Männer, Frauen und Kinder

DAS heiße Thema in Deutschland – und immer noch alle möglichen Mythen, die es uns schwer machen…

Ich lese immer noch in Lehnerts "Korinthischen Brocken". Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zu der Frage, wie Paulus zu lesen und auszulegen ist, weil es sich jenseits gängiger dogmatischer Alternativen bewegt. Recht konkret wird das in der Betrachtung von 1.Korinther 7, wo es um Heirat und Ehelosigkeit geht. Man kann Lehnert sicher nicht vorwerfen, er setze sich leichtfertig über den Wortlaut hinweg oder erkläre irgendwelche Aussagen für heute nicht mehr zeitgemäß. Relativiert wird lediglich eine bestimmte, weit verbreitete und Jahrhunderte lang dominierende Auslegungstradition.

Paulus ist durch seine Christusbegegnung wie aus der Zeit gefallen. Weniger die Kontinuität die vom Vergangenen kommt und auf das Zukünftige hin läuft, bestimmt ihn, sondern deren Unterbrechung.

Paulus – ziellose Schritte, kein »Weiter«, kein »Zurück«, er läuft und läuft. Fort von Damaskus – und auf Damaskus zu, auf den Moment seiner Verwandlung. Paulus agiert nicht mehr auf einem Zeitstrahl. Deshalb kann er auch so schlecht erzählen, er verliert schon innerhalb von zwei, drei Sätzen den Faden, steigt aus und reflektiert, fällt ins Suchen nach Begriffen oder abrupt ins Poetische, in den dichten Ausdruck des Augenblicks. Er schaut auf: Wo bin ich? Was ist das?

Love and Marriage 298/366

Und so ergibt sich auch im Blick auf die Ehe eine andere Perspektive als die vieler rabbinischer Zeitgenossen, die Sexualität und Fruchtbarkeit als göttliches Geschenk feierten, wie auch der entstehenden Gnosis, die Leiblichkeit immer nur negativ in den Blick nahm:

In der Ehe eine »heilige Schöpfungsordnung« zu vermuten, ist für Paulus genauso abenteuerlich wie in der Askese einen Ausweg aus der eigenen Natur. Bleibt! Verharrt! Wenn eine Ehe zerbricht, dann möge sie zerbrechen. Und wenn eine Ehe geschlossen wird, so habe sie Bestand. Bleibt! Was die Gegebenheiten dieser Welt bedeuten, wird der Christus erweisen. Und in diesem Verharren pulst doch eine anarchische Unruhe, sie bestimmt die Lebensform des Glaubens, wie das Verlangen nach Luft die Lunge bewegt. (S. 162)

Lehnert betont auch den Kontrast zum romantischen Ideal der Moderne, die das Heil in der geschlechtlichen Liebe sucht. Auch sie kann sich nicht auf Paulus berufen. Vielleicht wäre das ja auch ein Ausweg aus den Kulturkämpfen rund um Ehe und Familie, das Thema wieder etwas zurückzunehmen. Da scheint mir auch ein Teil der Diskutanten (darunter die offizielle Linie der katholischen Kirche) an der Vorstellung von heiliger Schöpfungsordnung zu kleben und manche Kritik daran dürfte sich ihrerseits vor allem dem säkularen Motiv verdanken, in der geschlechtlichen Liebe etwas Unbedingtes zu sehen, dem ein Mensch um jeden Preis zu folgen hat, wenn er sein Glück nicht verspielen will. Ähnlich sind die Folgen für das Verhältnis der Christen zur antiken Gedächtniskultur, die so großen Wert legt auf Ahnen und Abstammung:

Die Ehe ist ja nichts als eine Interimslösung mit sehr begrenzter Gültigkeit. Ihr kommt keinerlei Heiligkeit zu, keine Metaphysik des Blutes. Es ist, folgt man Paulus, letztlich sinnlos, auf den Stammbaum der Generationen zu schauen, sich ein Weiterleben in einer Familie oder im Gedächtnis von Nachkommen zu erhoffen. Ja, es ist schon fahrlässig, eine Familie außerhalb der direkten Anwesenheit von Personen, der Liebe von Menschen zu denken […]

Die Familie löst sich bei Paulus auf bis auf die Personen, die man kennt und liebt. Genealogien, nichts haben sie mehr zu sagen auf die Frage, wer wir sind. (S. 163f.)

Der Schlüssel zu einer Entkrampfung der Debatten läge aber wohl darin, dieses Zeitempfinden nachzuvollziehen, die „anarchische Unruhe“ zurückzugewinnen. Christentum in unseren Breiten hat sich vielfach in der Zeit leidlich eingerichtet, lebt mehr im Verlauf als der Unterbrechung, hütet das Erbe der Väter oder fügt sich in den Lauf der Dinge. Dass Paulus hier, wie Lehnert schreibt, Lebenssituationen zu sich selbst in Spannung setzen kann, hat mit seinem Bild der Welt zu tun:

Paulus erlebt den Kosmos als flüchtige Erscheinung in stetem Selbstwiderspruch. Die alte Welt ist verwandelt in ihren Schatten, im Licht des messianischen kairos, und doch ist sie Ort der Bewährung, des Ausharrens bis zum Ende, und das heißt: Harren in der Verantwortung für die Welt als Hauch. (S. 169)

(Bild: Dennis Skley, Love and Marriage 298/366 via Flickr/Creative Commons)

Share

1 Kommentar

Überraschend, vor allem für die Betroffenen selbst, hat die Evangelische Allianz in Großbritannien (EAUK) letzte Woche den Oasis Trust ausgeschlossen, nachdem sich dessen Gründer Steve Chalke im vergangenen Jahr für eine Anerkennung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen hat.

Seither hat es offenbar immer wieder Verhandlungen gegeben, die nun einseitig für gescheitert erklärt wurden. Mit Steve Chalke verliert die EAUK ihren wohl prominentesten Dissidenten und jemanden, der im Laufe der Jahre enorm viel frischen Wind in die Szene gebracht hat, nicht zuletzt hat er das öffentliche Image der Evangelikalen durch seine sympathische Medienpräsenz mit geprägt.

Durch den Ausschluss definiert die EAUK freilich auch explizit, was für sie als „evangelikal" gilt und was nicht. Es gibt Fragen, in denen man verschiedener Meinung sein kann, und Themen, wo das nicht geht. Eine offene Haltung gegenüber Homosexualität gehört in die letztere Kategorie, in der ersteren befinden sich Themen wie Taufe, die Hölle, der Sühnetod, die Ordination von Frauen, gerechter Krieg, Wirtschaftsethik und viele andere Dinge. Es wäre durchaus einmal interessant zu recherchieren, wer im Laufe der Jahre weswegen aus der Evangelical Alliance ausgeschlossen wurde. Offenkundig macht sich „Bibeltreue“ für jene, die sie stets einfordern, nach wie vor besonders an der Sexualethik fest. Dabei hat die Bibel über Homosexualität vergleichsweise wenig zu sagen.

Das Statement der EAUK lässt erkennen, dass dort die Auffassung herrscht, Chalke habe den bestehenden Konsens aufgekündigt, als er die traditionelle Position verließ. Dieses „es war schon immer so" ist ein strukturell konservatives Argument, das regelmäßig von Orthodoxien aller Art gegen Innovatoren und Querdenker ins Feld geführt wird. Nun ist Steve Chalke ja keineswegs der einzige Evangelikale, der den Ausschluss homosexuell lebender Menschen ablehnt. Bestenfalls war er einer der wenigen, die es laut und vernehmlich formulierten. Alle anderen sind nun gewarnt, und viele werden ihre von der Party Line abweichende Meinung wie bisher nur hinter vorgehaltener Hand äußern, um keinen Rauswurf zu provozieren.

Aktuell aber schlägt schon die nächste prominente Äußerung Wellen in den sozialen Netzwerken: Die Theologin, Musikerin (u.a. Worship Leader bei Spring Harvest), christliche Feministin und Publizistin Vicky Beeching hat sich, trotz ihrer konservativen Wurzeln, ebenfalls für einen neuen Kurs gegenüber der LGBT-Community ausgesprochen. Sie hat gerade eine Blogserie gestartet, in der sie ihre Haltung begründet. Es dürfte nicht das letzte Ereignis in dieser Richtung sein. US-Sängerkollege Dan Haseltine von den Jars of Clay hat den traditionell-konservativen Standpunkt ebenso aufgegeben wie Sir Cliff Richard, der die anglikanische Kirche schon 2008 aufforderte, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen.

