Konsumgesellschaft

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Ich hätte mir das Thema nicht ausgesucht, aber jemand aus der Runde interessierte sich für den „Zehnten“. Also lasen wir beim Propheten Maleachi (3,10) und dann Deuteronomium 14,22-29. Welch ein Kontrast! Während der Prophetentext eher plump für eine Art Tempelabgabe mit Payback-Punkten oder Dividende wirbt und sich dabei nicht scheut, an das berechnende Wesen der Spender zu appellieren, klingen im Pentateuch ganz andere Töne an. Vielleicht ist das der Grund, warum so selten darüber gepredigt wird und auf den Kanzeln und an den Rednerpulten meistens die Konkurrenz aus der Zeit des zweiten Tempels das Rennen macht.

Aber bevor jemand hier aufhört zu lesen, weil er Kirchenfinanzierung für ein dröges Thema hält: Es geht im Folgenden um nichts weniger als zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen von Gott, von menschlichen Beziehungen und dem Umgang mit mir selbst.

Bei Maleachi braucht Gott, kurz gesagt, Geld für den Tempel und verspricht den potenziellen Spendern im Gegenzug vermehrten Segen. Ein gefundenes Fressen für die Verkünder des Wohlstandsevangeliums, die ihn genau so verstehen: Do ut des. Wohlwollender wäre die Interpretation, dass es sich um einen Appell gegen Mangelmentalität und Knauserigkeit handelt und eine Art sportlichen Wettbewerb in Sachen Großzügigkeit, den Gottes Fundraiser hier vorschlägt.

Die Anweisungen aus der Zeit des ersten Tempels zeichnen ein anderes Bild. Die Israeliten sollen ein Zehntel ihrer Ernteerträge beiseite legen, und wenn der Weg zum Heiligtum zu weit ist oder die Gaben zu schwer, dann soll das Ganze zu Geld gemacht werden. Und dann lautet die Anweisung in Dtn 14,26 (zitiert nach Buber/Rosenzweig):

… gib das Geld aus für alles, wonach deine Seele lüstet, für Pflugtier, für Kleinvieh, für Wein, für Rauschsaft, für alles, was deine Seele von dir verlangt, iß dort vor SEINEM deines Gottes Antlitz, freue dich, du und dein Haus, und der Lewit, der in deinen Toren ist, ihn verlasse nicht

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Foto: Jay Wennington, unsplash.com

Ein ausgelassenes Festessen findet statt, bei dem der Alkohol reichlich fließt und zu dem neben der Familie auch die Leviten eingeladen sind, die keinen Grundbesitz haben – Lust und Sinnlichkeit stehen im Vordergrund. Jedes dritte Jahr entfällt der Weg zum Heiligtum, das Fest findet am Wohnort statt, dafür sind nun neben den Leviten auch Witwen, Waisen und Fremdlinge mit am Tisch. Allmählich beginne ich zu ahnen, was Paulus mit seinem „fröhlichen Geber“ im zweiten Korintherbrief wohl gemeint haben könnte: Einen Wohltätigkeitsrausch, eine Sozialparty, einen Umverteilungsschmaus.

Teilen ist mehr als mir selbst einen Genuss zu versagen um einem anderen zu helfen. Freilich wird auch hier etwas nicht konsumiert, sondern auf die Seite gelegt, aber dann verschwindet das Ersparte nicht sang- und klanglos. Sondern es wird mit viel Sang und Klang geteilt, und zwar nicht anonym, sondern ganz konkret mit Menschen, deren Gesicht ich beim gemeinsamen Mahl sehen kann, und denen ich auf den Straßen meiner Stadt begegne. Diese sinnliche Praxis des Teilens setzt Beziehungen voraus und begründet neue. Hier liegt der Unterschied zu heutigen Benefizgalas, bei den die Betuchten unter sich und die Armen außen vor bleiben.

Die Mentalität des Mangels und das Denken in Defiziten wird also anders angepackt als mit dem Verweis auf zukünftigen Segen (oder eine Belohnung im „Himmel“). Durch das Sammeln und Sparen wird eine Situation des momentanen Überflusses erfahrbar, in der das Teilen leicht fällt und sich mit intensiven, guten Erinnerungen verbindet. Und wenn es gut läuft, dann spüren alle Beteiligten, dass der Gewinn den Verzicht oder Verlust mehr als aufwiegt. Vielleicht muss man dann auch die Gier weniger beklagen und die Not weniger dramatisieren (beides ist zweifellos vorhanden, der Appell nützt sich jedoch ab).

