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Rennradfahrer sind seltsame Menschen

Peter | 22. Aug 2010

… das ist bestimmt eine ungerechte Verallgemeinerung. Vielleicht treffe ich immer nur die komischen Exemplare. Sie tragen grelle Trikots mit wenig ansehnlichen Werbeaufdrucken meist unbekannter Firmen, ohne dass sie dafür etwas bezahlt bekämen, und verstecken sich hinter Spiegelbrillen, deren Gläser in Schockfarben wie türkis, orange oder pink schillern und an die Stubenfliege Puck aus der Biene Maja erinnern. Vermutlich um andere Verkehrsteilnehmer darüber im Unklaren zu lassen, ob sie noch Puste haben oder längst aus dem letzten Loch pfeifen. Denn das Leben ist ein Wettrennen, da verschenkt man keinen Vorteil, auch keinen psychologischen.

Ich bin ein eher zügiger Radfahrer, aber mit normaler Sonnenbrille und in unauffälligem Zwirn unterwegs. Ab und zu begegne ich einem Rennradler, der verträumt vor sich hin strampelt. Er – vielmehr sein Ehrgeiz – erwacht jedoch in genau dem Moment, wo ich ihn überhole. Dann hängt er sich ein Weilchen in meinen Windschatten um etwas später triumphierend an mir vorbeizuziehen. Ich bin kein Bummler und finde es schön, schnell zu sein. Aber mein Verdacht ist, dass Rennradler immer nur “schneller als” sein müssen. Sonst wäre sie ja gleich schneller gefahren.

PS: Für Ehrgeizige gibt es inzwischen elektrische Hilfsmotoren, die man dezent im Rahmen verstecken kann.

Achtung: Ironie!
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Messerscharf geschlossen

Peter | 04. Aug 2010

Gestern erzählte mir eine Mutter von einem Gespräch mit ihrer bald dreijährigen Tochter. Die Familie war zuvor bei einer Taufe eingeladen gewesen. Als die Kleine gefragt wurde, ob sie auch getauft werden möchte, lehnte sie entschieden ab.

Die Begründung war bestechend logisch: Taufe sei doch etwas für Babys.

Das Missverständnis wurde inzwischen erfolgreich ausgeräumt. :-)

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Alles außer Hochdeutsch?

Peter | 22. Jul 2010

Nein, die Einladung kam nicht aus dem Südwesten. Sie sprach aber davon, dass es an der Zeit sei, “einen Unterschied zu machen”.

Das finde ich auch und plädiere hiermit dafür, umgehend einen Unterschied zwischen (wie der Franke sagt) gescheitem Deutsch und nutzlosen Anglizismen zu machen (diesen speziellen hat erst kürzlich Gerhard Delling seinem Freund Günter Netzer abgewöhnt!).

Also: Wir wollen ja alle etwas bewegen oder verändern. Aber doch hoffentlich zum Besseren.

Tatsächlich aus dem Südwesten stammte jüngst die Wortschöpfung “Bejüngern”. Ich habe mich gefragt, was wohl Passanten auf der Straße sagen würde, wenn man ihnen anböte, sie zu bejüngern? Vielleicht würden die Benutzer von Faltencremes kurzzeitig die Ohren spitzen. Der Rest würde – amüsiert, irritiert oder alarmiert – den Kopf schütteln.

Völlig zu Recht.

Manchmal beschleicht mich angesichts solch ungenießbarer Phrasen der Verdacht, dass die verbreitete Klage, Christen würden “die Sprache der Menschen nicht mehr sprechen”, nicht nur in einem übertragenen Sinn zutrifft.

An Pfingsten wirkte Gott ein Sprachwunder. Verstehen und verstanden werden ist in dieser Welt keine Selbstverständlichkeit, sondern eine kostbare Sache. Mir fällt es schwer, die erwähnten Formulierungen als kreative Sprachschöpfung zu betrachten, die verschönert und bereichert. Statt also in schlampigen Jargon zu verfallen, weil Gott es ja schon irgendwie richtet – wäre ein sorgfältiger Umgang mit Sprache nicht die bessere Möglichkeit, Gott eine Freude und dem Nächsten das Verstehen leicht zu machen?

