Kirche und Zukunft

Das Katastrophenjahr 2016 geht zu Ende. John Oliver hat ihm schon vorab einen sarkastischen Rückblick gewidmet. Viele fragen sich derzeit, wo es hingeht mit unserer Welt. Die Epistel des Ewigkeitssonntags hatte darauf eine Antwort parat, in der eine ganze Reihe von Hinweisen enthalten sind, die entdeckt und entschlüsselt werden wollen.

Was also verbirgt sich hinter den poetischen Sätzen über einen neuen Himmel und eine neue Erde? Warum muss das Meer verschwinden, wo wir doch so gerne am Strand spazieren gehen oder uns in die Wellen stürzen? Und wie ist das zu verstehen, dass Gott am Ende unter den Menschen zeltet? Was hat das für Folgen für den Umgang mit Macht und die Beziehungen zwischen Menschen, Völkern und Kulturen?

Und wenn das die Vorstellung des End-Gültigen ist, die uns geschenkt ist, was bedeutet das auch in dunklen Tagen für unser Gottesbild, für unser Verhältnis zu Welt und zu uns selber, und für unsere Erwartung an die Zukunft, in deren Horizont wir schon jetzt leben?

Hier habe ich meine Gedanken dazu formuliert (bis ca Minute 18).

Wer möchte, kann dazu Heaven for Everyone hören. Vor 10 Tagen – auch das passte zum Ewigkeitssonntag – war Freddy Mercurys 25. Todestag. Und wenn man sich vorstellt, mit dem „du“ im Text des Liedes ist Gott gemeint, dann wird daraus sogar ein ganz passables Gebet…

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Ich hätte mir das Thema nicht ausgesucht, aber jemand aus der Runde interessierte sich für den „Zehnten“. Also lasen wir beim Propheten Maleachi (3,10) und dann Deuteronomium 14,22-29. Welch ein Kontrast! Während der Prophetentext eher plump für eine Art Tempelabgabe mit Payback-Punkten oder Dividende wirbt und sich dabei nicht scheut, an das berechnende Wesen der Spender zu appellieren, klingen im Pentateuch ganz andere Töne an. Vielleicht ist das der Grund, warum so selten darüber gepredigt wird und auf den Kanzeln und an den Rednerpulten meistens die Konkurrenz aus der Zeit des zweiten Tempels das Rennen macht.

Aber bevor jemand hier aufhört zu lesen, weil er Kirchenfinanzierung für ein dröges Thema hält: Es geht im Folgenden um nichts weniger als zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen von Gott, von menschlichen Beziehungen und dem Umgang mit mir selbst.

Bei Maleachi braucht Gott, kurz gesagt, Geld für den Tempel und verspricht den potenziellen Spendern im Gegenzug vermehrten Segen. Ein gefundenes Fressen für die Verkünder des Wohlstandsevangeliums, die ihn genau so verstehen: Do ut des. Wohlwollender wäre die Interpretation, dass es sich um einen Appell gegen Mangelmentalität und Knauserigkeit handelt und eine Art sportlichen Wettbewerb in Sachen Großzügigkeit, den Gottes Fundraiser hier vorschlägt.

Die Anweisungen aus der Zeit des ersten Tempels zeichnen ein anderes Bild. Die Israeliten sollen ein Zehntel ihrer Ernteerträge beiseite legen, und wenn der Weg zum Heiligtum zu weit ist oder die Gaben zu schwer, dann soll das Ganze zu Geld gemacht werden. Und dann lautet die Anweisung in Dtn 14,26 (zitiert nach Buber/Rosenzweig):

… gib das Geld aus für alles, wonach deine Seele lüstet, für Pflugtier, für Kleinvieh, für Wein, für Rauschsaft, für alles, was deine Seele von dir verlangt, iß dort vor SEINEM deines Gottes Antlitz, freue dich, du und dein Haus, und der Lewit, der in deinen Toren ist, ihn verlasse nicht

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Foto: Jay Wennington, unsplash.com

Ein ausgelassenes Festessen findet statt, bei dem der Alkohol reichlich fließt und zu dem neben der Familie auch die Leviten eingeladen sind, die keinen Grundbesitz haben – Lust und Sinnlichkeit stehen im Vordergrund. Jedes dritte Jahr entfällt der Weg zum Heiligtum, das Fest findet am Wohnort statt, dafür sind nun neben den Leviten auch Witwen, Waisen und Fremdlinge mit am Tisch. Allmählich beginne ich zu ahnen, was Paulus mit seinem „fröhlichen Geber“ im zweiten Korintherbrief wohl gemeint haben könnte: Einen Wohltätigkeitsrausch, eine Sozialparty, einen Umverteilungsschmaus.

Teilen ist mehr als mir selbst einen Genuss zu versagen um einem anderen zu helfen. Freilich wird auch hier etwas nicht konsumiert, sondern auf die Seite gelegt, aber dann verschwindet das Ersparte nicht sang- und klanglos. Sondern es wird mit viel Sang und Klang geteilt, und zwar nicht anonym, sondern ganz konkret mit Menschen, deren Gesicht ich beim gemeinsamen Mahl sehen kann, und denen ich auf den Straßen meiner Stadt begegne. Diese sinnliche Praxis des Teilens setzt Beziehungen voraus und begründet neue. Hier liegt der Unterschied zu heutigen Benefizgalas, bei den die Betuchten unter sich und die Armen außen vor bleiben.

Die Mentalität des Mangels und das Denken in Defiziten wird also anders angepackt als mit dem Verweis auf zukünftigen Segen (oder eine Belohnung im „Himmel“). Durch das Sammeln und Sparen wird eine Situation des momentanen Überflusses erfahrbar, in der das Teilen leicht fällt und sich mit intensiven, guten Erinnerungen verbindet. Und wenn es gut läuft, dann spüren alle Beteiligten, dass der Gewinn den Verzicht oder Verlust mehr als aufwiegt. Vielleicht muss man dann auch die Gier weniger beklagen und die Not weniger dramatisieren (beides ist zweifellos vorhanden, der Appell nützt sich jedoch ab).