Share

2 Kommentare

Vor einer Weile bekam ich einen Beitrag aus Faszination Bibel zugesandt, der sich mit der Anweisung des Paulus befasst, Frauen hätten im Gottesdienst und in der Öffentlichkeit immer das traditionelle Kopftuch zu tragen. Die Überschrift lautet „Jeder Text ist ein Kind seiner Zeit“ und der Autor, Prof. Armin Baum von der FTA in Gießen, erläutert dort wunderbar verständlich und klar, was der Brauch (der in vielen patriarchalischen Gesellschaften heute noch existiert) damals bedeutete, um dann ebenso überzeugend zu schildern, inwiefern sich der gesellschaftliche Kontext so verändert hat, dass das Symbol (Kopftuch) seine Bedeutung (kein Interesse an intimen Beziehungen zu Männern) verloren hat.

Was Paulus selbst angeht, so hat er, wie mir scheint, an eine solche kulturelle Distanzierung seiner Anweisung gegenüber entweder nicht gedacht (Juden und Heiden waren in dieser Frage, wie der Artikel belegt, weitgehend einig) oder er sah verständlicherweise keinen Anlass, weil er ja auch nicht damit rechnen konnte, dass 2.000 Jahre später unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen jemand diesen Brief lesen würde. Aus dem Text wird deutlich, wie Paulus hier

  • erstens christologisch argumentiert: "Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi." (11,3),
  • zweitens schöpfungstheologisch unter Anspielung auf Genesis 2: "Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen“ (11,8-10),
  • drittens das wackelige schöpfungstheologische Argument wieder christologisch relativiert durch den Verweis auf die Gleichrangigkeit der Geschlechter: "Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott." (11,11-12)
  • und viertens und letztens (d.h. aber auch als sein entscheidendes Argument!) in dieser Streitfrage die "Natur" anführt und an den Verstand appelliert: Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen?“ (11,14-15).

Die ebenfalls argumentativ ins Feld geführte Angelologie lasse ich einmal beiseite. Völlig zu Recht stand in Faszination Bibel, dass Paulus sich wohl sorgt, ein Aufgeben des Kopftuches in der Öffentlichkeit würde unvermeidlich zu falschen Schlussfolgerungen Anlass gegeben hätte. Wir heute hätten aber dafür – Baum spricht vom ethischen Prinzip der ehelichen Treue – andere Ausdrucksformen und Konventionen entwickelt, zum Beispiel den Ehering.

Speed More by Magnus von Koeller via flickr/creative commons

Paulus selbst aber schreibt hier nichts von dieser Sorge, die erschließt sich bestenfalls aus dem Zusammenhang. Sein Begründung liest sich für mich recht kategorisch: Schöpfungsordnung, Natur, Vernunft (alles Dinge, die heute in keiner Polemik gegen den vermeintlichen Ausverkauf des Glaubens an den Zeitgeist fehlen dürfen). Das wird im Falle des Kopftuches nun kulturell und kontextuell relativiert. Ich bin nicht ganz sicher, ob man zeitlose ethische Prinzipen und zeitgebundene Symbole tatsächlich so leicht auseinanderhalten kann, aber abgesehen davon stimme ich dieser Auslegung uneingeschränkt zu: Es ist kein Gebot der Natur, also keine biologische Notwendigkeit, sondern der Kultur, also ein gesellschaftliches Arrangement. Die antike Kleiderordnung ist keine Schöpfungsordnung.

Und jetzt denken wir das Ganze bitte einen wichtigen Schritt weiter:

Ich frage mich, wo jetzt noch der qualitative Unterschied zu Römer 1,26f. liegt, wenn Paulus hier wie dort mit dem damals gängigen philosophischen Naturbegriff argumentiert (der fehlt übrigens im Alten Testament) und mit „atimia“ ("Unehre“) einen Begriff aus der alttestamentlichen Weisheit verwendet:

Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.

Wo dieselbe Begründungsstruktur vorliegt, da können doch auch dieselben Fragen gestellt werden – in diesem Fall eben, ob nicht auch diese Aussage über das, was "natürlich" ist, in hohem Maße zeit- und kulturbedingt sein könnte, und ob wir nach allem, was wir heute wissen, uns das Urteil ("widernatürlich", "Schande") unbesehen zu eigen machen müssen. Von „müssen“ kann, wie der Vergleich zeigt, auch nach evangelikalen Maßstäben keine Rede sein. Leider wird das sehr oft so dargestellt, als gäbe es keinen Ermessensspielraum.

Das ist verstörend, zumal sich auch hier das allgemeine Empfinden (das die Christinnen in Korinth nicht verletzen sollten) ebenso gewandelt hat wie die wissenschaftliche Bewertung (eine seltenere Spielart menschlicher Sexualität, aber kein pathologischer „Defekt“ – schon gar kein mutwillig oder durch eigene/fremde Schuld herbeigeführter) und die gesellschaftlichen Verhältnisse (es gibt gleichberechtigte, verbindliche Partnerschaften unter Homosexuellen, was damals bei Juden, aber auch Griechen und Römern undenkbar war). Wollte man hier ein kontextunabhängiges „Prinzip“ ermitteln, dann wäre das die partnerschaftliche und fürsorgliche und treue Liebe.

Dass dies im einen Fall recht problemlos geht und im anderen zu so schweren Zerwürfnissen führen kann, lässt sich für mich nicht so sehr aus den Texten selbst erklären, sondern vielmehr aus den Macht- und Mehrheitsverhältnissen in den Gemeinden und Führungszirkeln der jeweiligen Konfessionen, wie auch der Tatsache, dass die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft schon wesentlich weiter gediehen ist als die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften. In ein oder zwei Generationen könnte das also schon ganz anders aussehen.

Die Frage an alle, die heute Verantwortung tragen, bleibt: Warum nicht auch "b" sagen, wenn man längst schon "a" gesagt hat – um der betroffenen Menschen willen?

Share

Vor allem die Vertreter konservativer Positionen haben in den letzten Jahren die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes dazu verwendet, die Notwendigkeit einer Unterordnung der Frau unter den Mann zu begründen oder um zu erklären, warum gleichgeschlechtliche Beziehungen eine Perversion der Gottebenbildlichkeit des Menschen darstellen. Das Verhältnis der Geschlechter wird dabei aus dem Verhältnis der trinitarischen Personen abgeleitet und damit jeglicher Diskussion um die geschichtliche und kulturelle Bedingtheit unserer Vorstellungen und Definitionen entzogen.

men and women

Beide Diskurse – die Frage nach einem egalitären oder komplementären (=hierarchischen) Verständnis von Mann und Frau, wie die Frage, ob gleichgeschlechtliche Liebe defizitär sei – werden von der konservativen Seite als Macht- und Ausgrenzungsdiskurse geführt. Wer in einem solchen Machtdiskurs Gott auf seiner Seite hat, muss nicht mehr auf den anderen hören.

Zum ersten Themenkreis (aber nicht ohne Relevanz für den zweiten) hat Andrew Perriman diese Woche einen hilfreichen Post geschrieben. Dort beleuchtet er das Vater-Sohn Verhältnis im Neuen Testament und zeigt schön, dass dies nicht von einer metaphysischen Ewigkeitsperspektive her gedacht ist, sondern den geschichtlichen Weg Jesu von der Taufe bis zur Auferweckung beschreibt. Eine Analogie zu diesem Verhältnis lässt sich zwischen Mann und Frau schlechterdings nicht sinnvoll konstruieren. Perriman zitiert aus einem etwas älteren Post von David Congdon:

Es lässt sich in Gott keine Analogie zu menschlicher Geschlechtlichkeit finden.

Es lohnt sich, bei Congdon noch etwas weiterzulesen. Ausgehend von Barth wird dort erläutert, dass der „Komplementarismus“ (schön, dass diese Entsprechung zum angelsächsischen Wort- und Gedankenmonster des Complementarianism im Deutschen noch nicht Fuß gefasst hat) eine Form der "analogia entis" zwischen Gott und Mensch voraussetzt, also eine Art naturgegebene Wesensverwandtschaft, die es überhaupt möglich macht, menschliche Begrifflichkeit, Kategorien und Eigenschaften auf Gott anzuwenden. Für die einen ist das der Intellekt, für die anderen die unsterblich Seele, für wieder andere die Polarität oder Differenzierung von Mann und Frau (das wird gelegentlich irreführenderweise auch als „analogia relationis" deklariert). Gemeinsam ist allen Ansätzen, dass sie völlig unabhängig von Gottes Selbstoffenbarung in Christus (der analogia fidei) gedacht werden können.

