Faktencheck auf lila Blüten

Im Garten draußen blüht wieder der Sommerflieder. Als er jung war, war er immer voller Schmetterlinge. Heute verirrt sich nur noch gelegentlich ein Falter hierher auf der Suche nach Nektar. Alle Arten von Schmetterlinge sind in den letzten zehn Jahren immer seltener geworden.

Passend dazu diese Nachrichten: Deutschland liegt im Ländervergleich im Umweltschutz auf dem wenig schmeichelhaften Rang 30, zwischen Ungarn und Italien (die sind besser als wir) auf der einen und Russland und Aserbeidschan auf der anderen Seite.

Und Autofahrer müssen sich immer weniger Gedanken über Insekten auf der Windschutzscheibe machen. Sie verschwinden zusehends aus der Landschaft. Nicht nur aus den Gärten, sondern auch aus Wald und Flur, berichtet der WWF. 45% der wirbellosen Tierarten gelten als bestandsgefährdet oder sind schon ausgestorben.

Dagegen hilft zum Beispiel dieses Projekt, aber energischer Druck auf die schwarz-rote Regierung wäre sicher auch kein Fehler.

Share

Vorsprung durch Bescheidenheit

Was für eine Woche: Papst Franziskus hat die Amerikaner und die Staatschefs der UN-Generalversammlung eindringlich an Ihre Verantwortung für den Klimawandel erinnert. Und an dessen soziale Dimension: Die globalen Folgen treffen gerade die Armen besonders hart. Für den Papst ist das ein drängendes Thema, zu dem man als Christ nicht schweigen kan. Die religiöse und republikanische Rechte in den USA schäumt deshalb, er solle sich lieber darum kümmern, „Seelen in den Himmel“ zu bekommen (in Deutschland liest sich das, in etwas moderaterer Diktion und anderer tagespolitischer Stoßrichtung, dann so).

Deutschland hat in Sachen Klimaschutz ja ein paar positive Dinge zu vermelden. Gegenläufig waren allerdings die Emissionen im Straßenverkehr. Die Ursache dafür sind die immer schwereren Fahrzeuge und die immer leistungsstärkeren Motoren, die unsere Autoindustrie verkauft. Und die Tatsache, dass über den tatsächlichen Spritverbrauch und Schadstoffausstoß gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Die Bundesregierung hat das Greenwashing bekanntlich nicht etwa bekämpft, sondern aktiv gefördert und allen einen Bärendienst erweisen. Daran hat uns der VW-Skandal eindringlich erinnert.

Die Industrie hat sich an Mogeleien gewöhnt und, wie es derzeit aussieht, noch ein paar neue erfunden, anstatt sich ernsthaft darum zu bemühen, sparsame Autos zu bauen. Ein Kommentator schrieb diese Woche treffend, VW habe den Autos das Lügen beigebracht. Wertvolle Zeit und Energie, um sich für den überfälligen technologischen Wandel zu rüsten, wurde vertan. Aus einem Vorsprung durch Technik wurde ein Rückstand durch Täuschung.

Deutschland ist in Sachen Autos ungefähr so rational wie die Amerikaner bei Schusswaffen. Der Autokauf ist eine emotionale Sache und, abgesehen von der Finanzierung, keine Frage der Vernunft: Unsere Hersteller verkaufen Gefühle statt Transportmittel, sie werben mit grenzenloser Freiheit und ungetrübtem Fahrspaß und setzen das gekonnt ins Bild, die Autotester der großen Verlage begeistern sich in ihren Kolumnen für die schnellen und schnittigen Modelle mit besonders üppiger Ausstattung. Sparsamkeit und Effizienz taugen allenfalls für Fußnoten. Die (emotionale) Wirkung auf den Fahrer steht im Zentrum, die Wirkung auf Umwelt und Mitmenschen ist seltener von Interesse.

Der Papst hingegen fährt im Kleinwagen durch die Staaten. Auch er weiß, dass sein Weckruf an die Welt Bilder braucht. Es ist Zeit, seinem Beispiel zu folgen. Vielleicht fährt er dann eines Tages auch mal einen VW.

Share

Stiefkinder müssen zusammenhalten

Liebe Leidensgenossen, die öfter emissionsfrei auf zwei als abgasend auf vier Rädern unterwegs sind,

die Verkehrspolitik (vor allem da, wo sie Politik ist und von der schwerreichen KFZ-Lobby „mitgestaltet“ wird) betrachtet uns immer noch als Stiefkinder. Die KFZ-Nutzer sehen uns als lästige Konkurrenz, die ihren ungebremsten Vorwärtsdrang hemmt. Also werden wir, wenn wir die Straße nutzen, mit 30 cm (statt 1,50 m) Abstand überholt und, wenn auf dem Radweg fahren, beim Rechtsabbiegen gefährlich geschnitten. Verkehrsminister wollen uns gern mal pauschal als Rüpel darstellen – Autofahrer halten sich ja, wie wir alle wissen, sämtlich tadellos an die StVO. Schließlich gibt es noch meine besonderen Freunde: Hundehalter und ihre Vierbeiner, die uns mit Teleskopleinen (ein klares Indiz für (a) schlecht erzogene Tiere und (b) faule, unaufmerksame Halter) auflauern, die sich blitzschnell quer über jeden Radweg spannen lassen. Dass uns oft der Wind ins Gesicht bläst — gut, das gehört eben dazu.

Wir haben also einen schweren Stand. Und daher brauchen wir einander.

