Erlebt

Die frostigen Nächte dieser Woche haben sichtbare Spuren an den Obstbäumen hinterlassen. Viele Kirsch- und Apfelblüten sind erfroren. Schlaff und mit braunen Rändern hängen sie von den Zweigen.

Die ungewöhnliche Wärme im März und Anfang April (3 Grad über dem langjährigen Mittel) hatte sie sehr früh aufgehen lassen. Zu früh, nun schlägt der Winter zurück und die rosa-weiße Pracht stirbt dahin.

Der traurige Anblick hat Ähnlichkeiten mit der politischen Großwetterlage: Vieles, was offen und damit verwundbar war – aber eben auch fruchtbar und schön! –, droht nun in der Eiseskälte eines harten Rückschlages einzugehen. Demokratie und offene Zivilgesellschaft, Humanität und Menschenrechte, ein achtsamer Umgang mit der Schöpfung und den materiellen Ressourcen unseres Planeten, der Abbau von Grenzen, die Überwindung ethnischer und geschlechtlicher Diskriminierungen und viele andere Errungenschaften sind akut bedroht.

Wir haben es uns ja angewöhnt, christliche Auferstehungshoffnung und Frühling eng zusammenzudenken. Heute müssen wir das Bild noch weiter ausbauen: Weder in der Natur noch in unseren Gesellschaften sind Rückschläge ausgeschlossen. Nicht jeder Trend ist unser Freund. Aber erst dann, wenn uns unerwartete Rückschläge dazu verleiten, alle Hoffnung fahren zu lassen und aufzustecken, wären wir wirklich arme Kreaturen.

Zur österlichen Stimmungslage gehört neben der Freude auch der Trotz. Das kühle Wetter wäre ja noch der geringste Grund, den Trotz groß zu machen in diesem Frühjahr. Aber wenn es uns dazu anregt, den Kampf um die Hoffnung aufzunehmen, dann kommt es wenigstens in dieser Hinsicht zur rechten Zeit.

Frost im Frühling heißt nämlich auch: Die braunen Blüten werden abfallen. Es dauert zwar, bis etwas nachwächst. Trotzdem: Auf dieses Ziel hin dürfen wir leben und arbeiten.

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Die Müdigkeit steckt mir noch ein bisschen in den Knochen, aber die Dankbarkeit und Freude überwiegt. Zum zehnten Mal sind wir in diesem Jahr zum Beten in den Keller gegangen am Karfreitag. Und gut 1.700 Leute aus Erlangen und Umgebung sind mitgekommen. Das ist das erste, was ich jedes Jahr wieder so erstaunlich finde. Dass die Zeitung anders als in den Jahren zuvor nur einen knappen Hinweis brachte, hat sich kaum ausgewirkt auf den steten Besucherstrom Richtung Kellergelände.

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Das zweite, was mich erstaunt hat, war die außergewöhnliche Ruhe in diesem Jahr. Bis auf wenige Ausnahmen ging es im und vor dem Berg für mein Gefühle spürbar ruhiger zu als ich es aus den letzten Durchgängen in Erinnerung habe. Womöglich ist das auch ein positiver Lerneffekt, der damit zu tun hat, dass viele zum wiederholten Mal da waren.

Drittens staune ich, was aus den Gesprächen und Ideen im Team nach Wochen von Planung und Vorbereitung, gelegentlich zähen (aber nie überflüssigen) Diskussionen, nach manchen praktischen Tüfteleien und ein paar pragmatischen Entscheidungen dann alles im Henninger-Keller steht, wenn am Donnerstag kurz vor 18 Uhr die ersten Leute den Berg betreten.

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Viertens staune ich über die Wirkung, die sich in der Kombination aus Ort, Atmosphäre und Installationen entfaltet. Manche bleiben lange stehen, um etwas auf sich wirken zu lassen. Viele Besucher*innen kommen sichtbar bewegt zurück ans Tageslicht, einige brauchen eine ganze Weile, bis sie wieder Worte finden.

Fünftens staune ich, wie intuitiv und leicht es inzwischen fällt, die Passion in Bezug zur heutigen Welt- und Lebenserfahrung zu setzen, ohne dabei auf in vielerlei Hinsicht problematische Deutungsmuster wie Sühne, Strafleiden und Opfer zurückzugreifen. Stattdessen geht es um die Mitmenschlichkeit Gottes, es geht um die Bereitschaft, sich vom Leid anderer betreffen zu lassen, um die Hoffnung, dass Gott auch in den schlimmsten und dunkelsten Stunden nahe ist und versteht.

