communities in German-Speaking Europe Peter Aschoff

II. Cultures

8. New Monastic Community in a Time of Environmental Crisis Ian Mobsby

9. Mission within Hybrid Cultures: Transnationality and the Glocal Church Oscar Garcia Johnson

10. Distinctly Welcoming: The Church in a Pluralist Culture Richard J. Sudworth

11. Our P(art) within an Age of Beauty Troy Bronsink

12. Mission Among Individual Consumers Stefan Paas

13. Mission in a New Spirituality Culture Steve Hollinghurst

III. Practices

14. Rethinking Worship as an Emerging Christian Practice Paul Roberts

15. Formation in the Post-Christendom Era: Exilic Practices and Missional Identity Dwight J. Friesen

16. Towards a Holistic Process of Transformational Mission Tobias Faix

17. Leadership as Body and Environment: The Rider and the Horse MaryKate Morse

IV. Experiments

18. The Underground: The Living Mural of a Hip Hop Church Ralph C. Watkins

19. Bykirken (The City-Church), Pray and Eat Andreas Østerlund Nielsen

20. House of Sinners and Saints Nadia Bolz-Weber

21. L'Autre Rive (the Other Bank or Shore) Eric Zander

22. With: An Experimental Church Eileen Suico

23. The Jesus Dojo Mark Scandrette

24. St. Toms: From Gathered to Scattered Bob Whitesel

25. Urban Abbey: The Power of Small, Sustainable, Nimble Micro-Communities of Jesus Kelly Bean

V. Traditions

26. Indigenous and Anglican: A Truly Native Church Emerges in the Anglican Church of Canada Mark MacDonald

27. Turning the Ocean Liner: The Fresh Expressions Initiative Graham Cray

28. On the Move: Towards Fresh Expressions of Church in Germany Markus Weimer

Conclusion Ryan K. Bolger

Afterword Eddie Gibbs

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also ließ auch Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt ein Weilchen auf sich warten, jetzt ist es erhältlich und ich hatte eben mein erstes Exemplar in der Hand. Walter Faerber und ich hatten viel Spaß beim Schreiben an diesem kleinen Buch und hoffen, dass alle Leser es ähnlich inspirierend finden.

Es geht um die Frage "Was ist das Evangelium?". Wir sind beide der Meinung, dass man auf diese Frage letzten Endes nur sinnvoll antworten kann, indem man Teil dieser Geschichte wird, sie zugleich erzählt und lebt.

Verdienen werden wir mit dem Titel nichts, der Erlös kommt der Arbeit von Emergent Deutschland zugute. Warum die wichtig sein könnte, versteht man vielleicht auch besser, wenn man die 91 Seiten gelesen hat. Oder er/sie liest gleich weiter, etwa den kaffeebraunen Cousin aus der Reihe "Einfach Emergent" mit dem (ähnlich langen) Titel: Emerging Church verstehen. Eine Einladung zum Dialog von Arne Bachmann, Tobias Faix und Tobias Künkler.

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Am späteren Nachmittag spricht Dr. Paul K. Oh über Versöhnung in Korea: In Südkorea ist seit 1952 alles gewachsen. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf stieg von 61 auf 20.000 $. Die Regierungsform hat sich von einer Militärdiktatur zur Demokratie gewandelt, gleichzeitig wuchsen die Kirchen: 50 der 100 größten Gemeinden der Welt findet man hier. Nun ist die Frage, wie es weitergeht. In meinen Worten: Was tritt an die Stelle der so erfolgreichen Ehe von Christentum und Moderne in Korea, wenn das Bedürfnis nach Wohlstand gesättigt und der soziale Aufstieg geschafft ist? Für Dr. Oh bestimmt der Kontext die zukünftige Gestalt des Gemeindewachstums (dass es um Wachstum geht, steht für ihn außer Frage!). Geht es dabei also um mehr Segen und Wachstum für die Christe?