Ein genussfeindlicher Gott hingegen inspiriert mich nur schwer zur Großzügigkeit. Und ein unpersönliches, abstraktes und zahlenbasiertes Finanzierungssystem für eine Institution (zumal eine, die sich auf den Gott Israels und Jesu Christi beruft!) ist womöglich nicht das ideale Mittel, um bei Wohlstandsbürgern die Taschen der Spendierhosen zu öffnen. Es löst bei vielen erst einmal einen unschönen Steuervermeidungsreflex aus und es produziert nach innen häufig auch eine Mentalität des Mangels, weil die Zuteilungen und Umlagen mühsam verhandelt werden müssen und weil jede Form der Großzügigkeit im System den empörenden Verdacht der ungerechten Bevorzugung auslöst. Egal, wie die Haushaltslage tatsächlich aussieht – gefühlt schrumpft dieser Kuchen immer.

Ich habe nach der Lektüre von Dtn. 14 beschlossen, mir diesen sinnenfreundlichen Gott ausgiebig zu Herzen zu nehmen. Wenn es noch ein paar von euch machen, dann kann man irgendwann vielleicht auch mal über einen Systemwechsel reden. Und wenn jemand bei diesem Stichwort die Panik befällt, dann wäre auch das ein guter Grund, das Gottesbild in den Blick zu nehmen.

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Vor ein paar Wochen kam eine Mail von einer Marketingagentur aus München. Im September läuft eine Neuverfilmung von Ben Hur in den Kinos an. Und weil es da unter anderem auch um das Thema Vergebung gehen soll, schickte die Mitarbeiterin einen Link zum Trailer mit und schrieb dazu:

Aktuell sind wir auf der Suche nach passenden Blogs aus dem religiös/christlichen Umfeld, die Interesse und Lust haben, hier mit uns zusammen zu arbeiten und das Thema aufzugreifen. Vielleicht magst du dir einen ersten Eindruck von dem Film verschaffen?

Ich klickte den Trailer an and schrieb dann zurück:

… so richtig überzeugt hat mich der Trailer noch nicht. Die Bilder schauen recht konventionell aus und die Text/Musik-Kombinationen bieten m.E. auch keine Überraschungen. Aber vielleicht ist das im Film selbst ja ganz anders?

Es ist natürlich klar, dass Paramount ein geschäftliches Interesse am Erfolg des Filmes hat. Aber was wäre der Nutzen für die christlichen Kirchen und die Gesellschaft im Ganzen?

Und das war’s dann auch schon mit der Kommunikation. Es kam nichts mehr zurück. Vielleicht ist die Mitarbeiterin erkrankt, vielleicht hat sie aus Frust über die zähe Resonanz gekündigt, vielleicht ist meine Mail im Spamfilter verendet.
Vielleicht habe ich aber auch einfach zu kritisch gefragt und mich als „passender“ Blogger diskreditiert? Es kam jedenfalls zu keiner „Zusammenarbeit". Nicht weiter schlimm, aber bemerkenswert.

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Ich habe wieder angefangen, in Philipp Ruchs „Wenn wir wir, wer dann?“ zu lesen. Das Buch (mehr noch sein Autor) ist ja ziemlich vehement verrissen worden. Ok, wer eine systematische philosophische Analyse der Spätmoderne und ihrer Aporien und Probleme erwartet hat, der wird vermutlich auch verzweifeln.

Ruchs Text ist eher ein „rant“, eine Wutrede. Das auf 200 Seiten ausgedehnt ist anstrengend zu lesen. Dirk Pilz nennt es „Erweckungsliteratur“ und erkennt bei Ruch einem Hang zum Apokalyptischen. Ruch will erschüttern, nicht überreden. Seine Angriffe auf die Apathie kommen aus unterschiedlichen Richtungen und wirken manchmal etwas unkoordiniert. Mit Pathos wird nicht gegeizt, dagegen ist jeglicher Humor, der andere Aktivisten wie Srdja Popovic auszeichnet, völlig abwesend (aber das könnte man den meisten Propheten des Ersten Testaments auch vorwerfen). Viele Schlüsselbegriffe wie Größe und Schönheit kommen schwammig daher, das Vokabular und die zitierten Denker von Aristoteles bis Nietzsche und Freud sind allesamt älteren Datums. Wer eine durchdachte und faire Kritik des Naturalismus (oder Szientismus) als quasi-nihilistischer Weltanschauung sucht, findet vermutlich Besseres.

