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Erfrischend undogmatisch

Peter | 20. Nov 2010

Ich bin beim Emergent Forum angekommen und habe mich am ersten Abend wieder daran erinnert, dass man die Leute, die hier zusammen kommen, nicht über einen dogmatischen Kamm scheren kann. Sie kommen aus verschiedenen christlichen Traditionen, entdecken die Reichtümer anderer Traditionen, und interessieren sich für Theologie, insofern sie ihnen hilft, die Veränderungen in ihrem persönlichen Leben, Gemeindeleben und öffentlichen Leben zu verstehen und Wege zu finden, wie praktische Nachfolge aussehen kann. Definitionen, Formeln und Bekenntnisse, die (klar: immer um “der Wahrheit” willen) primär der Ab- und Ausgrenzung dienen, stehen eben deshalb nicht hoch im Kurs.

Neulich habe ich ein “Emergentes Glaubensbekenntnis” gelesen. Das stammte jedoch nicht von irgendeinem bunten “emergenten” Vogel, sondern von D.A. Carson, und da macht er, was er am besten kann: unliebsame Positionen so karikieren, dass es nicht schwer fällt, sie abzuschießen. Wirklich bewiesen hat er damit nur drei Dinge: dass er erstens bis heute nicht verstanden hat, worum es hier geht, dass er zweitens Wahrheit, Theologie und letztlich auch Gott nur in vermeintlich eindeutigen Satzwahrheiten fassen kann, und dass er drittens andere nur auf der Basis der Zustimmung zu seinen Satzwahrheiten akzeptieren will.

Um so schöner, ein Wochenende unter Leuten zu sein, wo nicht ständig darauf geschielt wird, wer jetzt noch linientreu ist. Wo Linien eigentlich kaum eine Rolle spielen, weil bei genauerem Hinsehen nichts im Leben auf Geraden verläuft oder sich sorgsam abzirkeln ließe. Wo unsere Wahrheiten daraufhin untersucht werden, ob sie statt Trennungen Verbindungen fördern, und anschlussfähig sind, anstatt Ausschlüsse zu produzieren. Und wo sie in Geschichten, in Beziehungen und im gemeinsamen Tun eingebettet sind, weil Buchstaben und Papier sie nicht richtig fassen können.

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Katholisch und “emergent”?

Peter | 18. Nov 2010

Das geht! Sagt Richard Rohr in einem Vortrag am Fuller Seminary. Unsere “treuen Kritiker” werden es schon lange befürchtet haben. Für Rohr dagegen ist es das Werk des Geistes Gottes, dass sich Menschen aus verschiedenen Lagern finden und alte Barrieren überwinden, und zwar ohne dabei neue Kirchentümer zu gründen. Hier geht’s zum Mitschnitt.

Richard Rohr
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“Emergente” Beispiele und Geschichten gesucht

Peter | 17. Nov 2010

Ich bin gebeten worden, für ein internationales Buchprojekt einen Beitrag über das Thema Emerging Church im deutschsprachigen Europa zu schreiben. Dazu bin ich nun aber auf Eure Mithilfe angewiesen. An der Einleitung sitze ich gerade – und erkläre, warum das in Deutschland anders aussieht und läuft als in Nordamerika.

Der zweite Teil soll konkret darstellen, wie

  • Gottesdienst verstanden und gelebt wird
  • Gemeinschaft und geistliches Wachstum (“Formation”) sich gestaltet
  • Mission (im ganzheitlichen Sinn, “Diakonie” also eingeschlossen) stattfindet
  • und in welchen Formen und Strukturen Leitung wahrgenommen wird

Anregungen, Hinweise und Beiträge sind herzlich willkommen. Ihr solltet Euch nur nicht ewig Zeit lassen, bis zum Nikolaustag hätte ich das Material gern zusammen. Manche sehe ich ja am Wochenende in Essen. Ich habe viel Zeit mitgebracht für Gespräche und zum Sammeln von Stories.

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Zwei Wege

Peter | 17. Nov 2010

Übermorgen startet das Emergent Forum zum Thema “der dritte Weg”, aber das mit der drei geht nicht immer auf, vielleicht sollten wir dann einfach “der alternative Weg” sagen. Der kann zum Beispiel so aussehen.

