(post)moderne Zeiten

Wie "diesseitige Tranzendenz" funktioniert, schildert Zygmunt Bauman in "Postmoderne Religion?" so treffend, dass es auch nach gut 15 Jahren nicht minder aktuell klingt. Nicht die Konsumgüter an sich lassen die Kassen klingeln, sondern die Verheißung ungeahnten Erlebens – eine Art Heilsversprechen bzw. eine Form der Erleuchtung. Dazu muss der Konsument allerdings seinen Teil beitragen und an sich arbeiten, indem er nämlich seine Genussfähigkeit maximiert. Auch dafür gibt es selbstverständlich die passenden Dienstleistungen und Angebote:

Das Versprechen neuer, überwältigender, sinnverwirrender oder haarsträubender, jedenfalls immer erregenderer Erfahrungen gilt als das Verkaufsargument für Lebensmittel, Getränke, Autos und Kosmetika genauso wie Brillen oder Pauschalreisen. Alles lockt mit der Aussicht auf bis dato unbekannte Eindrücke, die zu »durchleben« stärker wäre als jegliches bereits Probierte. Jedes neue Gefühlserlebnis muss »größer«, überwältigender und aufregender werden als das vorherige, und das Schwindelgefühl eines »totalen« Gipfelerlebnisses winkt immer schemenhaft am Horizont. Man hofft – und genau dies wird auch stillschweigend oder ausdrücklich insinuiert –, man werde auf dem Wege der quantitativen Akkumulation sinnlicher Intensität schließlich zu einem qualitativen Durchbruch gelangen – zu einem nicht nur tieferen und genussreicheren, sondern »völlig anderen« Erlebnis; man hofft, auf dieser Reise würden einem »metaempirische« Waren und Dienstleistungen helfen – alles was darauf abzielt, die psychischen und körperlichen, »Eindrücke empfangenden« Kräfte und Fähigkeiten zu stärken. Es geht nicht nur um das Angebot immer noch erhabenerer Freuden – man muss auch lernen, das ganze in ihnen enthaltenen Potenzial herauszupressen; (...)

Das Ziel eines solchen Trainings charakterisiert die Metapher des multiplen Orgasmus: ein Körper in Hochform, in dem ein ebenso trainierter Geist steckt, ist in der Lage zu wiederholter, ja sogar anhaltender Gefühlsintensität; ein Körper, der immer auf der Höhe ist, stets offen für alle Erfahrungsmöglichkeiten, die die Welt ringsum nur bieten kann – eine Art wohltemperiertes Klavier, jederzeit zu Melodien von erhebender Schönheit bereit.

"Balancing on the Brink." Eagle Peak summit, Chugach Mountains, Alaska

Foto: Paxson Woelber "Balancing on the Brink." via flickr/creative commons 2.0
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Der Tod drängelte sich – unerwartet, wie so oft – ganz oben auf die Tagesordnung meiner letzten Woche. Das relativierte manches, was mich sonst vielleicht mehr beschäftigt hätte, ließ mich aber noch länger über ein paar Seiten aus Zygmunt Baumans Essay „Postmoderne Religion?“ nachdenken. Dort spricht Bauman von einer „antieschatologischen Revolution“ in der Moderne. Gegenüber der Vormoderne, deren ganz Sorge sich um die Frage des ewigen Seelenheils drehte, verschiebt sich die Aufmerksamkeit radikal auf das Diesseitige. Sünden- und Höllenängste des Mittelalters führten ironischerweise dazu, dass die

Faszination und Betörung durch das Leben nach dem Tod sowie die Anforderungen einer ganz auf Seelenheil ausgerichteten Frömmigkeit auf Gipfel getrieben wurden, die für Menschen, die noch am normalen Leben teilnehmen wollten, nicht mehr zu erreichen waren. Mönche. Prediger und andere »Künstler religiösen Lebens« setzten Frömmigkeitsmaßstäbe, die nicht nur mit allgemein verbreiteten »sündhaften Neigungen« kollidierten, sondern auch mit der bloßen ‚Aufrechterhaltung des Lebens als solchem; die Aussicht auf ein »ewiges Leben« geriet damit für alle mit Ausnahme einiger Heiliger außer Reichweite.

Als Reaktion darauf und nicht unbedingt im Sinne der Bußprediger, entwickelte sich aus dieser Maßlosigkeit heraus einerseits eine makabre Zurschaustellung von Tod und Leiden, andererseits schlug das memento mori um in ein memento vivere und die Freuden des irdischen Lebens (geflissentlich übersehen von vormodernen „missionarischen“ Paradigmen, die bis heute alles auf die Frage konzentrieren, wohin jemand wohl käme, sollte er heute sterben).

Detail from 'The Triumph of Death' (Brueghel the Elder c.1562)

Denn analog zum paulinischen „Tod, wo ist dein Stachel?“ entwickelte die Moderne mit großem Erfolg drei komplementäre Strategien, um den Schrecken des Todes zu relativieren.

Der Tod wurde erstens in professionelle Obhut verwiesen und aus dem Alltag ausgegliedert:

Wie alles andere im Modernen Leben wurde der Tod einer arbeitsteiligen Behandlung unterworfen: er wurde zur Sache von »Spezialisten«. Für alle übrigen, die Nichtprofis, entwickelte sich der Tod zu etwas Anstößigem; eine peinliche, in gewisser Weise […] der Pornografie verwandte Angelegenheit, ein Ereignis, über das man nicht öffentlich und schon gar nicht »vor den Kindern« sprach. Man verbannte die toten und vor allem die Sterbenden aus dem Alltagsleben…

Zweitens wurde der Tod zerlegt in Einheiten, die sich bewältigen ließen:

Wie alle anderen »Ganzheiten« wurde auch die Aussicht auf den absolut und unwiderruflich bevorstehenden Tod scheibchenweise in unzählige, immer kleinere Bedrohungen für unser Überleben fragmentiert. an dem Faktum selbst kann man nicht viel ändern, und es wäre einfältig, sich mit etwas zu befassen, woran nun einmal nichts zu ändern ist. Die kleinen Gefahren jedoch kann man bekämpfen, zur Seite drücken, ja sogar besiegen. Und der Kampf gegen sie ist eine so zeit und energieraubende Betätigung, dass von beidem nichts übrigbleibt, um über die letztendliche Nichtigkeit all dessen nachzusinnen. Der Tod […] wurde in die kleinen, doch unzähligen Fallen und Hinterhalte des täglichen Lebens aufgelöst. Man neigt dazu, ihn immer wieder anklopfen zu hören – in fettreichem Fast Food, in salmonellenverseuchten Eiern oder cholesterinreichen Versuchungen, im Sex ohne Kondom oder im Zigarettenrauch, in asthmaerzeugenden Hausstaubmilben, … in zuwenig oder zuviel körperlicher Bewegung, in übermäßigem Essen oder übertriebenem Fasten, in zuviel Ozon und im Ozonloch; doch weiß man nun, wie man die Tür verbarrikadieren muss, wenn er klopft, und man kann die alten verrosteten Schlösser und Riegel oder Alarmanlagen gegen immer »neue und bessere« austauschen.

Drittens fand eine Virtualisierung des Todes statt. Während der wirkliche Tod immer mehr im Privaten verschwindet, wird der öffentliche Tod in Kino und Fernsehen unterhaltsam und spektakulär inszeniert, der tödliche Kampf zur einer Kunstform entwickelt, die (Tarantino lässt grüßen) um ihrer selbst willen existiert. Die schiere Flut des Sterbens auf der Mattscheibe erzeugt denselben Effekt wie eine Menge nackter Körper auf einem Bild, sie neutralisiert die Wirkung des einzelnen (hier Begehren, da Schrecken und Empathie).