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Oh fragt zurück: Müssen Gemeinden eigentlich immer größer werden? Er setzt dem Israels Weg aus Ägypten durch die Wüste entgegen, dem das gelobte Land folgte und dann das Königtum in Form von Davids Großreich. Statt mehr Wohlstand geht es für ihn nun um Teilen und Dienen. Dazu muss eine Kultur der Kooperation entstehen, die auf institutionelle Macht verzichtet. Das Wachstum hatte nicht nur gute Seiten. Im Rausch des Erfolges wurden die Verantwortlichen oft rücksichtslos. Der aktuelle Präsident, ein früherer Konzernchef und Manager, pflegt für Dr. Oh einen eher autokratischen Führungsstil. Zwischen den Generationen und Geschlechtern, zwischen Regierung und Opposition, im Wirtschaftsleben und in den Kirchen gilt es nun große Gräben zu überwinden:

  • Kirche und Gesellschaft driften auseinander. Christen nehmen in ihrem Heilsexklusivismus oft eine herablassende Haltung gegenüber Andersdenkenden ein und schreiben sie ab
  • Das konservative Christentum hat einen Hang zur Selbstverwirklichung und muss nun vom progressiven Flügel lernen
  • Pastoren neigen gegenüber Laien zu autoritärem Gehabe, und auch hier muss aus einem Gegensatz wieder ein Miteinander werden.

Biblische Vorbilder sind nun Gestalten, die am Rand der Gesellschaft oder in der Fremde lebten wie Joseph, Inbegriff des biblischen Weisen, und Johannes der Täufer mit seiner Bereitschaft zu radikalem Verzicht. Institutionelle Macht hatte keiner von beiden. Großen Einfluss gewannen beide auf andere Art.

Tae Hyung Lee war 24 Jahre Journalist einer kirchlichen Tageszeitung und hat viele christliche Leiter/-innen zum Sinn des Lebens und christlichen Dienstes befragt. Einer der Befragten sagte (bitte kurz durchatmen…), ein Pastor müsse der glücklichste Mensch weit und breit sein, damit andere Menschen auf Gott aufmerksam werden und ihn um sein Glück beneiden. Joel Osteens Buch Your Best Life Now war lange das populärste christliche Buch in Korea, aber (puh…) diese Welle ebbt auch hier allmählich ab.

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Jimmy Carter, sagt Lee, beantwortet die Frage nach dem guten Leben besser: ihm geht es darum, mit Habitat for Humanity anderen Menschen zu helfen. Lee sagt, seine Kriterien von Glück und Erfolg haben sich verschoben. Statt sich für populäre Menschen zu interessieren, fragt er sich inzwischen, welche Menschen Gott besonders spannend findet.

90% der Gemeinden in Korea haben unter 100 Mitglieder, nicht alle überleben aus eigener Kraft. Das Wachstum der Kirchen stagnierte 1999 und inzwischen ist die Tendenz rückläufig. Im Westen hat sich das vielfach noch gar nicht herumgesprochen. Die beeindruckende Größe der Megachurches verdeckt diese Entwicklung derzeit noch. Aber der erfolg der einen Gemeinde geht inzwischen zu Lasten einer anderen. Es bricht also auch in Korea eine Art nachchristliche Ära an: Mitgliederschwund, Traditionsabbruch, gesellschaftlicher Bedeutungsverlust und der Abstieg eines großen Teils der Mittelschicht durch die Wirtschaftskrise 2009 (mit großen finanziellen Auswirkungen für die Gemeinden!) werfen die Frage auf, ob die große Erweckung von 1907 in neuer Gestalt wiederholbar ist.

Denn auch hier kehren viele junge Menschen – aus einem echten Interesse an Spiritualität heraus – den Kirchen den Rücken. Den Glauben wollen sie nicht aufgeben, aber mit den Gemeinden kommen sie nicht mehr klar. Kleine Gemeinden mit minimalem Programm werden wieder interessant: Sie müssen keine großen Budgets für Gebäude und Personal stemmen, ziehen keine autoritären Erfolgstypen an. Für Lee sind die emerging churches ein Zeichen der Hoffnung. Weil sie wenig institutionellen Ballast herumtragen, können sie fragen, was Gott eigentlich in ihrem Umfeld vorhat (statt sich mit dem Blumenschmuck für den kommenden Sonntag zu befassen).

In der anschließenden Diskussion taucht die Frage nach der Rolle von Frauen auf. Viele Koreanerinnen sind berufstätig, der Einfluss von Frauen in viele gesellschaftlichen Feldern wächst, im Bildungssystem und und in einigen Bereichen haben sie die Nase vorn. Die Presbyterianer ordinieren seit 1995 Frauen, hier ziehen die Kirchen also nach. Zugleich haben viele konservative Gemeinden noch ihre Mühe, den neuen Frauentyp zu integrieren.

