(post)moderne Zeiten

Schwer unter die Haut gegangen sind mir diese Woche die Nachrichten über Foltergefängnisse in Syrien. Einzelschicksale wurden ja kaum geschildert – und trotzdem ist schon die allgemeine Vorstellung unerträglich.

Zugleich habe ich mich gefragt, warum in solchen Diktaturen dieses üble Schmierentheater aufgeführt wird: Geständnisse werden durch Folter erzwungen, darauf folgen geheime gerichtliche Eilverfahren und dann die ebenso geheime Hinrichtung. Wozu die ganze Mühe, warum ermordet man die Leute nicht sofort? Wäre das alles nicht viel einfacher?

Drei Gründe fallen mir ein:

  • Die Auftraggeber brauchen für sich selbst den Anschein, wenigstens formal so etwas wie Recht angewandt zu haben. Da ist dieser perverse Wunsch, irgendwie als gut zu erscheinen, auch wenn man das ganz offenkundig nicht ist.
  • Die Opfer werden zusätzlich gequält und gedemütigt, wenn ihnen eine theoretische Chance vorgegaukelt wird, sich zu rechtfertigen und zu retten, und die Gewalt, die ihnen angetan wird, als rechtens deklariert wird.
  • Die Handlanger des Systems machen bereitwilliger mit, wenn man ihnen diesen Selbstbetrug anbietet und ihr Tun als irgendwie rechtmäßig ausgibt.

Ich vermute, die dritte Antwort ist die wichtigste. Und deswegen ist es so eminent wichtig, diese Verbrechen zu dokumentieren und dem Regime bei jeder Gelegenheit den Spiegel vorzuhalten. Die Anstifter oben in der Befehlskette werden wir kaum überzeugen. Aber wir können es ihnen etwas schwerer machen, Helfershelfer zu finden. Und den vorhandenen Helfershelfern wird es nicht mehr möglich sein, aus Unwissenheit zu plädieren, wenn das Regime stürzt.

Im kleineren Maßstab gilt das auch hier: Die Populitiker, die Flüchtlinge trotz offensichtlicher Lebensgefahr ins vermeintlich "sichere" Afghanistan abschieben wollen, werden sich kaum von unseren Protesten beeindrucken lassen. Aber es gibt vielleicht Polizisten und Beamte, die einen so fragwürdigen Beschluss nicht ausführen wollen. Je mehr das sind, desto schwieriger wird es für die Regierungen.

Die Dickfelligkeit der Mächtigen darf uns nicht dazu verleiten, leiser zu werden. Auch der ohnmächtige Protest ist nicht ganz so ohnmächtig, wie er scheint. Er erreicht nicht jedes Gewissen, aber doch einige. Diese Woche habe ich Micha 6 gelesen und nicht am Ende von Vers 8 die Bibel zugeklappt. So geht es weiter in Sachen Recht und Unrecht, falls jemand mal Worte und Vorbilder sucht:

Horcht! Der Herr ruft der Stadt zu: [Klug ist es, deinen Namen zu fürchten.] Hört, ihr Bürger und Räte der Stadt!

Kann ich die ungerecht erworbenen Schätze vergessen, du Haus voller Unrecht, und das geschrumpfte Maß, das verfluchte? Soll ich die gefälschte Waage ungestraft lassen und den Beutel mit den falschen Gewichten?

Ja, die Reichen in der Stadt kennen nichts als Gewalttat, ihre Einwohner belügen einander, jedes Wort, das sie sagen, ist Betrug. Deshalb hole ich aus, um dich zu schlagen und dich wegen deiner Sünden in Schrecken zu stürzen.

Du wirst essen, doch du wirst nicht satt; Schwindel wird dich befallen. Was du beiseite schaffst, rettest du nicht; was du rettest, übergebe ich dem Schwert. Du wirst säen, aber nicht ernten; du wirst Oliven pressen, aber dich mit dem Öl nicht salben; du wirst Trauben keltern, aber den Wein nicht trinken.

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Seit ein paar Wochen ist Ulrich Becks postum erschienenes Buch „Die Metamophose der Welt“ auch auf Deutsch auf dem Markt. Ich fand es in mehrfacher Hinsicht sehr anregend und hilfreich. Vielleicht gerade in Zeiten wie diesen. Beck setzt sich darin mit der Weltrisikogesellschaft auseinander, die in den letzten Jahrzehnten durch die Globalisierung und Kosmopolitisierung der Welt entstanden ist.

Er kommt darin zu dem Schluss, dass wir es mit einem ganz neuen Typus von Wandel und Veränderung zu tun haben. Die Entwicklungen, die er beschreibt, verlaufen nicht einfach nur etwas schneller als bisher (aber mehr oder weniger in dieselbe Richtung), sondern sie führen in Situationen, in denen uns die Begriffe und Konzepte ausgehen. Vor allem aber versagen viele Institutionen, deren Aufgabe es wäre, für Stabilität und Berechenbarkeit zu sorgen:

Es handelt sich bei der Weltrisikogesellschaft um eine gesellschaftliche Formation, in der die hingenommenen, akkumulierten Nebenfolgen von Milliarden habituellen Handlungen die existierende soziale und politische, institutionelle Ordnung haben obsolet werden lassen. (S. 72)

Herkömmliche Begriffe wie Transformation werden in der Regel für zielgerichtete, planvolle, kontrollierbare und schrittweise Veränderungen verwendet. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess. Anders die Metamorphose: Sie tritt ungeplant ein, Ausgangspunkt und Ergebnis stehen in einem eher losen Zusammenhang. Wie in der Biologie löst sich erst einmal alles auf und verliert seine Form und Konturen. Und während bei Weltrisikogesellschaft die Akzent noch auf den unerwünschten Nebenwirkungen der Modernisierung lag, liegt er nun auf den positiven Nebenwirkungen der global produzierten Risiken. Das ist etwas Neues:

Während die Konflikte, die sich an Revolutionen des Weltbilds entzündeten, Jahrzehnte, selbst Jahrhunderte währten, und die Folgen der französische Revolution sich über die vergangenen 200 Jahre erstreckten, … spielt sich die Metamorphose der Welt in Weltsekunden ab, in einer Geschwindigkeit, die nicht weniger als unfassbar ist, und infolgedessen überrennt und überwältigt sie nicht nur den einzelnen, sondern auch die Institutionen. Und aus diesem Grund entzieht sich die Metamorphose, obwohl sie sich unmittelbar vor unseren Augen abspielt, den Konzeptualisierungen der Sozialwissenschaften fast vollkommen. Und aus diesem Grund auch haben so viele heute den Eindruck, dass die Welt aus den Fugen ist. (S. 81)

Und so verläuft die Metamorphose auf drei Ebenen zugleich: Kategorial in unserem Weltbild, institutionell in unserem „in-der-Welt-Sein“, und normativ-politisch, indem neue Handlungsoptionen entstehen. Eine sehr spannende Vorstellung.

Etwas beunruhigend ist für mich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Beschreibungen des Wandels, die mir im kirchlichen Kontext begegnen, eher darauf beruhen, dass man die Entwicklungen der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit extrapoliert und fortschreibt und sich dann Gedanken macht, wie damit möglichst kontrolliert umzugehen wäre. Wenn Beck Recht hat (und es spricht viel dafür), dann wird das vorne und hinten nicht ausreichen. Dann müssten wir darüber nachdenken, wie wir uns alle darauf vorbereiten, mit dem gänzlich Unerwarteten und Unkontrollierbaren fertig zu werden. Davon höre und lese ich wenig.

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Der Soziologe Zygmunt Bauman ist kürzlich gestorben. Es gibt wenige Autoren, die meinen Blick auf die Welt in den letzten zehn Jahren so nachhaltig beeinflusst haben wie der Mann aus Posen, der zwei Diktaturen erlebte. Es war vor allem seine differenzierte Sicht der gesellschaftlichen Veränderungen, die er „flüchtige Moderne“ nannte. Das war ein großer Fortschritt gegenüber viele diffusen und gelegentlich auch reichlich konfusen Konzepten von „Postmoderne“. Wir alle leben in der Flüchtigen Moderne, ob wir nun dem Postmodernismus zuneigen oder nicht (selbst dessen erbittertste Feinde, fand Bauman, die Fundamentalisten religiöser und atheistischer Färbung, sind allesamt typische Exemplare dieser zweiten Moderne).

Als kleine Verbeugung vor dem großen Mann habe ich im letzten Kapitel von Terry Eagletons „Culture and the Death of God“ geblättert, von dem ich den Eindruck habe, dass hier ganz ähnliche Gedanken (nun aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers) auftauchen. Es wirkt wie ein Echo auf Baumans Thesen. Vielleicht finden es ja auch andere tröstlich, dass seine Ideen und Entdeckungen weiterleben.