In noch viel eindrucksvollerer Weise, als Aldous Huxley es sich ausmalte, ist seine Vision einer Todeskonditionierung (indem man Kindern Menschen im Todeskampf zeigt und sie dabei mit ihren Líeblingssüßigkeiten füttert) zur gängigen Praxis geworden – mit Auswirkungen, die dem, was er sich vorstellte, nicht sehr nachstehen.

Die Vorstellung des Lebens als eines „Seins zum Tode“ ist damit massiv geschwächt. Der Tod verleiht dem Leben, das auf ihn zuläuft, keine Bedeutung mehr, sondern er ist nur noch das Nicht-Ereignis, das eine Lebensgeschichte beendet, die just in dem Augenblick uninteressant und irrelevant wird, wo sie keine neuen Episoden mehr hervorzubringen verspricht. Und während der Tod im Leben eines vormodernen Menschen, das wenig Abwechslung und Überraschung bot, das eine völlig unkalkulierbare Ereignis war, so ist er heute häufig das einigermaßen absehbare, jedenfalls medizinisch erklärbare Ende eines Lebens, das von Umbrüchen, Ungewissheiten und Apokalypsen – Bauman spricht von der „Instabilität alles Erreichten und der Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen“ und der „Launenhaftigkeit von Regeln, die sich schon vor Spielende wieder ändern“ – gekennzeichnet ist.

Ungewissheit postmodernen Typs zeugt nicht von einem Bedarf an Religion, sie bewirkt vielmehr eine ständig steigende Nachfrage für Identitätsexperten. Wen die Ungewissheit postmodernen Typs quält, der braucht keine Prediger, die ihm etwas über die Schwäche des Menschen und die Unzulänglichkeit menschlichen Vermögens erzählen. Er braucht die Bestätigung, dass er/sie es schaffen kann – und Anleitung, wie dies anzustellen sei.

Ich kann nicht auf alles eingehen, was Bauman hier anreißt, aber mich hat seine Analyse insofern überrascht, als ich im Blick auf seine jüdische Herkunft erwartet hätte, dass er den Kern des Glaubens und damit von Religion nicht in der Frage nach Tod und Jenseits sieht, wie es dann im katholischen Spätmittelalter der Fall war. Zu Beginn des Essays, aus dem ich zitiert habe, beschreibt er noch sehr treffend die Unmöglichkeit einer umfassenden Definition von Religion, nur um das alles mit einem Satz von Tisch zu wischen und festzustellen, Religion sei „schließlich nichts anderes […] als das intuitive Wissen um die Grenzen dessen, was wir Menschen als solche tun und verstehen können“, Religiosität bestehe mithin im "Bewusstsein menschlicher Unzulänglichkeit und dem Eingeständnis der Schwäche“, die er im Folgenden dann strikt auf Tod und Transzendenz bezieht.

Für den Alttestamentler Walter Dietrich hingegen (und das hätte ich bei Bauman eigentlich erwartet, weil es ja sein Ur-Anliegen darstellt) ist der rote Faden der hebräischen Bibel die Frage nach Gerechtigkeit, der „Herstellung und Wahrung lebensfreundlicher Verhältnisse gerade für die in ihrer Existenz oder ihrem Wohl Bedrohten […]. Für Israel kennzeichnend ist dabei, dass sich religiöse Motivation und politische Aktion untrennbar miteinander verbinden“ (Der rote Faden des Alten Testaments, in: Ders., Theopolitik. Studien zur Theologie und Ethik des Alten Testaments, S. 21)

Für mein Empfinden gilt diese Aussage ebenso für das Christentum und Jesu Botschaft vom Reich Gottes. Besonders auch in dem Sinn, dass Jesu Eintreten für Gerechtigkeit ihn zum Märtyrer und Opfer eines Justizmordes machte - ein Ereignis, an dem deutlich wird, dass sich derjenige ganz besonders mit dem Tod beschäftigen muss, der die sozialen Verhältnisse verändern will. Dazu kommt das für die ersten Christen völlig unerwartete Geschehen der Auferweckung, in dem erkennbar wird, dass der Tod als die Summe und endgültige Festschreibung aller lebensfeindlichen Verhältnisse und Bedrohungen auf eine völlig andere Art und Weise und von anderer Seite relativiert wurde, als es im Projekt der Moderne geschah und geschieht. Wer sich gegen Großkonzerne, Geheimdienste, Diktatoren, rechte Todesschwadronen oder mafiöse Strukturen stellt, darf keine Angst vor dem Tod haben und wird ihn schwerlich durch den Konsum von Popcorn und Actionkino ausblenden können.

Ein „aktuelles" Evangelium, das sich auf Identitätsmanagement reduzieren lässt und zu diesem Zweck die Ur-Angst postmoderner Menschen beschwichtigt, in den ständigen Wahlzwängen Entscheidendes zu verpassen, ist ebenso ungenügend wie ein traditionelles, dass sich auf Schuld und Tod reduzieren lässt. Wer mutig vom Tod reden kann, hat auch in Sachen Gerechtigkeit etwas zu sagen. Wer sich vor dem Tod in Wellness flüchtet, wird auch davor zurückschrecken, sich den Mächten dieser Welt tapfer entgegenzustellen.

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Da hatte ich doch eben Žižeks Feststellung erwähnt, die Vergangenheit werde ständig neu erfunden um Machtansprüche in der Gegenwart zu erheben, als ich über diesen Artikel von Elizabeth Stoker-Bruenig stolperte, der das Unbehagen katholischer Traditionalisten mit Papst Franziskus’ pragmatischem (statt dogmatischem) und dialogischem Zugang zur Vergangenheit beleuchtet. Dabei fallen ihr Widersprüche wie dieser auf:

The conservative reverence for the past does not necessarily mean that their tactics or politics to protect it will be properly traditional. … Thus conservatives can claim a deep attachment to the America of their grandparents while trying to dismantle labor unions and Social Security, mainstays of the era they profess to love.

Und sie fährt fort:

To insist that the Church differentiate herself from the world by adhering to the praxis of the past—be it saying Mass in Latin or ignoring man-made climate change because it is not present in biblical text—is to relate to the past in a wholly modern way. Those who ignored climate change in the Middle Ages did so because it was unknown, not because they intended to make a particular statement about the transcendent factual bearing of the biblical text. … To consider whether or not one would prefer to be modern is to be modern; the decision is already made.

Gegenwärtig, so Stoker-Bruenig, arbeitet der Papst an einem Papier zur Klimaproblematik, und Rechtskatholiken wie Neokonservative schießen schon lange vor dessen Erscheinen gegen seinen vermeintlichen Inhalt – etwa indem sie beklagen, der Papst kontaminiere die reine Lehre mit "grünem Heidentum“. Das ist freilich nur möglich, weil ausgerechnet jene, die sich auf die Vergangenheit berufen, dabei verdrängen, dass mit Franziskus von Assisi (oder Hildegard von Bingen, aber die dürfte ihnen schon deshalb noch suspekter sein, weil sie eine Frau war) schon einmal andere Zugänge zu Natur und Schöpfung da waren als neuzeitliche Ausbeutung und „Unterwerfung“ derselben.