Fazit des Tages: Es ist aller Bewunderung wert, mit welcher Bescheidenheit und selbstkritischer Nachdenklichkeit unsere Gastgeber hier sprechen. Ob das in Deutschland auch so wäre? Oder müssten sich bei uns Gäste von anderen Kontinenten eher das museale Lob unserer historischen Errungenschaften anhören (oder unsere Verzweiflung angesichts ausbleibender "Durchbrüche")?

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Rowan Williams tritt als Erzbischof von Canterbury ab. Vielen gilt der Mann mit den buschigen Augenbrauen und der grauen Mähne als intellektueller Zauderer. Ben Myers, der kürzlich ein Buch über Williams' Theologie veröffentlicht hat, charakterisiert diese Führungsstil nicht nur wohlwollender, sondern für meinen Geschmack auch treffender. Es ist sein Glaube an die Kirche (statt an sich selbst), der ihn so handeln lässt:

This is why, at Canterbury, Williams has consistently refused to wield political power or to dabble in the dark arts of managerial manipulation. He believes that leadership is not about winning but about fostering a community that knows how to listen and argue and learn from one another - a community that practices patience.

Simply put, Williams believes in the Church more than he believes in his own opinions. All his troubles as Archbishop of Canterbury have stemmed from this fact. He believes in processes of communal negotiation more than he believes in the enforcement of any fixed viewpoint. It is this mindset, this belief in the Church, that has drawn so much criticism, even from within the Church of England. Giles Fraser, the former canon chancellor of St Paul's Cathedral, reports hearing a bishop say: "The problem with Rowan Williams is that he is too bloody Christian."

Williams, sagt Myers, ist gewiss kein Relativist. Aber er ist ebensowenig der Überzeugung, dass Wahrheitsfindung eine elitäre oder autoritäre Angelegenheit sein sollte.

Das – Beziehungs- und Sachebene gleich zu gewichten, Wahrheit als etwas verbindendes zu betrachten statt auf "klare Definitionen" im Sinne harter Abgrenzungen zu drängen, die Suche als mehrstimmigen Prozess zu gestalten, dessen Qualität so wichtig ist wie das schlussendliche Resultat – ist ein eher emergenter Führungsstil.

Und auch wenn das viele einfacher fänden: Sicher ist es nicht der mosaische Ansatz des einsamen Rückzugs auf den Berg, um von dort mit apodiktischen, in Stein gemeißelten Vorgaben wieder herabzusteigen. Aber selbst Mose wusste ja schon (wie das Buch Numeri verrät), dass diese Phase vorbei gehen würde: "Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!" (Num 11,29, vgl. !.Kor 14).

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Wir hatten einen sehr anregenden Tag mit Raban Fuhrmann von Procedere und einer kleinen, aber sehr feinen Gruppe zum Thema "emergente Organisation". Irgendwie wird es auch eine Art Ergebnissicherung geben, für Aufnahmen (einige hatten danach gefragt) eignete sich das Format aber nicht so recht.

Der Einstieg fand gestern Abend mit ein paar kurzen Referaten statt, zu denen die Gruppe dann Fragen erarbeitete und heute ging es anhand dieser Fragen und einer Runde emergenten Storytellings dann weiter ins Detail. Immer wieder kam dabei heraus, dass eine emergente Organisation andere Akzente im Verhältnis nach innen und außen setzt. Die Begriffe, die wir dafür fanden, waren verschieden. Es ist eine Form der Identität, die nach innen eine große Vielfalt zulässt und die nach außen eine Offenheit und Durchlässigkeit entwickelt.