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Ich glaube, erst vor diesem Hintergrund wird die Botschaft von der Auferstehung wirklich nachvollziehbar, dass man nämlich dem konkreten Leiden Jesu in der Passionsgeschichte die konkreten Leiden heutiger Menschen gegenüberstellt und dabei den sozialen und politischen Horizont nicht ausblendet.

Ohne diesen Bezug laufen wir Gefahr, Ostern misszuverstehen als etwas Geschichtsloses und Weltfremdes – und damit auch Leid und Tod nicht ernst zu nehmen, auszuhalten und uns davon verwandeln zu lassen, sondern das alles zu verharmlosen, zu ignorieren und mit triumphalistischen Phrasen und Appellen zu überlagern. Das wäre weder christlich noch gesund für die Seele.

Licht und Wärme fühlen sich eben ganz anders an, wenn man gerade aus dem Keller kommt.

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An einem strahlend sonnigen Vormittag lief ich im vergangenen Sommer zum Erlanger Bahnhof, um nach Nürnberg zu fahren und dort einen Gottesdienst zu halten. Auf der sonntäglich fast menschenleeren Straße kam ein junger Mann auf mich zu und sprach mich an. Er war erkennbar benebelt und sagte, er sei in einer psychischen Notlage.

Ich redete kurz mit ihm und erklärte, dass ich gleich zum Zug müsse, dass ich aber bei der Notrufzentrale anrufen und mich darum kümmern werde, dass schnell jemand kommt. Gesagt, getan. Aber noch bevor ich im Zug saß, dachte ich an die Geschichte vom barmherzigen Samariter, in der ja auch zwei Personen unterwegs zum Tempel waren. Was wäre wohl passiert, wenn ich die Gottesdienstgemeinde hätte sitzen lassen, um dem jungen Mann zu helfen? Eigentlich hätte das doch nur auf Zustimmung und Verständnis treffen können – oder?

Beim Nachdenken fiel mir auf, wo die Schwierigkeit bei solchen Entscheidungen auch liegt: Zu spät oder gar nicht zum Dienst zu erscheinen, wirkt sich sofort aus und ich bekomme die Reaktionen darauf ganz unmittelbar zu spüren. Sie mögen wesentlich harmloser sein als die Folgen unterlassener Hilfe für den Fremden, der sie braucht. Die Abwägung läuft also zwischen schnellen und direkten Konsequenzen für mich selbst und der Ungewissheit, ob solche Unterlassungen Folgen haben und ob diese mich vielleicht irgendwann einholen.

Ich vermute, nach diesem Muster verlaufen viel mehr Entscheidungsprozesse, als uns bewusst ist. Sie stecken hinter Parolen wie „wir sind doch nicht das Sozialamt der Welt“. Denn jetzt zu helfen hat zwei sichere Auswirkungen: Es kostet Geld und Sympathien. Was es dagegen bringt, das wird sich erst später zeigen.

So betrachtet ist das Gleichnis auch eine Einladung, sich auf ungewisse Situationen mit unabsehbaren Folgen einzulassen. Für diese Haltung gibt es in der Bibel ein besonderes Wort: Es heißt „Glaube“.

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Ein Samstagmorgen in der Fußgängerzone. In der Nähe des Ortes, wo ich mein Rad abgestellt habe, steht in junger, blonder Russlanddeutscher auf der Straße und predigt – irgendwas über Sünde und Gericht, die üblichen Bibelstellen und ein vager Exkurs in die eigene sündige Vergangenheit. Man mag ihm gar nichts Schlimmes zutrauen, wie er da so steht, ein bisschen blass, mit inzwischen heiserer Stimme. Und tatsächlich kommen auch keine anderen Konkretionen als dass er damals sein Geld für Dinge ausgegeben hat, die ihm Spaß machen. Ist das ein bewusster Versuch, so etwas wie Gemeinsamkeit mit potenziellen Zuhörern auszudrücken?

Neben ihm stehen drei Kinder und halten Traktate in der Hand. Der Mann pausiert, wendet sich ihnen kurz zu, und fährt dann in seiner Ansprache fort. Doch das Erlösungsbedürfnis der Erlanger ist heute überschaubar: Niemand bleibt stehen und die Passanten, die in einiger Entfernung auf Bänken in der Sonne sitzen oder auf den Bus warten, scheinen ihn zu ignorieren. Ich hoffe um der Kinder willen, dass seine Stimme nicht mehr lange hält, und er bald guten Gewissens die Segel streichen kann.