Aber ich wollte hier eigentlich keine Rezension veröffentlichen, sondern einen Denkanstoß aufgreifen, den ich wirklich wertvoll fand. Er steht auf Seite 123:

In unserem ersten Jahr befragten wir ganz normale Menschen auf der Straße, was das Größte gewesen sei, das sie jemals hatten tun wollen. Die Ratlosigkeit in den Gesichtern hat mich wochenlang fertiggemacht. Ich habe es nicht glauben können. Man denkt, diese gesellschaftliche Aporie müsste gestellt sein. Nur ganz selten trafen wir einen Menschen, der Größeres erreichen wollte. Das Wollen der meisten Menschen zielte auf den privaten Bereich. Alle wollten sie eine Weltreise machen, Kinder bekommen und ihr „Glück“ finden. wenn wir nachhakten und wissen wollten, was sie damit meinten, ernteten wir noch größere Ratlosigkeit. […]

Damals wurde mir klar, dass die menschliche Selbstbezogenheit die größte Rebellion verdient.

Dass jemand an unserer Zeit verzweifeln kann, weil er der Auffassung ist, dass wir Menschen zu mehr berufen sind, als vorgestanzte Konsumträume und kleinbürgerliche Glücksphantasien auszuleben, das kann ich verstehen. Eigentlich müssten doch die Kirchen Träger dieser Rebellion sein. Das geistigen, sozialen und spirituellen Fähigkeiten dafür sind vorhanden. Was noch fehlt, ist vielleicht tatsächlich ein bisschen von der Wut, die man bei Ruch so deutlich spürt. Ein bisschen "heiliger Zorn“ - und vor allem: noch mehr brennende Hoffnung.

Heute morgen starb Rupert Neudeck: Ein Mann, der das, was Philipp Ruch so vehement fordert, zäh und unbeirrt vorgelebt hat. Mögen noch viele andere über sich hinauswachsen zu dieser Art von Größe. Dagegen kann eigentlich niemand ernsthafte Einwänder haben, oder?

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In den letzten Wochen bin ich wenig zum Schreiben gekommen. Aber vielleicht hat ja der eine oder die andere Lust, sich ein paar Gedanken vom gestrigen Sonntag anzuhören. Was hat Boxen mit friedlicher Revolution zu tun, was das Kreuz Christi mit dem Neoliberalismus des 21. Jahrhunderts, was bedeuten Taufe und Abendmahl für die Überwindung von Angst und Zwängen und ein unbekümmertes Leben in einer konfliktgeladenen Welt?

Hier gehts zum Podcast.

 

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Man hört unablässig das Argument, in all den Diskussionen über Zeitungen, Firmen, Aristokratien oder Parteipolitik, dass man einen Reichen nicht bestechen kann. Tatsache ist freilich, dass der Reiche geschmiert ist; man hat ihn schon bestochen. Deswegen ist er ein Reicher. Die Begründung für das Christentum liegt darin, dass jemand, der an den Annehmlichkeiten dieses Lebens hängt, ein korrupter Mensch ist, geistlich korrupt, politisch korrupt, finanziell korrupt.

 (Gilbert K. Chesterton, Orthodoxy, 111)

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Ich greife ja hin und wieder Dinge auf und freue mich, wenn andere Ähnliches tun. Aber im Gegensatz zum Aufgreifen – eines Gedankens, eines Vorschlags, eines Trends oder einer Idee – hat die Vokabel "Abgreifen" in letzter Zeit eine ausgesprochen widerliche Bedeutung angenommen.

Sie hat sich im Vokabular der Schnäppchenjäger, Vorteilsnehmer und Geiz-ist-geil-Schreihälse etabliert und kennt dabei keinerlei geistige Dimension, sondern nur die monetär-materielle Ebene; sie kennt auch kein Verantwortungsgefühl (etwa die Frage nach den Folgen des eigenen Handelns für andere), das Abgreifen ist ein dumpfer Reflex des kalkulierenden Ego (so gesehen sagt das hässliche Wort leider immens viel über die Zeit aus, in der wir leben), so wie ein Huhn nach einem Korn pickt, das auf seinem Weg liegt oder eine Zecke sich an ihrem Wirt festsaugt. Es ist ein parasitäres Verhalten.

