Lässt Gott mit sich reden?

Wenn man über das Gebet nachdenkt, namentlich das bittende und vor allem für-bittende Gebet, dann steht man vor der Frage, wie sich Gottes Wirken und menschliches Tun zu einander verhalten. Dazu kursieren alle möglichen Vorstellungen. Viele haben mit abstrakt-philosophischen Fragen zu tun: Greift Gott überhaupt in die Eigengesetzlichkeit der Welt ein, den Lauf der Dinge, dem wir unterworfen sind? Oder wäre es übergriffig, wenn Menschen Gott auf ihre Seite zu ziehen versuchten?

Verändert das Gebet (nur) den Betenden, und wenn ja, wäre das schon ein Erfolg oder eher ein Problem (nämlich eine Kapitulation vor dem Unvermeidlichen)? Wenn Gott „allmächtig“ ist, geschieht sein Wille dann nicht automatisch? Ist es sinnvoll oder notwendig, ihn um irgendetwas zu bitten? Ist die Tatsache, dass es Leid und Böses in der Welt gibt, ein Indiz dafür, dass Gott entweder nicht allmächtig ist oder aber kein ausgeprägtes Interesse an uns hat?

praying by t-bet, on Flickr
praying“ (CC BY-ND 2.0) by t-bet

Zugleich stehen wir in unserer Welt vor Herausforderungen, die so gewaltig sind, dass wir kaum anders können, als Gott um Beistand und Hilfe zu bitten. Und im Kleinen, im Persönlichen, ist es oft auch nicht anders. Was können wir, biblisch begründet, dazu sagen? Und was folgt praktisch daraus?

In den letzten Wochen habe ich dazu bei einer ganzen Reihe von Autoren nachgelesen.  Von Abraham Heschel bis Frank Crüsemann, von Walter Wink bis Rowan Williams und von Ezechiel bis J.R.R. Tolkien. Sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Schlussfolgerungen über die Partnerschaft zwischen Gott und Menschen. Wer mag, kann sich das Ergebnis hier anhören.

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Zweite Wahl, erste Sahne

Matthäus 22,1-10 (NGÜ):

Jesus fuhr fort, ihnen Gleichnisse zu erzählen. Er sagte: »Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der für seinen Sohn das Hochzeitsfest vorbereitet hatte. Er sandte seine Diener aus, um die, die zum Fest eingeladen waren, rufen zu lassen. Doch sie wollten nicht kommen.
Daraufhin sandte der König andere Diener aus und ließ den Gästen sagen: ›Ich habe das Festessen zubereiten lassen, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!‹ Aber sie kümmerten sich nicht darum, sondern wandten sich ihrer Feldarbeit oder ihren Geschäften zu. Einige jedoch packten die Diener des Königs, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig. Er schickte seine Truppen und ließ die Mörder töten und ihre Stadt niederbrennen.
Dann sagte er zu seinen Dienern: ›Das Hochzeitsfest ist vorbereitet, aber die Gäste, die ich eingeladen hatte, waren es nicht wert, daran teilzunehmen. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet alle zur Hochzeit ein, die ihr dort antrefft.‹ Die Diener gingen auf die Straßen und holten alle herein, die sie fanden, Böse ebenso wie Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen.«

Am Montag spielte die deutsche Nationalmannschaft beim Confed Cup im russischen Sotschi. Der Stellenwert des Turniers ist, sagen wir: überschaubar, und die Karten waren teuer, das Stadion wäre ziemlich leer gewesen. Kein Anblick, mit dem man die Welt hätte beeindrucken können; also ließ man tausende Tickets verschenken, um das trostlose Bild etwas aufzuhübschen.

Ist das die Botschaft dieses Gleichnisses, dass Gott so jemand ist wie Wladimir Putin, vor dessen Einladung man sich besser drücken sollte, weil man dafür einen hohen Preis bezahlen würde – und weil man eh nur Statist bliebe in einer hohlen und verkrampften Inszenierung von Größe, Glanz und Macht?


Andreas Rønningen

Vielleicht lässt sich diese Frage – was Jesus denn nun über Gottes Wirken in der Welt sagen will – beantworten, wenn wir ein bisschen eintauchen in die Geschichte. Stellen wir uns vor, wir sind einer der Gäste im Hochzeitssaal, der sich zusehends füllt:

Ich blicke mich um und sehe wenige bekannte Gesichter. Ich frage mich, ob das so eine gute Idee war, zuzusagen, als ich auf der Straße angesprochen wurde. Aber nachdem ich eh nichts vorhatte heute war die Aussicht auf ein Festessen und etwas fröhliche Gesellschaft nicht so schlecht. Und es duftet ja wirklich großartig aus der Küche. Jetzt merke ich erst, wie lange ich schon nichts Anständiges mehr gegessen habe. Bestimmt kennen sich alle anderen Gäste und nur ich bin ein Außenseiter. Es könnte ein anstrengender Aufenthalt werden, aber jetzt kann ich nicht nicht einfach wieder verdrücken.

Ich stelle mich mit meinem Aperitif in der Hand zu zwei anderen Gästen, die sich unterhalten. Sie sind gerade dabei, sich bekannt zu machen. Ruben ist Wanderarbeiter auf einer nahen Großbaustelle des Königs. Für das Fest heute hat er frei bekommen. Und Joseph ist ein Samaritaner, der geschäftlich in der Stadt ist. Er versucht, seinen Dialekt zu unterdrücken, um nicht angefeindet zu werden, aber es misslingt ihm zwischendurch immer wieder. Dann kommt noch Mosche hinzu. Er ist Wachsoldat im Tempel und hat gerade ein paar Tage frei, weil seine Frau ein Kind zu Welt gebracht hat. Er wollte erst gar nicht kommen, dann ließ er sich doch breitschlagen.

Ich wechsle den Tisch. Nebenan werden Gerüchte diskutiert, die ursprünglich geladenen Gäste hätten das Fest boykottiert. Der König habe es sich mit ihnen verscherzt, weil er ihre Sonderrechte gegenüber dem gemeinen Volk abschaffen wollte, meint einer aus der Runde. Ich denke mir: Das würde ja ins Bild passen, dass er nun Krethi und Plethi einlädt. Am Ende freut er sich über die neuen Gäste noch genauso wie über die Vertreter des Establishments.

Aber das sind ja wir, fährt mir durch den Kopf. Wann erscheint der Gastgeber denn endlich? Was wird er sagen, wenn er kommt? Hat er sich längst inkognito unter die Leute gemischt und hört zu, was wir über ihn reden? Wird er mir die Hand schütteln – hat er es schon getan? Muss ich mir Sorgen machen, dass ich nicht seinen Erwartungen entspreche – schließlich bin ich ja irgendwie nur Gast zweiter Wahl? Wie redet man überhaupt mit so jemandem? Ich nehme mir vor, zu sagen: „Ein ganz wunderbares Fest, Eure Majestät!“

* * *

Wie hat die Geschichte auf die Jünger gewirkt? Vielleicht ist es so gewesen: Jesus heilt eben noch ein paar Kranke und streitet mit ein paar Schriftgelehrten. Währenddessen sitzen die Zwölf im Schatten und zerbrechen sich die Köpfe:

„Was wollte er damit jetzt sagen?“, fragt Andreas.

„Ich glaube, wir sind die Gäste“, meint Petrus.