Gegenüber steht ein Tisch mit einer türkischen Fahne, türkischen Schildern und einem, das auf Deutsch sagt, alle Macht geht vom Volke aus. Ich vermute, darin steckt eher Kritik an den Plänen der AKP für eine Verfassungsänderung. Hinter mir geht eine Frau mit partiell rot eingefärbtem, dunklem Haar vorbei, die den Stand wütend betrachtet. Im Weitergehen schreit sie auf Türkisch etwas augenscheinlich Unfreundliches über ihre Schulter, später dreht sie sich noch zweimal um und reckt den Mittelfinger in die Luft in Richtung der Nestbeschmutzer, ihre Miene ist immer noch grimmig verzerrt, sie kann sich gar nicht mehr beruhigen.

Politischer Dialog, der mit Hass beantwortet wird, und religiöser Monolog, der nirgends ankommt. Und wir irgendwo zwischendrin. Alles auf engem Raum an einem Samstagmorgen in der Fußgängerzone.

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Vor einem Jahr habe ich das Vikariat in St. Leonhard-Schweinau begonnen. Ein guter Anlass, kurz zurück zu blicken, zumal ich auch immer wieder gefragt werde – mal besorgt, mal süffisant, mal neugierig – wie es mir denn so geht.

Der Kilometerzähler an meinem Rad zeigt 4.000 mehr als vor Jahresfrist, und vieles davon geht zurück auf dienstliches Pendeln zwischen Wohnort und „Einsatzgemeinde“, wie das im Kirchensprech heißt. Im Sommerhalbjahr waren es mehr Fahrten, im Winter (und mit mehr Gepäck für den Schulunterricht) spürbar weniger. Das ändert sich jetzt allmählich wieder, und irgendwann erreiche ich dann auch das Tempo vom vergangenen Sommer. Auf dem Weg nach Nürnberg trage ich nun meistens einen Helm, es kommen also ganz neue Gewohnheiten dazu.

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(Foto: Andrew Gook, unsplash.com)

Mehr als nur ein bisschen dankbar bin ich für meinen Mentor, der mir ebenso humorvoll und einfühlsam wie abgeklärt hilft, mich in meine Rolle und in die Gemeindearbeit mit ihren Besonderheit und Eigentümlichkeiten hineinzufinden. Im Predigerseminar habe ich freundliche, aufgeschlossene und kompetente Studienleiter kennengelernt und bin in einem Vikarskurs gelandet, der trotz stattlicher Größe einen bemerkenswerten Zusammenhalt entwickelt hat. Und die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in der Kirchengemeinde zeigen bis zum heutigen Tag endlose Geduld mit mir, während ich die vielen neuen Namen lerne, vergesse und wieder neu lerne.

Es ist auch ein Jahr der Kontraste: Da ist der Kontrast zwischen der Akademikerstadt Erlangen und dem Nürnberger Westen mit Arbeitern, Angestellten und einem hohen Migrationsanteil an der Bevölkerung. Und der Kontrast zwischen den ELIA-Gottesdiensten im gut gefüllten Theater mit so ziemlich allen Altersgruppen hier und den eher lichten Reihen mit überwiegend ergrauten Häuptern dort, zwischen meist unstrukturiertem Lobpreis und klassischer Liturgie nach G1, zwischen Predigthörern, die an Humor und Ironie gewöhnt sind und solchen, die sich lieber nichts anmerken lassen, wenn ich auf die Idee komme, einen Witz zu reißen, ohne ihn vorher anzukündigen.

Vielleicht liegt letzteres auch an dem schwarzen Talar, an den ich mich nur sehr mühsam gewöhne. Bei Beerdigungen sehe ich den Nutzen noch am klarsten, in allen anderen Situationen bremst und dämpft er gefühlt mehr, als dass er beflügelt. Ein Ausbilder meinte neulich, der Talar schütze auch die Gemeinde vor mir. Gut, da hat er wahrscheinlich Recht…

Mein Aktionsradius ist durch diese Umstände drastisch beschränkt, manche Debatten und Ereignisse bekomme ich nur noch am Rande mit – und es fehlt mir im Grunde auch nicht: Bei soviel Input und neuen Eindrücken, die es zu verarbeiten gilt, sinkt natürlich der Bedarf an zusätzlichen Impulsen von außen. Das einzige, was ich daran vermisse, sind die Begegnungen mit vielen von Euch. Andererseits tut es aber auch gut, so klare Prioritäten zu haben – es vereinfacht das Neinsagen.