Ein genussfeindlicher Gott hingegen inspiriert mich nur schwer zur Großzügigkeit. Und ein unpersönliches, abstraktes und zahlenbasiertes Finanzierungssystem für eine Institution (zumal eine, die sich auf den Gott Israels und Jesu Christi beruft!) ist womöglich nicht das ideale Mittel, um bei Wohlstandsbürgern die Taschen der Spendierhosen zu öffnen. Es löst bei vielen erst einmal einen unschönen Steuervermeidungsreflex aus und es produziert nach innen häufig auch eine Mentalität des Mangels, weil die Zuteilungen und Umlagen mühsam verhandelt werden müssen und weil jede Form der Großzügigkeit im System den empörenden Verdacht der ungerechten Bevorzugung auslöst. Egal, wie die Haushaltslage tatsächlich aussieht – gefühlt schrumpft dieser Kuchen immer.

Ich habe nach der Lektüre von Dtn. 14 beschlossen, mir diesen sinnenfreundlichen Gott ausgiebig zu Herzen zu nehmen. Wenn es noch ein paar von euch machen, dann kann man irgendwann vielleicht auch mal über einen Systemwechsel reden. Und wenn jemand bei diesem Stichwort die Panik befällt, dann wäre auch das ein guter Grund, das Gottesbild in den Blick zu nehmen.

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Die schlichten und ausgrenzenden Antworten auf Fragen der Identität ist ein Markenzeichen der Rechtspopulisten. Michael Thumann schrieb am Tag nach dem Brexit in der Zeit:

Die Kampagnen von Donald Trump und des Chaostandems Farage/Johnson ähneln sich vor allem in der Frage: "Wer sind wir?" und "Was wird aus uns?" Es sind dieselben Fragen, die die Pegida-Demonstranten auf die Straßen treiben. Daraus sprechen Unsicherheit, Angst – und ein rabiater Nationalismus. Im Umkehrschluss wächst die Forderung nach Abschottung, Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen. Die ganze britische Kampagne ist wie Trumps Propaganda von der Identitätsfrage vergiftet. Sie beruht auf der Lüge, dass es eine idealenglische Gesellschaft gäbe, die von Europa und Zuwanderern bedroht wäre.

Als ich mich auf den Bodenseekirchentag am letzten Wochenende vorbereitete, fiel mir auf, dass wir dort ein Musterbeispiel für eine genuin christliche Antwort auf diese Debatten finden, und zwar in der Gestalt des Heiligen Patrick, Apostel der Iren.

Seine ethnisch-nationale Identität kann man nur als „gebrochen“ bezeichnen: Er wuchs auf als romanisierter Brite, im einer von Kelten besiedelten und von Römern militärisch und kulturell beherrschten Britannien. Dann wird er von Iren verschleppt, flieht und kehrt aufgrund eines Traumes wieder zurück, diesmal als Missionar (mit meiner Mischung aus ostkirchlicher und lateinischer Tradition im Gepäck). Am Ende ist er etwas von allem und nichts in Reinform.

Und just als solcher legt er den Grundstein für eine indigene Kirche, die ihrerseits in den nächsten drei Jahrhunderten überall in Europa Klöster und Gemeinden gründet und das, was wir heute „christliches Abendland“ nennen, überhaupt erst möglich gemacht hat. Leider haben das viele vergessen, die meinen, jenes christliche Abendland retten oder verteidigen zu müssen, weil sie daraus eine Identität gezimmert haben, die wieder nur in Abgrenzung funktioniert, in der alles Gute schon da ist und durch das, was von Außen kommt, nur noch Schaden nehmen kann. Eine Logik, die so sesshaft ist, dass sie sich am liebsten einmauern möchte.

Die Nachfolger des Patrick, die bis Bregenz und Bobbio, Würzburg und Wien zogen, verkörpern die wahre Geschichte der europäischen Kultur: Sie ist eine Kultur der Begegnung, die von der Freiheit lebt, sich zu bewegen, Grenzen abzubauen, immer neue Mischungen aus Vorhandenem und Neuem zu schaffen, eine Kultur der Gastfreundschaft und des Entdeckergeistes.

Natürlich müssen die Kirchen und die einzelnen Christen Identitäre und Rechte mit ihrer vergifteten Propaganda kritisieren und ihre falschen Versprechungen als Lügen entlarven. Noch wichtiger wäre es aber, sich ein Beispiel an den Pioniermissionaren unserer Länder zu nehmen und aus Unbeweglichkeit, Mut- und Erwartungslosigkeit aufzubrechen (es geht ja gerade nicht um "Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen“). Diese verwandten Denk- und Lebensmuster machen den Rattenfängern das Spiel viel zu leicht. Die Wahrheit ist, Kirche wird sich nicht nur ein bisschen verändern müssen, weil die Welt sich so dramatisch verändert. Wer den eigenen Leuten das nicht sagen will, traut entweder ihnen nichts zu, oder Gott, oder beiden.

Die Legende erzählt, Patrick habe die giftigen Schlangen aus Irland vertrieben. Ich denke nicht, dass das in erster Linie eine zoologische Aussage ist. Auf unserem Kontinent wäre eine Entgiftung derzeit jedenfalls hochwillkommen.

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Vor einer Weile habe ich mich zu den Auseinandersetzungen innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz so geäußert:

Michael Diener, der in einem Interview mit der „Welt“ sagte, er achte und betrachte auch diejenigen als Brüder und Schwestern, die seine (konservative) Position im Hinblick auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht teilen. Und Ulrich Parzany, der sich nur denen verbunden fühlt und über den Weg traut, die sich von denselben Leuten distanzieren und fern halten wie er selbst.

