Konsumgesellschaft

(hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3)

Von Immunisierung war die Rede: Wir leben in einer abgestumpften Welt. Täglich werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt bombardiert. Diese ständige Begleitmusik kann sensible und verantwortungsbewusste Menschen in die Erschöpfungsdepression stürzen. Bei vielen bewirkt sie aber auch genau das Gegenteil, nämlich eine resignative Teilnahmslosigkeit und ein Desinteresse an der Frage nach den Hintergründen und Ursachen gewaltsamer Konflikte, sozialer Ungleichheit oder des ökologischen Raubbaus, in die wir verstrickt sind, und die uns auch dann etwas angehen, wenn wir nicht überall anpacken können, wo gerade Hilfe gebraucht wird.

Welch ein Glücksfall also, wenn uns prophetische Stimmen stören und aufrütteln: "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt“, hieß es in einem Flugblatt der Weißen Rose. Eine solche Kritik lässt sich freilich kaum ritualisieren und zum festen Bestandteil unserer mehr oder weniger formellen Liturgie umfunktionieren, sie muss je nach Situation stören und unterbrechen. Wir können allerdings darum bitten, dass solche Störungen geschehen.

Und dann es gibt es ja auch noch das: Ab und zu mutet die Perikopenordnung des Kirchenjahres uns einen sperrigen Text zu, an dem wir uns reiben können. Manchmal greift eine mutige Predigt den Anstoß auf. Das riskante Wagnis der Stille trägt dazu bei, dass wir unsere Selbsttäuschungen erkennen. Und gelegentlich findet man auch Lieder, die uns den Blick auf eine leidende Welt offen halten, zum Beispiel dieser Text der schottischen Pfarrerin Kathy Galloway aus dem Liederbuch der Iona Community:

Zieh dich nicht zurück in deine private Welt

jenen Ort der Sicherheit, geborgen vor dem Sturm

wo du deinen Garten pflegst und deine Seele suchst

und mit deinen Lieben am warmen Feuer ruhst.

Einen Garten zu pflegen ist etwa Kostbares

aber noch wertvoller ist der, den alle betreten dürfen

das Unkraut von Gift, Armut und Krieg

verlangt nach Deiner Aufmerksamkeit, wenn die Erde dein Zuhause ist.

Wir brauchen es also nicht ausschließlich den Propheten zu überlassen, uns immer wieder daran zu erinnern, dass wir in der Begegnung mit Gott nicht nur die Freude, sondern auch seinen Schmerz teilen, und dass wir dieser Begegnung mit seinem Schmerz nicht ausweichen können, wenn es uns um eine echte und tiefe Beziehung zu ihm geht.

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Die Lobpreis-Traditionen sind ja vergleichsweise jung. Vielleicht steckt ja noch Entwicklungspotenzial darin. Ich frage mich seit einigen Monaten, ob wir nicht über eine Erweiterung des Repertoires an Metaphern, Begriffen, theologischen Konzepten nachdenken müssten, die uns dabei helfen, Gottes und unseren Bezug zur Welt stärker in den Blick nehmen. Die Dank und Klage, Freude und Trauer, reines Herz und Hunger nach Gerechtigkeit verbinden. So dass am Ende alle den Gottesdienst verlassen, um draußen in der Stadt wie Mutter Theresas Schwestern zu schauen, wie Jesus sich heute wohl wieder verkleidet hat.

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(Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2)

Die Sprache des Konsums ist in den meisten Gemeinden längst angekommen und zeigt an, wie sehr sich die dazugehörige Mentalität verbreitet hat. Als Ausdruck dieser Mentalität lässt sich der folgende Liedtext lesen: „Mein Freudeschenker, mein Heimatgeber, mein Glücklichmacher und mein Schuldvergeber, mein Friedensbringer und mein Worteinhalter, mein Liebesspender bist Du.“ Die Sequenz zusammengesetzter Substantive beschreibt die Gottesbeziehung ausschließlich in der Sprache der Funktionalität und der Wirkung auf das individuelle Wohlbefinden.

Viele Christen kommen in den Gottesdienst, um nach eigenen Worten dort „aufzutanken“, etwas „mitzunehmen“ – aber kaum, um zusätzliche Lasten auferlegt zu bekommen, etwa weil sie dort mit Fragen nach sozialer Gerechtigkeit konfrontiert werden, auf die es keine einfache und schnelle Antwort gibt.

Himmelsleiter

Der ausgewiesene Zweck des Gottesdienstbesuchs ist es in diesem Fall, bis zum nächsten Sonntag möglichst reibungslos zu funktionieren, in der Familie und natürlich auch im Beruf, wo man auf göttlichen Beistand hofft, um auf immer ungewisseren Karrierepfaden doch irgendwie den Aufstieg zu schaffen (oder wenigstens den Abstieg zu vermeiden).

Vom Aufstieg ist interessanterweise auch in vielen modernen Lobpreisliedern die Rede: Um dem erhabenen Gott zu begegnen, muss erst ein spiritueller Höhenunterschied bewältigt werden. Statt den in unsere Welt heruntergekommenen Gott zu feiern, der sich (wie etwa Luther unaufhörlich betonte) nur in aufreizender Niedrigkeit einer Krippe und dem bitterem Leid am Kreuz zu erkennen gibt, dreht sich nun wieder viel um sterile Herrlichkeit und Hoheit, um Glanz und Pracht, Gold und Engel.

Das sind zwar auch alles biblische Aussagen. Aber sie waren ursprünglich trotzige Gesänge im Munde einer gefährdeten Märtyrerkirche. Nun sind es Himmelsvisionen eines Christentums, das in Gott die Steigerung und ultimative Erfüllung seiner Wohlstandsideale zu finden meint, und nicht etwa deren radikale Kritik im Namen einer humanen und gerechten Welt für alle.