Es hat mich an eine Passage aus Exclusion and Embrace erinnert (und an meinen Predigttext für morgen). Dort schreibt Miroslav Volf im Blick auf Kulturen, was für Organisationen vermutlich ganz ähnlich gilt:

Eine Möglichkeit, kulturelle Identität zu betrachten, ist ein stabiles kulturelles „Wir“ zu postulieren, dem ein einem ebenso stabiles „sie“ entgegensteht, beide in sich und aus sich heraus vollständig; sie interagieren dann, aber als in sich geschlossene Ganzheiten, ihre Beziehung zueinander ist im Blick auf die Identität jedes einzelnen etwas Äußerliches. Ein solch essentialistisches Verständnis kultureller Identität ist jedoch nicht nur unterdrückerisch – Gewalt muss angewandt werden, um alles Fremde im Zaum zu halten – sondern auch unhaltbar. Edward Said verweist darauf, dass alle Kulturen „hybrid und bepackt mit oder verstrickt in und überlagert [sind] von Elementen, die man für von außen kommend gehalten hatte“.

Die Distanz zu unserer eigenen Kultur, die aus dem Geist der neuen Schöpfung geboren ist, sollte uns aus dem Griff unserer Kultur lösen und uns fähig machen, mit ihrer Fluidität zu leben und ihre Hybridität zu bejahen. Andere Kulturen sind keine Bedrohung für die Reinheit unserer unverdorbenen kulturellen Identität, sondern eine mögliche Quelle für ihre Bereicherung. Sich überschneidende und überlagernde Kulturen können, wenn in ihnen Menschen leben, die mutig genug sind, nicht einfach nur dazuzugehören, einander zu einer dynamischen Vitalität verhelfen.

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Ausgehend vom paulinischen Motto "ein Leib - viele Glieder" werden wir uns am Samstag in einer Woche beim Workshop "Lebendige Organisation" mit Raban Fuhrmann von Procedere und weiteren interessanten Teilnehmern in der Gruppe Gedanken machen über "emergente Organisationen".

Wir von ELIA sind zuerst einmal selbst Lernwillige und -bedürftige und erst dann Gast- und ein bisschen vielleicht auch Stichwortgeber. Denn es geht ja nicht um neue Modelle im Sinne von Kopiervorlagen, sondern darum, im Dialog mit anderen die eigenen Perspektiven zu schärfen. In dieser Hinsicht bin ich selber schon sehr gespannt.

Alle relevanten Informationen stehen hier: Viele_Glieder_ein_Leib.pdf

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Am Mittwoch soll ich in 30 Minuten die folgenden Fragen beantworten:

  • Vor welchen Herausforderungen steht die Gemeinde?
  • Welche Trends und Konzepte helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen? Helfen Trends und Konzepte?
  • Welche Werte geraten aktuell ins Blickfeld?
  • Wozu braucht es Gemeinde?

Eine halbe Stunde ist nicht so furchtbar viel Zeit. Ein paar Ideen habe ich natürlich auch schon. Trotzdem: Was müsste da auf jeden Fall vorkommen?

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Der britische Psychiater Iain McGilchrist gibt in diesem Clip von RSA Animate einen Überblick über die Funktionen der beiden Hirnhälften und verwirft dabei die alten Klischees von Denken und Fühlen. Dennoch bleiben wichtige Unterschiede:

McGilchrist präzisiert, wie man die beiden Seiten unseres Denkens und unserer Phantasie besser beschreiben kann und zeigt, dass unsere Gesellschaft im Laufe der Zeit (und nicht zum ersten Mal in der Kulturgeschichte) eine starke Neigung zum Abstrakten, Dekontextualisierten, Geschlossenen, Virtuellen, Maschinellen, Isolierten und Leblosen (dafür aber Griffigen, Eindeutigen, Perfekten und Umsetzbaren) hat, mit dem wir in der Welt der Objekte und Gegenstände gut klarkommen, während wir uns schwer tun mit dem, worum es in unserer rechten Hirnhälfte geht.

Dort steht das Erkennen des Individuellen (bzw. der Differenz und des Personalen), des Kontextuellen, sich Entfaltenden, Impliziten, Vernetzten und Offenen, Leiblichen und Lebendigen im Vordergrund, das sich allerdings allen exakten Bestimmungen und aller völligen Erkenntnis oder Gewissheit entzieht und nur unscharfes Wissen, kreativen Zweifel und vor allem keine absolute Kontrolle erlaubt. Ein wunderbares Stück Modernismuskritik aus neurobiologischer Sicht, und ein starkes Plädoyer für systemisches Denken!