Es gibt … zwei radikal unterschiedliche Wege, wie Gott zu sein: der Weg “der Gotteserkenntnis” (in dem Sinne, dass ich den Schleier seines Geheimnisses lüfte, selbst die Gewissheit des Wissens erlange, selbst entscheiden kann, was gut und was böse ist) oder der “Weg des Seins” – wie Gott sein, indem ich mit meine Handeln der törichten, paradoxen Logik der Liebe folge.

Den ersten bot Satan dem Adam im Paradies an (ihr werdet wie Gott sein und erkennt gut und böse), den anderen bietet Jesus an (seid wie mein himmlischer Vater, der seine Sonne scheinen und den Regen auf die Guten wie die Bösen fallen lässt). Den zweiten, törichten Weg – denn er konnte schwer anders enden als am Kreuz – begreift Paulus sehr gut und radikalisiert ihn: Lasst uns Narren in Christo sein – die törichte Sache Gottes ist stärker als die Sache der Menschen.

Tomas Halik, Geduld mit Gott, S. 163f.

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Magersucht und Attentäter

Peter | 08. Nov 2010

Tomas Halik will Verständnis und Interesse für Distanzierte und kirchliche Randsiedler wecken. Jesus hat nicht nur den harten Kern seiner wandernden Jüngerschar gepflegt, sondern er ließ sich auch auf Begegnungen mit Leuten wie Zachäus oder Nikodemus ein, ohne diese von ihrem Ort wegzurufen. Auch die Diskussionen um Begriffe wie “Bekehrung” im Pietismus zeigen: Gerade die ganz entschiedenen Jesusnachfolger könnten dem Irrtum erliegen, dass es nur eine mögliche Form des Christseins gibt – ihre natürlich. Aber gerade die Offenheit am Rande ist wichtig für unsere Gemeinden:

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Kirche und Sekte liegt darin, dass sich eine auf den “harten Kern” völlig identifizierter Mitglieder einschränkt, ggf. in diesem Mitgliedertyp das Ideal sieht. Die Kirchen sind in der Regel älter, weiser, erfahrener und großzügiger; sie wissen, dass sie außer dem “harten Kern”, dem Skelett, auch einen etwas elastischeren Leib brauchen (und dass es eine Beeinträchtigung darstellt, wenn der Körper durch eine übertriebene Diät unterernährt ist). Darüber hinaus gibt es in ihnen häufig Menschen, die wissen, dass der Begriff Rand und Mitte in einem Organismus, wie die Kirche einer ist, ziemlich relativ sein kann.

… Wenn ich manche Katholiken beobachte, mit welcher Lust sie die Pluralität der Kirche gemäß ihrem oft sehr eigenartigen Konzept von Katholizismus gerne streng disziplinieren würden, werde ich traurig darüber, wie diese “Eiferer für das Haus des Herrn” überhaupt nicht begreifen, dass sie eigentlich gefährliche Attentäter sind, die eine der vitalsten Funktionen der Kirche bedrohen, ihre Katholizität – die Allgemeinheit, welche übrigens das Ideal aller christlichen, das Apostolische Glaubensbekenntnis betenden Kirchen sein sollte.

Bekehrung, Ekklesiologie, Pluralismus, Tomas Halik
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Der Gott der anderen

Peter | 06. Nov 2010

Die Bibel redet von Gott oft in Paradoxen. Nur so lässt sich das Geheimnis gegenüber allzu großem Wissensdrang und vor dem modernen Hang zur Instrumentalisierung schützen. Tomas Halik nimmt im vierten Kapitel von Geduld mit Gott Gedanken seines katholischen Kollegen Joseph Moingt auf, der die menschliche Neigung, Gott zu unserem Gott zu machen, kritisch reflektiert. Wir haben nur in dem Maß Zugang zu Gott, so Moingt, als wir diesem Drang widerstehen und Gott anders sein und für andere da sein lassen.

