Theologie

Wenn die Erneuerung des menschen das Denken mit einschließt, dann gib es viel zu entdecken und zu über-denken

Terry Eagleton macht sich in Culture and the Death of God Gedanken über die "Religion der Humanität“. Der Glaube an die Menschheit tritt an die Stelle des Gottesglaubens, bei Ludwig Feuerbach etwa. Und er beschreibt das Missverständnis oder die schräge Karikatur der monotheistischen Religionen, die damit einhergeht. Weil das in viele Schattierungen auch heute in den Debatten auftaucht, lohnt sich ein Blick auf Eagletons Gedanken:

Wo früher Gott der absolute Monarch war, trägt für die Feuerbachianer heute der Mensch stattdessen die Krone. Theologisch ausgedrückt handelt es sich hier um ein Missverständnis des Wesens göttlicher Autorität. Theologisch orthodox ist die Auffassung, dass Gottes Souveränität nicht die eines Despoten ist, wie wohlwollend auch immer er sein mag, sondern eine Macht, die der Welt erlaubt, sie selbst zu sein. Daher ist sie eine Kritik menschlicher Souveränität, nicht deren Urbild. Die Aussage, dass Gott der Welt gegenüber tranzendent ist, bedeutet, dass er sie nicht nötig hat, und daher auch keine neurotischen Besitzansprüche auf sie erhebt. Sie steht in dieser Hinsicht wie er auf eigenen Füßen, besteht in ihrer eigenen Autonomie fort. Das ist der Grund, warum Wissenschaft möglich ist. Schöpfung ist das Gegenteil von Besitz, und göttliche Macht das Gegenteil von Unterwerfung.

Nun ist es allerdings verständlich, dass solche Karikaturen entstehen konnten. Denn bis in die heutige Zeit hinein wird in so manchen christlichen Predigten ein Gottesbild verkündigt, dass genau dieses Missverständnis zementiert: Ein despotischer Gott, der menschliche Machtstrukturen sanktioniert und rechtfertigt, ein Gott, der neurotisch kontrolliert und beherrscht, der autoritär jeden Widerspruch erstickt, der menschliche Autonomie (Wissenschaft zum Beispiel) als potentiellen Aufruhr misstrauisch beäugt und mit Vorschriften (Bibel bzw. deren buchstäbliche Auslegung) gängelt.

Wir könnten also anfangen, diese seltsamen Vorstellungen von Gottes Souveränität (aktuell besonders beliebt im Neocalvinismus und bei Rechtskatholiken) auszumisten. Vielleicht macht das dann die Debatte, ob Monotheismus und Toleranz kompatibel sind, irgendwann wieder etwas einfacher. Vielleicht setzt sich die Erkenntnis dann durch: Gottes Souveränität ermöglicht es uns, wir selbst zu sein.

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Liebe Brüder und Schwestern, ich will euch dieses Geheimnis nicht vorenthalten, damit ihr nicht auf eigene Einsicht baut: Verstocktheit hat sich auf einen Teil Israels gelegt — bis sich die Völker in voller Zahl eingefunden haben. Und auf diese Weise wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Kommen wird aus Zion der Retter, abwenden wird er von Jakob alle Gottlosigkeit. Und dies wird der Bund sein, den ich mit ihnen schliesse, wenn ich ihre Sünden hinweggenommen habe.

Im Sinne des Evangeliums sind sie Feinde, um euretwillen, im Sinne der Erwählung aber Geliebte, um der Väter willen. Denn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung. Wie ihr nämlich Gott einst ungehorsam wart, jetzt aber durch ihren Ungehorsam Barmherzigkeit erlangt habt, so sind sie jetzt ungehorsam geworden durch die Barmherzigkeit, die euch widerfuhr — damit auch sie jetzt Barmherzigkeit finden. Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um allen seine Barmherzigkeit zu erweisen. (Römer 11,25-32)

Paulus kündigt an, er werde ein Geheimnis lüften. Ich höre ihn fast flüstern, als beugte er sich herüber, um es mir ins Ohr zu sagen.  Ich werde neugierig und ein bisschen skeptisch: Ist Paulus ein Engel erschienen, hatte er einen Traum oder eine Vision? Und um was für ein Geheimnis hadelt es sich? Ein Kindergeheimnis – wie von einer Märchenwelt hinter den Wandschrank, von einem Schatz, der im Keller verbuddelt ist, oder davon, dass der klapprige alte Mann von Gegenüber in Wirklichkeit ein mächtiger Zauberer ist?

Erwachsenengeheimnisse sind ja meist alles andere als zauberhaft. Sie handeln allzu oft von Affären und Intrigen, von Steuerbetrug und Fahrerflucht, Doping, Wortbruch oder Waffenhandel. Es gibt unter Erwachsenen obendrein dubiose Pseudogeheimnisse, etwa die Behauptungen verschiedenster Verschwörungstheoretiker, dass hinter praktisch allen Problemen unserer Zeit in Wahrheit die Freimaurer, die CIA oder die Gülen-Bewegung stecken.

Schließlich gibt es noch offene Geheimnisse: Dinge, von denen jeder weiß, über die aber niemand redet. Heiße Kartoffeln, an denen man sich nur den Mund verbrennen kann. Israel ist eine solch „heiße Kartoffel“ für manche. Das liegt an der schwierigen Geschichte, die wir mit Israel haben, als Christen wie als Deutsche. Bis heute ist zudem der Nahostkonflikt ungelöst, die Spannungen zwischen Israelis und Arabern nehmen eher zu als ab. Da ist es einfacher, gar keine Position zu beziehen.

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Aus der schwierigen Geschichte, die Gott mit seinem Israel verbindet, erzählt Paulus viel im Römerbrief. Und dabei dreht sich für ihn alles um das Thema „Gerechtigkeit“. Das ist nicht etwa juristisch gemeint, sondern er schildert die Treue Gottes zu seinen Verheißungen und seinem Bund mit Abraham und dessen Nachkommen. Indem er treu und unbeirrt seine Zusagen hält, indem er vergibt und barmherzig bleibt, erweist sich Gott als gerecht.

Der Jude Paulus kann, wie die großen Propheten vor ihm und wie Jesus selbst, die Geschichte Israels als eine Geschichte der Treue Gottes erzählen. Immer wieder steht sie in Kontrast zu Israels Untreue; dennoch lässt Gott die Beziehung zu seinem „widerspenstigen“ Volk (so steht es bei Jesaja) nie abreißen. Er hat sich Israel unter allen Völkern der Welt gerade deshalb ausgesucht, weil es weder besonders reich und schön, noch besonders mächtig und stark und auch nicht besonders moralisch oder klug ist. Sondern weil er eine Alternative schaffen will zu dem Großreichen der Antike, die allesamt auf Gier, Gewalt und Größenwahn gegründet sind.

Dem Stammvater Jakob, in jungen Jahren ein windiger Hochstapler, gibt Gott den Namen „Israel“, „Gottesstreiter“. Eine Eigenart Israels ist , dass es mit seinem Gott und dessen unbegreiflichen Wegen hadert, dass es beim Versuch, ihm gerecht zu werden, immer wieder scheitert, und dass es seinen göttlichen Liebhaber (der Bund ist wie eine Ehe) wie eine femme fatale behandelt, die alle Annehmlichkeiten der Beziehung mitnimmt und ihn im Gegenzug mit ihren ständigen Eskapaden verletzt.