Wir brauchen beide Fähigkeiten: Die Klarheit des Denkens und Präzision von Sprache, die uns die linke Hirnhälfte ermöglicht, aber eben auch (und angesichts der Defizite vielleicht noch mehr) die Fähigkeit, in Beziehungen und ganzheitlich zu denken.

Wenn man die Begriffe betrachtet (fast hätte ich "analysiert" geschrieben…), mit denen McGilchrist die Funktion der rechten Hälfte beschreibt, dann lässt sich buchstäblich jeder einzelne dieser Begriffe auf die emergent conversation anwenden. Man könnte also sagen, dass hier (sicher nicht zum ersten und einizgen Mal) die Reintegration der rechten Hemisphäre in die Theologie unternommen wird, oder vielleicht sogar ein theologischen Neuentwurf aus dieser Perspektive gewagt wird, in den dann der Ertrag anderer Richtungen, die rationalistischer ansetzen und höheren Wert auf Ordnung, Korrektheit und Kontrolle legen, zum Teil integriert werden kann, zum Teil aber auch relativiert und kritisiert wird.

Streng genommen ist als das (im dogmatischen Sinn) Rechtgläubige etwas, das quasi einseitig links geglaubt wird 🙂 Man muss aber zugleich sagen, dass ein radikaler Postmodernismus, der das linkshemisphärische Kind mit dem Bade seiner fest gefügten Gewissheiten ausschüttet, keine gute Lösung für unsere Probleme ist.

(P.S.: Könnten wir bitte mal den genialen Zeichner von RSA ausleihen und genau so ein Video für Emergent Deutschland drehen?)

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Rodney Stark wirft in The Rise of Christianity einen interessanten Blick auf die Christenverfolgungen im Römischen Reich. Was das mit missionaler oder emergenter Kirche zu tun hat, erkläre ich gleich. Zunächst zu Starks Thesen: Stark sagt, alle religiösen Gemeinschaften haben das Problem der Trittbrettfahrer: Menschen, die von der Gruppe profitieren ohne selbst irgendeinen Beitrag dazu zu leisten. Diese unverbindliche Rosinenpickerei ist für Glaubensrichtungen, die ein soziales Leben entwickeln, ein gravierendes Problem, weil sich irgendwann die Aktiven ausgenutzt fühlen und ihr Engagement zurückfahren. Anders ist es bei religiösen Strömungen die keine Gemeinschaften bilden oder nur das Gegenüber von Meister/Guru/Medium und Heilsuchendem kennen, aber weil diesen die soziale Dimension fehlt, sind sie auch schwächer.

Man kann nun das Problem so lösen, dass man Hürden errichtet, deren anstrengendes Überwinden die Ernsthaftigkeit des Interessenten erkennen lässt: Ähnlich wie Neumitglieder in einem Verein eine Aufnahmegebühr zahlen, die nicht erstattet wird (die Forderung nach zölibatärem Leben hat soziologisch gesehen dieselbe Funktion). Das wären Maßnahmen von innen. Die Märtyrerkirche musste sich solche Fragen nicht stellen. Selbst wenn die Verfolgungen sich meist gegen die Amtsträger richteten, kaum jedoch gegen die "einfachen" Gläubigen, war der Einsatz deutlich erhöht. Wer bereit war, den Preis zu zahlen und gelegentlich Schikanen oder Ähnliches in Kauf zu nehmen, hatte zugleich einen deutlichen Gewinn - er gehörte zu einer starken, verschworenen (warum sagen wird's im Deutschen eigentlich so?) Gemeinschaft. Der Kaiser löste also nichtsahnend das Trittbrettfahrerproblem und er machte die Gemeinden damit nicht schwächer, sondern stärker und attraktiver. Zugleich, und Stark wird nicht müde das zu betonen, blieben die Gemeinden ein "offenes Beziehungsnetz" - sie waren öffentlich bekannt (also keine Untergrundkirche), sehr gastfreundlich und setzten sich für ihre Nächsten praktisch ein, wenn diese krank wurden oder in Not gerieten.

