Spiritualität

Kennt wahrscheinlich jeder schon: Das Kreuz lässt sich so deuten, dass der vertikale Balken die Gottes- und der horizontale die Nächstenliebe symbolisiert. Dann steht es entweder für das Doppelgebot der Liebe oder (freilich kein Gegensatz) für die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen untereinander.

So weit, so schön und so passend.

Die beiden Kreuzbalken entsprechen so gesehen auch den beiden Tafeln der Zehn Gebote. Die erste Tafel hat mit dem Verhältnis zu Gott zu tun und schützt seine Integrität vor menschlichen Zugriffen: Die Einzigartigkeit, das Bilderverbot, der Name und der Sabbat (die letzten beiden stehen für alle übrigen Kultgesetze). Die zweite Tafel hat mit den Mitmenschen zu tun: Eltern, Unversehrtheit, Partner, Besitz und Wahrhaftigkeit.

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Wenn man nun fragt, was Jesus ans Kreuz gebracht hat, dann stößt man auf ein ganzes Bündel von Konflikten, die sein Wirken nach sich zog. Und interessanterweise lassen diese sich relativ stringent auf die zwei Tafeln verteilen. Jesus verletzt – in den Augen seiner Gegner (ob das nun Pharisäer oder Saddzuzäer waren) – die Gebote der ersten Tafel. Er missachtet die Sabbatruhe, er relativiert gängige Vorstellungen von Reinheit, er kündigt das Ende des Tempels und des Opferbetriebes dort an. Und selbst aus römischer Sicht zeigt er sich auch dem Gottkaiser und dessen irdischen Repräsentanten gegenüber ziemlich respektlos.

Umgekehrt wirft Jesus den Gegnern vor, in ihrer Praxis gegen den Sinn der Gebote der zweiten Tafel zu verstoßen: Statt die Alten zu versorgen, spenden manche das Geld an den Tempel. Männer verstoßen ihre Frauen und die sind dagegen weitgehend wehrlos. Zur Schau gestellte Frömmigkeit soll einen sozialen Vorteil verschaffen, und wer weniger intensiv glaubt, wird verächtlich gemacht und mit Schimpfwörtern belegt. Vergebung für Betrug oder Gewalttaten gibt es auch ohne Opfer und rituelle Reinigung. Das sind nur die Fälle, die mir sofort eingefallen sind.Kreuz:Tafeln

Insofern steht das Kreuz in eben dieser Deutung auch dafür, warum Jesus den Kreuzestod starb und das aller Wahrscheinlichkeit nach auch kommen sah und in Kauf nahm. Er stellte viele gängige Deutungen und Umsetzungen der Gebote in Frage. Und er verschob die Aufmerksamkeit weg vom Kult und all dem Kleingedruckten der „rechten“ Gottesliebe hin zu einem barmherzigen, offenen und versöhnlichen Umgang mit dem Nächsten, der ethnische und religiöse Grenzen überschreitet.

Interessanterweise gibt es das ja immer noch, auch unter Jesusnachfolgern: Diesen Streit, ob zuviel Nächstenliebe (und damit auch soziales und politisches Engagement) der Reinheit unserer Gottesliebe abträglich ist, oder ob das gar kein Gegensatz ist und auch besser nicht als solcher behandelt werden sollte. Ich finde diese rotznasige, empathische Heiligkeit mit den schmutzigen Händen und den weiten Grenzen jedenfalls viel attraktiver als die sterile, strenge und skrupelhafte Variante.

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Ich war letzte Woche bei der Erzählung von der Versuchung im Garten Eden. Eine Folge der Episode mit der verbotenen Frucht ist, dass die Menschen merken, dass sie nackt sind. Sehen sie also endlich das Offensichtliche? Oder ist das gar keine Frage der Optik, sondern des Bewusstseins und der Kategorien des Verstehens?

Die Menschen haben sich entschlossen, etwas (die Frucht vom Baum der Erkenntnis) anders zu sehen als Gott. Mit Erfolg, sie fallen nämlich nicht tot um. Man kann die Dinge also anders sehen! Aber just an diesem Punkt der Erkenntnis tritt eine entscheidende Veränderung ein: Sie sehen einander an und stellen fest, dass man die Dinge nicht nur anders sehen kann als Gott, sondern auch anders als man selbst. Und dass sie selbst zu diesen „Dingen“ gehören, die man anders sehen kann.

Ich sehe also dich an und sehe, dass du mich ansiehst. Aber ich weiß jetzt, dass du mich nicht unbedingt so siehst, wie ich mich selbst sehe. Und erst recht nicht so, wie ich gesehen werden möchte (auch das sind nun zwei verschiedene Dinge!). Das Bild von mir, das in deinem Kopf existiert, kann ich nicht kontrollieren und ändern. Aber es bestimmt, wie du mit mir umgehst: Wirst du das, was du an und in mir siehst, dazu verwenden, mir wohlwollend und liebevoll zu begegnen, oder wirst du mich verachten und mich bloßstellen? Ich kann mir nicht sicher sein. Ich merke ja, wie berechnend ich gerade denke. Ich bin deiner Willkür ebenso ausgeliefert wie du meiner. Anders ausgedrückt: Ich habe die Deutungshoheit über mich selbst verloren.

Weil ich dieses Bild nicht direkt bestimmen kann, das du von mir hast, zeige ich dir von nun an nur bestimmte Ansichten von mir. Nämlich die Seiten, die mich in ein möglichst günstiges Licht rücken: Puzzleteile, von denen ich erwarte und hoffe, dass du sie zu meinem Wunschbild zusammensetzt. Alles andere verhülle ich mit Feigenblättern und mache es unsichtbar.

Unsere Beziehung ist durch dieses Image-Management schon kompliziert geworden. Aber der Knoten wird noch dicker. Denn es reicht nicht, meine (echten oder auch nur vermeintlichen) Schattenseiten zu verbergen. Ich muss auch verbergen, dass ich etwas verberge. Sonst wirst du irgendwann misstrauisch fragen, was es hier nicht zu sehen gibt. Dann wirst du entweder nachbohren oder alles, was ich an Gutem preisgebe von mir, nur noch verdächtig finden.

Daher verstecken sich die Menschen sogar vor Gott: Sie müssen verbergen, dass sie etwas verbergen. Es wird richtig, richtig kompliziert.

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Foto: unsplash.com

Doch auch so lässt sich die verlorene Naivität – "die Welt ist so, wie ich sie sehe, und das siehst du genauso“ – nicht mehr retten. Die Menschen müssen das, was sie verbergen, ja sogar vor sich selbst verstecken, um im Folgenden so tun zu können, als sei die eigene Sicht der Welt die einzig wirkliche und mögliche. Kein sehr überzeugendes Manöver, aber ein verbreitetes. Es ist ein Kennzeichen von Diktatoren, dass sie nur die Aussagen über sich gelten lassen, die ihrem Wunschbild entsprechen. Und es ist die Grunddynamik aller Filterblasen und Echokammern.

Nein, die Geschichte vom Garten handelt nicht von einer fernen Vergangenheit…

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Immer wieder einmal habe ich gelesen, die Schlange habe die Frau im Garten Eden belogen. Aber das musste sie gar nicht. In der Übersetzung von Buber/Rosenzweig lautet ihr Kommentar nicht „ihr dürft von keinem der Bäume essen“, sondern einfach nur: "Ob schon Gott sprach: Esst nicht von allen Bäumen des Gartens …!"

Viel mehr war gar nicht nötig (der Versucher im Neuen Testament lügt ja auch nicht…), und exakt darin trifft sich diese Episode mit dem, was wir heute täglich erleben: Stimmen, die uns unablässig beeinflussen. Die auf vermeintliche und tatsächliche Wahrheiten verweisen, aber in einer ganz bestimmten Zuspitzung. Nämlich so, dass sie die Ausnahmen von der Regel unter der Hand zum Regelfall werden lassen, indem sie eine bestimmte Fixierung auslösen.

Um mit einem unverfänglichen Beispiel einzusteigen: Bewohner meiner Heimatstadt lassen sich relativ leicht davon überzeugen, dass Kraftfahrer aus benachbarten Städten und Landkreisen mit der Straßenverkehrsordnung auf Kriegsfuß stehen. Wenn ich also sage, dass nicht alle Forchheimer oder Fürther anständig Auto fahren können, dann fällt jedem ein Erlebnis ein, das diese Aussage stützt (auswärtige Nummernschilder sind nämlich auffälliger als heimische). Und so ist es nicht weit von „nicht alle Forchheimer können Auto fahren“ zu „die Forchheimer können alle nicht Auto fahren“. Indem ich eine Verbindung zwischen einem bestimmten Verstoß und einer Gruppe Fremder herstelle (und das gegebenenfalls öfter wiederhole), charakterisiert er irgendwann die ganze Gruppe, obwohl anfänglich jeder wusste, dass das Quatsch ist. Das „nicht“ vom Satzfang wandert immer weiter nach hinten.

Und nun hören wir täglich Sätze wie

  • Nicht alle Zuwanderer kommen in friedlicher Absicht
  • Nicht alle Politiker sind immun gegen Bestechung
  • Nicht alle Muslime halten die Demokratie für eine gute Staatsform
  • Nicht alle ALG-II Empfänger suchen ernsthaft nach einem Job
  • [für den „frommen“ Leser, der es nicht politisch möchte: Nicht alle Pfarrer/Landeskirchler/Katholiken sind „gläubig“]

Die, die so etwas sagen, verweisen vordergründig erst einmal nur auf offensichtliche, wenn auch seltene Möglichkeiten – Dinge, die sich nie ganz ausschließen lassen. Sie sagen ihre Banalitäten aber so oft und so lange, bis sich unsere Wahrnehmung immer weiter verengt. Bis 99,9% der Geflüchteten so friedlich sein können, wie sie wollen, und dennoch unter Generalverdacht stehen. Und wer sich für sie einsetzt, wer das schiefe Bild zurechtrückt, wird der Schönfärberei, der Manipulation und fanatiserter “politischer Korrektheit“ beschuldigt. Denn (um die perfide Strategie noch einen Schritt weiter zu treiben) „nicht alle, die sich für Geflüchtete einsetzen, sind selbstlos, tolerant und arbeiten mit lauteren Mitteln“.

