St. Patrick und die Krise Europas

Die schlichten und ausgrenzenden Antworten auf Fragen der Identität ist ein Markenzeichen der Rechtspopulisten. Michael Thumann schrieb am Tag nach dem Brexit in der Zeit:

Die Kampagnen von Donald Trump und des Chaostandems Farage/Johnson ähneln sich vor allem in der Frage: „Wer sind wir?“ und „Was wird aus uns?“ Es sind dieselben Fragen, die die Pegida-Demonstranten auf die Straßen treiben. Daraus sprechen Unsicherheit, Angst – und ein rabiater Nationalismus. Im Umkehrschluss wächst die Forderung nach Abschottung, Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen. Die ganze britische Kampagne ist wie Trumps Propaganda von der Identitätsfrage vergiftet. Sie beruht auf der Lüge, dass es eine idealenglische Gesellschaft gäbe, die von Europa und Zuwanderern bedroht wäre.

Als ich mich auf den Bodenseekirchentag am letzten Wochenende vorbereitete, fiel mir auf, dass wir dort ein Musterbeispiel für eine genuin christliche Antwort auf diese Debatten finden, und zwar in der Gestalt des Heiligen Patrick, Apostel der Iren.

Seine ethnisch-nationale Identität kann man nur als „gebrochen“ bezeichnen: Er wuchs auf als romanisierter Brite, im einer von Kelten besiedelten und von Römern militärisch und kulturell beherrschten Britannien. Dann wird er von Iren verschleppt, flieht und kehrt aufgrund eines Traumes wieder zurück, diesmal als Missionar (mit meiner Mischung aus ostkirchlicher und lateinischer Tradition im Gepäck). Am Ende ist er etwas von allem und nichts in Reinform.

Und just als solcher legt er den Grundstein für eine indigene Kirche, die ihrerseits in den nächsten drei Jahrhunderten überall in Europa Klöster und Gemeinden gründet und das, was wir heute „christliches Abendland“ nennen, überhaupt erst möglich gemacht hat. Leider haben das viele vergessen, die meinen, jenes christliche Abendland retten oder verteidigen zu müssen, weil sie daraus eine Identität gezimmert haben, die wieder nur in Abgrenzung funktioniert, in der alles Gute schon da ist und durch das, was von Außen kommt, nur noch Schaden nehmen kann. Eine Logik, die so sesshaft ist, dass sie sich am liebsten einmauern möchte.

Die Nachfolger des Patrick, die bis Bregenz und Bobbio, Würzburg und Wien zogen, verkörpern die wahre Geschichte der europäischen Kultur: Sie ist eine Kultur der Begegnung, die von der Freiheit lebt, sich zu bewegen, Grenzen abzubauen, immer neue Mischungen aus Vorhandenem und Neuem zu schaffen, eine Kultur der Gastfreundschaft und des Entdeckergeistes.

Natürlich müssen die Kirchen und die einzelnen Christen Identitäre und Rechte mit ihrer vergifteten Propaganda kritisieren und ihre falschen Versprechungen als Lügen entlarven. Noch wichtiger wäre es aber, sich ein Beispiel an den Pioniermissionaren unserer Länder zu nehmen und aus Unbeweglichkeit, Mut- und Erwartungslosigkeit aufzubrechen (es geht ja gerade nicht um „Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen“). Diese verwandten Denk- und Lebensmuster machen den Rattenfängern das Spiel viel zu leicht. Die Wahrheit ist, Kirche wird sich nicht nur ein bisschen verändern müssen, weil die Welt sich so dramatisch verändert. Wer den eigenen Leuten das nicht sagen will, traut entweder ihnen nichts zu, oder Gott, oder beiden.

Die Legende erzählt, Patrick habe die giftigen Schlangen aus Irland vertrieben. Ich denke nicht, dass das in erster Linie eine zoologische Aussage ist. Auf unserem Kontinent wäre eine Entgiftung derzeit jedenfalls hochwillkommen.

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Visuelle Pilgerreise

Ein paar Eindrücke von der Reise nach Iona habe ich hier ja schon geschildert. Inzwischen ist bei Calvendo auch ein Kalender online mit Bildern, die in dieser Woche auf diesem besonderen Fleckchen Erde entstanden sind.

Wenn Ihr mögt, klickt Euch durch die Bilder, und wenn Sie Euch gefallen, lasst es mich wissen und/oder schreibt eine kleine Bewertung oder eine Kundenrezension auf amazon, da kann man ihn auch besichtigen und bestellen.