Let's Get Green! Please take a moment to read...
Bild: Evan Leeson, Let’s Get Green! (via flickr/Creative commons 2.0)

Man kann ja gern verschiedener Meinung sein, was die Gegenwart und den zukünftigen Weg angeht. Wenn allerdings die immer schon passend gefilterte Vergangenheit dazu missbraucht wird, andere als Verräter an einem heiligen Erbe zu diskreditieren, dann ist das schlicht ein reaktionärer Backlash. Genau dieser Vorwurf wurde Jesus ja auch gemacht. Zudem kann natürlich auch kein Konservativer wissen, was Luther oder irgendeine andere kirchlich-theologische Normgröße täte, wenn sie oder er heute lebte. Relativ sicher sagen lässt sich hingegen: Sie täten vermutlich nicht exakt dasselbe wie zu ihren Lebzeiten. Es ist also kein Ausdruck von Respekt vor den Müttern und Vätern, ihr Lebenswerk zur kirchenpolitischen Keule zu machen. Stoker-Bruenig bilanziert abschließend:

the past cannot be recovered, but only shabbily reconstructed. It is most useful when considered an open matter. This is true of the past in our lives, of the past in politics, of the past in the Church: Dialogue is the most we can make of it. And that is enough.

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Jaron Lanier hat im November 2014 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. In seiner Rede übt er Kritik an "gegen die utopische Aufladung, gegen die Erlösungsversprechen, gegen die Heilslehre einer neuen, technologisch inthronisierten Hypermoderne“ (Zeit Online). Das Internet und Big Data werden die elementaren Probleme nicht lösen, sondern sie scheinen einige davon eher verstärken. Dazu gehört unter anderem die Tendenz, sich mit einer Gruppe zu identifizieren und (so hätte Miroslav Volf das jetzt gesagt) dabei alles andere auszuschließen, indem man es als feindlich einstuft. Lanier wählt ein drastisches Bild, nämlich eine aktualisierte Form des „homo homini lupus“ (Hobbes/Plautus):

Die dunkelste meiner digitalen Ängste betrifft das, was ich den ‚Rudelschalter‘ nenne. Es ist die These von einem hartnäckigen Zug des menschlichen Charakters, der sich dem Frieden widersetzt. Nach dieser Theorie sind die Menschen Wölfe; wir gehören zu einer Spezies, die als Individuum oder als Rudel funktionieren kann. In uns ist ein Schalter. Und wir neigen dazu, uns immer wieder plötzlich in Rudel zu verwandeln, ohne dass wir es selbst bemerken.

Rudelbildung wird, um es mit Bauman zu sagen, aufgrund der Verflüssigung und Schwächung traditioneller Identitäten derzeit immer attraktiver. Den Hintergrund dieser Sorge beschreibt Lanier so:

Die traditionelle Definition von „Frieden“ bezieht sich auf den Frieden zwischen Rudeln oder Klans, und so ist „Stammesgefühl“ vielleicht die gefährlichste unserer Sünden. Es zersetzt uns tief im Wesen. Trotzdem wird Schwarmidentität fast überall als Tugend angesehen. Das Buch der Sprüche im Alten Testament enthält eine Liste von Sünden, darunter Lügen, Mord, Hochmut, aber auch „Hader zwischen Brüdern säen“. Ähnliche Gebote gibt es in allen Kulturen, allen politischen Systemen, allen Religionen, die ich studiert habe. Ich will damit nicht sagen, dass alle Kulturen und Glaubensbekenntnisse gleich sind, sondern dass es eine Gefahr gibt, die uns gemein ist, weil sie in unserer Natur liegt, und die wir abzuwehren lernen müssen. Die Loyalität gegenüber dem Rudel wird immer wieder mit Tugend verwechselt, obwohl – besonders wenn! – Menschen sich selbst als Rebellen sehen. Es tritt immer Rudel gegen Rudel an.“

Pack of wolves
Bild: Cloudtail, Pack of wolves via flickr/creative commons 2.0
Die Verbindung von Rudelbildung und rebellischem Pathos ist besonders scharf beobachtet. Pegida, im November noch kein großes Thema, wäre dafür sicher kein schlechtes Beispiel. Das nämlich ist die Logik, die „wir sind das Volk“ mit Affekten der Fremdenfeindlichkeit und der Wut auf das Establishment verknüpft. Walter Wink hat den Mob einmal als Beispiel dafür verwendet, dass Gruppen von Menschen (vor allem negative) Dinge tun, die der einzelne vermutlich unterlassen würde. In beide Fällen sorgt die Identifikation mit einer durch Feindbilder bestimmten Gruppe für eine Radikalisierung der Personen und Situationen. Das Kollektiv ist eine eigene Form von Macht.

Lanier sieht als Gegenmittel eine komplexere Form von Identität, die nicht mehr über die Zuordnung zu einem einzigen „Clan“ funktionieren darf:

Das Beste wäre vielleicht, wenn jedes Individuum vielen verschiedenen Gruppen angehörte, so dass kaum klare Klans erkennbar wären, die gegeneinander antreten könnten. Während der digitalen Anfänge vor ein paar Jahrzehnten war genau das meine Hoffnung für digitale Netzwerke. Wenn sich in einer besser verbundenen Welt jeder Mensch zu einer verwirrenden Vielfalt von „Teams“ zugehörig fühlen würde, wären die Loyalitäten vielleicht zu komplex, als dass traditionelle Rivalitäten eskalieren könnten. Das ist auch der Grund, warum mir der Trend sozialer Netzwerke Sorgen bereitet, die Leute in Gruppen zusammenzutreiben […] Die Welt kommt mir jedes Mal vor wie ein besserer Ort, wenn mir jemand begegnet, der sich mehreren Sportmannschaften verbunden fühlt und sich bei einem Spiel nicht entscheiden kann, zu wem er hält. Dieser Mensch ist begeistert, aber er ist auch verwirrt; plötzlich ist er ein Individuum und kein Teil eines Rudels mehr. Der Schalter wird zurückgesetzt.

Volf plädierte schon vor ein paar Jahren in Von der Ausgrenzung zur Umarmung ganz analog für eine hybride Identität, die sich mehr über die Beziehung als den Ausschluss. Wer das Buch noch nicht Gelsen hat, sollte spätestens jetzt einen tiefen Blick hinein werfen. Er schreibt im Blick auf ein christliches Selbstverständnis:

Die Distanz zu unserer eigenen Kultur, die aus dem Geist der neuen Schöpfung geboren ist, sollte uns aus dem Griff unserer Kultur lösen und uns fähig machen, mit ihrer Fluidität zu leben und ihre Hybridität zu bejahen. Andere Kulturen sind keine Bedrohung für die Reinheit unserer unverdorbenen kulturellen Identität, sondern eine mögliche Quelle für ihre Bereicherung. Sich überschneidende und überlagernde Kulturen können, wenn in ihnen Menschen leben, die mutig genug sind, nicht einfach nur dazuzugehören, einander zu einer dynamischen Vitalität verhelfen.

Mutig genug… da liegt die Herausforderung.

Bei aller nötigen Opposition gegen Pegida und ähnliche Bewegungen hilft es daher auch nicht, bloß "zurückzurudeln“. In der Tatortfolge „Hydra“ über den Mord an einem Neonazi sagte der Dortmunder Kommissar Faber neulich "Deutscher, Grieche, Türke, Holländer – Nazi kann jeder … Vergessen sie den Nazi. Fischer war ein Mensch.“ Wink spricht davon, dass es darum geht, zu erkennen, wie ähnlich mein Feind mir sein kann - weil wir beide Menschen sind.