Und so vermittelt das bei gleichem Wortlaut eine völlig andere Botschaft. Ein ähnlicher Zwiespalt tut sich auf in zahlreichen Tempel-Analogien, die uns in Liedgut und Liturgie begegnen. Sie verschweigen und verdunkeln geradezu die Bewegung Gottes in die Welt hinaus oder vom Himmel herab und erwecken letztlich den Anschein, man müsse dem Alltag und den Mitmenschen erst bewusst den Rücken kehren, um ihm dann zu begegnen. Wenn man so denkt, dann rechnet man kaum noch damit, dass man Gott anderswo antreffen könnte als im Außergewöhnlichen.

Dazu kommt: Wo in diesem Kontext dann tatsächlich vom Kreuz die Rede ist, da steht es oft für die rückstandfreie Entsorgung unserer Schuld und dafür, dass Jesus die Zeche für uns bezahlt hat, damit wir einigermaßen sorglos und unbehelligt weiterleben können. Vom gegenwärtigen Leid unserer Mitmenschen und Mitgeschöpfe ist dabei nur ganz selten die Rede, wie in dem oben zitierten Text dominiert nicht das „wir“, sondern das „ich". So droht der Gottesdienst hier drinnen zur Immunisierung gegen das Leid der anderen „da draußen“ zu werden.

(Fortsetzung folgt)

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(Hier geht es zu Teil 1)

Nun ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt nichts Falsches, solange sie uns nicht zum Selbstbetrug verleitet – zum Rückzug aus der leidenden Welt, zu einer Spiritualität des Wegschauens. Diese Aufforderung zum „Wegschauen" ist mir am Beginn vieler Gottesdienste schon begegnet, und insofern sie sich darauf bezieht, dass ich aufhöre, ständig um mich selbst zu kreisen und meine Sorgen und Bedürfnisse als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten, sind sie durchaus angebracht. Wo, wenn nicht im Angesicht Gottes, kann ich mich selbst einmal im besten Sinne des Wortes vergessen?

Foto: Mary Belykh via Flickr/creative commons 2.0

Oft aber sind das auch Aufforderungen gewesen, sich auf Gott unter Absehung vom zwiespältigen Zustand seiner (und unserer) Welt auszurichten. Wir laufen damit Gefahr, aus dem „Himmel“, von dem wir in unseren Liedern so gerne singen, ein hohles Wolkenkuckucksheim zu machen. Im alten Israel hat Gott diesem Hang zur Verdrängung drastisch widersprochen (Amos 5,21-24):

Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie

und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt,

ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.

Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören,

sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos hatte es mit einer Situation zu tun, in der die Kluft zwischen Arm und Reich sprunghaft angewachsen war. Die Oberschicht schottete sich – wie heute das reiche Europa zweifellos überzeugt davon, dass sie ihre Privilegien „verdient“ hatte – vom Leid der Verlierer ab. Armut wurde (wie heute vielfach wieder) als selbstverschuldet verstanden und als Makel behandelt. Wohlstand hingegen galt als ein Zeichen des göttlichen Segens, und um diesen zu feiern, ließ ein Besserverdiener im Tempel auch mal ordentlich was springen. Doch dann stört dieser ungehobelte Partyschreck im Namen Gottes die andächtige Stimmung mit dem Hinweis darauf, dass Gott die ganze Sache stinkt.

Dabei sind, um die Kritik des Propheten noch etwas weiter zu entfalten, keineswegs nur die Lieder das Problem, es können auch die Predigten sein: Als im 19. Jahrhundert das Industrieproletariat entstand, bezeichnete kein Geringerer als Goethe die Predigten des Erweckungspredigers Friedrich Wilhelm Krummacher, die zwar die persönliche Moral, Heiligung und den rechten Glauben betonten, aber die sozialen Missstände unberührt ließen, als „narkotisch“. Friedrich Engels, Sohn eines frommen Fabrikanten aus Wuppertal, fand noch viel drastischere Worte.

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Den folgenden Text habe ich für eine Mitarbeiterhilfe des CVJM geschrieben, und diesen ersten Teil auch vor einigen Monaten schon einmal gepostet unter dem Titel „Die Singkrise“. Damit auch die folgenden Gedanken nachvollziehbar werden, stelle ich das nun erneut ein und lasse den Rest in kurzen Abständen folgen. Wer’s schon kennt, kann warten bis zum zweiten Teil.

Kürzlich nahm ich als Gast bei Freunden an deren Gottesdienst teil und die Lobpreisband spielte Matt Redmans berühmtes Lied “Heart of Worship”. Die Story dazu ist nicht nur unter Insidern bekannt: Redmans Gemeinde – die Jugendkirche „Soul Survivor“ im englischen Watford – stellte fest, dass ihre Lobpreismusik dabei war, zum Selbstzweck zu werden und Gott selbst in den Schatten zu stellen – gerade weil sie so angesagt und mitreißend war. Also verschrieb man sich eine Phase der Entwöhnung und verzichtete auf die Musik – wie die Katholiken auf die Glocken in der Karwoche (da fliegen diese angeblich nach Rom). In dieser Zeit entstand das Lied, das davon handelt, dass es nicht um Lieder und Musik geht, sondern um die Liebe zu Gott. So weit, so gut. Ich finde, es ist wirklich ein schönes und bewegendes Lied.

Und es kann einen zum Nachdenken bringen!

Bei Soul Survivor haben sie längst wieder begonnen zu singen und “Heart of Worship” hat überall auf der Welt begeisterte Aufnahme gefunden. Vielleicht, weil es ein Dilemma anspricht, das viele ganz ähnlich empfinden: das Medium entwickelt eine Eigendynamik, es verdeckt mehr als dass es noch Hinweischarakter hätte, geistliche Musik wird zum Konsumartikel. Auch dazu wurde schon viel gesagt.