Wenn Ihr weitere Iona-Begeisterte kennt, empfehlt den Kalender gerne weiter oder verschenkt ihn an sie. Bekanntlich steht Weihnachten ja bald wieder vor der Tür… 🙂 Von A5 bis A2 ist alles möglich.

Und falls Ihr Freunde jenseits des Kanals habt, könnt Ihr hier das Ganze auch auf Englisch mit englischem Kalendarium bekommen.

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Große Weite auf engem Raum

Im August haben meine Frau und ich gemeinsam mit Freunden an einer „Open Week“ der Iona Community teilgenommen. Die unter George MacLeod wiedererrichtete Abbey, 563 von St. Columba gegründet und seither wohl der heiligste Ort Schottlands (Macbeth soll hier unter anderem begraben sein), bietet Platz für ca. 50 Gäste, dazu kommen viele freiwillige Helfer_innen. Es geht sehr international zu, wir trafen eine große Gruppe aus den Niederlanden und eine Gemeindegruppe aus den Midlands, dazu eine ganze Reihe Einzelpersonen. Es ist bei voller Auslastung reichlich eng rund um den Kreuzgang, die Zimmer sind winzig und oft mit Stockbetten eingerichtet, das Haus ist hellhörig, die Fußböden knarzen mächtig und die Duschen muss man sich geduldig teilen. Wer abends Bier, Cider oder Wein trinken will, muss fünf Minuten laufen in die Bar an der Martyrs’ Bay.

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Wer nach Iona kommt, lebt eine Woche Gemeinschaft auf Zeit. Alle Gäste packen im Haushalt mit an, und ich vermute, das Fehlen einer Industriespülmaschine hat weniger finanzielle Ursachen. Das Arbeiten gehört, genauso wie die Morgen- und Abendgebete zum Konzept von Gemeinschaftsbildung dort. Das Morgengebet endet im Stehen und ohne „Amen“ oder Segen, um deutlich zu machen, dass die nun folgende Aktivität eine nahtlose Fortsetzung des Gottesdienstes mit anderen Mitteln ist.

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Rückzug ist also kaum möglich, zumal sich im Programm kurze Impulse der Verantwortlichen rasch mit interaktiven Elementen mischen, ständig kommt man mit jemand anderem ins Gespräch, mal eher spielerisch-locker, mal zu recht persönlichen Fragestellungen und Themen. Und so hat man nach sechs Tagen viele neue Bekannte, deren Namen es zu behalten gilt. So richtig tief geht es dagegen angesichts des kurz getakteten Ablaufs nur selten. Und man sollte wirklich passabel Englisch sprechen können, sonst wird es mühsam.

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Zum Seele baumeln lassen muss man sich in die Kirche (Farne wachsen innen an den Wänden) oder eine der Kapellen verdrücken oder gleich ganz hinaus gehen – hoch zum Dun I oder an den weißen Sandstrand im Norden der Insel, vorbei an Schafen und Hochlandrindern. Echte Stille gibt es nur sporadisch am Sonntagabend in der Kirche oder auf einer fünfminütigen Etappe des gemeinsamen Pilgerwegs, den die ganze Gruppe in vier oder sechs Stunden geht. Nach jeder Mahlzeit gibt es einen „moment of silence“, der ungefähr einen Atemzug lang dauert und mit einem emphatischen „Thank you, God“ beschlossen wird.

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Reich beschenkt wird man aus dem Schatz der Lieder von John Bell und anderen, aus der ungemein frischen und klaren liturgischen Sprache, die stets mehr wertvolle Denkanstöße enthält, als man in dem jeweiligen Augenblick behalten und zu Ende denken kann, durch die Ehrlichkeit, mit der die Mitglieder der Community erzählen, und die ökumenische Offenheit dort, wo sich Pilger aus aller Welt begegnen. Wem das noch nicht reicht, der findet eine gut ausgestattete Bibliothek im Haus vor und gegenüber einen Buchladen, in dem man schnell arm werden kann.

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Unter den Gästen wie auch den Freiwilligen finden sich viele Pfarrer_innen und Theologe_innen und noch mehr engagierte Laien. Auf eine spannende Art ist Iona für sie „kirchlich“ genug, um sich zuhause zu fühlen, und zugleich anarchisch genug, um sich und die eigene Umgebung einmal kritisch zu betrachten, oder sich von anderen Querdenkern auf der eigenen Suche nach neuen Wegen anregen zu lassen.