Ich rede jetzt nicht davon, einen neuen Verband zu gründen oder Online-Petitionen anzuklicken. Einiges könnte durch ein paar Kleinigkeiten verbessert werden, die wir selbst in der Hand haben. Zwei davon fallen mir täglich auf – man kann keine Viertelstunde durch die Stadt radeln, ohne dass man sie antrifft:

  • LICHT: Die Zeit quietschender und bei Nässe streikender Reifendynamos nebst gelblich funzelnder Birnchen, die ständig kaputt gehen, ist längst vorbei. LED-Lampen, ob mit Batterie oder Nabendynamo gespeist, sind erschwinglich und hell, es gibt heute keine Ausrede mehr dafür, unbeleuchtet herumzufahren. Es doch zu tun, ist verdammt gefährlich, und zwar nicht nur für Euch selbst, sondern auch für alle anderen.
  • GEISTERRADLER: Auch der deppertste Autofahrer schafft es noch, rechts zu fahren oder die Fahrtrichtung einzuhalten. Warum können das so wenige von uns? Egal ob auf dem Radweg oder auf einem dieser markierten Fahrradstreifen am Fahrbahnrand, oder in Einbahnstraßen, die nicht ausdrücklich für Räder in beiden Richtungen freigegeben sind, gegen die Fahrtrichtung ist man verdammt gefährlich unterwegs. Neulich habe ich gelesen, dass es das Unfallrisiko verfünffacht. Frontalzusammenstöße unter Radfahrern sind enorm verletzungsträchtig.
Lie Down in memory of Road Traffic Accid by onlinejones, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-Noncommercial 2.0 Generic License   by  onlinejones 

Neulich kam ich auf dem Radweg um eine Rechtskurve und da schoss mir – gegen die Fahrtrichtung – eines dieser schnellen e-Bikes eines örtlichen Pizzalieferdienstes entgegen. Die Dinger sind fast 40 km/h schnell und schwer, die Reaktionszeit war also minimal. Wir haben einander nur deshalb knapp verfehlt, weil ich eine Vollbremsung hingelegt habe. Ich habe ihm dann freundlich, aber unmissverständlich die Meinung gesagt. Es wäre allen geholfen, wenn wir das öfter täten.

Und dann machen wir alle zusammen dasselbe (Meinung sagen) mit den Autofahrern, auch wenn die sich gern hinter getöntem Glas und lauter Musik verschanzen.

Share

Die Sprache der Brüderlichkeit und Schönheit

IMG_0087Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen.

Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen.

Papst Franziskus in der Enzyklika Laudato Si

 

Share

Bloß nicht grün werden

Da hatte ich doch eben Žižeks Feststellung erwähnt, die Vergangenheit werde ständig neu erfunden um Machtansprüche in der Gegenwart zu erheben, als ich über diesen Artikel von Elizabeth Stoker-Bruenig stolperte, der das Unbehagen katholischer Traditionalisten mit Papst Franziskus’ pragmatischem (statt dogmatischem) und dialogischem Zugang zur Vergangenheit beleuchtet. Dabei fallen ihr Widersprüche wie dieser auf:

The conservative reverence for the past does not necessarily mean that their tactics or politics to protect it will be properly traditional. … Thus conservatives can claim a deep attachment to the America of their grandparents while trying to dismantle labor unions and Social Security, mainstays of the era they profess to love.

Und sie fährt fort:

To insist that the Church differentiate herself from the world by adhering to the praxis of the past—be it saying Mass in Latin or ignoring man-made climate change because it is not present in biblical text—is to relate to the past in a wholly modern way. Those who ignored climate change in the Middle Ages did so because it was unknown, not because they intended to make a particular statement about the transcendent factual bearing of the biblical text. … To consider whether or not one would prefer to be modern is to be modern; the decision is already made.

Gegenwärtig, so Stoker-Bruenig, arbeitet der Papst an einem Papier zur Klimaproblematik, und Rechtskatholiken wie Neokonservative schießen schon lange vor dessen Erscheinen gegen seinen vermeintlichen Inhalt – etwa indem sie beklagen, der Papst kontaminiere die reine Lehre mit „grünem Heidentum“. Das ist freilich nur möglich, weil ausgerechnet jene, die sich auf die Vergangenheit berufen, dabei verdrängen, dass mit Franziskus von Assisi (oder Hildegard von Bingen, aber die dürfte ihnen schon deshalb noch suspekter sein, weil sie eine Frau war) schon einmal andere Zugänge zu Natur und Schöpfung da waren als neuzeitliche Ausbeutung und „Unterwerfung“ derselben.

Man kann ja gern verschiedener Meinung sein, was die Gegenwart und den zukünftigen Weg angeht. Wenn allerdings die immer schon passend gefilterte Vergangenheit dazu missbraucht wird, andere als Verräter an einem heiligen Erbe zu diskreditieren, dann ist das schlicht ein reaktionärer Backlash. Genau dieser Vorwurf wurde Jesus ja auch gemacht. Zudem kann natürlich auch kein Konservativer wissen, was Luther oder irgendeine andere kirchlich-theologische Normgröße täte, wenn sie oder er heute lebte. Relativ sicher sagen lässt sich hingegen: Sie täten vermutlich nicht exakt dasselbe wie zu ihren Lebzeiten. Es ist also kein Ausdruck von Respekt vor den Müttern und Vätern, ihr Lebenswerk zur kirchenpolitischen Keule zu machen. Stoker-Bruenig bilanziert abschließend:

the past cannot be recovered, but only shabbily reconstructed. It is most useful when considered an open matter. This is true of the past in our lives, of the past in politics, of the past in the Church: Dialogue is the most we can make of it. And that is enough.