Was die Unterordnung Christi unter den Vater angeht, so wird diese im Neuen Testament nicht abstrakt behauptet, sondern sie vollzieht sich in der Sendung Christi (schön: „his submission cannot be abstracted from his mission“). Das komplementaristische Argument ist ein willkürlicher Zirkelschluss: Um zu beweisen, dass Frauen sich Männern unterordnen sollen, sucht man nach dem Stichwort „Unterordnung“ und wird in der Trinitätslehre fündig, schreibt Congdon. Dazu biegt man sie dann gewaltsam zurecht.

Kommentar meinerseits: Ganz analog geschieht das unter dem Stichwort „Verschiedenheit“, wenn die Unterscheidung der trinitarischen Personen zum Argument gemacht wird, warum die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern irgendwie „falsch“ sein soll – als wäre das Geschlecht die einzige Kategorie der Differenzierung unter Menschen; als würde ein Mann, der einen anderen Mann liebt, prinzipiell sich selbst lieben, während ein Mann, der eine Frau liebt, gegen diesen Irrtum schon deswegen prinzipiell gefeit wäre, weil es sich eben um eine Frau handelt.

Auch da wird ausgehend von der „immanenten Trinität“ argumentiert – und gleichzeitig hartnäckig ausgeblendet, dass „Vater“ und „Sohn“, deren Liebe als Vorbild dient, ja beides maskuline Analogien sind, die dafür herangezogen werden. Hier auf einmal spüren selbst die Vertreter der traditionellen Rollenzuschreibungen, was die Christenheit seit Gregor von Nyssa weiß – dass Geschlechtlichkeit im Blick auf das Wesen Gottes keine sinnvolle Kategorie darstellt. Und der Gedanke der Ehe, also der intimen und dauerhaften Verbindung zweier selbstständiger (!!) Wesen durch einen „Bund", lässt sich auf die innertrinitarischen Relationen überhaupt nicht sinnvoll anwenden.

Wirklich schlüssig ist für Congdon nur diese Folgerung:

Die ökonomische Trinität [d.h. nicht Gott „in sich“, sondern Gott „für uns“] schließt die Kluft [zwischen Gott und Mensch] nicht, indem sie aus den trinitarischen Beziehungen vermenschlicht, sondern indem sie die menschlichen Beziehungen in ihr Leben hineinnimmt durch die Inkarnation. Wir sind daher nicht berufen, die trinitarischen Beziehungen nachzuahmen, sondern aufgrund der Inkarnation an ihnen teilzunehmen.

… In Christus wird uns daher gezeigt, wie die Dreieinigkeit aussieht, wenn sie das Menschsein einschließt, und wie Menschsein aussieht, wenn es in die trinitarischen Beziehungen aufgenommen wird.

… Wenn wir also das Ebenbild der Dreieinigkeit wiedergeben wollen, können wir das nur, indem wir das Bild Jesu wiedergeben als sein treuer Leib aus vom Geist geleiteten Jüngern in der Welt.

Wenn sich also eine Apotheose der Geschlechterpolarität verbietet, wenn die Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Rollen von Mann und Frau in die menschlich-geschöpfliche Sphäre fallen, dann sind sie auch keine Frage der Biologie allein, sondern eine Frage der Kultur. Wenn wir aber von Kultur reden, dann ist damit auch eine gewisse Variabilität verbunden. Wer Angst hat, diesen Interpretationsspielraum verantwortlich zu nutzen, der kann ihn wohl nur leugnen.

Share

In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um eine enge oder weite Interpretation von Ehe und Familie taucht immer wieder der Verweis auf die biblischen Schöpfungserzählungen auf. Die Vertreter der engen Auslegung gehen davon aus, dass

  1. diese Texte vor allem präskriptiv zu lesen sind, also Ordnungen darstellen, die keine Variationen zulassen
  2. „Mann" und "Frau“ komplementär aufeinander bezogen sind, also die Verschiedenheit der Geschlechter eine gegenseitige Ergänzung bewirkt
  3. diese Polarität ihren Ursprung im Wesen Gottes hat und echte Gottebenbildlichkeit erst in der Ehe erreicht ist, während sie in gleichgeschlechtlichen Beziehungen entstellt, verfehlt oder pervertiert wäre.

Walter Klaiber, der frühere Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche und theologisch sicher kein Radikaler, hält das in Schöpfung. Urgeschichte und Gegenwart für eine Überinterpretation von Genesis 1:

Damit ist nicht eine ursprünglich androgyne Gottesvorstellung vorausgesetzt und auch nicht die Gottebenbildlichkeit in der Beziehung von Mann und Frau angesiedelt. Wohl aber wird damit ausdrücklich festgestellt, dass alle Menschen an der Würde, der Vollmacht und der Verantwortung teilhaben. (S. 29)

Nicht die Unterschiedlichkeit, sondern gerade die Gleichheit von Mann und Frau stehen hier im Zentrum. Ganz ähnlich erkennt in Genesis 2 der Mensch („Adam“ ist ja ein Gattungsbegriff, kein Vorname) in der Frau die Gleiche und damit endlich das Gegenüber, das er unter all den anderen Lebewesen vergeblich gesucht hatte.

Foto: "Couple in the sunset" by tanakawho via flickr/creative commons

Ich habe schon verschiedentlich auf das großartige Kapitel in Miroslav Volfs Von der Ausgrenzung zur Umarmung: Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität verwiesen. Dort kommt Volf zum gleichen Schluss wie Klaiber, dass der Mensch seine Geschlechtlichkeit mit den (allermeisten)Tieren teilt, dass man sie aber nicht zurückprojizieren kann auf Gott selbst:

Wir benutzen maskuline und feminine Metaphern für Gott nicht, weil Gott männlich oder/und weiblich wäre, sondern weil Gott „persönlich“ ist. Von Personen kann man nur in geschlechtlicher Begrifflichkeit reden. Da Menschen, die einzigen personalen Wesen, die wir kennen, nur in der Dualität von Mann und Frau existieren, müssen wir von einem persönlichen Gott in maskulinen und femininen Metaphern reden. (S. 223)

Da Gott jenseits des Unterschiedes der Geschlechter steht, gibt es in Gott keine Entsprechung zum eigentümlich väterlichen Verhältnis, das ein Mann zu seinem Nachwuchs hat. Ein menschlicher Vater kann seine Verantwortung als Vater nicht von Gott ablesen. Was ein Vater von Gott lernen kann, das ist seine Verantwortung als Mensch, der zufällig ein Vater ist und daher eine besondere Beziehung zu seinen Söhnen und Töchtern hat, wie auch zu deren Mutter. Mann kann von Gott, dem Vater, nicht mehr darüber lernen, was es bedeutet, ein menschlicher Vater zu sein, als darüber, was es bedeutet, eine menschliche Mutter zu sein; umgekehrt kann man von Gott, der Mutter, nicht mehr über menschliches Muttersein lernen als man über Vatersein lernen könnte. Ob wir maskuline oder feminine Metaphern für Gott verwenden – Gott ist das Vorbild unseres gemeinsamen Menschseins, nicht unserer geschlechtlichen Eigenheiten. (S. 224)

… Die Ontologisierung der Geschlechtlichkeit wäre ein Bärendienst am Gottesbegriff wie am Verständnis von Geschlechtlichkeit. Nichts an Gott ist spezifisch weiblich; nichts an Gott ist spezifisch männlich; daher hat keine unserer Gottesvorstellungen eine Auswirkung auf Pflichten und Erfordernisse, die ein bestimmtes Geschlecht betreffen. Darin liegt meines Erachtens die Bedeutung der Tatsache, dass, wie Phyllis Bird gezeigt hat, Geschlechterunterscheidungen nach Genesis 1 keinen Bezug zum Ebenbild Gottes haben (Bird 1981; Bird 1991). Männer und Frauen haben Männlich- und Weiblichsein nicht mit Gott gemeinsam, sondern mit den Tieren. Gottes Ebenbild sind sie im gemeinsamen Menschsein. Daher sollten wir uns gegen jegliche Konstruktion einer Beziehung von Gott und Frausein oder Mannsein sperren, die ein Geschlecht bevorzugt, etwa indem sie behauptet, dass Männer aufgrund ihres Mannseins Gott besser abbilden als Frauen (mit LaCugna 1993, 94ff) oder dass Frauen, da von Natur aus beziehungsorientierter, dem Göttlichen als der Kraft von Verbundensein und Liebe näher stünden. (S. 227)

Zum Schluss der Blick ins Neue Testament: Das vollkommene Ebenbild Gottes ist Jesus von Nazareth (Kol 1,15), ein einzelner Mensch. Aber eben kein Ehepaar! Jesus ist zudem nicht der Prototyp wahrer Männlichkeit, sondern wahrer Menschlichkeit. Frauen haben also in der Imitatio Christi keinen Rückstand zu überwinden.