Für solche Vergiftungen menschlichen Zusammenlebens und gesellschaftlicher Kommunikation kann uns die alte Geschichte aus dem Buch Genesis die Augen öffnen. Allein deswegen sollten wir sie immer wieder lesen und besprechen. Denn hier und heute müssen wir Gutes und Böses mit Gottes Hilfe unterscheiden. Andernfalls wird jedes Paradies zur Hölle.

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Alle Schafe in meiner Herde erinnern sich noch an den Tag des sprechenden Feuers. Seither ist nämlich nichts mehr so, wie es war. Das kommt davon, wenn man zu weit geht.

Keines von uns kann sich an die Zeit erinnern, als Mose noch nicht da war. Aber uns allen fiel auf, dass er nicht wie die anderen Hirten war. Die älteren unter uns wussten noch von ihren Eltern und Großeltern, dass er irgendwann vor einem halben Menschenleben und von irgendwoher bei Jethros Sippe auftauchte. Er blieb, und weil er keinen anderen Beruf erlernt hatte, bekam er eine Herde Schafe zugeteilt.

Wir kannten Mose nur als jemand, der in sich zu ruhen schien. Er wirkte versöhnt mit sich und seinem Leben, wenn er abends am Feuer saß und zu den Sternen hinaufschaute. Aber das war nicht immer so: Anfangs soll er rastlos und gehetzt gewirkt haben. Immer wieder suchten seine Augen den südlichen Horizont über der Steppe ab und wenn sie etwas entdeckten, dann wurde der Griff um seinen Stock so fest, dass die Fingerknöchel weiß waren. Dabei wollte außer uns und seiner Frau eigentlich nie jemand etwas von ihm. Angst und Fluchtreflex wichen irgendwann einer Leere und tiefen Resignation. Dann mussten wir Schafe ihn fast dazu antreiben, neues Weideland zu finden oder uns zum Wasserloch zu lotsen. Sein Gang war ungelenk und schwerfällig. Er schien durch uns hindurchzusehen, als wären wir Rauch- oder Nebelschwaden. Innerlich war er meilenweit weg. Aber er fand den Weg zurück. Zurück in das Hier und Jetzt, in die staubige, sonnenverbrannte und schweißgetränkte Wirklichkeit. Irgendwann lachte er wieder. Und manchmal summte er sogar ein Lied.

Den ängstlichen und den abwesenden Mose hätten wir durchaus ziehen lassen. Aber der Abschied vom angekommenen Mose traf uns alle ziemlich hart.

Ich muss sagen, ich hatte schon ein schlechtes Gefühl, als wir an jenem Tag den Rand der Steppe überschritten und uns in die Wüste hinein bewegten. Es hatte doch seinen guten Grund, dass Mose uns bisher nie dorthin geführt hatte. Was außer Sand und Felsen, Leere und Gefahr erwartet einen dort? Das Irritiendste daran war, dass wir alle das Gefühl hatten, Mose wisse nicht so recht, was er dort wolle. Aber das wäre doch das Mindeste, was man als Schaf von seinem Führer/Hirten erwarten kann! Zögerlich trotteten wir also hinter ihm her. Aber er schien unseren Bummelstreik gar nicht zu bemerken, und irgendwann gaben wir ihn dann auch auf. Etwas Unbekanntes zog diesen Menschen an.

Ebenso unvermittelt, wie er losmarschiert war, blieb er auf einmal stehen und kniff die Augen zusammen. „Versucht er, sich an den Rückweg zu erinnern?“, fragte ich mich besorgt und ärgerte mich nicht zum ersten Mal, dass ich seine Sprache nicht sprechen konnte und er die unsere so schlecht verstand.

Irgendwann fiel uns auf, dass er einen brennenden Busch anstarrte.

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Feuer finden wir Schafe nicht attraktiv. Wir brauchen es nicht wie die Menschen, um uns daran zu wärmen oder damit Essen zuzubereiten. Wir können es weder anzünden noch löschen. Aber wir wissen genau, wie schnell es sich in trockenem Gras und Gebüsch ausbreitet und wie gefährlich das werden kann. Abstand wahren heißt daher die Devise, die wir schon im Lämmergarten lernen. Doch das war kein gewöhnliches Feuer. Es flackerte, aber kein Rauch schien aufzusteigen, kein Zweig knisterte und fiel glühend zu Boden. Hitze hätte man in der flirrenden Wüstenluft ohnehin kaum bemerkt.

Was war das?

Das Feuer rief Mose beim Namen. Es sprach nicht in der Sprache der Midianiter und auch nicht in der der Ägypter, die Mose ab und zu benutzte, wenn er einen Fluch ausstieß. Mose antwortete in derselben Sprache: „Hinneni - hier bin ich.“ Das Feuer sagte zu Mose, er solle näher kommen und die Schuhe ausziehen. Barfuß stand er auf dem nackten Fels vor dem Feuer, das im Busch war und doch nicht da war oder wenigstens nicht so, wie ein gewöhnliches Feuer da ist und brennt. Es war eine Anwesenheit, die sich nicht greifen ließ – nicht mit Händen, nicht mit Worten – die aber deswegen nicht weniger wirklich zu sein schien. Und sie war ausgesprochen packend: Die Worte gingen nicht einfach nur ins Ohr, sondern sie schienen wie die Wärme der Wüstensonne ohne erkennbaren Widerstand die Haut zu durchdringen und tief ins Innere hineinzustrahlen.

Mose war wieder verstummt.

Aus der Ferne war schwer zu verstehen, was das Feuer ihm sagte. Anscheinend ging es um Menschen, die Mose kannte und über deren kritische Lage er Bescheid wusste. Zumindest fragte er kein einziges Mal nach. Er stand einfach nur da, starrte in die Flammen und nickte ab und zu fast unmerklich mit dem Kopf. Aber je länger er so dastand, desto mehr richtete sich sein Rücken auf. Sein Körper spannte sich wie die Sehne eines unsichtbaren Bogens, und die Schultern wirkten auch schon breiter als noch vor einigen Minuten.

Das Feuer sprach inzwischen weiter von einem Land, wo Milch und Honig fließen. Ich dachte, jetzt übertreibt es aber maßlos. Wo bitteschön gibt es sowas? Aber Mose schien in dieser unwirtlichen Umgebung förmlich riechen und schmecken zu können, was ihm zu Ohren kam. Vor uns stand nicht mehr der Hirte, der seinem Schwiegervater half und dessen Leben den Bahnen das gewohnten Alltags folgte, sondern jemand, der nach einem langen und tiefen Schlaf aufgestanden war. Hellwach lauschte er der Stimme.

Nach einer Weile wurde es still und das Feuer ging aus. Doch es war nicht weg: Als Mose uns entgegenkam, auf nackten Sohlen, die Schuhe in der Hand, sah ich es in seinen Augen leuchten. Und ich erkannte etwas vom Tonfall der Feuerstimme wieder, als er uns rief, um den Heimweg anzutreten.

Mich überkam ein seltsames Gefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte: Eine Spur von Traurigkeit, als hätte ich etwas Wertvolles verloren, gepaart mit dem Wunsch, sich wie ein Adler aufschwingen zu können, hoch hinauf in die wirbelnde Luft, um den Horizont abzusuchen und es zu finden. Es war, als würde sich in mir alles ausdehnen – Kummer, Verletzlichkeit, Verlangen, Hoffnung, Mut – als wäre meine Seele eine dieser Wüstenpflanzen, die in der Trockenheit verschrumpeln und dann beim ersten Regen ihre Blätter nach allen Seiten recken; als hätte das frische Wasser dieser Begegnung den alltäglichen Durst gestillt und einen noch tieferen geweckt.

Das war nicht mein Gefühl – Schafe empfinden so etwas eigentlich nicht, es schwappte nur über mich hinweg und ließ dann wieder nach. Aber ich habe an diesem Tag etwas Entscheidendes über die Menschen gelernt: Sprechendes Feuer kann in ihnen wohnen. Und wenn es einen erfasst hat, springt es zum nächsten. Es gibt den Alten die Frische der Jugendlichkeit und Jugendlichen die Festigkeit des Alters. Die Grenzen des Möglichen werden neu gezogen. Denn das erste, was das Feuer in ihnen verbrennt, ist Gleichgültigkeit, Abstumpfung und Resignation. Das zweite ist Angst und Sorge, der verkümmerte Geist. Menschen sind merkwürdig: Sie können sich verändern und zugleich mehr denn je sie selbst werden. Und wenn das Feuer sie packt, zieht notfalls einer allein los und nimmt es mit einem Tyrannen auf.

Wie es mit Mose weiterging? Das wisst Ihr bestimmt viel besser als ich. Wir haben ihn damals an das Feuer aus der Wüste verloren. Aber mein Gefühl sagt mir, die Welt der Menschen hat an jenem Tag einen Fackelträger der Hoffnung gewonnen. Das sprechende Feuer ist immer noch in der Welt unterwegs. Wenn es bei Euch vorbeikommt - jetzt wisst Ihr ja Bescheid.

Und denkt daran, die Schuhe auszuziehen.

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Der Apfelbaum vor meinem Fenster hat über die letzte Woche die meisten seiner Blätter verloren. Der farbenfrohe Herbst geht erkennbar seinem Ende entgegen. Es wird täglich etwas dunkler, und irgendwie konfrontiert mich das mit meiner eigenen Endlichkeit. Wer bin ich, was kann ich ausrichten, und was hat bleibenden Wert im Leben? Paulus schrieb dazu vor fast 2.000 Jahren:

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. (Römer 14,7-9)

In der Süddeutschen Zeitung schrieb Heribert Prantl dieser Tage:

Früher wurden die Uhren angehalten, wenn einer starb Und heute? Werden die Toten oft anonym und billig beigesetzt. Und die Lebenden beschweren sich, wenn sie sich für eine Beerdigung freinehmen müssen.