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Bewegend Predigen

Peter | 14. Jul 2010

Neulich habe ich gelesen, dass man seine Steuererklärung ruhig auf einem harten Stuhl verfassen dürfe, aber bei kreativen Denkprozessen sei das nicht die erste Wahl. Etwas später hörte ich dann, dass Nietzsche gesagt hatte, man müsse jedem Gedanken misstrauen, der nicht an frischer Luft geboren sei.

Das trifft für mein Empfinden auch auf Predigten zu. Nun tausche ich nicht den harten Stuhl mit einem weichen Sessel, ich gehe bei aller Liebe zu Sofas und Cafés lieber ins Freie. In einer schönen Umgebung kommt man nicht nur auf schönere Gedanken. Vielleicht nämlich hilft etwas Bewegung auch dabei, auch bewegender zu sprechen, bringt ein Blick in die Weite noch mehr Weitblick ins Spiel.

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Schnapsidee: Deutschfische

Peter | 12. Jul 2010

Gestern schlich vor mir ein Opel über die Landstraße, deren Teer schon zäh an den Rändern zu kleben schien ob der Hitze. Auf dem Heck entdeckte ich einen Fisch in Schwarz-Rot-Gold – und fragte mich, welcher geschäftstüchtige Mensch sich das nun wieder ausgedacht hat.

Ich finde, diese Vermischung von nationalen und religiösen Symbolen überhaupt keine gute Idee. Früher oder später landen wir damit wieder beim Mythos der Erlösernation oder der Imperialismus des Heiligen Reiches. Also klebt meinetwegen den Fisch hinten drauf (und fahrt bitte zügig und fair!) und steckt das Fähnchen irgendwo anders hin. Bis zur nächsten EM oder zum Grand Prix gern auch in den Kofferraum.

Für Christen muss aber klar sein, dass die Loyalität gegenüber der Nation auch nicht annähernd an die Treue zu dem einen Gott heranreichen darf. Wer hier unscharf wird, spielt mit dem Feuer.

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Genau hinsehen

Peter | 11. Jul 2010

Vielleicht lag ja es daran, dass meine Frau neuerdings personalisierte Porsche-Werbung bekommt. Ich sah den schwarzen Premium-Schlitten in einer Einfahrt wenden und dachte, so ein schickes Auto, das wäre doch mal was: Ein Fünkchen Begehrlichkeit regte sich.

Auf der Fahrerseite fuhr das Fenster herunter und hinter einer Sonnenbrille erschien der kahlköpfige und übergewichtige Besitzer. Der hatte so ungefähr mein Alter. Ich beschloss trotzdem umgehend, wieder zufrieden zu sein und lieber Haare und das alte Auto zu behalten als noch eine Sekunde über einen Tausch nachzudenken.

Manchmal muss man nur genau genug hinsehen.

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Filmreife Verfolgung

Peter | 04. Jul 2010

Er lief arglos auf einer schmalen, einsamen Straße, als er hinter sich ein Fahrzeug auftauchen sah. Blinde Panik ergriff ihn und er lief, was die durchtrainierten Beine hergaben – weiter die Gasse entlang. Aber der Verfolger holte immer weiter auf. Er schlug einen kleinen Haken nach links, einen nach rechts, ohne Erfolg. Ich wollte ihm helfen in seiner verzweifelten Lage. In meinem Kopf schrie eine Stimme: “Bieg doch ab! So hast du keine Chance”, aber ich wusste, er würde mich nicht verstehen. Noch einmal sah ich den gehetzen Blick in seinen Augen. Dann geschah es:

Der Feldhase schlüpfte ins angrenzende Rapsfeld und verschwand. Ich zischte auf dem Rad vorbei und dachte, dass ich das so ähnlich schon in tausend Filmen gesehen hatte. Da allerdings wird das Opfer meistens überfahren. Hasen sind nicht besonders klug, aber offenbar schlauer als Drehbuchautoren und ihre Standardklischees. Dieses zu Beispiel habe ich noch nie verstanden.