Sehr eindeutig ist die „Schöpfungsordnung“ übrigens im Blick auf die Ernährung, die war nämlich strikt vegan (vgl. Genesis 1,29-30). Fleisch kam erst nach dem Sündenfall und nach der Sintflut auf den Tisch – sonst hätten sich Noahs Passagiere nämlich gegenseitig verspeist (Genesis 9,3). All die Frommen, die gegen den Veggie-Day polemisiert haben, sollten also schleunigst Buße tun…

Share

Vorgestern Abend habe ich mir im Rahmen der Allianz-Gebetswoche Gedanken machen dürfen über das Thema „Vielfalt“. Beim Thema Integration haben evangelikale Christen in den letzten Jahren vielfach eine sehr konstruktive Rolle eingenommen und sich klar gegen die Diskriminierung von Migranten positioniert. Das ist auch wichtig, denn nach wie vor wird an diesem Punkt – die CSU exerziert es mit ihrer die Realität böswillig verzerrenden Kampagne zum Thema Armutsmigration gerade wieder vor – die Atmosphäre zwischen Einheimischen und Zuwanderern vorsätzlich belastet, um den rechten Rand der Wählerschaft für die Europawahl an sich zu binden.

In meinem Stadtteil hat die Ankündigung, dass hier demnächst eine zweistellige Zahl Flüchtlinge untergebracht werden soll, ganz ähnliche Reflexe ausgelöst. Ein anonymes Flugblatt beschimpfte die Kommune und die Kirchen, sie würden die Sicherheit Anwohner und den Frieden im Wohngebiet gefährden. Vorsorglich verwahrte sich der Autor gegen jeden Vorwurf, er sei rechts oder er wolle andere diskriminieren. Vielmehr sah er sich selbst als Teil einer unterdrückten Minderheit. Und dann zitierte er aus allen möglichen „Quellen" die „Fakten“, über die man angeblich nicht reden dürfe, dass Flüchtlinge nämlich Probleme, Probleme und nichts als Probleme verursachen.

Ein interessanter Aspekt ist, dass in der Integrationsdebatte der Widerspruch gegen diese negative Selektion vermeintlicher „Fakten“ seit einiger Zeit als totalitär gelabelt wird – „ das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, heißt es dann gebetsmühlenartig. Die anderen greifen zu „Totschlagargumenten“, sie sind die eigentlichen Diskussionsverweigerer. Was hier als „Maulkorb“, Redeverbot und Einschränkung der Meinungsfreiheit hingestellt wird, ist freilich nur der berechtige und absehbare Protest gegen die negativen Stereotypisierungen anderer, die man selbst geäußert hat – also die Tatsache, dass andere Menschen auch von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch machen.

Die präventive Selbststilisierung in die Opferrolle dient dazu, nicht als Rassist, Rechter oder schlicht als intolerant gebrandmarkt zu werden, denn das ist im Zeitalter des Pluralismus einer der schwerwiegendsten Vorwürfe überhaupt. Folglich werden Alibi-Diskurse über Gegendiskrimierung etabliert, von angeblich grassierender „Deutschenfeindlichkeit“ ist dann die Rede, und freilich lässt sich irgendein Beispiel immer finden, wo nach Jahrzehnten der Verachtung eine oder mehrere Einwanderergruppen nun ihrerseits den Alteingesessenen das Leben schwer machen – aber wen wundert das eigentlich? Der Verweis auf die Inländerfeindlichkeit dient ja in der Regel dazu, die unversöhnliche Haltung gegenüber den bisherigen Minderheiten zu zementieren.

Der letzte Schritt der Selbstimmunisierung gegen Kritik besteht darin, die andere Seite unter Ideologieverdacht zu stellen. Nun werden also nicht nur die Migranten, sondern auch ihre Unterstützer etikettiert. Sie seien Fanatiker, die vom Wahn des „Multikulturalismus" geblendet unsere Gesellschaft an den Rand des Abgrunds geführt hätten. Freilich führt der noch vergleichsweise junge Kampf gegen Diskriminierung nicht in jedem Fall zu gelungenen Theoriebildungen. Andererseits war und bleibt es notwendig, die Funktion von Sprache und Denkmustern in den Prozessen gesellschaftlicher Ausgrenzung kritisch zu reflektieren, und das Bemühen um eine angemessene Sprache, das mit dem inzwischen zum Schimpfwort mutierten Terminus „political correctness“ wiedergegeben wird, nun auf eine Stufe mit totalitären Systemen zu stellen (die Nazis sind immer die anderen…), stellt die Realität dreist auf den Kopf – lupenreine Projektion.

Als ich mit diesen Gedankengängen fertig war und mich über den neuen christlichen Multikulturalismus freute, wanderten meine Gedanken zurück durch die vergangenen zwei Wochen. Mein Facebook-Freundeskreis hatte sich in der Frage der Diskrimierung Homosexueller schlagartig gespalten, als im medialen Windschatten von Thomas Hitzlsbergers Coming Out die Petition zum Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg unerwartet Schlagzeilen machte. Selbst wenn man zugesteht, dass nicht jeder Kommentar sauber durchdacht war, fand ich die Parallelität bemerkenswert. Ich vermute, dass die meisten Befürworter irgendwie tatsächlich keine Diskriminierung Homosexueller wie in Russland oder Uganda möchten, dass sie andererseits aber den Preis für die Überwindung derselben nicht realistisch einschätzen oder mitzutragen bereit sind:

Der Ideologieverdacht steht schon im Titel, ihm folgt der Vorwurf der Indoktrination. Den besten Kommentar zu diesem Einstieg fand ich jüngst bei Jan Fleischhauer, der üblicherweise ja keine Gelegenheit auslässt, gegen alles, was irgendwie grün oder links ist, den Zeigefinger zu erheben. Er bemerkt zu dieser Sorge lapidar:

Das letzte Mal habe ich in den siebziger Jahren die Indoktrinierungsthese gehört. Damals ging es um einen Gemeinschaftskundelehrer an meiner Schule, der gleichzeitig Mitglied der DKP war. Wenn man meinen politischen Werdegang zum Maßstab nimmt, kann man nur sagen: Irgendwie hat das mit der Indoktrination nicht richtig hingehauen. Oder sie hat doch gewirkt und mich auf die andere Seite getrieben. Aber das spräche aus Sicht der Indoktrinierungsthesenanhänger jetzt eher dafür, den Schulkindern möglichst viel über die Vorzüge des schwulen oder lesbischen Lebens zu erzählen, damit sie später garantiert heterosexuell werden.

Die Gendertheorie bzw. das Schlagwort „Gender Mainstream“ (hier eine kurze, verständliche und konkrete Darstellung) ist unglücklicherweise dabei, in Teilen des konservativen Christentums die Funktion von Kommunismus, Okkultismus, Ökumene, Esoterik, europäischer Integration u.a. als vermeintlich totalitäre Verschwörung zu übernehmen. Ich bin gewiss kein Gender-Experte, kann mich aber nach allem, was ich weiß, dieser Sicht nicht anschließen. Ich halte es für sinnvoll, begrüßenswert und unvermeidlich, dass Sexualität in der Schule nicht nur im Biologieunterricht besprochen wird. Es geht ja um viel mehr als die Frage, wie Reproduktion funktioniert. Und wie Menschen als sexuelle Wesen leben, das wird weithin - im Guten wie im Bösen - durch unsere Kultur bestimmt.

