Konsumgesellschaft

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Ich greife ja hin und wieder Dinge auf und freue mich, wenn andere Ähnliches tun. Aber im Gegensatz zum Aufgreifen – eines Gedankens, eines Vorschlags, eines Trends oder einer Idee – hat die Vokabel "Abgreifen" in letzter Zeit eine ausgesprochen widerliche Bedeutung angenommen.

Sie hat sich im Vokabular der Schnäppchenjäger, Vorteilsnehmer und Geiz-ist-geil-Schreihälse etabliert und kennt dabei keinerlei geistige Dimension, sondern nur die monetär-materielle Ebene; sie kennt auch kein Verantwortungsgefühl (etwa die Frage nach den Folgen des eigenen Handelns für andere), das Abgreifen ist ein dumpfer Reflex des kalkulierenden Ego (so gesehen sagt das hässliche Wort leider immens viel über die Zeit aus, in der wir leben), so wie ein Huhn nach einem Korn pickt, das auf seinem Weg liegt oder eine Zecke sich an ihrem Wirt festsaugt. Es ist ein parasitäres Verhalten.

Insofern freue ich mich über alle, die diesen Trend nicht aufgreifen – weder sprachlich noch im eigenen Handeln – und hoffe, dass der Begriff bald so abgegriffen ist, dass er wieder aus dem allgemeinen Spachgebrauch verschwindet. Noch schöner wäre ja, er verschwände, weil man ihn gar nicht mehr braucht, um menschliches Verhalten damit zu bezeichnen.

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Der spätmodernen Gesellschaft geht es im Prinzip darum, Dinge zu kaufen, in immer größerer Vielfalt und Überfluss, und so muss sie danach streben, immer mehr Bedürfnisse zu fabrizieren, die sie befriedigen kann, und möglichst viele Beschränkungen und Verbote des Begehrens abzuschaffen. Eine solche Gesellschaft ist implizit atheistisch und muss langsam, aber sicher, die Auflösung transzendenter Werte betreiben. Sie kann nicht zulassen, dass uns letztgültige Güter von den nächstliegenden Gütern ablenken. Unsere heilige Schrift ist die Werbung, unser höchstes Ideal die persönliche Wahl. Gott und die Seele behindern zu oft das Verlangen, etwas zu erwerben, auf dem der Markt beruht, und konfrontieren uns mit Werten, die in schroffer Rivalität zu dem einen wahrhaft substanziellen Wert im Zentrum unseres sozialen Universums stehen: dem Preisschild.

David Bentley Hart, The Experience of God, S. 313.

self portrait with a price tag by Hanan Cohen, on Flickr
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schlossgarten

Jesus spricht in der Bergpredigt über die Sorge und das Vertrauen, und wie ein Blick auf die Blumen und Vögel letzterem auf die Sprünge hilft. Ich habe mir letzte Woche ein paar Gedanken dazu gemacht, was das für uns heute bedeuten kann. Vielleicht ist jetzt die ideale jahrezeit, um dieser Spur einmal gründlich nachzugehen.

Leider lässt sich die tolle Kulisse des Erlanger Schlossgartens hier nicht simulieren, die wir vorgestern beim OpenER-Gottesdienst genießen konnten. Aber wer möchte, kann hier meine Gedanken vom Sonntag nachhören  (nebenbei: es ist die vermutlich kürzeste Predigt, die ich in diesem Kalenderjahr gehalten habe).

Wer mag, kann sich den Podcast ja irgendwo an einem schattigen Plätzchen in der Natur anhören und gleich praktisch werden.

 

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Das Multitasking ist keine Fähigkeit, zu der allein der Mensch in der spätmodernen Arbeits- und Informationsgesellschaft fähig wäre. Es handelt sich vielmehr um einen Regress. Das Mulititasking ist gerade bei Tieren in der freien Wildbahn weit verbreitet. Es ist eine Aufmerksamkeitstechnik, die unerlässlich ist für das Überleben in der Wildnis.

Byung-Chul Han,  Müdigkeitsgesellschaft, S. 26

Multi-Tasking by Chim Chim, on Flickr
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Es ist eines der am häufigsten zitierten Jesusworte, dass die ersten die letzten sein werden und umgekehrt (Mt 19.30). Angesichts der Tatsache, dass auf dieser Welt unzählige Menschen unter der Willkür weniger Mächtiger leiden, ist das erste Gefühl, das diese Aussage hervorruft, Erleichterung und Genugtuung – völlig zu Recht. Die Vorstellung von einer Welt, in der Sepp Blatter und seine Handlanger die Klos putzen, Putin PET-Flaschen sammelt (das ist nur der Alliteration geschuldet, es gibt freilich keine PET-Flaschen mehr in dieser Welt, zum Verdruss von Nestlé) – das hat schon was.