Foto: Ashley Campbell via Flickr/creative commons 2.0

Aber reicht es denn schon aus, in einem Lied (unter etlichen anderen) darüber zu singen, dass Singen nicht alles ist und manchmal mehr von Gott ablenkt als zu ihm hinführt, ohne dann auch tatsächlich den Ausknopf zu drücken und zu sehen, was denn wirklich passiert, wenn wir mit leeren Händen dastehen, die Stille mühsam aushalten, in der der innere Lärm und die Störgeräusche von nichts mehr übertönt werden – und können wir glauben, dass Gott uns dann auch darin begegnet? Sollte man so ein Lied eigentlich singen, ohne sich die damit verbundenen Herausforderungen tatsächlich zugemutet zu haben? Anders gefragt: Verhindert es am Ende vielleicht genau den Erneuerungsprozess, den es beschreibt? Ist es genug, dass wir den Gedanken oder die unbehagliche Ahnung „eigentlich müsste man etwas ändern“ zwar ausdrücklich zu Protokoll geben, die tatsächliche Beschäftigung mit diesem Thema dann aber umgehend wieder vertagen?

Der Philosoph und Gesellschaftskritiker Slavoj Zizek hat in den letzten Jahren immer wieder angemerkt, dass unsere Konsumkultur und der moderne Kapitalismus längst einen Weg gefunden haben, die Kritik am System zum Teil des Systems zu machen. Ohne dass sich das System an sich ändert, das – Papst Franziskus hat es erst kürzlich scharf kritisiert – alles und jeden zur Ware macht, die man kauft, benutzt und wegwirft, kann sich der Konsument etwa durch ethisch „guten“ Kaffee für einen gewissen Aufpreis von seinem schlechten Gewissen loskaufen. Das Rädchen, das zu quietschen drohte, läuft nun wieder wie geschmiert.

Zizek bestreitet nicht, dass „fairer Konsum“ die Lage mancher Erzeuger tatsächlich verbessert, er zweifelt nicht an den guten Absichten der Beteiligten, aber er fragt, ob die gute Absicht konsequent genug umgesetzt wurde, oder ob wir es am Ende doch mit einer Alibi-Aktion zu tun haben, die nur die hässlichen Symptome kaschiert und die wahren Ursachen unberührt lässt. Würden wir nach diesen Ursachen fragen, dann müssten wir uns unseren Ohnmachtsgefühlen angesichts dieser trostlosen Lage stellen, der Resignation und Gleichgültigkeit, die uns lähmen oder zur Flucht in heile Welten drängen: virtuelle Phantasiewelten, die (spieß-)bürgerliche Idylle oder fromme Subkulturen. Zieht man den Horizont nur eng genug, bleiben all die verstörenden Dinge außer Sichtweite.

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Ich weiß, dass unsere Philosophie, die schon immer reich war an seltsamen Maximen, entgegen der Erfahrung aller Jahrhunderte behauptet, der Luxus bewirke den Glanz der Staaten. Wird sie aber, nachdem sie schon die Notwendigkeit der Gesetze gegen den Luxus außer acht gelassen hat, auch noch bestreiten wollen, dass die guten Sitten ein wesentliches Element für den Bestand der Reiche sind, dass aber der Luxus den guten Sitten diametral entgegengesetzt ist?

Jean Jacques Rousseau

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Auf der CES wurde kürzlich eine elektrische Zahnbürste vorgestellt, die einer Smartphone-App mitteilt, wann und wie intensiv die Zähne geputzt wurden. Wunderbar: Ab jetzt können die Eltern von dem Fernseher sitzenbleiben (wahlweise auch gern länger im Büro), ohne dass der Kinder Zahnschmelz darunter leidet (ich kann mir vorstellen, dass demnächst die Krankenkassen Zugriff auf die Daten beanspruchen oder bei NSA und BND anklopfen…).

So sieht das dann aus:

Ein paar Tage später aber las ich von einem intelligenten Kühlschrank, der als Teil eines Botnets enttarnt wurde, das massenweise Spams verschickte. Smart TVs sollen auch mit von der Partie gewesen sein. Demnächst bestimmt auch Kaffee-Vollautomaten. Gestern schließlich war von 16 Millionen E-Mail-Konten die Rede, die gehackt wurden. Sascha Lobo nennt Smartphones konsequenterweise nun „Premiumwanzen“.

Heute morgen schließlich blieben, natürlich exakt zum späten Anmarsch des diesjährigen Winters, die Heizkörper im Haus kalt. Hat jemand die smarte Steuerung manipuliert? So weit scheint es noch nicht zu sein, ein Monteur soll schon an der Fernwärmeleitung werkeln. Ich geh jetzt zum Aufwärmen erst mal ins Büro.

Bisher hätte man die Verknüpfung einer solchen Panne mit unerlaubten Gedanken oder kritischen privaten Äußerungen im privaten Rahmen als magisches Denken bezeichnet, das für ein bestimmtes Entwicklungsstadium normal ist  (Kind "war böse" – Meerschweinchen wird krank – Kind gibt sich die Schuld), von dem man sich als Erwachsener aber lösen muss. Inzwischen erscheint es aber durchaus vorstellbar, dass ein unbekannter Überwacher (ob Mensch oder Computer) mir die Wärme abdreht, weil ich durch irgendeine Äußerung negativ aufgefallen bin. Anders gesagt: die Wirklichkeit selbst wird wahnsinnig, zumindest sofern sie sich digital beeinflussen lässt.

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Als ich das erste Mal den „Hobbit“ hörte, war ich siebzehn, mit dem CVJM campen irgendwo in Norfolk und litt unter akutem Liebeskummer. Ein Highlight, das mich damals aufrichtete, waren die spätabendlichen Lesungen aus Tolkiens Buch durch unseren Gruppenleiter. Ich fieberte immer schon dem nächsten Kapitel entgegen. Mehr noch: Das Zuhören zog mich in die Geschichte hinein, ich war positiv verzaubert.