Ab und zu höre ich, dass Leute schon wissen und sogar verraten, was für mich nach dem Abschluss im kommenden Jahr folgt. Wenn Ihr so jemandem begegnet, sagt mir Bescheid – ich selbst tappe nämlich noch im Dunkeln und bin immer interessiert an erhellenden Auskünften über meine Zukunft.

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Viel früher als normal wachte ich heute morgen auf mit vagen Erinnerungen an den Traum, den ich gerade gehabt hatte. Das ist nicht sehr häufig der Fall. Aber noch bemerkenswerter war der Inhalt des Traumes. Vielleicht ist es deshalb sinnvoll, das festzuhalten.

Ich war mit einer Gruppe von Leuten in einem flachen Landstrich entlang einer Staatsgrenze zu Fuß unterwegs. Deutschland war es nicht. Plötzlich rief jemand nach mir und ich sah auf der anderen Seite der Grenze, die ein loser Stacheldraht markierte, einen Verletzten liegen. Der Mann brauchte medizinische Hilfe, Schutz gegen die Kälte und etwas zu essen. Ich versuchte, meinen Arm unter dem Draht durchzuschieben und ihm etwas zu geben von dem, was ich zufällig bei mir trug. Für einen humanitären Einsatz war ich gar nicht ausgerüstet.

Dann aber stürmten – noch in einiger Entfernung – Bewaffnete aus dem Gebüsch, riefen irgendwelche Kommandos und begannen zu schießen. Ich ging in Deckung und versuchte, unsere nahegelegene Unterkunft zu erreichen. Die anderen Mitglieder der Gruppe kamen ebenfalls aus unterschiedlichen Richtungen angerannt.

Was mit dem Verletzten geschah, weiß ich nicht. Das war der Moment, an dem ich aufwachte und nicht mehr einschlief. Ich kann mich nicht erinnern, überhaupt jemals eine Kriegsszene geträumt zu haben.

Aber es ist eben 2017.

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Als ich heute früh die Abendmahlsliturgie sprach, war plötzlich ein Geräusch im Raum zu hören. Ich konnte die Ursache nicht erkennen (ein Pfingstbrausen war es eher nicht), also ließ ich mich nicht beirren. Irgendwer wird den Knopf schon finden, um das abzustellen. Und so kam es: Das Geräusch hörte wieder auf.

Nach einer Weile jedoch spürte ich, wie mich frische, klare Oktoberluft von oben her streifte. Ich sah mich um und stellte fest, dass sich über mir die Oberlichter in der Decke geöffnet hatten. Man konnte durchschauen und den weiß-blauen Himmel sehen, etwas Sonnenlicht fiel herein und das Kunstlicht hatte sich abgeschaltet.

Hinterher dachte ich mir, das muss doch der Traum eines jeden Liturgen sein: Wir beten und über uns geht der Himmel auf. Alles wird frisch und klar. Wir sehen in einem anderen Licht.

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Bild: Paul Csogi / unsplash.com

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Eine der neuen Erfahrungen meines Vikariats ist das strikte Predigen nach der Perikopenordnung. Die Frage ist für mich nicht, welchen Text ich predige, sondern nur noch wie. Über Vor und Nachteile dieser Regelung ließe sich so Manches sagen, aber als Übung ist es eine feine Sache. Zumal die aktuelle Epistelreihe etliche Stücke enthält, die ich selbst nie ausgewählt hätte, weil sie oft recht spröde und unanschaulich ausfallen. Aber selbst dann stellen sich unerwartete Entdeckungen ein, wie ich inzwischen mehrfach erlebt habe.

Case in Point: 1.Thess 4,1-8 vom 20. Sonntag nach Trinitatis. Der Autor einer Predigthilfe kam zu folgender Überzeugung:

Der Text erreicht mich sowohl als Prediger wie als Christ weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick.

Und etwas weiter unten heißt es:

Spätestens an dieser Stelle war mir klar, dass man diesen Text nicht predigen kann.

Was der Autor nicht vorhersehen konnte: Manchmal liefert einem ja die Tagespresse den Resonanzboden frei Haus. Diesmal in Form von Donald Trumps Skandalinterview aus dem Jahr 2005, das am nämlichen Wochenende die Schlagzeilen beherrschte. Damit, dass er seine Geschäftspartner über den Tisch zieht, prahlt er ja schon, seit er "The Art of the Deal“ hat schreiben lassen. Eigentlich könnte man die Predigt nun so nennen:

Was würde Paulus zu Donald Trump sagen?

