(post)moderne Zeiten

Ich muss gestehen, dass ich zu jenen Bürgern gehöre, die in den vielen Umfragen, die derzeit durchgeführt werden, zu Protokoll geben, dass ihre Sorgen im Zuge der Flüchtlingskrise zugenommen haben. Was mir dabei weniger Sorge macht, das sind die Flüchtlinge selbst oder unser Wohlstand. Wirklich besorgt bin ich über das, was in den letzten Monaten an Hetze, Hass, Gewalt unter uns Deutschen aufgebrochen ist und über die Vorurteile, Ressentiments, den Nationalismus und die Angstmacherei, die dem Ganzen zugrundeliegen.

Vor einiger Zeit habe ich das im Blick auf die europäische Entwicklung schon einmal in Worte gefasst. Und mich ein paar Tage später von der heute show (ab 44:40) bestens verstanden gefühlt.

Hilfreich fand ich in diesem Zusammenhang auch Philipp Bloms Analyse des autoritären Traums, der sich vom liberalen Denken der Aufklärung verabschiedet. Er…

sieht die Welt in Kollektiven, in Völkern und historischen Gemeinschaften, um deren Reinheit und Fortbestand er besorgt ist. Er spricht von traditionellen Werten und sieht sich verachtet. Er wütet gegen die Dekadenz der liberalen Gesellschaft und "unnatürliche" sexuelle Ausschweifungen. Er sieht Frauen in traditionellen Rollen und achtet Fremde, solange sie in der Fremde bleiben. Sein Verständnis von Kultur ist essentialistisch. Wo er "Kultur" sagt, sprach man vor 80 Jahren noch von "Rasse". Politisch setzt er auf starke Führungspersönlichkeiten. Nennen wir ihn den autoritären Traum. Er hat seinen Ursprung in dem Gefühl, betrogen worden zu sein.

Ziemlich analog zu dieser Polarisierung verläuft in der evangelikalen Welt gerade der Konflikt, der sich an Michael Dieners Interview mit der Welt entzündet. Obwohl Diener gar keine liberalen Positionen vertritt, sondern als Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland lediglich seinen Respekt für Mitchristen ausdrückt, die in der Frage gleichgeschlechtlicher Liebe und Partnerschaft anders denken, wird er zur Zielscheibe antiliberaler Kritik aus der Feder von Ulrich Parzany, die von idea bereitwillig verbreitet wird. Auch hier spricht jemand von traditionellen Werten und fühlt sich verachtet – und jeder, der diejenigen achtet, von denen man sich selbst verachtet fühlt, wird automatisch zur Gefahr: Parzany lässt durchblicken, dass er Diener für eine Art EKD-Irrlehren-Trojaner hält und einen autoritäreren Kurs gegen abweichende Meinungen favorisiert.

the authoritarian mind by fallsroad, on Flickr
"the authoritarian mind" (CC BY-NC-ND 2.0) by fallsroad

Blom trifft diese polemisierende und polarisierende Denkweise recht gut mit der folgenden Formulierung:

Der Vision einer intakten, rechtgläubigen und reinen Gesellschaft stellt der autoritäre Traum ein Bild des orientierungslos hedonistischen Relativismus gegenüber, das Leben in der Geldmaschine, gelenkt von fremden Mächten, ein zügelloses großes Fressen bei dem alles erlaubt ist und nichts etwas bedeutet, ein Leben ohne Ehre und Spiritualität.

Die Gefahr des autoritären Traums ist um so größer, desto unkritischer der liberale Traum gelebt wird. Das geschieht, wenn man Fortschritt und Demokratie für einen Selbstläufer hält, der keinen persönlichen Einsatz erfordert. Es geschieht auch dadurch, dass unsere liberalen Demokratien mit den Plutokraten dieser Welt paktieren – den Großkonzernen, den Wirtschaftseliten und den autokratischen Herrschern. Er nimmt Schaden, wo wir uns nicht mehr als Bürger verstehen und Verantwortung übernehmen, sondern nur noch Konsumenten sind. Überall da, wo wir in Fragen der Freiheit und Gleichheit aller Menschen nicht konsequent am Ball bleiben, sondern halbherzig und nachlässig werden.

Der Traum von den Menschenrechten, sagt Blom, ist ein verwundbarer Traum. Die Alternative – für Deutschland wie für Europa – ist allerdings beklemmend:

Es ist nicht schwer, sich eine nahe Zukunft vorzustellen, in der eine von Zäunen und Mauern umgebende, alternde und zunehmend ängstliche und autoritäre Festung Europa neben einem orthodoxen Großrussland und einem islamischen Kalifat im Nahen Osten lebt. Es wäre ein neues, uraltes Einverständnis zwischen Herrschern und Beherrschten, eine Art Wertegemeinschaft und ein gigantischer kultureller Zusammenbruch.

Solche Verhältnisse zu verhindern ist eine politische und eine spirituelle Aufgabe. Auch wenn es zwischendurch immer mal düster aussieht und wenn Rückschläge nicht nur drohen, sondern eintreten – wir dürfen nicht aufgeben. Parker Palmer schreibt dieses Jahr zum Weihnachtsfest davon, wie riskant es sein kann, wenn Worte Fleisch annehmen:

Oft gibt es eine zermürbende Kluft zwischen den guten Worten, die wir sagen, und dem, wie wir leben. In persönlichen Beziehungen und in der Politik, den Massenmedien, der akademischen Welt und der organisierten Religion neigen unsere guten Worte dazu, in dem Augenblick, wo sie unsere Lippen verlassen, davonzutreiben und sich in eine Höhe aufzuschwingen, wo sie die conditio humana weder widerspiegeln noch berühren.

Wir sehnen uns danach, dass Worte wie Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit Fleisch werden und unter uns wohnen. Aber in unserer gewalttätigen Welt ist es eine riskante Angelegenheit, solche Worte in unser verletzlichen Fleisch zu hüllen, und diese Aussichten gefallen uns nicht.

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bevor Du Dich wunderst, ich weiß schon, dass Du nicht identisch bist mit den Eliten und Bürokratien, die Dich verwalten. Die Dein Wohl mehren sollten, aber oft genug nur ihren eigenen Vorteil und den ihrer Klientel im Sinn haben. Aber dann gibt es Tage, an denen der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein kluges Urteil fällt, und ich bin wieder ein bisschen versöhnt mit Dir.

Aber Du musst Dich wohl wundern, dass hier ein Deutscher schreibt: Aus dem Land der satten Exportüberschüsse, das dem Süden Europas mit seiner Sparwut und herablassenden Lektionen über schwäbische Hausfrauen in soziale Krisen gestürzt hat, die in dieser Schärfe nicht nötig gewesen wären, und das sich zugleich über viele Jahre hinweg einen Dreck darum kümmerte, wie Italien und Griechenland mit Flüchtlingen umgehen. Wir haben keine Hilfe angeboten und uns ab und zu über die (tatsächlich untragbaren) Verhältnisse mokiert. Ach ja, und wir haben die europäischen Umweltnormen für unsere Automobilindustrie zurechtgebogen, die WM 2006 gekauft, und auch wenn es uns ab und zu etwas peinlich ist, wird sind immer noch einer der größten Waffenexporteure der Welt.

Du siehst schon, liebes Europa, ich sollte eigentlich hier aufhören. Aber ich kann nicht. Denn in diesem Jahr haben einige von uns – nicht die Eliten, nicht die Bürokraten (oder wenn welche darunter waren, dann in ihrer Freizeit, als Privatleute) – uns endlich ein Herz gefasst, sind auf die Bahnhöfe in München und anderswo gegangen und haben das getan, was wir schon lange hätten tun müssen: Den Menschen, die zu uns geflohen sind, einen freundlichen Empfang bereitet und für eine möglichst menschenwürdige Aufnahme gesorgt. Und irgendwann hat unsere Kanzlerin das begriffen und gesagt, dass wir das schaffen. Wir wissen nicht, wie lange sie das durchhält. Und auch wenn einige von uns müde und erschöpft sind ab und zu, glauben wir das immer noch. Egal, wie viele Seehofers und Söders das jeden Tag schlechtreden und wie viele Rechte uns dafür beschimpfen oder – rhetorisch wie praktisch – Brände legen.

Italia Dallo Spazio (NASA, International by NASA
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Natürlich ist es verwunderlich, dass wir es auf einmal sind, die (als einzige?) laut sagen, dass „Dublin" nicht funktioniert und auch nie mehr funktionieren wird. Wir haben ja lange davon profitiert, wirst Du sagen. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimme - wir hatten zwar unsere Ruhe, aber es war die schändliche Ruhe des Wegduckens. Und natürlich hat dieser Alleingang alte Wunden aufgerissen und zusätzlich all jene beunruhigt, die noch immer meinen, sie könnten einfach so weiter machen wie bisher, und Europa sei dazu da, genau das zu garantieren.

Ich war, so lange ich denken kann, ein überzeugter Europäer. Aber dieses Jahr frage ich mich zum ersten Mal ernsthaft, ob wir das schaffen.

  • Schaffen wir es, mehr als nur eine Freihandelszone für Geld und Waren zu sein (und steuerbefreiten Großkonzernen mit ihren emsigen Lobbyisten), aber mit Zäunen für Menschen, Herr Cameron?
  • Schaffen wir es, bessere und menschlichere Antworten auf die Herausforderungen des Islamismus und des Terrors zu geben, als nun planlos Bomben irgendwo abzuwerfen (einfach deshalb, weil es sich irgendwie besser anfühlt als nichts zu tun und weil wir wissen, dass wir das ganz gut können), Herr Hollande?
  • Schaffen wir es, uns von einem Nationalismus zu verabschieden, der seit dem 19. Jahrhundert nur Unheil anrichtet, liebe Polen, Ungarn oder Tschechen und Slowaken?
  • Schaffen wir das, liebe „C-Parteien“ und Bürgerliche, wenn es Euch (allem Augenschein zum Trotz) wirklich ernst sein sollte mit dem „C", auf den Papst und den Ökumenischen Rat zu hören, wenn es um die Teilhabe der Armen und der Fremden geht?
  • Schaffen wir alle es, den rechten Scharfmachern und Hasspredigern unaufgeregt, beharrlich und konsequent das Wasser abzugraben?
  • Schaffen wir es, dass die Schere zwischen Arm und Reich, den Chancenlosen und den Privilegierten nicht immer noch weiter aufgeht?