Als ich gestern Abend das Kino verließ, ging mir nichts aus der Geschichte nach, die ich gerade gesehen hatte. Und es lag nicht daran, dass ich sie schon kannte; sondern daran, dass die Erzählung vom Effektspektakel so verschüttet wird wie die gierige Superechse Smaug unter ihrem vielen Gold.

Keine Frage, die Szenenbilder und Animationen sind vom Feinsten, Jackson hat seine Einöde perfekt ausstaffiert. Aber schon die ausgiebige Kinovorschau des Vorprogramms auf andere Hollywood-Produktionen zeigte, dass dies kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist. Irgendwann wird es gähnend langweilig, wenn noch ein Orkkopf rollt, noch ein Elbenpfeil sein Ziel findet (das tun Elbenpfeile nämlich immer), oder Gandalf sich am Rande eines Abgrunds (es ist immer ein Abgrund in der Nähe) mit Fies- und Finsterlingen höherer Ordnung battelt. Das alles haben wir im "Herrn der Ringe" schon stundenlang zu sehen bekommen. Vor allem aber taugt der Hobbit nicht als Vorlage, um des großen Bruders (auch schon aufgeblähte) Action-Sequenzen zu toppen.

Den Charakteren beim Reden oder gar Nachdenken zuschauen kann man dagegen nur selten. Sie gehen in der Einöde des unablässigen und weitgehend sinnfreien Gebrülls und Gemetzels ziemlich unter. Da hilft auch die hinzugedichtete Romanze mit der schönen und wehrhaften Tauriel (hat Red Bull den Namen gesponsert, die Haarfarbe ließe darauf schließen?) nicht so recht drüber hinweg.

Teil drei lässt noch mehr vom Gleichen erwarten, schließlich findet die große Schlacht trotz all der partiellen Vorwegnahmen im Buch ja erst dann statt. Egal: Ein paar Schritte über den popcornverbröselten Kinoteppich und ich fing an, mich zu wundern, dass so überhaupt keine Neugier aufgekommen war, wie denn nun alles endet. Vermutlich hatte ich sie zusammen mit der 3-D-Brille in den Sack aus Ausgang geworfen.

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Ich bin den Gedanken von neulich etwas mehr nachgegangen und zwar mit dem Buch Active Hope: How to Face the Mess We're in Without Going Crazy von Joanna Macy und Chris Johnstone. Die Autoren beschreiben dort drei unterschiedliche Erzählungen, an denen wir uns Lebensgefühlt und unsere Entscheidungen in der Regel ausrichten. Damit aber prägen sie den Umgang mit Schöpfung, Umwelt

Die erste Geschichte heißt "Business as Usual". Wir machen einfach weiter wie bisher und hoffen, das mehr vom Selben (d.h. Wirtschaftswachstum) uns eine stabile und lebenswerte Zukunft beschert, schließlich hat das ja lange ganz gut funktioniert für die meisten von uns. Es geht darum, vorwärts zu kommen (als einzelne, als Firma, als Nationalstaat) – für die Probleme anderer sind wir hingegen nicht zuständig.

Die zweite Geschichte ist die vom großen Absturz: Die Wirtschaft erlebt verheerende Einbrüche, die Ressourcen sind endlich und dieses Ende wird desto schneller erreicht, je weniger wir die Endlichkeit im Blick haben und alles zumüllen, das Klima wandelt sich und das Artensterben beschleunigt sich, soziale Spaltung und gewaltsame Konflikte nehmen zu oder dauern unvermindert an.

Diese beiden Erzählungen stehen in krassem Widerspruch zu einander. Die eine immunisiert Menschen gegen drohende Katastrophen, die andere kann in Hoffnungslosigkeit umschlagen. Als dritte Option steht noch die Geschichte von der großen Wende im Raum: Die Lage ist zwar sehr ernst, aber noch besteht die Möglichkeit, etwas daran zu verändern, und wer es ernsthaft versucht, der entdeckt mehr Verbündete, als er zu hoffen gewagt hatte.

Bevor ich die letzte Geschichte noch etwas genauer beschreibe, vielleicht kurz noch dies: Sie steht der christlichen Eschatologie deutlich näher als die beiden anderen. Weder sieht der christliche Glaube die Welt auf einem steten Aufstieg durch Fortschritt und Wachstum, noch sieht sie alles hoffnungslos im Verfall begriffen. Und nicht zuletzt sieht sie Gott als treibende Kraft in und hinter allem Wandel zum Guten. Strukturell also steht die Geschichte von der großen Wende dem Evangelium am Nächsten, auch wenn von Gott da (noch) keine Rede ist.

Damit es zu dieser ökologisch-sozialen Wende kommt, muss auf drei Ebenen etwas vorangehen – beziehungsweise "zurück", nämlich in eine gesunde Richtung: Erstens geht es um Wege, die weitere Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und Ökosysteme zu verhindern. Zweitens brauchen wir neues, kreatives Denken und dann auch Strukturen und Systeme, die den Wandel befördern: Kommunikation, Ökonomie, Transportwesen, Landwirtschaft, Bildung, Psychologie etc. Auch diese wachsen nur allmählich heran, aber ohne sie laufen wir der Zerstörung immer nur hinterher. Drittens aber ist ein Bewusstseinswandel erforderlich. In der Wissenschaft wir im Bereich der Spiritualität haben Menschen in den letzten Jahren entdeckt, dass wir nicht nur ein Teil unserer Welt sind, sondern wie alles mit allem zutiefst zusammenhängt.

Nicht jeder wird überall gleichzeitig einsteigen, aber gemeinsam sollte man alle Ebenen im Blick behalten, wenn der Wandel nicht versanden soll. Mehr dazu in Kürze.

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Vor einer Woche saß ich (weit weg von hier) in einem Gottesdienst und die Band spielte Matt Redmans berühmtes Lied "Heart of Worship". Die Story dazu ist vielen bekannt: Redmans Gemeinde stellte fest, dass die Lobpreismusik dabei war, zum Selbstzweck zu werden und Gott selbst in den Schatten zu stellen - gerade weil sie so angesagt und mitreißend war. Also verschrieb man sich eine Phase der Entwöhnung und verzichtete auf die Musik – wie die Katholiken auf die Glocken in der Karwoche. In dieser Zeit entstand das Lied, das davon handelt, dass es nicht um Lieder und Musik geht.