Keiner stirbt sich selber - lässt sich das heute noch uneingeschränkt sagen? Und müsste man vielleicht gleich hinzufügen: Weil eben viele sich selber leben, ändert auch der Tod nichts mehr daran? Großfamilien und Dorfgemeinschaften sind selten geworden, Nachbarschaften vielfach anonym und kaum einer arbeitet noch so lange im gleichen Unternehmen, dass die Kollegen 20 Jahre nach der Pensionierung noch Kontakt haben und zur Trauerfeier erscheinen.

Viele trifft dabei gar keine Schuld, sie sind weder beziehungsgestört noch anderweitig schwierig. Eher handelt es sich um eine beständige Erosion von Beziehungen, ein Verdunsten von Zugehörigkeit, ein Ausdünnen von Zusammenhalt. Vielleicht wird ja auch deswegen der letzte Rest gefühlter Zugehörigkeit zur Nation so überhöht, zur so künstlichen wie kümmerlichen „Leitkultur“ aus Christkind mit Goldlocken (als Zugpferd für den dazugehörigen Markt), aus "O du Fröhliche", ein bisschen Goethe und Helene Fischer.

Das ist, wie ein Freund kürzlich sagte, eine „schwache Identität“. Um so erbitterter und verzweifelter wird sie behauptet. Eine schwache Identität liegt auch dort vor, wo die Alten Jüngere um ihre Jugend beneiden und die Jungen die Alten verachten, weil sie beide – Junge wie Alte – das Alter nur als einen großen Defekt wahrnehmen.

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Im Gegensatz dazu können wir das, wovon Paulus hier schreibt, als „starke Identität“ verstehen. Das Maß aller Dinge ist nicht die Nation, die Kultur, Jugend und Fitness, oder dass alles so bleibt, wie es war. Das Maß aller Dinge ist Jesus Christus und seine Gegenwart in unserem Leben. Ein Leben, das nur ein Gestern, ein Morgen und dazwischen ein dünnes Jetzt kennt, ist trostlos, sagte Romano Guardini einmal. Der Strom der Zeit schiebt mich voran wie ein Gletscher das Geröll mitschleift. Denn wenn Jesus mir nahe kommt, verändert das auch meine Gegenwart. Angesichts seiner Nähe sehe ich mich selbst in einem größeren Zusammenhang. Der Horizont wird weiter, das Leben gewinnt an Tiefe. Es gibt mehr als nur vorn und hinten. Manches Unbedeutende wird aus dieser neuen Perspektive bedeutend, und manches, was einmal wichtig erschien, verliert an Bedeutung.

Indem Paulus vom Leben und vom Sterben spricht, macht er schon deutlich, dass er weiß, nichts wird so bleiben, wie es ist. Das Sterben gehört zum Leben dazu und es kündigt sich im Laufe eines Menschenlebens immer wieder einmal an: Manchmal mit einem Paukenschlag, in einer niederschmetternden Diagnose, oder wenn ich um Haaresbreite einer tödlichen Gefahr entgehe. Manchmal ganz zart und leise, in einem Abschied, im Vergessen, im Nachlassen der Kräfte, in Momenten der Einsamkeit, in der Begegnung mit meinen zerbrechlichen Seiten oder der Zerbrechlichkeit anderer.

Wir brauchen uns also gar nicht künstlich daran erinnern, dass nichts bleibt wie es ist und dass wir sterblich sind. Es reicht völlig, dass wir die gelegentlichen Hinweise darauf zur Kenntnis – und uns zu Herzen nehmen. Denn der Blick auf unsere Endlichkeit kann uns auch daran erinnern: Wenn wir das Leben bewusst leben, kann sich darin auch etwas vollenden und zu etwas Bleibendem werden. Noch einmal Guardini:

Alter … bedeutet nicht nur das Ausrinnen einer Quelle, der nichts mehr nachströmt; oder das Erschlaffen einer Form, die vorher stark und gespannt war; sondern es ist selbst Leben, von eigener Art und eigenem Wert. […] »Voll-Enden« heißt wohl, zu Ende bringen, aber so, dass darin das sich erfüllt, worum es geht. So ist der Tod nicht das Nullwerden, sondern der Endwert des Lebens - etwas, das unsere Zeit vergessen hat.

Das prägt eine andere Identität: Meine Persönlichkeit, was mich ausmacht, wer ich bin, kann ich mir vorstellen wie ein Portrait. Auf diesem Bild ist mein Charakter ablesbar. Das, was gleich bleibt an mir: Lebensgewohnheiten, Verhaltensmuster, Denkweisen, Temperament, mein Mittelpunkt und mein stabiler Kern. Und hoffentlich auch, wie Gott mich gedacht hat.

Aber so ein Bild ist immer eine eingefrorene Momentaufnahme. Deswegen, fährt Guardini fort, können wir uns uns selbst, unsere Persönlichkeit, unser Leben auch wie eine Melodie vorstellen. Ein Ton folgt auf den nächsten, ein Takt auf den anderen. Die Harmonien wechseln, etwa von Dur nach Moll und zurück, und erst am Ende wird klar, ob der Schlussakkord fröhlich ist oder düster, beschwingt oder ruhig.

Vielleicht lässt sich das so weiterdenken: Wenn ich „des Herrn“ bin, wenn ich Christus gehöre, wenn ich aus dieser Beziehung heraus mein Leben führe und gestalte, dann bekommt diese Melodie eine Begleitung. Paulus beschreibt sie mit ein paar kurzen Hinweisen: Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden. Und er kehrt damit die Reihenfolge um, in der er unser Leben beschreibt: Statt erst vom Leben und dann vom Sterben zu sprechen, redet er nun erst vom Tod und dann von der Auferstehung. Denn es ist kraft seiner Auferstehung, dass Jesus „eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht“ - so heißt es ganz am Anfang des Römerbriefs. Er ist das Maß aller Dinge – der wahre Herr dieser Welt und meines Lebens.

Während also mein Leben auf ein Ende zuläuft, das hoffentlich Vollendung und Erfüllung bedeutet und nicht nur Zerfall oder Leerwerden, kommt mir in Christus das Leben der neuen Welt entgegen. Es erreicht mich wie eine Symphonie, die leise und tief mit einem einzelnen pulsierenden Herzschlag beginnt, dann aber immer bewegter und vielstimmiger wird, bis auch ich nicht mehr ungerührt zuhören kann, sondern im Takt wippe und klopfe, bis ich Luft hole und die Stimmbänder anspanne, den Mund öffne und mit meiner ganz eigenen Melodie einstimme.

Dieses zu-Christus-Gehören macht eine "starke Identität“ möglich, nämlich einen anderen, versöhnten Umgang mit meiner Endlichkeit: Wer endlich sein kann, der kann auch endlich sein. Vor ein paar Wochen bekam ich die Aufgabe gestellt, auf einen nahen Friedhof zu gehen und mir dort zu überlegen, wie mein Grabstein einmal aussehen sollte. Ich saß dort eine Weile in der Sonne, dann fielen mir ein paar Zeilen des großen kanadischen Liedermachers Leonard Cohen ein. Cohen ist im September 82 Jahre alt geworden. Ein Lied aus dem Jahr 1984 hat er wiederholt als sein bestes bezeichnet. Er war ungefähr so alt wie ich jetzt, als er die ebenso schlichten wie wunderschönen Worte schrieb:

If it be your will
That I speak no more
And my voice be still
As it was before
I will speak no more
I shall abide until
I am spoken for
If it be your will
[…]

If it be your will
If there is a choice
Let the rivers fill
Let the hills rejoice
Let your mercy spill
On all these burning hearts in hell
If it be your will
To make us well

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Vor zwei Jahren erhielten die Aktivistinnen von Pussy Riot den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, vergeben vom Senat der Freien Hansestadt Bremen und der Heinrich Böll Stiftung. In der Begründung dazu hieß es:

Bei ihrem Auftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale riefen sie in ihrem "Punkgebet" Mutter Maria als feministischen Beistand an, um das Bündnis zwischen der orthodoxen Kirche und dem Kreml zu bekämpfen. In dem Prozess, der gegen die Aktionsgruppe geführt wurde, verteidigten sie sich mutig. Aus der Lagerhaft heraus setzten Nadeshda Tolokonnikowa und Marija Aljochina ihren Widerstand fort. Nach ihrer Entlassung stellten sie sich als Aufgabe, über das System der russischen Straflager aufzuklären und Solidarität für die Gefangenen zu organisieren.

Interessant ist, wie sich Spiritualität und Politik hier verbinden. Ich wurde erst jetzt durch ein Kapitel aus Spiritual Activism von Alastair McIntosh darauf aufmerksam (danke an Thomas Zeitler für den Hinweis!). McIntosh zitiert aus den Erklärungen, die die Musikerinnen während ihres Gerichtsverfahrens abgaben. Auf den Seiten der FAZ ist das auszugsweise in Übersetzung nachzulesen. Und da zeigt sich, wie ernst und durchdacht die Aktion war, die in vielen Berichten nur als schriller Tabubruch und trotzige Provokation dargestellt wurde.

Pussy Riot Putin by AK Rockefeller, on Flickr
"Pussy Riot Putin" (CC BY 2.0) by AK Rockefeller

Marija Aljochina erklärte, dass Putin persönlich gar nicht gemeint war mit der Aktion, sondern ein System, dem der Machtmensch womöglich selbst verfallen ist:

„Wenn wir von Putin reden, meinen wir nicht in erster Linie die Person W. W. Putin, sondern Putin als das von ihm selbst erschaffene System - die praktisch vollkommen von einer Hand gelenkte Machthierarchie.“

McIntosh spricht hier vom „politischen Unbewussten“, das sich nur schwer explizit, dafür aber bildlich, symbolisch und intuitiv erfassen lässt, und greift den Begriff des autonomen Komplexes aus der Psychologie C.G. Jungs auf (Komplexe können bei Jung auch überindividuell auftreten, dann sind sie keine abgespaltenen, verleugneten Persönlichkeitsanteile, die es zu integrieren gilt, sondern ein gefährliches Phänomen). „Putin“ ist "ein mit Gefühlen aufgeladenes libidinöses Feld“, schreibt McInstosh. Der Politiker Wladimir Putin steht möglicherweise selbst unter dem Eindruck des Systems, das er installiert hat.