Mir graut vor einem Europa, das sich gewaltsam (anders wird es nicht gehen!) abschottet und nur noch Almosen verteilt. Mir graut vor einem Europa, in dem manche die Bedrohung durch Putin beschwören und dann genau dieselben autoritären und nationalistischen Strukturen etablieren, wie wir sie in Russland sehen. Mir graut vor einem Europa, in dem jeder nur Kumpane für die jeweils eigenen egoistischen Zwecke sucht, ein Europa, das von seinen Ängsten und Albträumen umgetrieben wird, sich nach starken Männern (und blonden Frauen) sehnt und zugleich gnadenlos alles dafür tut, dass die Furcht immer neue Nahrung bekommt.

Das wäre dann nicht mehr mein Europa.

Liebes Europa, Du hast 2011 den Friedensnobelpreis bekommen. Wir dachten (vielleicht hofften wir auch nur), du hättest verstanden, dass damit auch ein moralischer Anspruch verbunden ist, der mit Deinen – unseren! – ureigensten Werten, Träumen und Visionen zu tun hat. Die Quintessenz deines mühsamens Lernens und deiner oft blutigen Geschichte; die Einsicht, dass die Kolonialisierung der Welt mit unzähligen Verbrechen einherging und dass wir uns heute dieser Verantwortung stellen müssen; die Bereitschaft, dass uns (klar, auch uns Deutsche!) das etwas kosten darf: All das schwang doch mit damals, oder?

Wenn es die Frage nach der Mitmenschlichkeit und Offenheit ist, an der Europa nun zu zerbrechen droht, dann weiß ich nicht, was ich mir wünschen sollte. Soll ich hoffen, dass sich alles zum Guten wendet, wenn die Flüchtlingsfreunde ein bisschen einlenken und den „Flüchtlingskritikern" ein bisschen Recht geben – und die Zeit, sich eines Besseren zu besinnen (aber ist das überhaupt eine Frage der Zeit)? Der Riss geht ja längst nicht nur durch die Staaten der EU, sondern auch durch die Bevölkerung aller dieser Staaten. Oder hätten wir mit solchen Kompromissen, die ja wahrlich nichts Neues darstellen, schon fast alles verspielt, was an Europa jemals schützenswert war? Müsste eine Beziehung, die anscheinend auf falschen Prämissen und Erwartungen beruht, vielleicht besser gelöst und noch einmal neu verhandelt werden? Und haben wir gerade jetzt überhaupt die Zeit dazu, dich – uns! – neu zu erfinden?

Ein Europa der Rechten, von UKIP über FN bis PiS und von den Schwedendemokraten bis Fidesz, hätte sich quasi selbst abgeschafft, egal welche Institutionen diese politischen Geisterfahrer überrollen und welche nicht. Doch unabhängig davon, ob der nationale und rassistische Backlash bei uns und in anderen EU-Staaten (und den USA) in nächster Zeit noch weiter zunimmt, wir haben in diesem Jahr etwas Entscheidendes gelernt:

Wenn wir mutig und entschlossen handeln und uns für die Schwachen stark machen, dann können wir auch unsere anderweitig taktierenden Kompromisspolitiker wie Angela Merkel – heute von Time zur Person des Jahres gekürt, warum nur? – zu unerwartet kühnen Schritten in die richtige Richtung verführen und sogar eine zappelnde und zeternde CSU im Stillen gegen jene ureigensten Überzeugungen handeln lassen, die sie nicht laut genug herumposaunen kann. Wollen wir doch mal sehen, ob sich das nicht ausbauen und exportieren lässt, und wo sich überall Verbündete finden. Auch in Sachen Klimaschutz und Energiewende funktioniert es nur so, dass Aktivisten die Regierenden vor sich hertreiben.

Was wir dagegen nicht können und dürfen, ist abwarten. Abwarten, ob noch mehr Menschen auf der Flucht umkommen. Abwarten, ob die etablierten Parteien, die es den Rechten oft so leicht gemacht haben, sie zu diskreditieren, das Gemeinwohl endlich über ihre Wahltaktik und Lieblingsideen stellen. Abwarten, ob wir wahrgenommen, nach unserer Meinung gefragt oder irgendwohin eingeladen werden. Abwarten, ob der rechte Spuk sich wieder verliert. Abwarten, ob der Hass nur den Muslimen gilt oder eben doch auch den Christen, die ein klares Profil zeigen. Letzte Woche habe ich einen Brief von Martin Luther King gelesen. Er enthält einen Aufruf zum Handeln, an den ich in diesen Tagen immer wieder erinnert wurde:

Ich glaube allmählich, dass die Menschen bösen Willens ihre Zeit wesentlich nützlicher verwendet haben als die Menschen guten Willens. Unsere Generation wird eines Tages nicht nur die ätzenden Worte und schlimmen Taten der schlechten Menschen zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der guten. Wir müssen erkennen lernen, dass menschlicher Fortschritt niemals auf den Rädern des Unvermeidlichen heranrollt. Er ist das Ergebnis unermüdlicher Bemühungen und beharrlichen Einsatzes von Menschen, die bereit sind, Mitarbeiter Gottes zu sein. Ohne solche Anstrengungen wird die Zeit zum Verbündeten der Kräfte des sozialen Stillstandes.

Liebes Europa, das hat King vor 50 Jahren geschrieben und sein Kampf ist heute noch nicht endgültig gewonnen. Aber auch wenn es 50 Jahre oder länger dauert, diesen Kampf zu gewinnen, werden wir Dir keine Ruhe mehr lassen.

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In „Die gnadenlose Liebe“ erzählt Slavoj Žižek die Geschichte von einer Frau, deren Mann früh verstarb. Sie blieb nach dem Verlust ganz ruhig und zeigte keinerlei Anzeichen von Trauer oder einer Krise. Als aber ein paar Monate später auch der Hund starb, kam es zum Zusammenbruch. Zizek erzählt die Geschichte als Beispiel für die psychologische Funktionsweise eines Fetisch. Der Fetisch macht es möglich, nach einem schweren Verlust die Normalität aufrecht zu erhalten. Sein Vorhandensein verdeckt die entstandene Lücke so, dass sie keine Rolle mehr spielt.

Als ich die Reaktionen auf Helmut Schmidts Tod las, habe ich mich wieder an die Geschichte erinnert. Irgendwie war die alte, heile, aus Tugenden und Wirtschaftswunder geborene, familiär und übersichtlich anmutende Bundesrepublik in seiner Person immer noch präsent. Dass er sich treu blieb und seine Gewohnheiten (bei anderen Menschen wären es Macken und Marotten gewesen) so unbekümmert zelebrierte, verstärkte diesen Eindruck.

Former Bundeskanzler Helmut Schmidt by Hardo, on Flickr
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Mit dem anderen Helmut begann, auch wenn das im Grunde gar nicht zu ihm passte, der Wandel zur Unübersichtlichkeit. Dieser hat sich, begünstigt vom neoliberalen Zeitgeist, seither ausgeweitet und beschleunigt und uns allerhand neue Risiken beschert. Krisen sind nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Der Optimismus, dass die Entwicklung kontinuierlich (und mehr oder weniger von selbst, ohne unser Zutun) hin zu mehr Frieden und Wohlstand verlaufen würde, ist dahin. Das Vertrauen in die Eliten ist (unter deren tatkräftiger Mitwirkung) zusammengebrochen.

Eigentlich ist uns das alles längst bewusst. Und jetzt, wo Helmut Schmidt als Stimme der Vernunft und Normalität verstummt ist, ist niemand mehr da, der sein Erbe antritt. Uns fehlt plötzlich der vertraute Märchenonkel, der uns abschirmt gegen die harte Wirklichkeit. Er kann uns keine Gutenachtgeschichten mehr vorlesen, die gegen die Albträume helfen, weil in ihnen am Ende alle glücklich werden. Wenn wir jetzt schlafen gehen, scheint kein Licht mehr durch den Türspalt.

Wenn es eine angemessene Reaktion auf seinen Tod gibt, dann die, dass wir uns unseren Ängsten stellen – die begründeten ernst nehmen und die unbegründeten hinter uns lassen – und dann den Mut aufbringen, für eine bessere Welt zu kämpfen. Vielleicht schneiden wir uns dabei eine Scheibe von seiner Sturheit ab.

Schaffen wir das?

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Neulich beim Autofahren lief im Radio „Herz über Kopf“. Es geht um eine Beziehung, in der anscheinend nichts mehr funktioniert, aber in der beide Partner sich nicht von einander losreißen können: "Der Zug ist abgefahr'n, die Zeit verschenkt. Fühlt sich so richtig an, doch ist so falsch“.

So weit, so melodramatisch. Steht Verstand gegen Gefühl, verliert eben der Verstand. Oder?

Dasselbe Motiv spielt gerade eine große Rolle in der Politik. Da melden sich selbsterklärte „Stimmen der Vernunft“ zu Wort und halten den anderen, allen voran der Bundeskanzlerin, ihre Gefühlsduselei in der Flüchtlingsfrage vor, mit der sie schweren Schaden anrichtet, und der Hinweis auf das Gewissen wird dann, je nach Bedarf und Couleur, als moralischer Imperialismus, Gutmenschentum, verkappter Egoismus, und Verrat am Volk gewertet. Kopf über Herz, so möchten sich diese Kritiker verstanden wissen.