So weit, so gut. Es ist wirklich ein schönes und bewegendes Lied. Und es bringt einen zum Nachdenken…

Redmans Gemeinde hat längst wieder begonnen zu singen und "Heart of Worship" hat überall auf der Welt begeisterte Aufnahme gefunden. Vielleicht, weil es ein Dilemma anspricht, das viele ganz ähnlich empfinden: das Medium entwickelt eine Eigendynamik, es verdeckt mehr als dass es noch Hinweischarakter hätte, geistliche Musik wird zum Konsumartikel.

Aber reicht es, in einem Lied (unter etlichen anderen) darüber zu singen, dass Singen nicht alles ist und manchmal mehr von Gott ablenkt als zu ihm hinführt, ohne dann auch tatsächlich den Ausknopf zu drücken und zu sehen, was denn wirklich passiert, wenn wir mit leeren Händen dastehen, die Stille tatsächlich aushalten, in der der innere Lärm und die Störgeräusche von nichts mehr übertönt werden – und können wir glauben, dass Gott uns dann auch darin begegnet?

Sollte man dieses Lied eigentlich singen, ohne sich die damit verbundenen Herausforderungen tatsächlich zugemutet zu haben? Anders gefragt: Verhindert es am Ende vielleicht genau den Erneuerungsprozess, den es beschreibt?

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Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, muss sich um die Zukunft der Demokratie ernsthaft Sorgen machen. Spätestens seit ihr das Attribut "marktkonform" verschrieben wurde, ist unübersehbar, dass sich die Macht vom Volk zu den Märkten verlagert und damit hin zu denjenigen, die sie über Geld und Institutionen beeinflussen können. Zugleich wird das immer ohnmächtige Volk von einer Sicherheitsdebatte in Atem gehalten, die die eigentlichen Ursachen der Angst und Verunsicherung verdunkelt.

Zygmunt Bauman ist sicher einer der renommiertesten Sozialwissenschaftler. In seinem neuen Buch Collateral Damage erinnert er daran, dass die Wiege der Demokratie im antiken Griechenland um die Agora kreiste, auf der Privates und Öffentliches vermittelt wurde. Die Geschichte der Demokratie seither kann man, so Bauman, als den Versuch begreifen, die in größeren Staaten nicht mehr allen physisch zugängliche Agora in neuen Formen wiederzubeleben, um den Bürgern die Partizipation am politischen Prozess zu ermöglichen:

What was essentially expected or hoped to be achieved in the agora was the reforging of private concerns and desires into public issues; and, conversely, the reforging of issues of public concern into individual rights and duties.

Rede- und Meinungsfreiheit werden heute als Gradmesser einer demokratischen Gesellschaft herangezogen. Der Soziologe Albert O. Hirschmann schlug vor, für Bürger und Verbraucher dieselben Kriterien zu verwenden, da er davon ausging, dass ökonomische Freiheit und Demokratie einander fördern und bedingen, eine wirtschaftliche Liberalisierung also über kurz oder lang auch die Freiheitsrechte der Bürger stärkt. Die These darf man heute als widerlegt ansehen, viele Wirtschaftswunder spielen sich in autoritären Staaten ab. Und auch in de demokratischen Gesellschaften tut sich eine Kluft aus zwischen den theoretisch gleichen Rechten der Bürger und deren Fähigkeit, sie tatsächlich wahrzunehmen.

Die Väter das Sozialstaates im 20. Jahrhundert hatten es sich zum Ziel gesetzt, diese Kluft zu überwinden. Sie waren darin keineswegs Sozialisten, sondern echte "Liberale" im damaligen Sinn, denen es darum ging, möglichst vielen Menschen eine gesunde und gute Lebensperspektive zu ermöglichen, in der das liberale Ideal der Wahlfreiheit nicht nur Theorie bleibt:

Lord Beveridge, to whom we owe the blueprint for the postwar British ‘welfare state’, later to be emulated by quite a few European countries, was a Liberal, not a socialist. He believed that his vision of comprehensive, collectively endorsed insurance for everyone was the inevitable consequence and the indispensable complement of the liberal idea of individual freedom, as well as a necessary condition of liberal democracy.

Die Gemeinschaft muss dem einzelnen eine Grundsicherheit gegen Absturz und Ausschluss bieten, damit eine Bürgergesellschaft überhaupt funktionieren kann. Für Bauman ist der Sozialstaat die moderne Verkörperung der Idee menschlicher Gemeinschaft, in der wirtschaftliche, politische und soziale Rechte im Gleichgewicht sind:

…democratic rights, and the freedoms that accompany such rights, are granted in theory but unattainable in practice, the pain of hopelessness will surely be topped by the humiliation of haplessness; … Without social rights for all, a large and in all probability growing number of people will find their political rights of little use and unworthy of their attention.

T.H. Marshall konnte vor 60 Jahren noch postulieren, es gebe ein allgemeines Gesetz, nach dem sich aus Eigentumsrechten politische Rechte und daraus wiederum soziale Rechte entwickeln. Der Markt stärkt die Agora, und die wird immer inklusiver, bestehende Ungleichheiten werden zunehmend überwunden. Dagegen vertrat John Kenneth Galbraith die These, die zufriedene und gesättigte Mehrheit verliere das Interesse am Wohlfahrtsstaat, der zunehmend als störende Einengung statt als beruhigende Absturzsicherung empfunden werde. Und so kam es dann auch:

The introduction of the social state used indeed to be a matter ‘beyond left and right’; now, however, the turn has come for the limitation and gradual dismembering of welfare state provisions to be made into an issue ‘beyond left and right’.