Share

New York, Rio, Rosenheim und der „aufgeklärte“ Aberglaube

Kürzlich las ich einen Bericht zur Ebola-Problematik in Westafrika. Ein gravierendes Problem stellen die traditionellen Bestattungsriten dar, die vorsehen, dass die Familie den Leichnam gemeinsam wäscht und küsst, und wo das ausbleibt, da sucht der Geist des Verstorbenen die treulosen Hinterbliebenen heim. Angst und Unkenntnis führen dazu, dass sich immer mehr Menschen infizieren

Wir Europäer haben in den letzten Jahrhunderten gelernt, wie man Ansteckung vermeiden kann und an böse Geister glaubt auch kaum noch einer. Aber wir waren und sind zum Teil immer noch der Meinung, dass man unbegrenzt Klimagase in die Luft pusten kann, ohne dass etwas passiert. Und wenn sich etwas abzeichnet, dann postulieren wir andere Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, die unsere Lebensgewohnheiten unangetastet lassen. Die Folge: Der westantarktische Eisschild ist nach Ansicht vieler Experten dabei, unwiderruflich zu verschwinden (danke an Daniel Wildraut für den Lesetipp!). Der Meeresspiegel würde allein dadurch um etwa drei Meter ansteigen, egal, was jetzt noch geschieht. Sollte auch die Ostantaktis und Grönland abtauen, steigen die Ozeane bis zu 60 m und darüber an (Berlin liegt in Teilen nur 35, Köln 53 Meter über NN, und die Hamburger leben dann auf Hausbooten zwischen den Kirchturmspitzen ihrer versunkenen Stadt).

Ob Afrika oder Antarktis – das Phänomen ist dasselbe. Ein bestimmtes Weltbild mit seinen Lebens- und Denkgewohnheiten verhindert, dass wir Gefahren rechtzeitig erkennen und unsere Lebensweise umstellen. Der nicht mehr zu leugnende Klimawandel wird als eine Art Schicksal oder Fluch verstanden, den wir nicht verschuldet haben, ergo auch nicht ändern können. Es sind zwar keine Geister im Spiel, der westliche Aberglaube gibt sich ganz wissenschaftlich und aufgeklärt. In Wirklichkeit aber ist er selbstgefällig, rigide und denkfaul.

Passend dazu heißt es im Dossier „Denken“ des Philosophie-Magazins unter Verweis auf Hannah Arendt:

Das Gegenteil des Denkens ist nach Arendt nicht die Dummheit, sondern die Gedankenlosigkeit als der sorglose Unwille, eigene Überzeugungen kreativ in Frage zu stellen.

Und etwas später lese ich dort:

Wer sich in der Kunst, Unrecht zu haben, üben will, benötigt nicht zuletzt ein Selbstbewusstsein, das stark genug ist, fundamentale Erschütterungen des eigenen Glaubenssystems nicht als Verlust, sondern als möglichen Gewinn zu empfinden.

Vielleicht sollten wir alle im nächsten Jahrzehnt noch einmal möglichst viele Küstenstädte und -regionen aufsuchen, wenn diese demnächst von der Landkarte verschwinden. New York und Rio zum Beispiel. Unsere Enkel können dann, um bei den Sportfreunden Stiller zu bleiben, nur noch nach Rosenheim. Und dort werden dann auch deutlich mehr Menschen leben, denn viele Küstenregionen sind extrem dicht besiedelt.

Und auf irgendeiner schwimmenden Insel setzen wir Hannah Arendt und den so oft und übel geschmähten Klimaforschern ein Denkmal.

Share

Viel Lärm um fast nichts

Die Nachricht stand ganz oben in den Portalen: Die USA wollen die Emissionen aus Kohlekraftwerken bis 2030 um 30% senken. Aber wie immer muss man das Kleingedruckte lesen, bevor man sich freut. Dass die Amerikaner sich Ziele setzen, ist ja nicht selbstverständlich, und vielleicht liegt der Wert dieser Nachricht eher darin, dass sie es nun doch tun. Vielleicht jedenfalls.

Das Ziel an sich gibt nämlich keinen Anlass zum Jubel: Die Kohlekraftwerke verursachen 30% des Kohlendioxidausstoßes der USA, davon sollen 30% reduziert werden, aber diese 30% sind nicht vom heutigen Stand aus gerechnet, sondern am Ausstoß des Jahres 2005 bemessen, wie zu hören war. Seither sind schon rund 15% geschafft, es folgen also in 16 Jahren noch einmal 15%.

Die ganze Aktion macht unter dem Strich gerade mal 4,5% aus. Und dagegen laufen jetzt Republikaner und Kohlelobby Sturm. Wenn die SZ diese Senkung als „drastisch“ bezeichnet, dann hatte der Redakteur wohl gerade seinen Taschenrechner verlegt.

DSC01836_HDR.jpg

Share

Ökomission und Ökogerechtigkeit

Während die Christen im Westen es sich leisten können, den Klimaskeptiker zu geben und vor der vermeintlichen „Ökodiktatur“ zu warnen, leben die Christen in Ozeanien täglich mit den Folgen der Veränderungen in der Atmosphäre, die wir ihnen ungebeten eingebrockt haben. Auf der Website von Lausanne International ist die theologische Arbeit zu diesem Problem dokumentiert.

