Kirche und Zukunft

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Christian Lehnert meditiert in seinen hinreißenden Korinthischen Brocken unter anderem über den Begriff der "Ekklesia" bei Paulus. Er beginnt mit zwei Bildern: Dem Ort, wo das im Krieg zerstörte Haus seines Vaters stand, und dem Abdruck, den vermutlich ein Holzkreuz auf einer Stuckplatte im römischen Herculaneum hinterließ, als der Vesuv ausbrach im Jahr 79. „Ekklesia" als Spur eines Ereignisses und Ort der Erwartung. Abdruck und Gegenwart des bis zu seiner Wiederkehr abwesenden Christus.

Großartig finde ich, wie Lehnert die Eigenart und Einzigartigkeit dieses Phänomens festhält ohne dabei je exklusiv zu werden, es geht um eine neue Art des In-der-Welt-Seins, die sich ganz dem Christus verdankt:

Das entstehende Christentum suchte seine Gestalt nicht in der Schaffung neuer Kulträume oder besonderer Sphären des Heiligen. Seine ersten Spuren sind weder Sakralarchitekturen noch Riten der Abgrenzung. Das frühe Christentum holte seine Kraft aus der Alltäglichkeit, aus den einfachen Gebräuchen des Essens und Trinkens, des Waschens, der Geselligkeit. Es schuf keine Sonderwelten, sondern setzte das einfache Leben in einen neuen Zusammenhang. In kleinen körperlichen Gesten sprach sich der neuen Glauben aus, im Weinkelch an den Lippen und im Brot auf der Zunge. Diese Elemente waren wie Sternchen aus der antiken Lebenswelt gebrochen und neu zusammengesetzt zu einem Mosaik.

Es hätte naheliegendere Begriffe gegeben für das junge Christentum, schreibt Lehnert, etwa der jüdische Begriff der synagoge, der schon religiös konnotiert war. Stattdessen wählt Paulus ein profanes Wort: die griechische Volksversammlung, die eben keine abgrenzbare, partikulare Interessengemeinschaft innerhalb einer Gesellschaft meint:

ekklesia ist nichts unter anderem, sie ist etwas anderes – eine plötzliche Veränderung, nichts, was man kennt. Wenn Paulus eine einzelne Gemeinde als ekklesia anspricht, schwingt immer auch mit, dass eigentlich eine Gesamtheit gemeint ist – die ganze ekklesia. Es gibt sie nur so. Wo auch immer sie geschieht, ist sie ganz, egal, wie viele es sind, die in Christus sind, denn es sind immer alle, und auch die Toten und die Kommenden gehören dazu. Es handelt sich um keine teilbare Quantität.

Mit unseren Begriffen lässt sich das kaum angemessen abbilden.:

Die deutschen Übersetzungsmöglichkeiten »Gemeinde« oder »Kirche« verstellen beide eher das Verständnis – das erste Wort, weil es partiell gedacht ist, bürgerliche Vereinskultur steht vor Augen, das andere, weil es institutionell verfestigt. Ekklesia aber ist die Beschreibung einer Unterbrechung, etwas wie eine Bewusstseinsstörung. Sie ähnelt dem Nachbild eines grellen Lichtes, wenn man geblendet die Augen schließt und Ringe zerfließen, gelb und orange, nunmehr ohne Entsprechung in der äußeren Wirklichkeit. Etwas geschah, und was bleibt?

In vielen Gesprächen über Ekklesiologie ist mir diese sprachliche Verlegenheit zwischen kumpelhafter Cliquenwirtschaft und desinteressiertem Hebelwerk begegnet, in die uns unsere deutschen Termini unablässig stürzen, und die Lehnert so treffend beschreibt. Die ekklesia ist kein Ort, keine greifbare Struktur, eher ein unwillkürlicher Zustand. Einige Seiten später drückt er es dann so aus:

Die ekklesia ist nicht faßlich, sie kennt sich selbst nicht, sie ist die Strömungsfolge eines Ereignisses, das ihr nichts zu eigen gibt, sondern sie selbst als Eigenes erst bildet. Wer in ihr mitgetrieben wird, kann das Gefälle nicht verstehen – er hat kein Ufer. Im Glauben gibt es kein Ufer. […]

Das Ereignis des Christus schafft sich eine Strömungsform in der Wirklichkeit. Der Christus wird in ihr gesungen, gebetet und gedacht. Er wird in ihr geatmet und er wird in ihr geopfert. Er wird in ihr beklagt und gepriesen. Er wird in ihr gelebt, und dieses Leben der ekklesia ist der Wahrheitsausweis des Christus. Vom Ufer aus sieht man den Strom, vielleicht Strudel, Wellenkämme oder festen Schaum, der sich an Hindernissen staut. In der Strömung wirst du erfaßt von einer Kraft, die dich haltlos forttreibt.

The mighty Maelstrom

Bild: Nicolas Massé, The mighty Maelstrom, via flickr.com/creative commons 2.0
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Jürgen Moltmann hat bei einem Studientag von Landessynode und Landeskirchenrat der ELKB 80 Jahre nach der Barmer Theologischen Erklärung einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Er rekapituliert die Entstehung der bekennenden Kirche und fragt von da aus kritisch, inwiefern die evangelischen Kirchen im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg mehr auf die Restauration des Alten setzten und dabei das Erbe der bekennenden Kirche vernachlässigten, und inwiefern sich dieses Muster nach 1989 noch einmal wiederholte.