Eagleton hat nachgezeichnet, wie im Laufe der Säkularisierung verschiedene Dinge als Platzhalter für „Gott“ ins Spiel gebracht wurden: Die Vernunft, die Kultur, die Geschichte, die Nation, die Ästhetik, die Menschheit (bis hin zu Nietzsches Übermenschen) – all das hatte eine transzendente Dimension. Gott war zumindest in seiner Abwesenheit präsent, und die Lücke, die er bei denen hinterließ, die nicht mehr an ihn glaubten oder nicht mehr von ihm sprechen wollten, blieb durch diese Platzhalter sichtbar:

Während der Modernismus den Tod Gottes als Trauma erfährt, als einen Affront, gleichermaßen eine Quelle der Angst wie ein Grund zum Feiern, erfährt der Postmodernismus ihn gar nicht mehr. Es gibt in der Mitte des Universums kein gottförmiges Loch, […] es gibt überhaupt keine Lücke mehr in diesem Universum. […] Das postmoderne Subjekt tut sich schwer, in sich selbst genug Tiefe und Kontinuität zu finden, um ein geeigneter Kandidat für tragische Selbstaufgabe zu werden. Man kann nichts aufgeben, was man nie besessen hat. Wenn es keinen Gott mehr gibt, dann zum Teil deshalb, weil es keinen geheimen, inneren Ort mehr gibt, wo er sich einstellen könnte. (S. 186)

Wenn aber weder die Einheit des Subjektes noch die Einheit der Welt einen sicheren Ausgangspunkt des Denkens bildet, dann ist auch für den einen Gott kein konzeptioneller Raum mehr vorhanden. Der Mensch hört auf, sich als intentional und schöpferisch zu betrachten. auch das hat mit einem Wandel der Gesellschaft zu tun, und zwar einem, der auch Bauman intensiv beschäftigt hat:

Konsumenten sind passive, diffuse, vorläufige Subjekte – so wird der Allmächtige traditionellerweise nicht dargestellt. Solange Menschen als Produzenten, Arbeiter, Hersteller, Gestalter ihrer selbst angesehen werden, kann Gott nie völlig erlöschen. Hinter jeder produktiven Tätigkeit lauert ein Bild der Schöpfung, und ein schöpferischer Akt im besonderen – die Kunst – konkurriert mit dem Allmächtigen selbst. Aber nicht einmal er kann den Advent des Menschen als des ewigen Konsumenten überleben. (S. 190)

Das neue absolute Prinzip ist die Kultur. Alles ist Kultur, alles ist kulturell erzeugt und überformt, jedes Nachdenken darüber ist wiederum ein kulturelles Geschehen; Kultur ist unhintergehbar, aber sie ist nicht mehr transzendent, sondern nur noch transzendental - die Bedingung der Möglichkeit all dieser Phänomene. Das wirkt sich auch auf postmoderne Religiosität und Spiritualität aus:

Spiritualität ist das Bedienen von Bedürfnissen, die einem die Stylistin oder der Aktienhändler einem nicht erfüllen kann. Doch im Grunde ist diese ganze Zweite-Hand-Jenseitigkeit nur eine Form des Atheismus. Ein Weg, sich erhaben zu fühlen ohne die krasse Unannehmlichkeit Gottes. (S. 191f.)

Ebenso werden Überzeugungen und Glaubensansichten postmodern zu Accessoires, die man eher zu ästhetisch-dekorativen Zwecken benutzt, als dass man sich ihnen bleibend verpflichtet fühlen würde. Die Suche nach Glaube und Gewissheit wird dagegen prinzipiell wahlweise als Schwäche diffamiert oder als erster Schritt zu einem tyrannischen Dogmatismus. Eagleton kommentiert:

Überzeugung setzt eine Einheitlichkeit des Selbst voraus, die sich nur schwer verträgt mit dem flatterhaften, adaptiven Subjekt des fortgeschrittenen Kapitalismus. Außerdem ist zuviel Lehrmeinung schlecht für den Konsum. Sie ist außerdem aus der Mode, weil der Glaube die Gesellschaft nicht zusammenhält wie die Lutherische Kirche oder die Pfadfinderbewegung. Der Kapitalismus mit seinem Hang zum Pragmatischen, Utilitaristischen, vor allem in seiner postindustriellen Inkarnation, ist eine zutiefst glaubenslose Gesellschaftsordnung. Zu viel Überzeugung ist für dein Funktionieren weder notwendig noch wünschenswert.

… Die Glaubenslosigkeit des fortgeschrittenen Kapitalismus ist in seinen praktischen Routinen eingebaut. Sie ist nicht primär eine Frage der Frömmigkeit oder Skepsis seiner Bürger. Der Markt verhielte sich auch dann noch atheistisch, wenn jeder Marktteilnehmer ein wiedergeborener Evangelikaler wäre. (S. 195f.)

Mit dem Ende des kalten Krieges dachten viele, es sei nicht nur das ende der Geschichte gekommen, sondern auch das Ende aller großen, sinnstiftenden Erzählungen. Und hier beginnt die große Ironie des 21. Jahrhunderts:

Kaum war eine gründlich atheistische Kultur auf den Plan getreten, eine, die nicht mehr ängstlich diesem oder jenem Platzhalter für Gott anhing, setzte sich die Gottheit mit Nachdruck wieder auf die Tagesordnung. Die beiden Ereignisse sind keineswegs unzusammenhängend: Der Fundamentalismus hat seine Ursache in der Angst, weniger im Hass. Er ist die pathologische Denkweise all jener, die fühlen, dass in einer schönen neuen spätmodernen Welt gescheitert sind, und von denen einige schlussfolgern, dass sie auf ihre unterbewertete Existenz nur dadurch aufmerksam machen können, dass sie eine Bombe im Supermarkt explodieren lassen. (S. 197)

Der Allmächtige wurde anscheinend in seinem Sarg gar nicht sicher festgenagelt. Er hatte einfach nur die Adresse geändert, er emigrierte in den Bible Belt der USA, die Evangelikalen Gemeinden Lateinamerikas und die Slums der arabischen Welt. Und sein Fanclub wächst stetig an. (S. 199)

Eagleton macht sich ausgiebig lustig über die Versuche der politischen Linken (er nennt z.B. Agamben, Zizek, Badiou, Habermas und de Botton) das humanitäre und soziale Potenzial der Religion (zumal der christlichen) zu instrumentalisieren, ohne sich auf ihre inneren Überzeugungen jemals ernsthaft einzulassen und den eigenen Materialismus in Frage zu stellen.

Bauman hat sich, so weit ich sein Werk kenne, nie als religiöser Mensch geäußert. Anders Eagleton, der damit über Bauman hinausgeht und diesen Gedankengang schließt, indem er – zutreffend, wie ich finde – schreibt:

Dem christlichen Glauben geht es jedoch nicht um moralische Erbauung, politische Einheit oder ästhetischen Charme. Er setzt auch nicht bei irgendeiner ominös-verschwommenen ‚unendlichen Verantwortung‘ an. Er beginnt mit einem gekreuzigten Leib. (S. 206)

… Wenn religiöser Glaube von der Bürde befreit wäre, soziale Ordnungen mit Rechtfertigungen ihres Vorhandenseins zu möblieren, dann wäre er frei, seinen wahren Zweck wiederzuentdecken als Kritik all solcher Politik. So gesehen läge sein Heil in seiner Überflüssigkeit. Das Neue Testament sagt kaum etwas über staatsbürgerliche Verantwortung. Es ist überhaupt kein „zivilisiertes“ Dokument. Es zeigt keinerlei Begeisterung für gesellschaftlichen Konsens. […] Es untermauert nicht die Feld-Wald-und-Wiesen-Moral, sondern bringt die äußerst unbequeme Nachricht, dass unsere Lebensformen eine radikale Auflösung durchmachen müssen, wenn sie als gerechte und barmherzige Gemeinschaften wiedergeboren werden sollen. Das Zeichen dieser Auflösung ist die Solidarität mit den Armen und Ohnmächtigen. Hier könnte eine neue Konfiguration von Glaube, Kultur und Politik geboren werden.

Dazu in ein paar Tagen mehr.