Paulus, die die Grenzen des Judentums überwand und das Evangelium den Heiden brachte und den Partikularismus Israels sprengte, wird zum Vorbild:

In ähnlicher Weise soll die Kirche stets aus ihrer christlichen Vergangenheit ausziehen, vieles “Ererbte” tapfer hinter sich lassen. Das war und ist ihre Aufgabe. Beim Blick auf die Geschichte sehen wir aber etwas anderes: Die Kirche hat sich bald in ihren eigenen Partikularismus zurückgezogen., die Idee eines neuen Israel hat nicht Mut und Entschlossenheit provoziert ständig ein Volk auf dem Weg zu sein… Unsere Kirche wurde stattdessen eine partikuläre Einheit unter vielen anderen, begann ihre eigenen Grenzen zu überwachen und hat aus dem Glauben ein “Erbe der Väter gemacht”, ein Eigentum, das weiter tradiert wird.

Offenheit gegenüber Gott bedeutet für Moingt dann auch Offensein für andere, weil sich Gott mit Anderen solidarisiert und weil sich in unserem Offensein Gottes Offensein für die Welt vergegenwärtigt. Halik kommentiert das zweite vatikanische Konzil und die jüngere tschechische Kirchengeschichte und fragt ausgehend von beidem, ob nicht erst der Mut, auf den Anderen zuzugehen, zu einer neuen Gestalt von Kirche führen kann, die den Verfall der jetzigen Institution eines Tages überwindet uns deren wahre Schätze erbt.

Weder Halik noch Moingt wollen Tradition, Glaube und Theologie komplett über Bord werfen. Aber sie plädieren dafür, sich auf einen Veränderungsprozess einzulassen, der keineswegs frei von Risiken ist: Am Ähnlichsten sind wir Gott da, wo wir ihn und den Anderen suchen und uns dabei selbst überschreiten. Und da wird es ganz praktisch: Nur diese Haltung kann eine Alternative bieten zu den gängigen Reaktionen auf den Islamismus in Europa, die allzu oft entweder in aggressivem Säkularismus oder in christlichem Fundamentalismus bestehen.

Atheismus, Tomas Halik, Offensein
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Thérèse von Lisieux und die Wahrheit des Atheismus

Peter | 05. Nov 2010

Das dritte Kapitel von Geduld mit Gott widmet Halik über weite Strecken der Thérèse von Lisieux, die mitten im verbissenen Abwehrkampf des französischen Katholizismus gegen den Atheismus ihren Glauben auf eine ganz andere Art lebte, und – so Halik – am Ende ihres Lebens sogar verlor. Nu die Liebe blieb, und das lässt sich als Erfüllung des Pauluswortes von 1. Kor 13,8 verstehen, dass in Gottes neuer Welt Glaube und Hoffnung sich in die Liebe hinein auflösen. Bei Thérèse scheint das schon eingetreten zu sein kurz bevor sie die Schwelle überschritt – so wie mancher Marathonläufer buchstäblich ins Ziel wankt und über die Linie fällt.

Sie deutet ihr Verlassensein von Gott als Platz nahmen an einem Tisch mit den “Ungläubigen”, und durch ihre Solidarität mit ihnen erschließt sie für die verbohrte Kirche neues Land. Die Abwesenheit Gottes als “existenzielle Wahrheit des Atheismus” wird so auch Teil des Glaubensschatzes. Der Atheismus, sagt Halik, ist eben nicht als Lüge zu verstehen, sondern als eine “nicht zu Ende gesprochene Wahrheit” – und eine nützliche Antithese zur “vulgären Religion”. Auch Chesterton konnte im Blick auf das Sterbewort Jesu ja auch sagen, dass hier “Gott für einen Augenblick Atheist zu sein schien”.

Thérèses Lebensthema war die Demut, und Halik zitiert den folgenden schönen Gedanken von ihr:

Ein Mensch, der lange auf den Berg der Tugend geklettert ist (…) solle mit demütiger Freude auch eine Sturz und (von Gott gewollten) Fall akzeptieren, denn nicht in dem erträumten “Oben”, sondern vielmehr unten wartet Gott auf ihn, “in der Tiefe des fruchtbaren Tales der Demut”.

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Neue Befreiungstheologie

Peter | 04. Nov 2010

Tomas Halik entwirft in Geduld mit Gott in Ansätzen eine “neue Befreiungstheologie”. Während die ursprüngliche Befreiungstheologie das Unrecht thematisierte, das die Armut und Unterdrückung in der damals noch so genannten “Dritten Welt” verfestigte, und perspektivische Verengungen konventioneller Theologie durch den Hinweis auf den sozialen Kontext aufbrach, gilt das Interesse nun der Säkularisierung und dem modernen Atheismus in der westlichen Welt.