Deutlich und unverblümt spricht er sich am Ende seiner Rede für eine basisorientierte Gemeindekirche aus, die ihre Gemeinden nicht als "Ortsverein der Landeskirche“ betrachtet, und die statt auf Versorgung und immer professionellere religiöse Dienstleistung lieber auf aktive Beteiligung und Mündigkeit der einzelnen Christen setzt. Was vor 80 Jahren die Bedrohung durch den totalitären Staat war, das ist für ihn heute die totale Ökonomisierung.

Wer wenig Zeit hat und mit der Geschichte vertraut ist, kann die letzten zehn Minuten anhören. Für alle anderen ist das gesamte Video wirklich gut investierte Zeit!

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Mein letzter Gedanke zu dieser Scheinfrage setzt im Johannesevangelium an. In den Abschiedsreden spricht Jesus über den verheißenen Geist, dessen Aufgabe eine doppelte ist, wie die NGÜ schön herausstellt:

Der Helfer, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles 'Weitere' lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (14,26)

Gott hat sich im irdischen Weg Jesu offenbart, und doch sind den Jüngern noch längst nicht alle Implikationen dieser Offenbarung bewusst. Sie müssen erst noch entdeckt und „entpackt" werden, und das geschieht im weiteren Verlauf der Geschichte Gottes mit seinen Nachfolgern, die ihn in der Welt bezeugen (15,27). Daher heißt es etwas später auch:

Doch wenn der ´Helfer` kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn was er sagen wird, wird er nicht aus sich selbst heraus sagen; er wird das sagen, was er hört. Und er wird euch die zukünftigen Dinge verkünden. (16,13)

Auch hier zeigt sich schön, dass der Geist sehr wohl „Neues“ bringen wird, wenn er der Gemeinde Gottes Handeln in der Geschichte der Welt erschließt und ihr zu verstehen gibt, was ihre Rolle in diesem Plan ist. Sie wird also zu verschiedenen Zeiten verschieden aussehen können und doch immer noch eine erkennbare Ähnlichkeit mit dem Weg des Messias haben.

Ein Beispiel zum Schluss: In der Kindererziehung haben sich unsere Maßstäbe offensichtlich stark verändert. Statt Pflichtbewusstsein und Gehorsam, der die geltenden Regeln und Tabus nicht hinterfragt, stehen nun Selbstwertgefühl und Selbständigkeit oben auf der Liste der Erziehungsziele, Prügel und psychische Gewalt sind tabu und gesetzlich verboten. Die meisten Christen leben gut damit, auch wenn im Buch der Sprüche solch rustikale Pädagogik empfohlen wird und gelegentlich auch im NT noch positive Anklänge an das Konzept der „Züchtigung“ vorhanden sind, die wir nun – zu Recht! – weicher interpretieren. Freilich gab es im letzten Jahrhundert noch christliche Erziehungsratgeber, die patriarchale Familienstrukturen und physische Gewaltanwendung für unverzichtbar hielten und vor der modernen Pädagogik zu retten versuchten.

Drei oder fünf Jahrzehnte später haben viele Autoren ihre damalige Position zum Glück korrigiert. Aber es war ohne Frage ein Modernisierungsprozess, in dessen Verlauf auch die biblische Tradition neu interpretiert wurde, indem die Kirche mit der Zeit ging. Und der ist auch noch längst nicht abgeschlossen, es tauchen neue Probleme, Ungleichgewichte und Fragestellungen auf, für die neue Lösungen gefunden werden müssen. In der Diskussion über neue Ansätze wird es auch immer wieder die revisionistischen Stimmen geben, die das Rad einfach nur zurückdrehen wollen. Abgesehen davon, dass es nicht funktionieren wird, finde ich diesen Retro-Reflex auch geistlos. Er bereichert weder die Kirche noch die Gesellschaft, zeigt keine neuen Möglichkeiten auf, eröffnet keine neuen Handlungsspielräume. Und er mutet niemandem zu, auf den Geist zu hören.

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Totalverweigerung ebenso wie missmutiges Hinterherhinken sind keine guten Lösungen für das Verhältnis von Kirche und Kultur, weil sie meist nur zu unfruchtbaren Spannungen führen. Genauso scheidet distanzloses, unkritisches und unbewusstes Mitschwimmen im Mainstream aus, das jede Art von Spannung vermeidet oder vertuscht. Stattdessen sollte eine fruchtbare Spannung entstehen, und die entsteht dort, wo Christen bewusst mit der Zeit gehen, indem sie sich auf ihre Gesellschaft und Kultur einlassen und befruchtend in ihr wirken.

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Eine Reihe bewusster Schritte sind dazu notwendig, hier eine unvollständige Aufzählung:

Erstens muss die Kirche ihren Ort (geografisch, kulturell, geschichtlich, …) als göttliche Zumutung verstehen. Jeremia konnte selbst das babylonische Exil als den Willen und die Platzanweisung Gottes für sein Volk bezeichnen. Damit war ja keineswegs die Assimilation gemeint, aber die Orientierung am Gemeinwohl. Gruppeninteressen auf Kosten der anderen zu verfolgen scheidet also aus. Kirche ist berufen zur Offenheit und Weite. Sie muss den Ort, an dem sie lebt, akzeptieren und nicht nur tolerieren.