Beidesmal stimmt die Entgegensetzung aber nicht.

Jemand, der aus Angst, Gewohnheit oder Phantasielosigkeit an einer intimen Beziehung festhält, die ihm nicht gut tut, handelt durchaus rational, wenn auch in einem reduzierten und für Außenstehende befremdlichen Sinn. Und zugleich hört er meist auch nicht genug auf das Herz, das durchaus in der Lage ist, zu erkennen, wann eine Beziehung toxisch geworden ist. Er denkt und fühlt aber nicht weiter als bis zur nächsten kurzfristigen Wiederkehr des Vertrauten – Kater eingeschlossen. Bei einer endgültigen Trennung wäre man ja selbst verantwortlich für das eigene Unglück. Es stimmt also weder im Herzen noch im Kopf.

 

Wer sich für Solidarität mit Flüchtlingen einsetzt, wer das Asylrecht und die Menschenrechte für nicht verhandelbar hält, wer sich hier kategorisch in der Pflicht und unbedingt gefordert sieht, zu helfen und sich einzusetzen (praktisch wie politisch), handelt keineswegs unvernünftig. Er folgt nur nicht der berechnenden, kühl kalkulierenden und konkurrierenden Vernunft derer, die sich das Elend dieser Welt (das sie aktiv und passiv mit verschuldet haben) so weit wie möglich vom Leib halten wollen, etwa mit so realitätsverzerrenden Parolen wie: "Wir können schließlich nicht die ganze Welt retten.“

Vielmehr folgt er oder sie der empathischen Vernunft, die sich mit dem Leid anderer identifiziert, die die eigene Verantwortung und Zuständigkeit nicht nach Gusto, und mit dieser emphatischen Vernunft verbindet sich ein Rechtsverständnis, für das Grund- und Menschenrechte nicht unter Finanzierungsvorbehalt stehen. Eine Vernunft, die weit genug blickt, um zu erkennen, dass jeder Verzicht auf Mitmenschlichkeit auch bei uns selbst langfristig irreparablen Schaden anrichtet.

Die berechnende Vernunft derer, die nach Zäunen, Truppen und Kontrollen rufen, die die Risiken (freilich geht es nicht ohne Risiko) grell und die Hoffnung blass zeichnet, ist aber auch in einer anderen Hinsicht der Haltung ähnlich, die in „Herz über Kopf“ anklingt: Sie hält an dem ungesunden Verhältnis fest, in dem wir Deutschen und Europäer uns gegenüber dem Rest der Welt befinden – unsere seit Generationen bestehende, dauerhafte Mitverantwortung für Armut und politisch-religiösen Extremismus in Afrika, Syrien, dem Irak oder Afghanistan – als wäre es etwas unverrückbar Schicksalhaftes, und die hätschelt die eigenen Verlustängste, indem sie die Weigerung zu Teilen, zu Verzicht und zur Anpassung des eigenen Lebensstils an veränderte globale und lokale Verhältnisse als eine besonders erhabene Form von Verantwortung verkleidet.

Der eine hat Angst, sich aus einer ungesunden Symbiose zu lösen, weil er dann irgendwie nicht mehr er selbst wäre. Auch sein Kopf versagt vor der Aufgabe, einen neuen Lebensentwurf zu erschaffen. Die anderen schüren die Panik, dass wir nicht mehr wir selbst sein könnten, wenn wir "alles Elend dieser Welt" über unsere Grenzen „schwappen" lassen und erwecken den irrigen Eindruck, es gäbe einen Weg zurück zum Business as Usual. Auch hier ist ein neuer Lebensentwurf unausweichlich. In der Charta der Menschenrechte steht nichts von einem Anspruch darauf, von Veränderungen verschont zu bleiben. Und in der Bibel schon gleich gar nicht.

Der Zug zurück in heile (weil vergangene) Welten "ist abgefahrn". Je eher wir das begreifen und uns der Herausforderung an unsere denkendes Herz (um es mit Etty Hillesum zu sagen) stellen, desto eher schwindet die Angst und mit ihr die Macht derer, die sie für eigene Zwecke ausbeuten.

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Man weiß ja nie, was noch alles kommt, aber so, wie es momentan aussieht, ist die Flüchtlingsfrage die größte politische Herausforderung dieses Jahrzehnts, für Deutschland wie für Europa – und die größte geistliche Herausforderung für uns Christen.

Die letzen Wochen waren eine Sternstunde der Zivilgesellschaft, die eine zögernde, planlose und widerwillig agierende Bundesregierung (verkörpert durch den Innenminister) vor sich hergetrieben hat. Dessen „Lösungen“, angefangen vom Beharren auf den Dublin-Verträgen, die die Probleme auf Italien und Griechenland abwälzten, bis hin zum kopflosen Hin und Her, was die Seenotrettung im Mittelmeer angeht, haben samt und sonders versagt und dazu beigetragen, dass sich auch in den anderen europäischen Ländern die Illusion verbreitet hat, man könne sich abschotten. Der Bund deutscher Kriminalbeamter fasste das Versagen jüngst so zusammen:

Hätten sich unsere verantwortlichen Politiker auf EU- und Bundesebene nicht diesen Erkenntnissen nach dem Prinzip der drei Affen (nichts hören, nichts sehen, nichts sagen) verschlossen, hätten wir uns auf die Situation ganz anders einstellen können. Wir hätten heute keine überquellenden Züge und Bahnhöfe und überforderte Länder, Städte und Kommunen gehabt, die nicht wissen, wie sie der Lage noch Herr bleiben können. Wir hätten fast 5 Jahre Zeit gehabt, uns auf die kommenden Herausforderungen einzustellen. Wir hätten Aufnahmeeinrichtungen in ausreichender Anzahl aufbauen und die notwendige Logistik bereitstellen können. Wir hätten die Flüchtlinge menschenwürdig in ihre Unterkünfte transportieren und unterbringen können. Haben wir aber nicht.

Syrian Refugees by FreedomHouse, on Flickr
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Das muss nun mühsam korrigiert werden, ebenso wie die Versäumnisse dabei, sich rechtzeitig auf den Andrang derer einzustellen, die vor Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat fliehen mussten. Erstaunlicher- und erfreulicherweise hat sich die Kanzlerin hier nun klar positioniert, zuletzt gestern, als sie klarstellte:  "Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

Ein paar wundersame Schwarze hingegen preisen sich stolz als die Stimme der Vernunft an, weil vermeintlich naive Idealisten vor ihrer eigenen kopflosen Hilfsbereitschaft gerettet werden, indem an der Grenze zu Österreich wieder kontrolliert wird. Das alles sind offensichtlich Scheingefechte. Konkret anzubieten haben die Advokaten der Abschottung nur Parolen und bürokratische Konzepte, die schon versagt haben. In dieser Situation reißt sogar bayerischen Katholiken der Geduldsfaden: Der Fürther Dekan Hermany hat die Einladung von Viktor Orban zur CSU nach Kloster Banz nächste Woche scharf kritisiert. Orban schürt in Ungarn seit Jahren Fremdenfeindlichkeit und schränkt die Bürgerrechte massiv ein.

Bleiben wir kurz in der katholischen Welt: Paul M. Zulehner hat in einem äußerst lesenswerten Vortrag zum Umbau der Kirchen in dieser Krisenzeit jüngst auf Jesus und das Evangelium vom Reich Gottes, die Rede vom kosmischen Christus und das Pfingstereignis hingewiesen, und folgert dann:

Die Sorgen der Kirche um das Heil ihrer Mitglieder sowie um die ihr ständig abgeforderte Reform an Haupt und Gliedern, werden nicht belanglos, rücken aber in den Hintergrund. Im Mittelpunkt steht nunmehr die Sorge Gottes um seine eine Welt. […] Das relativiert die Kirche hin auf die mit der Weltgeschichte idente Heilsgeschichte, weitet also ihren Horizont soteriologisch enorm. Wesentlich ist für diese Überlegungen, dass die Menschheit bei allen Unterschieden der Kulturen und Personen als eine gesehen wird. Weil nur ein Gott ist, ist jede eine, ist jeder einer von uns. Also ist auch Aylan, das tote Kind am Strand von Kos, einer von uns.

Die leitenden Geistlichen der Evangelischen Landeskirchen haben diese Woche erfreulich eindeutig festgestellt:

Gott liebt alle seine Geschöpfe und will ihnen Nahrung, Auskommen und Wohnung auf dieser Erde geben. Wir sehen mit Sorge, dass diese guten Gaben Gottes Millionen von Menschen verwehrt sind. Hunger, Verfolgung und Gewalt bedrücken sie. Viele von ihnen befinden sich auf der Flucht. So stehen sie auch vor den Toren Europas und Deutschlands. Sie willkommen zu heißen, aufzunehmen und ihnen das zukommen zu lassen, was Gott allen Menschen zugedacht hat, ist ein Gebot der Humanität und für uns ein Gebot christlicher Verantwortung.

Auch wenn nur ein Teil der Helfer, die in Wien, München und an vielen anderen Orten sich spontan organisiert haben, um die Versäumnisse der Politik zu beheben und Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, sich explizit als Christen versteht, scheint es mir angemessen, diese Welle der Nächstenliebe als ein Werk Gottes zu verstehen – so wie vor allem das rechtskonservative Christentum, das mit muslimischen Neuankömmlingen noch heftig fremdelt, demnächst wieder die deutsche Einheit als ein solches Werk feiert.