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Zauberhaft

Peter | 04. Jul 2010

Freitag Abend im Wald bei Hartenstein. Wir sind mit der Konfi-Gruppe auf dem Rückweg von der Petershöhle zur Jugendherberge. Der Wald wird schon dunkel in der späten Abenddämmerung. Es ist immer noch sehr warm und staubtrocken.

Plötzlich ein Ruf von vorn: “Licht aus, Glühwürmchen”. Alle schalten die Taschen- und Stirnlampen ab – und tatsächlich: Der ganze Wald ist voller winziger, tanzender Lichter. Es müssen tausende sein. Für jeden Leuchtpunkt, der ausgeht, geht irgendwo anders wieder einer an. Fünf Minuten gehen wir ehrfürchtig durch einen zauberhaft illuminierten Forst und genießen einen Moment, den man weder festhalten noch wiederholen kann.

Wenn Galadriel hinter der nächsten Biegung auf dem Weg gestanden hätte, hätte mich das auch nicht mehr gewundert.

Glühwürmchen
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Fahrradsegen

Peter | 28. Jun 2010

Ich war mir vorab nicht sicher, wie das Spiel gestern ausgehen würde, und hatte zum Abbau von Stresshormonen mein Rad im Zug nach Ansbach mitgenommen. Mein neues Rad, seit zehn Tagen in Gebrauch und der alten Mühle in allen Belangen überlegen. Und so machte ich mich nach dem historischen Triumph (der zwischendurch ja doch reichlich Nerven gekostet hatte) auf den Weg über die Landsträßchen nach Erlangen.

Es war wunderbar, bei leichtem Gegenwind über die Frankenhöhe zu strampeln. Die fünf Steigungen, die es auf dem Weg über Emskirchen nach Erlangen zu überwinden galt, lagen sämtlich in der ersten Hälfte der Strecke. Ab und zu zogen ein paar viel zu schnelle, deutschlandbeflaggte Rennsemmeln mit euphorisierten Fahrern vorbei, aber meistens war es sonnig und still und man konnte solche schönen Ortschaften wie Neuziegenrück (riecht auch so), die Blümleinsmühle oder Kotzenaurach (da war Kirchweih) bewundern, den Windrädern beim Drehen zusehen und den Blick über die reifen Kornfelder wandern lassen. Und dann nach zweieinhalb Stunden leicht dehydriert und mit den letzten Sonnenstrahlen meine Stadt erreichen.

Bei HFASS haben sie gestern erstmals den Fahrradsegen gespendet. Ich weiß zwar keine Details, aber die Idee finde ich genial.

DSC01984.JPG

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Football’s coming home…

Peter | 24. Jun 2010

Torjubel

… so fühlte sich die Übertragung des Deutschlandspiels gestern auf der LED-Wand in Herzogenaurach an. Ich schätze mal, dass gut 2500 Leute den Weg zum Outlet eines großen Sportartikelherstellers gefunden hatten und dort um den Einzug ins Achtelfinale bangten.

Da saßen wir nun mit einem Freund, der bei besagter Firma arbeitet, und sahen ein Spiel (fast) am anderen Ende der Welt, bei dem zwei Mannschaften einen Ball traten und in Trikots aufliefen, die von zwei Firmen in diesem kleinen Städtchen entworfen worden waren. Globalisierung live. Hier ist der Fußball tatsächlich zuhause.

A propos: Gegen England sieht “unsere” Bilanz ja ganz gut aus bei Turnieren – zuletzt bei der U21 WM. Statt aber die Vergangenheit zu beschwören, muss sich Jogi Löw nun etwas einfallen lassen für Sonntag. Spielt nicht Badstuber lieber Innenverteidigung, und war dort nicht ein ziemlich überforderter Kollege gestern am Rudern?

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Gewonnene Schlacht

Peter | 21. Jun 2010

Wir haben einen wunderschönen Apfelbaum im Garten, der seit ein paar Jahren tatsächlich auch Äpfel trägt. Leider wird er jedes Frühjahr von Ameisen kolonisiert, die dort Blattläuse züchten. Mit dem Erfolg, dass die ersten Blätter zerfressen und unansehnlich verkrüppelt sind. Als Gegenmaßnahme binden wir einen grünen Klebstreifen um den Stamm, den die Ameisen nicht überqueren können, ohne festzupappen.