Die Privatisierung führte zu einem immer stärkeren Abbau des Sozialstaates (Bauman versteht den Begriff nicht so sehr im Sinne einer abstrakten Umverteilung sondern einer gemeinschaftsdienlichen Zuwendung und Fürsorge) und damit zu einer Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts – in bedrohlichem Ausmaß:

‘Privatization’ shifts the daunting task of fighting back against and (hopefully) resolving socially produced problems onto the shoulders of individual men and women, who are in most cases not nearly resourceful enough for the purpose; whereas the ‘social state’ tends to unite its members in an attempt to protect all and any one of them from the ruthless and morally devastating competitive ‘war of all against all’.

Die "Ordnung der Gleichheit" – und mit ihr das Zutrauen und die Solidarität – nimmt ab, die "Ordnung des Egoismus" kehrt zurück – und mit ihr das Misstrauen. Der Sozialstaat hatte Menschen vor einem dreifachen Fluch geschützt: dem Verstummen, der Exklusion und der Demütigung.

And it is the same principle that makes the political body democratic: it lifts members of society to the status of citizens, that is, it makes them stakeholders, in addition to being stockholders of the polity; beneficiaries, but also actors responsible for the creation and decent allocation of benefits.

Diese Demontage der Solidarität führt zu einem wachsenden Desinteresse an gesellschaftlichen und politischen Themen. Die Autonomie des einzelnen bedeutet, dass er nun auch Probleme zu lösen hat, die eigentlich den privaten Bereich weit übersteigen. Wahrgenommen wird das als eine verschärfte Konkurrenz der Individuen innerhalb einer Gesellschaft, die zu immer größeren Polarisierungen führt und große existenzielle Unsicherheit verbreitet:

Not much prompts people, therefore, to visit the agora – and even less prods them to engage in its works. Left increasingly to their own resources and acumen, individuals are expected to devise individual solutions to socially generated problems, and to do it individually, using their individual skills and individually possessed assets.

… To a steadily growing extent, the task of gaining existential security – obtaining and retaining a legitimate and dignified place in human society and avoiding the menace of exclusion – is now left to the skills and resources of each individual on his or her own;

Die Stars und Superreichen spielen dabei eine groteske Rolle: Sie werden zu Idolen, deren unerreichbaren Lebensstil man nachzuahmen versucht in der absurden und illusorischen Annahme, im Grunde könne es doch jedem gelingen, reich und berühmt zu werden. Die Illustrierten und Promi-Magazine sind das neue Opium des Volkes.

Die allgegenwärtige, nebulöse und unterschwellige Angst vor dem Scheitern und den Risiken des Lebens in dieser Gesellschaft spielt dabei den Politikern wie den Konzernen in die Hände. Produkte werden als identitätsstiftende Symbole vermarktet, die der Vergewisserung von Identität und Teilhabe dienen. Und die Regierenden führen öffentlichkeitswirksame Schaukämpfe an allen möglichen Fronten, um sich dem verunsicherten Wahlvolk als Retter anzubieten, wie Bauman scharfsichtig anmerkt:

… they are interested in expanding not reducing the volume of fears; and particularly in expanding fears of the kinds of dangers which TV can show them to be gallantly resisting, fighting back against and protecting the nation from. … However successful the state might be in resisting the advertised threats, the genuine sources of anxiety, of that ambient and haunting uncertainty and social insecurity, those prime causes of fear endemic to the modern capitalist way of life, will remain intact.

Ob Einwanderer oder Terroristen, Sozialschmarotzer oder Schuldenländer, die allzu gern beschworenen Risiken unterscheiden sich nur recht bedingt, während die wahren Ursachen der Verunsicherung weitgehend ungenannt und praktisch völlig unangetastet bleiben. Verletzungen und Bürger- und Menschenrechten werden dabei klaglos hingenommen, in der ebenso illusorischen Annahme, es treffe nur "die anderen".

We, the ‘democratic majority’, console ourselves that all those violations of human rights are aimed at ‘them’, not ‘us’ – at different kinds of humans (‘between you and me, are they indeed human?!’) and that those outrages will not affect us, the decent people.

Das ganze liest sich wie ein prophetischer Kommentar zu den Ereignissen der letzten Monate – "Supergrundrechte" etwa. Baumans Fazit zu den Mechanismen gegenwärtiger Politik fällt entsprechend düster aus (und diesmal hänge ich die Übersetzung an):

In an insecure world, security is the name of the game. Security is the main purpose of the game and its paramount stake. It is a value that in practice, if not in theory, dwarfs and elbows out of view and attention all other values – including the values dear to ‘us’ while suspected to be hated by ‘them’, and for that reason declared the prime cause of their wish to harm us as well as of our duty to defeat and punish them. In a world as insecure as ours, personal freedom of word and action, the right to privacy, access to the truth – all those things we used to associate with democracy and in whose name we still go to war – need to be trimmed or suspended.

In einer unsicheren Welt heißt das Spiel: Sicherheit. Sicherheit ist der Hauptzweck des Spiels und der vorrangige Einsatz. Ein Wert, der in der Praxis, wenn nicht auch in der Theorie, alle anderen Werte in den Schatten stellt und verdrängt – einschließlich derer, die 'uns' teuer sind und von denen wir glauben, sie seien 'ihnen' verhasst. und aus diesem Grund wurden sie zum Hauptgrund erhoben, warum sie uns schaden wollen und warum es unsere Pflicht ist, die zu besiegen und zu bestrafen. In einer Welt, die so unsicher ist wie unsere, müssen persönliche Freiheit in Wort und Tat, Zugang zur Wahrheit – all die Dinge, die wir immer mit Demokratie verbunden haben und in deren Namen wir immer noch in den Krieg ziehen – beschnitten oder außer Kraft gesetzt werden.