„Welche Gäste,“ fragt Johannes, „die erste oder die zweite Wahl?“

„Die zweite Wahl“, sagt Matthäus. „Mich hat er doch an der Mautstation gefunden. Euch vier beim Fischen. Wo er geht und steht, sammelt er Leute. Normale Leute, seltsame Leute, sogar Frauen sitzen mit ihm an einem Tisch, wenn er wieder mal feiert!“

Simon der Zelot sagt: „Du, Matthäus, hast für die Römer gearbeitet, ich habe Anschläge auf sie verübt. Für mich warst du der Böse, für dich war ich es. Aber Jesus hat uns beide berufen.“

„Stimmt“, sagt Matthäus. „Ich habe mich schon öfter gefragt, was er sich wohl dabei gedacht hat. Oder ob er schon einmal das Wort Zielgruppe gehört hat. Wenn du kampagnenfähig sein willst, brauchst du ein klares Profil…“

„Moment mal,“ unterbricht Petrus, „wenn wir die zweite Runde sind, dann wäre Herodes Antipas einer von der ersten Gruppe. Und zwar einer der militanten Typen. Er hat schließlich Johannes den Täufer umbringen lassen. Johannes war ja auch ein Bote Gottes, oder? Dann waren das eben aber keine guten Nachrichten für Herodes…“

„Hat er auch nicht verdient“, sagt Jakobus. „Und lange vor Johannes wurde Jeremia verschleppt und verschwand spurlos. Auch der hatte mit Kritik an den Mächtigen ja nicht gespart. Prophet ist halt ein sehr gefährlicher Job. Ich mache mir immer wieder Sorgen um Jesus. Das geht nicht mehr lange gut hier.“

„Was, wenn wir gar nicht die Gäste sind aus der Geschichte, sondern die Boten?“ fragt Philippus besorgt in die Runde. Und Thomas fügt hinzu: „Sind wir dann auch in Gefahr? In Galiläa hat er uns ja immer wieder mal ausgesandt, genau wie die Diener aus der Geschichte. Zum Glück haben sie uns da freundlich aufgenommen, sogar die schrägen Typen. Aber hier, in Jerusalem, das ist schon ein anderer Menschenschlag.“

„Die denken doch immer, sie seien erste Wahl“, seufzt Judas. „Uns behandeln sie wie nutzlose Trottel. Bestimmt meinen sie, wenn Gott schon redet, dann bestimmt so wie einer von ihnen. Von einem Galiläer lassen die sich nichts sagen.“

Und Philippus antwortet: „Bloß weil hier der Tempel steht meinen sie, sie stünden Gott näher und hätten ihn schon irgendwie in der Tasche. Auch das hat sich seit Jeremias Zeiten nicht geändert. Ganz schön arrogant.“

„Ja, schon,“ sagt Johannes, „aber jetzt sind wir ja schon wieder bei Bösen und Guten, oder?“

* * *

Wechseln wir die Perspektive noch einmal – so wie im Gleichnis die Akteure immer wieder wechseln: Sprechen wir über die Kirche.

Manchmal hat man ja den Eindruck, es gibt unter Christen kaum einen gemeinsamen Nenner. Außer, dass alle eine Einladung angenommen haben, und gerade erst herausfinden, auf was für einer Party sie da gelandet sind.

Dann ist Kirche sogar richtig gut, weil sie nicht einfach nur ein klar umrissenes Milieu oder Segment bedient und dessen Vorlieben und Abneigungen übernimmt. Wir sind ja irgendwie alle Gäste zweiter Wahl. Und irgendwie auch nicht. Paulus schreibt an die Korinther:

Schaut euch doch nur einmal an,
wer bei euch berufen wurde,
zur Gemeinde zu gehören, Brüder und Schwestern!
Nach menschlichem Maßstab
gibt es bei euch weder viele Weise
noch viele Einflussreiche oder viele,
die aus vornehmen Familien stammen!

Nein, was der Welt als dumm erscheint,
das hat Gott ausgewählt,
um ihre Weisen zu demütigen.
Und was der Welt schwach erscheint,
das hat Gott ausgewählt,
um ihre scheinbare Stärke zu beschämen.
Und was für die Welt keine Bedeutung hat
und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt –
also gerade das, was nichts zählt,
um dadurch das außer Kraft zu setzen,
was etwas zählt.

Gott arbeitet offenbar an einem groß angelegten Umsturz. Und dazu sucht er Menschen, die nach menschlichen Maßstäben nicht erste Wahl wären.

Wie kommt das Reich Gottes heute in die Welt? Drei aktuelle Beispiele können uns den Weg weisen:

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat am vergangenen Sonntag eine Aktion durchgeführt, die sich „Deutschland spricht“ nennt. Man konnte sich bewerben, indem man fünf politische Fragen beantwortete, und dann seine Postleitzahl angeben. Dann bekam man einen Gesprächspartner aus der Nachbarschaft zugeteilt, der ganz anders denkt als man selbst. 600 ausgewählte Paare trafen sich also und debattierten unter vier Augen über Flüchtlinge, Atomausstieg, Europas Umgang mit Russland, Ehe für alle und andere heiße Themen, die unsere Gesellschaft spalten und oft zum Abbruch des Kontakts führen. Die Erfahrungen waren so gut, dass viele Teilnehmer sich wieder treffen wollen. Eine Teilnehmerin berichtet: „Je länger wir uns unterhielten, desto weniger unterschiedliche Ansichten kamen zum Vorschein. … Wenn man sich … zusammensetzt und die Themen beleuchtet, auch genau zuhört, was die andere sagt, dann merkt man, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind.“

Mit Unterstützung vieler Wähler wirft Emmanuel Macron, der neue Präsident Frankreichs, das skandalträchtige politische Establishment und dessen nicht weniger zwielichtige Kritiker vom Front National aus der Nationalversammlung. Ein bunter Haufen von Neuen sitzt im Parlament, kaum einer kennt den anderen, viele haben das Gebäude noch nie von innen gesehen. „Kann das gut gehen?“, fragen viele. „Warum eigentlich nicht?“, sagen andere – deprimierender als zuletzt konnte es kaum noch werden.

Im Februar habe ich mit ein paar Kolleg*innen die Vesperkirche in Gustav Adolf besucht. Wir fanden dort in der Südstadt ein wahrhaft biblisches Bankett vor: Alte und Junge, Franken und Migranten, Studierte und Bildungsferne, Schlips- und Jogginghosenträger, Wohlhabende und Hartz-IV-Empfänger, Gläubige und Gottlose (-wobei…?). Ich setzte mich an den ersten freien Platz an einem Tisch und war sofort im Gespräch mit Fremden. Scharen von freiwilligen Helfern tragen die Aktion. Auch das ist ein sehr bunter Haufen. Aber ein Haufen mit einer Mission. Irgendwie alle Gäste des einen Gottes und die meisten irgendwie auch schon seine Diener und Mitarbeiter.

Wenn es nach Gott geht, kann der Festsaal nicht voll genug und die Festgesellschaft nicht bunt genug sein. Und was zunächst aussieht, als wäre es zweite Wahl, das ist ihm dabei das Liebste.

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Ein Fest mit Sprengkraft

Wie Sturm und Feuer kommt der Geist an Pfingsten und sprengt die Versammlung der Jünger. Das Rauschen des Sturms erfüllt den Raum, das Feuer verteilt sich auf die anwesenden Menschen. Türen scheinen aufzufliegen, die Fenster sind sowieso offen, Wände spielen keine Rolle mehr. Die Taube, die auf Jesus am Jordan landete, hätte so etwas nicht hinbekommen.

Sturm und Feuer… Ich erinnere mich an Worte aus 1. Könige 19:

Ein starker, heftiger Sturm,
der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus.
Doch der Herr war nicht im Sturm.
Nach dem Sturm kam ein Erdbeben.
Doch der Herr war nicht im Erdbeben.
Nach dem Beben kam ein Feuer.
Doch der Herr war nicht im Feuer.“

Der Herr war nicht im Feuer. Der Herr war nicht im Sturm. Damals.

Aber jetzt ist er im Feuer und im Sturm. So eine Art Feuer jedenfalls, und eine Art Sturm. Kein sanftes Säuseln. Niemand verhüllt sein Gesicht, sondern mit offenen Augen und Mündern stehen alle kurz darauf auf den Straßen Jerusalems.

Jetzt also doch Sturm und Feuer. Und falls sich jemand fragt, wo das Erdbeben ist – das folgt in Kapitel 4, als Petrus und Johannes aus dem Gefängnis kommen, alle gemeinsam beten, der Geist erneut „ausbricht“ und die Wände wackeln. Die bedrohte Redefreiheit wird wiederhergestellt.

Alle drei Elemente, mit denen der Prophet es schon zu tun hatte, sind also versammelt. Als würde Gott auf seine Leute zeigen und sagen: Das sind meine Propheten für diese Zeit und diesen Ort. Einfache Leute, die unerschrocken vom auferstandenen Jesus reden und damit die Mächtigen ins Schwitzen bringen. So wie Moses, nachdem der zu lange in ein sprechendes Feuer geschaut hatte.