Ein Element dieser Befreiungstheologie ist ein Art apophatische Eschatologie, die sowohl allzu selbstgewisse religiösen Entwürfe als auch deren säkulare Pendants – seien sie nun von Marx, Huntington oder Fukuyama inspiriert – als Projektionen entlarvt und als “heilige Unruhe” den Horizont offen hält für das Handeln Gottes zur Vollendung seiner Welt. In diesem Sinne ist sie auch eine Befreiungsspiritualität, eine Spiritualität des Exodus, und als solche sollte sie

nicht zu einer Flucht vor unserer Verantwortung für die Gesellschaft führen, in die wir gestellt sind – im Gegenteil: zu ihren Aufgaben gehört die Empfänglichkeit für die Zeichen der Zeit auch in dem kulturellen und politischen Klima der heutigen Welt. Die “Solidarität mit den Suchenden” schließt eine Teilnahme an deren Fragen und Suchen mit ein.

Ein Vorbild für diesen Weg sieht Halik in dem späten Thomas Merton, der spirituelle Pilger auf den geistlichen Wegen des Ostens begleitete und darin seinen “Aufbruch zu den anderen” lebte. Wer Geduld mit Gott übt, hält auch die Fragen anderer aus, ohne sie mit vorschnellen und damit auch vorletzten Antworten zu ersticken:

So wie für die Mission in der Welt sozial Armer die Kirche arm sein muss, ebenso muss sie, um in diese Welt religiösen Nichtgesichertseins eintreten zu können, manche ihrer Sicherheiten über Bord werfen. Sie muss nicht nur die äußeren Zeichen des Triumphalismus los werden … sondern vor allem den eigenen inneren Triumphalismus, nämlich Besitzerin des Wahrheitsmonopols zu sein. (S. 40)

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Wer zählt im Zelt?

Peter | 12. Okt 2010

Die Teaparty-Bewegung, ein inhomogenes Aufbegehren der Rechten in den USA, droht die Republikanische Partei zu radikalisieren. Es droht das Ende der Volkspartei als Big-Tent-Phänomen, das in der Mitte der Gesellschaft verankert ist.

Etwas Ähnliches ereignet sich anscheinend gerade unter den US-Evangelikalen. Durch einen Post von Björn Wagner stieß ich auf diesen Artikel von Scot McKnight, der ötdlich frustriert den Rechtsruck einer offenen Bewegung mit durchaus progressiven Elementen zu einem strikten dogmatischen Calvinismus, dem euphemistisch als “complementarianism” bezeichneten patriarchalischen Geschlechterverhältnis in Familie und Kirche, fundamentalistischem Bibelverständnis (Stichwort “inerrancy”) und Kreationismus, um die Liste der theologisch-kulturellen Grausamkeiten voll zu machen.

Symbolfigur dieser Machtergreifung ist für McKnight der Southern Baptist Al Mohler, der wurde unlängst von Christianity Today als Reformator beschrieben. Nicht mehr gefragt sind offenbar Denker wie J.I. Packer oder auch der Brite John Stott, der eine Schlüsselfigur der Lausanner Bewegung und des Manifests von Manila.

Die Ironie an der ganzen Geschichte ist aber auch, dass McKnight sich in letzter Zeit deutlich von emergenten Stimmen wie Brian McLaren distanzierte und seine evangelikalen Wurzeln betonte, die McLaren seiner Meinung nach aufgegeben hatte. Die Termini “emerging” und “emergent” erschienen ihm und anderen (wie meinem Freund Jason Clark) als zu unscharf, die Bewegung dahinter theologisch zu beliebig – und das ist sie in den USA zu einem nicht geringen Teil auch. Wobei man bei McKnights ernüchterndem Ausblick ahnt, warum das Schlagwort a new kind of christianity auch als Abgrenzungsbegriff existiert.