Nun bin ich in diesen Tagen zu manchen kritischen Kommentaren auf diesem Blog befragt worden und merke, dass es mir formal betrachtet manchmal ähnlich geht wie Parzany, nur in umgekehrter Richtung. Ich komme zwar in der Frage von Homosexualität mit den Differenzen klar und erwarte nicht, dass alle meine Position teilen. Aber wo die Mitchristen an den rechten Rand rücken, sich der AfD zurechnen oder deren Inhalte verbreiten, wo sie Polemiken gegen vermeintlichen "Gender-Wahn“ abfahren oder pauschale Vorurteile gegen Muslime befördern, da hört für mich der Spaß auf, und die Gemeinsamkeit kommt an Grenzen. Früher fand ich das peinlich, heute halte ich es für gefährlich – und daher hadere ich auch immer wieder mal mit anderen, die sich nicht klar abgrenzen und distanzieren: Verlage oder Konferenzveranstalter, die Leuten wie Kuby und Kelle eine Plattform bieten oder deren leitende Mitarbeiter mit der AfD liebäugeln und die gegen „Gutmenschen“ wettern lassen, möchte ich persönlich lieber nicht unterstützen. Egal, was sie sonst noch so machen.

Denn dieser rechte Rand schadet unserer Gesellschaft unter dem Vorwand, Schaden bekämpfen zu müssen. Liane Bednarz beschrieb diesen Teil der Christenheit jüngst in der FAZ so: „… sie pflegen seit Jahren Ressentiments gegenüber der etablierten Politik und der Qualitätspresse. Und sie neigen dazu, die pluralistische Demokratie in Deutschland als diktaturähnliches System zu verunglimpfen, gegen das sich das „Volk“ zur Wehr setzen müsse.“ Der gemeinsame Nenner meiner Toleranz in die eine und meinem Wunsch nach Grenzen in die andere Richtung ist meine Überzeugung, dass wir eine offene, pluralistische und demokratische Gesellschaft brauchen (eine ausführliche biblisch-theologische Begründung für die liberale Demokratie als einer guten Staatsform findet sich beispielsweise in Miroslav Volfs „Öffentlich Glauben“).

Bin ich nun ein auf links gezogener Parzany, wenn ich mir da klare Abgrenzungen wünsche? Es wird vielen so erscheinen, die eine vermittelnde Position einnehmen: Da machen es einem die Hardliner von rechts und von links gleich schwer, weil keiner mit dem anderen mehr kann.

Vor einer Weile habe ich ein Bild – viele werden es auf Facebook schon gesehen haben – zur Illustration einer Predigt verwendet. Jesus steht auf einem kleinen Hügel und sagt: "Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!" Jemand aus der Menge fragt: "Und wenn er Flüchtling ist, oder schwul?" Und Jesus fragt: "Hast du was an den Ohren?" Später fragte mich jemand, ob da nicht auch stehen sollte „und wenn er Neonazi ist?“ Und ich dachte, ja und nein. Flüchtling zu sein oder schwul ist erst einmal etwas, das man sich nicht aussucht, Neonazi zu sein ist eine Entscheidung, die auch anders ausfallen könnte. Ich möchte also nicht aufhören, Menschen an ihre Verantwortung für ihre politische Haltung und deren Folgen zu erinnern, denn das ist (bei aller Milieubedingtheit) mehr als nur schicksalhafte Prägung. Und natürlich geht es nicht darum, sie zu hassen und fertig zu machen. Aber man darf sie eben auch nicht verharmlosen, indem man sie (und das wäre mit der vorgeschlagenen Ergänzung ja der Fall) mit ihren bevorzugten Opfern auf eine Stufe stellt.

Jesus hat manche Grenzen aufgeweicht und andere verschärft. Dass Letzteres ab und an nötig ist, wenn Kirche ihren Auftrag nicht verraten und ihre Zukunft verspielen will, darin bin ich mit Ulrich Parzany und seiner Bekenntnisfraktion völlig einer Meinung. Die Ansichten darüber, wo diese Grenzen konkret verlaufen, liegen weit auseinander, aber dieses eine haben wir durchaus gemeinsam, dass wir hier stehen und nicht anders können als einander zu widersprechen.

Nicht viel, aber wer weiß, vielleicht wird eines fernen Tages ja wieder etwas Konstruktiveres daraus.

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Als Kommentar zu Thomas Mertons Worten über "Kreuz und Widerspruch" hat mir evadiaspora diesen Clip von Hanns-Dieter Hüsch geschickt. Er trifft die Geisteshaltung, die Merton so nachdrücklich ablehnt, ziemlich gut:

Barmherzigkeit ist das Stichwort, das die Familiensynode der katholischen Kirche in diesem Monat geprägt hat (so Lucetta Scaraffia als eine der wenigen Frauen, die teilnehmen durften). Offenbar gab es Fortschritte – in der Debattenkultur, die Christian Hennecke beleuchtet, wie im Blickwinkel, der sich allmählich von Dogma und Gesetz (dem Urteilen) hin zur Empathie und der Frage nach Heilung verschiebt, meint Paul Zulehner:

Jetzt stehen nicht Bücher, sondern Menschen im Mittelpunkt. Es geht nicht mehr um objektive Sünde, sondern um schmerzliche Wunden, die zu heilen sind. Der betroffene Mensch gehöre nicht in den Gerichtssaal, sondern ins Hospiz, das Krankenhaus.