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Ich hatte keine Lust, bis Dezember darauf zu warten, dass Ulrich Becks Metamorphose der Welt auf Deutsch erscheint, und mir das Englische Original besorgt. Mit dem kleinen Haken, dass ich nun Zitate wie dieses zurück ins Deutsche übersetzen muss, was Beck uns als Botschaft von großer Dringlichkeit hinterlassen hat:

Für diejenigen, deren metaphysische Gewissheit sich auf Nation, Ethnie oder Religion gründet, bricht die Welt zusammen. Ihre Verzweiflung bringt sie dazu, sich nationalem oder religiösem Fundamentalismus zuzuwenden. Folglich erzählen uns hunderte von soziologischen Studien, die fragten, was die Menschen denken, von einem Rückschlag hin zu renationalisierten Orientierungen. Das mag zutreffen im Blick auf das Denken der Leute, aber wie verhält es sich mit ihrem Handeln? Die Studien, die sich auf Orientierungen beschränken, gehen am Wesentlichen vorbei: Was auch immer Menschen denken oder glauben, sie entgehen dem Paradox der Metamorphose nicht, das es eine kosmospolitisierte Welt ist: Um ihren nationalen und religiösen Fundamentalismus zu verteidigen, müssen sie kosmopolitisch handeln – ja sogar denken und planen. Und damit treiben sie voran, was sie ursprünglich bekämpfen wollten: Die Metamorphose der Welt.

Beck hat seinen neuen Ansatz auch schon in diesem Vortrag skizziert, der dem Eingangskapitel des (erst nach seinem Tod erschienenen) Buches stark ähnelt. Die neuen, globalen Herausforderungen erfordern Antworten und Lösungen, die nicht mehr innerhalb der herkömmlichen nationalen, ethnischen und religiösen Lager entwickelt und gefunden werden können. Eine Zusammenarbeit ist nötig. Die anderen sind nicht einfach das Problem und das, was die eigene Seite zu bieten hat, ist nicht allein schon die Lösung. Die Welt wird nicht dadurch gerettet, dass alle werden wie wir.

Beck unterscheidet zwischen Glaubenssätzen und Aktivitätsfeldern. Glaubenssätze können weiterhin partikulär sein, die Aktivitätsfelder sind ausnahmslos kosmopolitisch. Sobald also jemand nicht nur denkt und doziert, sondern handelt, bekommt er es mit allen und allem zu tun. Seiner Zunft, den Sozialwissenschaften, wirft Beck nebenbei "methodologischen Nationalismus“ vor – sofern sie nämlich nur in den gewohnten Bahnen weiterdenken und dabei in allerlei Sackgassen enden. Angesichts der vielfach düsteren Prognosen von Experten fragt er:

Wie wir alle wissen, wird die Raupe in einen Schmetterling verwandelt. Aber weiß das der Schmetterling? Das ist die Frage, die man Katastrophikern stellen muss. Sie gleichen Raupen, die, eingepuppt im Weltbild ihrer Raupen-Existenz (ich will nicht sagen: ethnischer Existenz), keine Idee von Metamorphose haben. Sie vermögen nicht zu unterscheiden zwischen Zerfall und Anders-Werden. Sie sehen die Welt und ihre Werte untergehen, wo nicht die Welt, sondern ihr Weltbild untergeht.

Beim Lesen musste ich an einen bekannten Abschnitt aus Frederick Buechners „Beyond Words“ denken:

The grace of God means something like: “Here is your life. You might never have been, but you are, because the party wouldn’t have been complete without you. Here is the world. Beautiful and terrible things will happen. Don’t be afraid. I am with you. Nothing can ever separate us. It’s for you I created the universe. I love you.

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Gestern las ich bei Terry Eagleton einen bedenkenswerten Kommentar zur aktuellen Debatte um Kultur, namentlich die immens problematische Idee einer „Leitkultur“:

Es ist wahrscheinlicher, dass Kultur gesellschaftliche Spaltungen vertieft, statt zu versöhnen. Fangen Streitigkeiten erst einmal an, das Konzept von Kultur selbst zu infiltrieren – sind Wert, Sprache, Symbol, Verwandtschaft, Erbe, Identität und Gemeinschaft erst einmal politisch aufgeladen – hört die Kultur auf, Teil der Lösung zu sein und wird zum Teil des Problems. Sie bietet sich nicht mehr als gemeinschaftliche Alternative zu einseitigen Interessen an. Stattdessen macht sie aus einer Scheintranszendenz einen militanten Partikularismus. (Culture and the Death of God, S. 122)

Wer Leitkultur amtlich definieren und andere darauf verpflichten möchte, der nimmt sich als Konfliktpartei wie als verantwortliches Wesen aus dem Spiel und bürdet einseitig den anderen die Last auf, den sozialen Frieden zu sichern. Oder, noch wahrscheinlicher, er schiebt die Schuld für den schon längst gestörten Frieden einfach anderen in die Schuhe.

Wir haben ein Grundgesetz, wir haben die Charta der Menschenrechte. In dem Moment, wo wir anfangen, eine "Leitkultur" zu definieren (und ohne präzise Definition wäre sie nichts wert), kommen fast zwangsläufig solche Fragen auf den Tisch wie die, ob Schweinebraten dazugehört oder welche Kopfbedeckungen und Badekleidung den Frieden im Land stören. Interessanterweise scheinen sich die Leute (und Parteien), die sich über solche Fragen ereifern, an Menschenrechten und Grundgesetz eigenartig desinteressiert.

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"Ist das Universum fertig?", fragt Rob Bell in der zweiten Auflage seines „Everything is Spiritual“-Vortrags. Seit 13 Milliarden Jahren dehnt es sich aus, vertieft und entfaltet eine immer vielschichtigere Komplexität. Vom subatomaren Partikeln zur Galaxie, von der Materie zum Organismus, vom Einzelwesen zum Schwarm und vom Unbewussten zum Bewusstsein, das zur Sprache und Selbstreflexion fähig ist. Setzt sich diese Entwicklung fort - und wie würde das wohl aussehen? Mehr noch: was hätte das mit uns Menschen zu tun?

Warum beschäftigt uns die Zukunft überhaupt? Kann es Neues geben, ist die Zukunft offen, oder ist alles schon determiniert durch Vergangenheit und Gegenwart und die bekannten Kräfte und Mechanismen? Muss man also Neuschöpfung streng supranaturalistisch als völlige Diskontinuität zum Bestehenden denken, oder den Gedanken an eine echte Transformation der Welt als überholten Mythos verwerfen?

Ein paar Tage später begegnete mir das Thema in der Pfingstpredigt von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Und auch hier ging es um Zukunft und Hoffnung:

Die Spuren des Heiligen Geistes mit seiner Kraft zum Neuen, zum Überraschenden, sind bis in die Wissenschaften hinein zu finden. Ja, auch die moderne Wissenschaft kennt ein Phänomen, das man als Spur des Heiligen Geistes verstehen kann. Die Wissenschaftler nennen es „Emergenz“. Emergenz kommt vom Lateinischen „emergere“ und heißt wörtlich übersetzt „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“) Es bezeichnet „die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“ – so kann man es in Wikipedia finden. Das Spannende ist, dass sich diese neuen Eigenschaften nicht aus dem Prinzip Ursache-Wirkung erklären lassen. Wissenschaftler können normalerweise beschreiben, wie Dinge aus anderen Dingen entstehen. Es gibt aber eben auch Phänomene, bei denen diese Erklärung auch aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich unmöglich ist. Phänomene, die nachweisbar nicht aus irgendwelchen wissenschaftlich im Prinzip beschreibbaren Ursachen zu erklären sind.

Der Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin spricht in seinem Buch „Abschied von der Weltformel“ von einem Paradigmenwechsel in der Wissenschaft:

Sosehr mir die Vorstellung von Zeitaltern auch missfällt, so gut lässt sich meiner Ansicht nach vertreten, dass die Wissenschaft mittlerweile von einem Zeitalter des Reduktionismus in ein Zeitalter der Emergenz übergegangen ist, eine Ära, in der die Suche nach den letzten Ursachen der Dinge sich von Verhalten der Teile auf das Verhalten des Kollektivs verlagert.

Die Vorstellung des Reduktionismus war, man könne eine Weltformel finden, indem man die Welt in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt und deren Gesetzmäßigkeit ermittelt, und dass mittels dieser Formel exakte Vorhersagen und umfassende Kontrolle möglich würden. Laughlin betrachtet Emergenz – der Begriff stammt ja ursprünglich aus der Biologie – als ein Phänomen, mit dem es alle Wissenschaften zu tun haben:

Emergenz bedeutet Unvorhersagbarkeit in dem Sinn, dass kleine Ereignisse große und qualitative Veränderungen bei größeren Vorgängen verursachen. Emergenz steht für die grundsätzliche Unmöglichkeit der Kontrolle. Emergenz ist ein Naturgesetz, dem die Menschen unterworfen sind.