In diesem Frühjahr war es besonders schlimm mit den Läusen. Mehrere Pflanzen waren befallen. Sogar auf dem spröden, robusten Sanddorn sah ich eifrig Ameisen marschieren. Beim genaueren Hinsehen entdeckte ich jedoch keine Läuse auf dem Sanddorn. Vielmehr führte die Ameisenbrücke – auf den Apfelbaum. Denn an einer Stelle berührten sich die Zweige, und die Ameisen hatten den Verkehr einfach umgeleitet. Auf der anderen Seite des Baumes gab es noch eine Brücke von Nachbars Felsenbirne.

Ein Schnitt mit der Gartenschere unterbrach die Verbindung. Die Ameisen liefen den Sanddorn noch ein paar Tage auf und ab – vergeblich. Regen beugte die Apfelzweige und ich musste nachschneiden. Inzwischen ist Ruhe und der Baum kann sich erholen. Ich fühle mich wie ein General, der Brücken gesprengt und so die Nachschublinien der (bösen!) Invasoren unterbrochen hat. Und grüble darüber nach, ob das nicht ein schönes Bild wäre für … ?

Vielleicht wird so ein Schuh draus – frei nach Luther: Du kannst nicht verhindern, dass Ameisen durch deinen Garten laufen. Aber du kannst verhindern, dass sie auf deinem Apfelbaum Läuse züchten.

Ameisen
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Achtung, bitte!

Peter | 17. Jun 2010

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer Bekannten und das Gespräch kam – ich weiß gar nicht mehr wie – auf eine andere Person. Ich hatte die beiden ein paar Monate zuvor scheinbar einträchtig ins Gespräch vertieft lange zusammen sitzen sehen. Um so überraschter war ich über die Verachtung, die da in ein, zwei kurzen Sätzen rüberkam. Es war gar nicht das, was sie sagte, sondern viel mehr wie sie redete und vor allem die Tonart, in der sie den Namen aussprach.

Die gefühlte Gesprächstemperatur sank sofort ein paar Grad ab. Ich fragte mich reflexartig, ob sie sich über mich ähnlich äußert, wenn ich nicht dabei bin. Eigentlich will ich es lieber gar nicht wissen. Ich bin kein Sensibelchen – meistens jedenfalls – aber das Gespräch hat mich verstört: Man muss nicht alle Menschen mögen. Man darf auch ein kritischer Zeitgenosse sein und muss nicht jeden Mist schönreden. Aber irgendwie denke ich trotzdem, dass jeder ein gewisses Maß an Achtung verdient hat. Und die beginnt mit der Art, wie wir über jemanden reden.

Stößt mir das deswegen so auf, weil die meisten Leute um mich herum zu gute Manieren haben oder nicht aggressiv genug sind? Mag sein, dass ich in einer heilen Welt lebe. Aber ist das an diesem Punkt ein Nachteil? Man muss sich ja vielleicht nicht an alles gewöhnen.

Respekt
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Ein Hauch von Ewigkeit

Peter | 15. Jun 2010

Ich bin normal keiner, der behauptet, Glaube sei Privatsache. Seit gestern habe ich für diese Ansicht aber etwas mehr Verständnis. Und das kam so: Ich saß im ICE nach Berlin und ein paar Reihen weiter bemerkte ich eine Gruppe grauer Häupter. Stimmen drangen an mein Ohr, die sich mit erkenbar österreichischem Einschlag über Paulus und Kulturgeschichte, das Patriarchat, die Sünde und einen frühen Bischof von Passau unterhielten. Kommt nicht oft vor. Meistens bekommt man nur einseitige Telefonate über den Krause vom Controlling und das vergessene Exposé für den Kunden in Düsseldorf mit.

Hinter Jena, der Zug schlängelte sich das Saaletal hinab, wurde aus der alpenländischen Konversation plötzlich ein Sprechchor. Die Gruppe hatte an zwei benachbarten Vierertischen Platz genommen und begann ein liturgisches Gebet – nun sehr deutlich zu vernehmen. Die anderen Gespräche im Abteil kamen zum Erliegen (viele waren es eh nicht), meine Mitreisenden verstöpselten flugs die freien Ohren.