Nur wandelt sich die Heimat just in dem Moment, wo McKnight sich dezidiert zu ihr bekennt, unversehens zur Fremde. Vielleicht hat Brian McLaren – der ja von Rechtsevangelikalen sehr vehement angegangen wurde – nur früher und deutlicher gesehen, wohin der Hase läuft, und dass der Begriff evangelical trotz aller Rettungsversuche auf Jahre hinaus ebenso verbrannt ist wie emergent?

Am Sonntag beginnt in Kapstadt der große Weltkongress der Lausanner Bewegung. Vielleicht schaffen es die 4.000 Delegierten, viele aus dem globalen Süden, ja noch, das große Zelt wieder ganz weit zu spannen. Und vielleicht wirkt sich das auch in den USA aus, wo man es (zumal im Süden) nicht so gewohnt ist, von anderen zu lernen beziehungsweise deren Existenz und Denkweisen bestenfalls durch ein Zielfernrohr (mit dem Finger am Abzug) zur Kenntnis nimmt.

Ich würde mich freuen, wenn als Folge der Global Conversation in Kapstadt viele von einem “neuen Christentum” sprechen, das bunt und vielfältig wie nie in einer multipolaren Welt konstruktiv mitmischt, ohne in die reaktionären Reflexe zu verfallen. Vielleicht finden wir auch einen besseren Begriff, hinter dem sich alle versammeln, zu denen die alten Kategorien nicht mehr passen.

Brian McLaren, Evangelikale, Fundamentalismus, Kreationismus, Scot McKnight
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Dicke Freunde

Peter | 21. Sep 2010

Nicholas Christakis hat sich mit der Wirkung von Beziehungsnetzen beschäftigt und dabei eine Reihe von interessanten Entdeckungen gemacht. Sein Ausgangspunkt war der “Widower-Effect”, von da aus geht es weiter zu der Frage, ob Dickleibigkeit “ansteckend” ist. Sie ist es: Wer stark übergewichtige Freunde hat, wird mit 45% größerer Wahrscheinlichkeit selbst ähnlichen Umfang erreichen. Und zwar auch dann, wenn es nur die Freunde der Freunde bzw. die Freunde der Freunde der Freunde betrifft (das fiel mir neulich in Paris auf: Man sieht viel weniger Dicke dort als bei uns). Zum einen ist es das Verhalten, das abfärbt, Essgewohnheiten zum Beispiel. Zum anderen verändert sich der Maßstab, das innere Bild einer “Normalfigur”, man gewöhnt sich an den Anblick.

Manches, was Christakis hier sagt, hat mich an die IGW-Tagung mit Steve Timmis erinnert, der die Bedeutung von gelebter Gemeinschaft für die Identität des einzelnen Christen so stark betont hat: Das Beziehungsnetz ist wie ein lebendes Wesen. Es hat ein Gedächtnis, es pflegt dauerhaft bestimmte Gewohnheiten und Gefühlslagen. Vielleicht ist der kollektive Faktor bei Emotionen bisher weitgehend übersehen worden, sagt Christakis. Glückliche und unglückliche Menschen bilden Cluster in Beziehungsnetzen und wie Dicke und Normalgewichtige trennen sie drei Bindeglieder (“three degrees of separation”). Die glücklichen Leute findet man eher im Zentrum, die Unglücklichen am Rand des Netzes., dazwischen die Neutralen.

Menschliches Verhalten wird also nicht nur vom angeborenen Temperament bestimmt, sondern auch von der sozialen Umgebung. Und unterschiedliche Verknüpfungsmuster prägen die Reaktionen ganzer Gruppen von Menschen bzw. die Art und Intensität, wie Menschen sich gegenseitig beeinflussen wie ein Bienen- oder Vogelschwarm.

Solche vernetzten “Superorganismen” existieren, weil sie unser Leben positiv beeinflussen (also einen “Nutzen” haben). Positive Einflüsse können sich umgekehrt auch nur über Beziehungsnetze verbreiten. So oder so geht es um “das Gute”, daher lohnt es sich, kräftig in Freundschaften und Beziehungen zu investieren.