 

Viele Revolutionen sind genau diesem Schema der Umkehrung der Machtverhältnisse gefolgt. An den Gefängnissen und Friedhöfen ließ sich das gut ablesen. Und die Unterlegenen planten schon, sofern sie noch konnten, den Umsturz des Umsturzes. Hat Jesus das so gemeint und gewollt?

Wenn nämlich das Reich Gottes darin besteht, dass niemand mehr Macht über andere ausübt und alle gleich geachtet und gleich unmittelbar zu Gott sind, wenn Gottes Herrschaft das Herrschen über andere kategorisch ausschließt, wie kann es dann noch „Letzte“ geben?

Allenfalls eben so: Dass die ehemals Überlegenen schon die Gleichheit als eine solche Zurücksetzung, Demütigung und Kränkung empfinden, dass sie unter allen Ebenbürtigen die einzigen sind, die unglücklich über diese fairen Verhältnisse sind. Das ist ja das Absurde, dass manchen Zeitgenossen nichts so gegen den Strich geht wie die Gleichheit aller Menschen. Wenn ihre Privilegien futsch sind, geht für sie die Welt unter. Wenn unter mir niemand mehr ist,  wer bin ich dann noch?

Und dann sitzen sie im Schmollwinkel wie der alte Jona unter seiner verdorrten Rizinusstaude und schimpfen über „Gleichmacherei“, „Gutmenschen“, „Sozialismus“. Wenn jemand mal eine Vorstellung von „Hölle“ sucht, die irgendwie mit der Botschaft Jesu kompatibel ist - das wäre ein Ansatz.

Ob das allerdings ewig dauert? Ich kann es mir nicht vorstellen.

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Wie "diesseitige Tranzendenz" funktioniert, schildert Zygmunt Bauman in "Postmoderne Religion?" so treffend, dass es auch nach gut 15 Jahren nicht minder aktuell klingt. Nicht die Konsumgüter an sich lassen die Kassen klingeln, sondern die Verheißung ungeahnten Erlebens – eine Art Heilsversprechen bzw. eine Form der Erleuchtung. Dazu muss der Konsument allerdings seinen Teil beitragen und an sich arbeiten, indem er nämlich seine Genussfähigkeit maximiert. Auch dafür gibt es selbstverständlich die passenden Dienstleistungen und Angebote:

Das Versprechen neuer, überwältigender, sinnverwirrender oder haarsträubender, jedenfalls immer erregenderer Erfahrungen gilt als das Verkaufsargument für Lebensmittel, Getränke, Autos und Kosmetika genauso wie Brillen oder Pauschalreisen. Alles lockt mit der Aussicht auf bis dato unbekannte Eindrücke, die zu »durchleben« stärker wäre als jegliches bereits Probierte. Jedes neue Gefühlserlebnis muss »größer«, überwältigender und aufregender werden als das vorherige, und das Schwindelgefühl eines »totalen« Gipfelerlebnisses winkt immer schemenhaft am Horizont. Man hofft – und genau dies wird auch stillschweigend oder ausdrücklich insinuiert –, man werde auf dem Wege der quantitativen Akkumulation sinnlicher Intensität schließlich zu einem qualitativen Durchbruch gelangen – zu einem nicht nur tieferen und genussreicheren, sondern »völlig anderen« Erlebnis; man hofft, auf dieser Reise würden einem »metaempirische« Waren und Dienstleistungen helfen – alles was darauf abzielt, die psychischen und körperlichen, »Eindrücke empfangenden« Kräfte und Fähigkeiten zu stärken. Es geht nicht nur um das Angebot immer noch erhabenerer Freuden – man muss auch lernen, das ganze in ihnen enthaltenen Potenzial herauszupressen; (...)

Das Ziel eines solchen Trainings charakterisiert die Metapher des multiplen Orgasmus: ein Körper in Hochform, in dem ein ebenso trainierter Geist steckt, ist in der Lage zu wiederholter, ja sogar anhaltender Gefühlsintensität; ein Körper, der immer auf der Höhe ist, stets offen für alle Erfahrungsmöglichkeiten, die die Welt ringsum nur bieten kann – eine Art wohltemperiertes Klavier, jederzeit zu Melodien von erhebender Schönheit bereit.