Mir kam heute ein uralter Song von Keith Green in den Sinn, der in diesem Zusammenhang ganz aktuell klingt. Vieles, was Green in seiner Konzentration auf Seelenrettung eher metaphorisch formulierte, ist inzwischen ganz konkret:

Do you see, do you see all the people sinking down?
Don't you care, don't you care are you gonna let them drown?
How can you be so numb not to care if they come?
You close your eyes and pretend the job's done

Ein Volltreffer auch der Verweis auf Matthäus 25, ich nenn’ das einfach mal prophetisch:

… He brings people to you door
And you turn them away as you smile and say
God bless you, be at peace and all heaven just weeps
'Cause Jesus came to you door you've left Him out in the street

Die Frage ist also, ob wir Gott bei diesem Werk tatenlos oder mürrisch zusehen, oder uns dieser Bewegung anschließen. Der Kampf um ein offenes, barmherziges und fremdenfreundliches Europa, die Auseinandersetzung mit unseren Anteilen an den Kriegen, vor denen die Menschen fliehen (Spätfolgen des Kolonialismus, deutsche/europäische Waffenexporte, der Kuschelkurs mit den reichen Ölstaaten auf der arabischen Halbinsel, die den IS und andere Terrorgruppen fördern), die dringen nötige psychologische Unterstützung für traumatisierte Menschen und das Ringen um gute Integration und dauerhaften sozialen Frieden wird noch viel Zeit und Kraft kosten. Und die globalen Flüchtlingsströme werden mit fortschreitendem Klimawandel und dessen soziopolitischen Folgen dauerhaft eher noch ansteigen als nachlassen.

Bei Richard Beck habe ich neulich das folgende Zitat von Thomas Merton gefunden. Es motiviert und entlastet zugleich, und beides ist nötig:

Du bist nicht groß genug, um das gesamte Zeitalter wirksam anzuklagen, aber sagen wir einfach: Du befindest dich im Widerspruch. Du hast keine Position, aus der heraus man Befehle erteilen kann, aber du kannst Worte der Hoffnung sprechen. Soll das die Substanz deiner Botschaft sein? Sei menschlich in dieser unmenschlichsten Zeit von allen; bewahre das Bild des Menschen, denn es ist das Bild Gottes.

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Meine Ferienlektüre hat mich von dem orthodoxen Theologen David Bentley Hart zum serbischen Polit-Aktivisten Srdja Popovic geführt. Vielleicht erklärt das, warum ich über einen Absatz bei Popovic noch mehr gestolpert als sonst vielleicht (gut, man kann nur stolpern oder nicht – aber es hat mich eben um so länger beschäftigt).

Popovic steht wie alle Aktivisten immer wieder vor dem Problem, dass man gegen die erdrückende Übermacht eines Systems steht und darüber zu resignieren droht. Da er kein religiöser Mensch ist, behilft er sich mit Tolkiens "Herr der Ringe", der wie eine Art "heilige Schrift" für ihn ist:

Ich hatte immer einen kleinen Tolkien-Schrein in meinem Zimmer, und selbst in den dunkelsten Stunden unserer Proteste, in denen Milosevic und der Irrsinn der "ethnischen Säuberungen" alles zu beherrschen schien, griff ich zu meinem zerlesenen Exemplar von Tolkiens Buch und fand Zuversicht in dessen Seiten. In meiner Lieblingsszene sagt die Elbenfürstin Galadriel zum Hobbit Frodo: "Selbst der Kleinste vermag den Lauf des Schicksals zu verändern." (Protest! S. 26f.)

Popovic macht sich Mut, indem er einen populären Mythos bemüht. Später im Buch verweist er darauf und nennt Tolkiens Fiktion ganz naiv den "größten gewaltlosen Kampf der Geschichte". Vielleicht ist das ja ein Übersetzungsfehler. Wenn nicht, dann ist es eine erstaunliche Aussage: Popovic tut buchstäblich so, als wäre Tolkiens Epos historische Wirklichkeit – und zwar eine maßgebliche, an der man sich orientieren und ausrichten kann und soll, weil sie eine moralische Wahrheit über diese Welt enthält: Den Sieg des Guten über das Böse, die erstaunliche Macht der Schwachen, die Bedeutung des Glaubens gegen allen Augenschein, und gerade in den düstersten Momenten diese Aura des Übernatürlichen, dem dieser Glaube gilt (wenn mal wieder die Adler heranfliegen – die Symbolik spricht ja Bände).

 

Denn die "natürliche" Welt – und jetzt bin ich wieder bei Hart –, insofern sie aus materiellen  Prozessen und kontingenten Entitäten besteht, die ohne Bezug auf irgendeine Transzendenz existieren, gibt eine solche Hoffnung einfach nicht her. Sie erlaubt keine Vorstellung von Geschichte als einem irgendwie zielgerichteten Geschehen – bei Tolkien deutet sich das Moment einer Vorsehung an vielen Stellen an. Ein materialistisches Weltbild gibt schließlich auch keine Begründung von Wahrheit, Schönheit und Güte her, die über soziale Konstruktion oder subjektive Intuition hinausreicht.

Freilich ist es völlig legitim, sich mit Tolkien zu motivieren. Popovic ist Aktivist, kein Philosoph (er erläutert seine Vorstellungen von Welt und Wirklichkeit auch nicht näher), und so lange er für seinen Einsatz irgendeinen Grund findet, ist das zu begrüßen. Ich kann auch verstehen, dass die Geschichte der europäischen Christenheit nicht immer den  Eindruck erweckt hat, dass hier jemand an gewaltlosen Veränderungen zum Nutzen aller interessiert ist.

Ich glaube nur, mir wäre es wichtig, dass die Sache, für die ich mein Leben einsetze (und das tut Popovic, vorbildlicher, engagierter und gläubiger als viele religiöse Menschen) einen tieferen Grund hat. Im Übrigen wäre Jesus – rein historisch betrachtet, Gandhi fand das ja auch – gar kein schlechtes Vorbild für gewaltfreien, kreativen und mutigen Protest. Und wenn man dann noch fragt, was Jesus angetrieben und zu diesem verblüffenden Paradigmenwechsel zur Feindesliebe hin motiviert hat, dann käme am Ende beides doch noch zusammen.

Wenn man schon an Gandalf und Galadriel glauben kann (in dem Sinne, dass ihre Geschichte die Wahrheit über mein Leben und diese Welt aussagt), dann kann man genauso gut, wenn nicht besser, an das Evangelium glauben. Die erstgenannte Geschichte ist nachweislich und unzweifelhaft erfunden. Und sie ist bekanntlich inspiriert von letzterer, die nicht irgendwo in Mittelerde, sondern im realen Krisenherd Nahen Osten stattgefunden hat. Tolkien selbst hat im Gespräch mit C.S. Lewis die Position vertreten, das Evangelium sei Mythos und historische Wahrheit zugleich.

Zur Wahrheit gehört leider auch, dass es noch viel einfacher wäre, das zu glauben, wenn nicht viele Christen aus dem Evangelium eine Geschichte über private Erlösung und/oder eskapistische Jenseitsphantasien gemacht hätten und sie zur persönlichen Bereicherung oder zur Legitimierung von Macht, Gewalt und Unterdrückung missbraucht hätten.

Popovic schließt sein Buch übrigens mit dem berühmten Satz von Martin Luther King, dass der Bogen der Geschichte sich zur Gerechtigkeit hin neigt, und hofft, King möge Recht behalten. Da ist er wieder, der Glaube.

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Unter der treffenden Überschrift "Selbstzufriedene Unmündigkeit" betrachtet Felix Stephan für Zeit Online zwei Autorinnen aus China und fragt, warum dort eigentlich kaum jemand gegen die autoritäre Regierung aufbegehrt. Wirklich bemerkenswert daran sind nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten mit dem Westen:

Von Chinesen höre man oft, dass ein Einzelner nichts ändern könne und dass das hier eben das Leben sei, mit dem man irgendwie zurechtkommen müsse. Dem Einzelnen bleibe nur, das Beste aus der eigenen Hilflosigkeit zu machen, also zu reisen und in der Galerie Lafayette Haussmann einkaufen zu gehen. Die persönlichen Freiheiten überwiegen die politischen.

Stephan zitiert Guo Xiaolu, die in Zürich lebt, mit den Worten

Früher hatten Kunst und Literatur einen sehr viel größeren Einfluss auf die Politik, aber heute leben wir in einer globalen Konsumkultur, in der kommerzielle Werte die Richtung der Politik vorgeben."

Die Fragestellung des Artikels ähnelt der von Walter Wink in seiner Powers-Trilogie:

Wie ist es möglich, dass buchstäblich Milliarden von Menschen es zulassen, hereingelegt und abgezockt zu werden von kleinen elitären Zirkeln, die sich auf Armeen stützen, die bei weitem nicht ausreichen um die Weltbevölkerung zu unterdrücken? Das ist wohl das größte politische Mysterium aller Zeiten: das regelmäßige Versagen der Massen, ihre zahlenmäßige Überlegenheit auszunutzen, um ihre Unterdrücker abzuschütteln.

Wink hat in seiner theologischen Deutung der paulinischen Rede von "Mächten und Gewalten" herausgearbeitet, wie wirtschaftliche Strukturen und gesellschaftliche Institutionen Menschen dazu bewegen, sich aus freien Stücken in den Dienst derselben zu stellen, und warum den Betroffenen Widerstand oder ein Bemühen um Veränderung aussichts- und sinnlos erscheint.

Diese Beobachtungen decken sich an entscheidenden Stellen mit dem, was Byung-Chul Han in Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken schreibt. Es ist immer weniger äußerer Zwang nötig, um Menschen zur Konformität zu bewegen. Im Unterschied zu Deleuze und Foucault, die nach den Funktionsweisen der Disziplinargesellschaft fragten, sieht er in der Leistungs- und Konsumgesellschaft neoliberaler Prägung viel subtilere Formen der Macht und Ausbeutung am Werk.