Heute funktionieren viele Gemeinden quer über das ökumenische Spektrum nicht mehr als ein offenes Beziehungsnetz und viele Überlegungen gehen in die Richtung, dass man fragt, wie die Schwellen gesenkt werden können. Man betreibt Marktforschung und versucht, möglichst maßgeschneiderte Angebote zu machen. Und auf möglichst jede Sorge und Empfindsamkeit Rücksicht zu nehmen. Wir reden von centered sets, die auf alle Hürden verzichten, und schon von Willow Creek hatten alle vor Jahren schon gelernt, dass man Interessierten nicht zu schnell zu nahe treten darf, sondern man lässt sie beim Klingelbeutel aus und auch sonst so weit wie möglich in Ruhe, bis sie sich rühren. Und in manchen verschwurbelten Volkskirchentheorien wird das Nichtengagement der passiv Partizipierenden theologisch komplett verklärt.

An dem Bemühen, Menschen gerecht zu werden, ist auch gar nichts falsch. Allerdings fördert diese pauschale Hemmung, irgendwo irgendwie eine klare Grenze im Sinne einer verbindlichen Forderung zu ziehen, vermutlich auch das Trittbrettfahrertum und ermüdet die Engagierten überproportional schnell. Man müsste also bei aller Bemühen um Inklusion einen Weg finden, an anderer (und hoffentlich besserer!) Stelle wieder ein bisschen exklusiv zu werden. Das könnte zum Beispiel die Erwartung von Konsumverzicht sein, oder irgendeine andere Zumutung - ein "Stigma", wie Stark sagen würde. Jede Gemeinschaft muss das selbst bestimmen.

Bei allen Aversion gegen falsches Leistungsdenken in Gemeinden gibt es vielleicht auch einen richtigen und guten Platz für ganz konkrete Zumutungen im Sinne von Bonhoeffers "teurer Gnade". Dass Gott etwas von mir erwartet, kann doch auch eine gute Nachricht sein, oder? Immerhin traut er mir (im Unterschied zu manch anderen) tatsächlich etwas zu! Genial veranschaulicht hat die psychologische Dynamik dabei Mark Twain:

"Bist ganz schön beschäftigt, wie?" versuchte er es noch einmal.

"Ach, du bist es, Ben… Hab dich gar nicht bemerkt."

"Kommst du mit zum Schwimmen? Obwohl, vermutlich willst du lieber schuften!"

"Ich schufte doch nicht. Das mache ich aus Spaß."

"Du behauptest allen Ernstes, dass du das gerne tust?"

Tom bewegte den Pinsel kunstvoll auf und ab. "Warum denn nicht? Wann kriegt man denn schon mal eine Chance, einen ganzen Zaun alleine anstreichen zu dürfen!"

Das ließ die Angelegenheit in einem ganz anderen Licht erscheinen. Tom malte mit äußerster Eleganz weiter, verbesserte hier und da eine Kleinigkeit, während Ben ihn nicht aus den Augen ließ. Die Sache interessierte ihn immer mehr. "Lässt du mich auch mal?"

Tom zögerte kurz. "Nein, das geht nicht, Ben… Tante Polly ist furchtbar pingelig mit ihrem Zaun. Es wird kaum einen Jungen unter tausend geben, der es ihr recht machen könnte."

"Och, komm. Lass es mich doch wenigstens versuchen. Nur ein kleines Stückchen!"

Tom zierte sich noch ein wenig, aber als Ben ihm den Apfel dafür anbot, reichte Tom ihm scheinbar widerstrebend den Pinsel. Innerlich frohlockte er. Und während das alte ‚Dampfschiff' in der Sonne arbeitete, saß der Künstler auf einem Fass im Schatten und aß genüsslich den Apfel. Im Laufe des Nachmittags schlenderten noch weitere Jungen vorbei, die erst spotteten, um dann zu streichen.

Am frühen Nachmittag war aus Tom ein steinreicher Junge geworden. Vor ihm lagen Schätze wie, ein gut erhaltener Drachen, eine tote Ratte, zwölf Murmeln, eine blaue Glasscherbe zum Durchsehen und vieles mehr. Die ganze Zeit über hatte Tom gemütlich im Schatten gesessen und Unterhaltung gehabt. Eine dreifache weiße Farbschicht bedeckte den Zaun. Wäre die Farbe nicht ausgegangen, hätte Tom sämtliche Jungen des Ortes bankrott gemacht. (Quelle: Lesekorb)

 

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Zurück aus Berlin habe ich mir heute verdutzt das TFT-Display gerieben. Keine Blogposts zum Emergent Forum! Wo doch in früheren Jahren tagesaktuelle und seitenlange Linksammlungen erstellt wurden. da fragt man sich unwillkürlich: Was ist denn da los?