"Balancing on the Brink." Eagle Peak summit, Chugach Mountains, Alaska

Foto: Paxson Woelber "Balancing on the Brink." via flickr/creative commons 2.0
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Gestern habe ich mit ein paar klugen Leuten über Zygmunt Baumans Buch „Collateral Damage“ diskutiert. Bauman erneuert und verschärft darin seine Kritik an der "flüchtigen Moderne“ des Konsumzeitalters, dessen Wesen darin besteht, immer neue Bedürfnisse zu erzeugen. Die Konsequenz ist nicht mehr (nur) die Ausbeutung von Arbeitskraft wie in der Frühphase der Industrialisierung, sondern die Ausbeutung der Konsumenten, die sich wiederum in deren „freiwilliger“ Selbstausbeutung äußert. Man muss sich möglichst gut anbieten und „verkaufen“. Der Rückzug des Sozialstaates (Seit Reagan und Thatcher im angelsächsischen Raum, seit den Neunzigern dann auch bei uns) hat zu vielerlei sozialen Verwerfungen geführt und Risiken produziert, denen der einzelne weithin schutzlos ausgeliefert ist, während die Macht und der Reichtum einer kleinen globalen Elite, die im Unterschied zu den einfachen Leuten nicht an einen Ort gebunden ist, exponential wächst.

G20 Tension

Bauman beschreibt das als Aufgabe, ohne einen Lösungsweg vorzugeben. Und dann nahm die Diskussion jene Wendung, die ich schon hundertfach erlebt habe. Jemand sagte: Aber der Kommunismus sei ja gescheitert [stimmt, und Bauman erklärt auch einleuchtend warum], und „der Kapitalismus“ sei doch immer noch „das beste“ System, das wir haben. Wobei sich niemand Illusionen über die katastrophalen sozialen und ökologischen Begleiterscheinungen machte. Eine gewisse Betretenheit machte sich breit in der Runde.

Die Resignation und das Verstummen an genau diesem Punkt ist bezeichnend: Wenn wir uns schon gar nicht mehr vorstellen können, dass wir uns Alternativen vorstellen und entwickeln könnten (vom zähen Ringen um eine politische Durchsetzung ganz zu schweigen), wird sich natürlich nie etwas ändern, bis alles von allein zusammenbricht – und das hätte dann apokalyptische Ausmaße. Es geht also zuallererst um Einfälle, Ideen und Phantasie. Eben jede Dinge, zu denen Jesus Menschen mit seinen Gleichnissen anregte und die Propheten mit ihren Bildern. Die Frage nach der „Machbarkeit“ ist erst einmal zweitrangig. Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn wir statt ein paar Wochen Jahrzehnte brauchen, um eine praktische Alternative zu entwickeln. Um so wichtiger, jetzt das Gespräch anzustoßen, die Fragen auf den Tisch zu packen und möglichst viele Leute zum Denken zu verführen. Es lohnt sich auch dann, wenn wir noch 20 Jahre brauchen. Bauman dagegen hat von Günther Anders gelernt:

Die moralische Katastrophe unserer Zeit ‚erwächst nicht aus unserer Sinnlichkeit oder Durchtriebenheit, Unehrlichkeit oder Lässigkeit, nicht einmal aus der Ausbeutung, sondern aus einem Mangel an Vorstellungsvermögen‘; wobei das Vorstellungsvermögen, wie Anders beharrlich behauptet, mehr wahrnimmt von der Wahrheit […] als, das, wozu unsere maschinengetriebene empirische Wahrnehmung in der Lage ist. Ich würde hinzufügen: Das Vorstellungsvermögen erfasst auch viel mehr von der moralischen Wahrheit, der gegenüber unsere empirische Betrachtung besonders blind ist.

Freilich ist es nicht möglich, am Schreibtisch oder Reißbrett ein neues System zu entwerfen. Aber immerhin ist es im 20. Jahrhundert schon einmal gelungen, eine menschlichere Form des Wirtschaftens zu etablieren und damit die Härten und Ungleichheiten des Systems Kapitalismus leidlich auszugleichen - bei uns hieß das „Soziale Marktwirtschaft“. Es muss also kein "großer Wurf“ sein, es dürfen auch viele kleine Schritte und Maßnahmen werden.