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Feuer und Wind ergeben zusammen einen Flächenbrand. Eine bedrohliche Vorstellung, sofern es „richtiges“ Feuer ist. Aber große Hoffnung, wenn es das Feuer ist, das aus den Augen derer scheint, die den Gewaltigen die Wahrheit ins Gesicht sagen: „Eure Macht ist nicht so groß, wie ihr glaubt, und eure Zeit ist abgelaufen.“

Manchmal wird es auch wieder ein sanftes Säuseln sein, ein „verschwebendes Schweigen“ (Buber). Es ist eben der freie Geist des befreienden Gottes. Er sprengt all das, was zu eng und zu starr geworden ist: Kirchenmauern, Konzepte, Gesetze, Erwartungen, Scheuklappen und Angstbarrieren.

Davon gern mehr. Und gern jeden Tag.

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Heiligkeit, die sich die Hände schmutzig macht

Kennt wahrscheinlich jeder schon: Das Kreuz lässt sich so deuten, dass der vertikale Balken die Gottes- und der horizontale die Nächstenliebe symbolisiert. Dann steht es entweder für das Doppelgebot der Liebe oder (freilich kein Gegensatz) für die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen untereinander.

So weit, so schön und so passend.

Die beiden Kreuzbalken entsprechen so gesehen auch den beiden Tafeln der Zehn Gebote. Die erste Tafel hat mit dem Verhältnis zu Gott zu tun und schützt seine Integrität vor menschlichen Zugriffen: Die Einzigartigkeit, das Bilderverbot, der Name und der Sabbat (die letzten beiden stehen für alle übrigen Kultgesetze). Die zweite Tafel hat mit den Mitmenschen zu tun: Eltern, Unversehrtheit, Partner, Besitz und Wahrhaftigkeit.

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Wenn man nun fragt, was Jesus ans Kreuz gebracht hat, dann stößt man auf ein ganzes Bündel von Konflikten, die sein Wirken nach sich zog. Und interessanterweise lassen diese sich relativ stringent auf die zwei Tafeln verteilen. Jesus verletzt – in den Augen seiner Gegner (ob das nun Pharisäer oder Saddzuzäer waren) – die Gebote der ersten Tafel. Er missachtet die Sabbatruhe, er relativiert gängige Vorstellungen von Reinheit, er kündigt das Ende des Tempels und des Opferbetriebes dort an. Und selbst aus römischer Sicht zeigt er sich auch dem Gottkaiser und dessen irdischen Repräsentanten gegenüber ziemlich respektlos.

Umgekehrt wirft Jesus den Gegnern vor, in ihrer Praxis gegen den Sinn der Gebote der zweiten Tafel zu verstoßen: Statt die Alten zu versorgen, spenden manche das Geld an den Tempel. Männer verstoßen ihre Frauen und die sind dagegen weitgehend wehrlos. Zur Schau gestellte Frömmigkeit soll einen sozialen Vorteil verschaffen, und wer weniger intensiv glaubt, wird verächtlich gemacht und mit Schimpfwörtern belegt. Vergebung für Betrug oder Gewalttaten gibt es auch ohne Opfer und rituelle Reinigung. Das sind nur die Fälle, die mir sofort eingefallen sind.Kreuz:Tafeln

Insofern steht das Kreuz in eben dieser Deutung auch dafür, warum Jesus den Kreuzestod starb und das aller Wahrscheinlichkeit nach auch kommen sah und in Kauf nahm. Er stellte viele gängige Deutungen und Umsetzungen der Gebote in Frage. Und er verschob die Aufmerksamkeit weg vom Kult und all dem Kleingedruckten der „rechten“ Gottesliebe hin zu einem barmherzigen, offenen und versöhnlichen Umgang mit dem Nächsten, der ethnische und religiöse Grenzen überschreitet.

Interessanterweise gibt es das ja immer noch, auch unter Jesusnachfolgern: Diesen Streit, ob zuviel Nächstenliebe (und damit auch soziales und politisches Engagement) der Reinheit unserer Gottesliebe abträglich ist, oder ob das gar kein Gegensatz ist und auch besser nicht als solcher behandelt werden sollte. Ich finde diese rotznasige, empathische Heiligkeit mit den schmutzigen Händen und den weiten Grenzen jedenfalls viel attraktiver als die sterile, strenge und skrupelhafte Variante.

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Das Ding mit dem Lösegeld

Es mag an meinem beschränkten Horizont liegen, dass mir erst jetzt die Frage nach einem Zusammenhang zwischen dem berühmten Lösegeld-Wort aus Markus 10,45 und der folgenden Anweisung aus dem Buch Exodus (30,11-17) kommt. Dort lesen wir:

Und der HERR redete zu Mose und sprach: Wenn du die Israeliten zählst, die gemustert werden, soll jeder dem HERRN ein Lösegeld für sein Leben geben, wenn man sie mustert. Dann wird keine Plage über sie kommen, wenn man sie mustert. Dies sollen sie geben, jeder, der zur Musterung antritt: einen halben Schekel nach dem Schekel des Heiligtums, zwanzig Gera der Schekel, einen halben Schekel als Abgabe für den HERRN.

Jeder, der zur Musterung antritt, der zwanzig Jahre alt ist oder älter, soll die Abgabe für den HERRN entrichten. Der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger als einen halben Schekel geben, wenn ihr die Abgabe für den HERRN entrichtet, um für euer Leben Sühne zu erwirken.

So nimm das Sühnegeld von den Israeliten, und verwende es für den Dienst am Zelt der Begegnung. Und es soll vor dem HERRN die Erinnerung an die Israeliten wachhalten, um Sühne zu erwirken für euer Leben.

Ein bisschen zugespitzt formuliert: Die Tempelsteuer erscheint hier als eine Art „Schutzgeld“, das Schaden („Plagen“) abwendet und mit dem zugleich der Betrieb des Heiligtums gewährleistet wird. Jeder männliche Jude ab dem Alter von 20 Jahren muss sie entrichten, das war auch zur Zeit Jesu noch so, wobei es außerhalb von Judäa eine freiwillige Abgabe war, schreibt Heinz Schröder in „Jesus und das Geld“. Die Abgabe verbindet den einzelnen mit dem Tempel und über den Tempel mit Gott, das funktionierte auch für Diasporajuden und brachte dem herodianischen Tempel keinen geringen Wohlstand ein.

Liberation by jar [o], on Flickr
Liberation“ (CC BY 2.0) by jar [o]

Das Ganze ist trotzdem etwas undurchsichtig: Fällt ein Lösegeld für eine Art generelle Sündhaftigkeit der Israeliten an, also eine pauschale Zahlung mit sühnender Wirkung? Ist das quasi die monetarisierte Variante des Jom Kippur? Und wenn ja, warum sind Frauen und Kinder dann ausgenommen? Oder schwingt hier das Unbehagen im Blick auf Musterungen und Volkszählungen mit, das sich z.B. in 1.Chr 21 deutlich darin ausdrückt, dass Davids Musterung eine Idee des Satans genannt wird und mit schlimmen Konsequenzen belegt wird? Oder beides? Ein Lösegeld an irgendeine andere Instanz (wie im König von Narnia die Winterhexe) scheint jedenfalls keine Rolle zu spielen.

Und was passiert, wenn man das Lösegeldwort Jesu auf diese Situation bezieht? Je nach Vorverständnis ließe sich dann Folgendes sagen:

  1. Der – einmalige – Tod des Menschensohnes tritt an die Stelle der Tempelsteuer. Er erweitert zugleich deren Sinn. Um es mit Andrew Perriman zu sagen: “What’s at stake is not the routine daily or even annual maintenance of the covenant but the future of a people threatened with annihilation by an all-powerful pagan empire.“
  2. Alle weiteren Zahlungen und Transaktionen sind damit überflüssig, der kostspielige Betrieb des prunkvollen Tempels unter Regie der schwerreichen Priesteraristokratie ebenfalls (daher wird dessen Zerstörung wenig später angekündigt).
  3. Die Hingabe des Menschensohnes stiftet Gemeinschaft bis in den letzten Winkel der Diaspora und begründet die Zugehörigkeit zum Volk Gottes neu.
  4. Gott ist nicht etwa Adressat dieser „Sühne“, sondern der, der sie durch sein Handeln in Jesus endgültig ablöst.