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Apathy (by Libby via flickr.com, Creative Commons license)

Ich bin wohl nicht der einzige, der den Eindruck hat, so lange die Wirtschaftsdaten halbwegs "stimmen", interessieren sich nicht besonders viele Menschen für die aktuelle Politik. Vor allem, wenn es um komplizierte Themen geht wie Grundrechte, Europakrise oder Klimaschutz und Energiewende, wo einer Ursache zumindest keine unmittelbar spürbare Wirkung mehr zugeordnet werden kann – und das ist in einer komplexen Welt ja der Normalfall.

Solche Zusammenhänge aufzudecken erfordert also einiges an Denkleistung und Diskussion. Es gäbe also durchaus viel zu besprechen und zu entscheiden. Aber wir sind, so sagt Marc Beise von der SZ, selbstzufrieden und träge. Und die Regierungskoalition fördert das durch die Verweigerung so gut wie jeder inhaltlichen Diskussion, weil sie überzeugt ist, dass sie davon – vom Nichtreden und Nichtdenken – profitiert. Angela Merkel scheint ein Dauerabo der Kanzlerschaft zu besitzen wie Ihr Ziehvater Helmut Kohl, weil auch sie den Eindruck erweckt, eigentlich nichts ändern zu wollen.

Dass das auch spirituell eine mehr als bedenkliche Situation ist, hat Walter Brueggemann im Blick auf das langfristig ruinöse, aber mittelfristig leider erfolgreiche Regierungskonzept des Salomo festgestellt. Es ist ganz offenbar ein Vorläufer der modernen Wohlstandsgesellschaft und ihrer satten Apathie, in der Neoliberalismus zur Notwehr geworden ist:

Das königliche Bewusstsein mit seinem Programm machbarer Sättigung hat unsere Vorstellung von Menschsein umdefiniert, und zwar für uns alle. Es hat ein subjektives Bewusstsein geschaffen, das sich nur um die eigene Befriedigung dreht. Es hat die Legitimität der Tradition geleugnet, die es uns abverlangt, uns zu erinnern, der Autorität, die von uns eine Antwort erwartet, und der Gemeinschaft, die uns zur Anteilnahme ruft. Es hat die Gegenwart so inthronisiert, dass die verheißene Zukunft […] undenkbar ist.

Damals war es die Aufgabe der Propheten, all die störenden Empfindungen ins öffentliche Bewusstsein zurückzubringen, die dort nicht erwünscht waren. Nicht nur einen Politikwechsel herbeizuführen, sondern einen drastischen Bewusstseinswandel, durch die "Praxis öffentlicher Belästigung", wie Jürgen Habermas das nennt. Und wie die alten Propheten findet auch der frische Worte für Krisen, die andere (so funktioniert "Merkels clever-böses Spiel der Dethematisierung" eben) nur gelangweilt oder resigniert zur Kenntnis nehmen.

Der Mann ist 84. Wer hat das Format und tritt in seine Fußstapfen?

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Es war gut gemeint und aufrichtig empfunden, und dennoch war ich gestern seltsam unangenehm berührt vom Bild einer Umarmung, in der ein totes Paar aus den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik an Bangladesh geborgen wurde. Ein Freund hatte den Link auf Facebook "geteilt". Irgendwer vor Ort hatte rechtzeitig auf den Auslöser gedrückt und das Bild veröffentlicht - mit riesiger Resonanz.

Klar kann man mit einem solch unter die Haut gehenden Bild nun für ehrenwerte politische Ziele werben. Aber es ist eben trotzdem Werbung. Worte für meinen Widerwillen fand ich kurz darauf bei Carolin Ströbele auf Zeit Online. Sie kritisiert den Ansatz, mit sehr persönlichen Bildern Einfluss nehmen zu wollen:

All diese Arbeiten rechtfertigten sich dadurch, dass sie über ein persönliches Schicksal auf einen sozialen Missstand, ein gesellschaftliches Problem hinwiesen. Doch je mehr Künstler die Elendskarte zogen, desto schwieriger wurde es irgendwann zu unterscheiden, was Kunst war, und was Exhibitionismus. Das Private war nicht mehr politisch, es war einfach nur öffentlich. Die Fotografie als soziales Gewissen funktionierte spätestens zu dem Zeitpunkt nicht mehr, als die Werbung den Begriff der Authentizität für sich entdeckte.

Das Bild hatte nicht mein ästhetisches Empfinden, sondern mein Empfinden von menschlicher Würde verletzt, selbst wenn das vermutlich niemand beabsichtigte. Wäre es nur hässlich oder schockierend gewesen, hätte es keine Zärtlichkeit gezeigt, läge die Sache wohl anders.

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Nichts gegen Einsatz, Spielfreude, Biss, Entschlossenheit oder gar ein bisschen Ehrgeiz, aber das ewige Gier-Gelaber im Fußball ist mir schon seit Monaten auf die Nerven gegangen.

Nun scheint sich vielleicht doch eine andere Tugend oben auf der Hitliste zu etablieren, und diesmal wäre es eine echte, wie Christian Eichler in der FAZ online spekuliert – jetzt muss man damit nur noch nachhaltig Ernst machen:

Als die Dortmunder in den vergangenen beiden Jahren Meister wurden, prägten sie mit ihrem bissigen Spiel das neue Modewort der Liga: Gier. Jeder wollte seitdem „gierig“ spielen, auch die Bayern. Im Zusammenhang mit dem Fall Hoeneß hat das Wort seine wahre Bedeutung zurück erlangt. Prompt haben die Bayern ihrer angeblichen Einstellung, mit der man auch als Favorit in ein Spiel gehen will, ein neues Schlagwort verpasst - diesmal ein ethisch einwandfreies. Bayern-Vorstandschef Rummenigge sprach es kürzlich aus: Demut.

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Was ist nicht wieder alles geschrieben worden über Apple in den letzten Tagen. Der Börsenkurs bricht ein, die Innovationskraft sei erlahmt, ja ganz Amerika drohe womöglich nun der technologische Abstieg. Jeder schien plötzlich seinen Senf dazugeben zu müssen, dass wir nicht wie inzwischen scheinbar gewohnt schon "the next big thing" geliefert bekommen haben.