Und die Wirkung dieses Komplexes ist, dass Menschen resignieren und sich ohnmächtig fühlen. Erst gestern rätselte ich mit einem Freund darüber, warum der Widerstand gegen die Willkür der Regierung in Russland so unglaublich schwach ausgeprägt ist. Passend dazu sagte damals Aljochina:

Diese Leute haben aufgehört, sich als Bürger zu fühlen. Sie fühlen sich einfach als automatische Massen. Sie haben nicht einmal das Gefühl, dass ihnen der Wald direkt neben ihrem Haus gehört. Ich bezweifle sogar, dass sie ihr eigenes Haus als ihren Besitz betrachten. Denn wenn jemand mit dem Bagger am Hauseingang dieser Leute vorfährt und ihnen sagt, dass sie das Feld räumen müssen: „Entschuldigung, wir reißen Ihr Haus jetzt ab. Hier kommt jetzt ein Wohnsitz für einen Funktionär hin“, dann werden sie gehorsam ihre Sachen packen und auf die Straße gehen. Und sie werden da so lange sitzen bleiben, bis die Regierung ihnen sagt, wie es weitergeht. Sie sind vollkommen amorph - das ist sehr traurig.

Nachdem ich fast ein halbes Jahr im Untersuchungsgefängnis verbracht habe, ist mir klargeworden, dass das Gefängnis Russland im Miniaturmaßstab ist.

Die Macht des Systems ist (noch) ungebrochen, aber der Prozess gegen Pussy Riot hat es demaskiert, und sei es auch noch so punktuell und vorübergehend. Der Druck, sich durch ständige Propaganda selbst zu legitimieren, nimmt zu, und damit auch die Anfälligkeit für Fehler. Denn auch wenn die Nachfrage nach Augenöffnern derzeit nicht hoch ist – wer will, kann eben doch sehen, wie brüchig die Legitimation der Macht ist. Darauf weist Nadjeschda Tolokonnikowa hin:

Mit unserer Aufführung haben wir es gewagt, das visuelle Bild der orthodoxen Kultur ohne den Segen des Patriarchen mit der Protestkultur in Verbindung zu bringen, damit gescheite Menschen auf die Idee kommen, dass die orthodoxe Kultur nicht nur der russisch-orthodoxen Kirche, dem Patriarchen und Putin gehört. Sie kann auch auf Seiten der bürgerlichen Rebellion und der Proteststimmungen in Russland stehen.

[…] Im Vergleich zum Justizapparat sind wir nichts; wir haben verloren. Andererseits haben wir gewonnen. Die ganze Welt sieht jetzt, dass das Strafverfahren gegen uns manipuliert ist. Das System kann den repressiven Charakter dieses Prozesses nicht verbergen.

Das Gebet in der Kathedrale war aber auch ein prophetischer Weckruf an die orthodoxe Kirche, die korrupte Politik verklärt und von der Nähe zur Macht profitiert, dafür steht Patriarch Kyrill, dessen Vermögen 2012 auf 4 Milliarden Dollar geschätzt wurde. Der Patriarch war entsprechend empört über die Respektlosigkeit dieser Ruhestörung und sprach von Blasphemie. Die Punk-Prophetinnen hingegen wiesen darauf hin, dass ihr Gebet – ganz im Gegenteil – höchst aufrichtig und ernst gemeint war.

Eine zeitgemäße Form der Tempelreinigung ragt also unter den wenigen Protesten gegen das „Putin-System“ oder den „Putin-Komplex“ heraus. Das spricht für McIntoshs Vermutung, dass Glaube und Spiritualität eine wichtige Dimension im politischen Ringen um Gerechtigkeit darstellen. Bei Gene Sharp vermisst er diese Hinweise. Srdja Popovic greift lieber auf Kunstmythen zurück (das hat, wie Terry Eagleton zeigt, der deutsche Idealismus nach der Aufklärung auch versucht). Und in Philipp Ruchs „Wer, wenn nicht wir“ ist diese spirituelle Leerstelle überall mit Händen zu greifen und durch kein anderweitig generiertes Pathos so recht zu ersetzen.

Davon lässt sich doch sicher lernen. In den letzten Monaten haben sich genügend autonome Komplexe bemerkbar gemacht, die den inneren und äußeren Frieden gefährden. Können wir Protestanten neben den bürgerlichen Protestformen (die wir auf der Ebene moralischer Appelle ja vielfach unterstützen) auch prophetische, und lässt sich das ökumenisch ausweiten?

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Ich hätte mir das Thema nicht ausgesucht, aber jemand aus der Runde interessierte sich für den „Zehnten“. Also lasen wir beim Propheten Maleachi (3,10) und dann Deuteronomium 14,22-29. Welch ein Kontrast! Während der Prophetentext eher plump für eine Art Tempelabgabe mit Payback-Punkten oder Dividende wirbt und sich dabei nicht scheut, an das berechnende Wesen der Spender zu appellieren, klingen im Pentateuch ganz andere Töne an. Vielleicht ist das der Grund, warum so selten darüber gepredigt wird und auf den Kanzeln und an den Rednerpulten meistens die Konkurrenz aus der Zeit des zweiten Tempels das Rennen macht.

Aber bevor jemand hier aufhört zu lesen, weil er Kirchenfinanzierung für ein dröges Thema hält: Es geht im Folgenden um nichts weniger als zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen von Gott, von menschlichen Beziehungen und dem Umgang mit mir selbst.

Bei Maleachi braucht Gott, kurz gesagt, Geld für den Tempel und verspricht den potenziellen Spendern im Gegenzug vermehrten Segen. Ein gefundenes Fressen für die Verkünder des Wohlstandsevangeliums, die ihn genau so verstehen: Do ut des. Wohlwollender wäre die Interpretation, dass es sich um einen Appell gegen Mangelmentalität und Knauserigkeit handelt und eine Art sportlichen Wettbewerb in Sachen Großzügigkeit, den Gottes Fundraiser hier vorschlägt.

Die Anweisungen aus der Zeit des ersten Tempels zeichnen ein anderes Bild. Die Israeliten sollen ein Zehntel ihrer Ernteerträge beiseite legen, und wenn der Weg zum Heiligtum zu weit ist oder die Gaben zu schwer, dann soll das Ganze zu Geld gemacht werden. Und dann lautet die Anweisung in Dtn 14,26 (zitiert nach Buber/Rosenzweig):

… gib das Geld aus für alles, wonach deine Seele lüstet, für Pflugtier, für Kleinvieh, für Wein, für Rauschsaft, für alles, was deine Seele von dir verlangt, iß dort vor SEINEM deines Gottes Antlitz, freue dich, du und dein Haus, und der Lewit, der in deinen Toren ist, ihn verlasse nicht

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Foto: Jay Wennington, unsplash.com

Ein ausgelassenes Festessen findet statt, bei dem der Alkohol reichlich fließt und zu dem neben der Familie auch die Leviten eingeladen sind, die keinen Grundbesitz haben – Lust und Sinnlichkeit stehen im Vordergrund. Jedes dritte Jahr entfällt der Weg zum Heiligtum, das Fest findet am Wohnort statt, dafür sind nun neben den Leviten auch Witwen, Waisen und Fremdlinge mit am Tisch. Allmählich beginne ich zu ahnen, was Paulus mit seinem „fröhlichen Geber“ im zweiten Korintherbrief wohl gemeint haben könnte: Einen Wohltätigkeitsrausch, eine Sozialparty, einen Umverteilungsschmaus.

Teilen ist mehr als mir selbst einen Genuss zu versagen um einem anderen zu helfen. Freilich wird auch hier etwas nicht konsumiert, sondern auf die Seite gelegt, aber dann verschwindet das Ersparte nicht sang- und klanglos. Sondern es wird mit viel Sang und Klang geteilt, und zwar nicht anonym, sondern ganz konkret mit Menschen, deren Gesicht ich beim gemeinsamen Mahl sehen kann, und denen ich auf den Straßen meiner Stadt begegne. Diese sinnliche Praxis des Teilens setzt Beziehungen voraus und begründet neue. Hier liegt der Unterschied zu heutigen Benefizgalas, bei den die Betuchten unter sich und die Armen außen vor bleiben.

Die Mentalität des Mangels und das Denken in Defiziten wird also anders angepackt als mit dem Verweis auf zukünftigen Segen (oder eine Belohnung im „Himmel“). Durch das Sammeln und Sparen wird eine Situation des momentanen Überflusses erfahrbar, in der das Teilen leicht fällt und sich mit intensiven, guten Erinnerungen verbindet. Und wenn es gut läuft, dann spüren alle Beteiligten, dass der Gewinn den Verzicht oder Verlust mehr als aufwiegt. Vielleicht muss man dann auch die Gier weniger beklagen und die Not weniger dramatisieren (beides ist zweifellos vorhanden, der Appell nützt sich jedoch ab).

Ein genussfeindlicher Gott hingegen inspiriert mich nur schwer zur Großzügigkeit. Und ein unpersönliches, abstraktes und zahlenbasiertes Finanzierungssystem für eine Institution (zumal eine, die sich auf den Gott Israels und Jesu Christi beruft!) ist womöglich nicht das ideale Mittel, um bei Wohlstandsbürgern die Taschen der Spendierhosen zu öffnen. Es löst bei vielen erst einmal einen unschönen Steuervermeidungsreflex aus und es produziert nach innen häufig auch eine Mentalität des Mangels, weil die Zuteilungen und Umlagen mühsam verhandelt werden müssen und weil jede Form der Großzügigkeit im System den empörenden Verdacht der ungerechten Bevorzugung auslöst. Egal, wie die Haushaltslage tatsächlich aussieht – gefühlt schrumpft dieser Kuchen immer.

Ich habe nach der Lektüre von Dtn. 14 beschlossen, mir diesen sinnenfreundlichen Gott ausgiebig zu Herzen zu nehmen. Wenn es noch ein paar von euch machen, dann kann man irgendwann vielleicht auch mal über einen Systemwechsel reden. Und wenn jemand bei diesem Stichwort die Panik befällt, dann wäre auch das ein guter Grund, das Gottesbild in den Blick zu nehmen.