Insofern freue ich mich über alle, die diesen Trend nicht aufgreifen – weder sprachlich noch im eigenen Handeln – und hoffe, dass der Begriff bald so abgegriffen ist, dass er wieder aus dem allgemeinen Spachgebrauch verschwindet. Noch schöner wäre ja, er verschwände, weil man ihn gar nicht mehr braucht, um menschliches Verhalten damit zu bezeichnen.

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Der spätmodernen Gesellschaft geht es im Prinzip darum, Dinge zu kaufen, in immer größerer Vielfalt und Überfluss, und so muss sie danach streben, immer mehr Bedürfnisse zu fabrizieren, die sie befriedigen kann, und möglichst viele Beschränkungen und Verbote des Begehrens abzuschaffen. Eine solche Gesellschaft ist implizit atheistisch und muss langsam, aber sicher, die Auflösung transzendenter Werte betreiben. Sie kann nicht zulassen, dass uns letztgültige Güter von den nächstliegenden Gütern ablenken. Unsere heilige Schrift ist die Werbung, unser höchstes Ideal die persönliche Wahl. Gott und die Seele behindern zu oft das Verlangen, etwas zu erwerben, auf dem der Markt beruht, und konfrontieren uns mit Werten, die in schroffer Rivalität zu dem einen wahrhaft substanziellen Wert im Zentrum unseres sozialen Universums stehen: dem Preisschild.

David Bentley Hart, The Experience of God, S. 313.

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schlossgarten

Jesus spricht in der Bergpredigt über die Sorge und das Vertrauen, und wie ein Blick auf die Blumen und Vögel letzterem auf die Sprünge hilft. Ich habe mir letzte Woche ein paar Gedanken dazu gemacht, was das für uns heute bedeuten kann. Vielleicht ist jetzt die ideale jahrezeit, um dieser Spur einmal gründlich nachzugehen.

Leider lässt sich die tolle Kulisse des Erlanger Schlossgartens hier nicht simulieren, die wir vorgestern beim OpenER-Gottesdienst genießen konnten. Aber wer möchte, kann hier meine Gedanken vom Sonntag nachhören  (nebenbei: es ist die vermutlich kürzeste Predigt, die ich in diesem Kalenderjahr gehalten habe).

Wer mag, kann sich den Podcast ja irgendwo an einem schattigen Plätzchen in der Natur anhören und gleich praktisch werden.

 

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Das Multitasking ist keine Fähigkeit, zu der allein der Mensch in der spätmodernen Arbeits- und Informationsgesellschaft fähig wäre. Es handelt sich vielmehr um einen Regress. Das Mulititasking ist gerade bei Tieren in der freien Wildbahn weit verbreitet. Es ist eine Aufmerksamkeitstechnik, die unerlässlich ist für das Überleben in der Wildnis.

Byung-Chul Han,  Müdigkeitsgesellschaft, S. 26

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Es ist eines der am häufigsten zitierten Jesusworte, dass die ersten die letzten sein werden und umgekehrt (Mt 19.30). Angesichts der Tatsache, dass auf dieser Welt unzählige Menschen unter der Willkür weniger Mächtiger leiden, ist das erste Gefühl, das diese Aussage hervorruft, Erleichterung und Genugtuung – völlig zu Recht. Die Vorstellung von einer Welt, in der Sepp Blatter und seine Handlanger die Klos putzen, Putin PET-Flaschen sammelt (das ist nur der Alliteration geschuldet, es gibt freilich keine PET-Flaschen mehr in dieser Welt, zum Verdruss von Nestlé) – das hat schon was.

 

Viele Revolutionen sind genau diesem Schema der Umkehrung der Machtverhältnisse gefolgt. An den Gefängnissen und Friedhöfen ließ sich das gut ablesen. Und die Unterlegenen planten schon, sofern sie noch konnten, den Umsturz des Umsturzes. Hat Jesus das so gemeint und gewollt?

Wenn nämlich das Reich Gottes darin besteht, dass niemand mehr Macht über andere ausübt und alle gleich geachtet und gleich unmittelbar zu Gott sind, wenn Gottes Herrschaft das Herrschen über andere kategorisch ausschließt, wie kann es dann noch „Letzte“ geben?