Hätte Gott einen Beziehungs-Status auf facebook gehabt, er hätte die meiste Zeit auf „es ist gerade kompliziert“ gestanden. Und so entschließt Gott sich zu einer Trennung, um die Beziehung zu retten: Israel geht ins Exil, Jerusalem wird zerstört. Alles zurück auf Null, als wäre das Volk wieder in Ägypten, als zögen die Väter mit ihren Sippen wieder heimatlos durch die Steppe. Dazu sprechen die Propheten rätselhafte Worte über Tod und Auferstehung, über Untergang und Neuschöpfung.

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Israels Geschichte verdichtet sich in Jesus: Wie Abraham ist er erwählt, aufzubrechen; wie Mose gesandt, um das Volk zu befreien; wo Josua durch den Jordan zog, wird er getauft; als Sohn Davids zieht er in Jerusalem ein, und dann fällt er – in einer dramatischen Wende – wie der letzte König von Juda in die Hände der Heiden, wird weggeführt in den Untergang. Alles zurück auf Null. Doch dann wird er von den Toten auferweckt. Für Paulus ein offenes Geheimnis, über das er in den Synagogen und auf den Straßen der antiken Städte spricht. Israels kommende Wiederherstellung, der erneuerte Bund, die Vergebung der Sünden, die Geburtswehen der neuen Welt - alles ist schon in der Auferweckung enthalten.

Doch noch ist Israel nicht so weit. Wie Jesus über Jerusalem weinte, das seine Botschaft vom Neuanfang nicht hören wollte und im Begriff war, sich zu radikalisieren – unaufhaltsam der nächsten Katastrophe entgegen –, so betrauert Paulus die „Verstocktheit“ seines Volkes. Israel ist – um ein anderes Wort zu gebrauchen – immunisiert gegen die gute Nachricht. Im wenig imposanten Auftreten Jesu von Nazareth erkennt es nicht den Messias, in seinem wehrlosen Leiden und seiner rätselhaften Auferweckung nicht den Schlüssel zum geheimnisvollen Plan Gottes, der sein Ziel – wieder einmal – auf verschlungenen Wegen erreicht.

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Kein Wunder also, dass Paulus sich mit der Frage herumschlägt, ob denn Gottes Verheißung „hinfällig geworden“ sei. Auch nach Ostern hielten Israels Eliten und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung den gekreuzigten Jesus für gescheitert hielten, für einen falschen Propheten. Sie ignorierten seine Botschaft von Gottes Option für die Armen, von Frieden durch Vergebung, Gewaltfreiheit und Liebe zu den Feinden. Die nächste Zerstörung der Stadt und des Tempels durch die Römer 70 n.Chr. lag damals noch mehr als zehn Jahre in der Zukunft. Man hätte aber auch so schon meinen können, Israel sei für Gott endgültig „verloren“. Verloren in dem Sinne, dass alles, was Gott mit dieser Welt noch vorhat, nun ohne Israel und an ihm vorbei passieren muss.

Ganz im Gegenteil, hält Paulus hier dagegen: Dass Israel so ablehnend auf das Evangelium reagiert, ist keine Panne. Es ist vielmehr der Grund dafür, dass Gottes Barmherzigkeit nun zu den Heidenvölkern kommt und dort um so mehr Anhänger findet. Dass es so ist, muss man den Römern nicht mehr beweisen, sie sehen es an sich selbst. Es ging Israels Gott ja schon immer auch um die Heiden. Früher oder später, davon ist Paulus überzeugt, wird es die verschüttete Sehnsucht Israels wecken, dass so viele Heiden dem Messias folgen.

Vielleicht stellt Paulus sich das so vor wie die neugierigen Reaktionen in unserer (gegenüber Kirche und Christentum weitgehend immunisierten) Medienlandschaft, wenn irgendwo in Deutschland Flüchtlinge aus dem Iran oder Irak getauft werden. Was um alles in der Welt geschieht denn da, möchten plötzlich viele wissen, wenn sie in fremdländischen Gesichtern echte Freude über den neuen Glauben sehen und das vermeintlich antiquierte Bekenntnis in gebrochenem Deutsch mit orientalischem Akzent hören. Steckt am Ende doch mehr dahinter, als man bislang immer dachte?

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Bei Romanen oder Spielfilmen wäre es ein Fauxpas, zu verraten, wie die Geschichte ausgeht. Es würde die Spannung zerstören. Warum also ist es Paulus so wichtig, uns zu verraten, wie die Geschichte Gottes mit Israel und der Welt ausgeht? Vielleicht, weil es ein aufschlussreiches Geheimnis ist. Es erschließt uns Wege zu klugem Handeln in schwierigen Zeiten:

In den christlichen Kirchen wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder heftig darüber gestritten, ob Mission unter Juden erlaubt oder sogar geboten ist. Vielleicht gibt Paulus uns hier eine salomonische Antwort: Wer möchte, dass Israel zum Glauben an Jesus findet, der muss ihn unter den „Heiden“, den Nichtjuden, bekannt machen. Und darf dann geduldig und im Vertrauen darauf warten, dass die Sehnsucht erwacht und der Funke überspringt.

Gottes Treue zu Israel ist eine gute Nachricht für die Christenheit und die Welt. Für die Christenheit, weil auch wir Christen vernagelt und uneinsichtig sein können. Das Dritte Reich, das im Stadtbild von Nürnberg so tiefe Spuren hinterlassen hat, ist der beste Beweis dafür, aber nicht der einzige. Wie vom Judentum und Israel hieß es auch von uns Christen, unsere Zeit sei abgelaufen und der Glaube habe sich überlebt. Doch wer so redet, rechnet nicht mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

In unserer Gesellschaft erleben wir, dass viele überfordert sind von Krisenbotschaften aus aller Welt. Dabei geht es uns persönlich oft gar nicht einmal so schlecht. Aber der Blick auf die Großwetterlage von Terror, Diktatur und instabilen Verhältnissen führt derzeit zu einem tiefen Pessimismus. Die Vergangenheit erscheint im Gegensatz dazu als heile Welt und gelobtes Land. Aber die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen – auch wenn manche das behaupten und damit auf Stimmenfang gehen für einen zerstörerischen politischen Kurs.

Israels Geschichte und die Jesusgeschichte, die mit Israel zutiefst verwoben und verflochten ist, verwehren uns den bequemen, passiven und ganz oft selbstmitleidigen Schritt zum Schwarzseher und die Lust am Untergang.