Christen haben oft die Tendenz gehabt, sich aus diesen Netzen zurückzuziehen, um nicht mit Schlechtem angesteckt zu werden. Jesus hat das Gegenteil gelebt: Er hat sich auf viele unterschiedliche Menschen eingelassen, weil er das Gute, das er brachte, für stärker hielt. Auch in seinen Jüngern, wie das Wort vom Salz und Licht zeigt, auch wenn die alles andere als vollkommen waren. Mittelbar beeinflussen wir sogar Menschen, zu denen wir gar keinen direkten Kontakt haben. Das machen wir uns viel zu selten bewusst, vermute ich.

(Danke an Jason Clark für den Hinweis!)

Beziehungen, Gemeinschaft, Netzwerke
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Appetit auf Essen

Peter | 17. Sep 2010

Für alle, denen die Reise in den Süden bisher zu weit und teuer war, gibt es jetzt keine Ausrede mehr: Das diesjährige Emergent Forum findet in Essen statt.

Wer mehr wissen will oder sich anmelden, klickt einfach auf das Bild unten.

Emergent Forum 2010

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Gemeinschaftsmythen (6): Kleingruppen

Peter | 27. Jul 2010

Das letzte Patentrezept, das Joseph Myers verwirft, sind Kleingruppen. Eine Gemeindestruktur, die auf Kleingruppen setzt, schafft deswegen nicht automatisch mehr Zugehörigkeit und Verbundenheit. Solche Vorgänge sind wesentlich komplexer.

Myers unterscheidet daher im Anschluss an Edward T. Hall vier Bereiche: Den öffentlichen, den sozialen, den persönlichen und den intimen. In jedem dieser vier Bereiche leben wir in Beziehungen: Distanzierte Beziehungen zu Fremden, deren Namen wir meist nicht kennen, im öffentlichen Bereich. Bekanntschaften im sozialen Bereich. Freundschaften im persönlichen Bereich. Und der intime Bereich von Beziehungen, in dem man alles von sich preisgibt, ist ganz wenigen Menschen vorbehalten. (wer es noch detaillierter möchte, kann bei Depone weiterlesen)

Ein gravierender, aber verbreiteter Fehler besteht nun darin, dass wir eines dieser Felder zur Norm erklären und meinen, alle guten Beziehungen müssten persönlich oder intim sein, nur dann sind sie “gut”. Nur werden auch in der besten Kleingruppe Bekannte nicht automatisch zu Freunden. Vielleicht fällt uns das gar nicht auf, weil viele die Gruppe verlassen, wenn sie an dieser Hürde scheitern, weil die Chemie einfach nicht stimmt.

Zugehörigkeit ist multidimensional. Was das im einzelnen bedeutet, werde ich in den nächsten Tagen/Wochen skizzieren.

Beziehungen, Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Kleingruppen, Raum
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Der entkirchlichte Messias?

Peter | 13. Jul 2010

David Fitch befasst sich respektvoll und kritisch mit Frost und Hirschs missionalem Ansatz (dass der zwischendurch auch als “emergent” etikettiert wird, wird Alan vielleicht nicht so ganz schmecken). Bei allem Guten, das die beiden mit ihrer Kritik an institutionellen Komm-Strukturen und leidenschaftloser, subkultureller Kokon-Existenz in die Diskussion eingebracht haben, bleiben für ihn auch ein paar ernste Probleme. Sie betreffen den Kirchenbegriff.

Bei ihrer Kritik an verzerrten Jesusbildern und dem Versuch der Rückkehr zu einem (be)rein(igt)en Jesus, der nicht schon Produkt kirchlicher und kultureller Entstellungen ist, setzen sie – so Fitch – stillschweigend voraus, dass man Jesus ohne Kirche begegnen kann, die in der Regel eher als Hindernis erscheint. Problematisch ist das deshalb, weil ohne das – klar: unvollkommene – Christuszeugnis der Kirche und ihren (sicher ab und an diskussionswürdigen) Schriftgebrauch über die Jahrhunderte Jesus heute gar kein Thema mehr wäre.