Das würde auch den Kontext des Lösegeldwortes erklären, in dem Jesus die Mächtigen der Welt dafür kritisiert, wie sie Menschen knechten und auspressen. Denn das Instrument dieser Knechtschaft sind Bürokratie und Steuereintreiber, autokratische Gesetzgebung, die Konzentration von Kapital, die Aushebung von Truppen und die Einschüchterung von Kritikern durch die Androhung von Gewalt oder Ausschluss aus der Gemeinschaft. All das besteht wohl noch fort, aber es fehlt ihm fortan jegliche religiöse Legitimation.

Wenn das so gemeint war, dann lässt sich jedenfalls leicht vorstellen, warum Jesus in Jerusalem mit so viel Argwohn empfangen wurde.

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Ewiges Leben ist engagiertes Leben

In den letzten Tagen habe ich mich mit Ostergottesdiensten und -predigten befasst. Was mich beim Stöbern und Suchen überrascht hat, war, wie viele (durchaus renommierte, ich sag’ nicht welche) Prediger völlig apolitisch über das Osterevangelium reden konnten. Als wäre Ostern in erster Linie eine Antwort auf die Frage nach dem individuellen Tod – dem eigenen oder dem eines geliebten Menschen!

Und dabei ist mir wieder neu aufgefallen, dass Ostern für mich in erster Linie die Antwort auf die Frage ist, woher wir die Hoffnung auf eine bessere Welt nehmen. Es wird ja nicht irgendwer auferweckt, sondern der Messias der Armen, der die Herrschaft Gottes ankündigt – und den seine Kritik an den ungerechten Verhältnissen ans Kreuz brachte. Und dann heißt Ostern vor allem: Die Revolution geht weiter, egal wie viele seiner Mitstreiter noch eingesperrt und ermordet, abgeschrieben und verleumdet oder anderweitig „kaltgestellt“ werden.

Erst in zweiter Linie geht es dann um den persönlichen Tod und dann heißt Ostern: Irgendwann werden wir alle vollzählig um einen großen Tisch herum sitzen und feiern – auch die, die ihr Leben in dem Kampf für eine gerechte Welt verloren haben. Hier findet das Politische das Individuelle: Wenn ich den Tod nicht fürchten muss, wenn der Tod mich nicht mehr um die Früchte meines Engagements bringen kann, dann kann ich um so befreiter und selbstvergessener einsetzen für alles, was Recht ist.

Ewiges Leben ist also ein engagiertes Leben.

Heute ist ein guter Tag, um darüber nachzudenken. Vor 74 Jahren starben Hans und Sophie Scholl. Ihr Vater Robert rief dem obersten NS-Richter Roland Freisler im Prozess zu: „Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit!“. Die Mutter erinnert Sophie angesichts der Hinrichtung an die Nähe Jesu. Und Ihr Mitstreiter Christoph Probst verabschiedet sich mit den Worten „In wenigen Minuten sehen wir uns in der Ewigkeit wieder.“

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Angeknackste Identität, oder: Zwischen Fake und Wirklichkeit

Wie kann man nach einer solchen Woche predigen, in der Bernd Höcke das Holocaust-Gedenken und die Erinnerungskultur als Schande bezeichnet und in der Donald Trump vor und nach seinem Amtsantritt als US-Präsident alles als Lüge und Fake beschimpft, was seine Eitelkeit verletzt?

Und was haben solch schrille Töne zu tun mit den schleichenden Verunsicherungen und Auflösungstendenzen, die auch christlichen Gemeinden zu schaffen machen, weil Beziehungen oberflächlicher werden und Menschen in der Konsumgesellschaft des Neoliberalismus allein bleiben? Hier trifft die Nachrichtenlage und die Identitätspolitik auf unsere Alltagsfragen und -nöte.

Was haben wir solchen Kräften, die auf viele verängstigend und zersetzend wirken, entgegenzusetzen? Wie muss eine christliche Identität im 21. Jahrhundert gestrickt sein, damit sie kein Fake ist – also auch nicht der Versuch, „die Fragen, die der Modernisierungsprozess aufwirft, ideologisch zu entsorgen“, wie Ulrich Beck das dem um „hergestellte und herstellbare Fraglosigkeit“ bemühten Biologismus, ethnischen Nationalismus, Neorassismus oder dem militanten religiösen Fundamentalismus vorwirft?

Welche Praxis des Glaubens und welche Vorstellung von Evangelium und Kirche hat also Aussicht auf Bestand und kann zum Frieden in der Welt beitragen?

Die Antwort habe ich im Blick auf ein anderes Mahnmal der Schande – das Kreuz – (und mit einem kurzen Seitenblick ins aktuelle Philosophie-Magazin) versucht, halbwegs allgemeinverständlich zu formulieren. Wenn Euch das Ergebnis interessiert, könnt Ihr den Mitschnitt hier anhören und dort die Kernsätze mit- oder nachlesen.

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„Bekehrung“ – ein radikaler Perspektivwechsel

In den letzten Tagen habe ich, angeregt durch Jonathan Sacks, viel über die Josephsgeschichte nachgedacht (einiges davon hat sich hier niedergeschlagen). Die Versöhnung am Ende ist ja recht spannend inszeniert von Josephs Seite und die Frage ist, warum er es den Brüdern erst so schwer macht.

Die beste Antwort darauf ist: Die Brüder brauchen einen Perspektivwechsel – einen Rollentausch, um sich selbst und Joseph zeigen zu können, dass sie nicht mehr die sind, die ihn damals fast umgebracht hätten und dann in die Sklaverei verkauften. Hätten sie geahnt, was für ein Lohn sie am Ende erwartet, hätte Joseph nie wissen können, ob ihren freundlichen Worten zu trauen ist. Vielleicht hätten sie selbst es nie mit letzter Gewissheit sagen können.

Mit den Vätergeschichten (die eigentlich mehr Geschichten von Konflikten zwischen Brüdern sind) beginnt die Geschichte Israels, der ein Perspektivwechsel schon dadurch eingeschrieben ist, als das Volk sich durch den Auszug aus der Sklaverei erst richtig konstituiert. Vor allem die Propheten werden daran immer wieder erinnern.

Kein Wunder also, wenn Jesus von seinen Zuhörern immer wieder einen Perspektivwechsel verlangt. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeigt, dass die Frage, wer mein Nächster ist, den ich lieben soll wie mich selbst, ohne Perspektivwechsel gar nicht zu beantworten ist.

Vor ein paar Wochen stieß ich bei Zeit Online auf einen wunderschönen Bericht von einem radikalen Perspektivwechsel. Dudi Mizrahi, Hooligan aus dem ultraorthodoxen Jerusalemer Stadtteil Givat Schaul, freundet sich mit Arabern an und kämpft gegen Rassismus, seit er bei einer palästinensischen Familie in Nablus übernachtete. Eigentlich eine klassische Bekehrungsgeschichte – der Vergleich mit einer „Erweckung“ wird denn auch explizit gezogen.

Wenn man Bekehrung so versteht (und damit auch nicht in Konkurrenz zur Taufe oder einem allmählichen Hineinwachsen in den Glauben), dann wäre sie der ultimative Perspektivwechsel: Ich übernehme dauerhaft die Perspektive des Gekreuzigten, der Spott, Verachtung, Hass und Gewalt erleidet, weil er sich mit den Ausgeschlossenen, Ausgebeuteten und Abgemeldeten, den Verschmähten, Verleumdeten und Verworfenen identifiziert, weil er ihnen eine Stimme und Ansehen gibt und die Erinnerung an sie wach hält – vor Gott und der Welt. Der Gekreuzigte ist, um es mit Hannah Arendt zu sagen, einer derer, die nichts haben als die „abstrakte Nacktheit ihres Nichts-als-Menschseins“. Es bedeutet aber auch, Gott in den Gesichtern und Lebensgeschichten dieser Menschen sehen zu lernen.

Zu solchen Bekehrungen einzuladen wäre dann eine zutiefst christliche – und am heutigen Tag muss ich natürlich noch hinzufügen: zutiefst reformatorische – Angelegenheit. Immer und immer wieder. Dann wird irgendwann auch ein fröhlicher Wechsel draus.