Keiner aus unserer kleinen Delegation wusste einen vergleichbaren Ort in Deutschland, an dem Natur, Geschichte, gelebte und schöpferische Gemeinschaft, Begegnung über Landes- und Konfessionsgrenzen hinweg so profiliert anzutreffen wären. Iona ist wieder zu einem pulsierenden Zentrum geworden, wie im Frühmittelalter, als es an der stark frequentierten Wasserstraße entlang der inneren Hebriden lag. Heute erscheint es uns abgelegen und wird gerade deshalb so gern aufgesucht. Man kann die Anreise an einem Tag schaffen, aber dann darf nichts schief gehen, wenn man die letzte Fähre in Fionnphort auf Mull kurz nach 18 Uhr noch erreichen will. Rückwärts ist es einfacher, aber nach so intensiven Tagen wird es den meisten gut tun, noch irgendwo in der reizvollen Umgebung ein paar Tage Rast zu machen und die Eindrücke nachklingen zu lassen.

Es war bestimmt nicht der letzte Besuch.

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Rückblick: Symposium keltisch-christliche Spiritualität

Auf unserem Esstisch steht eine Lichtschale vom Schwanberg. Während das Teelicht brennt, wandern meine Gedanken zurück dorthin. Die Schwestern von der Communität Casteller Ring und Pfarrer Harald Vogt hatten für das vergangene Wochenende zu einem Symposium eingeladen und einen gastfreundlichen Rahmen geschaffen, in dem sich ganz unterschiedliche Menschen begegnen konnten, die sich für die besondere Tradition des keltischen Christentums interessieren. Zumindest hier in der Region und im evangelischen Umfeld hat es das noch nicht gegeben, so weit ich sehe.

Allein schon der persönliche Austausch mit alten und neuen Bekannten wäre die Reise wert gewesen – wir saßen mit Ilona und Rainer Wälde, Katrin und Daniel Sikinger zusammen, lernten zwei keltisch bewegte Freikirchler aus der Schweiz sowie Ken Humphrey und Roy Searle von der Northumbria Community kennen, haben uns von Oliver Behrends auf eine Entdeckungstour in Sachen Schöpfungsspiritualität schicken lassen und ich habe auf einem Pilgerweg mit Hans-Joachim Tambour durchdringende Erfahrungen gemacht – der atlantische Dauerregen ging bei mir (trotz NorthFace-Jacke, mit denen muss ich noch ein Hühnchen rupfen…) bis auf die Haut durch.

Unter die Haut ging bisweilen das gemeinsame Nachdenken darüber, was die Geschichte und Impulse der keltischen peregrinati für uns im 21. Jahrhundert bedeuten: Warum eine theologisch verantwortete und vitale Schöpfungsspiritualität unverzichtbar ist, inwiefern diese historischen Vorbilder hier und heute anschlussfähig sind, wo sich Gottes und unsere Sehnsucht treffen (davon sprach Andy Lang) und wie man miteinander ermutigende und beflügelnde Erfahrungen teilen kann.

Es war ein verheißungsvoller Auftakt. Mal abwarten, was daraus noch wird!

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Keltische Woche

Diese Woche begann mit St. Patrick’s Day, gestern Abend hat Martina mit einer stattlichen Gruppe ihre Alltagsexerzitien mit Geschichten und Elementen aus dem keltischen Christentum begonnen. Und in einer Stunde brechen wir auf zum geistlichen Zentrum auf dem Schwanberg, wo an diesem Wochenende im Rahmen eines Symposions unter anderem Roy Searle von der Northumbria Community sprechen wird.

Und heute mittag habe ich für August zwei Tickets nach Glasgow gebucht, von dort aus geht es dann zur „Open Week“ der Iona Community.

Spannend, das alles…

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Christlich-keltische Spiritualität: Symposium im März

Vom 21. auf den 23. März findet im Geistlichen Zentrum Schwanberg ein Symposium über Christlich-keltische Spiritualität statt. Hauptreferent ist Roy Searle von der Northumbria Community, es gibt am Samstag etliche Workshops zu unterschiedlichen Themen (z.B. Natur- und Schöpfungsspiritualität, Symbole, Poesie und Imagination, die Rolle der Frauen), und ich selber werde auch einen kleinen Beitrag leisten.