Die Machttechnik des neoliberalen Regimes nimmt eine subtile Form an. Es bemächtigt sich nicht direkt des Individuums. Vielmehr sorgt es dafür, dass das Individuum von sich aus auf sich selbst so einwirkt, dass es den Herrschaftszusammenhang in sich abbildet, wobei es ihn als Freiheit interpretiert. Selbstoptimierung und Unterwerfung, Freiheit und Ausbeutung fallen hier in eins.

Das neue globale Machtgefüge beeinflusst auch die Einstellung zu politischen Fragen. Wahlbeteiligungen sinken stetig. Die Mentalität wandelt sich in eben jene Richtung auf die selbstgefällige Unmündigkeit:

Die Freiheit des Bürgers weicht der Passivität des Konsumenten. Der Wähler als Konsument hat heute kein wirkliches Interesse an der Politik, an der aktiven Gestaltung der Gemeinschaft.  Er ist weder gewillt noch fähig zum gemeinsamen, politischen Handeln. Er reagiert nur passiv auf die Politik, indem er nörgelt, sich beschwert, genauso wie der Konsument gegenüber den Waren oder Dienstleistungen, die ihm nicht gefallen.

Es ist in dieser Situation schon gar nicht mehr klar, gegen wen man in dieser Situation eigentlich aufbegehren sollte. Big Data weiß vermutlich mehr über uns als staatliche Geheimdienste, und diese informationen haben die Unternehmen von uns allen freiwillig ausgehändigt (bzw. ausgehandygt) bekommen. Damit ist auch die theologische Aufgabe für eine Art "Befreiungstheologie des Konsumzeitalters" formuliert: Die klassischen Strategien der großen Bürgerrechtsbegewegungen des 20. Jahrhunderts setzen voraus, dass Unterdrücker klar benannt werden können und man mit dem Finger auf die Zwänge zeigen kann. Das wird immer schwieriger.

Wink hat ganz zu Recht stets betont, dass diese Mächte eine sichtbare und eine unsichtbare Seite haben. Er hat herausgearbeitet, dass uns Paulus keine metaphysische Theorie an die Hand gibt, sondern eine Sprache schenkt, in der bestimmte Erfahrungen überhaupt thematisiert und gedeutet werden können. In der fluiden Moderne aber tritt das Sichtbare und Materielle zunehmend zurück (wir konsumieren Emotionen, die nur noch locker an bestimmte Produkte geknüpft sind, von denen viele digital und damit weitgehend immateriell sind). Wenn uns für diese neuen unsichtbaren Unfreiheiten der Blick und die Worte fehlen, droht eben jene Unmündigkeit, von der Stephan schreibt.

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Den folgenden Text habe ich für den Lorenzer Kommentargottesdienst gestern geschrieben. Das Thema hat mich ja verschiedentlich hier schon beschäftigt, dies ist die momentane Quintessenz meiner Überlegungen. Die Diskussion verlief erwartungsgemäß kontrovers. 

„Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Dieser Satz könnte sich in diesen Tagen wieder einmal bewahrheiten – nicht überall auf der Welt, aber in den meisten westlichen Ländern. Familie, das wissen wir alle schon länger (auch wenn die Bewertungen dieses Sachverhalts unterschiedlich ausfallen), ist im 21. Jahrhundert nicht mehr nur das klassische Vater-Mutter-1,2 Kinder-Arrangement. Ein ähnlicher Wandel bahnt sich nun im Verständnis der Ehe an:

Am 22. Mai dieses Jahres sprachen sich fast zwei Drittel der überwiegend katholischen Iren per Volksentscheid für die Einführung der „Ehe für Alle“ aus. Am 26. Juni entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass gleichgeschlechtlichen Paaren nirgendwo im Land die Eheschließung verwehrt werden darf. Richter Anthony Kennedy – ein Konservativer aus einer irisch-katholischen Familie – begründete das Urteil so:

Kein Bund ist tiefgründiger als die Ehe. Er vereint in sich die höchsten Ideale der Liebe, Treue, Hingabe, Aufopferung und Familie. Indem sie die Ehe eingehen, werden zwei Menschen zu etwas Größerem als zuvor. Wie manche Kläger uns zeigen, verkörpert die Ehe eine Liebe, die so groß ist, dass sie sogar den Tod überdauert. Anzunehmen, dass diese Männer und Frauen die Idee der Ehe nicht respektieren, würde ihnen nicht gerecht. Sie respektieren sie, sie respektieren sie so sehr, dass sie diese Erfüllung für sich selbst wünschen. Ihre Hoffnung ist, dass sie nicht dazu verdammt sind, in Einsamkeit zu leben, ausgeschlossen von einer der ältesten Institutionen der Zivilisation. Sie erbitten sich die gleiche Würde vor dem Gesetz. Die Verfassung garantiert ihnen dieses Recht.

In Deutschland scheitert eine vergleichbare Regelung bekanntlich noch am Bauchgefühl von Kanzlerin Angela Merkel. Aber die große Resonanz auf die Entscheidungen in Irland und den USA lässt ahnen, dass sich die „Ehe für alle“ auch bei uns bald durchsetzt. Hier wie dort gibt es freilich beachtliche Minderheiten, bei denen diese Neudefinition schwere Bauchschmerzen verursacht. Unter ihnen sind auch viele sehr religiöse Menschen. Zugleich fällt auf, dass die Differenzen nicht nur durch unterschiedliche soziale Milieus bedingt sind, sondern auch mit dem Alter zu tun haben. Viele meiner konservativen Bekannten räumen im persönlichen Gespräch ein, dass ihre Kinder völlig anders denken als sie selbst.

Aber es wäre zu einfach, diese Diskussion auf simple Gegensätze wir konservativ und progressiv, evangelikal und liberal, bibeltreu und zeitgeistaffin oder jung und alt zu reduzieren. Viele von uns sind groß geworden mit einem mal mehr, mal weniger modernisierten Bild der christlichen Familie, in der die „Ehe von Mann und Frau als gute Gabe Gottes“ gilt (so sagt es die lutherische Trauagende) und Kinder als der sichtbare Segen des Ehestandes (so haben wir es gesungen). Solche Texte sind die kulturelle Brille, durch die wir die Schrift lesen und auslegen.

Seit die Aufklärung den – wie sie fand: potenziell intoleranten – Glauben sanft in die Privatsphäre abgedrängt hatte, seit jeder preußische Untertan nach seiner Façon selig zu werden hatte (aber bitte ohne sich in die Politik einzumischen), entdeckte die Kirche die Förderung und Besserung der Familie als Aufgabenfeld. Gefallene Mädchen, unverheiratete Töchter, Witwen und Waisen sowieso, trinkende Väter oder Mütter, deren Genesung Not tut. In Ermangelung anderer Gottesbeweise füllte die glückliche – oder zumindest anständige und um Besserung bemühte – Familie diese Lücke. Die Kirchen waren bei Trauung, Geburt und Taufe präsent und betrachteten diese Art der Familienpflege als Kernkompetenz. Singles und Geschiedene hielt die kerngemeindliche Familienseligkeit mancherorts auf Distanz. Und im evangelischen Pfarrhaus als Mittelpunkt der Gemeinde wurde das christlich-bürgerliche Familienideal modellhaft vorgelebt.

Eher vereinzelt und leise erinnerten evangelische Theologen daran, dass Jesus und Paulus unverheiratet waren und die höchste Bestimmung des Menschen nicht in der Rolle als Eltern und Ehepartner sahen, sondern im Trachten nach dem Reich Gottes. Immer wieder wurde hingegen das Gegenüber von Mann und Frau aus der Schöpfungsgeschichte auf Gott projiziert. Das eigentliche Ebenbild Gottes ist aus dieser Perspektive nicht der einzelne Mensch oder die Menschheit insgesamt, sondern Mann und Frau, das heterosexuelle Ehepaar, die einander in ihrer Unterschiedlichkeit annehmen, lieben und ergänzen. Diese Konstruktion des Geschlechterverhältnisses war insofern sympathisch, als sie die traditionelle Unterordnung der Frau unter den Mann aufweichte. Der Preis war eine theologische Überhöhung dieser geschlechtlichen Polarität zu einer absoluten, Gott- und naturgegebenen „Schöpfungsordnung“, die als das Fundament von Kirche und Gesellschaft unbedingt zu verteidigen ist.

In fast jedem öffentlichen Gebäude erinnern uns die Toiletten daran, dass Menschen – zumindest für Architekten und Bürokraten – entweder als Frauen oder als Männer existieren. Was – und vor allem wer – sich nicht in dieses binäre Entweder/Oder fügt, gilt unwillkürlich als schräg, stur oder neurotisch. Legt man aber diese kulturbedingte „heteronormative“ Brille ab, ergibt sich ein komplexeres Bild: „Männlich“ und „weiblich“ sind keine transzendentalen Kategorien und keineswegs immer exklusiv auf einander bezogen: Ein „Mann“ ist nicht dadurch definiert, dass ihm alles vermeintlich Weibliche fehlt (und umgekehrt), und das Begehren richtet sich ebenfalls nicht ausschließlich auf das „ganz andere“. Versuche, geschlechtliche Uneindeutigkeiten zu ignorieren oder sie durch medizinische Eingriffe verschwinden zu lassen, haben immenses Leid verursacht. Wenn also „normal“ nicht nur einen statistischen Durchschnitt, sondern einen anzustrebenden Zustand bezeichnet, dann muss die Norm hier neu definiert werden. Das ist anstrengend und schmerzhaft.