Man kann die Petition mit Fleischhauer so lesen, "dass sich in einem Gutteil der Unterschriften nicht eine offene oder latente Homophobie ausdrückt, sondern eher der Unmut, ständig die eigene Toleranzbereitschaft unter Beweis stellen zu müssen… Kaum etwas macht Menschen so nervös wie das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen, dass man ihnen nicht ihre Rückständigkeit und Provinzialität vorhält. Gerade der akademische Diskurs mit seinen Verstiegenheiten löst bei Unkundigen deshalb schnell Befremden und Abwehr aus.“ Ein Unterzeichner fand, er müsse sich wohl bald dafür rechtfertigen, dass er heterosexuell sei. Das ist so ein fehlgeleiteter Abwehrreflex, der die Diskriminierung der eigenen Person schon darin antizipiert, dass eine andere Meinung Gehör findet. Ein Unterzeichner, dessen Kommentar auf der Petitionsseite hervorgehoben ist, schreibt: "Ich bin so glücklich, dass hier endlich einmal auch viele Normalos [!!] den Mut finden, gegen die Homosexualisierung der Gesellschaft [!!] Stellung zu beziehen.“ Wir „Normale“ werden also längst schon unterdrückt.

An einigen Stellen geht auch die Argumentation der Petition selbst in eine bedenkliche Richtung, die auch die heftigen Reaktionen der Kritiker verständlich werden lässt. Das eine ist der Verweis auf eine längere Liste von „gesundheitlichen Risiken“: Suizid, Drogenmissbrauch, HIV, psychische Krankheiten. Das ist, obwohl die Petition die ethische Reflexion fordert, ja im Kern ein biologistisches Argument. In der Kürze, in der es hier erscheint, ist es aber auch dazu angetan, allerlei Ängste zu schüren, die sich in den Kommentaren auch wunderbar aufspüren lassen. Im Hintergrund dieser Argumentationslinie schimmert die Vorstellung durch, dass jemand mutwillig gegen seine eigentliche „Natur“ handelt und damit sich und anderen schadet. Wie dieses Beispiel zeigt, wird bei Studien in dieser Richtung keineswegs nur seriös gearbeitet und argumentiert.

Und die Frage, wie man aus empirischen Befunden (sofern sie denn zuträfen) zu ethischen Urteilen findet, ist ja heikel: Bis vor ein paar Generationen hatten heterosexuelle Frauen eine deutlich geringere Lebenserwartung, weil viele im Kindbett starben. Zum Glück kam niemand auf die Idee, sie als Risikogruppe zu bezeichnen.

Das andere ist auch keineswegs neu, nämlich die Konstruktion einer Konkurrenzsituation zu „Ehe und Familie“ (beides strikt heterosexuell gedacht) und der Verweis auf den besonderen Schutz dieser Lebensform durch das Grundgesetz. Diese Annahme ergibt ja nur dann einen Sinn, wenn man sexuelle Orientierung als ein Problem versteht, mit dem man von außen irgendwie „infiziert“ wird, indem also eine allzu positive Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe und Partnerschaft einen Nachahmungseffekt erzeugt, der labile junge Menschen gefährdet. Ich halte die Gegenposition für plausibler, dass die Orientierung weitgehend angeboren ist.

Den Wert von Ehe und Familie zu verteidigen (beziehungsweise der Vorwurf, diesen Wert grundlos zu opfern) war ja schon ein wesentliches Motiv in der Kritik am Familienpapier der EKD. Hier taucht es wieder auf. Und wie man es dreht und wendet, der Spagat mag einfach nicht gelingen: In diesem Kontext den „besonderen Wert“ der heterosexuellen Ehe (das Bundesverfassungsgericht geht allerdings schon Schritte hin zu einem nichtexklusiven Verständnis von Ehe und Familie) zu betonen, bedeutet unweigerlich, andere Arrangements als minderwertig im Blick auf das Ideal oder die Norm erscheinen zu lassen. Der Staatsrechtler Carl Schmitt konstatierte einst: "Wer Werte setzt, hat sich damit gegen Unwerte abgesetzt“. Und Melanie Amann vom Spiegel schreibt im Blick auf zahlreiche Aktivisten der AfD, die ähnliche Positionen vertreten:

Diskriminierung muss nicht als grobe Beschimpfung daherkommen. Oft verbirgt sie sich in subtilen Sticheleien, oder im überschwänglichen Lob einer Lebensform, wenn in Wahrheit die andere herabgewürdigt werden soll.

Ein gesellschaftlicher Kontext dieser Diskussion ist der schleichende Bedeutungsverlust der "bürgerlichen Mitte“ unserer Gesellschaft. Diesem Milieu sind viele aktive Christen in Deutschland zuzuordnen. Eckhart Bieger schreibt dazu auf kath.de recht treffend:

Die Bürgerliche Mitte entwickelt eine eigene Mentalität, einfach deshalb, weil alle anderen Lebenswelten in einem Abstand zur Mitte leben. Deshalb fühlen sich die Bewohner der Mitte als die Normalbürger. Sie müssen nicht darüber nachdenken, sondern sie erleben alle an anderen Milieus als abweichend von der Mitte. Ihr Selbstbewusstsein kommt daher weniger aus dem erreichten sozialen Status, sondern mehr aus dem Bewusstsein, dass so, wie sie leben, es richtig ist. Sie erwarten, dass andere sich ihnen anpassen.

Der Bildungsplan für Baden-Württemberg spricht die Sprache anderer Milieus und stellt damit dieses Selbstverständnis in Frage. Daher wird er als fundamentale Verunsicherung erlebt. Verständlicherweise ist das Interesse groß, möglichst viele gesellschaftliche Inseln zu behaupten, die dem „Zeitgeist“ (d.h. allen die eigene Sicht relativierenden Veränderungen) entzogen sind. Für Marc Raschke auf Brand Eins verbindet die Menschen in diese Milieu vor allem der "Wunsch, ihren Status quo zu bewahren“.

Zurück zum Anfang: In der Frage des Multikulturalismus ist es unter Christen vielfach schon gelungen, vorhandene Ängste und Abwehrreaktionen abzubauen. Im Blick auf andere Lebensentwürfe wird das sicher noch einige Zeit dauern, aber man kann auch in den unbeholfenen Versuchen, die eigene „Normalität“ ohne Diskriminierung anderer zu behaupten, ein Zeichen der Hoffnung sehen. Vielleicht gelingt ja sich dieser Transfer irgendwann.

Share

3 Kommentare

Die "Verweiblichung" der Gemeinde(n) und des geistlichen Amtes wird ja gelegentlich von großspurigen Machopredigern beklagt, die als Gegenmittel dann so "männliche" Verhaltensweisen wie die Faszination von Waffen und Gewalt, PS-Protzerei oder eine (auch in der kavalierhaften Form) herablassende Haltung gegenüber Schwachen empfehlen – und natürlich mehr Zurückhaltung von Frauen in der Öffentlichkeit.

(Nogent-sur-Marne, 2007)Bild: "Nogent -sur-Marne 2007" von jay-chilli via flickr.com/creative commons

Sie sind anscheinend in guter biblischer Gesellschaft – schon Mose beklagt sich bei Gott, dass der ihm offenbar die Mutterrolle zumutet, und will dann (ist auch das typisch Mann?) gleich lieber sterben als weitermachen:

Warum hast du deinen Knecht so schlecht behandelt und warum habe ich nicht deine Gnade gefunden, dass du mir die Last mit diesem ganzen Volk auferlegst? Habe denn ich dieses ganze Volk in meinem Schoß getragen oder habe ich es geboren, dass du zu mir sagen kannst: Nimm es an deine Brust, wie der Wärter den Säugling, und trag es in das Land, das ich seinen Vätern mit einem Eid zugesichert habe? (Num 11:11f.)

Aber vermutlich hat sich Mose nicht darüber beklagt, dass das Bemuttern der Israeliten "Frauenkram" und damit "unmännlich" war, sondern es war ihm schlicht zu anstrengend. Andere biblische Charaktere haben gar keine Angst vor der vermeintlichen Geschlechterverwirrung. Jesus zum Beispiel kann in Lukas 13,34 sagen:

Jerusalem, Jerusalem, … Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.

Paulus schließlich spricht von sich als einer Mutter, die wegen der begriffsstutzigen Galater (4,17) erneut Geburtswehen erleidet, und schreibt an die Thessalonicher (2,7f.):

… wir sind euch freundlich begegnet: Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so waren wir euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben.