Wer also Lust und Interesse hat, ist herzlich eingeladen, sich anzumelden. Hier ist der aktualisierte Flyer. Vielleicht sehen wir uns dann ja im März?

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High Five: Eine Lebensregel für Aktivisten

Orden und Kommunitäten haben Regeln, an denen sie ihr Leben ausrichten. Viele Ordensleute sind ausgesprochene Aktivisten, und genau deshalb brauchen sie einen gesunden, nachhaltigen Rhythmus der Spiritualität. Solche Regeln sind nicht etwa eine Einschränkung der Freiheit – niemand soll gegängelt werden –, sondern sie dienen dazu, die Prioritäten zu sichern und den langfristigen Kurs zu halten. Die Ansätze der Iona Community und die Northumbria Community habe ich auf diesem Blog schon erwähnt.

Ganz analog hat Joanna Macy in Active Hope eine fünffache Selbstverpflichtung für Aktivisten formuliert, die einer solchen Lebensregel nahe kommt. Viele Teilnehmer ihrer Workshops haben sie übernommen. Sie lautet folgendermaßen:

Ich gelobe vor mir selbst und jedem von euch

  • mich täglich der Heilung der Welt und dem Wohlergehen aller Lebewesen zu widmen
  • auf der Erde leichter und weniger gewaltsam zu leben, was Nahrung, Konsumgüter und Energie betrifft
  • mir Kraft und Wegweisung von der lebendigen Erde schenken zu lassen, den Vorfahren, den künftigen Generationen, und meinen Brüdern und Schwestern jeder Spezies
  • andere in ihrem Einsatz für die Welt zu unterstützen und um Hilfe zu bitten, wenn ich sie brauche
  • ein tägliches Ritual zu befolgen, das mein Denken klärt, mein Herz stärkt und mir hilft, dieses Gelübde zu erfüllen

Interessant ist vor allem der direkte Vergleich mit Iona, da heißt es in ebenfalls fünf Punkten:

  1. Daily prayer and Bible-reading (das entspricht teilweise Punkt 5 bei Macy)
  2. Sharing and accounting for the use of our resources, including money (vgl. Punkt 2)
  3. Planning and accounting for the use of our time (könnte man auch unter 2. subsumieren)
  4. Action for Justice and Peace in society (bei Macy Punkt 1)
  5. Meeting with and accounting to each other (das ähnelt Punkt 4)

Die Unterschiede liegen also im Wesentlichen bei Punkt 3 beider Aufstellungen (und vermutlich klingt für manche der dritte Punkt von Macy nach Esoterik, aber so ist er da m.E. wirklich nicht gemeint). Bei Macy kommen die Mitgeschöpfe nicht nur als Aufgabe oder Leidensgenossen ins Spiel, sondern auch als Verbündete und Kraftquelle. Ich nehme an, das könnten die Iona-Leute durchaus ähnlich sagen. Immerhin trennen sie nicht zwischen sozialem und ökologischem Engagement, wie die Ausführungen zum Punkt 4 der Iona-Regel zeigen:

We believe

  • that the Gospel commands us to seek peace founded on justice and that costly reconciliation is at the heart of the Gospel;
  • that work for justice, peace and an equitable society is a matter of extreme urgency;
  • that God has given us partnership as stewards of creation and that we have a responsibility to live in a right relationship with the whole of God’s creation;
  • that, handled with integrity, creation can provide for the needs of all, but not for the greed which leads to injustice and inequality, and endangers life on earth

Die Übereinstimmungen sind in jedem Fall viel größer als die Unterschiede. Vor allem ist es weit genug, um sich ein Leben lang zu entwickeln und zu wachsen.

Bisherige Posts zu dieser Thematik:

 

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Die Zukunft im Rückspiegel

Im Frühjahr findet auf dem Schwanberg ein Symposium über keltisches Christentum statt, auf das ich mich schon sehr freue. Gleich morgen werde ich auf dem Emergent Forum 2013 in Berlin einen Workshop dazu anbieten. Und ich bin inzwischen darüber, meinen acht Jahre alten Text aus „Licht der Sonne, Glas des Feuers“ gründlich zu überarbeiten. Gleich auf den ersten Seiten merke ich, wie viel ich von dem, was ich damals geschrieben habe, heute ganz anders sage.