Rudel kann jeder. Es tut unterm Strich niemandem gut.

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Wenn man heute mit einer großen Gruppe irgendwo hinfährt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass irgendwer kein Gluten verträgt, jemand anders keine Laktose oder Fructose, dass manche vegetarische und vegane Ernährung bevorzugen. Manchmal gibt es eine klare medizinische Indikation, manchmal ist es eine Ahnung oder Vermutung, der Menschen folgen, manches lassen sie sich vielleicht auch bloß einreden, und manches mag eine Laune sein, die mal besser, mal schlechter begründet ist.

Aber weil wir gemeinsam etwas erleben oder besprechen wollen, debattieren wir nicht mehr über Sinn und Unsinn der unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten, sondern gehen pragmatisch damit um. Vielleicht auch, weil wir wissen, wie ethisch und gesundheitlich fragwürdig das Essen inzwischen ist, das für die meisten noch „normal“ im Sinne von „gewohnt" und „üblich" ist. Jeder bekommt, was er braucht – oder, in den Augen der Skeptiker: was er vielleicht auch nur zu brauchen meint. Am Ende kann und muss das jeder selbst beurteilen. Für das Küchenpersonal und die Verwaltung von Hotels und Tagungshäusern ist es zweifellos ein größerer Aufwand, dessen Kosten alle gemeinsam tragen, aber wir haben uns daran gewöhnt. Jeder kennt inzwischen Leute, die besondere Wünsche oder Bedürfnisse haben. Wozu sollten wir sie ausgrenzen oder benachteiligen? Es wäre ein ebenso schmerzhafter wie unnötiger Verlust.

Das ist ein schönes Beispiel für einen weithin funktionierenden Pluralismus. Er funktioniert sogar in Gruppen, in denen der Begriff "Pluralismus" sonst eher Pickel verursacht.

Vielleicht kann die erfolgreich gelernte Lektion ja als Modell dienen, das sich auf andere Bereiche übertragen lässt. Kürzlich postete ein Facebookfreund ein Foto von Charlton Heston mit dem Zitat, Politische Korrektheit sei eine Diktatur mit Manieren. Sarrazins „Tugendterror“ lässt grüßen. Heston hat unter anderem mal in einem Bibelfilm mitgespielt und ist ein erklärter Waffenfreak, für ihn besteht da offenbar kein Widerspruch. Vor allem aber ist er weiß, männlich und schon recht alt. Vermutlich tut er sich schwer damit, dass plötzlich alle möglichen Minderheiten mitreden wollen und manche gewohnten Rede- und Denkweisen der alten Eliten nachdrücklich in Frage stellen. Die Welt war für seinesgleichen damals eben noch heiler und das Leben einfacher, als man noch bedenkenlos „Neger“ sagen durfte - man selbst war ja keiner. Zeitlich mag das stimmen oder auch nicht mit dem einfacheren, besseren Leben, ursächlich haben unsere Probleme heute aber rein gar nichts damit zu tun, dass wir sensibler mit Menschen umgehen, die anders sind als wir.

Freilich kann man(n) sich nun darüber empören, dass manchen Leuten Omis traditionell gewürzter sprachlicher Schweinebraten nicht mehr gut genug ist und sie die begriffliche Speisekarte ändern wollen, aber davon werden die Unterschiede nicht weggehen und die Spannungen nicht aufhören – im Gegenteil.

Man muss nicht jede Unverträglichkeit teilen, nicht jede Präferenz anderer gut finden und jede einzelne sprachliche Innovation für einen Gewinn halten. Gelassenheit und Großmut reichen einstweilen aus: Solange mir die unterschiedlichen Menschen etwas bedeuten und ich sie dabei haben möchte – in der Kirche, als Freunde und Nachbarn, Seite an Seite im Ringen um gute politische Lösungen für unsere Probleme – kann ich nicht nur den Speiseplan, sondern auch meine Worte mit Bedacht wählen und mich bemühen zu verstehen, warum andere dieses oder jenes so schwer verdaulich finden.

Vielleicht kommt unterdessen manche(r) ja doch noch auf den Geschmack.

Gluten Free Aisle

Bild: Alexis O’Toole, Gluten Free Aisle via flickr/creative commons 2.0
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Ein Wesensmerkmal der Post- oder fluiden Moderne ist die Auflösung der bisherigen Stabilität. Das ist auf vielerlei Art beschrieben und veranschaulicht worden und doch wird hier und da noch über Postmoderne so geredet, als ließe sie sich in Kategorien der soliden Moderne fassen: Fixpunkte, Dogmen, gleichbleibende Konturen.

Vielleicht findet ja der eine oder andere Fußballfan, sofern er nicht dem britischen Reduktionismus eines Gary Lineker (22 Mann, ein Ball…) auf den Leim geht, sondern Augen hat für die komplexe, manchmal sehr kunstvolle Struktur des Spiels, den Schlüssel zum Verständnis dieses Phänomens. Xabi Alonsos erster Profi-Trainer sagt über den vielleicht besten Spieler der aktuellen Bundesliga-Hinrunde: »Ich hatte Spieler, für die war Fußball Krieg. Für Xabi ist das Spiel ein Konzert.« Ein Paradigmenwechsel.

Allianz Arena Bayern Munich

Foto: Werner Kunz, via flickr/creative commons

Denn auch der Fußball ist gerade dabei, den Schritt über die Moderne hinaus zu nehmen: Formationen und Positionen lösen sich auf, und besonders jene Spielertypen sind gefragt, die sich ad hoc anpassen können. Exemplarisch zu besichtigen im Spiel von Pep Guardiolas wild rotierenden Bayern, selbst wenn der Turbo gegen Hertha BSC (und zuvor gegen Manchester City) nur phasenweise gezündet hat.

Mike Goodman hat das jüngst so kommentiert:

Trying to discuss Pep Guardiola’s tactics is a bit like discovering that the language you’ve spoken your entire life doesn’t really exist. There are words, like full-back or midfielder, that suddenly come to mean completely different things from what they used to. The grammar and syntax of positions and formations that have always worked a certain way (albeit with all the exceptions and caveats of a normal language) suddenly don’t.

Die Worte sind noch da, aber sie bedeuten etwas anderes und sie werden anders verknüpft. Alan Roxburgh hat schon vor Jahren davon gesprochen, dass die alten Landkarten nicht mehr funktionieren. Und doch meinen manche immer noch, die Postmoderne – oder besser mit Zygmunt Bauman: die fluide Moderne – lasse sich kartographieren oder man könne einfach neue, eindeutige Übersetzungstabellen und Wörterbücher erstellen.

Reduktionisten würden sagen, dass auch Guardiola nur elf Mann auf den Platz schicken kann – nichts Neues unter der Sonne, eine flüchtige Modeerscheinung, sagen die ewig modernen Postmoderne-Skeptiker. Britische Reduktionisten kaufen mit den Ölmillionen von Scheichs und Oligarchen die elf besten, aber die Mannschaften fallen wegen (!) des vielen Geldes, das dem Umdenken im Weg steht, eher zurück. Dem entspricht in etwa der ebenso beliebte Ansatz der Moderne-Optimierer, die weitermachen wie immer, nur eben etwas besser und aufwändiger.