Es gibt erstaunlicherweise aber auch einzelne Gemeinden, in denen nationalkonservative Prediger aus dem Pegida-Dunstkreis einen Gott verkünden, dessen Barmherzigkeit – wenn überhaupt – nur drinnen, im eigenen, gilt, und der nach außen hin dem autoritären, aggressiv-bedrohlichen, bedingungslose Unterwerfung fordernden Gottesbild verdächtig ähnlich sieht, das sie pauschal dem Islam unterstellen. Da hat die "Anarchie des Herzens" einen schweren Stand.

Wo Gott derart vereinnahmt wird, kann man es Hüsch nur gleichtun und sich denen anschließen, die sagen: 
»Gott sei Dank!
 Endlich ist er frei.
 Kommt, wir suchen ihn!«

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Ein befreundeter Pfarrer sagte mir gestern, er sei von einem Kollegen gefragt worden, warum es in der Landeskirche (bzw. den Landeskirchen) eigentlich nicht mehr Initiativen wie ELIA gibt. Im Hintergrund steht natürlich die Frage, ob wir ein merkwürdiger Zufall sind oder ob etwas Zukunftsweisendes dran sein könnte.

Future by Max Fridman, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-No Derivative Works 2.0 Generic License   by  Max Fridman 

Nach über 20 Jahren Gemeindeaufbau und vielen Gesprächen mit den unterschiedlichen Leitungsebenen und -gremien kann ich das ziemlich klar beantworten. Ich denke, es gibt immer wieder Leute, die bereit sind aufzubrechen und Neues zu wagen. Dieses Neue hat keineswegs immer selbstbezogenen oder sektiererischen Charakter (obwohl es das freilich auch gibt).

Abgesehen von wenigen Glücksfällen, die mit ganz bestimmten persönlichen Konstellationen zusammenhängen, ist die Mehrheit dieser Initiativen in den Landeskirchen entweder eingegangen oder irgendwann ausgewandert.

Der Grund dafür ist, dass einem das System auf tausend unterschiedliche Arten kommuniziert, dass solche Dinge nicht vorgesehen sind und daher den Betrieb gefühlt eher stören als bereichern:

  • Das Kirchenrecht hat keine passende Kategorie für nichtparochiale Gemeindeformen anzubieten, es gibt nur wackelige Hilfskonstruktionen.
  • Dazu gesellt sich eine unterentwickelte Kultur des Experimentierens, die Kräfte und Mittel werden fast ausschließlich zur Erhaltung und Reproduktion des Vorhandenen eingesetzt.
  • Querdenker und Pioniertypen werden strukturell eher eingebremst als ermutigt, ihre "Pfunde" einzusetzen.
  • Es fehlen geeignete und von allen Seiten akzeptierte Kriterien für Scheitern und Gelingen neuer Unternehmungen und ein Katalog geeigneter und angemessener Fördermaßnahmen.

Es ist schon absurd: Jeder weiß, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter differenziert. Dass diese Differenzierung auch das Verhältnis evangelischer Christen zu ihrer Kirche betrifft, ist ebenfalls eine Binsenweisheit. An differenzierten Formaten im kirchlichen Angebot wird gearbeitet. Aber wenn es um Amt und noch mehr wenn es um Gemeinde geht, dann ist Differenzierung plötzlich ein Unwort. Wieso eigentlich?

Auch im Blick auf die Form und Gestalt von Gemeinde gilt gemeinhin: Wenn man tut, was man immer schon getan hat, wird man auch die Ergebnisse bekommen, die man immer schon bekommen hat – qualitativ. Quantitativ freilich mit meist rückläufiger Tendenz. Der Verdacht liegt nahe, dass viele auch genau das wollen, was sie schon immer hatten, einfach weil es so schön vertraut ist.

PS: Mein Gesprächspartner gestern nannte das "morphologischen Fundamentalismus". Solche bissigen Termini liegen mir natürlich völlig fern, daher zitiere ich das hier auch nur anonym.

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Die Gnadenlosigkeit vieler Mitchristen und ganzer Strömungen im nordamerikanischen Christentum beklagt gegenwärtig Philip Yancey im lesenswerten Interview mit Hauke Burgarth. Das an sich ist gewiss keine völlig neue Erkenntnis. Aber Yancey bleibt auch nicht stehen bei der Analyse, sondern er nennt drei vorbildliche Typen des Glaubens in postchristlicher Zeit, die nicht durch verurteilendes Moralisieren und sturen Dogmatismus auffallen, oder anders gesagt: Denen es gelingt, in der Welt zu sein ohne „von der Welt“ zu sein:

Aktivisten handeln mit Taten von Barmherzigkeit. Damit erreichen sie die Herzen von Menschen. Diese öffnen sich für ihre Botschaft. Und irgendwann wollen diese Menschen wissen, warum sie das tun.

Künstler sind auch effektiv darin. Kunst schleicht sich unterbewusst ein. Historisch gesehen war die Kirche immer ein grosser Kunstförderer, heute trifft dies auf manche Gemeinden zu, auf andere kaum. Künstler ordnen sich nicht leicht ein, aber sie sind sehr gut darin, das Evangelium einer Gesellschaft zu sagen, die es eigentlich ablehnt.

Die letzte Gruppe sind die Pilger. Wir können sagen: «Hallo, wir sind genauso unterwegs wie du, aber wir wissen etwas vom Ziel, so und so hat uns das im Leben geholfen», statt klarzustellen: «Wir sind drinnen, ihr seid draussen. Ihr seid schlecht. Und ihr geht dafür in die Hölle.»

Beim Lesen spürte ich sofort, wie sehr sich das mit meinen Erfahrungen und Empfindungen deckt. In der Umgebung solcher Christen fühle ich mich wohl, während andere Typen und die Kultur, die sie prägen, auf mich viel weniger positiv wirken.