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Mache ich es richtig? Bin ich richtig? Neulich habe ich das ja im Blick auf Männer gestreift, aber die Frage begegnet uns in vielen Formen. In jeder meiner Rollen werde ich mit Erwartungen – eigenen und fremden – konfrontiert:

Bin ich ein guter Vater, Ehemann, Angestellter, Vorgesetzter…? Oder auch gern: Bin ich ein guter Christ? Und wenn alle es richtig machen, tun sie dann auch alle das Gleiche?

Ich habe die Antwort darauf in einer bekannten biblischen Geschichte entdeckt. Zwei Frauen knacken die Klischees, jede auf ihre Weise, weil Jesus ins Haus kommt. Wer Lust hat, sich mit hinein- und wieder herauszudenken, kann hier auf den Podcast vom letzten Sonntag klicken:

Maria spielt mit den Jungs (Lukas 10,38-42)

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Ich hatte heute über den Teufel zu predigen, der (so der erste Petrusbrief) als brüllender Löwe sein Unwesen treibt. Nun gibt es ja Menschen, die sich den Teufel sehr „real“ vorstellen, als Individuum, als bösartige Persönlichkeit, als überdimensionalen Schurken, der quasi-transzendent, weil bekanntlich „immer und überall“ ist. Aber selbst aus dieser Gruppe erzählt eigentlich niemand von einer unmittelbaren Begegnung, sondern von eher indirekten Erfahrungen. Da liegt dann auch die Brücke zu allen, die sich den Teufel nicht so handfest und überdimensional vorstellen oder auf jede Art von Teufelsvorstellung verzichten. Denn auch sie machen Erfahrungen, die manchmal so verstörend sind, dass unwillkürlich Worte wie „teuflisch“ bemüht werden.

Also habe ich mich gefragt, wie sich der gemeinsame Nenner dieser Erfahrungen wohl beschreiben lässt, die irgendwie über den üblichen, banalen Allerweltsegoismus hinausreichen. Wahrscheinlich lässt sich das, was da als „teuflisch“ erlebt wird, schwer auf eine stimmige Formel bringen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass grundloser Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit für viele ebenso dazugehören wie epidemisches, hochgradig infektiöses Misstrauen und die Dämonisierung anderer, und natürlich exzessive Brutalität samt deren spitzfindigen oder kruden Rechtfertigungen. Allerdings liegt darin womöglich auch ein Problem, wenn wir bestimmte Formen von Bosheit in menschlichem Verhalten als irgendwie unmenschlich und unverständlich oder unerklärbar einstufen. Das wäre dann quasi die Umkehrung mancher Gottesbeweise, die zur Erklärung der Welt etwas übernatürliches Gutes und Mächtiges heranziehen (beziehungsweise voraussetzen).

Vielleicht ist es aber gar nicht das Übermächtige und Exzessive, sondern die Art und Weise, wie uns manche Dinge unter die Haut gehen, das Klima unter Menschen vergiften und zu einer gefühlten (und damit irgendwann auch tatsächlichen) Ausweglosigkeit, Resignation und Ohnmacht führen, die alle Hoffnung dämpft und guten Antriebe lähmt, die wir als teuflisch erfahren. Dann ließen sich hier auch die ideologischen Verblendungen einbeziehen, die der Gewalt im Namen „guter“ Dinge (Nation, Ordnung, Sicherheit, rechter Glaube) legitimierend den Weg ebnen. Menschen, die die ersten Christen schikanierten und drangsalierten, durften sich damals ebenso als gute Römer und Patrioten fühlen wie alle, die heute Menschen aus anderen Kulturen und Religionen als Feinde betrachten, sich demonstrativ als Deutsche oder Abendländer oder sogar Christen gebärden.

Zum Glück ist der Teufel kein Glaubensgegenstand. In den altkirchlichen Bekenntnissen ist von ihm nicht die Rede, im Neuen Testament erscheint er nur sporadisch und eben indirekt – verhüllt in beklemmenden Erfahrungen und bedrohlichen Geräuschen, die einen vor allem dann zermürben können, wenn man ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenkt.

Wolf by arne.list, on Flickr
"Wolf" (CC BY-SA 2.0) by arne.list

Wir haben hier keine Löwen, aber derzeit siedeln sich erfreulicherweise wieder Wölfe in Deutschland an. Damit das Zusammenleben mit Menschen gelingt, müssen sie „vergrämt“ werden. So lernen sie, Abstand zu Menschen und deren Siedlungen zu halten und jede Konfrontationen zu vermeiden. Auf keinen Fall, so die Tierschützer, darf man sie füttern.

Manchmal frage ich mich, ob wir im übertragenen Sinne nicht genau das tun – Wölfe füttern. Durch Sensationslust und Skandalisierungen, – die dunkle Seite der medialen „Hypes“ unserer Tage – und durch Verächtlichmachung von Personen statt Kritik an deren Positionen (etwa wenn Höcke die Kanzlerin als „Trulla aus der Uckermark“ beschimpft), durch die Verrohung des politischen und gesellschaftlichen Diskurses in sozialen Medien, die sich eigentlich kaum noch satirisch parodieren lässt, weil sich immer der schrillste Ton durchsetzt in der Stimmenvielfalt. Angst- und Zerrbilder rangieren ganz oben in der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie. Kein Wunder, dass der Pessimismus durch die reflexartige Fixierung auf das Negative stetig zunimmt.

Meine Tochter lebt in Würzburg, meine Schwiegereltern in Ansbach. Beides friedliche Orte, die vor ein paar Wochen unversehens zum Schauplatz des Terrors wurden. In den tagen danach fragten sich viele, ob man nun noch mit der Bahnfahren oder auf ein Fest gehen kann. Gegenkultur bedeutet in dieser Situation, die Wölfe (oder den Löwen) nicht zu füttern. Weder die Wölfe im eigenen Kopf, noch die in der öffentlichen Debatte. Daher heißt es im 1.Petrusbrief auch, wir sollen nüchtern und wachsam sein.

Nüchtern, damit nicht Furcht zu Panik wird, Ärger zu Hass oder Trauer zu Verzweiflung, weil wir den Bezug zur Wirklichkeit verlieren, die oft weit weniger schlimm ist als ihre Dramatisierungen in konfusen ARD-Brennpunkten und der Sensationspresse. Vorbildlich nüchtern war beispielsweise der Pressesprecher der Münchner Polizei nach dem Amoklauf im Juli.

Und Wachsamkeit ist nötig, weil wir den Balken im eigenen Auge so gern übersehen. Man muss nicht an der Teufel glauben, um das zu verstehen.

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Was ist eigentlich anders bei der Seelsorge an Männern? Das fragte neulich jemand in eine Gesprächsrunde hinein und es ergab sich eine für mich unerwartet lebhafte Diskussion. Mit ein paar ganz interessanten Gedanken, die ich hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Widerspruchsfreiheit oder Allgemeingültigkeit knapp zusammenfasse.

Mann sein ist vielerorts nichts Gegebenes, sondern ein Anspruch. Das liegt nicht an den Unschärfen bei der Unterscheidung der Geschlechter, sondern daran, dass Männer immer wieder der Erwartung ausgesetzt sind, ihre Männlichkeit durch diese oder jene Aktion unter Beweis zu stellen. Und wenn mir jemand schaden möchte, behauptet er einfach, ich sei (nach seinen Maßstäben, die können unterschiedlich ausfallen) kein „richtiger“ Mann. Mann zu sein ist also mehr, als mit einem y-Chromosom auf die Welt zu kommen. Wenn es aber von der eigenen Leistung und Leistungsfähigkeit abhängt, wenn es von anderen anerkannt und bestätigt werden muss, dann ist Mannsein immer eine höchst unsichere Sache. Man ist immer nur insofern Mann, als man dem jeweils gültigen Ideal von Männlichkeit entspricht. Die Männer-Rolle nach eigenen Vorstellungen zu interpretieren ist erst einmal nicht vorgesehen.

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(Bild: Joshua Munoz | Unsplash.com)

Diese unbarmherzige und unflexible Außenorientierung hinterlässt ihre Spuren im Leben vieler Männer: Sie erscheint im Wunsch nach Anerkennung und dem Bedürfnis, als stark und kompetent (oder potent) wahrgenommen zu werden. Diese Unsicherheit ist ein Handlungimpuls, der sowohl Kampf- als auch Fluchtreflexe erzeugt. Männer können sich mit hierarchischen Systemen und klaren Hackordnungen leicht arrangieren. Der eigene Status ist in diesen Strukturen leicht zu bestimmen, er wird nach festen Regeln behauptet oder durch Rivalität und Konkurrenz erweitert.

Männer objektivieren gern, auch sich selbst – etwa den eigenen Körper, den sie sich (z.B. im Sport) oft wie eine Maschine vorstellen. Das Gespür für die eigene physische und psychische Gesundheit (und damit Ängste, Grenzen, Schwäche) steht dabei zurück. Viele brauchen lange, um über ihre tieferen Gefühle reden zu können (mit dem oberflächlichen Ärger über äußerliche Dinge in der „objektiven Welt“ ist das freilich anders, wie jeder Stammtisch beweist). Nicht wenige Männer verpacken ihre Selbstoffenbarung in Kommentare über äußerliche Dinge: Am Tonfall, wie jemand über Autos, Computer oder die kirchlichen Verhältnisse redet, lässt sich seine Gefühlslage ablesen – indirekt. Und an der Energie, mit der er es tut.

Man macht es Männern also schwer, wenn man von ihnen erwartet, einfach so über ihre Defizite und Schwächen zu reden. Ein Problem zu haben ist in der herkömmlichen sozial geprägten Männlichkeitslogik fast gleichbedeutend mit zum sprichwörtlichen Problembär zu werden. Ebensowenig sollte man sich davon irritieren lassen, wenn man als Seelsorger taxiert wird und erst einmal selbst beweisen muss, dass man satisfaktionsfähig ist. Bei vielen Männern muss man eine Weile geduldig zuhören, wie sie ihre Kompetenzen und Leistungen ins rechte Licht rücken. Das ist keine Ablenkung, sondern hier wird Vertrauen und Beziehung aufgebaut. Erst wenn ich weiß, der andere wird mich meiner Schwächen wegen nicht als inkompetent betrachten, kann ich sie zugeben. Viele Männer hassen zudem Mitleid: Sarkasmus und schwarzen Humor muss man also abkönnen, denn sie sind eine bewährte Strategie, über Schmerzhaftes zu reden, ohne dabei rührselig oder weinerlich zu werden.