Allenfalls eben so: Dass die ehemals Überlegenen schon die Gleichheit als eine solche Zurücksetzung, Demütigung und Kränkung empfinden, dass sie unter allen Ebenbürtigen die einzigen sind, die unglücklich über diese fairen Verhältnisse sind. Das ist ja das Absurde, dass manchen Zeitgenossen nichts so gegen den Strich geht wie die Gleichheit aller Menschen. Wenn ihre Privilegien futsch sind, geht für sie die Welt unter. Wenn unter mir niemand mehr ist,  wer bin ich dann noch?

Und dann sitzen sie im Schmollwinkel wie der alte Jona unter seiner verdorrten Rizinusstaude und schimpfen über „Gleichmacherei“, „Gutmenschen“, „Sozialismus“. Wenn jemand mal eine Vorstellung von „Hölle“ sucht, die irgendwie mit der Botschaft Jesu kompatibel ist - das wäre ein Ansatz.

Ob das allerdings ewig dauert? Ich kann es mir nicht vorstellen.

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Wie "diesseitige Tranzendenz" funktioniert, schildert Zygmunt Bauman in "Postmoderne Religion?" so treffend, dass es auch nach gut 15 Jahren nicht minder aktuell klingt. Nicht die Konsumgüter an sich lassen die Kassen klingeln, sondern die Verheißung ungeahnten Erlebens – eine Art Heilsversprechen bzw. eine Form der Erleuchtung. Dazu muss der Konsument allerdings seinen Teil beitragen und an sich arbeiten, indem er nämlich seine Genussfähigkeit maximiert. Auch dafür gibt es selbstverständlich die passenden Dienstleistungen und Angebote:

Das Versprechen neuer, überwältigender, sinnverwirrender oder haarsträubender, jedenfalls immer erregenderer Erfahrungen gilt als das Verkaufsargument für Lebensmittel, Getränke, Autos und Kosmetika genauso wie Brillen oder Pauschalreisen. Alles lockt mit der Aussicht auf bis dato unbekannte Eindrücke, die zu »durchleben« stärker wäre als jegliches bereits Probierte. Jedes neue Gefühlserlebnis muss »größer«, überwältigender und aufregender werden als das vorherige, und das Schwindelgefühl eines »totalen« Gipfelerlebnisses winkt immer schemenhaft am Horizont. Man hofft – und genau dies wird auch stillschweigend oder ausdrücklich insinuiert –, man werde auf dem Wege der quantitativen Akkumulation sinnlicher Intensität schließlich zu einem qualitativen Durchbruch gelangen – zu einem nicht nur tieferen und genussreicheren, sondern »völlig anderen« Erlebnis; man hofft, auf dieser Reise würden einem »metaempirische« Waren und Dienstleistungen helfen – alles was darauf abzielt, die psychischen und körperlichen, »Eindrücke empfangenden« Kräfte und Fähigkeiten zu stärken. Es geht nicht nur um das Angebot immer noch erhabenerer Freuden – man muss auch lernen, das ganze in ihnen enthaltenen Potenzial herauszupressen; (...)

Das Ziel eines solchen Trainings charakterisiert die Metapher des multiplen Orgasmus: ein Körper in Hochform, in dem ein ebenso trainierter Geist steckt, ist in der Lage zu wiederholter, ja sogar anhaltender Gefühlsintensität; ein Körper, der immer auf der Höhe ist, stets offen für alle Erfahrungsmöglichkeiten, die die Welt ringsum nur bieten kann – eine Art wohltemperiertes Klavier, jederzeit zu Melodien von erhebender Schönheit bereit.

 

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Gestern habe ich mit ein paar klugen Leuten über Zygmunt Baumans Buch „Collateral Damage“ diskutiert. Bauman erneuert und verschärft darin seine Kritik an der "flüchtigen Moderne“ des Konsumzeitalters, dessen Wesen darin besteht, immer neue Bedürfnisse zu erzeugen. Die Konsequenz ist nicht mehr (nur) die Ausbeutung von Arbeitskraft wie in der Frühphase der Industrialisierung, sondern die Ausbeutung der Konsumenten, die sich wiederum in deren „freiwilliger“ Selbstausbeutung äußert. Man muss sich möglichst gut anbieten und „verkaufen“. Der Rückzug des Sozialstaates (Seit Reagan und Thatcher im angelsächsischen Raum, seit den Neunzigern dann auch bei uns) hat zu vielerlei sozialen Verwerfungen geführt und Risiken produziert, denen der einzelne weithin schutzlos ausgeliefert ist, während die Macht und der Reichtum einer kleinen globalen Elite, die im Unterschied zu den einfachen Leuten nicht an einen Ort gebunden ist, exponential wächst.