Seit dem Jahr 1900 ist der Meeresspiegel um 19 cm angestiegen. Salzwasser dringt in Süßwasserreservoirs ein. Menschen verlassen ihre Heimat und verlieren ihre Kultur und Wurzeln. Viele Christen fühlen sich von Gott verlassen und deuten die Ereignisse als einen göttlichen Fluch, nicht als eine von Menschen gemachte und zu verantwortende Katastrophe. Dem setzen die Theologen aus dem südwestpazifischen Raum entgegen:

  • Im Evangelium geht es nicht nur um individuelles Heil, sondern um die ganze Schöpfung.
  • Ökomissiologie hat es mit der Schöpfung zu tun, weil Gott uns mit und nicht von der Welt rettet.
  • Ökomissiologie ist eine Frage der Ökogerechtigkeit, weil die Armen der Welt unter den Umweltschäden am meisten leiden.
  • Sie schließt eine Ökospiritualität ein, eine neue Wahrnehmung der Schöpfung, und erkennt die Sorge um die Schöpfung als einen eigenständigen Aspekt und eine Form von Mission an.

Vielleicht finden diese Gedanken (und die praktischen Folgerungen, etwa für Missions- und Hilfsorganisationen) auch in unseren Breiten bald Gehör. Vor allem bei jenen, die solche Themen bisher nicht unter Mission (und damit nicht als den eigentlichen Auftrag von Kirche) subsumiert haben und lieber weiterhin bloß „Seelen retten“ wollen.

Inzwischen verstreicht wertvolle Zeit: In der EU stehen demnächst wichtige Entscheidungen zur Energie- und Klimapolitik an. Die Bundesregierung hat die ohnehin schon bescheidenen Ziele aus dem Koalitionsvertrag weiter aufgeweicht. Dabei würde eine Beschleunigung der Energiewende die Kosten senken und käme mit weniger umstrittenen Stromtrassen aus, wie Greenpeace heute vorgerechnet hat.

 

Share

Der grüne Heilige

Die letzten Tage habe ich in Helmut Felds kurzer und informativer Franziskus-Biografie gelesen und neben manchem schon Vertrauten auch ein paar Dinge entdeckt, die mir noch nicht so bewusst waren. So zum Beispiel diese Episode in der Frühzeit seiner Bewegung:

Franziskus geriet, sowohl aufgrund von Skrupeln wegen der Sünden seiner Jugend als auch wegen der Zukunft seiner Bruderschaft in Zweifel, Ängste und Depressionen. Das änderte sich, als sich Franziskus mit seinen nunmehr sechs Gefährten in das Tal von Rieti begab, das damals noch fast ganz von dem heute zu einem kleinen Teich zusammengeschrumpften See ausgefüllt wurde. Die Bevölkerung dieser landschaftlich sehr schönen Gegend nahm Franziskus freundlich auf.

Die Zuneigung der Menschen und die Schönheit der Natur hatten vor allem auch eine heilende Wirkung auf Franziskus. Es scheint, dass er auch letzteres nicht vergaß. Vielleicht war es auch schon Teil seines Frömmigkeitsmusters, vom den Feld schreibt:

Friedensverständnis und Friedenspraxis des Franziskus wurzeln letztlich in seiner Auffassung von Schöpfung und Erlösung. Nicht nur die „bösen“ Weltleute, sondern auch die Tiere, Pflanzen und Naturelemente sind Kinder eines guten Schöpfers, untereinander Geschwister und zur endgültigen Erlösung bestimmt.

Und in der Betrachtung des berühmten Sonnengesangs kommt Feld zu dem Schluss:

In seinem Verständnis waren die Tiere, die Pflanzen und die großen Naturerscheinungen, wie Sonne, Mond, Erde, Feuer, Wind und Wasser, beseelte Wesen, die von Gott geschaffen und auch zum endgültigen Heil berufen waren.

… Franziskus teilt diese Auffassung [dass alle Geschöpfe Anteil haben an Gottes Leben] mit dem Katharertum seiner Zeit. Doch im Unterschied zu dem katharischen Weltbild, das in der Schöpfung das Werk zweier göttlicher Mächte, der guten und der bösen, sah, erkennt Franziskus in allen Dingen eine „untergründige Güte“ (fontalis bonitas), die ihren Ursprung in einem einzigen, guten Gott hat.

So verstörend seine Haltung zum eigenen Körper und zur Sexualität war, so einfühlsam konnte er wiederum seinen Mitgeschöpfen begegnen. Aus den Berichten seiner Gefährten wissen wir, wie sehr ihm die am Herzen lagen:

Er konnte aus der Fassung geraten, wenn es jemand an Ehrfurcht gegenüber den Kreaturen fehlen ließ (Leg. Per. 86). Dieser Haltung entspricht sein Eintreten für Erhaltung und Schonung der Natur. […] Er sammelte Raupen und Würmer vom Weg ein, damit sie nicht zertreten würden; wenn er im Winter Bienen zu Gesicht bekam, ließ er sie mit Honig und Süßwein füttern, um ihr Überleben zu sichern (I Cel 80). Wenn die Brüder Brennholz schlugen, wies er sie an, den Stamm nicht an der Wurzel abzuhauen, sondern einen Stumpf stehen zu lassen, der wieder ausschlagen konnte; der Gärtner sollte um den (Kloster-) Garten herum nicht kultivierte Landstreifen übrig lassen, damit die wilden Pflanzen und Blumen zu ihrer Zeit Zeugnis geben könnten von der Schönheit des Vaters aller Dinge;