Geduldiges und zugewandtes Schweigen ist meistens besser als Trösten. Aber man kann Männer gut an ihre vergessenen oder unterschätzten Ressourcen erinnern, und man kann sie auf klassische männliche Rollenelemente wie den „Krieger“ oder (kommt seltener vor) den „Weisen“ ansprechen. Solche Bilder können Kräfte freisetzen – nicht als Ideale, denen man hinterherhechelt, sondern als Potenziale, die zur Verfügung stehen.

Und in diesem Kontext, das hat Bastian Schweinsteiger gestern gezeigt, sind dann auch Tränen völlig ok – und verdammt heilsam.

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Der wunderbare Parker Palmer wird in seinen Büchern nicht müde, zu betonen, dass wir die entscheidenden Fragen im Leben nur aus uns selbst heraus beantworten können. Andere können uns dabei begleiten, aber uns die Aufgabe nicht abnehmen:

Sobald wir den Definitionen anderer davon, wer wir sind, erliegen, verlieren wir das Gespür für unser wahres Selbst und unser rechtes Verhältnis zur Welt. Es spielt keine Rolle, ob uns diese Projektionen zum Helden oder zum Trottel stilisieren: Wenn wir zulassen, dass uns andere benennen, verlieren wir den Bezug zu unserer eigenen Wahrheit und untergraben unsere Kapazität, mit anderen in lebensförderlicher Weise zusammen etwas zu schaffen. (A Hidden Wholeness, S. 102)

Diese Schwächung der Seele und die Unsicherheit im Blick auf das eigene Selbst ist für Palmer auch ein wesentlicher Faktor in den Krisen der Gegenwart. Er widerspricht den Moralisten, die exzessiven Individualismus und narzisstische Selbstverwirklichung als Ursache beklagen, und da ist er dann bemerkenswert aktuell, wie ich finde:

… ich bin zu vielen Menschen begegnet, die an einem leeren Selbst leiden. Sie haben da, wo ihre Identität sein sollte, ein Loch ohne Boden – eine innere Leere, die sie mit Erfolg im Wettbewerb zu füllen versuchen, mit Konsumismus, Sexismus, Rassismus oder irgendetwas, das ihnen die Illusion gibt, besser zu sein als andere. Wir eignen uns solche Haltungen und Praktiken nicht an, weil wir uns für überlegen halten, sondern weil wir gar kein Gefühl für uns selbst haben. Andere herabzusetzen wird ein Weg zur Identität, ein Weg, den wir nicht beschreiten müssten, wenn wir wüssten, wer wir sind.

Die Moralisten scheinen zu glauben, wir befinden uns in einem Teufelskreis, in dem wachsender Individualismus und die ihm innewohnende Egozentrik den Niedergang des Gemeinwesens verursachen – und der Niedergang des Gemeinwesens den Individualismus und die Egozentrik anwachsen lässt. Die Wirklichkeit ist eine ganz andere, denke ich: In dem Maß, wie Gemeinwesen von verschiedenen politischen und ökonomischen Kräften auseinandergerissen wird, leiden immer mehr Menschen an dem Leeren-Selbst-Syndrom. (A Hidden Wholeness. The Journey Toward An Undivided Life, S. 38)

Palmer orientiert sich an der Tradition der Quäker, aus der er zwei Grundsätze ableitet: Menschen haben einen „inneren Lehrer“, auf den sie hören müssen; sie können sich die entscheidenden Antworten nur selbst geben. Dazu aber brauchen sie die Gemeinschaft mit anderen, deren respektvolle Nähe und behutsame, offene, von Wertungen und Urteilen freie Fragen sie immer wieder auf die Stimme des inneren Lehrers zurück verweisen. Der Wahrheit über mich selbst kann ich mich im Dialog mit anderen besser nähern. Ohne die Fragen der anderen laufe ich nämlich Gefahr, in meinen Illusionen Kreise zu drehen.

(Falls jetzt jemand nach christlicher Selbstverleugnung fragen möchte: Auch die setzt voraus, sich selbst erst einmal wirklich zu kennen und zu hören. Und dann die Stimme des Ego zu ignorieren und sich dem wahren Selbst, dem göttlichen Funken oder dem neuen, aus dem Geist geborenen Menschen zuzuwenden.)

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Der Satz „Ich will mein Leben zurück“ hat es vor vier Wochen bis in die Schlagzeilen der Tagespolitik geschafft. Die subjektive Empfindung, die er transportiert, ist die, dass ich eigentlich etwas anderes, Besseres verdient hätte. Aber irgendwie werde ich um das Glück betrogen, das mir zusteht.

Für Außenstehende kann das mal mehr, mal weniger nachvollziehbar sein. Vielleicht ist es da ganz hilfreich, sich selbst im Spiegel einer Geschichte zu betrachten. Eine Geschichte, in der sich alles um Identität, Rivalität, Manipulation und die Verwicklungen dreht, die daraus erwachsen. Eine Geschichte, in der Menschen aus der Bahn geworfen werden. Aber zugleich eine Geschichte, die eine überraschende und versöhnliche Wendung nimmt.

Diese Geschichte ist eine der berühmtesten Erzählungen der Literaturgeschichte. Sie handelt von den Zwillingsbrüdern Jakob und Esau. Jonathan Sacks hat sie in „Not in God’s Name glänzend analysiert. Meine Zusammenfassung seiner Einsichten in Form einer Predigt gibt es hier zum Anhören.

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Letzte Woche saßen wir im Gott-im-Berg-Team beisammen. Wir ließen den letzten Kreuzweg noch einmal Revue passieren und sammelten schon mal ein paar Ideen für das zehnte Mal im kommenden Jahr. Es ist ein bisschen merkwürdig, wenn man im Hochsommer, wo alles so hell ist, intensiv über Kreuz und Passion nachdenkt, fand ich.

Ein Tag später kam es zu dem schweren Anschlag in Nizza und am Freitag dann zum Putschversuch in der Türkei. Und wir waren wieder mittendrin in der Frage, wo Gott in solchen Zeiten zu finden ist, und wohin wir gehen können mit unserer Trauer, Angst und Wut.

Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn der Passionszeit, dass wir immer wieder Worte und Bilder sammeln für solche Zeiten. So wie die Maus Frederick aus meinem Lieblingskinderbuch Farben für den Winter sammelt. Damit wir, wenn es wieder einmal ganz plötzlich finster wird um uns herum, nicht bei Null anfangen, nehmen wir uns sieben Wochen jedes Jahr und stellen uns dem Leid.

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Bei Gott im Berg, das fiel mir jetzt beim Nachdenken auf, geht es uns nicht so sehr darum, Antworten zu geben. Es geht mehr darum, Fragen offen zu halten, vorschnelle Antworten zu verhindern und einen Raum zu schaffen, in dem all die Gefühle Platz haben, die uns oft problematisch und unerwünscht erscheinen. Jedes Jahr fragen wir vierzehn Mal, wo Gott in dieser kaputten Welt denn steckt.

Antworten – wenn es sie gibt – brauchen Zeit, und Menschen müssen sie selbst finden. Sie sind nicht in einem stets passenden Allzweckformat vorgegeben. Wir ziehen sie nicht fertig aus der Tasche. Im besten Fall erleiden wir die Dinge, bis sich etwas in uns löst. Die Passion in (sicher etwas willkürlich gewählten) 14 Stationen abzuschreiten ist eben auch eine Lektion darin, dass es ein innerer und oft auch äußerer Weg ist, bis wir unseren Schmerz, Zorn, Verzweiflung und Angst so weit bearbeitet haben, dass das nicht mehr übermächtig ist.

Abgehakt und abgeschüttelt – auch das lehrt das Evangelium – ist das Leiden aber auch dann nicht. Es bleibt in Erinnerung, und diese Erinnerung ist entscheidend wichtig, damit wir die Liebe und Barmherzigkeit Gottes auf den einen Seite und die Verletzlichkeit des Lebens und der Mitmenschen auf der anderen Seite nicht aus dem Blick verlieren. Darum müssen wir sie auch bewusst pflegen. Nur so nämlich wird auch der Sieg der Gerechtigkeit, für den wir beten und auf den wir hoffen, nicht zum Anlass einer gnadenlosen Abrechnung, wie sie jetzt in der Türkei droht, oder zur Jagd auf die üblichen Sündenböcke. Nicht zur Umkehr von Leid, sondern zur heilsamen Verwandlung desselben.

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Einige haben heute darüber gepredigt, andere haben zugehört. Falls Ihr (und alle anderen) noch mögt, hier meine Predigt aus St. Leonhard heute morgen - vielleicht ist ein inspirierender Gedanke dabei.

Liebe – Liebe hat so gut wie immer Konjunktur. Zumindest wird pausenlos von ihr geredet. Ganz besonders gern tut es die Werbung:

  • „Wir lieben Bayern, wir lieben die Hits“, flötet die Radiomoderatorin eines Privatsenders.
  • „Wir lieben Lebensmittel“, beteuert eine Supermarktkette (noch lieber verkauft man sie aber)
  • „Echte Liebe“ tönt die Marketingabteilung eines börsennotierten Fußballvereins
  • Und unsere Stars „lieben“ natürlich ihre Fans, denen sie ihren Ruhm und Reichtum verdanken.

Wenn von Liebe die Rede ist, dann meistens deshalb, weil uns jemand etwas verkaufen will. Irgendwann hören wir uns dann selber Sätze sagen wie „Ich liebe Himbeereis“. Spätestens da stellt sich die Frage: „Ist die Liebe noch zu retten?“

Man müsste ein neues Wort erfinden können, um Liebe von diesen Missverständlichkeiten zu befreien: Als ob es da nur um ein unwiderstehliches Produkt ginge oder eine besonders attraktive Person, einen besonderen Reiz, der meinen Appetit weckt und mich dazu bringt, einen Gegenstand oder ein Erlebnis unbedingt haben zu wollen.