Normen und Bauchgefühle - der gesellschaftliche Kontext dieser Diskussion ist der Bedeutungsverlust der oft sehr kirchlich gesinnten "bürgerlichen Mitte“ in Deutschland. Der Jesuit Eckhart Bieger schreibt dazu treffend:

„Die Bürgerliche Mitte entwickelt eine eigene Mentalität, einfach deshalb, weil alle anderen Lebenswelten in einem Abstand zur Mitte leben. Deshalb fühlen sich die Bewohner der Mitte als die Normalbürger. Sie müssen nicht darüber nachdenken, sondern sie erleben alle an anderen Milieus als abweichend von der Mitte […] Sie erwarten, dass andere sich ihnen anpassen.“

Nun könnte man die Bemühungen um die Ehe für alle ja durchaus so verstehen, dass hier Ideale der bürgerlichen Mitte in andere Milieus ausstrahlen. Aber diesem droht der Verlust eines identitätsstiftenden Alleinstellungsmerkmals, wenn das Andere „normal“ sein darf. Dieser „Werteverfall“ wird als Kränkung und Herabsetzung erlebt: Die „Ehe für alle“ relativiert das bisherige Eheideal, und diese Relativierung ist eine gefühlte Beschädigung - auch der eigenen Person und Lebensgeschichte.

Im Gegensatz zum bürgerlich-neuzeitlichen Eheideal sind die biblischen Aussagen zur Ehe erstaunlich vielschichtig und unsystematisch. Die Vielehe etwa tritt stillschweigend zurück, wird aber nirgends ausdrücklich für abgeschafft erklärt. Eine Definition im engeren Sinn fehlt.

Dass der Versuch, die unterschiedlichen Positionen zur Ehe für alle auf den Konflikt zwischen Bibeltreuen und Bibelverächtern zu reduzieren, nicht aufgeht, lässt sich an eben jenen Texten aus der biblischen Urgeschichte zeigen, die immer wieder zur Begründung einer nicht verhandelbaren „Schöpfungsordnung“ herangezogen wurden.

Wir haben in Genesis 1 und 2 zwei unterschiedliche Erzählungen. Dass sie hintereinander stehen, hat zu dem Fehlschluss Anlass gegeben, die zweite Geschichte baue auf die erste auf und erzähle sie weiter, und in Folge dessen hat man (ähnlich wie das klassische Krippenspiel es mit den Geburtsgeschichten von Matthäus und Lukas macht) die einzelnen Aussagen munter vermischt.

In Genesis 1 lesen wir von der Gattung Mensch und nicht von einzelnen Exemplaren:

Gott sprach: Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis! Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels, das Getier, die Erde all, und alles Gerege, das auf Erden sich regt.
Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich, weiblich schuf er sie.
Gott segnete sie, Gott sprach zu ihnen: Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer! Schaltet über das Fischvolk des Meers, den Vogel des Himmels und alles Lebendige, das auf Erden sich regt!

Es ist hier mit keinem Wort gesagt, dass es im Anfang nur zwei Menschen gab, so wie es auch von den Tieren nicht vorausgesetzt ist, dass im Urzustand (ähnlich wie auf der Arche Noah) nur je ein Paar vorhanden war. Hätten wir die zweite Geschichte nicht immer schon im Ohr und im Hinterkopf, wären wir aufgrund dieses Textes vermutlich nie auf eine solche Idee gekommen. Die Menschen sollen sich vermehren, ebenso wie die Erde ihrerseits Tiere und Pflanzen hervorbringt. Über das, was wir unter Ehe verstehen, ist damit noch gar nichts ausgesagt, sogar die Substantive „Mann" und „Frau“ fehlen.

Umgekehrt fehlt der Gedanke der Fortpflanzung nun in der zweiten Schöpfungserzählung. Hier deuten sich leise Elemente eines biblischen Eheverständnisses an, wenn am Ende einer langen Reihe inkompatibler Lebewesen die „Männin" – so übersetzte Martin Luther – erscheint. Zunächst aber ist der Mann ganz allein im Garten:

ER, Gott, sprach: Nicht gut ist, dass der Mensch allein sei, ich will ihm eine Hilfe machen, ihm Gegenpart.
ER, Gott, bildete aus dem Acker alles Lebendige des Feldes und allen Vogel des Himmels und brachte sie zum Menschen […] Aber für einen Menschen erfand sich keine Hilfe, ihm Gegenpart.
ER senkte auf den Menschen Betäubung, dass er entschlief, und nahm von seinen Rippen eine und schloss Fleisch an ihre Stelle. ER, Gott, baute die Rippe, die er vom Menschen nahm, zu einem Weibe und brachte es zum Menschen.
Der Mensch sprach: Diesmal ist sie’s! Bein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch! Die sei gerufen Ischa, Weib, denn von Isch, vom Mann, ist die genommen. Darum lässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und haftet seinem Weibe an, und sie werden zu Einem Fleisch. (2,18-24)

Nun kann man den Hinweis auf die Intimität zwischen Mann und Frau zwar so lesen, dass Kinder die natürliche Folge davon sind. Dennoch zeigt sich deutlich, dass die Fortpflanzung nicht der Stiftungsgrund für das Verhältnis von Mann und Frau ist, sondern das beherrschende Thema dieser Zeilen ist die Partnerschaft und das Gegenüber beider, den Kontrast bildet die Einsamkeit. Der Geschlechterunterschied tritt hier auffällig zurück hinter die Betonung der Ebenbürtigkeit und Ähnlichkeit von Mann und Frau. Kinder können dazugehören, müssen aber nicht.

Ehe lässt sich also ohne Bruch mit der biblischen Überlieferung, wenn auch nicht ohne die Brillen manch kirchlicher Tradition abzusetzen, inklusiv verstehen. Nicht die korrekte Geschlechterverteilung macht sie aus, sondern Ebenbürtigkeit, Zuneigung, Treue und Fürsorge. Wer sich danach sehnt und darauf einlässt, sollte auch in den Kirchen nicht am zeremoniellen Katzentisch abgespeist werden.

Dann können wir auch in Ruhe die politischen Entscheidungen abwarten. Letzte Woche schrieb die 13-jährige Lily an die Kanzlerin, sie solle der „Ehe für alle“ zustimmen. Heiraten zu dürfen gehöre zu den Grundbedürfnissen wie Nahrung und Wasser. „Jeder“, so schreibt sie, „verdient eine Chance auf ein gleichermaßen glückliches Leben. Finden Sie nicht auch?“

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Das Multitasking ist keine Fähigkeit, zu der allein der Mensch in der spätmodernen Arbeits- und Informationsgesellschaft fähig wäre. Es handelt sich vielmehr um einen Regress. Das Mulititasking ist gerade bei Tieren in der freien Wildbahn weit verbreitet. Es ist eine Aufmerksamkeitstechnik, die unerlässlich ist für das Überleben in der Wildnis.

Byung-Chul Han,  Müdigkeitsgesellschaft, S. 26

Multi-Tasking by Chim Chim, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 2.0 Generic License   by  Chim Chim 
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Kaum zu glauben, dass Juristen auch solche Texte schreiben können. Der Supreme Court der Vereinigten Staaten hat gestern die gleichgeschlechtliche Ehe für verfassungsgemäß erklärt. Richter Anthony Kennedy drückte es so aus:

Kein Bund ist tiefgründiger als die Ehe. Er vereint in sich die höchsten Ideale der Liebe, Treue, Hingabe, Aufopferung und Familie. In dem sie die Ehe eingehen, werden zwei Menschen zu etwas Größerem als zuvor. Wie manche Kläger uns zeigen, verkörpert die Ehe eine Liebe, die so groß ist, dass sie sogar den Tod überdauert. Anzunehmen, dass diese Männer und Frauen die Idee der Ehe nicht respektieren, würde ihnen nicht gerecht. Sie respektieren sie, sie respektieren sie so sehr, dass sie diese Erfüllung für sich selbst wünschen. Ihre Hoffnung ist, dass sie nicht dazu verdammt sind, in Einsamkeit zu leben, ausgeschlossen von einer der ältesten Institutionen der Zivilisation. Sie erbitten sich die gleiche Würde vor dem Gesetz. Die Verfassung garantiert ihnen dieses Recht. So wird es angeordnet.“

(Übersetzung der SZ)

PS: Davon könnten sich manche Theologen auch eine Scheibe abschneiden. Rein sprachlich, natürlich.

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Diese Woche hat Tony Campolo, der große alte Vorkämpfer der Linksevangelikalen, eine kurze Erklärung veröffentlicht, in der es um die Akzeptanz Homosexueller in den christlichen Gemeinden geht. Nun war Tony schon immer jemand, der den traditionell konservativen Standpunkt (wenn du dich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlst, bleib enthaltsam) mit maximaler Fairness gegenüber der inklusiven Gegenposition vertrat, was nicht zuletzt daran lag, dass er mit der wunderbaren Peggy verheiratet ist, die das schon immer anders sah. Tony seinerseits war eine Art Brückenbauer, der einen völligen Bruch zwischen den verschiedenen Lagern zu verhindern suchte.

Er war aber wohl auch sehr unsicher im Blick auf seine Position. Nun hat er sie, nach langem und intensivem Ringen, revidiert. Tony gibt keine Gründe an, die in der Diskussion nicht schon vorgekommen wären. Er ist sich auch der Möglichkeit bewusst, dass er sich irren könnte. Den Ausschlag gaben schließlich die Beziehungen zu ganz konkreten Menschen:

I have come to know so many gay Christian couples whose relationships work in much the same way as our own. Our friendships with these couples have helped me understand how important it is for the exclusion and disapproval of their unions by the Christian community to end. We in the Church should actively support such families. Furthermore, we should be doing all we can to reach, comfort and include all those precious children of God who have been wrongly led to believe that they are mistakes or just not good enough for God, simply because they are not straight.

Nach Steve Chalke im vorletzten und Vicky Beeching wie auch dem Ethik-Professor David Gushee im letzten Jahr ist mit Tony Campolo ein weiterer profilierter Evangelikaler zu einer Neubewertung seine Position gekommen. In Deutschland hat dieser Worthaus-Vortrag von Siegfried Zimmer für Diskussionen gesorgt. Für die EKD hat sich der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm deutlich zu einer inklusiven Auffassung von Ehe bekannt.