Ich konzentrierte mich auf mein Buch über positive Psychologie und dachte in meinem frisch angelesenen Optimismus, das geht bestimmt schnell vorbei. Man war ja auch schon über das Sündenbekenntnis hinaus bis zum Vaterunser vorgedrungen, was der Hoffnung auf ein nahes Ende Auftrieb gab. Aber dann kam ein Art Endlosschleife aus Ave Marias und anderen Elementen (bestimmt kann uns ein Katholik hier mit Erklärungen zur Liturgie weiterhelfen?). Wir anderen rutschten noch etwas tiefer in unsere Sitze, während die liebe Gottesmutter zum x-ten Male daran erinnert wurde, uns in der Todesstunde ja nicht zu vergessen.

Ich weiß nicht, wie das auf Maria wirkte – für meinen Teil werde ich ihre Fans so schnell nicht vergessen. Kurz überlegte ich, ob ich mich in diesem Fall vergessen und die Litanei unterbrechen dürfte, entschloss mich dann aber, das wie alle anderen mit buddhistischer Gleichmut zu erdulden und den allmählich aufkeimenden Wunsch auf eine Vorverlegung der erwähnten Todesstunde entschieden zurückzuweisen. Es ging schätzungsweise noch so ein Viertelstündchen dahin, gefühlte Ewigkeiten (aber ist das nicht der Clou am Beten, dass wir ans Ewige rühren?). Kurz vor Leipzig (das war offenbar geplant) erklang das finale, erlösende Amen.

Ich habe für die Rückfahrt eine Platzreservierung im Ruhebereich. Während ich dies niederschreibe, hält mein Zug in Wittenberg. Und ich weiß wieder ein bisschen besser, was ich an Luther mag: Sein Abendsegen ist so herrlich kurz. Und er gilt auch, wenn man ihn ganz leise sagt…

Achtung: Ironie!, Gebet
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“Nützliche” Gottesdienste

Peter | 14. Jun 2010

Vor einer Weile haben wir uns entschieden, mehrmals im Jahr statt des “normalen” Gottesdienstes eine gemeinsame Aktion zu machen, bei der nicht unsere eigenen Themen und Bedürfnisse an erster Stelle stehen. Wir nennen das dann etwas holprig den “Out-Sonntag” – beim nächsten Mal wird es allerdings ein Samstag werden.

Doch die Sache hat ihre Tücken: Für die einen ist das schlicht “kein Gottesdienst” – denn der besteht, wie ja jeder weiß, darin, irgendwo in einem geweihten Raum sitzen, singen und zuhören zu dürfen. Also bleiben sie daheim, fahren ins Grüne, besuchen die Oma oder gehen in eine andere Gemeinde, statt zu einer etwas anderen Zeit an einen ungewohnten Ort zu müssen. Dem Pastor der FeG fiel das immer auf, wenn bei uns so ein Sonntag war. Das ist natürlich ziemlich schlechte Theologie, wenn man an den “vernünftigen Gottesdienst” denkt, von dem Paulus in Römer 12,1ff spricht. Wenn Sitzen, Singen und Predigt das Kriterium wäre, dann würde das meiste, was Jesus mit seinen Jüngern veranstaltet hat, auch nicht in die Kategorie “Gottesdienst” fallen. Wenn unser ganzes Leben ein Gottesdienst sein kann, dann kann es sehr wohl auch mal einer sein, gemeinsam etwas zu tun, das anderen nützt. Und sei es, dass wir im Wald und auf Kinderspielplätzen den Müll einsammeln.

Nun kommt der nächste Einwand, und der lautet: “Ich bin die ganze Woche dabei, zu geben. Ich gebe mein Bestes im Beruf, und dann ist da auch noch die Familie, der Elternbeirat und was nicht alles. Am Wochenende brauche ich einen Punkt, wo ich geistlich auftanke. Wo ich mal nichts tun muss, einfach sein.”