DSC03975.JPG

Share

Aktive Hoffnung (5): Gemeinschaft, die Kreise zieht

Eine der großen Schattenseiten unserer Zivilisation ist die Einsamkeit und Isolation, die schlimmstenfalls solche Tragödien wie die jüngst in London entdeckte hervorbringen, aber auch viel alltäglicheres seelisches Leid. Wir können erstaunlich lange andere ignorieren und selbst möglichst unbehelligt in unserer jeweiligen Blase bleiben – solange wir keine akute Not erleben. Dieser Rückzug ins Private und auf den eigenen Nutzen schadet jedoch dem Gemeinwesen, was den Rückzug derer, sie ihn sich leisten können, wiederum forciert.

Und so sind es oft Naturkatastrophen, die Menschen zusammenbringen und über allem materiellen Verlust soziales Kapital in Form eines funktionierenden und lebendigen Gemeinwesens hervorbringen. Macy und Johnstone zitieren eine Katastrophenhelferin aus Kanada, die beschrieb, wie die Solidarität mit Tornado-Opfern sich ausgesprochen belebend auch auf die Helfer auswirkte. Es wuchs das Bewusstsein, dass niemand sein Glück allein sich selbst verdankt und dass umgekehrt niemand mit seinem ebenso „unverdienten“ Unglück allein bleiben darf. Freilich ist das kein Automatismus, gerade eine diffuse Wahrnehmung von Gefahr führt oft zum Gegenteil: Misstrauen und Sündenbock-Strategien.

Die gegenseitige Anteilnahme am Leid und der Trauer anderer ist eng verwandt mit dem Bewusstsein, dass wir alle gemeinsam vielfältigen Gefahren ausgesetzt sind. Macy verweist auf die buddhistische Geschichte der Shambhala-Krieger, deren „Waffen“ Einsicht und Mitgefühl sind, und für die der Konflikt zwischen Gut und Böse im Inneren eines jeden Menschen ausgetragen wird. Auch hier lässt sich eine gedankliche Nähe zu ähnlich gelagerten christlichen Vorstellungen (z.B. Epheser 6) erkennen.

Diese Gemeinschaftsbildung geschieht in vier sich erweiternden Sphären:

  1. Die überschaubare Gruppe, in der ich mich heimisch fühle. Hier gebrauchen die Autoren einen schöne Formulierung, wenn sie von Gruppen schreiben, die die einzelnen darin unterstützen, in der Welt ihren bestmöglichen Beitrag zu leisten. In solchen Gruppen kann die andere Story, in der die einzelnen leben wollen, ausgesprochen, gehört und praktiziert werden. Von da aus kann und muss die Bewegung weitergehen in
  2. unser gesellschaftliches Umfeld. Dort können aus kleinen Anfängen Initiativen, Netzwerke und Bewegungen entstehen wie Sarvodaya Shramadana in Sri Lanka oder das Transition Movement. Aber auch da bleibt es nicht stehen, schließlich betreffen viele Krisen
  3. die Menschheit insgesamt, als globale Erscheinung. Letztlich kann sich niemand völlig vom anderen abschotten. Daher ist es wichtig, statt des materiellen Reichtums einzelner Individuen den sozialen Reichtum einer Gemeinschaft zu entdecken, in der jeder willkommen ist.
  4. Im letzten dieser konzentrischen Kreise treffen wir auf die Erde als die Gemeinschaft allen Lebens, und auch hier geht es zunächst darum, dass wir uns bewusst machen, wie wir mit der uns umgebenden Schöpfung schon immer in einer wechselseitigen Beziehung des Gebens und Nehmens stehen, die viele Menschen freilich sehr einseitig interpretieren.

Sind diese Gedanken theologisch anschlussfähig? Mit dem Heiligen Franziskus können wir Christen hier von Mutter Erde, Bruder Mond und Schwester Sonne sprechen. Und vorgestern habe ich in „Gemeinsam für das Leben“ diesen Satz gelesen: „In vielerlei Hinsicht hat die Schöpfung selbst eine Mission im Blick auf die Menschheit; so hat die Natur zum Beispiel eine Kraft, die Herz und Leib des Menschen heilen kann.“

341.JPG
Share

Aktive Hoffnung (4): Aufstand der Chabos

Ohnmachtsgefühle sind die häufigste Reaktion auf die großen sozialen und ökologischen Krisen des 21. Jahrhunderts. Um nachhaltig etwas zu verändern, sagen Macy und Johnstone, müssen wir die Machtfrage stellen. Das Verständnis von und der Umgang mit Macht muss radikal neu bestimmt werden. Und ihre Neuausrichtung erinnert, ohne dass das explizit thematisiert würde, an Markus 10,42ff.

In die Krise geraten sind wir durch einen Machtbegriff, der auf Überlegenheit und Dominanz setzt. Der Mächtige unterwirft den Ohnmächtigen seinem Willen und setzt seine Vorstellungen auf Kosten anderer durch. Macht spaltet die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, sie wird zur käuflichen Ware durch Wahlkampfspenden und Korruption (die Grenzen sind fließend), sie führt zu immer weiteren Konflikten und schafft ein Klima von Angst und Misstrauen, das durch einen aberwitzig teuren Sicherheitsapparat kompensiert werden muss.