Zweitens muss die Kirche die Ambivalenz – der umgebenden Kultur und ihre eigene – annehmen. Christen sprechen nicht nur besserwisserisch in eine Welt hinein, von der sie nichts zu lernen hätten. Sie haben etwas beizutragen und zugleich viel zu lernen. Das bedeutet auch, dass Fehler und Irrtümer unausweichlich sind, und dass man sich den Anfragen anderer stellen muss. Die Kirche ist daher berufen zur Demut. Tomas Halik hat dazu in Geduld mit Gott im Blick auf die Kirche sehr treffend angemerkt

zu ihren Aufgaben gehört die Empfänglichkeit für die Zeichen der Zeit auch in dem kulturellen und politischen Klima der heutigen Welt. Die “Solidarität mit den Suchenden” schließt eine Teilnahme an deren Fragen und Suchen mit ein.

Drittens müssen wir uns von allen statischen Verhältnisbestimmungen und Metaphern befreien. Kirche ist bis zur Wiederkehr Christi immer auf dem Weg, immer unfertig, immer vorläufig, immer im Werden. Und genauso ist diese Welt unablässig im Werden und im Wandel. Nie zuvor war das Tempo dieses Wandels so rasant in unserem Jahrtausend. Wer verstanden hat, dass Gott die Menschen und die Welt liebt, kann sich also nicht ausklinken, sondern nur täglich neu entdecken, was es hier und heute konkret heißt, es Jesus nachzutun und Gott und den Nächsten zu lieben.

Viertens ist eine frische Sprache nötig. Kirchliche Binnensprache droht in der Isolation zu veröden und nach außen hin unverständlich zu werden. Der Verzicht auf die großen Worte, den das Zentrum für Predigtkultur für die Fastenzeit angeregt hat, weist in diese Richtung. Es reicht nicht, dass Luther vor 500 Jahren einmal "dem Volk aufs Maul geschaut“ hat. Das Evangelium ist keine ewig alte und ewig gleiche Botschaft, sondern eine ewig neue. Was aber gestern und vorgestern vielleicht noch neu war, ist heute schon abgedroschen und leer.

Zugleich können aber – fünftens – auch Lieder und Texte von vor 400 Jahren frischer und befruchtender wirken als Sachen, die 20 oder 30 Jahre alt sind. Das kulturelle Gedächtnis sollten wir also nicht ausschalten, wenn wir zukunftsfähig sein wollen. Statt aber nur im begrenzten Kurzzeitgedächtnis zu wühlen, könnte der Griff ins Langzeitgedächtnis helfen. Gerade weil sich dort (die biblische Tradition, aufmerksam gelesen, eingeschlossen) manches so fremd und sperrig anfühlt und sich nicht unbesehen verwerten lässt, bringt es uns auf andere, neue Gedanken.

Ich glaube, wir haben die Gute Nachricht erst dann richtig verstanden, wenn wir sie in unserer Gesellschaft ausgerichtet haben. Davon hat Vincent Donovan in Christianity Rediscovered so beeindruckend erzählt. Für ihn bedeutete „mit der Zeit zu gehen“, sich in die Welt der Massai hineinzubegeben und die Welt mit ihren Augen zu betrachten. Als sie dann gemeinsam das Evangelium lasen und besprachen, gab es auch für Donovan jede Menge Aha-Erlebnisse. Eine Kirche, die nicht mehr mit der Zeit gehen will, beraubt sich dieser Erfahrung.

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Ich habe schon versucht zu zeigen, dass man im Grunde nicht nicht mit der Zeit gehen kann. Kirche, die sich nicht mehr bewegt, würde aussterben oder zum Museum mutieren. Zum „wie“ gibt es allerdings noch einiges zu sagen - hier der erste Gedanke:

Kirche kann widerwillig mit der Zeit gehen. Dann trottet sie wie ein bockiges Kind hinter beim Familienausflug hinter Eltern und Geschwistern her, aber sie lässt den Abstand nur so groß werden, dass die anderen das Quengeln und den Schmollmund noch sehen können. Sie geht denselben Weg, aber unter Protest und mit angemessener Verspätung (und in der Hoffnung, den anderen den ungeliebten Ausflug zu vermiesen).

Das ist vor allem eine risikoscheue Haltung. Wer Veränderungen initiiert, wird verketzert und kritisiert. Natürlich wird er auch Fehler machen und Rückschläge erleiden. Der Bedenkenträger kann das dann genüsslich ausschlachten und, in seiner Skepsis bestätigt, darauf hinweisen, was früher alles besser war.

Die gelungenen Innovationen hingegen werden irgendwann stillschweigend übernommen – wenn man damit lange genug wartet, erinnert sich auch niemand mehr daran, dass man eigentlich mal dagegen war. Man bewahrt sich so die Illusion einer weitgehend fehlerfreien frommen Binnenkultur: Die Fehler haben ja die anderen gemacht. Und so bestätigt sich auch das andere Vorurteil, dass nämlich das Böse immer da draußen lauert und man gar nicht misstrauisch genug sein kann gegenüber allem Ungewohnten. Denn letztlich entscheiden auch hier keine inhaltlichen oder sachlichen Überlegungen, sondern die gefühlte Differenz zwischen dem Gewohnten, Vertrauten und daher Sicheren und dem Ungewohnten, Unsicheren und Fremden.