Wenn Emergenz – und das bekräftigt Laughlin ohne Einschränkungen – auch für menschliches Verhalten und Bewusstsein gilt, dann ist sie auch Thema der Theologie (Michael Welker hat das auf die Pneumatologie bezogen, Berndt Hamm auf die Kirchengeschichte).

Und wenn wir es heute in der Kirche (angesichts emergenter Veränderungen unserer sozialen Strukturen und Ökosysteme) mit einem reaktionären, auf Kontrolle bedachten Traditionalismus zu tun haben, wenn in der Politik die nationale Rolle rückwärts als Schritt zur Wiedererlangung verlorener Herrschaft über komplexe, globale Umstände propagiert wird und monokausale Lösungsstrategien als Heilsbringer angepriesen werden, dann zeichnet sich auch darin ab, dass Emergenz ein Thema ist, das uns auf absehbare Zeit erhalten bleibt. Und dass die Heilsversprechen der Traditionalisten mindestens Illusionen sind, oft aber Behauptungen wider besseres Wissen – Lügen also.

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Sehr wahrscheinlich war ich nicht der einzige, der sich in den letzten Tagen Gedanken über das zweite Kapitel der Apostelgeschichte gemacht hat. Wie geht man mit einem solchen Text um? Mir sind vier mäßig gute Wege dazu eingefallen:

Das verklärte Andenken: So war das mal. Die gute alte Zeit. Hach…

Der hohe Anspruch: Die begeisterte Urgemeinde als Ideal, an dem wir uns messen lassen müssen.

Die technische Anleitung: Wenn wir es genauso machen wie die Jünger damals (z.B. täglich zusammen beten und ein Herz und eine Seele sind), bekommen wir dieselben Ergebnisse (exponentielles Gemeindewachstum wie in Korea, Nigeria, oder anderen Boomregionen des Glaubens).

Die Schrift als Beweisstück der Anklage: Die Leute damals hatten viel mehr von dem, was wir uns wünschen/haben sollten/brauchen. Was zur nächsten Frage führt, nämlich: Wer ist daran schuld, dass es bei uns so mau aussieht? Wir alle? Das Lager unserer theologischen Gegner? Die Gemeinde- oder Kirchenleitung? Die Kirchenmusik?

Ein (nicht sonderlich origineller) Spezialfall der letzten Variante ist die schroffe Antithese von Heiligem Geist und Zeitgeist. In der Regel reklamierten Konservative gern ersteren für sich und warfen all jenen, die sich auf die komplexen Fragen unserer Gesellschaft einlassen, vor, sie ließen sich vom Zeitgeist verführen. So weit, so langweilig.

Inzwischen allerdings kehrt sich diese Geschichte um: Der Zeitgeist hat längst ausgesprochen reaktionäre Züge angenommen. Er neigt zur Abschottung, zum Autoritarismus und zur Angstmacherei vor allem Fremden. Der Zeitgeist 2016 liebt starke Männer und einfache Antworten, er hegt Ressentiments gegen Intellektuelle und Journalisten ("Gutmenschen“ eben, oder alles, was als „links“ und „liberal" wahrgenommen wird). Er traut nur denen, die denselben Dialekt sprechen, und definiert Identität im Ausschlussverfahren.

Diese Bewegungen haben gerade weltweit mächtig Aufwind. Aber mit Gottes Geist hat das herzlich wenig zu tun, auch wenn das Brausen derzeit mächtig ist und es an vielen Stellen zu brennen beginnt. Wenn ich allerdings lese, was Papst Franziskus oder der Rat der EKD dazu schreiben, dann ist mir um die Kirche nicht bange. Es ist noch genug guter Geist da, um Widerstand zu üben.

In diesem Sinne - frohe Pfingsten!

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Vor ein paar Wochen habe ich mich hier schon einmal mit dem Thema Autoritarismus beschäftigt. Nun hat mich Björn Wagner auf einen Artikel aufmerksam gemacht, der das Thema im Zusammenhang mit Donald Trump und dem US-Wahlkampf beleuchtet. Autoritäre Denkmuster sind der Hintergrund für den Überraschungserfolg von Donald Trump und den Aufstieg des Rechtspopulismus.

Wenn Menschen mit autoritären Denk- und Reaktionsmustern verunsichert werden, schreibt Jonathan Haidt, reagieren sie folgendermaßen: "In case of moral threat, lock down the borders, kick out those who are different, and punish those who are morally deviant.“

Nachdem es schwierig ist, von Menschen ehrliche Antworten über ihre politischen Ansichten zu bekommen, Autoritarismus aber eher ein stabiler Charakterzug zu sein scheint als eine flüchtige und nur aus Politische bezogene Präferenz, befragte Stanley Feldman seine Probanden einfach zu ihren Vorstellungen von Erziehung und Elternschaft – und erhielt aussagekräftige Ergebnisse. Die Fragen lauteten:

  • Was ist wichtiger für ein Kind: Unabhängigkeit oder Respekt gegenüber Älteren?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Gehorsam oder Selbstvertrauen?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Rücksichtsvoll zu sein oder folgsam?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Neugier oder gute Manieren?

Bisher, sagen die Autoren, spielte der Autoritarismus nur eine Nebenrolle in der Politik, doch der gesellschaftliche Wandel wirkt sich auch hier aus. Waren autoritär denkende Wähler zuvor unter den Sympathisanten allen Parteien zu finden, sammeln sie sich nun bei den Rechtspopulisten. Eine eher apolitische Mentalität wird zu einer aktiven politischen Kraft. Aktiviert wird diese Bewegung durch Verunsicherung und die Furcht vor Bedrohungen von außen. Und furchterregender als die Kandidaten ist dabei der Fanatismus ihrer empörten Unterstützer.

Wenn man die vier Fragen oben betrachtet, dann bekommt man eine Ahnung, wie groß das rechte Wählerpotenzial auf allen Seiten des großen Teichs sein könnte. Noch nicht so ganz klar ist mir indes, ob der Autoritarismus in der Bevölkerung durch diese Aktivierung gerade zunimmt, wie er abgebaut werden kann oder ob man erst einmal damit leben muss und hoffen, dass nur mittelmäßige Demagogen davon profitieren.

Der Zulauf der Autoritären kommt aus allen politischen Lagern, die Zerreißprobe spielt sich im konservativen Spektrum ab. Der Artikel rechnet damit, dass sich die republikanische Partei in einen autoritären und einen moderaten Flügel spalten könnte, bei uns etabliert sich die AfD rechts der Unionsparteien und im kirchlichen Spektrum stehen moderat Konservative vor der Frage, wie sie sich zwischen eher liberalen Christen zur Linken und den zunehmend kompromisslosen Fundamentalisten zur Rechten positionieren sollen. Auf welcher Seite wer am Ende steht, das könnte an der Antwort auf die vier Fragen oben ablesbar sein.

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Ich muss gestehen, dass ich zu jenen Bürgern gehöre, die in den vielen Umfragen, die derzeit durchgeführt werden, zu Protokoll geben, dass ihre Sorgen im Zuge der Flüchtlingskrise zugenommen haben. Was mir dabei weniger Sorge macht, das sind die Flüchtlinge selbst oder unser Wohlstand. Wirklich besorgt bin ich über das, was in den letzten Monaten an Hetze, Hass, Gewalt unter uns Deutschen aufgebrochen ist und über die Vorurteile, Ressentiments, den Nationalismus und die Angstmacherei, die dem Ganzen zugrundeliegen.

Vor einiger Zeit habe ich das im Blick auf die europäische Entwicklung schon einmal in Worte gefasst. Und mich ein paar Tage später von der heute show (ab 44:40) bestens verstanden gefühlt.

Hilfreich fand ich in diesem Zusammenhang auch Philipp Bloms Analyse des autoritären Traums, der sich vom liberalen Denken der Aufklärung verabschiedet. Er…

sieht die Welt in Kollektiven, in Völkern und historischen Gemeinschaften, um deren Reinheit und Fortbestand er besorgt ist. Er spricht von traditionellen Werten und sieht sich verachtet. Er wütet gegen die Dekadenz der liberalen Gesellschaft und "unnatürliche" sexuelle Ausschweifungen. Er sieht Frauen in traditionellen Rollen und achtet Fremde, solange sie in der Fremde bleiben. Sein Verständnis von Kultur ist essentialistisch. Wo er "Kultur" sagt, sprach man vor 80 Jahren noch von "Rasse". Politisch setzt er auf starke Führungspersönlichkeiten. Nennen wir ihn den autoritären Traum. Er hat seinen Ursprung in dem Gefühl, betrogen worden zu sein.