Falls also mal wieder jemand fürchtet, er käme nicht "männlich" genug (tough, dominant, rau, zupackend – was auch immer das bedeuten soll…) daher: Hier sind ein paar vorbildliche Leidensgenossen, du bist also in allerbester Gesellschaft. Die eine Lektion, die es jetzt noch zu lernen gibt, ist die, dass du dich deiner Männlichkeit nicht ständig vergewissern und sie demonstrativ zur Schau stellen musst, sondern einfach du selbst sein kannst. Und dass dir kein Zacken aus der Manneskrone fällt, wenn du dich mal einfühlsam und fürsorglich verhältst.

Share

"A good wife brings balance to a man's life"   (Bild von Waitmansgirl auf flickr.com, lizensiert unter creative commons)

Die Diskussionen um die Orientierungshilfe der EKD zur Familie als verlässlicher Gemeinschaft dauern an. Während die Befürworter des Papiers wie Landesbischof Bedford-Strohm mit Recht darauf hinweisen, dass die Ehe (die nicht der primäre Gegenstand der Reflexion war) durchaus als Leitbild fungiert, stoßen sich die Kritiker daran, dass für sie klare Grenzen unverantwortlich verwischt werden.

Die hier schon erwähnte Unterscheidung zwischen der einschließenden und der ausschließenden Differenz hilft, die beiden Seiten zu verstehen. Die Autoren regen an, zentrale traditionell christliche Werte wie Liebe und Treue, Verantwortung und Verlässlichkeit auch in anderen Formen von Familie und Partnerschaft zu übertragen. Hier wird eine Differenz nicht aufgehoben oder verschwiegen (da irrt und verzerrt die konservative Kritik!), aber es wird das Gemeinsame in den Vordergrund gerückt und gewürdigt.

Die Kritiker denken durchweg im Sinne einer ausschließenden Differenz: Die Aussage, dass Liebe und Treue auch in einem anderen Rahmen als der institutionellen Ehe von Mann und Frau gelebt werden können, kann da nur stören und irritieren. Fehlt der Trauschein, dann steht alles unter einem negativen Vorzeichen. In einer Pressemeldung der Evangelischen Allianz von letzter Woche heißt es: "Ehe ist die lebenslängliche Treue- und Liebesgemeinschaft zwischen einer Frau und einem Mann, die öffentlich-rechtlich geschlossen wird. Familie ist eine solche durch Kinder ergänzte Gemeinschaft." Und man darf durchaus davon ausgehen, dass damit auch der Ausdruck Familie exklusiv denen vorbehalten ist, die dieser Definition entsprechen: Ein heterosexuelles Paar mit seinen "biologischen" Kindern.

Alles andere (Patchwork- und Regenbogenfamilien, aber natürlich auch Alleinerziehende) erscheint damit notgedrungen als minder-wertig, ja sogar als schädlich, wenn es weiter heißt: "Sie [die so definierten Familien] sind für die seelische Gesundheit und Ausgeglichenheit von Menschen und damit auch für die Gesundheit staatlich geordneter Gemeinschaft unverzichtbar." Eine conditio sine qua non gelingenden Lebens also, für das Individuum wie die Gesellschaft als ganze.

Entsprechend werden dann auch die unterschiedlichsten staatlichen Privilegien für die Familie gefordert. Vermutlich ist das ja als Anreiz zum Upgrade auf die Vollversion von Ehe 1.0 gedacht; das wäre dann die exklusivistische Interpretation des Leitbildgedankens, freilich ist dieser Schritt etwa für Homosexuelle durch die vorausgestellte Definition kategorisch ausgeschlossen.

Der inklusive Ansatz setzt nun gewiss weniger direkte Anreize zum Upgrade, wenn er mit dem Gedanken spielt, dass sich auch in Beziehungen, die nicht allen oben aufgezählten Kriterien genügen, vieles Gute und Segensreiche ereignet. Aber er kann sagen, was die anderen zumindest offiziell nicht sagen dürfen, ohne dass in den eigenen Reihen lautstarke Zweifel aufkommen, warum man sich eigentlich die ganze Mühe macht mit dem Heiraten und dem Es-Miteinander-Aushalten, wenn das nicht von außen (!!) honoriert wird. Und er vermittelt Paaren, die aus den verschiedensten Gründen nicht "richtig" heiraten, dass Gott und die Kirche sie nicht nur irgendwie tolerieren, sondern sie auch auf ihrem anderen Weg positiv begleiten.

Im Begriff des "Leitbildes" ist es im Grunde ja schon angelegt, ihn inklusiv zu verstehen, er ermöglicht unterschiedliche Grade von Annäherung statt alles in ein scharfkantiges Drinnen/Draußen zu pressen. Über die inhaltliche Beschreibung dieses Leitbildes scheint es mir nicht annähernd so große Differenzen zu geben wie um seine ein- oder ausschließende Funktion.

In den meisten Organisationen, die ein Leitbild haben und es auch wirklich ernst nehmen, wird man es als Gewinn betrachten, wenn sich möglichst viele in die Richtung bewegen, die es weist. Man freut sich auch über zaghafte Ansätze und vermeidet kontraproduktive Alles-oder-nichts-Parolen. Freilich wird man sich auch Mühe geben, dieses Leitbild möglichst originell und motivierend zu formulieren, und in dieser Frage könnten ja nun alle Seiten fröhlich wetteifern.

Share

1 Kommentar

DSC05939Sehr geehrter Jesus von Nazareth,

in den vergangenen Tagen haben uns heftige Klagen über Ihre Mitarbeiter bei der EKD erreicht. Aktuell ist es deren allzu verständnisvolle Haltung zur heutigen Vielgestalt von Ehe und Familie, die Anlass zu Häme und Verachtung gibt.

Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass Sie eine nicht unerhebliche Mitverantwortung für diese Herabwürdigung der Ehe tragen. Wir fordern Sie daher auf, eine Stellungnahme zu den folgenden Punkten abzugeben:

1. Mangelndes Vorbild: Nach unseren Erkenntnissen haben Sie den Schritt in die Verantwortungsgemeinschaft einer Ehe und Familie gemieden. Gerüchten zufolge soll Ihr leiblicher Vater nicht der Ehemann Ihrer Mutter gewesen sein. Das würde Ihre Entscheidung gegen Frau und Kinder zwar erklären, aber keineswegs rechtfertigen.

2. Geringschätzung der Institution: Unserer Aktenlage nach haben Sie selbst keine Trauungen vorgenommen; Sie haben Eheschließungen nicht als Grund anerkannt, Ihrem Aufruf verspätet Folge zu leisten und zudem ihren Anhängern suggeriert, die Loyalität zu ihnen und ihrer Gemeinschaft könne es erforderlich machen, familiäre Bindungen zu lockern. Einer ihrer rührigsten Anhänger, Saul von Tarsus, brachte es nur wenig später fertig, die Ehe als Notlösung für all jene abzuqualifizieren, die dem Alleinsein nicht gewachsen waren.

3. Schwammige Positionen: Bestimmt werden Sie nun einwenden, Sie hätten die Ehescheidung doch explizit abgelehnt, aber der Verdacht liegt nahe, dass sie damit tatsächlich eher die Rechte und das Selbstbewusstsein der Frauen gestärkt und die für patriarchale Gesellschaften typische Doppelmoral behindert haben. Wir halten es für denkbar, dass auch aufgrund dieses veränderten Selbstbewussteins heute dreimal so viele Frauen wie Männer eine Scheidung beantragen. Die gesellschaftliche Ächtung und vor allem die entschiedene Sanktionierung von Scheidungen haben Sie indes konsequent vermieden.

Die vielfach geforderte "klare Kante" sieht anders aus. Zum leidvollen Schicksal von Scheidungskindern etwa vermissen wir bis heute nachdrückliche Aussagen. Bitte reichen Sie diese mit ihrer Stellungnahme umgehend ein beim theologischen Ausschuss von CHEF (Christliche Hüter von Ehe und Familie) ein.

Mit freundlichen Grüßen,

der Vorstand

Share

3 Kommentare

Es gibt wenige Vorbilder in unserer Kultur, die einen Mann dazu einladen oder es ihm zugestehen, ehrlich zu sich selbst zu sein. Fragt man ihn, wie er sich fühlt, dann wird ein Mann oft erklären, was er denkt oder was das Problem "da draußen" ist. […] es erfordert ein Jahr Therapie, bis er seine tatsächlichen Gefühle verinnerlicht und präsent hat – ein Jahr, um dorthin zu gelangen, wo Frauen in der Regel anfangen.