Was dagegen keine Alternative ist, wäre so resigniert weiterzuwursteln wie immer. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (der Name täuscht über die Absicht hinweg) und andere neoliberale Think Tanks würden uns die Arbeit nur zu gerne abnehmen.

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Kürzlich sprach ich mit einem befreundeten Juristen über die unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen von Kirche und Staat/Gesellschaft. Er erinnerte an den Versuch der Gleichschaltung der Kirchen im Dritten Reich, mit dem der Staat die Kirchen instrumentalisierte. Heute ist dieser Kult um die Nation keine akute Gefahr in Deutschland, darin waren wir uns einig.

Beim Weiterdenken (ich erinnerte mich an diese Worte von Jürgen Moltmann) fiel mir auf: In Zeiten der "marktkonformen Demokratie", die nicht mehr durch äußeren Zwang herrscht, sondern einen inneren Anpassungsdruck erzeugt (um bloß nicht den Anschluss zu verlieren im gnadenlosen und unablässigen globalen Wettbewerb), liegt die größte Versuchung für dir Kirchen darin, vorauseilend die eigene Nützlichkeit und den „Mehrwert“ des Glaubens zu beteuern: Als leistungssteigernde Wellnessoase, als erfolgsrelevante Bildungseinrichtung, als eine Art legales Glücksdoping und metaphysicher Stimmungsaufheller im Zeitalter der allgemeinen Selbstausbeutung.

Ich habe das vor kurzem auf einer christlichen Website im Grunde genau so formuliert gefunden. Glaube fungiert dann als Lösung und Therapie für das Leben im neoliberalen System, als Schmierstoff fürs Räderwerk, aber eben nicht mehr als Störung, als Irritation, als subversiver Akt der Auflehnung gegen die anonymen und angeblich objektiv alternativlosen Zwänge.

Und all das ganz freiwillig - das ist das Verrückte. Aber irgendwie war die Fusion von Glaubenseifer und nationalem Pathos ja vor hundert Jahren auch freiwillig, wie selbstverständlich, ja sogar fröhlich bis euphorisch. Die oben erwähnte Website hat ihren Text inzwischen ausgebessert. Vielleicht ist das ja ein Hoffnungszeichen?

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(hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3)

Von Immunisierung war die Rede: Wir leben in einer abgestumpften Welt. Täglich werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt bombardiert. Diese ständige Begleitmusik kann sensible und verantwortungsbewusste Menschen in die Erschöpfungsdepression stürzen. Bei vielen bewirkt sie aber auch genau das Gegenteil, nämlich eine resignative Teilnahmslosigkeit und ein Desinteresse an der Frage nach den Hintergründen und Ursachen gewaltsamer Konflikte, sozialer Ungleichheit oder des ökologischen Raubbaus, in die wir verstrickt sind, und die uns auch dann etwas angehen, wenn wir nicht überall anpacken können, wo gerade Hilfe gebraucht wird.

Welch ein Glücksfall also, wenn uns prophetische Stimmen stören und aufrütteln: "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt“, hieß es in einem Flugblatt der Weißen Rose. Eine solche Kritik lässt sich freilich kaum ritualisieren und zum festen Bestandteil unserer mehr oder weniger formellen Liturgie umfunktionieren, sie muss je nach Situation stören und unterbrechen. Wir können allerdings darum bitten, dass solche Störungen geschehen.

Und dann es gibt es ja auch noch das: Ab und zu mutet die Perikopenordnung des Kirchenjahres uns einen sperrigen Text zu, an dem wir uns reiben können. Manchmal greift eine mutige Predigt den Anstoß auf. Das riskante Wagnis der Stille trägt dazu bei, dass wir unsere Selbsttäuschungen erkennen. Und gelegentlich findet man auch Lieder, die uns den Blick auf eine leidende Welt offen halten, zum Beispiel dieser Text der schottischen Pfarrerin Kathy Galloway aus dem Liederbuch der Iona Community:

Zieh dich nicht zurück in deine private Welt

jenen Ort der Sicherheit, geborgen vor dem Sturm

wo du deinen Garten pflegst und deine Seele suchst

und mit deinen Lieben am warmen Feuer ruhst.

Einen Garten zu pflegen ist etwa Kostbares

aber noch wertvoller ist der, den alle betreten dürfen

das Unkraut von Gift, Armut und Krieg

verlangt nach Deiner Aufmerksamkeit, wenn die Erde dein Zuhause ist.