Ziemlich analog zu dieser Polarisierung verläuft in der evangelikalen Welt gerade der Konflikt, der sich an Michael Dieners Interview mit der Welt entzündet. Obwohl Diener gar keine liberalen Positionen vertritt, sondern als Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland lediglich seinen Respekt für Mitchristen ausdrückt, die in der Frage gleichgeschlechtlicher Liebe und Partnerschaft anders denken, wird er zur Zielscheibe antiliberaler Kritik aus der Feder von Ulrich Parzany, die von idea bereitwillig verbreitet wird. Auch hier spricht jemand von traditionellen Werten und fühlt sich verachtet – und jeder, der diejenigen achtet, von denen man sich selbst verachtet fühlt, wird automatisch zur Gefahr: Parzany lässt durchblicken, dass er Diener für eine Art EKD-Irrlehren-Trojaner hält und einen autoritäreren Kurs gegen abweichende Meinungen favorisiert.

the authoritarian mind by fallsroad, on Flickr
"the authoritarian mind" (CC BY-NC-ND 2.0) by fallsroad

Blom trifft diese polemisierende und polarisierende Denkweise recht gut mit der folgenden Formulierung:

Der Vision einer intakten, rechtgläubigen und reinen Gesellschaft stellt der autoritäre Traum ein Bild des orientierungslos hedonistischen Relativismus gegenüber, das Leben in der Geldmaschine, gelenkt von fremden Mächten, ein zügelloses großes Fressen bei dem alles erlaubt ist und nichts etwas bedeutet, ein Leben ohne Ehre und Spiritualität.

Die Gefahr des autoritären Traums ist um so größer, desto unkritischer der liberale Traum gelebt wird. Das geschieht, wenn man Fortschritt und Demokratie für einen Selbstläufer hält, der keinen persönlichen Einsatz erfordert. Es geschieht auch dadurch, dass unsere liberalen Demokratien mit den Plutokraten dieser Welt paktieren – den Großkonzernen, den Wirtschaftseliten und den autokratischen Herrschern. Er nimmt Schaden, wo wir uns nicht mehr als Bürger verstehen und Verantwortung übernehmen, sondern nur noch Konsumenten sind. Überall da, wo wir in Fragen der Freiheit und Gleichheit aller Menschen nicht konsequent am Ball bleiben, sondern halbherzig und nachlässig werden.

Der Traum von den Menschenrechten, sagt Blom, ist ein verwundbarer Traum. Die Alternative – für Deutschland wie für Europa – ist allerdings beklemmend:

Es ist nicht schwer, sich eine nahe Zukunft vorzustellen, in der eine von Zäunen und Mauern umgebende, alternde und zunehmend ängstliche und autoritäre Festung Europa neben einem orthodoxen Großrussland und einem islamischen Kalifat im Nahen Osten lebt. Es wäre ein neues, uraltes Einverständnis zwischen Herrschern und Beherrschten, eine Art Wertegemeinschaft und ein gigantischer kultureller Zusammenbruch.

Solche Verhältnisse zu verhindern ist eine politische und eine spirituelle Aufgabe. Auch wenn es zwischendurch immer mal düster aussieht und wenn Rückschläge nicht nur drohen, sondern eintreten – wir dürfen nicht aufgeben. Parker Palmer schreibt dieses Jahr zum Weihnachtsfest davon, wie riskant es sein kann, wenn Worte Fleisch annehmen:

Oft gibt es eine zermürbende Kluft zwischen den guten Worten, die wir sagen, und dem, wie wir leben. In persönlichen Beziehungen und in der Politik, den Massenmedien, der akademischen Welt und der organisierten Religion neigen unsere guten Worte dazu, in dem Augenblick, wo sie unsere Lippen verlassen, davonzutreiben und sich in eine Höhe aufzuschwingen, wo sie die conditio humana weder widerspiegeln noch berühren.

Wir sehnen uns danach, dass Worte wie Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit Fleisch werden und unter uns wohnen. Aber in unserer gewalttätigen Welt ist es eine riskante Angelegenheit, solche Worte in unser verletzlichen Fleisch zu hüllen, und diese Aussichten gefallen uns nicht.

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bevor Du Dich wunderst, ich weiß schon, dass Du nicht identisch bist mit den Eliten und Bürokratien, die Dich verwalten. Die Dein Wohl mehren sollten, aber oft genug nur ihren eigenen Vorteil und den ihrer Klientel im Sinn haben. Aber dann gibt es Tage, an denen der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein kluges Urteil fällt, und ich bin wieder ein bisschen versöhnt mit Dir.

Aber Du musst Dich wohl wundern, dass hier ein Deutscher schreibt: Aus dem Land der satten Exportüberschüsse, das dem Süden Europas mit seiner Sparwut und herablassenden Lektionen über schwäbische Hausfrauen in soziale Krisen gestürzt hat, die in dieser Schärfe nicht nötig gewesen wären, und das sich zugleich über viele Jahre hinweg einen Dreck darum kümmerte, wie Italien und Griechenland mit Flüchtlingen umgehen. Wir haben keine Hilfe angeboten und uns ab und zu über die (tatsächlich untragbaren) Verhältnisse mokiert. Ach ja, und wir haben die europäischen Umweltnormen für unsere Automobilindustrie zurechtgebogen, die WM 2006 gekauft, und auch wenn es uns ab und zu etwas peinlich ist, wird sind immer noch einer der größten Waffenexporteure der Welt.

Du siehst schon, liebes Europa, ich sollte eigentlich hier aufhören. Aber ich kann nicht. Denn in diesem Jahr haben einige von uns – nicht die Eliten, nicht die Bürokraten (oder wenn welche darunter waren, dann in ihrer Freizeit, als Privatleute) – uns endlich ein Herz gefasst, sind auf die Bahnhöfe in München und anderswo gegangen und haben das getan, was wir schon lange hätten tun müssen: Den Menschen, die zu uns geflohen sind, einen freundlichen Empfang bereitet und für eine möglichst menschenwürdige Aufnahme gesorgt. Und irgendwann hat unsere Kanzlerin das begriffen und gesagt, dass wir das schaffen. Wir wissen nicht, wie lange sie das durchhält. Und auch wenn einige von uns müde und erschöpft sind ab und zu, glauben wir das immer noch. Egal, wie viele Seehofers und Söders das jeden Tag schlechtreden und wie viele Rechte uns dafür beschimpfen oder – rhetorisch wie praktisch – Brände legen.

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Natürlich ist es verwunderlich, dass wir es auf einmal sind, die (als einzige?) laut sagen, dass „Dublin" nicht funktioniert und auch nie mehr funktionieren wird. Wir haben ja lange davon profitiert, wirst Du sagen. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimme - wir hatten zwar unsere Ruhe, aber es war die schändliche Ruhe des Wegduckens. Und natürlich hat dieser Alleingang alte Wunden aufgerissen und zusätzlich all jene beunruhigt, die noch immer meinen, sie könnten einfach so weiter machen wie bisher, und Europa sei dazu da, genau das zu garantieren.

Ich war, so lange ich denken kann, ein überzeugter Europäer. Aber dieses Jahr frage ich mich zum ersten Mal ernsthaft, ob wir das schaffen.

  • Schaffen wir es, mehr als nur eine Freihandelszone für Geld und Waren zu sein (und steuerbefreiten Großkonzernen mit ihren emsigen Lobbyisten), aber mit Zäunen für Menschen, Herr Cameron?
  • Schaffen wir es, bessere und menschlichere Antworten auf die Herausforderungen des Islamismus und des Terrors zu geben, als nun planlos Bomben irgendwo abzuwerfen (einfach deshalb, weil es sich irgendwie besser anfühlt als nichts zu tun und weil wir wissen, dass wir das ganz gut können), Herr Hollande?
  • Schaffen wir es, uns von einem Nationalismus zu verabschieden, der seit dem 19. Jahrhundert nur Unheil anrichtet, liebe Polen, Ungarn oder Tschechen und Slowaken?
  • Schaffen wir das, liebe „C-Parteien“ und Bürgerliche, wenn es Euch (allem Augenschein zum Trotz) wirklich ernst sein sollte mit dem „C", auf den Papst und den Ökumenischen Rat zu hören, wenn es um die Teilhabe der Armen und der Fremden geht?
  • Schaffen wir alle es, den rechten Scharfmachern und Hasspredigern unaufgeregt, beharrlich und konsequent das Wasser abzugraben?
  • Schaffen wir es, dass die Schere zwischen Arm und Reich, den Chancenlosen und den Privilegierten nicht immer noch weiter aufgeht?