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Missverstandene Macht: Wie Autorität und Autonomie zusammengehören

Terry Eagleton macht sich in Culture and the Death of God Gedanken über die „Religion der Humanität“. Der Glaube an die Menschheit tritt an die Stelle des Gottesglaubens, bei Ludwig Feuerbach etwa. Und er beschreibt das Missverständnis oder die schräge Karikatur der monotheistischen Religionen, die damit einhergeht. Weil das in viele Schattierungen auch heute in den Debatten auftaucht, lohnt sich ein Blick auf Eagletons Gedanken:

Wo früher Gott der absolute Monarch war, trägt für die Feuerbachianer heute der Mensch stattdessen die Krone. Theologisch ausgedrückt handelt es sich hier um ein Missverständnis des Wesens göttlicher Autorität. Theologisch orthodox ist die Auffassung, dass Gottes Souveränität nicht die eines Despoten ist, wie wohlwollend auch immer er sein mag, sondern eine Macht, die der Welt erlaubt, sie selbst zu sein. Daher ist sie eine Kritik menschlicher Souveränität, nicht deren Urbild. Die Aussage, dass Gott der Welt gegenüber tranzendent ist, bedeutet, dass er sie nicht nötig hat, und daher auch keine neurotischen Besitzansprüche auf sie erhebt. Sie steht in dieser Hinsicht wie er auf eigenen Füßen, besteht in ihrer eigenen Autonomie fort. Das ist der Grund, warum Wissenschaft möglich ist. Schöpfung ist das Gegenteil von Besitz, und göttliche Macht das Gegenteil von Unterwerfung.

Nun ist es allerdings verständlich, dass solche Karikaturen entstehen konnten. Denn bis in die heutige Zeit hinein wird in so manchen christlichen Predigten ein Gottesbild verkündigt, dass genau dieses Missverständnis zementiert: Ein despotischer Gott, der menschliche Machtstrukturen sanktioniert und rechtfertigt, ein Gott, der neurotisch kontrolliert und beherrscht, der autoritär jeden Widerspruch erstickt, der menschliche Autonomie (Wissenschaft zum Beispiel) als potentiellen Aufruhr misstrauisch beäugt und mit Vorschriften (Bibel bzw. deren buchstäbliche Auslegung) gängelt.

Wir könnten also anfangen, diese seltsamen Vorstellungen von Gottes Souveränität (aktuell besonders beliebt im Neocalvinismus und bei Rechtskatholiken) auszumisten. Vielleicht macht das dann die Debatte, ob Monotheismus und Toleranz kompatibel sind, irgendwann wieder etwas einfacher. Vielleicht setzt sich die Erkenntnis dann durch: Gottes Souveränität ermöglicht es uns, wir selbst zu sein.

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Ein aufschlussreiches Geheimnis

Liebe Brüder und Schwestern, ich will euch dieses Geheimnis nicht vorenthalten, damit ihr nicht auf eigene Einsicht baut: Verstocktheit hat sich auf einen Teil Israels gelegt — bis sich die Völker in voller Zahl eingefunden haben. Und auf diese Weise wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Kommen wird aus Zion der Retter, abwenden wird er von Jakob alle Gottlosigkeit. Und dies wird der Bund sein, den ich mit ihnen schliesse, wenn ich ihre Sünden hinweggenommen habe.

Im Sinne des Evangeliums sind sie Feinde, um euretwillen, im Sinne der Erwählung aber Geliebte, um der Väter willen. Denn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung. Wie ihr nämlich Gott einst ungehorsam wart, jetzt aber durch ihren Ungehorsam Barmherzigkeit erlangt habt, so sind sie jetzt ungehorsam geworden durch die Barmherzigkeit, die euch widerfuhr — damit auch sie jetzt Barmherzigkeit finden. Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um allen seine Barmherzigkeit zu erweisen. (Römer 11,25-32)

Paulus kündigt an, er werde ein Geheimnis lüften. Ich höre ihn fast flüstern, als beugte er sich herüber, um es mir ins Ohr zu sagen.  Ich werde neugierig und ein bisschen skeptisch: Ist Paulus ein Engel erschienen, hatte er einen Traum oder eine Vision? Und um was für ein Geheimnis hadelt es sich? Ein Kindergeheimnis – wie von einer Märchenwelt hinter den Wandschrank, von einem Schatz, der im Keller verbuddelt ist, oder davon, dass der klapprige alte Mann von Gegenüber in Wirklichkeit ein mächtiger Zauberer ist?

Erwachsenengeheimnisse sind ja meist alles andere als zauberhaft. Sie handeln allzu oft von Affären und Intrigen, von Steuerbetrug und Fahrerflucht, Doping, Wortbruch oder Waffenhandel. Es gibt unter Erwachsenen obendrein dubiose Pseudogeheimnisse, etwa die Behauptungen verschiedenster Verschwörungstheoretiker, dass hinter praktisch allen Problemen unserer Zeit in Wahrheit die Freimaurer, die CIA oder die Gülen-Bewegung stecken.

Schließlich gibt es noch offene Geheimnisse: Dinge, von denen jeder weiß, über die aber niemand redet. Heiße Kartoffeln, an denen man sich nur den Mund verbrennen kann. Israel ist eine solch „heiße Kartoffel“ für manche. Das liegt an der schwierigen Geschichte, die wir mit Israel haben, als Christen wie als Deutsche. Bis heute ist zudem der Nahostkonflikt ungelöst, die Spannungen zwischen Israelis und Arabern nehmen eher zu als ab. Da ist es einfacher, gar keine Position zu beziehen.

* * *

Aus der schwierigen Geschichte, die Gott mit seinem Israel verbindet, erzählt Paulus viel im Römerbrief. Und dabei dreht sich für ihn alles um das Thema „Gerechtigkeit“. Das ist nicht etwa juristisch gemeint, sondern er schildert die Treue Gottes zu seinen Verheißungen und seinem Bund mit Abraham und dessen Nachkommen. Indem er treu und unbeirrt seine Zusagen hält, indem er vergibt und barmherzig bleibt, erweist sich Gott als gerecht.

Der Jude Paulus kann, wie die großen Propheten vor ihm und wie Jesus selbst, die Geschichte Israels als eine Geschichte der Treue Gottes erzählen. Immer wieder steht sie in Kontrast zu Israels Untreue; dennoch lässt Gott die Beziehung zu seinem „widerspenstigen“ Volk (so steht es bei Jesaja) nie abreißen. Er hat sich Israel unter allen Völkern der Welt gerade deshalb ausgesucht, weil es weder besonders reich und schön, noch besonders mächtig und stark und auch nicht besonders moralisch oder klug ist. Sondern weil er eine Alternative schaffen will zu dem Großreichen der Antike, die allesamt auf Gier, Gewalt und Größenwahn gegründet sind.

Dem Stammvater Jakob, in jungen Jahren ein windiger Hochstapler, gibt Gott den Namen „Israel“, „Gottesstreiter“. Eine Eigenart Israels ist , dass es mit seinem Gott und dessen unbegreiflichen Wegen hadert, dass es beim Versuch, ihm gerecht zu werden, immer wieder scheitert, und dass es seinen göttlichen Liebhaber (der Bund ist wie eine Ehe) wie eine femme fatale behandelt, die alle Annehmlichkeiten der Beziehung mitnimmt und ihn im Gegenzug mit ihren ständigen Eskapaden verletzt.

Hätte Gott einen Beziehungs-Status auf facebook gehabt, er hätte die meiste Zeit auf „es ist gerade kompliziert“ gestanden. Und so entschließt Gott sich zu einer Trennung, um die Beziehung zu retten: Israel geht ins Exil, Jerusalem wird zerstört. Alles zurück auf Null, als wäre das Volk wieder in Ägypten, als zögen die Väter mit ihren Sippen wieder heimatlos durch die Steppe. Dazu sprechen die Propheten rätselhafte Worte über Tod und Auferstehung, über Untergang und Neuschöpfung.