Freilich wäre Trump selber relativ uninteressant. Er sitzt ja nicht vor mir. Wahrscheinlich habe ich auch nicht viele seiner Sympathisanten in den Kirchenbänken sitzen. Aber wir haben eine gesellschaftliche Debatte über Sexismus, auf die sich Bezug nehmen ließe, wir können über gerechte und ungerechte Geschäftspraktiken und Handelsbeziehungen reden und wir können fragen, was ein achtsamer und empathischer (oder in biblischer Sprache: ein barmherziger) Umgang miteinander in einer Partnerschaft und im Wirtschaftsleben für einen Gewinn und Fortschritt bedeuten würde. In jedem Fall wäre klar, wie aktuell und brisant die Themen sind, die Paulus hier anreißt.

Wer es noch etwas zeitloser und philosophischer möchte, kann über Martin Bubers Unterscheidung von Ich/Du und Ich/Es als Grundmodus des Umgangs mit anderen sprechen. In welche Richtung Paulus uns weist, liegt auf der Hand.

Aktuelles und Grundsätzliches, in ein paar Zeilen verdichtet, an ein paar kurzen Beispielen verdeutlicht – kann man sich als Prediger eigentlich mehr wünschen?

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Irgendwann in diesem Sommer, der noch nicht so recht enden will, hatte ich ein Gespräch über eine bekannte Persönlichkeit des kirchlichen Lebens. Jemand berichtete von einer Begebenheit aus früheren Jahren, in der es um die Tatkraft und den Mut zu neuen Wegen ging.

Ich sagte, das klingt ganz anders als das, was man so allgemein hört über die Person. Hat er/sie sich so verändert? Keineswegs, meinte mein Gesprächspartner. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung und (mehr noch) in der kirchlichen Gerüchteküche verselbständigen sich solche Klischees, und dann kann auch ein zugänglicher, bescheidener und humorvoller Mensch plötzlich steif und verbissen wirken: Jemand stellt eine Behauptung auf, andere erzählen sie weiter, am Ende kann niemand mehr sagen, woher das kam, aber alle meinen zu wissen, dass es selbstverständlich so ist. Der/die Betroffene hat eigentlich keine Chance, das jemals zu widerlegen. Auch deshalb, weil viele schon voreingenommen in die Begegnung gehen und nur noch das bestätigt sehen, was sie schon „wussten“.

Hier und da habe ich das selbst schon erlebt. Das ist gut so, weil ich die Ohnmacht gegen das Gerede nachempfinden kann. Und weil es mich dankbarer dafür macht, wo mir Menschen offen und unvoreingenommen begegnet sind, oder wo es gelungen ist, solche Klischees und Schablonen zu überwinden.

Das Gespräch im Sommer hat mich wacher und neugieriger gemacht im Blick auf solche Begegnungen. Und noch etwas vorsichtiger dabei, in den Chor der ungeprüften, dafür aber stark empfundenen Projektionen, Verzerrungen und Halbwahrheiten einzustimmen. Denn eben dieser Trend nimmt ja kräftig zu und droht, die Politik und damit unser ganzes Gemeinwesen ins Chaos zu stürzen. Vor kurzem hat Eduard Käser in der NZZ unser postfaktisches Zeitalter als „Nichtwissenwollengesellschaft“ bezeichnet, in der es um die „Bewirtschaftung von Launen“ geht und wo "Dogmatiker, Demagogen und Dummschwätzer“ die Meinungsbildung dominieren, weil es einfach zu anstrengend und unsicher ist, weil ein langwieriger Erkenntnisprozess vielen einfach zu anstrengend ist.

Im Kleinen können wir das alle tun: Uns die Mühe machen und anderen die Ehre erweisen, genau hinzusehen, mit Augenmaß zu urteilen und offen zu bleiben für ein besseres Verstehen.

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Es ist deutlich seltener geworden über das letzte Jahr, aber ab und zu begegnet mir das Thema „Evangelikale und idea“. Vor ein paar Wochen analysierte Philipp Greifenstein die Inhalte des Spektrum auf theologiestudierende.de und konstatierte ein Übergewicht politischer Themen, wenig Bibel und Theologie, eine inhaltliche Nähe zur AfD und eine anti-muslimische Grundhaltung. Manchmal denke ich, die Abonnenten könnten das Geld auch gleich an die AfD spenden.