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Christian Lehnert meditiert in seinen hinreißenden Korinthischen Brocken unter anderem über den Begriff der "Ekklesia" bei Paulus. Er beginnt mit zwei Bildern: Dem Ort, wo das im Krieg zerstörte Haus seines Vaters stand, und dem Abdruck, den vermutlich ein Holzkreuz auf einer Stuckplatte im römischen Herculaneum hinterließ, als der Vesuv ausbrach im Jahr 79. „Ekklesia" als Spur eines Ereignisses und Ort der Erwartung. Abdruck und Gegenwart des bis zu seiner Wiederkehr abwesenden Christus.

Großartig finde ich, wie Lehnert die Eigenart und Einzigartigkeit dieses Phänomens festhält ohne dabei je exklusiv zu werden, es geht um eine neue Art des In-der-Welt-Seins, die sich ganz dem Christus verdankt:

Das entstehende Christentum suchte seine Gestalt nicht in der Schaffung neuer Kulträume oder besonderer Sphären des Heiligen. Seine ersten Spuren sind weder Sakralarchitekturen noch Riten der Abgrenzung. Das frühe Christentum holte seine Kraft aus der Alltäglichkeit, aus den einfachen Gebräuchen des Essens und Trinkens, des Waschens, der Geselligkeit. Es schuf keine Sonderwelten, sondern setzte das einfache Leben in einen neuen Zusammenhang. In kleinen körperlichen Gesten sprach sich der neuen Glauben aus, im Weinkelch an den Lippen und im Brot auf der Zunge. Diese Elemente waren wie Sternchen aus der antiken Lebenswelt gebrochen und neu zusammengesetzt zu einem Mosaik.

Es hätte naheliegendere Begriffe gegeben für das junge Christentum, schreibt Lehnert, etwa der jüdische Begriff der synagoge, der schon religiös konnotiert war. Stattdessen wählt Paulus ein profanes Wort: die griechische Volksversammlung, die eben keine abgrenzbare, partikulare Interessengemeinschaft innerhalb einer Gesellschaft meint:

ekklesia ist nichts unter anderem, sie ist etwas anderes – eine plötzliche Veränderung, nichts, was man kennt. Wenn Paulus eine einzelne Gemeinde als ekklesia anspricht, schwingt immer auch mit, dass eigentlich eine Gesamtheit gemeint ist – die ganze ekklesia. Es gibt sie nur so. Wo auch immer sie geschieht, ist sie ganz, egal, wie viele es sind, die in Christus sind, denn es sind immer alle, und auch die Toten und die Kommenden gehören dazu. Es handelt sich um keine teilbare Quantität.

Mit unseren Begriffen lässt sich das kaum angemessen abbilden.:

Die deutschen Übersetzungsmöglichkeiten »Gemeinde« oder »Kirche« verstellen beide eher das Verständnis – das erste Wort, weil es partiell gedacht ist, bürgerliche Vereinskultur steht vor Augen, das andere, weil es institutionell verfestigt. Ekklesia aber ist die Beschreibung einer Unterbrechung, etwas wie eine Bewusstseinsstörung. Sie ähnelt dem Nachbild eines grellen Lichtes, wenn man geblendet die Augen schließt und Ringe zerfließen, gelb und orange, nunmehr ohne Entsprechung in der äußeren Wirklichkeit. Etwas geschah, und was bleibt?

In vielen Gesprächen über Ekklesiologie ist mir diese sprachliche Verlegenheit zwischen kumpelhafter Cliquenwirtschaft und desinteressiertem Hebelwerk begegnet, in die uns unsere deutschen Termini unablässig stürzen, und die Lehnert so treffend beschreibt. Die ekklesia ist kein Ort, keine greifbare Struktur, eher ein unwillkürlicher Zustand. Einige Seiten später drückt er es dann so aus:

Die ekklesia ist nicht faßlich, sie kennt sich selbst nicht, sie ist die Strömungsfolge eines Ereignisses, das ihr nichts zu eigen gibt, sondern sie selbst als Eigenes erst bildet. Wer in ihr mitgetrieben wird, kann das Gefälle nicht verstehen – er hat kein Ufer. Im Glauben gibt es kein Ufer. […]

Das Ereignis des Christus schafft sich eine Strömungsform in der Wirklichkeit. Der Christus wird in ihr gesungen, gebetet und gedacht. Er wird in ihr geatmet und er wird in ihr geopfert. Er wird in ihr beklagt und gepriesen. Er wird in ihr gelebt, und dieses Leben der ekklesia ist der Wahrheitsausweis des Christus. Vom Ufer aus sieht man den Strom, vielleicht Strudel, Wellenkämme oder festen Schaum, der sich an Hindernissen staut. In der Strömung wirst du erfaßt von einer Kraft, die dich haltlos forttreibt.

 

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Jürgen Moltmann hat bei einem Studientag von Landessynode und Landeskirchenrat der ELKB 80 Jahre nach der Barmer Theologischen Erklärung einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Er rekapituliert die Entstehung der bekennenden Kirche und fragt von da aus kritisch, inwiefern die evangelischen Kirchen im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg mehr auf die Restauration des Alten setzten und dabei das Erbe der bekennenden Kirche vernachlässigten, und inwiefern sich dieses Muster nach 1989 noch einmal wiederholte.

Deutlich und unverblümt spricht er sich am Ende seiner Rede für eine basisorientierte Gemeindekirche aus, die ihre Gemeinden nicht als "Ortsverein der Landeskirche“ betrachtet, und die statt auf Versorgung und immer professionellere religiöse Dienstleistung lieber auf aktive Beteiligung und Mündigkeit der einzelnen Christen setzt. Was vor 80 Jahren die Bedrohung durch den totalitären Staat war, das ist für ihn heute die totale Ökonomisierung.

Wer wenig Zeit hat und mit der Geschichte vertraut ist, kann die letzten zehn Minuten anhören. Für alle anderen ist das gesamte Video wirklich gut investierte Zeit!