Darauf gibt es gleich mehrere Antworten:

Erstens: Ja, du brauchst so einen Punkt – und zwar jeden Tag, mehrmals in der Woche. Finde eine Form des Gebets oder der Meditation, die dir gut tut. Stundengebete, Kontemplation, Bibelmeditation, geh mit Gott spazieren und nimm den Hund mit, lies die Losungen zu einer Tasse Kaffee oder deine Bibel bei einem Glas Wein, was auch immer – aber tu’s bitte, und tu’s regelmäßig! Einmal in der Woche einen Gottesdienst zu konsumieren und zu hoffen, dass einem dabei der Geist wie eine gebratene Taube in den Mund fliegt, das kann gar nicht reichen. Und wo wir schon dabei sind: Mach Pausen, bewege dich ausreichend und schlafe genug und finde eine Beschäftigung, die besser entspannt als Fernsehen. Das ist die beste Form von “einfach sein”. Du brauchst mehr davon als du denkst. Aber dafür, dass du es bekommst, bist du letztlich ganz allein verantwortlich. Kein Gottesdienst der Welt kann das ersetzen. Erwachsener Glaube besteht darin, dass wir genau das lernen.

Zweitens liegt der Einwand einfach verdammt nah am allgegenwärtigen Mantra des Konsumkults: “Was bringt’s mir?” Der Fehler liegt ja nicht darin, Bedürfnisse zu haben, sondern ihre Erfüllung zum Maß aller Dinge zu machen. Vielleicht besteht der größte Dienst, den meine Gemeinde mir tun kann, darin, dass ich erlebe: Ich bin wichtig, aber eben nicht der Nabel der Welt. Wenn dann der Druck weg ist, etwas ganz Bestimmtes aus einem Gottesdienst mitnehmen zu müssen, dann werden wir wirklich offen für das, was Gottes Geist tun kann und will.

Drittens hat die Psychologie längst entdeckt, dass man vom Sektschlürfen und Ferrarifahren nicht nachhaltig glücklich wird. Stattdessen machen uns Dinge glücklich, die wir für andere tun und bei denen wir unsere Stärken und Fähigkeiten einsetzen. Der Psychologe Martin Seligman schreibt in seinem Buch Der Glücks-Faktor davon, wie er mit seinen Studenten verschiedene Aktivitäten verglich und dabei feststellte:

Die spaßigen Aktivitäten (mit Freunden einen draufmachen, einen Film ansehen oder einen Eisbecher schlemmen) verblassten im Vergleich zu den Auswirkungen menschenfreundlicher Unternehmungen. Waren unsere philantropischen Aktivitäten spontan entstanden und unsere menschlichen Stärken herausgefordert worden, verlief der gesamte Tag besser. … Tätige Menschenfreundlichkeit ist – im Unterschied zu Vergnügungen – eine Belohnung an sich.

Auf “Gottesdienste” angewandt gilt dasselbe: je engagierter ich dabei bin, desto mehr “nehme ich mit”. Gottesdienstformate erlauben ein unterschiedliches Maß an aktiver Mitwirkung und (brrr…!) “Partizipation”. Manches davon wirkt ehrlich gesagt auch ab und zu wie Beschäftigungstherapie oder Trockenübungen. Aber gemeinsam irgendwo hin gehen, wo man andere Menschen trifft, und einfach einmal vorbereitet und zugleich offen zu sein, sich auf sie einzulassen und zu sehen, was sich – nein: was Gott! – dort tut, da wird jeder zum Mitspieler. Wer fröhlich gibt, ist schon beschenkt.

Freilich muss man dafür ein paar Hürden überwinden: Ein zu enges Verständnis von Gottesdienst, die Unsicherheit der offenen Situation, die Angst vor Fremden, die eigene Trägheit und eingefahrene Gewohnheiten. Das sind aber ganz zufällig die Dinge, die Jesus mit seinen Jüngern täglich trainiert hat. Ich hoffe also, dass wir als ganze Gemeinde diese Lektion noch richtig lernen.

Gottesdienst, Glück
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Erlebt, Konsumgesellschaft
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Geschafft!

Peter | 11. Jun 2010

Danke für alle Aufmunterung und moralische Unterstützung. Loslassen fällt gar nicht so leicht, aber das Manuskript von Kaum zu fassen ist nun endlich beim Verlag. Ab jetzt bin ich wieder fassungslos :-)

“Kaum zu fassen”
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