Bauman beschreibt das als Aufgabe, ohne einen Lösungsweg vorzugeben. Und dann nahm die Diskussion jene Wendung, die ich schon hundertfach erlebt habe. Jemand sagte: Aber der Kommunismus sei ja gescheitert [stimmt, und Bauman erklärt auch einleuchtend warum], und „der Kapitalismus“ sei doch immer noch „das beste“ System, das wir haben. Wobei sich niemand Illusionen über die katastrophalen sozialen und ökologischen Begleiterscheinungen machte. Eine gewisse Betretenheit machte sich breit in der Runde.

Die Resignation und das Verstummen an genau diesem Punkt ist bezeichnend: Wenn wir uns schon gar nicht mehr vorstellen können, dass wir uns Alternativen vorstellen und entwickeln könnten (vom zähen Ringen um eine politische Durchsetzung ganz zu schweigen), wird sich natürlich nie etwas ändern, bis alles von allein zusammenbricht – und das hätte dann apokalyptische Ausmaße. Es geht also zuallererst um Einfälle, Ideen und Phantasie. Eben jede Dinge, zu denen Jesus Menschen mit seinen Gleichnissen anregte und die Propheten mit ihren Bildern. Die Frage nach der „Machbarkeit“ ist erst einmal zweitrangig. Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn wir statt ein paar Wochen Jahrzehnte brauchen, um eine praktische Alternative zu entwickeln. Um so wichtiger, jetzt das Gespräch anzustoßen, die Fragen auf den Tisch zu packen und möglichst viele Leute zum Denken zu verführen. Es lohnt sich auch dann, wenn wir noch 20 Jahre brauchen. Bauman dagegen hat von Günther Anders gelernt:

Die moralische Katastrophe unserer Zeit ‚erwächst nicht aus unserer Sinnlichkeit oder Durchtriebenheit, Unehrlichkeit oder Lässigkeit, nicht einmal aus der Ausbeutung, sondern aus einem Mangel an Vorstellungsvermögen‘; wobei das Vorstellungsvermögen, wie Anders beharrlich behauptet, mehr wahrnimmt von der Wahrheit […] als, das, wozu unsere maschinengetriebene empirische Wahrnehmung in der Lage ist. Ich würde hinzufügen: Das Vorstellungsvermögen erfasst auch viel mehr von der moralischen Wahrheit, der gegenüber unsere empirische Betrachtung besonders blind ist.

Freilich ist es nicht möglich, am Schreibtisch oder Reißbrett ein neues System zu entwerfen. Aber immerhin ist es im 20. Jahrhundert schon einmal gelungen, eine menschlichere Form des Wirtschaftens zu etablieren und damit die Härten und Ungleichheiten des Systems Kapitalismus leidlich auszugleichen - bei uns hieß das „Soziale Marktwirtschaft“. Es muss also kein "großer Wurf“ sein, es dürfen auch viele kleine Schritte und Maßnahmen werden.

Was dagegen keine Alternative ist, wäre so resigniert weiterzuwursteln wie immer. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (der Name täuscht über die Absicht hinweg) und andere neoliberale Think Tanks würden uns die Arbeit nur zu gerne abnehmen.

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Kürzlich sprach ich mit einem befreundeten Juristen über die unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen von Kirche und Staat/Gesellschaft. Er erinnerte an den Versuch der Gleichschaltung der Kirchen im Dritten Reich, mit dem der Staat die Kirchen instrumentalisierte. Heute ist dieser Kult um die Nation keine akute Gefahr in Deutschland, darin waren wir uns einig.

Beim Weiterdenken (ich erinnerte mich an diese Worte von Jürgen Moltmann) fiel mir auf: In Zeiten der "marktkonformen Demokratie", die nicht mehr durch äußeren Zwang herrscht, sondern einen inneren Anpassungsdruck erzeugt (um bloß nicht den Anschluss zu verlieren im gnadenlosen und unablässigen globalen Wettbewerb), liegt die größte Versuchung für dir Kirchen darin, vorauseilend die eigene Nützlichkeit und den „Mehrwert“ des Glaubens zu beteuern: Als leistungssteigernde Wellnessoase, als erfolgsrelevante Bildungseinrichtung, als eine Art legales Glücksdoping und metaphysicher Stimmungsaufheller im Zeitalter der allgemeinen Selbstausbeutung.