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Israels Geschichte verdichtet sich in Jesus: Wie Abraham ist er erwählt, aufzubrechen; wie Mose gesandt, um das Volk zu befreien; wo Josua durch den Jordan zog, wird er getauft; als Sohn Davids zieht er in Jerusalem ein, und dann fällt er – in einer dramatischen Wende – wie der letzte König von Juda in die Hände der Heiden, wird weggeführt in den Untergang. Alles zurück auf Null. Doch dann wird er von den Toten auferweckt. Für Paulus ein offenes Geheimnis, über das er in den Synagogen und auf den Straßen der antiken Städte spricht. Israels kommende Wiederherstellung, der erneuerte Bund, die Vergebung der Sünden, die Geburtswehen der neuen Welt – alles ist schon in der Auferweckung enthalten.

Doch noch ist Israel nicht so weit. Wie Jesus über Jerusalem weinte, das seine Botschaft vom Neuanfang nicht hören wollte und im Begriff war, sich zu radikalisieren – unaufhaltsam der nächsten Katastrophe entgegen –, so betrauert Paulus die „Verstocktheit“ seines Volkes. Israel ist – um ein anderes Wort zu gebrauchen – immunisiert gegen die gute Nachricht. Im wenig imposanten Auftreten Jesu von Nazareth erkennt es nicht den Messias, in seinem wehrlosen Leiden und seiner rätselhaften Auferweckung nicht den Schlüssel zum geheimnisvollen Plan Gottes, der sein Ziel – wieder einmal – auf verschlungenen Wegen erreicht.

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Kein Wunder also, dass Paulus sich mit der Frage herumschlägt, ob denn Gottes Verheißung „hinfällig geworden“ sei. Auch nach Ostern hielten Israels Eliten und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung den gekreuzigten Jesus für gescheitert hielten, für einen falschen Propheten. Sie ignorierten seine Botschaft von Gottes Option für die Armen, von Frieden durch Vergebung, Gewaltfreiheit und Liebe zu den Feinden. Die nächste Zerstörung der Stadt und des Tempels durch die Römer 70 n.Chr. lag damals noch mehr als zehn Jahre in der Zukunft. Man hätte aber auch so schon meinen können, Israel sei für Gott endgültig „verloren“. Verloren in dem Sinne, dass alles, was Gott mit dieser Welt noch vorhat, nun ohne Israel und an ihm vorbei passieren muss.

Ganz im Gegenteil, hält Paulus hier dagegen: Dass Israel so ablehnend auf das Evangelium reagiert, ist keine Panne. Es ist vielmehr der Grund dafür, dass Gottes Barmherzigkeit nun zu den Heidenvölkern kommt und dort um so mehr Anhänger findet. Dass es so ist, muss man den Römern nicht mehr beweisen, sie sehen es an sich selbst. Es ging Israels Gott ja schon immer auch um die Heiden. Früher oder später, davon ist Paulus überzeugt, wird es die verschüttete Sehnsucht Israels wecken, dass so viele Heiden dem Messias folgen.

Vielleicht stellt Paulus sich das so vor wie die neugierigen Reaktionen in unserer (gegenüber Kirche und Christentum weitgehend immunisierten) Medienlandschaft, wenn irgendwo in Deutschland Flüchtlinge aus dem Iran oder Irak getauft werden. Was um alles in der Welt geschieht denn da, möchten plötzlich viele wissen, wenn sie in fremdländischen Gesichtern echte Freude über den neuen Glauben sehen und das vermeintlich antiquierte Bekenntnis in gebrochenem Deutsch mit orientalischem Akzent hören. Steckt am Ende doch mehr dahinter, als man bislang immer dachte?

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Bei Romanen oder Spielfilmen wäre es ein Fauxpas, zu verraten, wie die Geschichte ausgeht. Es würde die Spannung zerstören. Warum also ist es Paulus so wichtig, uns zu verraten, wie die Geschichte Gottes mit Israel und der Welt ausgeht? Vielleicht, weil es ein aufschlussreiches Geheimnis ist. Es erschließt uns Wege zu klugem Handeln in schwierigen Zeiten:

In den christlichen Kirchen wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder heftig darüber gestritten, ob Mission unter Juden erlaubt oder sogar geboten ist. Vielleicht gibt Paulus uns hier eine salomonische Antwort: Wer möchte, dass Israel zum Glauben an Jesus findet, der muss ihn unter den „Heiden“, den Nichtjuden, bekannt machen. Und darf dann geduldig und im Vertrauen darauf warten, dass die Sehnsucht erwacht und der Funke überspringt.

Gottes Treue zu Israel ist eine gute Nachricht für die Christenheit und die Welt. Für die Christenheit, weil auch wir Christen vernagelt und uneinsichtig sein können. Das Dritte Reich, das im Stadtbild von Nürnberg so tiefe Spuren hinterlassen hat, ist der beste Beweis dafür, aber nicht der einzige. Wie vom Judentum und Israel hieß es auch von uns Christen, unsere Zeit sei abgelaufen und der Glaube habe sich überlebt. Doch wer so redet, rechnet nicht mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

In unserer Gesellschaft erleben wir, dass viele überfordert sind von Krisenbotschaften aus aller Welt. Dabei geht es uns persönlich oft gar nicht einmal so schlecht. Aber der Blick auf die Großwetterlage von Terror, Diktatur und instabilen Verhältnissen führt derzeit zu einem tiefen Pessimismus. Die Vergangenheit erscheint im Gegensatz dazu als heile Welt und gelobtes Land. Aber die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen – auch wenn manche das behaupten und damit auf Stimmenfang gehen für einen zerstörerischen politischen Kurs.

Israels Geschichte und die Jesusgeschichte, die mit Israel zutiefst verwoben und verflochten ist, verwehren uns den bequemen, passiven und ganz oft selbstmitleidigen Schritt zum Schwarzseher und die Lust am Untergang.

Es ist also ein offenes, öffentliches Geheimnis, auf das Paulus uns hinweist. Die „Informationen“ sind bekannt. Und damit ist es das krasse Gegenteil zu einem Pseudogeheimnis, das Misstrauen schürt und andere anschwärzt. Es ist ein Geheimnis aus der Erwachsenenwelt, das ihre Abgründe nicht übergeht oder kaschiert. Und doch steckt auch eine Prise Kindergeheimnis darin: Denn die Abgründe sind endlich, Gottes barmherzige Treue, seine Gerechtigkeit, dagegen ist es nicht. Sie ist nicht „zu gut um wahr zu sein“, sondern einfach zu gut, um erfunden zu sein. Und so dürfen wir mit Oscar Wilde sagen, augenzwinkernd vielleicht, und doch voller Hoffnung:

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

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Isaak und Ismael – Prototypen des Streits oder der Versöhnung?

Kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo über die Spannung zwischen Islam und westlicher Kultur (was auch immer man dann darunter versteht, liberales Weltbürgertum oder identitäre Isolation) gestritten wird. Und weil Kontrast besser in unserer zerschnipselten Kommunikation besser funktioniert und mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als Komplexität und mühsame Perspektivwechsel, die einen anderen Blick erlauben würden.

Eine (alte) Geschichte, die gerade wieder hoch im Kurs steht, lautet: „Muslime waren schon immer unsere Feinde und das wird auch immer so bleiben. Man kann sie also nur bekämpfen oder bekehren. Ergo gehört der Islam auf keinen Fall zu Deutschland.“ Umgekehrt funktioniert das freilich auch, wenn Christen in Regionen, wo sie in der Minderheit sind, verdächtigt, verfolgt und vertrieben werden.

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Bild: Unsplash.com

Juden, Christen und Muslime berufen sich auf die Herkunft von Abraham. Jener Abraham wurde – darin sind sich alle einig – von Gott erwählt. Der immer wieder aufflammende Streit dreht sich um die Frage, wer seine legitimen Erben sind (und wer nicht). Er ist fast so alt wie Abraham selbst. Genauer: Er beginnt im Verständnis vieler mit Sara und Hagar, Isaak und Ismael, mit zankenden Müttern und getrennten Brüdern.

Doch just in dieser Geschichte findet Jonathan Sacks den Schlüssel für ein friedliches Verhältnis der abrahamitischen Religionen. Nicht, indem er einen alten, sperrigen Text einebnet und modernisierend umdeutet, sondern indem er ihn genau liest, gut hinhört und sich bei den jüdischen Auslegern in Altertum und Mittelalter umschaut. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen. Und deshalb habe ich das entsprechende Kapitel aus Not in God’s Name vor ein paar Wochen zur Grundlage einer Predigt gemacht, weil ich es so hilfreich und wichtig fand.