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Das war die Frage, die ich diese Woche für eine evangelikale Wochenzeitschrift in 1.700 Zeichen beantworten musste. Hier habe ich mehr Platz als in der Pro und Contra Seite dort, also schreibe ich für alle, die es interessiert, eine ausführlichere Version meiner Gedanken. Und nun zum ersten Teil:

Als allererstes fiel mir natürlich der strapazierte Spruch ein „Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.“ Aber das hört sich schon so ängstlich an, als müsse man mithalten, um nicht unterzugehen. Eher ein taktischer Zwang als eine Handlung aus Überzeugung. Das wäre zu wenig, wenn Kirche mit der Zeit ginge, nur um ihre Existenz zu sichern.

Wäre das die Motivation (hin und wieder sieht es tatsächlich danach aus), dann hätten die Kritiker ein bisschen recht, für die es keinen schlimmeren Vorwurf gibt, als dass mit dem „Zeitgeist“ unter einer Decke steckt.

Freilich schreiben praktisch alle, die solch vermeintlichen Verrat am Evangelium tadeln, ihre pikierten Leserbriefe auf Laptops, profitieren von Hochleistungsmedizin und gönnen sich hin und wieder Flugreisen – Errungenschaften, von denen die Apostel noch nichts wussten. Oder sie picken sich lnformationsschnipsel aus dem globalen Wissenschaftskosmos so raffiniert heraus, dass am Ende ihre Bibel immer Recht hat.

Wie eine Kirche aussieht, die bewusst nicht mit der Zeit geht, kann man (freilich auch nicht ganz ohne Einschränkungen) bei den Amish betrachten, die vor 300 Jahren die Uhr angehalten haben. Alle anderen aber sind schon längst mit der Zeit gegangen, es kann also in jeder ehrlichen Debatte nur noch darum gehen, wie man richtig mit der Zeit geht.

(Fortsetzung folgt)

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Protestanten haben sich in der Regel mit ihrem Minderheitenstatus irgendwie abgefunden – innerhalb der Weltchristenheit gegenüber den Katholiken und Pfingstlern (die würde ich als einen neuen, postprotestantischen Typ Kirche bezeichnen), innerhalb westlicher Gesellschaften gegenüber den religiös Desinteressierten, Atheisten und Agnostikern.

Einmal im Jahr jedoch, am Reformationstag, zeigen ein paar von ihnen in Luthers Namen der Welt den Stinkefinger, werfen mit Luther-Kamellen um sich, singen inbrünstig Ein Feste Burg und beklagen wahlweise die Überfremdung durch Halloween oder die Geschichtsvergessenheit der Zeit. Allerdings erfolgt dieser Aufstand, zumindest wenn man die plakativeren Parolen ernst nimmt, eben im Namen der eigenen Konfession, Institution und Tradition, deren Profil man zu diesem Anlass möglichst pointiert herauskehrt.

In dieser Hinsicht hinkt der Reformationstag als kirchlicher Feiertag anderen Festen hinterher: ihm fehlt der Bezug zur biblischen Heilsgeschichte. Es sei denn – das wäre die schlimmere Vorstellung – man sähe Luther und die Reformation als deren integralen Bestandteil an und wollte Gott so konfessionell vereinnahmen.

Freilich gibt es auch eine ganze Reihe guter Absichten und nützlicher in den unterschiedlichen Wortmeldungen zum 31. Oktober. Oder nette Ideen, zum Beispiel #95tweets. In und um Twittenberg machen andere mehr oder weniger augenzwinkernd Anleihen bei Luthers grober Polemik gegen Andersdenkende, frei nach dem Motto "hier schmähe ich, ich kann nicht anders". Aber braucht man dafür einen Feiertag?

Am Wochenende fiel mir eine Broschüre des Erzbistums Bamberg in die Hände. Dort feiert man in diesem Jahr das "Jahr des Glaubens". Ich war neugierig, welche Wege der Glaubensvermittlung und -vergewisserung dort angeboten würden. Und stellte etwas enttäuscht fest, dass sich alles um die örtlichen Schutzheiligen Heinrich, Kunigunde und Sebald drehte (das ist ein Jahrtausend her) und sich an ehrwürdigen Kirchenbauten festmachte, die ihnen gewidmet waren. Indem man auf die Vergangenheit verweist, verstärkt man aber zugleich auch den verbreiteten Eindruck, Glaube sei etwas Rückwärtsgewandtes, ein Relikt aus dem Mittelalter.

Die Reformation ist zwar nur ein halbes Jahrtausend her, der Blickwinkel auf den Gründungsheiligen und dessen inzwischen doch auch erklärungsbedürftige Thesen ist grundsätzlich derselbe wie bei den Katholiken in Bamberg. Ironie der Geschichte? Gewiss: Erinnerung schadet nicht. Zukunftsfähige Identität und ein robustes Selbstbewusstsein lässt sich aus ihr allein aber nicht gewinnen.