Es ist also ein offenes, öffentliches Geheimnis, auf das Paulus uns hinweist. Die „Informationen“ sind bekannt. Und damit ist es das krasse Gegenteil zu einem Pseudogeheimnis, das Misstrauen schürt und andere anschwärzt. Es ist ein Geheimnis aus der Erwachsenenwelt, das ihre Abgründe nicht übergeht oder kaschiert. Und doch steckt auch eine Prise Kindergeheimnis darin: Denn die Abgründe sind endlich, Gottes barmherzige Treue, seine Gerechtigkeit, dagegen ist es nicht. Sie ist nicht „zu gut um wahr zu sein“, sondern einfach zu gut, um erfunden zu sein. Und so dürfen wir mit Oscar Wilde sagen, augenzwinkernd vielleicht, und doch voller Hoffnung:

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

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Kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo über die Spannung zwischen Islam und westlicher Kultur (was auch immer man dann darunter versteht, liberales Weltbürgertum oder identitäre Isolation) gestritten wird. Und weil Kontrast besser in unserer zerschnipselten Kommunikation besser funktioniert und mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als Komplexität und mühsame Perspektivwechsel, die einen anderen Blick erlauben würden.

Eine (alte) Geschichte, die gerade wieder hoch im Kurs steht, lautet: "Muslime waren schon immer unsere Feinde und das wird auch immer so bleiben. Man kann sie also nur bekämpfen oder bekehren. Ergo gehört der Islam auf keinen Fall zu Deutschland." Umgekehrt funktioniert das freilich auch, wenn Christen in Regionen, wo sie in der Minderheit sind, verdächtigt, verfolgt und vertrieben werden.

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Bild: Unsplash.com

Juden, Christen und Muslime berufen sich auf die Herkunft von Abraham. Jener Abraham wurde – darin sind sich alle einig – von Gott erwählt. Der immer wieder aufflammende Streit dreht sich um die Frage, wer seine legitimen Erben sind (und wer nicht). Er ist fast so alt wie Abraham selbst. Genauer: Er beginnt im Verständnis vieler mit Sara und Hagar, Isaak und Ismael, mit zankenden Müttern und getrennten Brüdern.

Doch just in dieser Geschichte findet Jonathan Sacks den Schlüssel für ein friedliches Verhältnis der abrahamitischen Religionen. Nicht, indem er einen alten, sperrigen Text einebnet und modernisierend umdeutet, sondern indem er ihn genau liest, gut hinhört und sich bei den jüdischen Auslegern in Altertum und Mittelalter umschaut. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen. Und deshalb habe ich das entsprechende Kapitel aus Not in God’s Name vor ein paar Wochen zur Grundlage einer Predigt gemacht, weil ich es so hilfreich und wichtig fand.

Vielleicht gilt das ja nicht nur für unsere Gemeinde: Wer mag und etwa 25 Minuten Zeit hat, kann sich hier in den Podcast klicken.

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Der Rechtsruck in Europa beschäftigt die Kommentatoren. Und tatsächlich muss es jeden vernünftig denkenden und geschichtsbewussten Bürger unruhig werden lassen, wenn im Westen Farrage und Le Pen behaupten, alles Unheil komme aus Brüssel, wenn im Osten Orban und die PiS-Partei repressive Mittel gegen Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen und wenn jenseits der Grenzen der EU in Russland und der Türkei das politische System immer autoritärer wird. Ganz zu schweigen von der FPÖ, der AfD, Pegida und dem Hass derer, die bei uns (ähnlich wie Trump-Anhänger in den USA) den drohenden sozialen und wirtschaftlichen Absturz fürchten und einen Prügelknaben brauchen – manchmal "nur“ verbal, immer öfter aber ganz handgreiflich. Fortschritt, Liberalisierung und Menschenrechte sind weder Automatismen, noch sind sie unumkehrbar.

Stop Hatin! by Francis Storr, on Flickr
"Stop Hatin!" (CC BY-SA 2.0) by Francis Storr

Die Ursache für diese rasante Eintrübung des gesellschaftlichen Klimas kann man bei den etablierten Parteien suchen, beim globalen Finanzkapitalismus, in vernachlässigten Bildungsystemen, der Empörungsdynamik sozialer Medien, der Entsolidarisierung des Konsumzeitalters. Und man wird vermutlich überall fündig. Ob die Entdeckungen – einzeln oder im Aggregat – das Phänomen hinreichend ausleuchten und Wege zur Bekämpfung der Problematik von Hetze und Angst liefern werden, ist noch die Frage. Historische Parallelen zu rassistischen Denkmustern und Weltbildern, zu Begriffen wie „Lügenpresse“, zur Dämonisierung ethnischer und religiöser Minderheiten und zur Psychologie der NS-Propaganda können vielleicht jene Teile der Gesellschaft sensibilisieren, die in größeren Zusammenhängen denken und Komplexität nicht als Zumutung oder Verschwörung begreifen.

Es waren die rechten Dikaturen in Lateinamerika und die Apartheid in Südafrika, in deren Kontext Walter Wink das Thema der Mächte und Gewalten aufgriff und daraus nicht nur eine Praxis des gewaltfreien Widerstands ableitete, sondern auch eine klare Verhältnisbestimmung von Kirche und politischer Macht (oder besser: Ohnmacht). Mit dem (wie Ludwig Greven in der Zeit schreibt) globalen "Trash-Faschismus“ und seiner "Lizenz zum Hassen“, mit dem rasanten Anstieg rechter Gewalt rücken vergleichbare Verhältnisse auch bei uns deutlich näher.

Winks Theologie der Mächte kann beim Kampf für Frieden, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft eine wichtige Seh- und Lebenshilfe sein. Sie sensibilisiert uns für die spirituelle Dimension dieser Ereignisse. Konkret könnte das Folgendes bedeuten:

  • Nicht nur bei einzelnen Menschen, sondern auch bei sozialen Systemen (Staat, Gesellschaft, Institutionen, Konzernen) besteht immer die Gefahr einer Regression in einen parasitären Modus der Existenz (das Eigene auf Kosten des Ganzen) und eine sich ins wahnhafte steigernde Identität, die mythische Verklärung der eigenen Wurzeln, ethnisch-kulturelle Überlegenheits- und Reinheitsphantasien, das Opfern von Sündenböcken – alles, was einen Götzenkult eben so ausmacht. Jedes soziale System kann auf dieses destruktive Verhaltensmuster umschalten (Wink: „The Powers have fallen.“). Diese Muster sind nicht systemfremd, sondern latent vorhanden.
  • Dieses Umschalten ist keine zwangsläufige Sache, es liegt ihm kein sturer Automatismus zugrunde, es kann sich aber sehr wohl so weit verfestigen, dass es kurz- und mittelfristig nicht mehr zu stoppen ist. Das deutet sich in den biblischen Passagen an, wo von „Verstocktheit“ die Rede ist. Auf den anderen Seite gibt es aber auch keinen gesellschaftlichen Reifezustand, der endgültig immun wäre gegen die autoritäre Verführung.
  • In der Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen besteht nicht nur die Gefahr der Resignation und des Ausweichens vor der Konfrontation, sondern auch die spiegelbildliche Erwiderung von Hass, Aggression und Verachtung. Davon profitieren die Rechten in aller Regel, weil sie sich am liebsten als Opfer inszenieren, um dann den Mythos der erlösenden Gewalt zu beschwören, die groteskerweise als „Notwehr“ ausgegeben wird. Und Autokraten nutzen sie als Vorwand für Repressionen aller Art, indem sie die Terror-Karte spielen und das Recht aushebeln.
  • Ein Kampf ist sehr wohl nötig, aber anders zu führen. Es geht darum, das geistige Klima zu verändern. Für den einzelnen bedeutet das, immun zu werden gegen die Einschüchterungen und Versuchungen destruktiver Macht – paulinisch ausgedrückt hieße das, "den Mächten zu sterben“: Dem Hass, der Angst, den Vorurteilen, der Suche nach Sündenböcken, der Sehnsucht nach „starken“ Führern. Dieses „Sterben" schließt auch die Bereitschaft zum Leiden ein. Gewaltfreiheit erfordert mehr, nicht weniger Mut als der bewaffnete Kampf
  • Dazu brauchen wir Basisgemeinschaften, die einen Freiraum zur Entgiftung bieten, in denen Identität anders verstanden und gelebt werden kann, in denen Ohnmachtsgefühle nicht durch Härte kompensiert werden und Energie nicht aus Hass gewonnen wird, sondern aus der lebendigen Gegenwirklichkeit von Gottes herrschaftsfreier Ordnung.
  • Für Täter und Mitläufer stellen solche Gemeinschaften (und nichts anderes sollte die Kirche sein…) sowohl ein Angebot zur Versöhnung und der Hoffnung dar (denn man kann aus dem System aussteigen, ohne ins Bodenlose zu fallen), als auch eine Erinnerung an das Gericht, denn niemand wird dann noch sagen können, es habe keine Alternative gegeben. Eine ähnlich katalytische Wirkung hatte Paulus wohl im Sinn, als er den Korinthern schrieb: "Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet. Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt.
  • Schließlich gehört hier noch das prophetische Element hinein: Die Klage über das Leid der Opfer von Hass, Hetze und Gewalt, die Kritik an den skrupellosen Führern und ihren wehleidigen Mitläufern, die Ankündigung des Zerfalls einer auf Unmenschlichkeit gegründeten „Ordnung“ (beziehungsweise einer Gesellschaft im Selbstzerstörungmodus), und die Hoffnung auf eine Erneuerung lebensfreundlicher Verhältnisse für alle.

Wink blieb immer Realist, und wir tun gut daran, uns ihm anzuschließen:

Wir haben nicht den Auftrag, einen neue Gesellschaft zu schaffen; wir sind ja kaum kompetent dazu. Was die Kirche am besten kann, auch wenn sie es viel zu selten tut, ist einem ungerechten System die Legitimation zu nehmen und ein spirituelles Gegenklima zu schaffen.

… Wir "bauen das Reich Gottes" nicht, wie eine frühere Generation so gern sagte. Uns fehlt schlicht die Kraft, den Mächten eine Veränderung aufzuzwingen. Wir tun treu, was wir können, ohne Illusionen über unsere Aussichten auf direkte Einwirkung. Wir bereiten nur den Boden und säen; die Saat wächst von selbst, Tag und Nacht, bis zur Ernte (Mk 4,26-29). Und Gott – das ist unsere tiefste Überzeugung – wird die Ernte bringen.

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Im Laufe der Religionsgeschichte tauchen an verschiedenen Punkten Menschenopfer auf. In den abrahamitischen Religionen sind sie verboten, in anderen Kulturen kamen sie aber wohl tatsächlich vor.

Die SZ zitierte diese Woche eine Studie aus Neuseeland, die herausstellt, dass es dabei neben der religiösen Dimension (den drohenden Zorn der Götter abzuwenden) auch eine politische Dimension gab: Menschenopfer traten besonders häufig in hierarchischen Gesellschaften mit einem hohen sozialen Gefälle auf, etwa wenn sich aus einer einfachen Sippen- und Stammesordnung ein imperiales Großreich entwickelt.

Indem die Oberen ihre Macht über Leben und Tod öffentlich demonstrieren, untermauern sie damit auch die eigene Herrschaft. Insofern ist Opferkritik auch Sozialkritik. Ein Grund mehr übrigens, sich sehr genau zu überlegen, ob und inwiefern man vom Tod Jesu am Kreuz als einem „Opfer“ im kultisch-rituellen Sinn reden sollte.

Wollte man hier weiterdenken, so legt sich die Frage nahe, ob sich ein Zusammenhang feststellen lässt zwischen autoritär-hierarchischen Kirchenstrukturen und den verschiedenen Formen von Opfertheologie. Falls jemand eine Bachelor- oder Masterarbeit schreiben möchte… 🙂

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Letzte Woche diskutierte ich mit einer Gruppe über einen Gedanken aus Parker Palmers ebenso kleinen wie klugen Buch Let Your Life Speak. Es ging um Gottesbilder und die Frage, wie diese sich auf unsere Lebenseinstellung auswirken. Palmer kontrastiert das Bild des Schulmeisters, der uns anhand seines moralischen Maßstabs bewertet und uns immer mit dem konfrontiert, was sein sollte (und oft nicht oder noch nicht ist), mit dem „Ich bin der ich bin“, dem Gott, der im Herzen und Grund aller Wirklichkeit wohnt und uns für das öffnet, was ist. Und dafür, wer wir sind.

Ich hatte mich etwas schwammig ausgedrückt, und dann brachte es jemand aus der Gruppe schön auf den Punkt: Dieser Gott bewertet mich überhaupt nicht. Und mir fiel sofort das Verbot des Richtens in der Bergpredigt ein und Paulus, der in 1Kor 4,3 seinen Kritikern schreibt, dass er sich nicht einmal selbst beurteilt.

Natürlich kam die Rückfrage, wie dann die vielen Aussagen über ein göttliches Gericht und Urteil in der Bibel zu verstehen seien. So weit ich das sehe, geht es in den biblischen Aussagen über das Gericht darum, wie wir unserer Verantwortung für andere Menschen gerecht werden. Wir werden das nicht immer und wir müssen an diese Verantwortung erinnert werden.

Aber das ist etwas anderes als jenes Bewerten der Person, das für die meisten in dem Bild des Schulmeisters mitschwingt. Es geht um konkrete Menschen und praktische Situationen, nicht um abstrakte und absolute moralische Prinzipien. Ich werde meiner Verantwortung nur gerecht als der, der ich bin – innerhalb jener Grenzen, die die Kehrseite meiner Stärken und Fähigkeiten sind, Und es geht aus biblischer Sicht darum, anderen Barmherzigkeit zu erweisen. Das ist leichter, wenn mir nicht dieser unbarmherzige, fordernde und perfektionistische Schulmeister im Hinterkopf herumspukt.

Der Gott, der mich mit meinen Begrenzungen liebt, lässt mich barmherzig sein mit mir selbst – und auf diesem (Um-)Weg auch mit anderen. Es ist gerade der Verzicht auf Bewertungen, der zur Liebe befreit. Denn überall, wo wir lieben und geliebt werden, spielen Bewertungen nach Leistung, Erfolg und anderen Maßstäben, die außerhalb der geliebten Person und dem Liebesverhältnis liegen, keine Rolle mehr.