Christian Piatt hat den entscheidenden Impuls für diesen Wandel der Auffassungen gestern treffsicher beschrieben:

Ultimately, marriage equality and being both open and affirming of people of all sexual/gender identities and orientations in our larger Christian community are not issues: they are people. They’re human beings, stories, families, relationships, children, struggles and joyful discoveries. They are school lunches, utility bills, career moves, birthdays weddings and funerals. They’re self doubt, a search for meaning, belonging and, often times, a desire to be connected with something bigger and more enduring than ourselves.

They’re like anyone else in these ways, and many more. They are us. All it usually takes is a willingness to sit down, listen, share and change in whatever ways love and compassion may work within us. It worked for Jesus. It worked for Tony. It’s good enough for me. What about you?

Annahme ist dann möglich, wenn ich sehe, wie viel größer die Gemeinsamkeiten sind als die Unterschiede. Doch das funktioniert nur, wenn ich keine Kardinaldifferenz zwischen Homo- und Heterosexuellen behaupte, sondern diesen Unterschied als nur einen von vielen möglichen sehe. Aber denken wir noch ein bisschen weiter:

Mich persönlich hat gestern eine Meldung aus Gambia beschäftigt. Der diktatorisch regierende Präsident Yahya Jamme hat die französische EU-Vertreterin aus Gambia ausgewiesen, weil sie den Umgang mit Homosexuellen kritisierte. Frage: Ist es denn wirklich nur ein dummer Zufall, dass so viele Diktatoren den Hass auf Schwule (es geht ja meistens um Männer…) schüren? Wenn nicht, wo genau liegt die innere Verbindung, der gemeinsame Nenner, der rücksichtslose Macht und rigide Ordnungsideologien bzw. die Ausgrenzung abweichender Orientierungen und Lebenskonzepte verbindet?

Ich unterstelle damit nicht, dass alle Konservativen verkappte Gewaltherrscher sind. Ich frage mich nur, ob da Denkstrukturen vorhanden sind, die auch dazu taugen, derartige Repression zu legitimieren oder die zumindest dafür sorgten, dass sie nicht schon längst entschlossen genug verurteilt und bekämpft wurde. Meine Vermutung: Die Wurzel liegt im Weltbild des Patriarchats (und damit verbunden der Heteronormativität). Ein strikt binäres und komplementäres Geschlechterverhältnis mit dem Mann als „Haupt“, das für Christen mit wenigen Ausnahmen seit der Römerzeit „normal“ war und das noch bei Max Weber als „naturgewachsen“ galt - das entspricht der Rede von der Schöpfungsordnung in manchen Theologien. Ein homosexuelles Paar bedroht nicht nur die traditionelle Vorstellung von Männlichkeit und damit die symbolische Ordnung, sondern auch die von Macht, weil in dieser Welt beides untrennbar zusammengehört.

Hier geht es um Privilegien, die für die Menschen unsichtbar sind, die sie genießen. Wunderbar dargestellt hat dies Susan Cotrell in diesem Blogpost zu einem Statement von Franklin Graham, der ebenso naiv wie zynisch behauptet hatte, Schwarze könnten es doch ganz einfach vermeiden von weißen Polizisten erschossen zu werden, sie müssten einfach immer nur uneingeschränkt allen Befehlen Folge leisten und Respekt vor der Autorität des Beamten zeigen. Graham gelingt es, zumindest vor sich selbst, den offensichtlichen Rassismus der Cops in ein Autoritätsproblem der schwarzen Minderheit umzudefinieren. Erst wenn man sich mit den Unterlegenen identifiziert (indem man sie, wie Cotrell, kennt, achtet und ihnen zuhört), wird die allgegenwärtige Unterdrückung sichtbar.

Tony Campolo hat diesen Schritt getan. Er hat dafür Jahre gebraucht, andere haben ihn noch vor sich. Hoffen wir, dass sein Beispiel Schule macht.

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Religion, schreibt Zygmunt Bauman, steht in der Postmoderne vor dem Problem, dass die Konsum- und Erlebnisgesellschaft das Thema Transzendenz weitgehend besetzt und aus dem Jenseits ins Diesseits verlagert hat. Für ein "Leben in Fülle" werden zahllose Techniken, Waren und Dienstleistungen angeboten, mit denen die einzelnen ihr Lebensglück optimieren können.

Swim at your own risk

Manchmal fällt die Orientierung schwer. Die postmodernste Form von Religion ist daher der Fundamentalismus, und der ist für Bauman gerade "keine kleine Nachwehe angeblich längst ausgetriebener, doch immer noch nicht ganz unterdrückter mystischer Sehnsüchte“ oder gar eine Flucht in die Vormoderne:

Der Fundamentalismus ist ein durch und durch zeitgenössisches, postmodernes Phänomen, das sich die „rationalisierenden“ Reformen und technischen Entwicklungen der Moderne voll und ganz zu eigen macht und weniger ein Rollback moderner Ansätze erreichen, als vielmehr den Kuchen essen und ihn behalten will: einen vollen Genuss moderner Attraktionen, ohne den Preis zu zahlen, den sie fordern.

Der "Preis" ist ein Leben unter den Bedingungen der permanenten Wahl mit der ständigen Sorge, das Beste und Entscheidende zu verpassen und die vorhandenen Möglichkeiten nicht befriedigend auszureizen. Damit bleibt letztlich auch jede(r) allein. Folglich beschreibt Bauman den Preis für die postmoderne Freiheit als

… die bittere Erfahrung […] eines aus riskanten Entscheidungen bestehenden Lebens - stets unter dem Zwang, auf bestimmte Chancen zu setzen und andere zu vergeben; es ist die Erfahrung der jeder Entscheidung innewohnenden unabänderlichen Ungewissheit; der unerträglichen, weil mit niemandem geteilten Verantwortung für die unbekannten Konsequenzen jeglicher Wahl; der beständigen Furcht, sich die Zukunft und bisher nicht vorstellbare Möglichkeiten zu verbauen;

Im Unterschied zur traditionellen Religion, in der die Schwäche der Gattung Mensch das Problem darstellte, scheinen der Menschheit insgesamt heute kaum noch Grenzen gesetzt. Dieser Omnipotenz steht aber die Versagensangst und Unvollkommenheit des einzelnen Menschen um so schroffer gegenüber. Folglich treibt der Fundamentalismus mit seinen klaren Ordnungskategorien und Orientierungshilfen „den Kult der Expertenberatung und den besessenen Selbstdrill unter Spezialistenaufsicht, wie die postmoderne Konsumkultur sie alltäglich propagiert, lediglich zu ihrem radikalen Schluss.“

In dieser Hinsicht verkörpert der Fundamentalismus die Errungenschaften wie die Schattenseiten der Postmoderne. Er verspricht die Erlösung vom Wahlzwang durch die Bindung an eine absolute, höchste Autorität:

Der Fundamentalismus ist eine radikale Medizin gegen den Flucht der postmodernen, marktbeherrschten Konsumgesellschaft, gegen die risikokontaminierte Freiheit […].

In einer Welt, in der jede Lebensform gestattet und doch keine sicher ist, bringen sie den Mut auf, jedem, der es hören will, zu erklären, wie er sich entscheiden muss, damit die Entscheidung ungefährlich bleibt und vor allen in Frage kommenden Gerichten bestehen kann. In dieser Hinsicht gehört der Fundamentalismus zu einer größeren Familie totalitärer oder prototoatlitärer Lösungen, die all denen angeboten werden, die die Bürde der individuellen Freiheit unerträglich finden.

Bauman kann den Fundamentalismus daher auch als "alternativen Rationalismus“ bezeichnen, der sich gegen den neoliberalen Rationalismus totaler Wahlfreiheit stellt, der alles beliebig erscheinen lässt. Hier wird nun umgekehrt alles der Gewissheit untergeordnet.

In ihrer fundamentalistischen Version wird Religion nicht zur »Privatsache«, nicht wie alle anderen individuellen Belange privatisiert und im Stillen praktiziert […]: Sie regelt verbindlich und unmissverständlich jeden Bereich des Lebens und hebt damit die Bürde der Verantwortung auf, die schwer auf den Schultern des einzelnen lastet.

Und dann stellt Bauman die entscheidende Frage: Lassen sich Antworten auf all diese real existierenden Schwierigkeiten finden, die keinen Hang zum Totalitären haben? Auf die Theologie bezogen könnte das bedeuten: Wenn es keine absolute äußere Autorität (Buch, Papst etc.) gibt, kann der Glaube an das Evangelium zu einer inneren Quelle von Kraft und Mut werden, die uns in dieser verrückten Welt hilft, die Augen offen zu halten, ohne dabei zu resignieren? Finden wir unsere eigene Stimme und lernen wir, mutig verantwortliche Entscheidungen zu treffen, oder versuchen wir lieber, all das fehlerfrei aufzusagen, was uns als unfehlbare Richtschnur angepriesen wurde? Was könnte Menschen dazu bewegen, sich die eigene Interpretations- und Anpassungsleistung in Glaubensfragen einzugestehen, statt auf Buchstaben zu zeigen und daraus alternativlose Konsequenzen zu ziehen?

Parker Palmer hat einmal geschrieben: "Wir sind unvollkommene und kaputte Wesen, die in einer unvollkommenen, kaputten Welt leben. Die Genialität des menschlichen Herzens liegt darin, aus diesen Spannungen Einsicht, Energie und neues Leben zu gewinnen." Vielleicht hat das auch mit jener Fähigkeit zu tun, die Rilke in seinem vielzitierten Brief an Franz Kappus beschreibt:

ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

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Heute ist es genau vier Wochen her, dass wir abends durch den Pessach-Trubel in der Jerusalemer Altstadt gingen (ich hatte in meinem Leben noch nie so viele schwangere Frauen und kinderreiche Familien gesehen wie dort. Hierzulande fällt man mit vier Kindern schon auf, dort hätten wir am untersten Ende der Skala gelegen). Aus der Ferne warfen wir einen Blick auf die Klagemauer, vor der die Haredim dicht gedrängt standen. Als wir uns auf den Rückweg machten, sprach uns einer von ihnen an. Mit seinem festlichen Schtreimel sah er aus wie eine Gestalt aus dem 18. Jahrhundert.