Ein Artikel jedoch schien gegen den Strom geschrieben: Schneller, flacher, Stopp vom Sophie Crocoll in der SZ. Sie erinnert daran, dass vor der Veröffentlichung des iPhone sage und schreibe fünf Jahre lang das Motorola Razr stilprägend war. Heute liegen die Produktzyklen bei sechs bis neun Monaten, nur Apple kann sich längere Pausen leisten als die Konkurrenz aus Korea und Taiwan.

Oder sollte ich sagen: konnte?

Immherin haben sie unter Steve Jobs gleich mehrmals das Rad mit Erfolg neu erfunden. Aber das geht eben nicht unbegrenzt oder auf Knopfdruck. Neulich postete ein Fanboy auf Facebook, Apple habe seine Zuneigung bald verspielt, wenn nicht der nächste große Wurf käme. Nur: Wie sollte der aussehen? Crocoll stellt nüchtern fest:

Aus der Revolution ist aber eine Evolution geworden. Und selbst die ist oft kaum zu erkennen. … Den Wettbewerb um die Kunden gewinnt, wer die beste Marketingmaschine bewegt. Längst zelebriert nicht mehr nur Apple seine Produktvorstellungen als Event. Bei jedem Branchentreffen präsentieren die Hersteller das flachste, das schnellste Handy der Welt - bis auch das, oft nur wenige Wochen später, seinen Status wieder verliert.

Bei William Cavanaugh bin ich auf den Begriff der "fabrizierten Unzufriedenheit" (manufactured dissatisfation) gestoßen. Sie ist ein Schlüsselfaktor der Konsumgesellschaft: Kaum hat man ein Produkt erworben, kommt eine noch attraktivere und leistungsfähigere Version auf den Markt, die Begehrlichkeit weckt. Ebay lebt zum großen Teil davon, dass man die alten Geräte dort vertickt, weil man sich gerade wieder das Neueste geleistet hat. Crocoll dazu:

Früher haben die meisten Menschen ein neues Handy gekauft, wenn das alte kaputt ging. Nun wechseln sie das Gerät spätestens, wenn nach zwei Jahren der Vertrag mit dem Mobilfunkanbieter ausläuft. … Die Kunden sind auf das Karussell aufgestiegen und sie treiben es an: Wer stets das neueste Smartphone kauft, so scheint es vielen, bleibt selbst modern. Auch, wenn er den zusätzlichen Speicherplatz oder das bessere Mikrofon weder braucht noch nutzt.

Erfinder dieses Prinzips der "fabrizierten Unzufriedenheit" war Charles Kettering von General Motors. Im Jahr 1929 (!) schrieb er einen Artikel mit der Überschrift: Keep the consumer dissatisfied. Aber die ganze Entwicklung führt in die Sackgasse: Finanziell, ökologisch, sozial und psychisch – wer sich ständig die Karotte vor die Nase hängen lässt, zieht den Karren der Konzerne bis zur völligen Erschöpfung. Wer sich einmal hat vorgaukeln lassen, dass sein Lebensglück an einem Gerät aus der Massenproduktion hängt, der liefert brav sein Geld ab, wenn das nächste überflüssige Detail verbessert wurde. Vielleicht sieht man das heute, über 80 Jahre nach Kettering und vier Jahre nach der "Abwrackprämie", besser denn je. Wir hängen nicht mehr an unseren Sachen, schreibt Cavanaugh. Kaum haben wir sie, wollen wir sie schon wieder loswerden.

Falls irgendwer mal wieder einen echten Quantensprung hinlegt, sagt mir Bescheid. Es muss nicht Apple sein, vielleicht wird ja was aus dem fair produzierten Smartphone. Ich habe zum Glück keine Aktien aus Cupertino und die Computer habe ich gekauft, weil man nicht so oft einen neuen brauchte wie bei der Konkurrenz. Denn das ist der Punkt: Wenn Kunden und Konzerne nicht auf die Bremse treten (und sich Zeit nehmen zum Nachdenken, was sinnvoll wäre), dann gibt es keine richtigen Neuentwicklungen mehr, schreibt Crocoll.

Könnte jemand vielleicht die Werbung und das Konsumverhalten neu erfinden? Oder, besser noch, die Zufriedenheit?

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Ist das in den letzten Jahren schlimmer geworden? Vor allem Radiomoderatoren blasen mächtig ins Wochenendhorn: dick aufgetragene Eulogien verstopfen den Freitagabendäther. Das klingt so, als ob man aus fünf Tagen Frondienst nun in die vorübergehende Freiheit entlassen würde, und weniger nach legitimer Freude über das, was man geschafft hat und was gelungen ist.

Mal ganz abgesehen davon, dass es auch Leute wie mich und viele andere nicht zutrifft, weil wir da arbeiten müssen, was sagt das über das Verhältnis des Durchschnittsdeutschen zu seinem Beruf aus? Nicht viel Positives, scheint mir. Offenbar sind wir damit nicht allein. William Cavanaugh schreibt in seinem kleinen, aber sehr feinen Buch Being Consumed. Economics and Christian Desire:

Viele Menschen betrachten ihre Arbeit nicht als sinnvoll, nur als Mittel zum Gehaltsscheck. Die eigene Arbeit ist zur Ware geworden, die man einem Arbeitgeber verkauft, um im Gegenzug Geld zu bekommen, mit dem man Sachen kauft. Für viele Menschen ist die Arbeit zu etwas geworden, was den Geist tötet.

Ist das die bittere Kehrseite des Wochenendkultes? Ich vermute, Cavanaugh hat Recht. Und die wenigsten populären Wochenendaktivitäten sind in der Lage, den angeschlagenen Geist wieder ins Lot zu bringen. Vor allem nicht jene, die primär mit Geldausgeben zu tun haben.

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