Man muss diese Veränderungen nicht mögen, man sollte sie schon gar nicht heilig sprechen, aber wer sie nicht versteht – und vor allem nicht darauf eingestellt ist, dass man in jedem einzelnen Moment genau hinsehen und hinhören muss, weil man nicht mehr davon ausgehen kann, dass Worte und Situationen heute noch dasselbe bedeuten wie gestern –, der könnte einen ähnlich schweren Stand haben wie Trainer und Teams, die gegen Guardiola und die Bayern antreten.

Im besten Fall bekommt man aus einer solchen Begegnung den nötigen Kick, die Zeichen der Zeit zu verstehen, sich auf andere Perspektiven einzulassen und scheinbar Vertrautes neu in den Blick zu nehmen.

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In manchen Kreisen, so mein Eindruck, gibt es zwar eifrige Lippenbekenntnisse zur Demokratie, aber insgeheim träumen nicht wenige immer noch von einer Monarchie; freilich mit einem idealen Regenten. Manche finden, auch die Kirche sollte besser möglichst undemokratisch funktionieren. Autoritäre Weltbilder stehen erstaunlich hoch im Kurs - ein schmaler Grat.

Natürlich wäre das Leben einfacher, wenn wir uns um den Staat und die Ordnung keine Gedanken machen müssten, sondern das in kompetente Hände legen könnten und dabei wüssten, dass dieser Monarch alles richtig macht, wenn er „durchregiert". Flüchtlinge, Terror, Klimawandel, TTIP, Jugendarbeitslosigkeit und Ebola würden uns keine schlaflosen Nächte mehr bereiten. Das ist im Grunde ein romantischer und nostalgischer, vor allem aber ein verzweifelter und letztlich verantwortungsloser Traum. Und die neuen Feudalherren sind nur zu gern bereit, diesen Wunsch zu erfüllen.

Neulich habe ich (wieder einmal, nach längerer Pause) ein eng verwandtes Statement gehört. Unter Bezug auf ein paar Bibelstellen ging es dort um das Verhältnis der Geschlechter und jemand machte sich stark für eine Rückorientierung am Patriarchat. Freilich wurde er nicht müde, die Last der Verantwortung und den Ernst der Aufgabe des Patriarchen herauszustellen, er schien aber durchaus der Überzeugung zu sein, dass die meisten Frauen sich nichts sehnlicher wünschen als einen solchen Gentleman als Retter, Vormund oder Schirmherr.

Wie schon Friedrich Rückert dichtete: "Wenn nur was käme und mich mitnähme!"

Mag sein, dass es solche Träume gibt. Die Motive dürften in diesen Fällen ähnlich gemischt sein wie bei den Royalisten. Vielleicht liegt die Sache aber in Wahrheit ganz anders, als es dem freundlichen Patriarchen schien. Das Zeitmagazin interviewte vor einer Weile den Paartherapeuten Ulrich Clement. Der vermutet, dass weibliche Unterwerfungsphantasien, die vor allem der feministischen Forschung Rätsel aufgaben, in Wirklichkeit verkappte Allmachtsphantasien sind. Kaum eine Frau will also wirklich zurück ins 19. Jahrhundert.

(Frage: Was passiert mit uns Männern, und was mit geistlichen Leiter_innen, wenn wir uns diesen Schuh anziehen und diesen Messiaskomplex aufhalsen?)

Aber Beziehungen auf Augenhöhe sind schwieriger als solche mit Gefälle, und Demokratien sind anspruchsvoller als autoritäre Formen von Regierung. Zum Glück haben Christen ja schon immer den schmalen, herausfordernden und risikoreichen Weg gewählt, nicht den breiten, anspruchslosen…

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Am Freitag hat die Heute-Show Teilnehmer am „Marsch für das Leben“ in Berlin ein bisschen auf die Schippe genommen. Ich fand die Interviews von Lutz van der Horst wie immer schlagfertig und witzig, aber eben nicht fies. In der Diskussion im Internet meldeten sich dennoch, wie so oft, empörte Stimmen zu Wort.

Die Standardphrase in solchen Diskussionen lautet: „Gott lässt sich nicht spotten“. Mit dem Bibelzitat verbinden sich meistens Erwartungen, dass Blasphemie wieder sanktioniert werden muss und untrügliche Symptome dafür, dass die Vertreter dieses Standpunktes zwar für sich selbst gern uneingeschränkte Religionsfreiheit in Anspruch nehmen, im Namen derselben jedoch Meinungs- und Pressefreiheit liebend gern einschränken würden. Pluralismus ist für sie ausschließlich negativ konnotiert. Da dürfen Meinungen geäußert werden, die nicht in das eigene dogmatische Raster passen.

Nimmt man die Bibel dagegen wirklich ernst, dann lässt Gott sich sehr wohl verspotten. Nachzulesen in der Passionsgeschichte. Und dann vergibt er denen auch noch, die ihn verspottet haben, lange bevor die überhaupt auf die Idee kommen, um Vergebung nachzusuchen.

Erstaunlich ist, dass Gott nicht nur bei Spott und Frotzeleien ein Auge zudrückt, sondern anscheinend auch bei Humorlosigkeit. Was dies betrifft, teile ich persönlich seinen Standpunkt allerdings noch nicht mit letzter Überzeugung.

Marsch für das Leben 2013 – What the Fuck?

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Kürzlich habe ich diesen Vortrag von Antje Schrupp über Meinungsfreiheit und political correctness gelesen. Er stammt vom Jahreskongress des Verbandes der Redenschreiber in deutscher Sprache. Sie analysiert darin vieles in unseren öffentlichen Debatten sehr treffend. Wenn etwa (das Thema hat mich ja auch schon beschäftigt) Sarrazin, Broder oder Hahne (der sich neuerdings um die Zukunft des Zigeunerschnitzels sorgt) und andere die Meinungsfreiheit bedroht sehen, weil andere ihnen nun ebenso öffentlich widersprechen, wie sie selbst sich seit Jahr und Tag äußern, dann hält sie dagegen:

… das Recht auf Meinungsfreiheit umfasst eben nicht das Recht, die eigene Meinung jederzeit und überall ohne jegliche Konsequenz sagen zu dürfen. Das ist es in Wahrheit, was viele Kritiker und Kritikerinnen einer angeblich grassierenden Political Correctness einklagen. Meinungsfreiheit umfasst nicht das Recht, dass alle einem zuhören müssen, sie umfasst nicht das Recht, dass alle einen ernst nehmen müssen, und sie umfasst nicht das Recht, von niemandem kritisiert zu werden.

Zweitens fasst dieser Absatz wunderbar zusammen, wie man als Blogger ständig über die Grenzen zwischen dem Diskutablen und dem Indiskutablen entscheiden muss. Darin konnte ich mich sehr gut wiederfinden (gewiss zum Ärger des einen oder anderen, der diesen Blog gern für als Plattform seine – in meinen Augen jedoch indiskutablen – Themen und Positionen benutzt hätte):

Bloggen ist im Übrigen eine ganz hervorragende Übung darin, ein Gespür dafür zu bekommen, wie diese Grenze immer wieder hergestellt wird. Denn mit jedem Kommentar, den ich als „indiskutabel“ weglösche, markiere ich ja diese Grenze. Und mit jedem Kommentar, bei dem ich überlege, weil er eben „grenzwertig“ ist, wird mir bewusst, wie schwierig das ist. Je nachdem, was ich an Beiträgen freischalte und was nicht, ziehe ich nämlich automatisch bestimmte Leserinnen und Leser an und schrecke andere ab. Wenn ich antifeministische Kommentare lösche, dann nicht deshalb, weil ich Zensur ausübe und die Meinungsfreiheit einschränke, wir mir dann manchmal entgegengehalten wird, sondern um eine bestimmte Gesellschaft zu umreißen. Denn würde ich diese Grenze nicht ziehen, würde ich andere Leserinnen und Kommentatorinnen verlieren, nämlich die, die auf „so eine Gesellschaft“ keinen Wert legen. Deren Beiträge sind mir aber wichtiger. Im Übrigen wird ja auch niemand daran gehindert, seinen von mir gelöschten Kommentator gleich nebenan in seinem eigenen Blog doch noch zu veröffentlichen.