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Den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Papst, wenn es um die Rolle der Kirche in der Welt und das Verhältnis beider Größen zu einander geht, hat der Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip in einem Beitrag auf der Website der Caritas wunderbar griffig und treffend beschrieben. Da es im Protestantismus ganz ähnliche Differenzen gibt, lohnt sich auch für Nichtkatholiken ein kurzer Blick, hier ein Auszug:

Papst Benedikts Forderung nach Entweltlichung ist geprägt von einer dualistischen Gegenüberstellung von Welt und Kirche, wobei der Welt der negative, der Kirche der positive Part zukommt. Zwar soll sich die Kirche nicht aus der Welt zurückziehen, aber die Kirche hat von der Welt nichts zu lernen, braucht nicht in einen Dialog mit ihr einzutreten, braucht in ihr nicht nach Zeichen der Gegenwart Gottes zu suchen, weil sie selbst dieses Zeichen schon ist. Alles Negative in der Kirche wird auf Einflüsse der Welt zurückgeführt, so auch die Missbrauchsfälle, und das, obwohl es ja auch gerade „die Welt“ war, die die Kirche dazu gezwungen hat, ihre Praxis der Vertuschung zu überwinden. Auch Jorge Mario Bergoglio hatte am 9. März im Vorkonklave von einer „weltlichen“ oder „verweltlichten“ Kirche gesprochen (in manchen Übersetzungen mit „mondäner Kirche“ wiedergegeben) und meinte damit eine „narzisstische“, „selbstbezügliche“ Kirche, die „in sich, von sich und für sich“ lebt, die glaubt, selbst das Licht zu sein, während das Gegenteil für ihn eine Kirche ist, „die aus sich selbst herausgeht, um zu evangelisieren“, die „bis an die Peripherien“ geht. Die Kritik der beiden Päpste an der Kirche mag ähnlich klingen, aber die vorgeschlagenen Heilmittel sind verschieden. Während der Papa emeritus, wie Michael Ebertz schreibt, eine Strategie der „elitären Minorisierung“ einschlug, die immer in der Gefahr steht, in Selbstbezüglichkeit zu münden, lässt sich das Anliegen von Papst Franziskus als armenorientierte Öffnung beschreiben. Während für Papst Benedikt der Bezug zur theologischen Wahrheit, wie sie die Kirche verkündet, zentral war, steht für Papst Franziskus die Praxis der Gerechtigkeit im Vordergrund.

Pope Francis first Mass

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Seit Bischof Tebartz-van Elst in Rom ist, hat sich der öffentliche Diskurs um seine Person und Fehler in einen Diskurs um den vermeintlichen oder wahren Reichtum der großen Kirchen, über Kirchensteuern und staatliche Zuschüsse oder Privilegien verwandelt, gestern Abend etwa zu besichtigen bei Günter Jauch, inklusive vielfacher Interpretationen und Relativierungen des Begriffspaars "arm" und "reich".

Und nachdem das alles mit negativem Vorzeichen begann, läuft auch diese Diskussion ausgesprochen kirchenkritisch, selbst in einer so konservativen Zeitung wie der FAZ. Unter diesen Umständen von einer Überraschung zu reden, wäre verfehlt. Das alles könnte durchaus ein Indiz sein, wie schnell der Status Quo irgendwann einmal kippen kann - beim nächsten oder übernächsten Skandal, wann auch immer der kommt.

Von der katholischen Kirche war in der Ära Ratzinger gelegentlich von Planspielen zu hören, wie man ohne Kirchensteuer und Staatshilfen zurecht kommt. Vielleicht habe ich das bloß alles nicht mitbekommen, aber arbeitet auch in den evangelischen Landeskirchenämtern jemand ernsthaft an einem Plan B – und wie sähe der eigentlich aus? Müsste das Thema (trotz der denkbaren Sorge, mit einer breiten, öffentlichen Diskussion das Ende der Kirchensteuer am Ende selbst mit herbeizureden) nicht intensiv diskutiert werden? Wie verantwortlich wäre es eigentlich, sie spätestens jetzt nicht ganz intensiv zu führen, etwa um einen kontrollierten und durchdachten statt einen erzwungenen Ausstieg zu ermöglichen?

Beim Netzwerk Kirchenreform finden sich dazu ein paar Anstöße von Paul Zulehner, die an Aktualität eher noch zugelegt haben seit Ihrer Veröffentlichung im Jahr 2007 und gute Hinweise auf die vielen theologischen Implikationen:

Solche bedrückende Reden haben für sich, dass sie wohl einen Kernpunkt der gegenwärtigen Sozialform unserer Kirchen benennen: das Geld. Alternativen sind deshalb nur dann zu entwickeln, wenn man einmal den Mut hat, eine wirklich finanziell arme „Kirche im Volk“ zu entwerfen, statt eben nur die geldgestützt Kirche (die ganz gut auch eine Zeitlang ohne Gott auskommen kann) zumindest einmal zu denken. Zugleich wäre es möglich, in die schrumpfende Gestalt der reichen Kirche Elemente einer armen Kirche probeweise zu implementieren. Dabei könnte sich zeigen, dass gerade in den armen Kirchenparzellen sich viel zukunftsfähige Kraft sammelt.  

Eine solche arme Kirche (letztlich eine Kirche nach der Kirchensteuer) wird zudem auch die theologischen Grundlagen der ekklesiogenen, des Kirchenum- und –aufbaus bedenken. Es ist zu wenig, wenn Kirchenumbau lediglich von profanen Beratungsfirmen „gemacht“ wird. Wenn der Herr das künftige Haus der Kirche nicht baut, baut Mc Kinsey umsonst, so in Anlehnung an den Psalm 127. Ekklesiologie ist allerdings vor allem in der protestantischen Theologie kein prioritäres Thema.