Antwort: Erstens ist bei vielen das Bloggen schon seit einer ganzen Weile in den Hintergrund getreten.

Zweitens scheint das persönliche Gespräch wichtiger gewesen zu sein, für mich war das jedenfalls so. Vielleicht postet der eine oder andere dazu auch ein Bild auf Facebook. Dass wieder 100 Leute da waren und etliche Neue darunter, ist auch schön. Die Neuen sind aber offenbar viel weniger Blogger als manche Gründungsmitglieder es waren und z.T. auch noch sind. Vielleicht ist nach dem Bloggen ja jetzt die Umsetzung das, was alle Zeit und Energie verschlingt

Drittens ist inhaltlich auch kein gravierend neuer Akzent dazu gekommen. Das Thema bewegte sich erkennbar entlang der Linien früherer Jahre. Es waren wohl gute Gedanken und Formulierungen dazu zu hören, aber kein "Aufreger". Muss ja auch nicht sein.

Wenn also bisher keiner was gesagt hat, dann sag ich halt noch ein bisschen mehr: Das Thema war recht weit gespannt, so dass vieles Platz hatte. Die Organisation und Moderation war gut, das Programm war abwechslungsreich und nicht so überladen, dass der Raum gefehlt hätte um viele "alte" Bekannte zu treffen und sich auszutauschen – und auch wieder ein paar neue Leute kennenzulernen. Statt Dinge in die Welt hinaus zu bloggen lieber vertraute und vertrauliche Konversation kann ja auch bedeuten, dass die Beziehungen tiefer geworden sind.

Die Podcasts werden in näher Zukunft hier erscheinen, bis dahin stehen dort auch noch viele andere spannende Beiträge.

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Zu Beginn des Zweiten Teils von Insurrection fasst Peter Rollins sein Verständnis der Kreuzeserfahrung (und damit des Beginns des eigentlichen Glaubens) noch einmal zusammen:

Am Kreuz stirbt Gott als psychologische Krücke und eine tief empfundene dunkle Nacht der Seele bricht über uns herein. (S. 82)

Rollins beschreibt hier beim Umschalten von Dekonstruktion auf Rekonstruktion (s)eine menschliche – und damit psychische (!) – Erfahrung, vor allem macht er dabei aber auch zwei Annahmen:

  1. Alle Menschen beginnen mit einer falschen Gottesvorstellung und missbrauchen Gott als "Krücke", wodurch er zum Deus-ex-Machina wird, der garantiert, dass alles bleibt, wie es ist.
  2. Wer die existenzielle Verlusterfahrung der dunklen Nacht nicht gemacht hat, hat das Kreuz und damit Gott und den Glauben nicht verstanden

Bei aller berechtigten Kritik am Fundamentalismus, die Rollins immer wieder übt, erinnert das auch nicht unerheblich an das Motiv des "Bußkampfes" im Hallischen Pietismus (der war ein existenzielles Verzweifeln an der eigenen Sündhaftigkeit), nur dass statt Bußkampf hier eben nun eine andere Erfahrung zum Schlüsselerlebnis des Glaubens erklärt wird, nämlich ein existenziell empfundener Verlust der Nähe Gottes.

Zinzendorf hatte sich an diesem Punkt (des Bußkampfes) von Francke abgewandt, damit hat er den Pietismus aus der Fixierung auf ein bestimmtes Erleben befreit. Ich bin mir daher nicht sicher, ob ich Rollins bei seiner Auffassung folgen möchte. Es könnte der Weg in einen Erfahrungsfundamentalismus werden, nur eben in einer etwas anderen Färbung. Aber vielleicht relativiert Rollins das noch im weiteren Verlauf und umschifft die tückischen Klippen.

Und so schrecklich weit weg von Descartes typisch modernen Rekurs auf den radikalen Zweifel als den Ursprung neuer Gewissheiten liegt er damit auch nicht entfernt – es bleibt also spannend.