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Mein letzter Gedanke zu dieser Scheinfrage setzt im Johannesevangelium an. In den Abschiedsreden spricht Jesus über den verheißenen Geist, dessen Aufgabe eine doppelte ist, wie die NGÜ schön herausstellt:

Der Helfer, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles 'Weitere' lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (14,26)

Gott hat sich im irdischen Weg Jesu offenbart, und doch sind den Jüngern noch längst nicht alle Implikationen dieser Offenbarung bewusst. Sie müssen erst noch entdeckt und „entpackt" werden, und das geschieht im weiteren Verlauf der Geschichte Gottes mit seinen Nachfolgern, die ihn in der Welt bezeugen (15,27). Daher heißt es etwas später auch:

Doch wenn der ´Helfer` kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn was er sagen wird, wird er nicht aus sich selbst heraus sagen; er wird das sagen, was er hört. Und er wird euch die zukünftigen Dinge verkünden. (16,13)

Auch hier zeigt sich schön, dass der Geist sehr wohl „Neues“ bringen wird, wenn er der Gemeinde Gottes Handeln in der Geschichte der Welt erschließt und ihr zu verstehen gibt, was ihre Rolle in diesem Plan ist. Sie wird also zu verschiedenen Zeiten verschieden aussehen können und doch immer noch eine erkennbare Ähnlichkeit mit dem Weg des Messias haben.

Ein Beispiel zum Schluss: In der Kindererziehung haben sich unsere Maßstäbe offensichtlich stark verändert. Statt Pflichtbewusstsein und Gehorsam, der die geltenden Regeln und Tabus nicht hinterfragt, stehen nun Selbstwertgefühl und Selbständigkeit oben auf der Liste der Erziehungsziele, Prügel und psychische Gewalt sind tabu und gesetzlich verboten. Die meisten Christen leben gut damit, auch wenn im Buch der Sprüche solch rustikale Pädagogik empfohlen wird und gelegentlich auch im NT noch positive Anklänge an das Konzept der „Züchtigung“ vorhanden sind, die wir nun – zu Recht! – weicher interpretieren. Freilich gab es im letzten Jahrhundert noch christliche Erziehungsratgeber, die patriarchale Familienstrukturen und physische Gewaltanwendung für unverzichtbar hielten und vor der modernen Pädagogik zu retten versuchten.

Drei oder fünf Jahrzehnte später haben viele Autoren ihre damalige Position zum Glück korrigiert. Aber es war ohne Frage ein Modernisierungsprozess, in dessen Verlauf auch die biblische Tradition neu interpretiert wurde, indem die Kirche mit der Zeit ging. Und der ist auch noch längst nicht abgeschlossen, es tauchen neue Probleme, Ungleichgewichte und Fragestellungen auf, für die neue Lösungen gefunden werden müssen. In der Diskussion über neue Ansätze wird es auch immer wieder die revisionistischen Stimmen geben, die das Rad einfach nur zurückdrehen wollen. Abgesehen davon, dass es nicht funktionieren wird, finde ich diesen Retro-Reflex auch geistlos. Er bereichert weder die Kirche noch die Gesellschaft, zeigt keine neuen Möglichkeiten auf, eröffnet keine neuen Handlungsspielräume. Und er mutet niemandem zu, auf den Geist zu hören.

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Totalverweigerung ebenso wie missmutiges Hinterherhinken sind keine guten Lösungen für das Verhältnis von Kirche und Kultur, weil sie meist nur zu unfruchtbaren Spannungen führen. Genauso scheidet distanzloses, unkritisches und unbewusstes Mitschwimmen im Mainstream aus, das jede Art von Spannung vermeidet oder vertuscht. Stattdessen sollte eine fruchtbare Spannung entstehen, und die entsteht dort, wo Christen bewusst mit der Zeit gehen, indem sie sich auf ihre Gesellschaft und Kultur einlassen und befruchtend in ihr wirken.

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Eine Reihe bewusster Schritte sind dazu notwendig, hier eine unvollständige Aufzählung:

Erstens muss die Kirche ihren Ort (geografisch, kulturell, geschichtlich, …) als göttliche Zumutung verstehen. Jeremia konnte selbst das babylonische Exil als den Willen und die Platzanweisung Gottes für sein Volk bezeichnen. Damit war ja keineswegs die Assimilation gemeint, aber die Orientierung am Gemeinwohl. Gruppeninteressen auf Kosten der anderen zu verfolgen scheidet also aus. Kirche ist berufen zur Offenheit und Weite. Sie muss den Ort, an dem sie lebt, akzeptieren und nicht nur tolerieren.

Zweitens muss die Kirche die Ambivalenz – der umgebenden Kultur und ihre eigene – annehmen. Christen sprechen nicht nur besserwisserisch in eine Welt hinein, von der sie nichts zu lernen hätten. Sie haben etwas beizutragen und zugleich viel zu lernen. Das bedeutet auch, dass Fehler und Irrtümer unausweichlich sind, und dass man sich den Anfragen anderer stellen muss. Die Kirche ist daher berufen zur Demut. Tomas Halik hat dazu in Geduld mit Gott im Blick auf die Kirche sehr treffend angemerkt

zu ihren Aufgaben gehört die Empfänglichkeit für die Zeichen der Zeit auch in dem kulturellen und politischen Klima der heutigen Welt. Die “Solidarität mit den Suchenden” schließt eine Teilnahme an deren Fragen und Suchen mit ein.