Diese Art von Macht – Babo-Power, gewissermaßen – verhindert, dass Menschen lernen, denn schon das Eingeständnis, etwas nicht gewusst oder – schlimmer – sich geirrt zu haben, wird als Schwäche interpretiert. Zur alten, herkömmlichen Story der Macht gehört daher auch die Einsamkeit der Mächtigen – auch derer, die eigentlich aus dieser Form der Machtausübung aussteigen wollen und am Misstrauen ihrer Zeitgenossen scheitern.

Die neue Geschichte der Macht verabschiedet sich von diesem Dualismus des Oben und Unten, sie setzt ein anderes Selbstkonzept voraus als das der Objektivierung der Umwelt und dem Drang, sie zu kontrollieren, ein Selbst-in-Beziehung, das partnerschaftlich denkt und handelt. Der Gegensatz von Egoismus und Altruismus fällt damit in sich zusammen, dass der andere auch zu mir gehört und ich sein Wohlergehen als einen Gewinn empfinde. Dafür verwenden Macy und Johnstone den Begriff „Synergie“.

Synergie ist aber mehr als eine Bündelung von Kräften und Interessen, sondern sie führt auch zu Emergenz, indem sie unvorhergesehene neue Möglichkeiten eröffnet, die aus Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Akteuren und Elementen des Systems erwachsen. Das neue Ganze ist deutlich mehr als die Summe seiner Teile, und da wo der einzelne seinen Beitrag, so lange er ihn isoliert betrachtet, noch als Tropfen auf den heißen Stein versteht, da schöpft er Hoffnung in dem Augenblick, wo ihm deutlich wird, dass er selbst Teil einer viel größeren Bewegung ist und dass sein Beitrag durch andere ergänzt und vervollständigt wird, von denen er bisher vielleicht gar nichts wusste.

Visionen sind die Energie, die ein solches Beziehungsnetz entstehen und wachsen lassen. Ein Paradebeispiel wäre Nelson Mandelas Einsatz gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit und Frieden in Afrika. Wichtig ist diese positive Emergenz solcher Netzwerke auch deshalb, weil viele Krisen die Folgen negativer Emergenz sind – von Einstellungen und Handlungen, die jeweils für sich genommen harmlos wirken, deren kumulativer Effekt jedoch verheerend ist. Aber auch die Lösungen, die jeden einzelnen überfordern würden, funktionieren so: Jede Tat zieht Kreise, und auch wenn sich nicht jede positive Folge eindeutig einem einzelnen Impulsgeber zuordnen lässt (so wie sich eine gute Idee auch keiner einzelnen Gehirnzelle), haben wir doch gemeinsam etwas erreicht. Die Frage dabei lautet also: „Was geschieht gerade durch mich?“ Ist es eher „Business as usual“ oder bin ich ein aktiver Teil der „großen Wende“?

In dem Augenblick, wo jemand nicht nur fragt: „Was bringt’s mir?“, sondern „was kann ich beitragen?“ wird man auch immer wieder auf Verbündete stoßen, die man nicht auf der Rechnung hatte. Dieses Bewusstsein, Unterstützung zu erfahren und getragen zu werden und so über sich hinaus zu wachsen, nennen Macy und Johnstone „Gnade“. Mir scheint, sie verstehen das ganz ähnlich wie Tolkien es im „Hobbit“ beschreibt (Tolkien hatte ja neben der „sozialen“ immer auch die ökologische Bedrohung im Blick). Nicht nur wächst Bilbo über sich hinaus, als er sich um anderer Willen in Gefahr begibt, nicht nur finden Elben und Zwerge und Menschen zusammen, sondern in den düstersten Momenten fliegt urplötzlich ein Adler daher oder eine unscheinbare Amsel benimmt sich auffällig…

Share

Die Wahrheit liegt im Eis

Chasing Ice ist ein wunderbarer Film, weil James Balog ein fantastischer Fotograf ist – und ein leidenschaftlicher Aktivist für das Leben auf diesem Planeten insgesamt. Und weil er verstanden hat, dass es das Staunen über die Schönheit der arktischen Eiswelten ist, das uns bereit macht, uns dem Schmerz über deren Sterben zu stellen und zu verstehen, dass die Gletscher heute im globalen Klima das sind, was früher die Kanarienvögel im Bergwerk waren: Ihr Tod ist ein ernstzunehmendes Alarmsignal.

Ich wünschte, jeder würde diesen Film sehen und danach mit all den gemischten Gefühlen sich zu ein paar sinnvollen Schritten verlocken lassen, die Bewegung in den Stillstand in Sachen Klima bringen. Die Häufung der Signale war in diesen Tagen ja nicht zu übersehen:

Deprimierend ist das Ganze auch deshalb, weil immer auf den Kosten der Wende herumgeritten wird und die Kosten des Abwartens und Nichtstuns nie in den Blick kommen – vielleicht aus deshalb, weil diesen Preis eben (noch) nicht die Verursacher der globalen Erwärmung zahlen, sondern die Küstenbewohner tropischer Meere, die Inselstaaten im Pazifik, die Opfer von Tornados und Waldbränden, die Kleinbauern, die heute unter Dürre und morgen unter Überschwemmungen leiden, von denen niemand im S-Klasse Mercedes beim Bäcker drei Ecken weiter fährt oder fünf Flugreisen im Jahr unternimmt und sein Geld in Aktien von Firmen angelegt hat, die alles andere als nachhaltig wirtschaften.