Mein Interesse ist kein Romantisches, es geht nicht um die Verklärung einer heilen Welt oder die Reminiszenz an ein goldenes Zeitalter. Es reicht mir nicht, die beispiellose missionarische Erfolgsgeschichte zu erzählen und mich an den Heldentaten ihrer Großen moralisch und geistlich aufzurichten. Meine verarmte Vorstellungskraft mit blumigen Segenssprüchen aufzupeppen, ist nett, aber bei weitem nicht genug.

Für mich ist die Geschichte der keltischen Kirche ein Spiegel, in dem wir unsere heutige Situation betrachten können und all die Fragen die sie an uns stellt. Sie ist ein sprechender Spiegel, weil diese zeitlich und kulturell fernen Gesprächspartner Erfahrungen und Einstellungen mitbringen, die das heutige Bild verändern können. Ich will das an ein paar Punkten verdeutlichen:

1. Öko-Spiritualität: Die Moderne – unglücklicherweise auch das moderne Christentum – hat uns mit ihrer materialistischen Objektivierung und Ausbeutung der Natur in eine gewaltige Krise gestürzt. Die vielen Facetten wie Klimawandel, Artensterben, Niederbrennen der Regenwälder, Überfischung und Aufheizung der Weltmeere hier alle aufzuzählen, würde zu weit führen. Wenn sich daran noch etwas ändern soll, dann reichen Schadensstatistiken und Horrorszenarien nicht aus, sondern wir brauchen einen neuen inneren, emotionalen und spirituellen Zugang zu diesen Dingen, um eine neue Nachhaltigkeit leben zu können. Neben Einzelpersonen wie Franz von Assisi oder Hildegard von Bingen sind es vor allem die keltischen Christen, die uns hier weiterhelfen können.

2. Politische Nachfolge: Während in der lateinischen Kirche des Mittelalters Papst und Kaiser vielfach um die Weltherrschaft stritten und einer den anderen unterwerfen wollte, haben die Äbte und Bischöfe der Kelten es verstanden, den Kontakt zu den Machthabern zu halten, ihnen notfalls mächtig ins Gewissen zu reden, aber zugleich ihre Distanz und Unabhängigkeit zu wahren. Mit der Abschaffung der Sklaverei und dem Schutzrecht für die „Unschuldigen“ haben sie elementare Menschenrechte viele Jahrhunderte vor deren Formulierung durch die UN durchgesetzt.

3. Gemeinde als Gegenkultur: Die großen Kirchen genießen in Deutschland vielfältige Privilegien aus der Ära des Staatskirchentums. Entsprechend angepasst sind sie in vieler Hinsicht an den gesellschaftlichen Mainstream, und wie alle Etablierten schrecken sie, gelähmt von Verlustängsten, vor jeglicher Radikalität zurück, die einen Bruch mit dem kulturellen Mainstream bedeuten könnte. Haushalts- und Stellenpläne werden leidenschaftlicher und ausführlicher diskutiert als die Frage, was die Minderheitenkirche von morgen wohl stark macht. Freikirchen haben hier Vorteile, leiden jedoch oft unter ihrer undurchlässigen Subkultur. Freilich gibt es in beiden Lagern, bei den Etablierten wie den Imprägnierten, auch positive Ausnahmen; aber die sind eben genau das: Ausnahmen. Wie man als Minderheit angstfrei in einer andersgläubigen Umgebung leben kann und sich für das Gemeinwohl einsetzt, auch das haben uns die Kelten vorgemacht. Sie schöpften dabei aus der Spiritualität der Wüstenväter, die schon 150 Jahre früher ein asketisches Gegenmodell zur antiken Großkirche etabliert hatten.

4. Vielgestaltige Kirche: Unsere sesshaften Gemeinden und Verbände belohnen Kreativität und Querdenkertum in den seltensten Fällen. Wie viele andere Institutionen fördern und belohnen sie eher Anpassung, Mittelmaß und eine Kultur der Risikovermeidung. Pioniertypen, die die Welt auf den Kopf stellen möchten oder von einer „Verbuntung“ (P. Zulehner) der Kirche träumen, werden oft passiv ausgebremst und administrativ kaltgestellt. Prophetische Gestalten überleben nur in besonderen Nischen und Biotopen, die ihnen die Funktionäre lassen. Ganz anders St. Patrick & Co: In der neuen, rauen Umgebung der keltischen Kultur bildete das Christentum, das aus dem römischen Reich kam und sich dort zur Staatsreligion aufgeschwungen hatte und dessen Priester im Gottesdienst die Kleidung der kaiserlichen Beamten trugen, ganz andere kirchliche Strukturen aus. Und vor allem brachte es große Kämpfer- und Abenteurernaturen hervor.