Der Psychoanalytiker James Hollis in dem wunderbaren kleinen Buch The Middle Passage

Share

35 Kommentare

Unter der schönen Rubrik her•meneutics von Christianity Today setzt Rachel Pietka sich mit den jüngsten Aussagen von John Piper, Galionsfigur der Gospel Coalition und notorischer Vertreter des sogenannten Komplementarismus, auseinander. Piper hatte argumentiert, er könne zwar nicht dulden, dass Frauen Männer in persona unterrichten, aber man könne ruhig Bibelkommentare von Frauen lesen.

Was zunächst nach einem vorsichtigen Zurückrudern aussieht, offenbart in Wirklichkeit das zentrale Dilemma dieses fromm verkleisterten Sexismus: Denn es ist der weibliche Körper, der durch das "neutrale" Medium Buch entfernt wird, an dem für Piper alles hängt:

Piper's affirmation, consequently, of women who teach indirectly and impersonally shows his overt rejection of and implicit obsession with women's bodies. He makes it seem impossible that a man could listen to a woman's biblical insights in her presence without being distracted by her femininity. Although Piper would likely condemn the pervasive plastering of sexualized images of women on television, magazine covers, and billboards, his resolve to hide their bodies perpetuates, rather than challenges, their objectification. It teaches men to fixate on women's bodies.

Ich spare mir hier die ausführliche Übersetzung, aber Pietka trifft meiner Meinung nach voll ins Schwarze, wenn sie feststellt, dass Piper auf den weiblichen Körper fixiert zu sein scheint und damit Frauen im Grunde doch weitgehend auf ihr Äußeres und auf ihre Sexualität reduziert. In dieser Hinsicht entspricht er der männlichen Objektivierung von Frauen eher, als dass er sie überwindet.

Ob Piper ihren Text lesen wird, ist fraglich. Er hatte in dem Podcast, auf den Pietka sich bezog, offenbar auch erwähnt, dass er Kommentare von Frauen dann weglegen würde, wenn er das Gefühl hätte, dass er deren Autorität erliegen könnte. Sonst hätte ich vorgeschlagen, Pipers Antwort in der Rubrik hormoneutics unterzubringen…

Share

4 Kommentare

Justin Lee schließt seine Geschichte mit Gedanken dazu, wie sich das Verhältnis zwischen Homosexuellen un Christen konstruktiv weiterentwickeln lässt. Christen müssen erstens Andersdenkenden weitherziger begegnen. Homosexuelle erleben die meisten Christen immer noch als Menschen, die sie ablehnen oder meiden und alle möglichen Vorurteile pflegen.

Zweitens geht es darum, Christen konstruktiv anzuleiten im Umgang mit Homosexuellen. Dabei ist kaum etwas so wichtig wie das Erzählen der eigenen Geschichte. Wenn sich ein Mensch öffnet und ein anderer ihm zuhört, dann können Ängste und Hemmungen überwunden werden.

Drittens gilt es, den Ansatz der "Ex-Gay"-Bewegung aufzugeben. Hier wird Lee immer wieder gefragt, ob eine solche Arbeit nicht wenigstens einer kleinen Minderheit wirklich nützt und daher unterstütz werden sollte. Manche Christen scheuen davor zurück, von Homosexuellen Enthaltsamkeit zu verlangen, ihre theologische Position lässt aber keinen anderen Spielraum zu, daher erscheint die Aussicht auf eine eventuell erfolgreiche Therapie attraktiv. Auf der Negativseite steht jedoch zu Buche, dass der Ansatz bei den meisten scheitert und auf dem Weg dahin viel Schaden entstehen kann – für die Betroffenen selbst, für ihren Glauben und für die Menschen um sie her. Der Glaube an die Therapierbarkeit hat zudem (auch wenn die unterschiedlichen Ex-Gay-Gruppen ihre Erfolge inzwischen bescheidener darstellen) oft dazu geführt, dass jemand, der nicht an diesen Treffen teilnehmen wollte, sich den Vorwurf gefallen lassen musste, er drücke sich ja nur um den anstrengenden Prozess der Veränderung.

Viertens muss es für Homosexuelle auch in Ordnung sein, zölibatär zu leben und dabei zu seiner Homosexualität zu stehen. Diese Gruppe darf nicht zwischen den anderen Positionen zerrieben werden: Heterosexuelle und Ex-Gays neigen dazu, diesen Weg ebenso mit Argwohn zu betrachten wie Homosexuelle, die sich für eine Partnerschaft entscheiden. Und dann müssten Gemeinden auch aktiv Wege suchen, diese Menschen zu unterstützen (vor allem dann, wenn ihre Theologie keinen Raum bietet für Partnerschaften zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau). Zusätzlich wird das noch dadurch erschwert, dass Christen das Alleinleben an sich tendenziell schon als defizitären Zustand begreifen; darunter leiden dann auch viele heterosexuelle Singles, aber die müssen sich wenigstens keine harten Worte wegen ihrer Orientierung anhören.

Fünftens muss der Mythos überwunden werden, die Bibel sei gegen Homosexuelle. In der konservativen kirchlichen Tradition hat sich aufgrund dieser Ansicht die Neigung zu scharfen Abgrenzungen durchgesetzt, während "liberalere" Zeitgenossen wohlmeinend einwenden, man dürfe die Bibel eben nicht allzu wörtlich nehmen. Da hören die anderen statt "nicht wörtlich" "nicht ernst nehmen" heraus und es entsteht wieder der Eindruck, dass "Bibeltreue" immer irgendwie Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit nach sich zieht. Aber Justin Lee hatte ja schon gezeigt, dass man die Bibel durchaus ernst nehmen und trotzdem Raum für gleichgeschlechtliche Partnerschaften sehen kann.

Es folgen noch zwei weitere Vorschläge, für die brauche ich etwas mehr Platz und Zeit, es wird zu Torn also noch einen letzten Post geben.

Share

1 Kommentar

Justin Lee entschließt sich, Brücken zwischen seiner christlichen Studentengruppe und der homosexuellen Hochschulgruppe zu bauen. Beide Lager stehen einander recht ablehnend gegenüber. Auf einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung beider Gruppen erzählt er seine Geschichte und ist erstaunt, wie sehr das viele Zuhörer bewegt. Zum ersten Mal bekommt er Kontakt zu Menschen, denen es ganz ähnlich geht an der Schnittstelle beider "Welten".

Nach seinem Studienabschluss startet Lee eine Internet Community, das "Gay Christian Network". Binnen kurzer Zeit sind über 1.000 Leute angemeldet, die sich dort austauschen und einander tragen und begleiten. Die einen lebten zölibatär, die andere in festen Partnerschaften, die einen suchten Freundschaft, andere Liebe, wieder andere suchten Gott. Der gemeinsame Nenner ist die Leidenschaft für Gott und die Überzeugung, dass Christen besser auf Homosexuelle zu- und eingehen sollten. In allen anderen Fragen gibt es ganz unterschiedliche Standpunkte. 2005 findet die erste Konferenz des GCN statt.

Von Anfang an hatte sich Justin Lee an einer Initiative namens "Bridges Across" orientiert. Deren Gründer waren im Blick auf homosexuelle Partnerschaften geteilter Meinung, aber sie arbeiteten daran, das Verständnis für den anderen zu fördern. Und dabei erschien es nicht hilfreich, die Standpunkte in "pro und contra Homosexuelle" einzuteilen, ebenso wenig in "konservativ und liberal". Schließlich sprachen sie von Side A und Side B. Seite A glaubt, homosexuelle Beziehungen sind ebenso gut und wertvoll wie heterosexuelle. Seite B glaubt, die Ehe von Mann und Frau ist Gottes Norm. Lee greift diesen Gedanken auf, er will vorleben, dass Christen auch mit solch unterschiedlichen Meinungen einander tief verbunden bleiben können.

Inzwischen ist das Netzwerk weiter gewachsen. Lee macht sich keine Illusionen, dass die Meinungsunterschiede demnächst passé sein könnten. Um so wichtiger ist es ihm, dass beide Seiten weiter auf einander zugehen, den anderen anhören und respektieren lernen und damit Zeichen setzen in einer Welt, die sich über solchen Fragen in der Regel zerstreitet.