Viele moderate Evangelikale klagen seit Jahren über diesen Kurs, sie schimpfen, schämen und distanzieren sich, wenn sie darauf angesprochen werden. Im Stillen ganz oft, manchmal sogar öffentlich. Aber dann kommt im Nachsatz: „Wir haben doch nichts anderes“. So auch diesmal.

Mich erinnert das an das Bilderbuchklischee einer zerrütteten Ehe, in der die Ehefrau von ihrem Mann immer wieder abgekanzelt und ausgenutzt wird. Ab und zu entschuldigt er sich, macht der Gedemütigten kleine Geschenke. Aber wenn es darauf ankommt, fällt er wieder in die alten autoritären, groben und dominanten Verhaltensmuster zurück.

Und sie bleibt an seiner Seite. Aus Angst vor dem Alleinsein. Weil das Geld eh schon knapp ist. Um der Kinder willen, die sie doch immer noch brauchen und die man ja nicht im Stich lassen darf. Weil die Kinder darunter leiden, wenn sich Papa und Mama streiten (diese Stimmung war in den sozialen Netzwerken sehr präsent, als letztes Jahr Ulrich Parzany auf Michael Diener losging). Aber so geht das ja schon seit vielen Jahren - mal mehr, mal weniger. Es ist ein sehr stabiles Verhaltensmuster.

Und genau da, in der Stabilität der zyklischen Konfliktverläufe, liegt das Problem: Ist es tatsächlich klüger (oder glaubensstärker), immer wieder nachzugeben und zurückzustecken? Was lernen die Kinder aus diesen eingespielten Verhaltensmustern? Und wie lebenstüchtig sind sie, wenn sie das Haus verlassen? Könnte das der Grund sein, dass viele auf gar keinen Fall mehr zurück wollen? Und dafür, dass sich unter denen, die sich wohlfühlen zuhause, dieselben blinden Flecken ausbilden wie bei ihrem Vormund? Was wird dann aus der nächsten Generation?

Liebe moderate/progressive/offene Evangelikale: Was würdet Ihr einer Freundin oder Bekannten in einer solchen Lage raten? Hilft Euch unser Mitgefühl, oder hindert es Euch daran, die Misere tapfer zu beenden (jetzt, wo sich sogar Brangelina getrennt haben…)? Was braucht Ihr, um Euch zu entscheiden? Oder ist es eigentlich gar nicht so schlimm, wie wir denken?

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Immer wieder mal habe ich mich gefragt, warum eine steigende Zahl von Stadtbewohnern, die augenscheinlich keine großen Outdoor-Fanatiker sind, in übergewichtigen und klobigen Geländefahrzeugen zum Shoppen, zur Kita oder zum Friseur fahren müssen.

Haben die sich auf mobile.de beim Kauf verklickt? Sind sie mit der Maus abgerutscht, wie wir das von rechtspopulistischen Politiker*innen kennen? Oder ist das einfach irrational, sich mit einer X-, Q- oder G-Kutsche als City-Cowboy zu inszenieren, nach dem Motto „Ich bin wesentlich wilder, als ich aussehe“? Ist es das Bedürfnis nach Sicherheit, das Leute zu diesen Zweitonnern greifen lässt?

All diese Fragen in meinem Kopf klärten sich, als ich neulich durchs Knoblauchsland radelte. Von Kleinreuth nach Lohe gibt es zwischen Gemüsefeldern ein Sträßchen, das den Weg zum Nürnberger Flughafen abkürzt. Man kann stark befahrene Routen vermeiden und Zeit sparen. Allerdings hat die Stadt Schilder aufgestellt, die ausschließlich Taxis und „landwirtschaftlichen Fahrzeugen“ die Durchfahrt gestatten.

Und jetzt ratet mal, was für „landwirtschaftliche" Fahrzeuge da zwischen Taxis und Traktoren noch ganz eifrig unterwegs waren.

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Vor ein paar Wochen kam eine Mail von einer Marketingagentur aus München. Im September läuft eine Neuverfilmung von Ben Hur in den Kinos an. Und weil es da unter anderem auch um das Thema Vergebung gehen soll, schickte die Mitarbeiterin einen Link zum Trailer mit und schrieb dazu:

Aktuell sind wir auf der Suche nach passenden Blogs aus dem religiös/christlichen Umfeld, die Interesse und Lust haben, hier mit uns zusammen zu arbeiten und das Thema aufzugreifen. Vielleicht magst du dir einen ersten Eindruck von dem Film verschaffen?