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Der Eindruck änderte sich jedoch, als er ein paar Bücher und Traktate aus seinem schwarzen Mantel zog. Die englischen Titel sprachen davon, wie man es schnell zu Reichtum bringt – mit Gottes Hilfe natürlich. Der Verfasser sei übrigens ein Rabbi aus Frankfurt, sagte unser Gegenüber. Auf den ersten Blick konnte ich wenig Unterschied zum christlichen Wohlstandsevangelium erkennen. Da weder die Zeit noch die Sprachkenntnisse für ein theologisches Gespräch ausreichten, gingen wir bald weiter.

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Später habe ich bei Gilles Kepel nachgelesen, der die Renaissance des (Ultra-)orthodoxen Judentums seit den Siebzigern beschreibt. Und auch da zeigt sich, dass Moderne und Vormoderne sich eigenartig mischen und durchdringen, so dass man das Ergebnis nicht einfach als „altmodisch" abtun kann. Kegel schreibt:

Allgemein betrachtet, kann man sagen, dass die ganze jüdische Welt in den siebziger Jahren eine Bewegung der Teschuwa (was soviel bedeutet wie „Rückkehr zum Judentum“ und „Reue“, das heißt Rückkehr zu einer strikten Einhaltung des jüdischen Gesetzes, der Halacha) erlebte. Die „Reumütig Zurückgekehrten“ (Baalei Teschuwa) verschließen sich den Versuchungen der säkularen Gesellschaft, um ihr Dasein ausschließlich auf die Gebote und Verbote zu gründen, die sie heiligen jüdischen Texten entnehmen. (Die Rache Gottes, S. 205)

Kepel untersucht Bücher und Selbstzeugnisse der Rückkehrer, die vormals laizistisch, areligiös oder atheistisch waren, dann aber in Begegnung mit einem Rabbi oder in einer der zahlreichen neugegründeten Talmudschulen erkannten, dass die Säkularisierung in eine Sackgasse und die moderne Gesellschaft in eine Wertekrise führt, eine "Epoche der Anomie“. Dem konservativen Protestantismus ebenfalls nicht fremd ist die Kritik an der Aufklärung: Hochmut der Vernunft, der notgedrungen zum Totalitarismus führt, erst in der Französischen Revolution, dann im Dritten Reich. Diese Argumentationslinie ist bei verwandten Strömungen in der katholischen Kirche auch anzutreffen (ich habe sie erst vergangene Woche wieder in einer Diskussion entdeckt). (205)

Vorbereitet wurde das Wiedererstarken der Haredim in den USA. Dort zerbrach während der sechziger Jahre das Bündnis von Juden und Afroamerikanern in der Bürgerrechtsbewegung. Es kam zu Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen.

Eine ganze Philosophie des Universalismus, des Zusammenhalts der Gesamtgesellschaft zerbricht hier unter der Gewalt eines stark ritualisierten, den anderen gezielt ausgrenzenden Partikularismus. In dieser Situation verschärfter ethnischer, rassischer und religiöser Abgrenzungen sehen jene ihre Chance gekommen, die die äußerliche gesetzestreue und Trennung von den Gojim zum obersten Prinzip der jüdischen Identität erklären. (215)

Ein weiterer Faktor dieses Aufstiegs ist die Gegenkultur der 68er-Generation. Die Auflehnung gegen das bürgerliche Establishment, gegen Konformismus und Repression, die Begeisterung für speziale Utopien und Experimente wie die Sehnsucht, eine bessere Gesellschaft auf den Ruinen der bestehenden zu schaffen, zogen viele junge Juden an - ihr Anteil an der Protestbewegung wurde dreimal so hoch veranschlagt wie in der Gesamtbevölkerung. Viele dieser Hippies fanden den Weg in die konservativen Talmudschulen zu einer Zeit, als andere sich den Jesus People anschlossen (und dem amerikanischen Evangelikalismus einen kräftigen Wachstumsschub einbrachten).

In Frankreich waren jüdische Studenten 1968 federführend in der radikalen Linken und lang entschiedene Gegner des Staates Israel. Seit dem Schock des Münchener Attentats von 1972 wandelte sich die Stimmung jedoch. Viele distanzierten sich vom linken Aktivismus und besannen sich auf ihre jüdische Identität. Verstärkt wurde diese Bewegung in den folgenden Jahren durch junge sephardische Juden, die aus dem Maghreb eingewandert waren.

Die weitere Entwicklung ist durch den Ausgang des Sechstagekrieges bestimmt: Die heiligen Stätten sind in jüdischer Hand, die Grenzen des säkularen Staates Israel (den die Haredim ablehnten) entsprechen plötzlich denen zur Zeit Davids, selbst säkulare Juden betrachten den Sieg über die arabischen Armeen als göttliches Wunder. Wenn aber die Einnahme des Landes eine Tat Gottes war, dann ist eine Rückgabe ein Akt des Ungehorsams, also kategorisch ausgeschlossen. Das zumindest ist die Interpretation der Ereignisse durch die nationalreligiöse Bewegung Gusch Emunim. Plötzlich sind Kombinationen von Kampfanzug und Kippa, Jeans und Zizit denkbar. Religiös-zionistische Schulen und Lehranstalten entstehen und werden staatlich gefördert, der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten beginnt und wird nach der Wahl Menachem Begins 1977 nachträglich legalisiert, um nur ein paar Ereignisse zu nennen, die Kepel aufzählt. Seither wächst der Einfluss der Religiösen auf die Politik und das öffentliche Leben.

Aus ihren religiösen Traditionen weitgehend entfremdeten Hippies und Linken wurden Strenggläubige, die eigentlich gerade am Aussterben waren. Ein erstaunliches Comeback, das unter anderem die Frage aufwirft, was wohl eines Tages aus diesen religiösen Protestkulturen wird. Die widersprüchliche Sehnsucht danach, irgendwie aus der Zeit zu fallen, gehört offenbar untrennbar in unsere Zeit hinein. Anders gesagt: Pointiert unmodern sein zu wollen, ist ganz schön modern.

Die andere Lektion lautet: Fortschritt ist keine Einbahnstraße. Es wäre naiv zu glauben, dass einmal erreichte Verbesserungen unwiderruflich erhalten bleiben, und dass die Entdeckungen und Erkenntnisse, die ihnen zugrunde liegen, keiner sorgfältigen Begründung mehr bedürfen.

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Die Sicherheit hat dem Reichtum und dem Ruhm den ersten Rang unter den modernen Götzen abgelaufen. Die Nachrichten spiegeln das fast im Wochenrhythmus wider. Sicherheit ist die fixe Idee, von der die Moderne seit dem Erdbeben vom Lissabon beherrscht wird, hat Zygmunt Bauman in Collateral Damage geschrieben. Dafür ist uns kaum ein Opfer zu groß, bis heute. Wer radikale oder grausame Maßnahmen in der Politik durchsetzen möchte, muss die Bedrohung beschwören. Wer zur Macht aufsteigen möchte, muss sein Programm als Prävention von Risiken verkaufen.

Gestern hat sich nun herausgestellt, dass der BND im Auftrag der NSA nicht nur potenzielle Straftäter überwacht und ausgespäht hat, sondern auch Politiker und Unternehmen, und zwar ohne Kenntnis der (überforderten, inkompetenten oder desinteressierten?) Kontrollorgane, monatlich des Kanzleramtes. Für Kai Biermann von der Zeit ist das der Albtraum der Demokratie. Unterdessen fordern Politiker der GroKo seit Wochen weitere Befugnisse in der Überwachung (die Vorratsdatenspeicherung), obwohl sich die unkontrollierbaren Dienste jetzt schon an keine demokratischen Regeln mehr halten. Und der NSU-Prozess zeigt Woche für Woche, wie deutsche Sicherheitsbehörden sich, etwa mit ihren V-Leuten, im rechten Sumpf verstricken und ihn eher ausweiten, statt ihn trocken zu legen, weil sie selbst längst zur Parallelgesellschaft geworden sind.

Der Absturz von Germanwings 4U9525 hat gezeigt, wie eine Sicherheitsmaßnahme – die gepanzerte Cockpittüre – zur tödlichen Falle für 150 Menschen wurde. Ungeachtet dessen wurden umgehend neue Forderungen erhoben (Berufsverbote für psychisch Kranke), die völlig zu Unrecht Millionen von Menschen als gemeingefährlich stigmatisieren – und es um so wahrscheinlicher machen, dass Betroffene ihre Krankheit möglichst lange verheimlichen, statt sich behandeln zu lassen.

17209448546_f3f217e254_zDer Wahn, alles kontrollieren zu müssen, führt offenkundig dazu, dass wir immer mehr die Kontrolle verlieren. Hier nun schlicht und lapidar auf Gottvertrauen zu verweisen, ist nicht unproblematisch. Gott lässt sich sicher nicht als Garant für unsere Unversehrtheit unter allen Umständen in die Pflicht nehmen. Aber der Glaube, dass Gott auf der Seite der Leidenden steht und die Hoffnung darauf, dass er – spät vielleicht, aber doch – Trauer in Freude verwandeln wird, könnten in uns den Mut wachsen lassen, mit manchen Risiken zu leben.

Denn da, wo wir Risiken um jeden Preis ausschalten wollen, verspielen wir nicht nur unsere Freiheit, wir erschaffen womöglich auch noch schlimmere Gefahren als die, vor denen wir uns fürchten. Das wäre vielleicht der erste Schritt, um aus den Albträumen aufzuwachen.

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