Mir graut vor einem Europa, das sich gewaltsam (anders wird es nicht gehen!) abschottet und nur noch Almosen verteilt. Mir graut vor einem Europa, in dem manche die Bedrohung durch Putin beschwören und dann genau dieselben autoritären und nationalistischen Strukturen etablieren, wie wir sie in Russland sehen. Mir graut vor einem Europa, in dem jeder nur Kumpane für die jeweils eigenen egoistischen Zwecke sucht, ein Europa, das von seinen Ängsten und Albträumen umgetrieben wird, sich nach starken Männern (und blonden Frauen) sehnt und zugleich gnadenlos alles dafür tut, dass die Furcht immer neue Nahrung bekommt.

Das wäre dann nicht mehr mein Europa.

Liebes Europa, Du hast 2011 den Friedensnobelpreis bekommen. Wir dachten (vielleicht hofften wir auch nur), du hättest verstanden, dass damit auch ein moralischer Anspruch verbunden ist, der mit Deinen – unseren! – ureigensten Werten, Träumen und Visionen zu tun hat. Die Quintessenz deines mühsamens Lernens und deiner oft blutigen Geschichte; die Einsicht, dass die Kolonialisierung der Welt mit unzähligen Verbrechen einherging und dass wir uns heute dieser Verantwortung stellen müssen; die Bereitschaft, dass uns (klar, auch uns Deutsche!) das etwas kosten darf: All das schwang doch mit damals, oder?

Wenn es die Frage nach der Mitmenschlichkeit und Offenheit ist, an der Europa nun zu zerbrechen droht, dann weiß ich nicht, was ich mir wünschen sollte. Soll ich hoffen, dass sich alles zum Guten wendet, wenn die Flüchtlingsfreunde ein bisschen einlenken und den „Flüchtlingskritikern" ein bisschen Recht geben – und die Zeit, sich eines Besseren zu besinnen (aber ist das überhaupt eine Frage der Zeit)? Der Riss geht ja längst nicht nur durch die Staaten der EU, sondern auch durch die Bevölkerung aller dieser Staaten. Oder hätten wir mit solchen Kompromissen, die ja wahrlich nichts Neues darstellen, schon fast alles verspielt, was an Europa jemals schützenswert war? Müsste eine Beziehung, die anscheinend auf falschen Prämissen und Erwartungen beruht, vielleicht besser gelöst und noch einmal neu verhandelt werden? Und haben wir gerade jetzt überhaupt die Zeit dazu, dich – uns! – neu zu erfinden?

Ein Europa der Rechten, von UKIP über FN bis PiS und von den Schwedendemokraten bis Fidesz, hätte sich quasi selbst abgeschafft, egal welche Institutionen diese politischen Geisterfahrer überrollen und welche nicht. Doch unabhängig davon, ob der nationale und rassistische Backlash bei uns und in anderen EU-Staaten (und den USA) in nächster Zeit noch weiter zunimmt, wir haben in diesem Jahr etwas Entscheidendes gelernt:

Wenn wir mutig und entschlossen handeln und uns für die Schwachen stark machen, dann können wir auch unsere anderweitig taktierenden Kompromisspolitiker wie Angela Merkel – heute von Time zur Person des Jahres gekürt, warum nur? – zu unerwartet kühnen Schritten in die richtige Richtung verführen und sogar eine zappelnde und zeternde CSU im Stillen gegen jene ureigensten Überzeugungen handeln lassen, die sie nicht laut genug herumposaunen kann. Wollen wir doch mal sehen, ob sich das nicht ausbauen und exportieren lässt, und wo sich überall Verbündete finden. Auch in Sachen Klimaschutz und Energiewende funktioniert es nur so, dass Aktivisten die Regierenden vor sich hertreiben.

Was wir dagegen nicht können und dürfen, ist abwarten. Abwarten, ob noch mehr Menschen auf der Flucht umkommen. Abwarten, ob die etablierten Parteien, die es den Rechten oft so leicht gemacht haben, sie zu diskreditieren, das Gemeinwohl endlich über ihre Wahltaktik und Lieblingsideen stellen. Abwarten, ob wir wahrgenommen, nach unserer Meinung gefragt oder irgendwohin eingeladen werden. Abwarten, ob der rechte Spuk sich wieder verliert. Abwarten, ob der Hass nur den Muslimen gilt oder eben doch auch den Christen, die ein klares Profil zeigen. Letzte Woche habe ich einen Brief von Martin Luther King gelesen. Er enthält einen Aufruf zum Handeln, an den ich in diesen Tagen immer wieder erinnert wurde:

Ich glaube allmählich, dass die Menschen bösen Willens ihre Zeit wesentlich nützlicher verwendet haben als die Menschen guten Willens. Unsere Generation wird eines Tages nicht nur die ätzenden Worte und schlimmen Taten der schlechten Menschen zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der guten. Wir müssen erkennen lernen, dass menschlicher Fortschritt niemals auf den Rädern des Unvermeidlichen heranrollt. Er ist das Ergebnis unermüdlicher Bemühungen und beharrlichen Einsatzes von Menschen, die bereit sind, Mitarbeiter Gottes zu sein. Ohne solche Anstrengungen wird die Zeit zum Verbündeten der Kräfte des sozialen Stillstandes.

Liebes Europa, das hat King vor 50 Jahren geschrieben und sein Kampf ist heute noch nicht endgültig gewonnen. Aber auch wenn es 50 Jahre oder länger dauert, diesen Kampf zu gewinnen, werden wir Dir keine Ruhe mehr lassen.

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In „Die gnadenlose Liebe“ erzählt Slavoj Žižek die Geschichte von einer Frau, deren Mann früh verstarb. Sie blieb nach dem Verlust ganz ruhig und zeigte keinerlei Anzeichen von Trauer oder einer Krise. Als aber ein paar Monate später auch der Hund starb, kam es zum Zusammenbruch. Zizek erzählt die Geschichte als Beispiel für die psychologische Funktionsweise eines Fetisch. Der Fetisch macht es möglich, nach einem schweren Verlust die Normalität aufrecht zu erhalten. Sein Vorhandensein verdeckt die entstandene Lücke so, dass sie keine Rolle mehr spielt.

Als ich die Reaktionen auf Helmut Schmidts Tod las, habe ich mich wieder an die Geschichte erinnert. Irgendwie war die alte, heile, aus Tugenden und Wirtschaftswunder geborene, familiär und übersichtlich anmutende Bundesrepublik in seiner Person immer noch präsent. Dass er sich treu blieb und seine Gewohnheiten (bei anderen Menschen wären es Macken und Marotten gewesen) so unbekümmert zelebrierte, verstärkte diesen Eindruck.

Former Bundeskanzler Helmut Schmidt by Hardo, on Flickr
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Mit dem anderen Helmut begann, auch wenn das im Grunde gar nicht zu ihm passte, der Wandel zur Unübersichtlichkeit. Dieser hat sich, begünstigt vom neoliberalen Zeitgeist, seither ausgeweitet und beschleunigt und uns allerhand neue Risiken beschert. Krisen sind nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Der Optimismus, dass die Entwicklung kontinuierlich (und mehr oder weniger von selbst, ohne unser Zutun) hin zu mehr Frieden und Wohlstand verlaufen würde, ist dahin. Das Vertrauen in die Eliten ist (unter deren tatkräftiger Mitwirkung) zusammengebrochen.

Eigentlich ist uns das alles längst bewusst. Und jetzt, wo Helmut Schmidt als Stimme der Vernunft und Normalität verstummt ist, ist niemand mehr da, der sein Erbe antritt. Uns fehlt plötzlich der vertraute Märchenonkel, der uns abschirmt gegen die harte Wirklichkeit. Er kann uns keine Gutenachtgeschichten mehr vorlesen, die gegen die Albträume helfen, weil in ihnen am Ende alle glücklich werden. Wenn wir jetzt schlafen gehen, scheint kein Licht mehr durch den Türspalt.

Wenn es eine angemessene Reaktion auf seinen Tod gibt, dann die, dass wir uns unseren Ängsten stellen – die begründeten ernst nehmen und die unbegründeten hinter uns lassen – und dann den Mut aufbringen, für eine bessere Welt zu kämpfen. Vielleicht schneiden wir uns dabei eine Scheibe von seiner Sturheit ab.

Schaffen wir das?

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Neulich beim Autofahren lief im Radio „Herz über Kopf“. Es geht um eine Beziehung, in der anscheinend nichts mehr funktioniert, aber in der beide Partner sich nicht von einander losreißen können: "Der Zug ist abgefahr'n, die Zeit verschenkt. Fühlt sich so richtig an, doch ist so falsch“.

So weit, so melodramatisch. Steht Verstand gegen Gefühl, verliert eben der Verstand. Oder?