Besser als deprimiert zu sein wäre es, sich konstruktiv aufzuregen und gerade in diesen Tagen öffentlich Druck zu machen auf die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft.

Noch wichtiger aber: mehr Menschen für das Thema sensibilisieren. Der mehrfach ausgezeichnete Streifen Chasing Ice ist ein bezaubernd schönes Medium dafür.

Share

Aktive Hoffnung (3): Es beginnt mit Dankbarkeit

Wer meint, man könne Menschen durch Kosten-Nutzen-Rechnungen dazu bringen, ihre Gewohnheiten zu ändern und Rücksicht auf Mitmenschen und Mitgeschöpfe zu nehmen, der irrt vermutlich ebenso wie jemand, der stets mit allerlei Schreckensmeldungen aufrütteln will (oder wie jemand, der mit drastischen Botschaften über die Hölle müde Gemeinden für Mission mobilisieren möchte…?). Der Weg über die Dankbarkeit ist deutlich vielversprechender.

Dankbarkeit ist ein soziales Gefühl, sagen Macy und Johnstone. Sie macht uns anderen zugetan und wohlwollend. Je ausgeprägter jemand Dankbarkeit empfindet, desto eher wird er eine Gefälligkeit erwidern oder einem Fremden zu Hilfe kommen. Anders als der auf Gegenstände fixierte Materialismus führt Dankbarkeit als Beziehungsphänomen dazu, dass Menschen glücklicher und zufriedener sind. Während die Werbung ständig uns Unzufriedenheit einreden will, uns auf das fixiert, was wir (noch) nicht besitzen, um den Konsum in Schwung zu halten (mit all den fatalen Folgen für den Planeten), freut sich die Dankbarkeit an dem, was schon ist.

Dankbarkeit fällt uns nicht immer leicht, aber sie lässt sich einüben, auch wenn in manchen Lebenssituationen nicht alles nach Wunsch läuft. Dann ist sie umso wichtiger, denn Unrecht und Gewalt zerstören das Vertrauen und den Glauben an das Gute. Schön und für Christen völlig kompatibel (Hildegard von Bingen hätte ihre Freude daran gehabt) haben das die Haudenosaunee in ihrem Aufruf zum Umdenken ausgedrückt:

Uns ist gesagt, dass die ersten Menschen, die über die Erde gingen, mit allem ausgestattet waren, was sie zum Leben brauchten. Wir sind angewiesen worden, Liebe für einander zu hegen und allen Wesen auf dieser Erde große Achtung entgegenzubringen. Und wurde gezeigt, dass unser Leben mit dem Leben der Bäume zusammenhängt, dass unser Wohlergehen vom Wohlergehen der Vegetation abhängt, dass wir mit den Vierbeinern eng verwandt sind. In unseren Wegen ist das spirituelle Bewusstsein die höchste Form der Politik…

Wenn Menschen aufhören, all diesen Dingen mit Achtung und Dankbarkeit zu begegnen, dann wird alles Leben vernichtet und das menschliche Leben auf diesem Planeten wird zu Ende gehen.

Das Wort „Dankbarkeit“ bei den Indianerstämmen der Haudenosaunee hießt wörtlich übersetzt: „die Worte, die vor allen anderen kommen“. Sie bilden den Auftakt zu jeder ihrer Versammlungen. Darin steckt eine tiefe Weisheit: Dank stärkt das Bewusstsein des Eingebundenseins in ein großzügiges Geflecht des Teilens, das unser Leben trägt und ermöglicht. In der Welt des „Business as Usual“ hingegen befindet sich fast alles im Privatbesitz, und für alles, was uns nicht gehört, empfinden wir auch keine Verantwortung, weil wir für Zugehörigkeit nur diese Kategorien aus der Welt der Objekte haben.

Verstehen wir aber unsere Zugehörigkeit in diesem lebendigen globalen Ökosystem (für Theologen: dass wir durch die Zugehörigkeit zu Gott mit allem verbunden sind, was lebt und was Gott geschaffen hat und liebt), dann wächst der Wunsch, für die empfangenen Wohltaten etwas zurückzugeben. Nun lässt sich das insofern schwer umsetzen als der Sauerstoff, den wir atmen, von Pflanzen in die Atmosphäre gebracht wurde, die längst nicht mehr da sind. Hier sprechen die Autoren nun vom „giving forward“ – wir fangen an zu überlegen, was wir künftigen Generationen von Lebewesen auf diesem Globus Gutes hinterlassen können.

 

Share

Aktive Hoffnung (2): Die Spirale umkehren

In den großen Abenteuergeschichten stehen die Helden in der Regel zu Beginn auf verlorenem Posten, schreiben Joanna Macy und Chris Johnstone in Active Hope: How to Face the Mess We’re in Without Going Crazy. Es ist eben das Eigenartige an der Hoffnung, dass sie nicht primär mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet, sondern von der tiefen Sehnsucht nach einem guten Ausgang lebt. Und dass sie aus dieser Sehnsucht eine immense Kraft schöpft.