Wir brauchen es also nicht ausschließlich den Propheten zu überlassen, uns immer wieder daran zu erinnern, dass wir in der Begegnung mit Gott nicht nur die Freude, sondern auch seinen Schmerz teilen, und dass wir dieser Begegnung mit seinem Schmerz nicht ausweichen können, wenn es uns um eine echte und tiefe Beziehung zu ihm geht.

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Die Lobpreis-Traditionen sind ja vergleichsweise jung. Vielleicht steckt ja noch Entwicklungspotenzial darin. Ich frage mich seit einigen Monaten, ob wir nicht über eine Erweiterung des Repertoires an Metaphern, Begriffen, theologischen Konzepten nachdenken müssten, die uns dabei helfen, Gottes und unseren Bezug zur Welt stärker in den Blick nehmen. Die Dank und Klage, Freude und Trauer, reines Herz und Hunger nach Gerechtigkeit verbinden. So dass am Ende alle den Gottesdienst verlassen, um draußen in der Stadt wie Mutter Theresas Schwestern zu schauen, wie Jesus sich heute wohl wieder verkleidet hat.

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(Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2)

Die Sprache des Konsums ist in den meisten Gemeinden längst angekommen und zeigt an, wie sehr sich die dazugehörige Mentalität verbreitet hat. Als Ausdruck dieser Mentalität lässt sich der folgende Liedtext lesen: „Mein Freudeschenker, mein Heimatgeber, mein Glücklichmacher und mein Schuldvergeber, mein Friedensbringer und mein Worteinhalter, mein Liebesspender bist Du.“ Die Sequenz zusammengesetzter Substantive beschreibt die Gottesbeziehung ausschließlich in der Sprache der Funktionalität und der Wirkung auf das individuelle Wohlbefinden.

Viele Christen kommen in den Gottesdienst, um nach eigenen Worten dort „aufzutanken“, etwas „mitzunehmen“ – aber kaum, um zusätzliche Lasten auferlegt zu bekommen, etwa weil sie dort mit Fragen nach sozialer Gerechtigkeit konfrontiert werden, auf die es keine einfache und schnelle Antwort gibt.

Himmelsleiter

Der ausgewiesene Zweck des Gottesdienstbesuchs ist es in diesem Fall, bis zum nächsten Sonntag möglichst reibungslos zu funktionieren, in der Familie und natürlich auch im Beruf, wo man auf göttlichen Beistand hofft, um auf immer ungewisseren Karrierepfaden doch irgendwie den Aufstieg zu schaffen (oder wenigstens den Abstieg zu vermeiden).

Vom Aufstieg ist interessanterweise auch in vielen modernen Lobpreisliedern die Rede: Um dem erhabenen Gott zu begegnen, muss erst ein spiritueller Höhenunterschied bewältigt werden. Statt den in unsere Welt heruntergekommenen Gott zu feiern, der sich (wie etwa Luther unaufhörlich betonte) nur in aufreizender Niedrigkeit einer Krippe und dem bitterem Leid am Kreuz zu erkennen gibt, dreht sich nun wieder viel um sterile Herrlichkeit und Hoheit, um Glanz und Pracht, Gold und Engel.

Das sind zwar auch alles biblische Aussagen. Aber sie waren ursprünglich trotzige Gesänge im Munde einer gefährdeten Märtyrerkirche. Nun sind es Himmelsvisionen eines Christentums, das in Gott die Steigerung und ultimative Erfüllung seiner Wohlstandsideale zu finden meint, und nicht etwa deren radikale Kritik im Namen einer humanen und gerechten Welt für alle.

Und so vermittelt das bei gleichem Wortlaut eine völlig andere Botschaft. Ein ähnlicher Zwiespalt tut sich auf in zahlreichen Tempel-Analogien, die uns in Liedgut und Liturgie begegnen. Sie verschweigen und verdunkeln geradezu die Bewegung Gottes in die Welt hinaus oder vom Himmel herab und erwecken letztlich den Anschein, man müsse dem Alltag und den Mitmenschen erst bewusst den Rücken kehren, um ihm dann zu begegnen. Wenn man so denkt, dann rechnet man kaum noch damit, dass man Gott anderswo antreffen könnte als im Außergewöhnlichen.