Ich klickte den Trailer an and schrieb dann zurück:

… so richtig überzeugt hat mich der Trailer noch nicht. Die Bilder schauen recht konventionell aus und die Text/Musik-Kombinationen bieten m.E. auch keine Überraschungen. Aber vielleicht ist das im Film selbst ja ganz anders?

Es ist natürlich klar, dass Paramount ein geschäftliches Interesse am Erfolg des Filmes hat. Aber was wäre der Nutzen für die christlichen Kirchen und die Gesellschaft im Ganzen?

Und das war’s dann auch schon mit der Kommunikation. Es kam nichts mehr zurück. Vielleicht ist die Mitarbeiterin erkrankt, vielleicht hat sie aus Frust über die zähe Resonanz gekündigt, vielleicht ist meine Mail im Spamfilter verendet.
Vielleicht habe ich aber auch einfach zu kritisch gefragt und mich als „passender“ Blogger diskreditiert? Es kam jedenfalls zu keiner „Zusammenarbeit". Nicht weiter schlimm, aber bemerkenswert.

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Gleich zweimal, innen wir außen, sind am Bamberger Dom Ecclesia und Synagoge gegenübergestellt. Die Synagoge erscheint in mittelalterlicher Tradition mit verbundenen Augen und zerbrochenem Stab. Wertschätzung sieht anders aus.

Spannend fand ich, dass beiden „Kirchen“ die Hände fehlten. Es sieht so aus, als sei der Sandstein irgendwann gebrochen. Nun sind die Arme nur noch als Stummel zu sehen. Die Kirche kann nicht mehr zupacken.

Höhere Gerechtigkeit? Steckt Israels Gott dahinter? Und was möchte er uns damit sagen? Vielleicht ja dies: Eigentlich müssten die beiden zusammenarbeiten. Eine kann sehen, die andere kann greifen. Keine kann alles, jede braucht die andere.

So betrachtet hätte die befremdliche Darstellung wieder einen positiven Sinn.

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Ich komme ins Gespräch mit einem älteren Herrn. Er erzählt von seiner Kindheit im Krieg und vom Wirtschaftswunder. Die Nazis kamen nicht gut weg in seiner Erzählung, daher überrascht es mich, als er plötzlich sagt, Hitler habe ja auch manches richtig gemacht. Und dann geht es los: Früher habe es keine Arbeitslosen gegeben, die seien ja alle faul und gehörten in den Arbeitsdienst. Und dann würden sie auch noch kriminell. Überhaupt: Für Vergewaltiger und Terroristen müsse es die Todesstrafe geben. Aber unser Staat lasse diese Verbrecher ja nach ein paar Monaten alle wieder laufen. Ich werfe ein paar Argumente gegen die Todesstrafe und für unser Justizsystem ein und erkläre, dass ich Arbeitslose weder mehrheitlich noch grundsätzlich für faul halte. Keine Reaktion. Sachlich ist hier kein Land zu gewinnen.

Ich versuche, ihn zu verstehen. Ist es die Angst vor Alter, Gebrechlichkeit und Tod, die die Vergangenheit in einem rosigen Licht erscheinen lässt und den Blick auf die Gegenwart nun zunehmend düster einfärbt? Mag sein, dass das eine Rolle spielt. Vor allem aber frage ich mich: Woher stammt eigentlich dieses übermächtige Bedürfnis, andere zu bestrafen – Gruppen und Klassen von Menschen zu finden, die man als Abschaum abstempeln und an denen man seine Rachephantasien auslassen und den angestauten, aber nie richtig eingestandenen Frust abreagieren kann?

Rührt die schleichende Weltuntergangsstimmung, die ich wahrnehme, daher, dass seine Welt – die alte Bundesrepublik mit ihrer Stabilität, Berechen- und Überschaubarkeit, der intakte Sozialstaat – tatsächlich schon untergegangen ist? Aber es regiert eben nicht die Trauer, sondern der Zorn. Vielleicht hat er dies eine sogar gemein mit den Terroristen, die alle "erschossen gehören": Er fühlt sich in unserer Welt fremd und bedroht. Er kann sich nur gewaltsame Lösungen vorstellen. Und nachdem er nicht mehr viel Hoffnung für sich persönlich hat, ist es ihm eigentlich auch egal, wenn die Rückkehr zur alten Ordnung ein paar mehr Menschenleben kostet. Wenn man in diesen apokalyptischen Kategorien von Verfall und Überflutung denkt, dann ist man wohl nicht mehr so zimperlich. Wenn man selber gefühlt untergeht, warum sollten es andere dann besser haben?