Drittens müssen wir uns von allen statischen Verhältnisbestimmungen und Metaphern befreien. Kirche ist bis zur Wiederkehr Christi immer auf dem Weg, immer unfertig, immer vorläufig, immer im Werden. Und genauso ist diese Welt unablässig im Werden und im Wandel. Nie zuvor war das Tempo dieses Wandels so rasant in unserem Jahrtausend. Wer verstanden hat, dass Gott die Menschen und die Welt liebt, kann sich also nicht ausklinken, sondern nur täglich neu entdecken, was es hier und heute konkret heißt, es Jesus nachzutun und Gott und den Nächsten zu lieben.

Viertens ist eine frische Sprache nötig. Kirchliche Binnensprache droht in der Isolation zu veröden und nach außen hin unverständlich zu werden. Der Verzicht auf die großen Worte, den das Zentrum für Predigtkultur für die Fastenzeit angeregt hat, weist in diese Richtung. Es reicht nicht, dass Luther vor 500 Jahren einmal "dem Volk aufs Maul geschaut“ hat. Das Evangelium ist keine ewig alte und ewig gleiche Botschaft, sondern eine ewig neue. Was aber gestern und vorgestern vielleicht noch neu war, ist heute schon abgedroschen und leer.

Zugleich können aber – fünftens – auch Lieder und Texte von vor 400 Jahren frischer und befruchtender wirken als Sachen, die 20 oder 30 Jahre alt sind. Das kulturelle Gedächtnis sollten wir also nicht ausschalten, wenn wir zukunftsfähig sein wollen. Statt aber nur im begrenzten Kurzzeitgedächtnis zu wühlen, könnte der Griff ins Langzeitgedächtnis helfen. Gerade weil sich dort (die biblische Tradition, aufmerksam gelesen, eingeschlossen) manches so fremd und sperrig anfühlt und sich nicht unbesehen verwerten lässt, bringt es uns auf andere, neue Gedanken.

Ich glaube, wir haben die Gute Nachricht erst dann richtig verstanden, wenn wir sie in unserer Gesellschaft ausgerichtet haben. Davon hat Vincent Donovan in Christianity Rediscovered so beeindruckend erzählt. Für ihn bedeutete „mit der Zeit zu gehen“, sich in die Welt der Massai hineinzubegeben und die Welt mit ihren Augen zu betrachten. Als sie dann gemeinsam das Evangelium lasen und besprachen, gab es auch für Donovan jede Menge Aha-Erlebnisse. Eine Kirche, die nicht mehr mit der Zeit gehen will, beraubt sich dieser Erfahrung.

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Ich habe schon versucht zu zeigen, dass man im Grunde nicht nicht mit der Zeit gehen kann. Kirche, die sich nicht mehr bewegt, würde aussterben oder zum Museum mutieren. Zum „wie“ gibt es allerdings noch einiges zu sagen - hier der erste Gedanke:

Kirche kann widerwillig mit der Zeit gehen. Dann trottet sie wie ein bockiges Kind hinter beim Familienausflug hinter Eltern und Geschwistern her, aber sie lässt den Abstand nur so groß werden, dass die anderen das Quengeln und den Schmollmund noch sehen können. Sie geht denselben Weg, aber unter Protest und mit angemessener Verspätung (und in der Hoffnung, den anderen den ungeliebten Ausflug zu vermiesen).

Das ist vor allem eine risikoscheue Haltung. Wer Veränderungen initiiert, wird verketzert und kritisiert. Natürlich wird er auch Fehler machen und Rückschläge erleiden. Der Bedenkenträger kann das dann genüsslich ausschlachten und, in seiner Skepsis bestätigt, darauf hinweisen, was früher alles besser war.

Die gelungenen Innovationen hingegen werden irgendwann stillschweigend übernommen – wenn man damit lange genug wartet, erinnert sich auch niemand mehr daran, dass man eigentlich mal dagegen war. Man bewahrt sich so die Illusion einer weitgehend fehlerfreien frommen Binnenkultur: Die Fehler haben ja die anderen gemacht. Und so bestätigt sich auch das andere Vorurteil, dass nämlich das Böse immer da draußen lauert und man gar nicht misstrauisch genug sein kann gegenüber allem Ungewohnten. Denn letztlich entscheiden auch hier keine inhaltlichen oder sachlichen Überlegungen, sondern die gefühlte Differenz zwischen dem Gewohnten, Vertrauten und daher Sicheren und dem Ungewohnten, Unsicheren und Fremden.

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Das war die Frage, die ich diese Woche für eine evangelikale Wochenzeitschrift in 1.700 Zeichen beantworten musste. Hier habe ich mehr Platz als in der Pro und Contra Seite dort, also schreibe ich für alle, die es interessiert, eine ausführlichere Version meiner Gedanken. Und nun zum ersten Teil:

Als allererstes fiel mir natürlich der strapazierte Spruch ein „Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.“ Aber das hört sich schon so ängstlich an, als müsse man mithalten, um nicht unterzugehen. Eher ein taktischer Zwang als eine Handlung aus Überzeugung. Das wäre zu wenig, wenn Kirche mit der Zeit ginge, nur um ihre Existenz zu sichern.

Wäre das die Motivation (hin und wieder sieht es tatsächlich danach aus), dann hätten die Kritiker ein bisschen recht, für die es keinen schlimmeren Vorwurf gibt, als dass mit dem „Zeitgeist“ unter einer Decke steckt.

Freilich schreiben praktisch alle, die solch vermeintlichen Verrat am Evangelium tadeln, ihre pikierten Leserbriefe auf Laptops, profitieren von Hochleistungsmedizin und gönnen sich hin und wieder Flugreisen – Errungenschaften, von denen die Apostel noch nichts wussten. Oder sie picken sich lnformationsschnipsel aus dem globalen Wissenschaftskosmos so raffiniert heraus, dass am Ende ihre Bibel immer Recht hat.