Dasselbe Motiv spielt gerade eine große Rolle in der Politik. Da melden sich selbsterklärte „Stimmen der Vernunft“ zu Wort und halten den anderen, allen voran der Bundeskanzlerin, ihre Gefühlsduselei in der Flüchtlingsfrage vor, mit der sie schweren Schaden anrichtet, und der Hinweis auf das Gewissen wird dann, je nach Bedarf und Couleur, als moralischer Imperialismus, Gutmenschentum, verkappter Egoismus, und Verrat am Volk gewertet. Kopf über Herz, so möchten sich diese Kritiker verstanden wissen.

Beidesmal stimmt die Entgegensetzung aber nicht.

Jemand, der aus Angst, Gewohnheit oder Phantasielosigkeit an einer intimen Beziehung festhält, die ihm nicht gut tut, handelt durchaus rational, wenn auch in einem reduzierten und für Außenstehende befremdlichen Sinn. Und zugleich hört er meist auch nicht genug auf das Herz, das durchaus in der Lage ist, zu erkennen, wann eine Beziehung toxisch geworden ist. Er denkt und fühlt aber nicht weiter als bis zur nächsten kurzfristigen Wiederkehr des Vertrauten – Kater eingeschlossen. Bei einer endgültigen Trennung wäre man ja selbst verantwortlich für das eigene Unglück. Es stimmt also weder im Herzen noch im Kopf.

 

Wer sich für Solidarität mit Flüchtlingen einsetzt, wer das Asylrecht und die Menschenrechte für nicht verhandelbar hält, wer sich hier kategorisch in der Pflicht und unbedingt gefordert sieht, zu helfen und sich einzusetzen (praktisch wie politisch), handelt keineswegs unvernünftig. Er folgt nur nicht der berechnenden, kühl kalkulierenden und konkurrierenden Vernunft derer, die sich das Elend dieser Welt (das sie aktiv und passiv mit verschuldet haben) so weit wie möglich vom Leib halten wollen, etwa mit so realitätsverzerrenden Parolen wie: "Wir können schließlich nicht die ganze Welt retten.“

Vielmehr folgt er oder sie der empathischen Vernunft, die sich mit dem Leid anderer identifiziert, die die eigene Verantwortung und Zuständigkeit nicht nach Gusto, und mit dieser emphatischen Vernunft verbindet sich ein Rechtsverständnis, für das Grund- und Menschenrechte nicht unter Finanzierungsvorbehalt stehen. Eine Vernunft, die weit genug blickt, um zu erkennen, dass jeder Verzicht auf Mitmenschlichkeit auch bei uns selbst langfristig irreparablen Schaden anrichtet.

Die berechnende Vernunft derer, die nach Zäunen, Truppen und Kontrollen rufen, die die Risiken (freilich geht es nicht ohne Risiko) grell und die Hoffnung blass zeichnet, ist aber auch in einer anderen Hinsicht der Haltung ähnlich, die in „Herz über Kopf“ anklingt: Sie hält an dem ungesunden Verhältnis fest, in dem wir Deutschen und Europäer uns gegenüber dem Rest der Welt befinden – unsere seit Generationen bestehende, dauerhafte Mitverantwortung für Armut und politisch-religiösen Extremismus in Afrika, Syrien, dem Irak oder Afghanistan – als wäre es etwas unverrückbar Schicksalhaftes, und die hätschelt die eigenen Verlustängste, indem sie die Weigerung zu Teilen, zu Verzicht und zur Anpassung des eigenen Lebensstils an veränderte globale und lokale Verhältnisse als eine besonders erhabene Form von Verantwortung verkleidet.

Der eine hat Angst, sich aus einer ungesunden Symbiose zu lösen, weil er dann irgendwie nicht mehr er selbst wäre. Auch sein Kopf versagt vor der Aufgabe, einen neuen Lebensentwurf zu erschaffen. Die anderen schüren die Panik, dass wir nicht mehr wir selbst sein könnten, wenn wir "alles Elend dieser Welt" über unsere Grenzen „schwappen" lassen und erwecken den irrigen Eindruck, es gäbe einen Weg zurück zum Business as Usual. Auch hier ist ein neuer Lebensentwurf unausweichlich. In der Charta der Menschenrechte steht nichts von einem Anspruch darauf, von Veränderungen verschont zu bleiben. Und in der Bibel schon gleich gar nicht.

Der Zug zurück in heile (weil vergangene) Welten "ist abgefahrn". Je eher wir das begreifen und uns der Herausforderung an unsere denkendes Herz (um es mit Etty Hillesum zu sagen) stellen, desto eher schwindet die Angst und mit ihr die Macht derer, die sie für eigene Zwecke ausbeuten.

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Man weiß ja nie, was noch alles kommt, aber so, wie es momentan aussieht, ist die Flüchtlingsfrage die größte politische Herausforderung dieses Jahrzehnts, für Deutschland wie für Europa – und die größte geistliche Herausforderung für uns Christen.

Die letzen Wochen waren eine Sternstunde der Zivilgesellschaft, die eine zögernde, planlose und widerwillig agierende Bundesregierung (verkörpert durch den Innenminister) vor sich hergetrieben hat. Dessen „Lösungen“, angefangen vom Beharren auf den Dublin-Verträgen, die die Probleme auf Italien und Griechenland abwälzten, bis hin zum kopflosen Hin und Her, was die Seenotrettung im Mittelmeer angeht, haben samt und sonders versagt und dazu beigetragen, dass sich auch in den anderen europäischen Ländern die Illusion verbreitet hat, man könne sich abschotten. Der Bund deutscher Kriminalbeamter fasste das Versagen jüngst so zusammen:

Hätten sich unsere verantwortlichen Politiker auf EU- und Bundesebene nicht diesen Erkenntnissen nach dem Prinzip der drei Affen (nichts hören, nichts sehen, nichts sagen) verschlossen, hätten wir uns auf die Situation ganz anders einstellen können. Wir hätten heute keine überquellenden Züge und Bahnhöfe und überforderte Länder, Städte und Kommunen gehabt, die nicht wissen, wie sie der Lage noch Herr bleiben können. Wir hätten fast 5 Jahre Zeit gehabt, uns auf die kommenden Herausforderungen einzustellen. Wir hätten Aufnahmeeinrichtungen in ausreichender Anzahl aufbauen und die notwendige Logistik bereitstellen können. Wir hätten die Flüchtlinge menschenwürdig in ihre Unterkünfte transportieren und unterbringen können. Haben wir aber nicht.

Syrian Refugees by FreedomHouse, on Flickr
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Das muss nun mühsam korrigiert werden, ebenso wie die Versäumnisse dabei, sich rechtzeitig auf den Andrang derer einzustellen, die vor Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat fliehen mussten. Erstaunlicher- und erfreulicherweise hat sich die Kanzlerin hier nun klar positioniert, zuletzt gestern, als sie klarstellte:  "Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

Ein paar wundersame Schwarze hingegen preisen sich stolz als die Stimme der Vernunft an, weil vermeintlich naive Idealisten vor ihrer eigenen kopflosen Hilfsbereitschaft gerettet werden, indem an der Grenze zu Österreich wieder kontrolliert wird. Das alles sind offensichtlich Scheingefechte. Konkret anzubieten haben die Advokaten der Abschottung nur Parolen und bürokratische Konzepte, die schon versagt haben. In dieser Situation reißt sogar bayerischen Katholiken der Geduldsfaden: Der Fürther Dekan Hermany hat die Einladung von Viktor Orban zur CSU nach Kloster Banz nächste Woche scharf kritisiert. Orban schürt in Ungarn seit Jahren Fremdenfeindlichkeit und schränkt die Bürgerrechte massiv ein.

Bleiben wir kurz in der katholischen Welt: Paul M. Zulehner hat in einem äußerst lesenswerten Vortrag zum Umbau der Kirchen in dieser Krisenzeit jüngst auf Jesus und das Evangelium vom Reich Gottes, die Rede vom kosmischen Christus und das Pfingstereignis hingewiesen, und folgert dann:

Die Sorgen der Kirche um das Heil ihrer Mitglieder sowie um die ihr ständig abgeforderte Reform an Haupt und Gliedern, werden nicht belanglos, rücken aber in den Hintergrund. Im Mittelpunkt steht nunmehr die Sorge Gottes um seine eine Welt. […] Das relativiert die Kirche hin auf die mit der Weltgeschichte idente Heilsgeschichte, weitet also ihren Horizont soteriologisch enorm. Wesentlich ist für diese Überlegungen, dass die Menschheit bei allen Unterschieden der Kulturen und Personen als eine gesehen wird. Weil nur ein Gott ist, ist jede eine, ist jeder einer von uns. Also ist auch Aylan, das tote Kind am Strand von Kos, einer von uns.