Genau das haben die ersten Christen getan: Sie fanden ein neues Wort für die Liebe. Liebe, die nicht darin besteht, im Anderen mein eigenes Spiegelbild zu erkennen und nicht darin, dass sinnliche Reize meinen Pulsschlag beschleunigen und den Hormonhaushalt in Schwung bringen. Diese „Ich brauch dich“-Liebe ist flüchtig, oberflächlich und passiv: Etwas triggert mich von außen und ich reagiere darauf aus einem inneren Mangel. Entfällt der Reiz, ist auch die „Liebe“ am Ende.

***

Johannes war der Meinung: Wer die Liebe verstehen will, muss bei Gott anfangen:

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.

Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Joh 4,16b-21)

Vierzehn Mal kommt das Wort Liebe/lieben in diesen neun Sätzen vor. Und alles gipfelt in der Feststellung: Gott ist die Liebe. Der Satz ist so einfach wie verblüffend. Denn die Götter der antiken Volksfrömmigkeit hatten ihre Günstlinge und ihre Affären, aber sie behandelten Menschen wie Spielfiguren. Der Gott der Philosophen hingegen war zwar ein faszinierendes Wesen, aber er selbst stand der Welt recht leidenschaftslos gegenüber.

Ganz anders der Gott der Christen: Er erschafft eine Welt und Menschen darin, die ihm von Anfang an Ärger machen. Aber Gott ist offenbar der Meinung „Ich bereue diese Liebe nicht“. Er sucht sich aus allen Völkern das unattraktivste aus – Israel. Er kommt in einer Krippe zu Welt, lebt im ärmeren Teil des Landes, teilt die Nöte und Sorgen einfacher Leute. Er lässt sich beschimpfen, schlagen und umbringen. Und statt die Menschen, die ihm all das antun, zu vernichten, vergibt er ihnen.

Martin Luther hat daraus den Schluss gezogen: Gottes Liebe findet das Liebenswerte nicht vor, sondern sie bringt es hervor ("Amor dei non invenit sed creat suum diligibile"). Auch wenn es oft eine schmerzhafte Geburt ist. Anders gesagt: Dass er mich liebt, liegt an ihm, nicht an mir. Und weil das so ist, wird es sich auch nicht ändern - egal, wie gut oder schlecht, dumm oder schlau, fair oder unfair ich mich verhalte. Paulus schreibt „sind wir untreu, so ist er doch treu, denn er kann sich nicht verleugnen“. In Jesus ist diese Liebe verbürgt, garantiert – mit Brief und Siegel. Wir haben keinen Anspruch darauf, haben sie uns nicht verdient, dafür können wir sie auch nicht verspielen.

Und genau deswegen müssen wir bei Gott anfangen, wenn wir die Liebe verstehen wollen: Gott ist unkaputtbare Liebe. Liebe ist nicht etwas, das Gott (wie manche Menschen) heute tut und morgen wieder lässt. Würde Gott aufhören zu lieben, dann würde er auch aufhören, Gott zu sein. Nach allem, was geschehen ist, als Gott in die Welt kam, ist ein liebloser Gott nicht mehr vorstellbar – das schreibt uns Johannes hinter die Ohren.

***

Wenn ich anfange, Gott so zu sehen, dann befreit mich das von meiner Furcht. Nicht unbedingt von der Furcht vor großen Höhen, vor Spinnen, vor Terror oder Katastrophen; aber von der Furcht, dass der eine, von dessen Wohlwollen mein Leben und Glück abhängt, mir gegenüber launisch oder gleichgültig sein könnte; dass er sich von mir abwendet, wenn ich ihn vor den Kopf stoße; dass er mich bestraft, wenn ich seinen Erwartungen nicht entspreche.

Der Dirigent Ben Zander vom Boston Philharmonic Orchestra sollte am Konservatorium unterrichten. Statt mit schlechten Noten zu drohen, verkündete er in der ersten Stunde, jeder Studierende werde eine Eins bekommen. Die einzige Bedingung dafür war, dass ihm jeder zu Kursbeginn schreiben sollte, was für ein Mensch er am Ende des Kurses sein möchte. Von da ab waren alle angstfrei bei der Sache und Zander stellte fest, dass er mit den Menschen arbeitete, die in den Briefen beschrieben waren. Er stellte keine Erwartung auf, der sie zu entsprechen hatten. Stattdessen gab er ihnen den Raum zu entdecken, welche Möglichkeiten in ihnen steckten.

Die Liebe Gottes schafft ein Klima, in dem sich das Liebenswerte in uns Menschen hervorwagt und gedeihen kann. Ein Klima, in dem niemand fürchten muss, dass er bedroht, bloßgestellt oder beurteilt wird. Wir alle wissen, dass wir unter Angst und Druck mehr Fehler machen. Und dass wir, wenn Strafe droht, diese Fehler auch noch verleugnen und vertuschen, und damit immer noch mehr Unheil anrichten.

Freilich, Gott rettet uns nicht immer vor den Folgen unseres eigenen Tuns. Aber indem er auf Drohungen und Forderungen verzichtet, schenkt er uns genau diesen angstfreien Raum, in dem wir radikal ehrlich sein können vor uns selbst und anderen. Und mit dieser Ehrlichkeit vor mir selbst beginnt jede positive Veränderung. Wer die Liebe verstehen will, muss bei Gott anfangen. Wen sie erfasst, der verliert seine Furcht. Und mit der Furcht vor Gottes Strafe und Zorn schwinden allmählich auch die anderen Ängste: Angst vor der Ablehnung anderer Menschen, Angst vor dem eigenen Versagen, Angst vor den vielen Gefahren und Risiken, denen wir in dieser Welt ausgesetzt sind. Denn selbst wenn uns schlimme Dinge zustoßen – sie trennen uns nicht von der Liebe Gottes in Christus.

„Furcht ist nicht in der Liebe“ – Eine Braut war vor ihrer Hochzeit schrecklich nervös und unsicher. Ihre Freundinnen wollten sie mit diesem Bibelwort trösten. Doch statt (wie es richtig gewesen wäre) 1. Johannes 4,18 auf die Karte zu schreiben, schrieben Sie nur Johannes 4,18. Die Adressatin schlug ihre Bibel auf und las zu ihrer Verblüffung: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“

***

Nicht vom Mann, aber vom „Bruder“ schreibt Johannes gegen Ende: Unsere Aufgabe ist es, „in der Liebe zu bleiben“. Sie ist uns geschenkt, aber dieses Geschenk muss man kultivieren. Behalten wir sie für uns, geht sie kaputt. Die Frage, ob ich noch in der Liebe bin oder nicht, lässt sich ganz einfach beantworten. Jesus hat im Gleichnis vom armen Lazarus dieselbe Schlussfolgerung gezogen: Das Verhältnis zu meinen Mitmenschen ist das entscheidende Kriterium dafür, wie es um mein Verhältnis zu Gott bestellt ist. Wer gegenüber dem Armen dicht macht, macht auch Gott gegenüber dicht. Er sperrt die Liebe selbst aus.

Brüder – Geschwister – kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Dafür bleiben sie – anders als manche Freunde – auch ein Leben lang Geschwister. Familien sind Schicksalsgemeinschaften. Die ersten Christen waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen: Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete, aus allen möglichen Ecken des römischen Weltreichs, das ähnlich groß und vielfältig wie die heutige EU war. Auch die Kirche war eine Schicksalsgemeinschaft. Einheit und Harmonie mussten immer wieder ausgehandelt und erkämpft werden. Und in letzter Zeit hat Papst Franziskus wiederholt davon gesprochen, dass auch Muslime und Christen "Brüder" sind. Bruderliebe ist also keine "Nächstenliebe light", die nur für Gleichgesinnte gilt.

In der Liebe zu bleiben heißt, sie zu verschenken. So etwas geht nur, wenn ich lerne, mich freiwillig zurückzunehmen. Der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz beschrieb diese Haltung so:

Liebe bedeutet, sich so sehen zu lernen
wie man Dinge aus der Ferne sieht.
Denn du bist nur ein Ding unter anderen
und wer so sieht, heilt sein Herz
ohne es zu wissen, von allerlei Krankheiten.
Ein Vogel und ein Baum nennen ihn „Freund“

Ich bin geliebt, so wie ich bin. Nicht weniger, aber auch nicht mehr als alle anderen Geschöpfe. Ich bin nicht der Nabel der Welt. Diese heilsame Erkenntnis, dass Gottes Liebe genauso auch allen anderen gilt, verändert den Blick. Der reiche Mann hielt seinen Reichtum für eine Errungenschaft, die er verteidigen musste. Und sich selbst für etwas besseres. Heute würde er die Tür versperren, Elektrozäune bauen, Videokameras installieren und Sicherheitspersonal patrouillieren lassen, um Lazarus nicht zu Gesicht zu bekommen. Denn dass Gott diesen kranken Typen liebt – ihn wegen seines harten Lebens erst recht liebt – kam ihm gar nicht in den Sinn. Gott aber schenkt dem Unansehnlichen Ansehen, sagt Jesus.

Wenn Gott mir trotz meiner Unansehnlichkeit sein Ansehen schenkt, dann kann ich offen, frei und mutig aus der Wäsche schauen.

Gottes Liebe, die das Liebenswerte nicht schon vorfindet, sondern es hervorbringt, beteiligt mich an dieser Heilung und Verwandlung der Welt. Der unansehnliche Lazarus hat heute viele Gesichter: Arme, chronisch Kranke, Einsame, Verlierer, Chancenlose, Entwurzelte. Aus jedem von ihnen blickt mich Christus an und fragt: Siehst Du mich?

Und wenn ich diesem Blick nicht ausweiche, sehe ich in dem anderen auch mich selbst: Unsicher, bedürftig, verletzlich und zugleich voller Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind.

Die Liebe muss nicht gerettet werden. In solchen Begegnungen rettet sie uns.