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„Ein Mensch hatte zwei Söhne“. So kurz und unspektakulär fiel der Predigttext zum Auftakt der Allianz-Gebetswoche dieses Jahr aus. Und lenkte damit meinen Blick auf ein paar Zusammenhänge, die das fast schon abgedroschene Gleichnis von verlorenen Sohn in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Jesus erzählt hier nämlich keine neue Geschichte, und auch keine erfundene Geschichte, sondern er erzählt alte Geschichten neu. Es gibt ja schon eine biblische Geschichte von zwei Brüdern, von denen der jüngere in die Fremde zieht und dort ausgebeutet wird, bis er irgendwann reumütig zurückkehrt und überraschend freundlich aufgenommen wird. Es ist die Geschichte von Jakob, dem Stammvater Israels, und seinem Bruder Esau.

Aber damit nicht genug. Dass hier nicht „ein Vater“ sondern „ein Mensch“ steht, kann man als Hinweis auf die biblische Urgeschichte lesen. Adam – der Mensch – hat zwei Söhne: Kain und Abel. Der Ältere denkt, dass ihm der Jüngere vorgezogen wird, aus gekränktem Stolz wird Zorn, Hass und Gewalt, der Bruder wird zum Feind, und schließlich wird Kain verstoßen und zieht in die Fremde.

Jesus spricht in diesem Gleichnis von Israel. Israel ist Gottes Sohn, aber er benimmt sich nicht wie ein Sohn und verlässt seinen Vater. In Jeremia 2,13f heißt es: “Denn mein Volk hat doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten. Ist Israel denn ein Knecht oder ein im Haus geborener Sklave?“ Und etwas später sagt der Prophet: "Wie ihr mich verlassen und fremden Göttern in eurem Land gedient habt, so müsst ihr Fremden dienen in einem Land, das euch nicht gehört.“ Niemand anders als Israel ist der Sohn, der den Vater verlässt, und deshalb in der Fremde und in der Knechtschaft landet.

Die Erwartung zur Zeit Jesu war, dass die verheißene Erlösung aus der Knechtschaft und die Rückkehr aus der Fremde wenn überhaupt, dann bestenfalls unvollständig eingetreten war. Wenn Jesus vom Kommen des Reiches Gottes spricht, dann spricht er diese Erwartung an. Und sein Ruf „kehrt um“ kann im Hebräischen auch „kehrt zurück“ heißen. Wenn sein Reich anbricht, dann sammelt Gott sein Volk und stellt es wieder her.

Jesus beschreibt in diesem Gleichnis, wie sich unter dem Eindruck seiner Verkündigung eine Spaltung vollzieht: Die einen gehen dankbar und freudig überrascht auf seine Einladung ein (wohl wissend, dass sie nichts vorzuweisen haben), die anderen sehen ihre privilegierte Stellung in Gefahr, weil Jesus in ihren Augen die falschen Leute einlädt und die Einladung an falsche oder unzureichende Bedingungen knüpft. Jesus ist also der nachgiebige Vater, der seinem zerlumpten Sohn entgegenrennt und auf jede autoritäre Pose und jedes tadelnde Wort pfeift.

Der Vater hat sich entschieden, das Fest ist schon im Gang. Am Ende der Geschichte steht eine offene Frage an den älteren Sohn: Kommt er doch noch zum Fest oder bleibt er draußen, weil ihm die Gästeliste nicht passt?

Das Schöne an Gleichnissen ist, dass man durch sie den eigenen Lebenskontext betrachten kann. Wir Deutsche befinden uns in einer Situation, in der statt des Vaters „Mutti“ sich bittere Klagen anhören muss, weil sie zu viele und viel zu fremde Menschen an unseren reich gedeckten Tisch eingeladen hat. Auch da hat sich im vergangenen Jahr eine tiefe Spaltung offenbart.

Spaltung ist auch das Stichwort im Blick auf die Evangelische Allianz selber. Symbolisiert wird das durch zwei „Brüder“: Michael Diener, der in einem Interview mit der „Welt“ sagte, er achte und betrachte auch diejenigen als Brüder und Schwestern, die seine (konservative) Position im Hinblick auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht teilen. Und (tatsächlich der Ältere…) Ulrich Parzany, der sich nur denen verbunden fühlt und über den Weg traut, die sich von denselben Leuten distanzieren und fern halten wie er selbst.

Aktueller könnte die Textbasis dieser Gebetswoche doch gar nicht sein!

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Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten keinen Platz in der Unterkunft bekommen. (Lukas 2,7)

Das Jahr 2015 brachte Licht und Schatten in einer Deutlichkeit wie schon lange nicht mehr: Paris wird von einem verheerenden Terroranschlag getroffen und nur ein paar Wochen später entscheiden sich die Regierungen der Welt, gemeinsam zu handeln, um das Klima für kommende Generationen in einem erträglichen Rahmen zu halten - in derselben Stadt. In Deutschland brennen so viele Flüchtlingsunterkünfte wie nie zuvor und Helfer werden bedroht, aber der Münchener Hauptbahnhof wurde zum Symbol spontaner Hilfsbereitschaft, die sich die Deutschen selbst nicht zugetraut hatten. Östlich von uns höhlen autoritäre Machthaber wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan demokratische Strukturen aus – und weit im Westen will mit Donald Trump ein alter, weißer Mann Präsident werden, der unter dem Jubel seiner Anhänger gegen ethnische und religiöse Minderheiten gehässige Dinge sagt.

Wie passt unsere Weihnachtsgeschichte in diese Welt? Es ist eine vielerorts brutalisierte Welt, in der sich aus einer verunsicherten Masse jederzeit ein rastloser Mob bilden kann, und in der die „Sicherheitskräfte“ rücksichtslos zuschlagen oder alle und jeden ausspähen. Eine Welt, in der Millionen Menschen umherirren auf der Suche nach einer sicheren Heimat und einem menschenwürdigen Leben. Eine Welt, in deren medialem Dauerrauschen eine dramatische Nachricht die nächste jagt und jedes neue Ereignis das größte zu sein vorgibt, nur um vom nächsten Aufreger überlagert zu werden. In diesem Sinne bleibt alles beim Alten: Diese Welt scheint dem Ende immer wieder gefährlich nahe. Und in der Enge und dem Lärm scheint kein Platz zu sein für kleine Hoffnungen.

Der Mönch und Schriftsteller Thomas Merton (1915-1968), der als Einsiedler in der Abtei von Gethsemani im US-Bundesstaat Kentucky lebte, hat vor 50 Jahren auf dem Höhepunkt des kalten Krieges Worte gefunden, die unser Lebensgefühl heute erstaunlich gut treffen:

Wir leben in der Zeit, in der es keinen Raum gibt, der Zeit des Endes. Die Zeit, in der jeder besessen ist von Zeitmangel, Platzmangel, davon Zeit zu sparen und Raum zu erobern, in Raum und Zeit hinein die Angst zu projizieren, die das technologische Wüten von Größe, Menge, Geschwindigkeit, Stückzahl, Preis, Macht und Beschleunigung in ihm hervorruft.

Der Ursegen „Seid fruchtbar und mehret euch“ ist plötzlich in das Bluten des Terrors umgeschlagen. Man zählt uns nach Milliarden, wir werden zu Massen verdichtet, herumkommandiert, nummeriert, … besteuert, gedrillt und bewaffnet, bis zum Empfindungslosigkeit beansprucht, von Informationen geblendet, mit Unterhaltung benebelt, bis uns übel wird von der Menschheit und uns selbst, übel vom Leben.