… Zwar wird ein missionarisches Grundsatzpapier nach dem anderen angefertigt. Doch will man praktisch höchstens die Menschen ein Stück auf ihrem individuellen Lebensweg begleiten. Ein wenig vom Evangelium soll diakonal in die Biographie implementiert werden. Aber dass Menschen in die Kirche eintreten und zu uns gehören: Das gilt als verwerflich. Die Frage ist dann allerdings, wer dann morgen unsere Arbeit weitermacht und wer missionieren wird. Vor allem aber: Entspricht solche vermeintliche kirchliche Selbstlosigkeit (ist sie mehr als Zweifel an der theologischen Wichtigkeit von Kirche für die heilende Arbeit Gottes in der Welt?) wirklich den Absichten Gottes, seiner Art, sich um das Heil der Welt zu kommen?  

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Spiegel Online interviewt den Piusbruder Matthias Gaudron. Seit Papst Franziskus den Traditionalismus und den Klerikalismus ganz unverblümt kritisiert (zuletzt hier), ist der konservative Flügel weiter in die Defensive geraten. Interessant sind vor allem die Argumentationsmuster – als da wären…

  • der Verweis auf die Bekenntnisse und die (wie sich zeigen wird: unverschämte) Unterstellung, den Glauben auf Mitmenschlichkeit zu reduzieren: "Es ist nun einmal so, dass der katholische Glaube etwas Überzeitliches an sich hat. Wenn die einzige dogmatische Sicherheit darin bestehen soll, dass Gott Gott im Menschen ist, halte ich das für ein bisschen wenig. Für diese Vorstellung muss ich nicht katholisch sein. Die Wahrheit des Glaubensbekenntnisses kann auch der Papst nicht ändern."
  • der – freilich äußerst selektive – Verweis auf den Konsens mit anderen Glaubensgemeinschaften: "Die Überzeugung, dass Homosexualität eine Sünde ist, teilen wir mit Juden und Muslimen, das ist keine Lehre der Piusbruderschaft."
  • die Koppelung eines rein taktischen und formalen Toleranzbegriffs mit strikt exklusivem Wahrheitsanspruch: "Toleranz bedeutet, dass ich den anderen in seinen Überzeugungen respektiere, auch wenn ich diese für falsch halte, und ihn nicht mit Gewalt zu meinen eigenen Auffassungen bekehren will."
  • der Verweis auf das Wachstum der eigenen Bewegung und das Schrumpfen der Kirche: "Ja, und deshalb kann uns der Vatikan nicht mehr übersehen. Es ist kein rasantes Wachstum, aber ein beständiges."
  • die Ankündigung des baldigen Zusammenbruchs: "Die Kirche in Deutschland wird in 15 bis 20 Jahren zusammenbrechen."

Kennen wir Evangelischen solche Stimmen nicht auch von irgendwoher? Die Piusbrüder würden die verweltlicht-vermenschlicht-verweichlichte Kirche gerne retten, wenn man sie nur ließe. Lassen wir aber das letzte Wort dem Papst, der neulich klar und schön sagte, wie es sich verhält mit Gott und der Menschlichkeit – Gaudron gab es nämlich mächtig verzerrt wieder:

Wenn der Christ restaurativ ist, ein Legalist, wenn er alles klar und sicher haben will, dann findet er nichts. Die Tradition und die Erinnerung an die Vergangenheit müssen uns zu dem Mut verhelfen, neue Räume für Gott zu öffnen. Wer heute immer disziplinäre Lösungen sucht, wer in übertriebener Weise die ›Sicherheit‹ in der Lehre sucht, wer verbissen die verlorene Vergangenheit sucht, hat eine statische und rückwärtsgewandte Vision. Auf diese Weise wird der Glaube eine Ideologie unter vielen. Ich habe eine dogmatische Sicherheit: Gott ist im Leben jeder Person. Gott ist im Leben jedes Menschen. Auch wenn das Leben eines Menschen eine Katastrophe war, wenn es von Lastern zerstört ist, von Drogen oder anderen Dingen: Gott ist in seinem Leben. Man kann und muss ihn in jedem menschlichen Leben suchen. Auch wenn das Leben einer Person ein Land voller Dornen und Unkraut ist, so ist doch immer ein Platz, auf dem der gute Same wachsen kann. Man muss auf Gott vertrauen.

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John Finney

Gestern bei Missio 2013 ermunterte der 81-jährige Bischof em. John Finney in seinem Schlussstatement dazu, einmal zu sehen, was wir an kreativen Experimenten und neuen Gemeindeformen schon haben, auf die sich zukünftig aufbauen ließe, statt nach England zu schielen und von dort "alte Bischöfe einzufliegen".

Es wäre wunderbar, wenn wir bald an diesem Punkt wären. Und doch hat der Tag gestern gezeigt, wie wichtig es im Augenblick ist, solche Mutmacher zu haben, zumal sie jenseits der internen Konfliktlinien stehen, an denen sich Dinge allzu oft noch festfahren und verhakeln. Der Humor, die fröhliche Unbefangenheit und die kleinen ermutigenden Weisheiten, die er immer wieder einfließen ließ, haben aus einem Vortrag, den vom Inhaltlichen und Sachlichen her auch manch anderer hätte halten können, etwas Besonderes gemacht.

Nachdem ich es heute schon eimal vom Kontext hatte: Finney hat immer wieder darauf hingewiesen, dass alle Mission kontextgebunden ist. Was wir also "importieren" sollten, sind nicht die Lösungen, sondern die Fragen und den Mut, nicht nur nach dem Nächstliegenden zu greifen, sondern den üblichen Denkrahmen zu überschreiten.