Ich habe das vor kurzem auf einer christlichen Website im Grunde genau so formuliert gefunden. Glaube fungiert dann als Lösung und Therapie für das Leben im neoliberalen System, als Schmierstoff fürs Räderwerk, aber eben nicht mehr als Störung, als Irritation, als subversiver Akt der Auflehnung gegen die anonymen und angeblich objektiv alternativlosen Zwänge.

Und all das ganz freiwillig - das ist das Verrückte. Aber irgendwie war die Fusion von Glaubenseifer und nationalem Pathos ja vor hundert Jahren auch freiwillig, wie selbstverständlich, ja sogar fröhlich bis euphorisch. Die oben erwähnte Website hat ihren Text inzwischen ausgebessert. Vielleicht ist das ja ein Hoffnungszeichen?

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(hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3)

Von Immunisierung war die Rede: Wir leben in einer abgestumpften Welt. Täglich werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt bombardiert. Diese ständige Begleitmusik kann sensible und verantwortungsbewusste Menschen in die Erschöpfungsdepression stürzen. Bei vielen bewirkt sie aber auch genau das Gegenteil, nämlich eine resignative Teilnahmslosigkeit und ein Desinteresse an der Frage nach den Hintergründen und Ursachen gewaltsamer Konflikte, sozialer Ungleichheit oder des ökologischen Raubbaus, in die wir verstrickt sind, und die uns auch dann etwas angehen, wenn wir nicht überall anpacken können, wo gerade Hilfe gebraucht wird.

Welch ein Glücksfall also, wenn uns prophetische Stimmen stören und aufrütteln: "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt“, hieß es in einem Flugblatt der Weißen Rose. Eine solche Kritik lässt sich freilich kaum ritualisieren und zum festen Bestandteil unserer mehr oder weniger formellen Liturgie umfunktionieren, sie muss je nach Situation stören und unterbrechen. Wir können allerdings darum bitten, dass solche Störungen geschehen.

Und dann es gibt es ja auch noch das: Ab und zu mutet die Perikopenordnung des Kirchenjahres uns einen sperrigen Text zu, an dem wir uns reiben können. Manchmal greift eine mutige Predigt den Anstoß auf. Das riskante Wagnis der Stille trägt dazu bei, dass wir unsere Selbsttäuschungen erkennen. Und gelegentlich findet man auch Lieder, die uns den Blick auf eine leidende Welt offen halten, zum Beispiel dieser Text der schottischen Pfarrerin Kathy Galloway aus dem Liederbuch der Iona Community:

Zieh dich nicht zurück in deine private Welt

jenen Ort der Sicherheit, geborgen vor dem Sturm

wo du deinen Garten pflegst und deine Seele suchst

und mit deinen Lieben am warmen Feuer ruhst.

Einen Garten zu pflegen ist etwa Kostbares

aber noch wertvoller ist der, den alle betreten dürfen

das Unkraut von Gift, Armut und Krieg

verlangt nach Deiner Aufmerksamkeit, wenn die Erde dein Zuhause ist.

Wir brauchen es also nicht ausschließlich den Propheten zu überlassen, uns immer wieder daran zu erinnern, dass wir in der Begegnung mit Gott nicht nur die Freude, sondern auch seinen Schmerz teilen, und dass wir dieser Begegnung mit seinem Schmerz nicht ausweichen können, wenn es uns um eine echte und tiefe Beziehung zu ihm geht.

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Die Lobpreis-Traditionen sind ja vergleichsweise jung. Vielleicht steckt ja noch Entwicklungspotenzial darin. Ich frage mich seit einigen Monaten, ob wir nicht über eine Erweiterung des Repertoires an Metaphern, Begriffen, theologischen Konzepten nachdenken müssten, die uns dabei helfen, Gottes und unseren Bezug zur Welt stärker in den Blick nehmen. Die Dank und Klage, Freude und Trauer, reines Herz und Hunger nach Gerechtigkeit verbinden. So dass am Ende alle den Gottesdienst verlassen, um draußen in der Stadt wie Mutter Theresas Schwestern zu schauen, wie Jesus sich heute wohl wieder verkleidet hat.

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