5. Nichtkoloniale, gewaltfreie und kontextuelle Mission: Die Transformation einer ganzen Kultur durch das Evangelium, die an der Wende von der Spätantike zum Frühmittelalter durch die Verkündigung, Klostergründungen, Bildungsangebote und die gesellschaftliche Einmischung der keltischen Christen in ihrer Heimat und darüber hinaus stattfand, hat so gar nichts mit den Formen von Mission zu tun, für die sich die Kirchen heute entschuldigen und schämen – oft zu Recht, hin und wieder aber auch zu Unrecht. Sie ist das Gegenstück zu Karl dem Großen, der die Sachsen vor die Wahl stellte, sich taufen oder umbringen zu lassen, zu den Kreuzzügen und der Inquisition, zu den spanischen Conquistadores im sechzehnten Jahrhundert oder zu der kolonialen Verkirchlichung fremder Völker, die aus einer Position materieller, technischer und militärischer Überlegenheit heraus unternommen wurde und die ihre Adressaten herablassend bewertete. Auf all diese „Argumente“ verzichteten die keltischen Christen. Der nachhaltige Segen, den sie gebracht haben, gibt ihnen Recht.

Ich breche hier einfach mal ab. Es geht nicht darum, wie heil und schön damals alles war. Es geht darum, was bei uns heil werden könnte, wenn wir uns auf eine echte Begegnung und einen kirchengeschichtlichen Dialog einlassen. Darstellende Kunst, Dichtung, Erzählkunst und Musik kommen dann noch bereichernd hinzu. Meinetwegen diskutieren wir diese Fragen auch anhand anderer Beispielen. Ich habe nur noch keine besseren gefunden.
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„Keltisches“ Kleeblatt

Das Faszinierende am keltischen Christentum ist für mich und wohl auch für viele andere, dass dort so Vieles zusammenpasst, was bei uns heute sehr oft als Gegensatz und Widerspruch empfunden wird. Das führt häufig zu faulen Kompromissen, bei denen beide Pole zugunsten einer faden Mitte aufgegeben werden, in der nur noch ein bisschen von allem übrig bleibt.

Die iroschottischen Mönche waren höchst bewegliche Pioniere und liebten zugleich die Tradition, sie waren in der Einsamkeit und Stille ebenso zuhause wie in Geselligkeit und Gesang, sie waren behutsame Gastgeber, die sich der seelischen und leiblichen Bedürfnisse fremder Menschen annahmen, und ebenso beherzte Politiker, die mit Macht umzugehen wussten. Sie lebten im Rhythmus der Natur und waren große Künstler ohne jede „Künstlichkeit“.

Ich habe diese vierfache harmonische Spannung einmal mit einem vierblättrigen Kleeblatt veranschaulicht. Alles wächst aus einer gemeinsamen Mitte, der Beziehung zum dreieinigen Gott – daher ist alles grün gefärbt. Manch einer wird den Begriff „Mission“ auch vermissen, aber der ließe sich nicht auf einen Teilaspekt begrenzen; er charakterisiert vielmehr das Ganze. Vielleicht wäre er als Kleeblüte richtig positioniert?

Wer mehr wissen möchte – Freitag und Samstag ist eine gute Gelegenheit dazu!

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Gottes weiter Horizont: Keltische Spiritualität entdecken

Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut, am 18. und 19. Oktober hier in der Region, im Spirituellen Zentrum im Eckstein einen Vortrag (Freitag) und ein Seminar (Samstag) über keltisch-christliche Spiritualität zu halten. In diesem Jahr habe ich ja wieder einige Entdeckungen gemacht und einige Ursprungsorte besucht.