Share

Augenzwinkernd fordern ja derzeit manche eine Päpstin, die natürlich irgendwie alles besser und richtig machen würde. Und über Sexismus wurde in den letzten Wochen engagiert diskutiert. Nun führt Elisabeth Raether auf Zeit Online die Debatte weiter – und widerspricht dem inzwischen verbreiteten Eindruck, Frauen seien generell die besseren Menschen. Dagegen hatte ja auch ihr Kollege Martenstein schon auf seine Art protestiert. Aber der ist ja auch ein Mann. Raether dagegen schreibt nicht über Witze und Humor, wenn sie anmerkt:

Früher ging es der Emanzipationsbewegung um das demokratische Prinzip der Gleichheit. Eine Gesellschaft, die Männer und Frauen gleich behandelt, ist gerechter als eine von Männern beherrschte: Das war die einfache wie geniale Idee, aus der manche den Schluss zogen, dass Frauen die besseren Menschen seien und ihnen das moderne Denken in den Genen liege. Dass das Ende der Männer gekommen sei, behauptet der Titel eines Buchs der amerikanischen Autorin Hanna Rosin, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Der Grund dafür sei, dass es Männern an sozialer Intelligenz und "der Fähigkeit, stillzusitzen und sich zu konzentrieren", mangele. Aus biologischen Geschlechterunterschieden Wesensmerkmale abzuleiten, vorgefertigte Meinungen zu haben über die eine Hälfte der Menschheit – das nannte man mal Sexismus.

Es gibt spannende Abrisse der Kultur- und Kriminalgeschichte zu lesen, die eben jene Umkehrung der Klischees in Frage stellen. Zum Beispiel diesen Absatz:

Das berühmte Milgram-Experiment zeigte schon 1961, dass Frauen nicht weniger grausam als Männer sind: Genau wie die meisten Männer hatten sie kein Problem damit, während des Versuchs anderen auf Anweisung einer Autoritätsperson elektrische Schläge zu versetzen. Denn weibliche und männliche Eigenschaften gibt es sehr wahrscheinlich gar nicht. Wohl aber gibt es eine Idee von Weiblichkeit und eine Idee von Männlichkeit, und diese Ideen ändern sich über die Epochen. Eine Zeit lang dachte man, bei Frauen wandere die Gebärmutter durch den Körper, bis sie sich im Gehirn festsetze, was Frauen zu dummen und reizbaren Wesen mache. Irgendwann dachte man, Frauen sollten nicht wählen dürfen, weil sie nichts von Politik verstünden. Heute denkt man, sie seien umsichtig und verantwortungsvoll und gute Chefs.

Und am Ende stellt sie die bohrende Frage, ob man (Mann? Frau?) dem "entfesselten Kapitalismus" nur ein weibliches Gesicht geben will, damit er weniger bedrohlich wirkt, und damit man nicht das System an sich mühsam und unter großen Risiken ändern muss. So wie viele im Westen Baschar al Assad nicht viel Böses zutrauten, weil er so eine moderne Frau hat.

Share

3 Kommentare

Der erneute Durchgang durch die Bibel hatte für Justin Lee ergeben: Überall da, wo Homosexualität ausdrücklich erwähnt wurde, wurde sie negativ bewertet. Andererseits war nicht eindeutig klar, dass sich diese ablehnenden Aussagen auch auf verbindliche und liebevolle gleichgeschlechtliche Partnerschaften bezogen. Justin Lee entschloss sich, im fortbestehenden Zweifelsfall lieber weiterhin allein zu bleiben, und die Texte nicht weiter hin und her zu drehen.

Zu seiner Überraschung stellt er fest, dass er den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen hatte. Die entscheidende Frage war nicht die nach dem Inhalt der einzelnen Textstellen, sondern aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet, die Frage nach (das sind jetzt meine Worte) der Mitte der Schrift. In früheren Streitfragen – ob die Bibel Sklaverei billigt oder Frauen von Gemeindeämtern ausschließt und ob man das Recht oder gar die Pflicht zu zivilem Ungehorsam hat – haben sich Christen durchaus auch über den ausdrücklichen Wortlaut einzelner Schriftstellen hinweggesetzt.

Lee findet den Schlüssel zur biblischen Ethik in Römer 13,8-10, wo Paulus die Liebe als die Erfüllung des ganzen Gesetzes bezeichnet, die bedingungslose, selbstlose, verletzliche Liebe, die den anderen so achtet und ihm so zugewandt ist, dass sie ihm nichts Böses zufügt. Wer aufrichtig liebt, tut automatisch das Richtige. Lee verfolgt den Gedanken durch das Corpus Paulinum und findet ihn immer wieder in unterschiedlichen Facetten: Der Weg der Freiheit liegt zwischen den beiden Polen der Gesetzlichkeit und des Hedonismus oder der Willkür.

Dieselbe Logik liegt auch bei Jesus zugrunde, wenn er sich über das Sabbatgebot hinwegsetzt. Für seine Zeitgenossen war das keine Kleinigkeit, sondern der unmissverständliche Beweis, dass Jesus kein echter Prophet sein konnte, sondern nur ein raffinierter Verführer. Zum Streit in Markus 3,4 merkt Lee an:

Aus der regelkonformen Perspektive ergibt das Argument Jesu keinen Sinn. Aber aus einer liebe-deinen-Nächsten-Persepektive ist der Sinn sonnenklar.

Jesus streitet also mit den Pharisäern gar nicht darum, ob das Verbot, am Sabbat bestimmte Dinge zu tun, in seinem Fall (Heilung, Ährenausraufen) zutrifft, er bestreitet also gar nicht, dass er das Sabbatgebot "bricht". Stattdessen erklärt er, dass das Gebot "für den Menschen" da ist, oder, um es mit Paulus zu sagen, um uns zu Christus zu führen, um dort dem Geist des Gesetzes zu begegnen, statt beim Buchstaben stehen zu bleiben.

Und so wie ein Arzt dem Patienten manchmal in einem konkreten Fall rät, den Beipackzettel mit seinen Warnungen und Dosierungsanleitungen zu ignorieren und das verschriebene Medikament anders einzunehmen, so kann der Geist Gottes Menschen in bestimmten Situationen dazu anleiten, den Buchstaben des Gesetzes zu missachten. Ob es tatsächlich Gottes Geist war, der diesen Weg gewiesen hatte, muss sich dann an der Frucht dieses Handelns erweisen.

Zweifellos gab es viele Arten homosexuellen Verhaltens, die von Selbstsucht angetrieben wurden und nicht von Agape-Liebe. Vergehen wie Vergewaltigung, Götzenkult, Prostitution, und der Missbrauch von Kindern sind klare Beispiele für die Resultate selbstsüchtiger, fleischlicher Motivation, die keine Liebe zu Gott und anderen ist.

… Aber angenommen, zwei Menschen lieben sich von ganzem Herzen, und sie wollen einander im Angesicht Gottes versprechen, sich zu lieben, zu ehren, wertzuschätzen; einander selbstlos zu dienen und zu ermutigen; gemeinsam Gott zu dienen; einander treu zu bleiben für den Rest ihres Lebens. Wären sie unterschiedlichen Geschlechts, würden wir das heilig nennen und schön und einen Grund zum Feiern. Aber wenn wir nur eine Sache ändern – das Geschlecht eines der beiden – während immer noch die gleiche Liebe, Selbstlosigkeit und Hingabe da wären, würden viele Christen es plötzlich als Gräuel bezeichnen, dem die Hölle droht.

Als ich Römer 13,8-10 wieder und wieder las, fand ich keinen anderen Weg, diese Sicht der Dinge mit dem in Einklang zu bringen, was Paulus uns über Sünde sagt. Wenn alle Gebote in der Regel zusammengefasst sind, dass wir einander lieben sollen, dann waren homosexuelle Paare entweder die einzige Ausnahme von dieser Regel, und Paulus hatte Unrecht – oder meine Kirche hatte einen schlimmen Fehler gemacht.

Mit Furcht und Zittern betritt Justin Lee Neuland, für das er noch keine Karten hat. Wenn er mit seiner Einschätzung falsch liegt, macht er sich schuldig und verleitet andere zur Sünde. Ein erschreckender Gedanke! Aber was, wenn er umgekehrt Recht und die kirchliche Tradition sich geirrt hatte? Was, wenn sie zahllose Menschen unnötigerweise vor den Kopf gestoßen und ihnen den Weg zum Glauben verbaut hatte? War es dann in Ordnung, einfach den Mund zu halten?

Share