Das selbstbewusste, aber auch oft selbstgefällige "Mia san mia" gelte oft leider auch in der bayerischen Landeskirche, sagte ein anderer Redner gestern. Vielleicht lässt es sich allmählich in ein "Mia san Pionia" verwandeln?

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Der klassisch griechischen Anschauung zufolge ist die Welt im Wesentlichen unveränderlich. Die Geschichte ist eine Abfolge von Zyklen, die sich endlos wiederholen. Man kann nichts Neues erwarten. Die Zeit ist unfruchtbar, ihr Vergehen ohne Bedeutung. Nur der Raum hat Bedeutung: Territorium, Boden, Blut, Rasse. Eine gewisse Art von Religion – normalerweise als "priesterliche Religion" bezeichnet – feiert und stärkt diese Sicht der Welt. Priesterliche Religion ist die Religion von Menschen, die an das geheiligte Land gebunden sind, eine Religion, die die Grenzen sanktioniert. Ein Volk vertraut seinem Gott, dass er sein Gebiet beschützt.

Im Gegensatz dazu war die jüdische Weltsicht dynamisch, man verstand die Geschichte als kontinuierlichen Entfaltungsprozess, in den Gott mit "mächtigen Taten" eingreift, und die Zeit ist möglichkeitsschwanger. Wichtiger noch als Blutsbande war der geschichtliche Bund mit Gott. Diese Weltsicht feiert man in einer anderen Art von Religion, die man normalerweise "prophetisch" nennt. Prophetische Religion ist die eines Volkes, das nicht an Grund und Boden gebunden ist, ein Volk im Aufbruch, ein Volk, das eine historische Aufgabe vor sich hat – die Aufgabe, Grenzen zu überwinden.

gefunden in: Ronald Marstin, Beyond Our Tribal Gods. The Maturing of Faith (1979)

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Unter diesem Motto werden wir vom 12. bis 14. April ein Wochenende lang nachdenken, diskutieren und mit Musik und Mahl (einem richtigen) feiern. Und das nicht einfach nur intern – ELIA wird in diesen Wochen 20 Jahre alt – sondern mit möglichst viele und möglichst vielen unterschiedlichen Christen aus nah und fern.

Ein besonderer Gast an diesem Wochenende ist Paul M. Zulehner aus Wien, den viele von seinen Büchern oder Vorträgen schon kennen. Ich finde seine poetische Sprache, seine theologische Weite und sein Wiener Humor sehr erfrischend, und weiß von vielen, denen das ganz ähnlich geht.

Dazu gibt es Workshops zu spannenden Themen, die einige MitarbeiterInnen aus der Gemeinde machen, aber auch Tobias Fritsche von Lux in Nürnberg. Wer also mal hinter die Kulissen von "Gott im Berg" schauen möchte, bekommt hier seine Chance.

Den Flyer könnt Ihr hier herunterladen und gern weitergeben.

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In seinem Buch Missional Small Groups geht M. Scott Boren der Frage nach, welche Rolle Kleingruppen in einer Gemeinde spielen, die sich als missional versteht. Es ist weniger die große Theorie, sondern die vielen praxisnahen Ideen und Gedanken, die die Lektüre wertvoll machen. Und man muss etwas Übersetzungsarbeit leisten, nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell. Boren setzt mit einer Unterscheidung von vier "Typen" ein. Wenn Menschen über ihre Kleingruppen berichten, dann hört er vier unterschiedliche Geschichten.

Man trifft erstens auf die Geschichte der persönlichen Verbesserung ("personal improvenment"): Das Leben ist ein bisschen leichter, wenn man es mit ein paar Freunden bespricht. Man nimmt an der Gruppe teil, wenn es sich so einrichten lässt, dass alle anderen Lebensrhythmen (Arbeit, Familie, Freizeit) davon nicht betroffen sind. Es tut gut, anderen von sich erzählen zu können und miteinander zum Beispiel auch in der Bibel zu lesen.

Zweitens funktionieren Kleingruppen nach der Geschichte der Anpassung des Lebensstils ("lifestyle adjustment"): Die einzelnen haben es zu einer Priorität gemacht, die Vorrang vor anderen Lebensrhythmen bekommt. Also werden Inhalte, Struktur und Verbindlichkeit ganz wichtige Themen, andere Aktivitäten der einzelnen stehen öfter hinten an, um an den Gruppentreffen teilnehmen zu können.

Drittens gibt es die Geschichte der gemeinschaftlichen Umorientierung ("relational revision"). Hier ist nicht so sehr die Zeit im Blick, die man in den regelmäßigen Zusammenkünften miteinander verbringt, sondern die Frage, wie man einander unterstützt in der Gestaltung des Alltags, wie man Kontakt hält, für einander da ist und gemeinsam lernt, aus der ständigen Verbindung mit Gott heraus anders zu leben, als wenn man der Eigendynamik der einzelnen Lebensbereiche weitgehend freien Lauf lässt.

Und schließlich ist da noch die Geschichte der missionalen Neugestaltung ("missional recreation"), die das Blickfeld noch mehr weitet. Die ist insofern schwierig zu beschreiben, als sich lauter einzigartige Gestalten entwickeln, denn die entscheidende Frage einer solchen Gruppe lautet, wie sie sich in ihrem Umfeld (sei es ein Dorf oder Stadtteil, eine bestimmte "Szene" o.ä.) sinnvoll engagieren und auf vorhandene Nöte und Bedürfnisse eingehen kann. Je nach Umfeld und je nach Zusammensetzung der Gruppe kommt dann ein ganz anderer Rhythmus heraus.