Das Ganze war sehr inspirierend und bereichernd, weil sich hier Dinge schon verbunden hatten, die wir heute erst wieder mühsam zusammenbringen müssen. Und ich gebe die Einladung auch deshalb gern weiter an alle, die es interessiert. Wer unentschlossen ist, kann auch am Freitag Abend kommen und sich dann noch kurzfristig für den Samstag anmelden. Hier ist der offizielle Kurztext zum Thema:

Die Geschichte des keltischen Christentums zeigt: Mönche aus Irland und Britannien waren die Missionare des frühen Frankenreiches. Begegnen wir in dieser Kirche also den Wurzeln des eigenen Glaubens, dem Ursprung der Christianisierung Bayerns? Wie das Evangelium das untergehende römische Reich hinter sich ließ und bei den Kelten Fuß fasste, fasziniert bis heute: Denn es zerstörte deren Kultur nicht, sondern verlieh ihr einen kreativen Schub. Nicht zuletzt finden sich im Leben der letzten Kelten und ersten Christen Impulse für eine frische und nachhaltige Mystik, in die wir heute wieder meditativ einüben können.

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Nicht verkriechen

Letzte Woche habe ich im Morgengebet der Iona Community dieses Lied mitgesungen, das schön widerspiegelt, wie man dort Spiritualität und Engagement als Einheit versteht. DIe Autorin, Kathy Galloway, war einige Jahre die Leiterin der Kommunität. Lieder aus Iona sind in diesem Buch erschienen.

Sich um richtige und wichtige Dinge wie den Garten zu kümmern, die eigene Seele und die Familie, darf nicht dazu führen, dass wir im Privaten steckenbleiben, so beschreibt es dieses Lied:

Do not retreat into your private world,

That place of safety, sheltered from the storm,

Where you may tend your garden, seek your soul

And rest with loved ones where the fire burns warm.

 

To tend a garden is a precious thing,

But dearer still the one where all may roam,

The weeds of poison, poverty and war,

Demand your care, who call the earth your home.

 

To seek your soul it is a precious thing,

But you will never find it on your own,

Only among the clamor, threat and pain,

Of other people’s need will love be known.

 

To rest with loved ones is a precious thing,

But peace of mind exacts a higher cost,

Your children will not rest and play in quiet,

While they hear the crying of the lost.

 

Do not retreat into your private world,

There are more ways than firesides to keep warm;

There is no shelter from the rage of life,

So meet its eye, and dance within the storm.

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Klöster am Rande der Welt (5): Applecross

Ein gutes Jahrhundert nachdem Columba (oder auch Colum Cille) das Kloster auf Iona gründete, ließ sich Máelrubai auf der Halbinsel mit dem heutigen Namen Applecross nieder, die daraufhin im Gälischen A‘ Chomraich (das Heiligtum) genannt wurde. Er lebte dort 59 Jahre und sein Kloster gedieh über die nächsten 120 Jahre bis zum Einfall der Wikinger als ein Zentrum der Mission unter den Pikten auf Skye und in Wester Ross. So ähnlich wir auf dem Bild unten dürften die „Coracles“ ausgesehen haben, mit denen die Mönche über die irische See und entlang der Küsten Schottlands unterwegs waren.

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Máelrubai stammte väterlicherseits von dem irischen König Niall ab, seine Mutter war eine Nichte von St. Comgall, der ein Schüler des großen Ciaran von Clonmacnoise war, eine enge Beziehung zu Colum Cille pflegte und in der Nähe des heutigen Belfast 552 das Kloster Bangor gründete, aus dem nicht nur Máelrubai, sondern auch Columbanus stammte. Einer späterer Abt von Applecross, Ruaraidh Mor MacAogan, soll 801 als Abt von Bangor gestorben sein.

Es ist kaum etwas übrig geblieben aus dieser Zeit. Im Heritage Centre von Clachan wird ein Modell gezeigt, wie das damalige Kloster angelegt war: Strohgedeckte Holzhütten, eine kleine Kirche und eine Ringmauer. Nach Columba war Máelrubai der vielleicht populärste lokale Heilige in Schottland. Über 20 Kirchen sind ihm gewidmet. Letzte Woche, am 25. August, war sein Gedenktag.

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Klöster am Rande der Welt (4)

Die abgelegenste keltisch-christliche Klosteranlage (beziehungsweise deren Reste) liegt im Atlantik vor der Küste von Kerry auf Skeligg Michael, ich habe sie nur aus der Ferne fotografiert. Leichter zu erreichen sind jedoch drei Orte auf der Halbinsel von Dingle. Westlich des gleichnamigen Städtchens mit seinen bunten Häusern liegen an der Küstenstraße zum Slea Head, dem westlichen Zipfel Irlands, sogenannte Clocháns oder „Beehives“ – Bienenkorbhütten: Bis zu 4.000 Jahre alte runde, fensterlose Zellen aus Feldsteinen, die von einer schützenden Mauer aus gleichem Material umgeben sind. Über Mönche, die dort zu christlicher Zeit lebten, ist – anders als bei den Klöstern von Inishmore – anscheinend nicht viel bekannt.