Es lohnt sich, den Text ganz zu lesen, schon um der vielen gut gewählten Beispiele willen. Schließlich finde ich auch ihr Fazit sehr hilfreich:

Ich versuche, bei dem, was ich sage, diese Grenze argumentativ so weit zu dehnen, wie es in dieser konkreten Situation und mit den konkreten Menschen, mit denen ich es jeweils zu tun habe, möglich ist, ohne dass die Beziehung abbricht. Weil sonst nämlich keine Debatte mehr möglich ist.

Die meisten Menschen sind durchaus interessiert daran, nicht immer nur die ewig gleichen Wahrheiten serviert zu bekommen. Sie möchten auch in ihren Ansichten herausgefordert werden, sind interessiert an Aspekten und Argumenten, die sie bis dahin noch nicht kannten.

roxby road

Foto: Roxby Road by j-ster via Flickr/Creative Commons
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Kürzlich sprach ich mit einem befreundeten Juristen über die unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen von Kirche und Staat/Gesellschaft. Er erinnerte an den Versuch der Gleichschaltung der Kirchen im Dritten Reich, mit dem der Staat die Kirchen instrumentalisierte. Heute ist dieser Kult um die Nation keine akute Gefahr in Deutschland, darin waren wir uns einig.

Beim Weiterdenken (ich erinnerte mich an diese Worte von Jürgen Moltmann) fiel mir auf: In Zeiten der "marktkonformen Demokratie", die nicht mehr durch äußeren Zwang herrscht, sondern einen inneren Anpassungsdruck erzeugt (um bloß nicht den Anschluss zu verlieren im gnadenlosen und unablässigen globalen Wettbewerb), liegt die größte Versuchung für dir Kirchen darin, vorauseilend die eigene Nützlichkeit und den „Mehrwert“ des Glaubens zu beteuern: Als leistungssteigernde Wellnessoase, als erfolgsrelevante Bildungseinrichtung, als eine Art legales Glücksdoping und metaphysicher Stimmungsaufheller im Zeitalter der allgemeinen Selbstausbeutung.

Ich habe das vor kurzem auf einer christlichen Website im Grunde genau so formuliert gefunden. Glaube fungiert dann als Lösung und Therapie für das Leben im neoliberalen System, als Schmierstoff fürs Räderwerk, aber eben nicht mehr als Störung, als Irritation, als subversiver Akt der Auflehnung gegen die anonymen und angeblich objektiv alternativlosen Zwänge.

Und all das ganz freiwillig - das ist das Verrückte. Aber irgendwie war die Fusion von Glaubenseifer und nationalem Pathos ja vor hundert Jahren auch freiwillig, wie selbstverständlich, ja sogar fröhlich bis euphorisch. Die oben erwähnte Website hat ihren Text inzwischen ausgebessert. Vielleicht ist das ja ein Hoffnungszeichen?

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Der Viertelfinaljubel wurde gestern durch die Nachricht unterbrochen, dass die NSA allem Anschein nach den NSA-Untersuchungsausschuss ausspioniert hat, durch einen Doppelagenten des (ohnehin immer sehr kooperativen) BND. Vielleicht sollte man im Verhältnis zu den USA auf den Begriff „Freundschaft“ verzichten – oder ihn eben so verstehen, wie das Wort „Parteifreund“ in der CSU.

Während hier noch Aufklärung gefordert und – wie halbherzig oder konsequent auch immer – betrieben wird, lohnt sich ein Blick auf das, was diese Woche zum Thema Überwachung schon gesagt wurde. In eben jenem Ausschuss kamen am Donnerstag zwei ehemalige Angestellte der NSA zu Wort. William Binney, ehemals technischer Direktor bei der NSA, sprach wiederholt von einem totalitären Ansatz der NSA, der Rechtsstaat und Demokratie untergräbt.

Surveillance

Wohin die Massenüberwachung führt, zeigt der Beitrag von Prima Basil in der FAZ. In Großbritannien ist die Überwachung weiter fortgeschritten und stößt auf weniger Widerspruch als irgendwo sonst in Westeuropa. Ihr Fazit fällt vernichtend aus:

Der Preis für den britischen Überwachungswahn ist beispiellos: die psychische, emotionale und intellektuelle Verarmung der eigenen Gesellschaft.

Das ganze wirft auch noch ein düsteres Licht auf die Beziehungen zwischen EU und Großbritannien:

Wenn es nach der Regierung Cameron ginge, sollten der Human Rights Act und die Europäische Menschenrechtskonvention im Fach Staatsbürgerkunde künftig nicht mehr erwähnt werden. Auch den Begriff Menschenrechte würde man am liebsten durch das Wort „kostbare Freiheiten“ ersetzen – so, als würde man durch eine andere Benennung den Anspruch der Bürger auf ihre demokratischen Rechte schmälern können. Zum Glück ist es den Tories nicht gelungen, diese „Reform“ durchzuboxen, aber sie haben freundlicherweise „zugesagt“, den Human Rights Act abzuschaffen, wenn sie bei der nächsten Wahl gewinnen. Dann stünden die Bürger wieder schutzlos da, weil die Europäische Menschenrechtskonvention im Vereinigten Königreich nicht mehr direkt einklagbar wäre.

Während sich Briten und Amerikaner am D-Day als Hüter der Menschenrechte und Verteidiger der Freiheit feiern ließen, waren sie schon längst dabei, dieses Erbe gründlich zu verspielen. Wenn erst einmal ein mächtiges System der Kontrolle und Überwachung geschaffen wurde, wird es alles dafür tun, diese Macht zu behaupten. Der Doppelagent war bestimmt nicht die letzte hässliche Episode.

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Die Szene sieht man im Profifußball öfter: Beim Foul geht Sekundenbruchteile nach dem Opfer auch der Täter mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden und hofft, dass die Unparteiischen so nicht mehr unterscheiden können, wer hier wem in die Knochen getreten hat. Aktuell zu besichtigen in den Videos von Luis Suarez’ Beißattacke. Kein neuer Trick, aber wirkungsvoll – sofern es keine Kameras mit Superzeitlupe gibt.

In der öffentlichen Debatte passiert gelegentlich etwas ganz Ähnliches. Da geht jemand mit einem dramatischen Aufschrei zu Boden, der verdeckt, dass eben diese Person gerade ein Foul begeht. Meistens wird dabei die bedrohte Meinungsfreiheit ins Feld geführt, im Rahmen derer manche meinen, diskriminierende Äußerungen über andere in die Welt setzen zu können. Gelegentlich auch die Religionsfreiheit, so als lasse einem der eigene Glaube gar keine andere Wahl, als andere in irgendeiner Form als defizitär oder gefährlich zu denunzieren und zu kategorisieren.