Wie eine Kirche aussieht, die bewusst nicht mit der Zeit geht, kann man (freilich auch nicht ganz ohne Einschränkungen) bei den Amish betrachten, die vor 300 Jahren die Uhr angehalten haben. Alle anderen aber sind schon längst mit der Zeit gegangen, es kann also in jeder ehrlichen Debatte nur noch darum gehen, wie man richtig mit der Zeit geht.

(Fortsetzung folgt)

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Protestanten haben sich in der Regel mit ihrem Minderheitenstatus irgendwie abgefunden – innerhalb der Weltchristenheit gegenüber den Katholiken und Pfingstlern (die würde ich als einen neuen, postprotestantischen Typ Kirche bezeichnen), innerhalb westlicher Gesellschaften gegenüber den religiös Desinteressierten, Atheisten und Agnostikern.

Einmal im Jahr jedoch, am Reformationstag, zeigen ein paar von ihnen in Luthers Namen der Welt den Stinkefinger, werfen mit Luther-Kamellen um sich, singen inbrünstig Ein Feste Burg und beklagen wahlweise die Überfremdung durch Halloween oder die Geschichtsvergessenheit der Zeit. Allerdings erfolgt dieser Aufstand, zumindest wenn man die plakativeren Parolen ernst nimmt, eben im Namen der eigenen Konfession, Institution und Tradition, deren Profil man zu diesem Anlass möglichst pointiert herauskehrt.

In dieser Hinsicht hinkt der Reformationstag als kirchlicher Feiertag anderen Festen hinterher: ihm fehlt der Bezug zur biblischen Heilsgeschichte. Es sei denn – das wäre die schlimmere Vorstellung – man sähe Luther und die Reformation als deren integralen Bestandteil an und wollte Gott so konfessionell vereinnahmen.

Freilich gibt es auch eine ganze Reihe guter Absichten und nützlicher in den unterschiedlichen Wortmeldungen zum 31. Oktober. Oder nette Ideen, zum Beispiel #95tweets. In und um Twittenberg machen andere mehr oder weniger augenzwinkernd Anleihen bei Luthers grober Polemik gegen Andersdenkende, frei nach dem Motto "hier schmähe ich, ich kann nicht anders". Aber braucht man dafür einen Feiertag?

Am Wochenende fiel mir eine Broschüre des Erzbistums Bamberg in die Hände. Dort feiert man in diesem Jahr das "Jahr des Glaubens". Ich war neugierig, welche Wege der Glaubensvermittlung und -vergewisserung dort angeboten würden. Und stellte etwas enttäuscht fest, dass sich alles um die örtlichen Schutzheiligen Heinrich, Kunigunde und Sebald drehte (das ist ein Jahrtausend her) und sich an ehrwürdigen Kirchenbauten festmachte, die ihnen gewidmet waren. Indem man auf die Vergangenheit verweist, verstärkt man aber zugleich auch den verbreiteten Eindruck, Glaube sei etwas Rückwärtsgewandtes, ein Relikt aus dem Mittelalter.

Die Reformation ist zwar nur ein halbes Jahrtausend her, der Blickwinkel auf den Gründungsheiligen und dessen inzwischen doch auch erklärungsbedürftige Thesen ist grundsätzlich derselbe wie bei den Katholiken in Bamberg. Ironie der Geschichte? Gewiss: Erinnerung schadet nicht. Zukunftsfähige Identität und ein robustes Selbstbewusstsein lässt sich aus ihr allein aber nicht gewinnen.

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2 Kommentare

Den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Papst, wenn es um die Rolle der Kirche in der Welt und das Verhältnis beider Größen zu einander geht, hat der Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip in einem Beitrag auf der Website der Caritas wunderbar griffig und treffend beschrieben. Da es im Protestantismus ganz ähnliche Differenzen gibt, lohnt sich auch für Nichtkatholiken ein kurzer Blick, hier ein Auszug:

Papst Benedikts Forderung nach Entweltlichung ist geprägt von einer dualistischen Gegenüberstellung von Welt und Kirche, wobei der Welt der negative, der Kirche der positive Part zukommt. Zwar soll sich die Kirche nicht aus der Welt zurückziehen, aber die Kirche hat von der Welt nichts zu lernen, braucht nicht in einen Dialog mit ihr einzutreten, braucht in ihr nicht nach Zeichen der Gegenwart Gottes zu suchen, weil sie selbst dieses Zeichen schon ist. Alles Negative in der Kirche wird auf Einflüsse der Welt zurückgeführt, so auch die Missbrauchsfälle, und das, obwohl es ja auch gerade „die Welt“ war, die die Kirche dazu gezwungen hat, ihre Praxis der Vertuschung zu überwinden. Auch Jorge Mario Bergoglio hatte am 9. März im Vorkonklave von einer „weltlichen“ oder „verweltlichten“ Kirche gesprochen (in manchen Übersetzungen mit „mondäner Kirche“ wiedergegeben) und meinte damit eine „narzisstische“, „selbstbezügliche“ Kirche, die „in sich, von sich und für sich“ lebt, die glaubt, selbst das Licht zu sein, während das Gegenteil für ihn eine Kirche ist, „die aus sich selbst herausgeht, um zu evangelisieren“, die „bis an die Peripherien“ geht. Die Kritik der beiden Päpste an der Kirche mag ähnlich klingen, aber die vorgeschlagenen Heilmittel sind verschieden. Während der Papa emeritus, wie Michael Ebertz schreibt, eine Strategie der „elitären Minorisierung“ einschlug, die immer in der Gefahr steht, in Selbstbezüglichkeit zu münden, lässt sich das Anliegen von Papst Franziskus als armenorientierte Öffnung beschreiben. Während für Papst Benedikt der Bezug zur theologischen Wahrheit, wie sie die Kirche verkündet, zentral war, steht für Papst Franziskus die Praxis der Gerechtigkeit im Vordergrund.

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