Ja, und nun gibt es eine Partei, die seinen Zorn (und den vieler anderer) in Politik umsetzen möchte. Die nicht interessiert ist an komplexer und sauberer Ursachenforschung, sondern am schnellen Zuschlagen. Weil sich im Ausleben des Zorns wenigstens die Illusion von Macht erzeugen lässt. Für das unvermeidliche Scheitern und den daraus resultierenden Zusammenbruch wird man schon rechtzeitig einen neuen Sündenbock auftreiben.

Kyrie Eleison.

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in diesen Tagen ist es 20 Jahre her, dass wir mit Nicky Lee bei uns zuhause in der Schuhstraße 47 eine Flasche Wein zu Brot und Käse geleert haben. Ihr beide seid dann wieder ins nahe Hotel zurück und am nächsten Tag ging die Alpha-Konferenz weiter, aus der in den Folgejahren viele hundert Glaubenskurse entstanden sind – landauf, landab und quer über das ökumenische Spektrum.

Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden, und wir haben uns auch schon fast sechs Jahre nicht mehr gesehen. Aber ich wurde diese Woche wieder an zwei Impulse erinnert, die durch Dich und Alpha bei mir angekommen und hängengeblieben sind, und für die ich dankbarer denn je bin.

Das erste ist die Kultur der Gastfreundschaft: Das Essen, zu dem nicht gebetet werden muss und bei dem religiöse Gesprächsthemen nicht erwünscht sind, zum Beispiel. Diese Art der offenen Begegnung ist nicht nur eine nette Nebensache oder ein pädagogischer Kniff, sondern das Herzstück eines menschen- und weltzugewandten Gemeindelebens. Als diese Woche jemand über die Emmaus-Geschichte sprach, habe ich mich wieder einmal gefragt, ob nicht Tischgemeinschaft an sich (also auch ohne jede explizite Liturgie) schon eine Art Sakrament ist. Henri Nouwen hat das in „Reaching Out" wunderschön weiter gedacht und ein ganzes Ethos daraus entwickelt. Die vielen Fotos in meiner Facebook Timeline mit deutsch-syrischen (oder deutsch-irakischen/afghanischen/eritreischen) Tischgemeinschaften überall im Land sprechen dafür.

Das zweite ist die Achtung vor dem Gegenüber und das geduldige Zuhören. Irgendwie gehört das natürlich zur Gastfreundschaft dazu, aber es wurde öfter noch als ein pädagogisches Prinzip bei Alpha thematisiert. In vielen „missionarischen“ Gemeinden mussten Mitarbeitende nun mühsam lernen, ihren (realen oder gefühlten) Wissensvorsprung und ihre unschlagbaren Argumente zurückzustellen. Manche bis dahin ebenso beliebten wie unnötigen Auseinandersetzungen (z.B. Evolution contra Schöpfungsglaube) hast Du ihnen ausgeredet. Die waren noch nie mein Fall gewesen, aber das hat mich darin bestärkt, auf manch traditionelle „Apologetik“ zu verzichten. Wie sensibel ich auf Situationen reagiere, die ich als emotional und sozial übergriffig empfinde, das fiel mir diese Woche während der Besprechung eines anonymisierten Seelsorgeprotokolls auf. Und das verdanke ich – nicht nur, aber auch – Deinen Impulsen.

Theologisch bin ich nicht jeder Spur gefolgt, die Du bei Alpha gelegt hast. Die Vorträge zu den einzelnen Abenden würde ich inzwischen ziemlich anders halten (meine Anfragen dazu habe ich schon vor ein paar Jahren auf diesem Blog gepostet). Eigentlich ja auch ganz natürlich angesichts des langen Zeitraums. Nicht nur ich habe mich verändert, auch unsere Gesellschaft und ihre Fragen. Du bestimmt auch? Das Gespräch darüber würde mich interessieren.

Zwei Dinge möchte ich heute sagen: Erstens, vielen Dank für diese bereichernden Denkanstöße! Und zweitens, weil Ihr bei Alpha ja auch fragt „is this it?“: Ich glaube, in den zwei genannten Impulsen steckt noch mehr Potenzial drin. So viel kann ich nach 20 Jahren sagen – aus Erfahrung.

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