Zwei Musterbeispiele für diese Verkleidung des Wolfes im Schafspelz aus letzter Zeit sind die Klage von Henryk Broder, inzwischen würden weiße alte Männer diskriminiert, und die Reaktion des (inzwischen ehemaligen) CDU-Lokalpolitikers Sven Heibel, der sich den Paragraphen 175 StGB zurück wünscht (beziehungsweise dessen Streichung einfach ignoriert), und dafür empörte Kritik erntete. Sogar aus der eigenen Partei, aber ich nehme an, der Mann wird schon irgendeine Alternative finden.

Nun werden weder Broder noch Heibel demnächst Klage einreichen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ersterer ist nicht etwa das Opfer skrupelloser Nachwuchspolitikerinnen, sondern seines Seelenverwandten Thilo Sarrazin, der ihm das einträgliche Geschäftsmodell geklaut hat und noch effektiver gegen andere stänkert. Über Political Correctness wird dann geschimpft, über Ideologie und Denkverbote, der Geruch von Verschwörungen herbeigeredet. Andere Opfer vermeintlichen Gesinnungs- und Tugendterrors stimmen bereitwillig ein in den Chor, fertig ist der Protest. Homophobie etwa versteckt sich dann hinter der (freilich absurden) Behauptung, inzwischen "müsse man sich ja schon dafür entschuldigen, dass man heterosexuell sei".

Eine gute Orientierung darüber, wie die verschiedenen Menschenrechte (in diesem Fall: Religionsfreiheit und LSBTI-Rechte) miteinander verwoben sind, findet sich in diesem Vortrag von Prof. Heiner Bielefeldt, in dem er für eine Deeskalationsstrategie wirbt, etwa im Fall der britischen Standesbeamtin Lillian Ladele - aber auch klar macht, wo Grenzen gezogen werden müssen. Es ist tatsächlich beides nötig: Konfrontation und weise Zurückhaltung.

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Mit der Industrialisierung, schreibt Richard Sennett in Autorität, wurde die alte Sozialordnung zerstört zugunsten einer neuen. Aber das Alte lebte als Ideal weiter, das zunehmend verklärt wurde, und es war damit nicht weniger wirksam:

Überall sammelte man im 19. Jahrhundert die Bruchstücke des alten Lebens, das der Kapitalismus zerstörte, und hortete sie – Dinge, die höchst verletzlich und darum um so wertvoller waren, zu zart und empfindlich, um den Ansturm des materiellen Fortschritts zu überstehen. So wie man das Dorf als Muster der Lebensgemeinschaft idealisierte, so idealisierte man auch die stabile Familie, in der die Angehörigen der jüngeren Generationen ihre Plätze in der von Sitte und Brauch vorgeschriebenen Reihenfolge einnahmen, und sah in ihr einen Hort der Tugend. Dass diese Familie, sofern es sie gegeben hatte, für ihre jüngeren Mitglieder oft von einer erstickenden Enge gewesen war, wie es Rousseau und Goethe – jeder auf seine Weise – im Jahrhundert davor dargestellt haben, wollte man nicht wahrhaben.

Ganz ähnlich funktioniert das heute immer noch – nun ist es die Verklärung des Familienbildes der 50er Jahre, der intakten Kirchenstrukturen der Nachkriegszeit oder ganz aktuell der Ära der Nationalstaaten, die im Zuge der Globalisierung ihre Bedeutung allmählich verlieren. Der AfD attestierte ein Kommentator letzte Woche denn auch die "Sehnsucht nach einem besseren Früher, das es nie gab“.

Weltbild Nostalgie-Community

Problematisch sind solche Ideale, sagt Sennett, weil sie oft von Personen und Bewegungen aufgegriffen werden, die ganz andere Ziele verfolgen. Im 19. Jahrhundert entstand ein fürsorglicher, paternalistischer Kapitalismus, dessen Vertreter (z.B. George Pullman) nicht nur die Arbeit, sondern auch das Privatleben ihrer Beschäftigten dann nach ihren – keineswegs uneigennützigen – Vorstellungen beeinflussten.

Vielleicht lässt sich ja doch aus der Vergangenheit lernen…?

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Wenn man den Erfolg populistischer Parteien im Europawahlkampf betrachtet, oder über die Macht autoritärer Politiker wie Erdogan und Putin rätselt, dann ist Richard Sennett eine gute Adresse. Sein Buch „Autorität“ erschien schon 1980, aber es scheint mir aktueller denn je, wie der folgende Ausschnitt zeigt:

Heutzutage besteht das Dilemma der Autorität, die eigentümliche Furcht, die sie uns einflößt, nämlich darin, dass wir uns zu starken Gestalten hingezogen fühlen, die wir nicht für legitim halten. Diese Anziehungskraft ist kein spezifisches Merkmal unserer Zeit. Die mittleren Kreise von Dankes Inferno sind von jenen bevölkert, die Gott liebten und doch dem Satan folgten; aber sie waren Sünder, die zu ihren Lebzeiten gegen die Regeln der Gesellschaft verstießen. Eigentümlich für unsere Zeit ist, dass die formell legitimen Mächte in den dominierenden Institutionen bei denen, die ihnen unterworfen sind, einen nachhaltigen Eindruck von Illegitimität hervorrufen. Und dennoch verwandeln sich diese Mächte in Bilder menschlicher Stärke: in Bilder von Autoritäten, die über Selbstsicherheit und ein überlegenes Urteilsvermögen verfügen, die andere einer moralischen Disziplin unterwerfen und ihnen Furcht einflößen. Diese Autoritäten ziehen andere in ihren Bann, sie wie die Flamme den widerstrebenden Nachtfalter. Eine Autorität ohne Legitimität, die gerade durch das Misstrauen und die Unzufriedenheit zwischen den Menschen zusammengehalten wird – diese merkwürdige Situation können wir nur begreifen, wenn wir verstehen, wie wir verstehen.

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In den letzten Tagen hat mich ein Aufsatz von Slavoj Žižek beschäftigt, der eigentlich schon etwas älter ist (1999), aber viele Anregungen enthält, die auch 15 Jahre später noch aktuell sind. Ich denke, das ist ein Beweis dafür, wie scharfsinnig Zizek die Welt analysiert. Der Titel – "You May“/"Du darfst“ – spielt direkt auf kalorienreduzierte Lebensmittel deutscher Provenienz an. Im Grunde aber geht es um Freiheit, Normierung, Begehren und Zwang in unserer Gesellschaft.

„You May“ beginnt mit dem Phänomen der "Reflexivierung" von Gebräuchen in der heutigen Risikogesellschaft. Verhalten, das früher einmal selbstverständlich war, ist heute etwas, für das man sich entscheidet und das man lernen muss, es bedarf also der Reflexion. Zizek zeigt das am Beispiel des Rassismus gegenüber seiner Heimatregion, dem „Balkan": Es gibt den traditionellen Rassismus mit seinen Vorurteilen und Stereotypen (barbarisch, despotisch, korrupt, un“westlich“…), daneben existiert aber ein politisch korrekter, reflexiver Rassismus (die Gräueltaten zeugen von einem irrationalen und ungebildeten Stammesdenken, das den Anschluss an die – unparteiisch und verwundert zusehende – zivilisierte Welt noch nicht gefunden hat, in der Nationalstaaten ein Phänomen der Vergangenheit sind), und schließlich ist da der umgekehrte Rassismus, etwa der Serben, die sich gegenüber dem weichlichen, blutleeren Westen, den sie verachten, als authentisch, ursprünglich und leidenschaftlich inszenieren.