Dazu kommt: Wo in diesem Kontext dann tatsächlich vom Kreuz die Rede ist, da steht es oft für die rückstandfreie Entsorgung unserer Schuld und dafür, dass Jesus die Zeche für uns bezahlt hat, damit wir einigermaßen sorglos und unbehelligt weiterleben können. Vom gegenwärtigen Leid unserer Mitmenschen und Mitgeschöpfe ist dabei nur ganz selten die Rede, wie in dem oben zitierten Text dominiert nicht das „wir“, sondern das „ich". So droht der Gottesdienst hier drinnen zur Immunisierung gegen das Leid der anderen „da draußen“ zu werden.

(Fortsetzung folgt)

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(Hier geht es zu Teil 1)

Nun ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt nichts Falsches, solange sie uns nicht zum Selbstbetrug verleitet – zum Rückzug aus der leidenden Welt, zu einer Spiritualität des Wegschauens. Diese Aufforderung zum „Wegschauen" ist mir am Beginn vieler Gottesdienste schon begegnet, und insofern sie sich darauf bezieht, dass ich aufhöre, ständig um mich selbst zu kreisen und meine Sorgen und Bedürfnisse als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten, sind sie durchaus angebracht. Wo, wenn nicht im Angesicht Gottes, kann ich mich selbst einmal im besten Sinne des Wortes vergessen?

Foto: Mary Belykh via Flickr/creative commons 2.0

Oft aber sind das auch Aufforderungen gewesen, sich auf Gott unter Absehung vom zwiespältigen Zustand seiner (und unserer) Welt auszurichten. Wir laufen damit Gefahr, aus dem „Himmel“, von dem wir in unseren Liedern so gerne singen, ein hohles Wolkenkuckucksheim zu machen. Im alten Israel hat Gott diesem Hang zur Verdrängung drastisch widersprochen (Amos 5,21-24):

Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie

und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt,

ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.

Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören,

sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos hatte es mit einer Situation zu tun, in der die Kluft zwischen Arm und Reich sprunghaft angewachsen war. Die Oberschicht schottete sich – wie heute das reiche Europa zweifellos überzeugt davon, dass sie ihre Privilegien „verdient“ hatte – vom Leid der Verlierer ab. Armut wurde (wie heute vielfach wieder) als selbstverschuldet verstanden und als Makel behandelt. Wohlstand hingegen galt als ein Zeichen des göttlichen Segens, und um diesen zu feiern, ließ ein Besserverdiener im Tempel auch mal ordentlich was springen. Doch dann stört dieser ungehobelte Partyschreck im Namen Gottes die andächtige Stimmung mit dem Hinweis darauf, dass Gott die ganze Sache stinkt.

Dabei sind, um die Kritik des Propheten noch etwas weiter zu entfalten, keineswegs nur die Lieder das Problem, es können auch die Predigten sein: Als im 19. Jahrhundert das Industrieproletariat entstand, bezeichnete kein Geringerer als Goethe die Predigten des Erweckungspredigers Friedrich Wilhelm Krummacher, die zwar die persönliche Moral, Heiligung und den rechten Glauben betonten, aber die sozialen Missstände unberührt ließen, als „narkotisch“. Friedrich Engels, Sohn eines frommen Fabrikanten aus Wuppertal, fand noch viel drastischere Worte.

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Den folgenden Text habe ich für eine Mitarbeiterhilfe des CVJM geschrieben, und diesen ersten Teil auch vor einigen Monaten schon einmal gepostet unter dem Titel „Die Singkrise“. Damit auch die folgenden Gedanken nachvollziehbar werden, stelle ich das nun erneut ein und lasse den Rest in kurzen Abständen folgen. Wer’s schon kennt, kann warten bis zum zweiten Teil.

Kürzlich nahm ich als Gast bei Freunden an deren Gottesdienst teil und die Lobpreisband spielte Matt Redmans berühmtes Lied “Heart of Worship”. Die Story dazu ist nicht nur unter Insidern bekannt: Redmans Gemeinde – die Jugendkirche „Soul Survivor“ im englischen Watford – stellte fest, dass ihre Lobpreismusik dabei war, zum Selbstzweck zu werden und Gott selbst in den Schatten zu stellen – gerade weil sie so angesagt und mitreißend war. Also verschrieb man sich eine Phase der Entwöhnung und verzichtete auf die Musik – wie die Katholiken auf die Glocken in der Karwoche (da fliegen diese angeblich nach Rom). In dieser Zeit entstand das Lied, das davon handelt, dass es nicht um Lieder und Musik geht, sondern um die Liebe zu Gott. So weit, so gut. Ich finde, es ist wirklich ein schönes und bewegendes Lied.