Aber das Ende im biblischen Sinne ist nicht der große Abgrund der Selbstzerstörung: Das Dunkle und die Angst, die es heraufbeschwört, werden nicht verleugnet, aber ihnen wird im Evangelium die Freude und das Helle entgegengesetzt. Das findet seinen Platz freilich nicht im Gedränge der durch die Volkszählung überfüllten Stadt, sondern unter freiem Himmel. Da gehört es hin.

Die Hirten von Bethlehem sind der Rest des "wahren Israel". In ihnen lebt noch etwas von den Nomaden und Wüstenbewohnern der Frühzeit, das an die großen Gestalten erinnert: Mose war Hirte, bevor Gott ihn nach Ägypten sandte. David war Hirte (in Bethlehem!), bis er Goliath besiegte und König wurde. Und so beginnt auch hier das Neue in der Stille und Leere der Nacht auf dem Feld. Die Herrlichkeit Gottes (Juden sprechen von der Schechina), die den Weg aus Ägypten gewiesen hatte und später im Tempel ihre Heimat fand, erscheint wieder unter freiem Himmel. Gott hat sein Haus verlassen und taucht bei seinen Leuten auf. Er bricht aus – aus der festgelegten religiösen und politischen Welt, in der kein Spielraum für Neues ist.

In unserer Welt fehlt für viele Dinge der Platz: Die Natur steht an der Schwelle zu einem Artensterben, wie es die Welt in Milliarden von Jahren nur selten gesehen hat – eine Folge ihrer rücksichtslosen Ausbeutung durch den Menschen. Immer produktiv sein zu müssen und nicht abschalten zu können führt dazu, dass uns die Ruhe und Stille verloren geht, in der wir nachdenken und zu uns selbst finden können. Und so erliegen wir dem Druck, uns selbst immer weiter zu optimieren, um nicht den Anschluss zu verlieren, um konkurrenzfähig zu bleiben, um nicht in den Augen der anderen irgendwann selbst fehl am Platz zu sein: nutzlos, abgeschrieben, eine ungeliebte Last. Wir versuchen jeder Art von Schmerz auszuweichen, verleugnen unsere Verletzlichkeit, und mit ihr unsere Sterblichkeit. Unsere Unfähigkeit, richtig zu trauern, macht uns paranoid. Und die vielen Dinge, die wir uns leisten, erfüllen uns nicht tief oder dauerhaft, sondern sie verdecken nur die Leere, die daher rührt, dass für etwas Wesentliches kein Platz ist. Noch einmal Thomas Merton:

In diese Welt, in diese wahnwitzige Herberge, in der für ihn absolut kein Platz mehr ist, kam Christus ungebeten.

Aber weil er in ihr nicht zuhause sein kann, weil er fehl am Platz ist in ihr und doch in ihr sein muss, ist sein Platz bei denen, für die kein Platz ist.

Sein Platz ist bei denen, die hier nicht hingehören, die von der Macht Abgelehnten, die man für schwach hielt, die in Verruf Gebrachten, denen man das Personsein nicht zugesteht, die Gefolterten und Vernichteten.

Bei denen, für die es keinen Raum gibt, ist Christus in dieser Welt gegenwärtig.

Denen, die fehl am Platz scheinen, verkünden die Engel große Freude. Nicht das Ende vom Ende der alten Welt ist im Blick, sondern die Saat einer neuen Welt. Diese neue Welt funktioniert nicht mehr nach den Bedingungen der alten: Mehr vom Selben, Auge um Auge, Survival of the Fittest, die Mechanismen des Marktes. Sie gehört all jenen, die ihre kleinen Hoffnungen auf etwas Glück und ein Leben in Würde nicht begraben oder verkauft haben. Insofern wir zu diesem Menschen gehören, die fehl am Platz sind, gilt sie uns. Und wenn wir sie suchen, dann finden wir sie bei denen, die aussortiert und abgeschoben werden sollen.

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Im April 2015 war ich in Bethlehem. Die Enge und der Druck, von denen Merton schreibt, sind dort mit Händen zu greifen, wenn man die Checkpoints der israelischen Soldaten passiert und vor einer Mauer und Wachtürmen steht, die doppelt so hoch sind wie die Berliner Mauer. Sie trennt Familien von ihren Verwandten und Bauern von ihren Feldern. Diese Woche habe ich den Brief eines neunjährigen Mädchens aus Bethlehem gelesen. Sie heißt Marianne, ist palästinensische Christin und lebt in Beit Sahour. Jeden Morgen betet die ganze Familie das Vaterunser oder singt „Christus ist auferstanden", dann macht Marianne sich auf den Weg in die Schule, der sie am Feld der Hirten vorbei führt. Sie muss gar nicht bis zur Geburtskirche gehen, um an das „Fürchtet Euch nicht“ erinnert zu werden, das der Engel den Hirten zurief.

Immer wieder eskaliert die Gewalt im besetzen Gebieten Westjordanland. Marianne hat daher viele Gründe, sich vor den Panzern und Soldaten zu fürchten. Es ist gefährlich, draußen zu spielen. Die Lage ist sicher nicht so schlimm wie in Syrien, doch viele Verwandte und Bekannte sind schon frustriert ausgewandert. Marianne möchte bleiben, und ihr Glaube gibt ihr die Hoffnung, dass so etwas wie ein normales Leben möglich sein kann. Am Ende des Briefes lädt sie uns ein, sie zu besuchen, und zu sehen, dass auch die Palästinenser in Bethlehem Menschen sind wie Du und ich. „Wir sind die Hirten“, sagt sie.

An Weihnachten lädt uns Gott zu zwei Dingen ein: Als behütete Gotteskinder damit aufzuhören, uns ständig von der Sorge um unseren Platz umtreiben zu lassen. Und uns, als Hüter unseres Bruders, furchtlos und verletzlich wie er auf die Seite all derer zu stellen, für die das Europa des 21. Jahrhunderts keinen Platz und keine Verwendung hat. Oder, wie Thomas Merton schrieb: "Sei menschlich in dieser so unmenschlichen Zeit. Wahre das Bild des Menschen, denn es ist das Bild Gottes." Darin erwartet uns die große Freude: Wir finden wieder Geschmack – an der Menschheit und uns selbst, am Leben.

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Vor ein paar Wochen hatten wir Martin Pepper hier zu Gast. Er hatte eine Menge guter Beobachtungen und Anregungen rund um das Stichwort „Anbetung“ im Gepäck. Immer wieder war auch davon die Rede, wie wir uns selbst im Weg stehen können, wenn wir die Bilder und Metaphern nicht passend wählen. Das betrifft sowohl unser Reden von Gott als auch die Vorstellung davon, was wir in einem Gottesdienst denn tun (oder tun sollten).