In der Psychoanalyse ist es inzwischen kaum noch möglich, das Unbewusste eines Menschen durch Interpretation heilsam zu erhellen, weil die Patienten ihre Leidensgeschichte schon im reflexiven Vokabular des Therapeuten schildern und damit bereits über Erklärungen verfügen. Žižek schreibt (und man hört im Geist schon die Ärzte singen):

Es ist so, als würde ein Neonazi-Skinhead, von dem man verlangt, sein Verhalten zu begründen, anfangen, wie ein Sozialarbeiter, Soziologe oder Sozialpsychologe zu reden, als zitiere er die geringe soziale Mobilität, die wachsende Unsicherheit, die Auflösung väterlicher Autorität, den Mangel an Mutterliebe in seiner Kindheit.

Ein postmoderner Neonazi, "der Schwarze verprügelt weiß genau, was er tut, aber er tut es trotzdem“. Die postpolitische, liberal-freizügige Gesellschaft kann den Missbrauch der Menschenrechte nicht verhindern:

Das Recht auf Privatsphäre ist im Endeffekt das Recht, Ehebruch zu begehen, heimlich, ohne dass man bespitzelt oder dass gegen einen ermittelt wird. Das Recht, nach Glück zu streben und Privateigentum zu besitzen, ist im Endeffekt das Recht, zu stehlen (andere auszubeuten). Presse- und Meinungsfreiheit – das Recht zu lügen. Das Recht freier Bürger auf Waffenbesitz – das Recht, zu töten. Das Recht auf Glaubensfreiheit – das Recht, falsche Götter anzubeten. …

Gut, das mit dem Bespitzeln und der Privatsphäre hat sich, wie wir alle wissen, gründlich geändert. Aber nach wie vor gilt Žižeks Beobachtung, dass der Rechtsstaat den Missbrauch der Freiheitsrechte kaum einschränken kann, ohne die Freiheit selbst einzuschränken. Das geschieht inzwischen zwar punktuell, das grundsätzliche Dilemma bleibt jedoch, das es keine absolut gültigen Regeln mehr gibt – und dass diejenigen, die wir noch haben (Menschenrechte), von manchen mutwillig pervertiert werden, während ihre wahren Anhänger keinen Gegendruck erzeugen können, ohne sie zu verraten.

Wenn die öffentliche Ordnung nicht mehr durch „Hierarchie, Repression und strikte Regelungen“ aufrechterhalten wird, kann sie auch nicht mehr durch befreiende Regelbrüche (etwa dem Lachen hinter dem Rücken des Lehrers) verletzt werden. In einer freizügigen Gesellschaft wird dafür die selbstgewählte Unterwerfung zum Tabubruch, was für Žižek auch die Erotisierung von Repression und Sklavenverhältnissen erklärt (was das für theologische Fundamentalismen bedeutet, etwa im Blick auf den sogenannten Komplementarismus und dessen Motivation, eine Hierarchie der Geschlechter zu repristinieren, oder auch autoritäres Führungsverständnis bzw. eine antiquierte, grob gerasterte Dogmatik, wäre noch zu klären: Es könnte vormodern und unreflektiert sein – man kann sich die Welt gar nicht anders denken als so –, oder postmodern und reflexiv – dann wird dieser Glaube zum Vehikel der antiliberalen Grenzüberschreitung).

An dieser Stelle bringt Žižek den Begriff des „Über-Ich“ ins Spiel. Wo Eltern ihr Kind früher dazu verdonnerten, die Großmutter zum Geburtstag zu besuchen, da sagen sie heute: „Du weißt ja, wie gern Deine Großmutter dich sehen möchte. Aber Du solltest natürlich nur hingehen, wenn Du es wirklich möchtest, sonst bleib lieber zuhause.“ Das Kind weiß natürlich, dass es im Grunde keine Wahl hat, nur kann es jetzt nicht mehr gegen den Zwang aufbegehren, der vordergründig keiner mehr ist. In Wirklichkeit lautet die Forderung aber nun: "Du musst die Großmutter besuchen, und Du musst es auch noch gern tun.“ Das Über-Ich befiehlt uns, die Dinge, die wir tun, gefälligst zu genießen. Aus Kants kategorischem Imperativ, der davon ausging, dass ich das Gute tun kann, weil es meine Pflicht ist, wird somit die Pflicht, alles zu tun, was ich kann: Die Verfügbarkeit von Viagra schlägt um in die Erwartung, so viel Sex wie nur möglich zu haben. Unter Esoterikern wird Selbstverwirklichung und das Lebensglück eben deshalb zur Pflicht, der man mit Freuden nachzukommen hat, weil sie machbar ist. In der totalitären Demokratie muss man dem Führer nicht nur gehorchen, mann muss ihn lieben. Es ist nicht genug, seine Arbeit ordentlich zu machen, es muss jetzt auch noch mit totaler Leidenschaft und Begeisterung geschehen. Damit bilden sich neue „Fundamentalismen“, während die alten, autoritären auch noch irgendwie lustvoll und reflexiv gebrochen fortbestehen. Und jetzt kommt der Slogan fettfreier Produkte ins Spiel, denn man kann plötzlich Salami essen, ohne sein Fett abzubekommen:

Nationalistischer Fundamentalismus fungiert als ein kaum noch verschleiertes „Du Darfst“. Unsere postmoderne reflexive Gesellschaft, die so hedonistisch und freizügig scheint, ist in Wirklichkeit gesättigt mit Regeln und Vorschriften, die unserem Wohlergehen dienen sollen (Einschränkung des Rauchens und Essens, Regeln gegen sexuelle Belästigung). Eine leidenschaftliche ethnische Identifikation ist keineswegs eine weitere Einschränkung, sondern ein befreiender Zuruf „Du darfst!“: du darfst (nicht den Dekalog, aber) die starren Vorschriften friedlicher Koexistenz in einer liberalen, toleranten Demokratie verletzen; du darfst essen und trinken, was auch immer du willst, Sachen sagen, die politische Korrektheit verbietet, sogar hassen, [andere] bekämpfen, töten und vergewaltigen.

Diese Fundamentalismen verdanken also ihren Sexappeal ausgerechnet der toleranten Gesellschaft, die sie verachten und auf deren Kosten sie sich als „authentische", "ungezähmte" Freiheitskrieger inszenieren. Leute, die sich „den Mund nicht verbieten lassen“, „Klartext reden“ oder wie auch immer das dann heißt.

In seinem jüngsten Beitrag für die Zeit vom 16. April nimmt Žižek viele dieser Motive übrigens wieder auf und wendet sie auf den Rechtspopulismus in Europa an, sein Interesse gilt nun aber den Folgen rechter Tabubrüche. Die richtige Antwort auf derartige Umtriebe wäre aus seiner Sicht, mit Freiheit und Gleichheit in Europa noch viel konsequenter und radikaler Ernst zu machen (sich also, um auf das „du darfst" zurückzukommen, die subtilen Zwänge des Über-Ich bewusst zu machen), statt dem rechten Druck zur Abschottung und der Rückkehr zu autoritären Ordnungsstrukturen nachzugeben, mit der man den Feinden der Freiheit (die Orbans, Le Pens und wie sie alle heißen) den Grund zur Klage nehmen möchte, in Wahrheit aber ihre Ziele und Methoden legitimiert. Denn wenn die emanzipatorischen Bemühungen aus Angst oder Trägheit eingefroren werden, erhalten die Reaktionäre die Chance, sich als die bessere Revolution auszugeben.

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