Und es kann einen zum Nachdenken bringen!

Bei Soul Survivor haben sie längst wieder begonnen zu singen und “Heart of Worship” hat überall auf der Welt begeisterte Aufnahme gefunden. Vielleicht, weil es ein Dilemma anspricht, das viele ganz ähnlich empfinden: das Medium entwickelt eine Eigendynamik, es verdeckt mehr als dass es noch Hinweischarakter hätte, geistliche Musik wird zum Konsumartikel. Auch dazu wurde schon viel gesagt.

Foto: Ashley Campbell via Flickr/creative commons 2.0

Aber reicht es denn schon aus, in einem Lied (unter etlichen anderen) darüber zu singen, dass Singen nicht alles ist und manchmal mehr von Gott ablenkt als zu ihm hinführt, ohne dann auch tatsächlich den Ausknopf zu drücken und zu sehen, was denn wirklich passiert, wenn wir mit leeren Händen dastehen, die Stille mühsam aushalten, in der der innere Lärm und die Störgeräusche von nichts mehr übertönt werden – und können wir glauben, dass Gott uns dann auch darin begegnet? Sollte man so ein Lied eigentlich singen, ohne sich die damit verbundenen Herausforderungen tatsächlich zugemutet zu haben? Anders gefragt: Verhindert es am Ende vielleicht genau den Erneuerungsprozess, den es beschreibt? Ist es genug, dass wir den Gedanken oder die unbehagliche Ahnung „eigentlich müsste man etwas ändern“ zwar ausdrücklich zu Protokoll geben, die tatsächliche Beschäftigung mit diesem Thema dann aber umgehend wieder vertagen?

Der Philosoph und Gesellschaftskritiker Slavoj Zizek hat in den letzten Jahren immer wieder angemerkt, dass unsere Konsumkultur und der moderne Kapitalismus längst einen Weg gefunden haben, die Kritik am System zum Teil des Systems zu machen. Ohne dass sich das System an sich ändert, das – Papst Franziskus hat es erst kürzlich scharf kritisiert – alles und jeden zur Ware macht, die man kauft, benutzt und wegwirft, kann sich der Konsument etwa durch ethisch „guten“ Kaffee für einen gewissen Aufpreis von seinem schlechten Gewissen loskaufen. Das Rädchen, das zu quietschen drohte, läuft nun wieder wie geschmiert.

Zizek bestreitet nicht, dass „fairer Konsum“ die Lage mancher Erzeuger tatsächlich verbessert, er zweifelt nicht an den guten Absichten der Beteiligten, aber er fragt, ob die gute Absicht konsequent genug umgesetzt wurde, oder ob wir es am Ende doch mit einer Alibi-Aktion zu tun haben, die nur die hässlichen Symptome kaschiert und die wahren Ursachen unberührt lässt. Würden wir nach diesen Ursachen fragen, dann müssten wir uns unseren Ohnmachtsgefühlen angesichts dieser trostlosen Lage stellen, der Resignation und Gleichgültigkeit, die uns lähmen oder zur Flucht in heile Welten drängen: virtuelle Phantasiewelten, die (spieß-)bürgerliche Idylle oder fromme Subkulturen. Zieht man den Horizont nur eng genug, bleiben all die verstörenden Dinge außer Sichtweite.

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Ich weiß, dass unsere Philosophie, die schon immer reich war an seltsamen Maximen, entgegen der Erfahrung aller Jahrhunderte behauptet, der Luxus bewirke den Glanz der Staaten. Wird sie aber, nachdem sie schon die Notwendigkeit der Gesetze gegen den Luxus außer acht gelassen hat, auch noch bestreiten wollen, dass die guten Sitten ein wesentliches Element für den Bestand der Reiche sind, dass aber der Luxus den guten Sitten diametral entgegengesetzt ist?

Jean Jacques Rousseau

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Auf der CES wurde kürzlich eine elektrische Zahnbürste vorgestellt, die einer Smartphone-App mitteilt, wann und wie intensiv die Zähne geputzt wurden. Wunderbar: Ab jetzt können die Eltern von dem Fernseher sitzenbleiben (wahlweise auch gern länger im Büro), ohne dass der Kinder Zahnschmelz darunter leidet (ich kann mir vorstellen, dass demnächst die Krankenkassen Zugriff auf die Daten beanspruchen oder bei NSA und BND anklopfen…).