Boren beschreibt auch gleich die unterschiedlichen Reaktionen auf seine Typologie. Da ist einerseits der verbreitete Wunsch nach "mehr" und die Enttäuschung, dass sich das bisher so nicht umsetzen ließ. Andererseits ist da die Tendenz, besonders die beiden erstgenannten Selbstverständnisse einer Kleingruppe als defizitär abzulehnen. Drittens ist da das Gefühl der Überforderung: Wenn die Latte so hoch liegt, schaffen wir das nie. Die meisten werden gemischte Gefühle haben. Die gute Nachricht jedoch ist, dass das Umlernen, wenn es denn erwünscht ist, in kleinen Schritten vor sich gehen kann.

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Eigentlich hat Erzbischof Gerhard Ludwig Müller gar nichts Neues gesagt im Gespräch mit der Welt. Ich fand es dennoch interessant, weil es Parallelen aufweist zu der innerevangelikalen Diskussion um die Position, die man im Blick auf eine pluralistische Gesellschaft einnimmt oder einnehmen sollte.

Müller als Wortführer des konservativen Establishments schlägt da alarmistische Töne an und zieht einen Vergleich zur Zeit des Nationalsozialismus und Kommunismus. Damals wurde die Kirche von der gleichgeschalteten Presse gezielt ins denkbar schlechteste Licht gerückt (wie andere Staatsfeinde auch…), um den Weg für Repressalien zu ebnen. Müller nennt das eine künstlich erzeugte Wut und spricht von einer drohenden "Pogromstimmung". Diese äußerst provozierende Formulierung hat ihm verständlicherweise viel Kritik eingebracht.

Die Ursache für die beklagten Feindseligkeiten liegen für ihn offenbar nicht so sehr in den Fehlern seiner Kirche, sondern in dem, was sie richtig macht. Daher kritisiert er als nächstes jene innerkirchlichen Forderungen nach Reform, die für ihn am "Wesentlichen" vorbeigehen. Da schließt er eine Veränderung an drei Stellen kategorisch aus und erklärt damit auch jeden Dialog zu diesen Themen von vornherein für überflüssig: Die Ordination von Frauen, den Pflichtzölibat für Priester und die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Und immer verweist er dabei auf die Bibel und die katholische Auslegungstradition. Dass diese Dinge und mit ihnen der abgrundtiefe Frust vieler Katholiken das "Wesentliche" – nämlich die Weitergabe des Glaubens durch Katechese und Sakrament – gravierend erschweren oder verhindern können, darauf nimmt Müller keinen Bezug. Der Ruf nach den oben genannten Reformen und die damit einhergehende Uneinigkeit lenkt aus seiner Sicht anscheinend nur von den eigentlichen Aufgaben ab.

Nun lässt sich nicht leugnen, dass Christen und Kirchen in der Öffentlichkeit hier und da angefeindet werden. Das ist die neue Normalität eines nachchristlichen Pluralismus, dass man nicht mit Samthandschuhen angefasst wird. Die spannende Frage ist ja: Wie reagieren die Kirchen? Schon der Versuch, die Vielstimmigkeit nun zu Totalitarismus umzudeuten und die Kritiker – und sei es so verklausuliert wie hier – in die Nähe von Rassisten und Nazis zu rücken, erinnert trotz aller Unterschiede im Ton an die frustrierten weißen Konservativen in den USA, die freilich in ihren haarsträubenden Gleichsetzungen von Obama und Hitler alle Hemmungen fallen gelassen haben. Ist das nicht ein weiterer Schritt zu einem Schwarz- (oder Braun?)/Weiß-Kontrast und einer unterschwelligen Dämonisierung, die man doch eigentlich – wenigstens da, wo sie einen selbst betrifft – verhindern will?

Mit dieser Wagenburgmentalität (hier drinnen die aufrechten Verteidiger des wahren Glaubens, draußen die Feinde Gottes) kann man nun nach innen auf Einheit und Geschlossenheit drängen. Im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts hat das funktioniert: Bismarcks Angriff auf die katholische Kirche hat den Modernismusstreit (dessen Neuauflage wir gerade erleben) in Deutschland entschieden und die Katholiken hinter dem Papst versammelt. Ich glaube dennoch nicht, dass die Rechnung ein zweites Mal aufgeht. Aber wer weiß, vielleicht kommt ja irgendwann eine Art Syllabus Errorum 2.0?

Die gleiche Dynamik ist punktuell (auch Müller spricht ja nicht für die Gesamtheit der Katholiken oder auch nur der Bischöfe!) im evangelikalen Spektrum anzutreffen: Kritik und Widerstand reflexartig in Christenverfolgung umzudeuten und Abweichler in den eigenen Reihen – mal subtil, mal drastisch in der Wortwahl – als Komplizen und Kollaborateure der Verfolger erscheinen zu lassen. Vielleicht hilft ja der distanzierte Blick auf die katholischen Mitchristen beim Nachdenken darüber, wie sinnvoll so ein Kurs tatsächlich ist.

Eines jedenfalls fällt auf: Über einen oder sogar zwei der drei Punkte, bei denen Erzbischof Müller absolut keinen Interpretationsspielraum sieht, sind viele ja schon weg…

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