Wir kommen ja nicht umhin, bildhafte Sprache zu verwenden, nur machen wir uns selten bewusst, welche Metaphern im Hintergrund des jeweiligen Diskurses stehen, und wie sie das Resultat beeinflussen. Schon vor längerer Zeit habe ich das folgende Zitat von Iain McGlichrist einmal gepostet:

Die gewählte Metapher ist sowohl Ursache als auch Wirkung der Beziehung. Daher offenbart sich, wie wir über uns selbst und unser Verhältnis zur Welt denken, schon in den Metaphern, die wir unbewusst wählen, um darüber zu sprechen. Diese Entscheidung verfestigt unsere Teilansicht des Themas weiter. Paradoxerweise scheinen wir genötigt, etwas – einschließlich unserer Selbst – gut genug zu verstehen, um das angemessene Modell zu wählen, bevor wir es verstehen können. Unser erster Sprung bestimmt, wo wir landen.

In einem von mehreren Gesprächen seit dem Seminar kamen wir darauf, dass Martin bei der Königs- und Thronsaal-Metapher zu besonderer Behutsamkeit riet. Monarchie und Feudalismus sind seit fast einem Jahrhundert abgeschafft, und autoritäre Willkür ist gerade kein prominenter Zug eines gesunden Gottesbildes. Nicht von ungefähr ist die Königs-Metapher diejenige Vorstellung, die auch in den heidnischen Religionen im Vordergrund stand, wo der Götterhimmel als Monarchie und der irdische König als gottgleich gedacht wurde. Und Jesus hat mit seiner Verkündigung der Gottesherrschaft vor allem an die königs- und machtkritischen Traditionslinien der hebräischen Bibel angeknüpft, während er außer dem kryptischen „Menschensohn“ die angebotenen Hoheitstitel eher ablehnte.

Kürzlich habe ich mit einer Konfi-Gruppe verschiedene Jesusbilder angesehen. Die stärkste positive Reaktion kam zu einem revolutionären Jesus, die befremdlichste Darstellung war ein kitschig-prunkvoller Jesus, der wie ein Kaiser (oder wie ein russischer Zar) gekleidet war. Mit dem konnten sie am wenigsten anfangen. Sie sagten: Irgendwie (!) ist Jesus ja ein König, aber doch nicht so einer. Und sie haben völlig Recht: Wenn überhaupt, dann ist Jesus doch der absolute Anti-König. Nimmt man den Hebräerbrief aus, dann kommt der Königstitel in der neutestamentlichen Briefliteratur extrem selten vor. Folglich ist es auch nicht die beste Idee, Bilder aus dem höfischen Leben eine zentrale Rolle in Gebeten, Liedern und Verkündigung einzuräumen. Für den Seher Johannes in der Verbannung und für die bedrängten Gemeinden, an die seine Offenbarung adressiert ist, war es ein revolutionärer Akt, einen Jesus zu verehren, der dem Kaiser in Rom und seinen Handlangern überlegen war. Heute aber klingt diese Sprache eher nach Märchen mit Faunen und sprechenden Bibern als nach der Alltagswelt. Wir brauchen andere Gegenbilder gegen die Unterdrückung und das Leid auf diesem Planeten.

Die Königsmetapher hat aber noch einen weiteren, gravierenden Pferdefuß, und der betrifft unser Verständnis von Leitung: Egal wie freundlich wir unser Reden vom König ausschmücken, ein gewisses hierarchisches Element bleibt immer erhalten. Wenn wir Gottesdienst primär als „Majestätsverehrung“ begreifen, dann machen wir es uns selbst schwer, Verständnis aufzubringen für die, denen unsere Formen unzugänglich sind, die sich in unserer Sprache nicht so zuhause fühlen, deren Erfahrungen in den letzten Tagen nicht so triumphal ausgefallen sind oder was auch immer sonst jemanden dazu bringen kann, sich eher verhalten zu beteiligen – weil es in der vorgegebenen Logik unserer Metapher quasi Majestätsbeleidigung ist, wenn man dem legitimen Herrscher das im zustehende Lob vorenthält.

Zum Glück gibt es viele andere Bilder, biblische und (wer hat denn gesagt, dass es immer nur biblische sein müssen?) aktuelle wie den Rebellen-Jesus. Der trifft die Person, von der die Evangelien erzählen, nämlich gar nicht so schlecht.

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Aus Gründen, die wohl nur Google kennt, ist einer meiner populärsten Posts auf diesem Blog ein Text, der sich mit dem Begriff „Leib“ befasst. Ich kam damals auf dieses Thema durch Iain McGilchrist, der sich mit unserer Art beschäftigt, die Welt wahrzunehmen und uns zu ihr zu verhalten. Ein paar theologische Implikationen habe ich damals hier festgehalten – unter dem Stichwort „Herzensglaube“.

Von Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782) stammt der berühmte Satz, die "Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes". Eine spirituelle Praxis, die das beherzigt, kann einen befreienden und beflügelnden Vorgeschmack auf die Wiederherstellung der Welt vermitteln, die im Evangelium verheißen ist. Anders gesagt: Sie kann eine Quelle der Hoffnung werden, und Hoffnung ist das Lebenselixier aller Aktivisten.

In den letzten Wochen habe ich mich daher wieder intensiver gefragt, was die Erfahrung der Leiblichkeit für menschliches Dasein bedeutet. Man kann Theologie und Spiritualität ohnehin nicht sauber trennen, aber im Bezug auf den Leib findet beides zusammen. Daraus sind ein paar Predigten geworden, die wir mitgeschnitten haben. Nichts zum Lesen also, sondern zum Hören - ein bisschen sinnlicher also, als es dieser Blog normalerweise hergibt.

Für In-up-and-out-Fans: Es kommt alles vor. Der Leib, der wir sind (nicht der Körper, den wir haben), ist der Schnittpunkt dieser Dimensionen. Hier nimmt alles seinen Anfang. Für alle, die gern das etwas spröde Wort „inkarnatorisch“ oder das mittlerweile überstrapazierte „ganzheitlich“ verwenden: Dito.

In der ersten Predigt geht es um unser Gottesverhältnis. Nach Römer 12,1 ist unser Leib der Angelpunkt für alle spirituelle Praxis, und er ist es deshalb, weil Gott seinerseits uns leiblich begegnet - in dem fleischgewordenen Wort, in der Sinnlichkeit der Sakramente. All das ist also Teil der missio dei.

In der zweiten Predigt geht es um unser Verhältnis zu den Mitmenschen. Die Begriffe Barmherzigkeit und Mit-Leid sind unglücklicherweise durch wiederholten Missbrauch belastet, aber sie eröffnen uns den Zugang zu einer anderen Ethik, die gerade im Blick auf die Flüchtlingsdiskussion hochaktuell ist. Passend dazu dieses Video:

In der dritten Predigt spricht Andreas Ebert über die Gemeinde als Leib und wirft einen systemischen Blick auf die Beziehungen unter Christen. Kluge Gedanken über das Menschsein, Heilung und Zugehörigkeit.