Die leitenden Geistlichen der Evangelischen Landeskirchen haben diese Woche erfreulich eindeutig festgestellt:

Gott liebt alle seine Geschöpfe und will ihnen Nahrung, Auskommen und Wohnung auf dieser Erde geben. Wir sehen mit Sorge, dass diese guten Gaben Gottes Millionen von Menschen verwehrt sind. Hunger, Verfolgung und Gewalt bedrücken sie. Viele von ihnen befinden sich auf der Flucht. So stehen sie auch vor den Toren Europas und Deutschlands. Sie willkommen zu heißen, aufzunehmen und ihnen das zukommen zu lassen, was Gott allen Menschen zugedacht hat, ist ein Gebot der Humanität und für uns ein Gebot christlicher Verantwortung.

Auch wenn nur ein Teil der Helfer, die in Wien, München und an vielen anderen Orten sich spontan organisiert haben, um die Versäumnisse der Politik zu beheben und Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, sich explizit als Christen versteht, scheint es mir angemessen, diese Welle der Nächstenliebe als ein Werk Gottes zu verstehen – so wie vor allem das rechtskonservative Christentum, das mit muslimischen Neuankömmlingen noch heftig fremdelt, demnächst wieder die deutsche Einheit als ein solches Werk feiert.

Mir kam heute ein uralter Song von Keith Green in den Sinn, der in diesem Zusammenhang ganz aktuell klingt. Vieles, was Green in seiner Konzentration auf Seelenrettung eher metaphorisch formulierte, ist inzwischen ganz konkret:

Do you see, do you see all the people sinking down?
Don't you care, don't you care are you gonna let them drown?
How can you be so numb not to care if they come?
You close your eyes and pretend the job's done

Ein Volltreffer auch der Verweis auf Matthäus 25, ich nenn’ das einfach mal prophetisch:

… He brings people to you door
And you turn them away as you smile and say
God bless you, be at peace and all heaven just weeps
'Cause Jesus came to you door you've left Him out in the street

Die Frage ist also, ob wir Gott bei diesem Werk tatenlos oder mürrisch zusehen, oder uns dieser Bewegung anschließen. Der Kampf um ein offenes, barmherziges und fremdenfreundliches Europa, die Auseinandersetzung mit unseren Anteilen an den Kriegen, vor denen die Menschen fliehen (Spätfolgen des Kolonialismus, deutsche/europäische Waffenexporte, der Kuschelkurs mit den reichen Ölstaaten auf der arabischen Halbinsel, die den IS und andere Terrorgruppen fördern), die dringen nötige psychologische Unterstützung für traumatisierte Menschen und das Ringen um gute Integration und dauerhaften sozialen Frieden wird noch viel Zeit und Kraft kosten. Und die globalen Flüchtlingsströme werden mit fortschreitendem Klimawandel und dessen soziopolitischen Folgen dauerhaft eher noch ansteigen als nachlassen.

Bei Richard Beck habe ich neulich das folgende Zitat von Thomas Merton gefunden. Es motiviert und entlastet zugleich, und beides ist nötig:

Du bist nicht groß genug, um das gesamte Zeitalter wirksam anzuklagen, aber sagen wir einfach: Du befindest dich im Widerspruch. Du hast keine Position, aus der heraus man Befehle erteilen kann, aber du kannst Worte der Hoffnung sprechen. Soll das die Substanz deiner Botschaft sein? Sei menschlich in dieser unmenschlichsten Zeit von allen; bewahre das Bild des Menschen, denn es ist das Bild Gottes.

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Meine Ferienlektüre hat mich von dem orthodoxen Theologen David Bentley Hart zum serbischen Polit-Aktivisten Srdja Popovic geführt. Vielleicht erklärt das, warum ich über einen Absatz bei Popovic noch mehr gestolpert als sonst vielleicht (gut, man kann nur stolpern oder nicht – aber es hat mich eben um so länger beschäftigt).

Popovic steht wie alle Aktivisten immer wieder vor dem Problem, dass man gegen die erdrückende Übermacht eines Systems steht und darüber zu resignieren droht. Da er kein religiöser Mensch ist, behilft er sich mit Tolkiens "Herr der Ringe", der wie eine Art "heilige Schrift" für ihn ist:

Ich hatte immer einen kleinen Tolkien-Schrein in meinem Zimmer, und selbst in den dunkelsten Stunden unserer Proteste, in denen Milosevic und der Irrsinn der "ethnischen Säuberungen" alles zu beherrschen schien, griff ich zu meinem zerlesenen Exemplar von Tolkiens Buch und fand Zuversicht in dessen Seiten. In meiner Lieblingsszene sagt die Elbenfürstin Galadriel zum Hobbit Frodo: "Selbst der Kleinste vermag den Lauf des Schicksals zu verändern." (Protest! S. 26f.)

Popovic macht sich Mut, indem er einen populären Mythos bemüht. Später im Buch verweist er darauf und nennt Tolkiens Fiktion ganz naiv den "größten gewaltlosen Kampf der Geschichte". Vielleicht ist das ja ein Übersetzungsfehler. Wenn nicht, dann ist es eine erstaunliche Aussage: Popovic tut buchstäblich so, als wäre Tolkiens Epos historische Wirklichkeit – und zwar eine maßgebliche, an der man sich orientieren und ausrichten kann und soll, weil sie eine moralische Wahrheit über diese Welt enthält: Den Sieg des Guten über das Böse, die erstaunliche Macht der Schwachen, die Bedeutung des Glaubens gegen allen Augenschein, und gerade in den düstersten Momenten diese Aura des Übernatürlichen, dem dieser Glaube gilt (wenn mal wieder die Adler heranfliegen – die Symbolik spricht ja Bände).

 

Denn die "natürliche" Welt – und jetzt bin ich wieder bei Hart –, insofern sie aus materiellen  Prozessen und kontingenten Entitäten besteht, die ohne Bezug auf irgendeine Transzendenz existieren, gibt eine solche Hoffnung einfach nicht her. Sie erlaubt keine Vorstellung von Geschichte als einem irgendwie zielgerichteten Geschehen – bei Tolkien deutet sich das Moment einer Vorsehung an vielen Stellen an. Ein materialistisches Weltbild gibt schließlich auch keine Begründung von Wahrheit, Schönheit und Güte her, die über soziale Konstruktion oder subjektive Intuition hinausreicht.

Freilich ist es völlig legitim, sich mit Tolkien zu motivieren. Popovic ist Aktivist, kein Philosoph (er erläutert seine Vorstellungen von Welt und Wirklichkeit auch nicht näher), und so lange er für seinen Einsatz irgendeinen Grund findet, ist das zu begrüßen. Ich kann auch verstehen, dass die Geschichte der europäischen Christenheit nicht immer den  Eindruck erweckt hat, dass hier jemand an gewaltlosen Veränderungen zum Nutzen aller interessiert ist.

Ich glaube nur, mir wäre es wichtig, dass die Sache, für die ich mein Leben einsetze (und das tut Popovic, vorbildlicher, engagierter und gläubiger als viele religiöse Menschen) einen tieferen Grund hat. Im Übrigen wäre Jesus – rein historisch betrachtet, Gandhi fand das ja auch – gar kein schlechtes Vorbild für gewaltfreien, kreativen und mutigen Protest. Und wenn man dann noch fragt, was Jesus angetrieben und zu diesem verblüffenden Paradigmenwechsel zur Feindesliebe hin motiviert hat, dann käme am Ende beides doch noch zusammen.

Wenn man schon an Gandalf und Galadriel glauben kann (in dem Sinne, dass ihre Geschichte die Wahrheit über mein Leben und diese Welt aussagt), dann kann man genauso gut, wenn nicht besser, an das Evangelium glauben. Die erstgenannte Geschichte ist nachweislich und unzweifelhaft erfunden. Und sie ist bekanntlich inspiriert von letzterer, die nicht irgendwo in Mittelerde, sondern im realen Krisenherd Nahen Osten stattgefunden hat. Tolkien selbst hat im Gespräch mit C.S. Lewis die Position vertreten, das Evangelium sei Mythos und historische Wahrheit zugleich.

Zur Wahrheit gehört leider auch, dass es noch viel einfacher wäre, das zu glauben, wenn nicht viele Christen aus dem Evangelium eine Geschichte über private Erlösung und/oder eskapistische Jenseitsphantasien gemacht hätten und sie zur persönlichen Bereicherung oder zur Legitimierung von Macht, Gewalt und Unterdrückung missbraucht hätten.

Popovic schließt sein Buch übrigens mit dem berühmten Satz von Martin Luther King, dass der Bogen der Geschichte sich zur Gerechtigkeit hin neigt, und hofft, King möge Recht behalten. Da ist er wieder, der Glaube.

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