Um der ökologischen und mentalen Abwärtsspirale etwas entgegenzusetzen, ist es nicht genug, mit Problemanalysen zu arbeiten. Der Ausgangspunkt für ein hoffnungsvolles Engagement muss vielmehr

  1. die Dankbarkeit sein: Für die Schönheit unserer Welt, für das Geschenk des Lebens, für alles Geben und Nehmen. Von der Freude führt die Bewegung dazu,
  2. den Schmerz über die Zerstörung zu seinem Recht kommen zu lassen, der häufig unterdrückt oder ignoriert wird. Aber nur der wirklich angenommene Schmerz sensibilisiert für Gefahren und offenbart das vorhandene Mitgefühl – in beidem drückt sich unsere Verbundenheit mit den Mitgeschöpfen aus. Diese Verbundenheit ermöglicht
  3. neue Sichtweisen einer im innersten tief verbundenen Welt, und wir finden Ansporn und Ansätze dazu in den Wissenschaften, in den spirituellen Traditionen und in unsrer Vorstellungskraft. Neue Perspektiven helfen, neue Möglichkeiten zu entdecken. Und von denen gilt es, dann auch
  4. entschlossen Gebrauch zu machen und das in konkrete Ziele und Schritte zu fassen und einen eigenen, konstruktiven Beitrag zu den nötigen Transformationsprozessen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu leisten.

Jedes der vier Elemente dieser Spirale stärkt unsere Verbundenheit mit unserer Welt und macht es möglich, daraus Kraft und Mut zu schöpfen. Es ist also kein bloßer Aktivismus, sondern auch ein Gewinn an Resilienz.

Christen – das ist jetzt meine Ergänzung – können sich hier wunderbar daran erinnern, dass Gottes Geist einerseits die lebensspendende Kraft der Schöpfung und Neuschöpfung ist, und zugleich das verbindende Element – nicht nur in der Trinitätslehre zwischen Vater und Sohn, sondern auch zwischen Schöpfer und Geschöpfen wie auch der Geschöpfe (und zwar aller Geschöpfe!) untereinander. Tiefenökologie und christliche Pneumatologie lassen sich also ähnlich gut in Beziehung setzen wie das auf dem Gebiet der Eschatologie funktioniert.

993.jpg

Share

Aktive Hoffnung – drei Stories

Ich bin den Gedanken von neulich etwas mehr nachgegangen und zwar mit dem Buch Active Hope: How to Face the Mess We’re in Without Going Crazy von Joanna Macy und Chris Johnstone. Die Autoren beschreiben dort drei unterschiedliche Erzählungen, an denen wir uns Lebensgefühlt und unsere Entscheidungen in der Regel ausrichten. Damit aber prägen sie den Umgang mit Schöpfung, Umwelt

Die erste Geschichte heißt „Business as Usual“. Wir machen einfach weiter wie bisher und hoffen, das mehr vom Selben (d.h. Wirtschaftswachstum) uns eine stabile und lebenswerte Zukunft beschert, schließlich hat das ja lange ganz gut funktioniert für die meisten von uns. Es geht darum, vorwärts zu kommen (als einzelne, als Firma, als Nationalstaat) – für die Probleme anderer sind wir hingegen nicht zuständig.

Die zweite Geschichte ist die vom großen Absturz: Die Wirtschaft erlebt verheerende Einbrüche, die Ressourcen sind endlich und dieses Ende wird desto schneller erreicht, je weniger wir die Endlichkeit im Blick haben und alles zumüllen, das Klima wandelt sich und das Artensterben beschleunigt sich, soziale Spaltung und gewaltsame Konflikte nehmen zu oder dauern unvermindert an.

Diese beiden Erzählungen stehen in krassem Widerspruch zu einander. Die eine immunisiert Menschen gegen drohende Katastrophen, die andere kann in Hoffnungslosigkeit umschlagen. Als dritte Option steht noch die Geschichte von der großen Wende im Raum: Die Lage ist zwar sehr ernst, aber noch besteht die Möglichkeit, etwas daran zu verändern, und wer es ernsthaft versucht, der entdeckt mehr Verbündete, als er zu hoffen gewagt hatte.

Bevor ich die letzte Geschichte noch etwas genauer beschreibe, vielleicht kurz noch dies: Sie steht der christlichen Eschatologie deutlich näher als die beiden anderen. Weder sieht der christliche Glaube die Welt auf einem steten Aufstieg durch Fortschritt und Wachstum, noch sieht sie alles hoffnungslos im Verfall begriffen. Und nicht zuletzt sieht sie Gott als treibende Kraft in und hinter allem Wandel zum Guten. Strukturell also steht die Geschichte von der großen Wende dem Evangelium am Nächsten, auch wenn von Gott da (noch) keine Rede ist.

Damit es zu dieser ökologisch-sozialen Wende kommt, muss auf drei Ebenen etwas vorangehen – beziehungsweise „zurück“, nämlich in eine gesunde Richtung: Erstens geht es um Wege, die weitere Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und Ökosysteme zu verhindern. Zweitens brauchen wir neues, kreatives Denken und dann auch Strukturen und Systeme, die den Wandel befördern: Kommunikation, Ökonomie, Transportwesen, Landwirtschaft, Bildung, Psychologie etc. Auch diese wachsen nur allmählich heran, aber ohne sie laufen wir der Zerstörung immer nur hinterher. Drittens aber ist ein Bewusstseinswandel erforderlich. In der Wissenschaft wir im Bereich der Spiritualität haben Menschen in den letzten Jahren entdeckt, dass wir nicht nur ein Teil unserer Welt sind, sondern wie alles mit allem zutiefst zusammenhängt.

Nicht jeder wird überall gleichzeitig einsteigen, aber gemeinsam sollte man alle Ebenen im Blick behalten, wenn der Wandel nicht versanden soll. Mehr dazu in Kürze.

Share