Eine unmittelbare Beziehung des einzelnen Christen zu Christus, wie Frost und Hirsch das postulieren, hält Fitch zu Recht für eine Fiktion. Beim Lesen erinnerte mich das an Kant, der den Ausgang des Menschen nicht von falschen Jesusbildern, sondern aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit propagierte und – wie sein Zeitgenosse Johann Georg Hamann anmerkte – sich damit selbst zum Vormund aufschwang, der sagen konnte, was richtig ist. Derselbe Idealismus und derselbe hohe Anspruch des völligen Neubeginns spiegelt sich in der Formel wider, dass aus der Christologie die Missiologie und aus de Missiologie die Ekklesiologie hergeleitet werden müsse. Auch die geht in der Praxis nicht auf, weil die Christen, die sich wie Mike und Alan auf den missionalen Weg machen, ja keine unbeschriebenen Blätter sind, sondern alle möglichen kirchlichen Traditionen im Gepäck haben. Unbewusst, vielleicht, aber das Neue entsteht eben doch großteils in Anknüpfung an und Abgrenzung gegen das Vorhandene. Wie bei Hase und Igel: Die Kirche ist immer schon da. Oder wie Fitch sagt: Missiologie ist Ekklesiologie und umgekehrt.

Und das ist auch der zweite Kritikpunkt: Dass nämlich die Kirche als eine Größe von geschichtlicher Kontinuität in diesem Konzept verloren zu gehen droht. Bei allem Gestaltwechsel der Inkarnationen, Inkulturationen oder Kontextualisierungen ist es eben doch so, dass die ganz konkrete Praxis der Schriftauslegung, Gemeinschaft, der Taufe und Mahlfeier durch alle Zeiten erstreckt und alle Christen prägt und verbindet. Kirche entsteht nicht als creatio ex nihilo voraussetzungslos in jedem Augenblick der Geschichte neu auf der grünen Wiese, sondern sie entsteht aus dem Alten, das Gottes Geist immer wieder neu belebt wie die Totengebeine bei Ezechiel und das müde “Fleisch” aus Joel 3. Wenn aber Kirche keine geschichtliche, konkrete Gemeinschaft von Menschen mehr ist, so Fitch, dann verblasst sie ganz schnell zum Konzept und zur Ideologie.

Fitch macht seine Kritik zwar an Frost und Hirsch fest, es gibt aber sicher noch mehr postmoderne Denker, denen sein Rat gut täte. Bei aller Bedeutung dieses Umbruchs ziehen sich eben auch viele Linien durch. Ich bin auch dafür, dass Kirche sich neu erfindet. Nur die Idee, geschichtslos auf den Nullpunkt zurückgehen zu können, ist gar nicht neu, sondern typisch modern. Und sie bringt die Beziehungen zu denen, die das “Alte” schätzen, leider ziemlich oft auf Null.

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Die “Illusion der Emerging Church”

Peter | 22. Jun 2010

Spencer Burke schreibt, dass es weder “die moderne Kirche” gibt, noch eine wirklich fassbare Größe namens “emerging church”. Das unterscheidet sich insofern von verschiedenen anderen Abgesängen und vor allem Abrechnungen, als er um ein differenzierteres Bild der Großwetterlage bemüht ist. Die Kirche insgesamt erlebt einen tiefgreifenden Umbruch, aber in mancher Hinsicht ist auch dieser Umbruch etwas, was sich ständig ereignet.

Anstatt nun die Kontraste zu scharf und statisch herauszuarbeiten, rät Burke zum Lernen und zur Offenheit nach allen Seiten. Sein letzter Absatz gefällt mir gut:

Someday those who are defending the church today will realize that it was the loss of modernity that they were grieving. And those who are so eager to be the torch bearers for the emerging church will be left with a new institution to feed. But for some, the Church will always be the Church and she will continue to surprise us…

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Samstag in München?

Peter | 12. Mai 2010

Viele sind gerade unterwegs zum ökumenischen Kirchentag nach München, manche sind sogar schon da. Ich selbst buddele mich gerade durch das üppige Programm und versuche, mich zwischen den vielen interessanten Veranstaltungen zu entscheiden.

Für alle, die noch nicht völlig zugeplant sind: Wer Samstag nachmittag Lust hat beim Zentrum “Zukunft der Kirche vor Ort”, trifft mich und weitere Leute von Emergent Deutschland dort mit einer kurz(weilig)en Präsentation und der Möglichkeit zum Reden und Diskutieren. 16.00 bis 17.30 Uhr in der Friedenskirche (Isarvorstadt) – alles Wissenswerte steht hier.

ökumenischer Kirchentag
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