Vielleicht gilt das ja nicht nur für unsere Gemeinde: Wer mag und etwa 25 Minuten Zeit hat, kann sich hier in den Podcast klicken.

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Die Rechte und die Mächte

Der Rechtsruck in Europa beschäftigt die Kommentatoren. Und tatsächlich muss es jeden vernünftig denkenden und geschichtsbewussten Bürger unruhig werden lassen, wenn im Westen Farrage und Le Pen behaupten, alles Unheil komme aus Brüssel, wenn im Osten Orban und die PiS-Partei repressive Mittel gegen Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen und wenn jenseits der Grenzen der EU in Russland und der Türkei das politische System immer autoritärer wird. Ganz zu schweigen von der FPÖ, der AfD, Pegida und dem Hass derer, die bei uns (ähnlich wie Trump-Anhänger in den USA) den drohenden sozialen und wirtschaftlichen Absturz fürchten und einen Prügelknaben brauchen – manchmal „nur“ verbal, immer öfter aber ganz handgreiflich. Fortschritt, Liberalisierung und Menschenrechte sind weder Automatismen, noch sind sie unumkehrbar.

Stop Hatin! by Francis Storr, on Flickr
Stop Hatin!“ (CC BY-SA 2.0) by Francis Storr

Die Ursache für diese rasante Eintrübung des gesellschaftlichen Klimas kann man bei den etablierten Parteien suchen, beim globalen Finanzkapitalismus, in vernachlässigten Bildungsystemen, der Empörungsdynamik sozialer Medien, der Entsolidarisierung des Konsumzeitalters. Und man wird vermutlich überall fündig. Ob die Entdeckungen – einzeln oder im Aggregat – das Phänomen hinreichend ausleuchten und Wege zur Bekämpfung der Problematik von Hetze und Angst liefern werden, ist noch die Frage. Historische Parallelen zu rassistischen Denkmustern und Weltbildern, zu Begriffen wie „Lügenpresse“, zur Dämonisierung ethnischer und religiöser Minderheiten und zur Psychologie der NS-Propaganda können vielleicht jene Teile der Gesellschaft sensibilisieren, die in größeren Zusammenhängen denken und Komplexität nicht als Zumutung oder Verschwörung begreifen.

Es waren die rechten Dikaturen in Lateinamerika und die Apartheid in Südafrika, in deren Kontext Walter Wink das Thema der Mächte und Gewalten aufgriff und daraus nicht nur eine Praxis des gewaltfreien Widerstands ableitete, sondern auch eine klare Verhältnisbestimmung von Kirche und politischer Macht (oder besser: Ohnmacht). Mit dem (wie Ludwig Greven in der Zeit schreibt) globalen „Trash-Faschismus“ und seiner „Lizenz zum Hassen“, mit dem rasanten Anstieg rechter Gewalt rücken vergleichbare Verhältnisse auch bei uns deutlich näher.

Winks Theologie der Mächte kann beim Kampf für Frieden, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft eine wichtige Seh- und Lebenshilfe sein. Sie sensibilisiert uns für die spirituelle Dimension dieser Ereignisse. Konkret könnte das Folgendes bedeuten:

  • Nicht nur bei einzelnen Menschen, sondern auch bei sozialen Systemen (Staat, Gesellschaft, Institutionen, Konzernen) besteht immer die Gefahr einer Regression in einen parasitären Modus der Existenz (das Eigene auf Kosten des Ganzen) und eine sich ins wahnhafte steigernde Identität, die mythische Verklärung der eigenen Wurzeln, ethnisch-kulturelle Überlegenheits- und Reinheitsphantasien, das Opfern von Sündenböcken – alles, was einen Götzenkult eben so ausmacht. Jedes soziale System kann auf dieses destruktive Verhaltensmuster umschalten (Wink: „The Powers have fallen.“). Diese Muster sind nicht systemfremd, sondern latent vorhanden.
  • Dieses Umschalten ist keine zwangsläufige Sache, es liegt ihm kein sturer Automatismus zugrunde, es kann sich aber sehr wohl so weit verfestigen, dass es kurz- und mittelfristig nicht mehr zu stoppen ist. Das deutet sich in den biblischen Passagen an, wo von „Verstocktheit“ die Rede ist. Auf den anderen Seite gibt es aber auch keinen gesellschaftlichen Reifezustand, der endgültig immun wäre gegen die autoritäre Verführung.
  • In der Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen besteht nicht nur die Gefahr der Resignation und des Ausweichens vor der Konfrontation, sondern auch die spiegelbildliche Erwiderung von Hass, Aggression und Verachtung. Davon profitieren die Rechten in aller Regel, weil sie sich am liebsten als Opfer inszenieren, um dann den Mythos der erlösenden Gewalt zu beschwören, die groteskerweise als „Notwehr“ ausgegeben wird. Und Autokraten nutzen sie als Vorwand für Repressionen aller Art, indem sie die Terror-Karte spielen und das Recht aushebeln.
  • Ein Kampf ist sehr wohl nötig, aber anders zu führen. Es geht darum, das geistige Klima zu verändern. Für den einzelnen bedeutet das, immun zu werden gegen die Einschüchterungen und Versuchungen destruktiver Macht – paulinisch ausgedrückt hieße das, „den Mächten zu sterben“: Dem Hass, der Angst, den Vorurteilen, der Suche nach Sündenböcken, der Sehnsucht nach „starken“ Führern. Dieses „Sterben“ schließt auch die Bereitschaft zum Leiden ein. Gewaltfreiheit erfordert mehr, nicht weniger Mut als der bewaffnete Kampf
  • Dazu brauchen wir Basisgemeinschaften, die einen Freiraum zur Entgiftung bieten, in denen Identität anders verstanden und gelebt werden kann, in denen Ohnmachtsgefühle nicht durch Härte kompensiert werden und Energie nicht aus Hass gewonnen wird, sondern aus der lebendigen Gegenwirklichkeit von Gottes herrschaftsfreier Ordnung.
  • Für Täter und Mitläufer stellen solche Gemeinschaften (und nichts anderes sollte die Kirche sein…) sowohl ein Angebot zur Versöhnung und der Hoffnung dar (denn man kann aus dem System aussteigen, ohne ins Bodenlose zu fallen), als auch eine Erinnerung an das Gericht, denn niemand wird dann noch sagen können, es habe keine Alternative gegeben. Eine ähnlich katalytische Wirkung hatte Paulus wohl im Sinn, als er den Korinthern schrieb: „Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet. Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt.
  • Schließlich gehört hier noch das prophetische Element hinein: Die Klage über das Leid der Opfer von Hass, Hetze und Gewalt, die Kritik an den skrupellosen Führern und ihren wehleidigen Mitläufern, die Ankündigung des Zerfalls einer auf Unmenschlichkeit gegründeten „Ordnung“ (beziehungsweise einer Gesellschaft im Selbstzerstörungmodus), und die Hoffnung auf eine Erneuerung lebensfreundlicher Verhältnisse für alle.

Wink blieb immer Realist, und wir tun gut daran, uns ihm anzuschließen:

Wir haben nicht den Auftrag, einen neue Gesellschaft zu schaffen; wir sind ja kaum kompetent dazu. Was die Kirche am besten kann, auch wenn sie es viel zu selten tut, ist einem ungerechten System die Legitimation zu nehmen und ein spirituelles Gegenklima zu schaffen.

… Wir „bauen das Reich Gottes“ nicht, wie eine frühere Generation so gern sagte. Uns fehlt schlicht die Kraft, den Mächten eine Veränderung aufzuzwingen. Wir tun treu, was wir können, ohne Illusionen über unsere Aussichten auf direkte Einwirkung. Wir bereiten nur den Boden und säen; die Saat wächst von selbst, Tag und Nacht, bis zur Ernte (Mk 4,26-29). Und Gott – das ist unsere tiefste Überzeugung – wird die Ernte bringen.

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Opfer und Macht

Im Laufe der Religionsgeschichte tauchen an verschiedenen Punkten Menschenopfer auf. In den abrahamitischen Religionen sind sie verboten, in anderen Kulturen kamen sie aber wohl tatsächlich vor.