So sieht das dann aus:

Ein paar Tage später aber las ich von einem intelligenten Kühlschrank, der als Teil eines Botnets enttarnt wurde, das massenweise Spams verschickte. Smart TVs sollen auch mit von der Partie gewesen sein. Demnächst bestimmt auch Kaffee-Vollautomaten. Gestern schließlich war von 16 Millionen E-Mail-Konten die Rede, die gehackt wurden. Sascha Lobo nennt Smartphones konsequenterweise nun „Premiumwanzen“.

Heute morgen schließlich blieben, natürlich exakt zum späten Anmarsch des diesjährigen Winters, die Heizkörper im Haus kalt. Hat jemand die smarte Steuerung manipuliert? So weit scheint es noch nicht zu sein, ein Monteur soll schon an der Fernwärmeleitung werkeln. Ich geh jetzt zum Aufwärmen erst mal ins Büro.

Bisher hätte man die Verknüpfung einer solchen Panne mit unerlaubten Gedanken oder kritischen privaten Äußerungen im privaten Rahmen als magisches Denken bezeichnet, das für ein bestimmtes Entwicklungsstadium normal ist  (Kind "war böse" – Meerschweinchen wird krank – Kind gibt sich die Schuld), von dem man sich als Erwachsener aber lösen muss. Inzwischen erscheint es aber durchaus vorstellbar, dass ein unbekannter Überwacher (ob Mensch oder Computer) mir die Wärme abdreht, weil ich durch irgendeine Äußerung negativ aufgefallen bin. Anders gesagt: die Wirklichkeit selbst wird wahnsinnig, zumindest sofern sie sich digital beeinflussen lässt.

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Als ich das erste Mal den „Hobbit“ hörte, war ich siebzehn, mit dem CVJM campen irgendwo in Norfolk und litt unter akutem Liebeskummer. Ein Highlight, das mich damals aufrichtete, waren die spätabendlichen Lesungen aus Tolkiens Buch durch unseren Gruppenleiter. Ich fieberte immer schon dem nächsten Kapitel entgegen. Mehr noch: Das Zuhören zog mich in die Geschichte hinein, ich war positiv verzaubert.

Als ich gestern Abend das Kino verließ, ging mir nichts aus der Geschichte nach, die ich gerade gesehen hatte. Und es lag nicht daran, dass ich sie schon kannte; sondern daran, dass die Erzählung vom Effektspektakel so verschüttet wird wie die gierige Superechse Smaug unter ihrem vielen Gold.

Keine Frage, die Szenenbilder und Animationen sind vom Feinsten, Jackson hat seine Einöde perfekt ausstaffiert. Aber schon die ausgiebige Kinovorschau des Vorprogramms auf andere Hollywood-Produktionen zeigte, dass dies kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist. Irgendwann wird es gähnend langweilig, wenn noch ein Orkkopf rollt, noch ein Elbenpfeil sein Ziel findet (das tun Elbenpfeile nämlich immer), oder Gandalf sich am Rande eines Abgrunds (es ist immer ein Abgrund in der Nähe) mit Fies- und Finsterlingen höherer Ordnung battelt. Das alles haben wir im "Herrn der Ringe" schon stundenlang zu sehen bekommen. Vor allem aber taugt der Hobbit nicht als Vorlage, um des großen Bruders (auch schon aufgeblähte) Action-Sequenzen zu toppen.

Den Charakteren beim Reden oder gar Nachdenken zuschauen kann man dagegen nur selten. Sie gehen in der Einöde des unablässigen und weitgehend sinnfreien Gebrülls und Gemetzels ziemlich unter. Da hilft auch die hinzugedichtete Romanze mit der schönen und wehrhaften Tauriel (hat Red Bull den Namen gesponsert, die Haarfarbe ließe darauf schließen?) nicht so recht drüber hinweg.

Teil drei lässt noch mehr vom Gleichen erwarten, schließlich findet die große Schlacht trotz all der partiellen Vorwegnahmen im Buch ja erst dann statt. Egal: Ein paar Schritte über den popcornverbröselten Kinoteppich und ich fing an, mich zu wundern, dass so überhaupt keine Neugier aufgekommen war, wie denn nun alles endet. Vermutlich hatte ich sie zusammen mit der 3-D-Brille in den Sack aus Ausgang geworfen.

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