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Nach der Umrundung der Landspitze führt die Straße wieder nach Osten und ein paar Kilometer weiter liegen noch zwei Orte: Im Marschland bei Ballyferriter liegt das Kloster von Reask, von dem man nur noch die Grundmauern sieht, auch hier aus lose aufgeschlichteten Steinen ohne Mörtel. Die sonnenbeschienene Wiese zwischen den Gebäuden ist Ende April dick übersät mit Gänseblümchen.

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Noch ein Stück weiter steht das Gallarus Oratory: Die kleine Kirche, noch völlig intakt, hat die Form eines umgedrehten Bootes. Die Steine wirken sorgfältig behauen und im Innern sind die Wände relativ glatt. Anders als die runden Wohnzellen ist bei den Kirchen/Kapellen der Grundriss rechteckig. Der Eingang liegt nach Westen hin und im Osten ist ein kleines Fenster in der Mauer aus rötlichem Sandstein. Es ist wohl irgendwann zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert erbaut worden.

Was die Steine wohl erzählen könnten über das Leben der Menschen, die hier beteten? Immerhin stehen sie als Zeugen dafür, dass das Gott in die entlegensten Winkel vordringen kann und will, damit schlichte Gemeinschaften entstehen, in denen das Evangelium Gestalt annimmt, und denen kein Weg zu weit ist, wenn es darum geht, dieses Leben mit anderen zu teilen.

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Klöster am Rande der Welt (3)

Die größte Sehenswürdigkeit auf Inishmore ist die Festung von Dun Aengus, die halbkreisförmig am Rand der Klippen über dem Atlantik steht. Kleinbusse karren die Touristen vom Fährkai in Killronan über die kleine Landstraße zu den Highlights der Insel, wer dem Herdentrieb entgehen will, kann sich ein Fahrrad mieten, und wer es ganz entspannt möchte, der übernachtet auf der Insel und schaut sich die schönsten Flecken an, wenn die Fähre um 17.00 Uhr abgelegt hat.

Nicht weit entfernt liegen bei Onaght im Nordwesten die Ruinen der Seven Churches. Man muss schon genau hinsehen, um auch wirklich sieben Gebäude zu entdecken. Als Kirchen zweifelsfrei identifizierbar sind auf jeden Fall zwei davon.

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Eine davon heißt Teampall Bhreacáin, sie stammt aus dem 8. Jahrhundert und ist nach St. Brecan benannt, der zumindest kurzzeitig mit Enda um die kirchliche Vorherrschaft auf den Inseln konkurrierte. Tröstlich, dass anscheinend (oder angeblich) auch diese Heiligen nicht ganz frei von Platzhirschgehabe und Rivalität waren. Brecan und Enda wollten der Legende nach die Insel unter sich aufteilen. Nach der Messe, die jeder in seiner Kirche feierte, sollten sie sich zeitgleich auf den Weg machen und an den Punkt, wo beide sich trafen, sollte dann die Grenze verlaufen. Brecan schummelte und lief früher los als verabredet. Enda kam ihm auf die Schliche und auf sein Gebet hin blieb Brecan im Sand von Kilmurvey stecken, so dass Enda den deutlich größeren Teil der Insel behielt. Immerhin hat ihr Gerangel sie nicht davon abgehalten, blühende Klöster aufzubauen und von dort viele Gelehrte und Pioniermissionare auszusenden.

In einem Laden auf Inishmore erzählte ein Einheimischer vom früheren katholischen Priester der Insel, Dara Molloy. Der hat inzwischen geheiratet und vier Kinder, bietet auf eigene Rechnung Trauungen und andere Dienste nach keltischem Ritus an, was in diesem Fall anscheinend heißt, dass er eine etwas eigenwillige Mischung aus christlichen und neuheidnischen Gedanken und Traditionen vertritt. Theologisch dominieren grob gestrickte Muster: Den jüdisch-christlichen (oder auch abrahamitischen) Monotheismus sieht er in erster Linie als eine Kraft, die wahre Vielfalt unterdrückt, die römische Kirche ist für ihn der Prototyp des globalen Konzerns, der alles uniformiert.

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