Die SZ zitierte diese Woche eine Studie aus Neuseeland, die herausstellt, dass es dabei neben der religiösen Dimension (den drohenden Zorn der Götter abzuwenden) auch eine politische Dimension gab: Menschenopfer traten besonders häufig in hierarchischen Gesellschaften mit einem hohen sozialen Gefälle auf, etwa wenn sich aus einer einfachen Sippen- und Stammesordnung ein imperiales Großreich entwickelt.

Indem die Oberen ihre Macht über Leben und Tod öffentlich demonstrieren, untermauern sie damit auch die eigene Herrschaft. Insofern ist Opferkritik auch Sozialkritik. Ein Grund mehr übrigens, sich sehr genau zu überlegen, ob und inwiefern man vom Tod Jesu am Kreuz als einem „Opfer“ im kultisch-rituellen Sinn reden sollte.

Wollte man hier weiterdenken, so legt sich die Frage nahe, ob sich ein Zusammenhang feststellen lässt zwischen autoritär-hierarchischen Kirchenstrukturen und den verschiedenen Formen von Opfertheologie. Falls jemand eine Bachelor- oder Masterarbeit schreiben möchte… 🙂

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Gott ist kein Schulmeister: Von Begrenzungen, Bewertungen und Barmherzigkeit

Letzte Woche diskutierte ich mit einer Gruppe über einen Gedanken aus Parker Palmers ebenso kleinen wie klugen Buch Let Your Life Speak. Es ging um Gottesbilder und die Frage, wie diese sich auf unsere Lebenseinstellung auswirken. Palmer kontrastiert das Bild des Schulmeisters, der uns anhand seines moralischen Maßstabs bewertet und uns immer mit dem konfrontiert, was sein sollte (und oft nicht oder noch nicht ist), mit dem „Ich bin der ich bin“, dem Gott, der im Herzen und Grund aller Wirklichkeit wohnt und uns für das öffnet, was ist. Und dafür, wer wir sind.

Ich hatte mich etwas schwammig ausgedrückt, und dann brachte es jemand aus der Gruppe schön auf den Punkt: Dieser Gott bewertet mich überhaupt nicht. Und mir fiel sofort das Verbot des Richtens in der Bergpredigt ein und Paulus, der in 1Kor 4,3 seinen Kritikern schreibt, dass er sich nicht einmal selbst beurteilt.

Natürlich kam die Rückfrage, wie dann die vielen Aussagen über ein göttliches Gericht und Urteil in der Bibel zu verstehen seien. So weit ich das sehe, geht es in den biblischen Aussagen über das Gericht darum, wie wir unserer Verantwortung für andere Menschen gerecht werden. Wir werden das nicht immer und wir müssen an diese Verantwortung erinnert werden.

Aber das ist etwas anderes als jenes Bewerten der Person, das für die meisten in dem Bild des Schulmeisters mitschwingt. Es geht um konkrete Menschen und praktische Situationen, nicht um abstrakte und absolute moralische Prinzipien. Ich werde meiner Verantwortung nur gerecht als der, der ich bin – innerhalb jener Grenzen, die die Kehrseite meiner Stärken und Fähigkeiten sind, Und es geht aus biblischer Sicht darum, anderen Barmherzigkeit zu erweisen. Das ist leichter, wenn mir nicht dieser unbarmherzige, fordernde und perfektionistische Schulmeister im Hinterkopf herumspukt.

Der Gott, der mich mit meinen Begrenzungen liebt, lässt mich barmherzig sein mit mir selbst – und auf diesem (Um-)Weg auch mit anderen. Es ist gerade der Verzicht auf Bewertungen, der zur Liebe befreit. Denn überall, wo wir lieben und geliebt werden, spielen Bewertungen nach Leistung, Erfolg und anderen Maßstäben, die außerhalb der geliebten Person und dem Liebesverhältnis liegen, keine Rolle mehr.

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Allianzgebetswoche 2016: Jesus, zwei Brüder und die Spaltung

„Ein Mensch hatte zwei Söhne“. So kurz und unspektakulär fiel der Predigttext zum Auftakt der Allianz-Gebetswoche dieses Jahr aus. Und lenkte damit meinen Blick auf ein paar Zusammenhänge, die das fast schon abgedroschene Gleichnis von verlorenen Sohn in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Jesus erzählt hier nämlich keine neue Geschichte, und auch keine erfundene Geschichte, sondern er erzählt alte Geschichten neu. Es gibt ja schon eine biblische Geschichte von zwei Brüdern, von denen der jüngere in die Fremde zieht und dort ausgebeutet wird, bis er irgendwann reumütig zurückkehrt und überraschend freundlich aufgenommen wird. Es ist die Geschichte von Jakob, dem Stammvater Israels, und seinem Bruder Esau.

Aber damit nicht genug. Dass hier nicht „ein Vater“ sondern „ein Mensch“ steht, kann man als Hinweis auf die biblische Urgeschichte lesen. Adam – der Mensch – hat zwei Söhne: Kain und Abel. Der Ältere denkt, dass ihm der Jüngere vorgezogen wird, aus gekränktem Stolz wird Zorn, Hass und Gewalt, der Bruder wird zum Feind, und schließlich wird Kain verstoßen und zieht in die Fremde.

Jesus spricht in diesem Gleichnis von Israel. Israel ist Gottes Sohn, aber er benimmt sich nicht wie ein Sohn und verlässt seinen Vater. In Jeremia 2,13f heißt es: “Denn mein Volk hat doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten. Ist Israel denn ein Knecht oder ein im Haus geborener Sklave?“ Und etwas später sagt der Prophet: „Wie ihr mich verlassen und fremden Göttern in eurem Land gedient habt, so müsst ihr Fremden dienen in einem Land, das euch nicht gehört.“ Niemand anders als Israel ist der Sohn, der den Vater verlässt, und deshalb in der Fremde und in der Knechtschaft landet.

Die Erwartung zur Zeit Jesu war, dass die verheißene Erlösung aus der Knechtschaft und die Rückkehr aus der Fremde wenn überhaupt, dann bestenfalls unvollständig eingetreten war. Wenn Jesus vom Kommen des Reiches Gottes spricht, dann spricht er diese Erwartung an. Und sein Ruf „kehrt um“ kann im Hebräischen auch „kehrt zurück“ heißen. Wenn sein Reich anbricht, dann sammelt Gott sein Volk und stellt es wieder her.

Jesus beschreibt in diesem Gleichnis, wie sich unter dem Eindruck seiner Verkündigung eine Spaltung vollzieht: Die einen gehen dankbar und freudig überrascht auf seine Einladung ein (wohl wissend, dass sie nichts vorzuweisen haben), die anderen sehen ihre privilegierte Stellung in Gefahr, weil Jesus in ihren Augen die falschen Leute einlädt und die Einladung an falsche oder unzureichende Bedingungen knüpft. Jesus ist also der nachgiebige Vater, der seinem zerlumpten Sohn entgegenrennt und auf jede autoritäre Pose und jedes tadelnde Wort pfeift.

Der Vater hat sich entschieden, das Fest ist schon im Gang. Am Ende der Geschichte steht eine offene Frage an den älteren Sohn: Kommt er doch noch zum Fest oder bleibt er draußen, weil ihm die Gästeliste nicht passt?

Das Schöne an Gleichnissen ist, dass man durch sie den eigenen Lebenskontext betrachten kann. Wir Deutsche befinden uns in einer Situation, in der statt des Vaters „Mutti“ sich bittere Klagen anhören muss, weil sie zu viele und viel zu fremde Menschen an unseren reich gedeckten Tisch eingeladen hat. Auch da hat sich im vergangenen Jahr eine tiefe Spaltung offenbart.

Spaltung ist auch das Stichwort im Blick auf die Evangelische Allianz selber. Symbolisiert wird das durch zwei „Brüder“: Michael Diener, der in einem Interview mit der „Welt“ sagte, er achte und betrachte auch diejenigen als Brüder und Schwestern, die seine (konservative) Position im Hinblick auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht teilen. Und (tatsächlich der Ältere…) Ulrich Parzany, der sich nur denen verbunden fühlt und über den Weg traut, die sich von denselben Leuten distanzieren und fern halten wie er selbst.

Aktueller könnte die Textbasis dieser Gebetswoche doch gar nicht sein!

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