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Freitag und Samstag habe ich mich auf dem Netzwerktreffen "Ecclesia Attractiva" der AMD im Wuppertal aufgehalten und eine ganze Reihe sehr interessanter Menschen und Initiativen kennengelernt. Frost und Hirsch würden sich, wenn sie nicht noch am Leben wären, bei dem Titel zwar im Grab umdrehen, aber es war keineswegs alles "attractional", was dort zur Sprache kam.

Schauen wir nun aber dem talentierten Mr. Rollins weiter über die Schulter bei seiner Apotheose des Zweifels. Mir ist übrigens wieder eingefallen, wo mir der Gedanke schon begegnet ist, dass unser wahres Begehren das Begehren des Anderen ist - er stammt von Jacques Lacan.

Im vierten Kapitel nun ist endlich etwas klarer, worauf er hinaus will. Die letzte Form, die existenzielle Begegnung mit dem Abgrund des Zweifels zu umschiffen, ist der stellvertretende Glaube eines geistlichen Leiters, besonders der des Pfarrers. So lange der hält, kann sich jedes Gemeindeglied Zweifel leisten, ohne in Angst zu geraten, Es ist ja immer jemand da, der die Verbindung offen hält. Strauchelt er aber, dann bricht Panik aus, weil der psychologische Schutz fehlt. Diese Erwartung führt auf Seiten der Leiter dazu, dass sie die eigenen Zweifel verheimlichen, sagt Rollins. Man erfährt davon bestenfalls im persönlichen Gespräch.

Wir weichen der existenziellen Begegnung mit unseren Zweifel auch deshalb so gern aus, weil wir im Grunde schon wissen, was uns da erwartet. Aus demselben Grund also, aus dem wir aufrüttelnde Filmdokus wie An Inconvenient Truth meiden, sagt Rollins. Dann nämlich können wir nicht mehr so tun, als wüssten wir nichts. Wir müssten überlegen, was wir konkret ändern, oder uns dämliche Ausreden suchen und alles beim Alten lassen, oder zugeben, dass uns die Sache (der Klimawandel, die Ungerechtigkeit, Gott, der Nächste) schlicht egal ist.

So weit, so zutreffend. Bissige Fußnote: Es gibt ja durchaus auch Prediger, bei denen man sich wünscht, sie würden mal über irgendetwas anderes reden als nur über ihre nicht so schrecklich interessanten und verdienstvollen Zweifel und Halbherzigkeiten, die ihnen zu allen Knopflöchern herauskommen. Gemeinden, in denen die religiöse Grundstimmung nicht allzu menschlicher Triumphalismus, sondern ebenso menschliche milde Depression und bequeme Verliebtheit ins Scheitern ist. Hat Rollins von denen noch keinen getroffen?

Als ich mich schon langsam fragte, ob wir bei Rollins statt von "wiedergeborenen Christen" von "wiedergestorbenen" reden sollten, da bekam er gegen Ende des Kapitels doch noch die Kurve. Erst mit einem Zitat von Kierkegaard, der zwischen Dichtern und Kritikern unterscheidet: Während der eine etwas existenzielle erleidet und daraus seine Kunst gebiert, sieht der andere das unter formalen und ästhetischen Gesichtspunkten, bleibt aber teilnahmslos. A/Theismus – den Begriff benutzte Rollins schon in How Not To Speak of God – heißt dann nicht, den Glauben inhaltlich zu entleeren oder zu bestreiten, sondern ihm die Funktion als Schutzmechanismus gegen das Leiden an und mit Gott in dieser Welt zu nehmen.

Am Ende nimmt Rollins Bezug auf Mutter Theresa und ihren jahrzehntelangen Kampf mit der Abwesenheit Gottes. Er zitiert aus einem ihrer Briefe und erwähnt dann, dass sie diese Zweifel zwar existenziell erlitten hat, aber nie öffentlich thematisierte. Einerseits war ich erleichtert, dass Mutter Theresa Rollins Test auf wahren Glauben (Rechtgläubigkeit wäre ein zu böses Wort) bestanden hatte, andererseits fragte ich mich unwillkürlich, ob sie nicht genau das gemacht hatte, was Rollins zu Beginn des Kapitels so kritisiert hatte, nämlich nach außen hin an den orthodoxen Formulierungen festhielt, während in ihr für niemand außer ihren Beichtvater erkennbar der Sturm des Chaos tobte. Oder habe ich jetzt schon wieder etwas nicht kapiert?

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