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Vor gut zehn Jahren erschien der Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Er erzählt die Geschichte zweier bedeutender Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt. Während Humboldt unter großen Strapazen den Urwald Südamerikas durchquert und dabei Pflanzen und Tiere katalogisiert, arbeitet der menschenscheue Mathematiker Gauß zeitlebens im Königreich Hannover, in einer Sternwarte und als Landvermesser. Alle seine Entdeckungen spielen sich im Kopf ab. Gegensätzlicher können Lebenseinstellungen und -entwürfe kaum ausfallen. Es gibt für Kehlmann keinen Gewinner: Am Ende ziehen beide eine recht ernüchternde Bilanz ihres Lebens.

I.

In Epheser 3,14-21 ist, so könnte man sagen, von der „Vermessung der Liebe“ die Rede. Von Länge und Breite, Höhe und Tiefe lesen wir, die es zu ermessen gilt. Es geht um eine gewaltige Ausdehnung – eine Weite, in der ganz viel Platz ist. Das Ergebnis dieser Vermessung wird auch gleich verraten: Unfassbar groß. Alle unsere Versuche, an die Grenzen und das Ende der Liebe Christi zu gelangen, sind zum Scheitern verurteilt.

Nun ist Liebe ja ohnehin kein Gegenstand im herkömmlichen Sinn, sondern ein Verhältnis zwischen Personen. Der zupackende Humboldt würde also entdecken: Liebe lässt sich nicht abmessen, kartographieren oder wiegen. Kleine Kinder spreizen manchmal die kurzen Arme, so weit sie können (wohl wissend, dass es nicht weit genug ist), und sagen dazu „ich hab dich soooo lieb.“ Als Erwachsene kommen wir über solche Gesten und Andeutungen kaum hinaus - es sei denn, wir werden zu Dichtern.

Obwohl menschliche Zuneigung ja oft bedrückend endlich sein kann, glauben selbst totale Beziehungschaoten noch an die „große Liebe“ und hören nicht auf, sie zu suchen. Denn irgendwie fühlt jeder, der sich verliebt, dass Liebe ihrem Wesen nach etwas Grenzenloses ist. Sie stellt keine Bedingungen und keine Forderungen, sie ist kein Tauschgeschäft, keine Dienstleistung, sie kennt kein Verfallsdatum. Sie fragt nicht nach Obergrenzen – „Wie viel muss ich geben?“, „wie oft muss ich verzeihen?“ – sondern sie verschenkt sich und bleibt gerade darin sie selbst.

„Die Liebe hört niemals auf“, schreibt Paulus an die Korinther. Sie lässt sich auch nicht berechnen, würde der grüblerische Gauß frustriert anmerken. Es gibt für sie keine Formel: Weder die jüdischen Schriftgelehrten noch die großen Denker der Griechen hatten vor 2.000 Jahren einen Gott auf dem Zettel, der die Welt mit sich versöhnt, indem er Mensch wird, sich brutal umbringen lässt und von den Toten aufersteht.

II.

Nun ist es eine Sache, den Versuch, die Liebe Gottes zu ermessen, von vornherein als sinnlos anzusehen – und sich deshalb weder Gedanken zu machen noch die riskanten und anstrengende Erkundung zu wagen –, und eine ganz andere, wenn man ihr mit wachem Verstand und offenem Herzen nachspürt. Da lässt sich die Begegnung mit Gott in der Stille nicht ausspielen gegen die Begegnung mit dem Nächsten. Gerade die Armen und die Fremden sind, wie Mutter Teresa oft sagte, Jesus, der sich verkleidet hat. Die Weite der Welt und der Trubel der Stadt sind ebenso heilige Orte wie das stille Kämmerlein oder dieser Kirchenraum.

Am Himmelfahrtstag standen Jesu Jünger noch etwas unschlüssig auf dem Ölberg herum, als ein Engel im weißen Gewand zu ihnen sprach: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Also gingen sie wieder zurück – in die Stadt, aber eben auch ins gemeinsame Gebet und das Warten auf die Kraft aus der Höhe. Vom Kommen der Kraft haben wir ja auch gelesen. Der Apostel betet:

„er [Gott] möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt.“

Damit deutet er schon Richtung Pfingsten – nicht nur das Kirchenfest einmal im Jahr, sondern als Zustand lebendigen Glaubens. Wie eine Quelle, die stetig sprudelt und aus der erfrischendes, klares Wasser an die Oberfläche kommt:

„So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“

Wo und wie aber findet diese Erfüllung statt? Gottes Liebe kann uns im Gottesdienst begegnen, zugleich aber ist sie so viel mehr als heilige Worte und sakrale Räume. Gott gibt dem Intellekt etwas zum Staunen und Nachsinnen, aber er ist so viel mehr als eine gelungene Theorie der Welt. Gott ist uns in den Gänsehautmomenten nahe: dem ersten Kuss, dem Gipfelerlebnis in der Natur, dem magischen Augenblick in einem Konzert, wenn gefühlt die Zeit stillsteht und ich mit tausend anderen den Atem anhalte. Aber er ist mehr als die besondere Erfahrung, die große Idee, das gelungene Projekt. Es bleibt immer ein Überschuss. Es gibt immer noch mehr zu entdecken. Und so wie der Ungebildete keine Ahnung hat, was er alles nicht weiß, so käme auch mir jedes Gespür für die Weite und Größe von Gottes Liebe abhanden, wenn ich gleichgültig oder resigniert darauf verzichtete, etwas zu erwarten, mich überraschen zu lassen, mich Gott zuzuwenden – „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft“, wie es das erste Gebot sagt.

Das rückt auch die Momente in ein anderes Licht, wo wir Gott schmerzlich vermissen, wo uns seine Nähe fehlt, wir uns leer fühlen und ganz und gar nicht erfüllt: So wie Wissen uns zunehmend sensibel macht für unser Nichtwissen, so ist schon unsere unerfüllte Sehnsucht nach Gott ein Zeichen für unsere Verbundenheit und Vertrautheit mit ihm.

Dass wir mit dieser Erkundung niemals fertig werden, das gilt nicht nur für Gott, sondern auch für jeden geliebten Menschen. Nur der oberflächliche Blick auf den anderen ist blind für das das Geheimnis. Abraham Heschel schrieb dazu:

„Für den Philosophen ist Gott ein Objekt, für betende Menschen ist er das Subjekt. Ihr Ziel ist nicht, […] über ihn informiert zu sein, als wäre er eine Tatsache neben anderen. Sie sehnen sich danach, von ihm ganz in Besitz genommen zu werden, Gegenstand seines Erkennens zu sein, und das zu spüren. Die Aufgabe ist nicht, das Unbekannte zu kennen, sondern von ihm durchdrungen zu sein; nicht zu kennen, sondern von ihm erkannt zu werden“.

III.

Mit der Liebe und dem Erkennen setzt der Apostel hier auch ein: Er verbeugt sich im Gebet vor Gott als dem kosmischen „Vater“, von dem alle Menschen abstammen. „Jedes Geschlecht“ – das könnte auch eine Anspielung sein auf die Verheißung an Abraham im ersten Buch Mose, dass durch ihn alle Völker, Sippen und Geschlechter auf Erden den Segen Gottes erfahren sollen. Schon da deutet sich die unermessliche Weite der Liebe Gottes an. Er ist

„der Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird.“

Die Segensgeschichte, die mit einer einzelnen Familie beginnt, breitet sich aus in die ganze Welt. Jesus, der gekreuzigte und auferstandene Messias, hat ein neues Kapitel dieser Story aufgeschlagen und uns, seine Nachfolgerinnen und Nachfolger, zu Mitwirkenden gemacht.

Diese Weite hat konkrete Folgen: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit war ein Problem unter den Christen in Kleinasien. Damals waren sich Juden- und Heidenchristen nicht grün – der Epheserbrief spricht sogar von einer „Mauer der Feindschaft“. Hier und heute wachsen Angst und Misstrauen zwischen Einheimischen und Einwanderern (und manchmal sind die Einwanderer von gestern die größten Kritiker der Einwanderer von heute). Stacheldrähte werden quer durch Europa ausgerollt. Von einer bedrohlichen „Flut“ ist die Rede. Religiöse, kulturelle und ethnische Vorurteile werden gehätschelt, Ängste und Ressentiments geschürt: „Alle Muslime sind Terroristen“ oder „alle Nordafrikaner sind potenzielle Vergewaltiger“ oder umgekehrt „alle Christen sind Agenten des Westens und der CIA.“ Irgendwann brennt eine Asylunterkunft, erhalten humanitäre Helfer Todesdrohungen, explodieren Sprengsätze.  Aber Gott ist Vater – und im Blick auf Gott ist das Muttersein in die Vaterschaft nicht etwa aus-, sondern eingeschlossen – aller Sippen und Geschlechter. Also auch der Türken und Araber, Sunniten und Aleviten, Ost- und Westeuropäer, Hell- und Dunkelhäutigen, Homo- und Heterosexuellen (und wem noch ein Reizwort fehlt in meiner Aufzählung, der kann es hier gedanklich einsetzen).

Der Apostel betet also zu diesem Gott, der allen Geschöpfen das Leben geschenkt hat, ihnen Raum gibt zum Wachsen, der sich zurücknimmt und kümmert, der mitfiebert, mitleidet, sich mitfreut. Er betet, dass der Strom dieser unermüdlichen und unerschöpflich nachwachsenden, alle Grenzen überwindenden Liebe uns erfasst – bis alle Angst, alles Misstrauen, alle Gleichgültigkeit und alle Feinschaft darin versinken. Wir sagen ja manchmal über andere, dass ihnen die Freude (oder der Ärger) „zu jedem Knopfloch herauskommen“. So können wir uns das auch mit der Liebe Gottes vorstellen: Die tiefsten Erfahrungen im Leben – Liebe, Verbundenheit, Zusammenhalt, Schönheit, Kreativität – beginnen mit dieser Bewegung des Geistes in unserem Inneren. Und dann trägt sie uns über unser kleines Selbst hinaus in die Weite.

Soooo weit.

Das wäre dann eine Entdeckung, die auch Gauß und Humboldt beeindruckt hätte.

Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt,
unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können,
er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus
in allen Generationen, für ewige Zeiten.

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