(Übermorgen geht es übrigens weiter. 10:00 im Theater der Franconian International School)

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Die Verdrängung Gottes aus der Welt, aus der Öffentlichkeit der menschlichen Existenz, führte zu dem Versuch, ihn wenigstens in dem Bereich des »Persönlichen«, »Innerlichen«, »Privaten« noch festzuhalten. Und da jeder Mensch irgendwo noch eine Sphäre des Privaten hat, hielt man ihn an dieser Stelle für am leichtesten angreifbar. Die Kammerdienergeheimnisse – um es grob zu sagen – d.h. also der Bereich des Intimen (vom Gebet bis zur Sexualität) – werden das Jagdgebiet der modernen Seelsorger. Darin gleichen sie (wenn auch ihre Absicht eine ganz andere war) den übelsten Asphalt-Journalisten […], die die Intimitäten prominenter Leute ans Licht zogen; hier, um die Menschen gesellschaftlich, finanziell, politisch – dort, um sie religiös zu erpressen. Verzeih, aber ich kann es nicht billiger geben.

Dietrich Bonhoeffer

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Bei Richard Rohr habe ich vor längerer Zeit einmal gelesen "Contemplation refuses to create dichotomies“, Kontemplation weigert sich, Gegensätze aufzustellen. Daran wurde ich wieder erinnert, als ich neulich bei Ina Praetorius von der „Dichotomisierung" der Menschheit las. Als auf dem Erlanger Poetenfest über Koran und Gewalt diskutiert wurde, ging es auch um den scharfen Kontrast zwischen Gläubigen und Ungläubigen, der in Teilen des Korans eine große Rolle spielt. Aber freilich – nein, leider! – kennen wir solche ausschließenden Denkstrukturen auch zur Genüge aus dem Christentum. Früher waren die Katholiken die apokalyptische Gefahr, heute sind es die Muslime, es spricht nichts dafür, dass die Argumente inzwischen besser geworden sind – im Gegenteil.

Die theologische Antwort darauf finden wir im Römerbrief, wie Giorgio Agamben in seiner nicht immer ganz einfach zu lesenden Auslegung Die Zeit, die bleibt zeigt. Sein drittes Kapitel beschäftigt sich mit der Frage von Universalismus und Partikularität, der „Aussonderung“ des Paulus als Apostel Christi. Paulus kommt als Pharisäer aus einer Tradition der Aussonderung, doch es ist nicht mehr der nomos, der diese Aussonderung bewirkt (der Zaun von Geboten, die die Pharisäer um die Torah herum errichtet hatten). Die messianische Torah hingegen führt "in eine Aussonderung der zweiten Potenz, eine Aussonderung der Aussonderung selbst, die die Teilungen des pharisäischen Gesetzes teilt und durchquert.“

Das Gesetz teilt die Welt in Juden und Heiden, aber für Paulus teilt es den Menschen auch innerlich in gute und böse Neigungen, und schließlich landet Paulus in Römer 7,23 beim „Gesetz des Hauches“. Auch dieses messianische Gesetz teilt, nämlich zwischen pneuma (Geist) und sarx (Fleisch). Es kommt nun zu einer Teilung der Teilung, bei der auf der Seite der Juden nun eine äußere Zugehörigkeit „nach dem Fleisch“ und eine unsichtbare „nach dem Geist“ (bzw. bei Agamben schön ausgedrückt „nach dem Hauch“) entsteht. Auf der Seite der Heiden ist durch den Geist des Messias dasselbe vorauszusetzen, so dass nun die Situation eintritt, dass der alte Gegensatz nicht mehr aufgeht. Es „bedeutet, dass die messianische Teilung in die große nomistische Teilung der Völker einen Rest einführt, dass als Juden und Nichtjuden konstitutiv »nicht alle« sind.“

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(Meine Grafik, dass ein Kreuz entstanden ist, habe ich erst im Nachhinein gesehen)

Es entsteht mit dem Rest ein Drittes, die „Nicht-Nichtjuden“, die im messianischen Gesetz leben und sich nicht mehr auf die alten Alternativen oder Dichotomien reduzieren lassen:

Sie stellen vielmehr die Unmöglichkeit für die Juden und die Gojim dar, mit sich selbst zusammenzufallen, sie sind eher so etwas wie ein Rest zwischen einem Volk und sich selbst, zwischen jeder Identität und sich selbst. … Für Paulus geht es nicht darum, die Differenzen zu „tolerieren“ oder sie zu überschreiten, um jenseits von ihnen das Selbe und Universale zu finden. Das Universale ist für ihn kein transzendentes Prinzip, von dem aus er über die Differenzen schauen könnte – er verfügt nicht über einen solchen Standpunkt –, sondern ein Verfahren, das die Teilungen des Gesetzes selbst teilt und unwirksam macht, ohne je einen letzten Grund zu finden.

Agamben folgert folgenreich: "Die messianische Berufung trennt jede klesis von sich selbst, sie erzeugt in ihr ein Spannung zu sich selbst, ohne ihr eine Identität zu geben: Jude als ob nicht Jude, Grieche als ob nicht Grieche.“ Er verfolgt dann das Motiv des Rests durch das Erste Testament und kommt zu dem Schluss:

Eine aufmerksame Lektüre der prophetischen Texte zeigt … deutlich, dass der Rest die Konsistenz oder Figur ist, die Israel in Bezug auf die Auserwählung oder das messianische Ereignis annimmt. Der Rest ist also weder das Ganze noch ein Teil von ihm, sondern bedeutet die Unmöglichkeit für das Ganze und für den Teil, mit sich selbst und untereinander identisch zu sein.

Wenn wir es heute wieder in großen Stil mit der Forderung zu tun bekommen, das Abendland müsse mit sich selbst identisch (und daher von aller Zuwanderung unbehelligt) bleiben, und wenn das Christentum als feststehende Identität und Kultur die Teilungen der Welt nicht mehr teilt, sondern eine neue kategorische Teilung zwischen Recht- und Ungläubigen herbeiführt, bei der die Rechtgläubigen ausschließlich durch das Kriterium der dogmatischen und ethischen Reinheit definiert sind, die nach ewigen und nicht wandel- und verhandelbaren Kriterien bemessen wird, dann hat er das Wesentliche im paulinischen Evangelium missverstanden. Er ersetzt lediglich eine Dichotomie durch eine andere.

Eine Neubesinnung auf die messianischen Wurzeln ist angesagt. Und sie beginnt mit dem kontemplativen Blick, der es wagt, seine Urteile, sein Bedürfnis nach trennscharfer "Klarheit" und seine Ängste zurückzuhalten.

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Das Kreuz ist das Zeichen des Widerspruchs – es zerstört die Ernsthaftigkeit des Gesetzes, des Imperiums, der Armeen, des Blutopfers und der Obsession.

Aber die Magier drehen das Kreuz so lange, bis es zu ihren Absichten passt. Ja, auch für sie ist es ein Zeichen des Widerspruchs: die schreckliche Blasphemie des religiösen Magiers, der das Kreuz dazu bringt, der Barmherzigkeit zu widersprechen! Das freilich ist die äußerste Versuchung des Christentums! Zu sagen, dass Christus alle Türen verschlossen hat, eine Antwort gegeben hat, alles geklärt hat und dann ging, alles Leben eingesperrt ließ in die fürchterliche Widerspruchslosigkeit eines Systems, außerhalb dessen es Ernsthaftigkeit und Verdammnis gibt, innerhalb dessen die unerträgliche Frivolität der Erretteten gibt – während nirgends mehr Raum bleibt für das Geheimnis der Freiheit der göttlichen Barmherzigkeit, die als einzige wahrhaft ernst ist, und es verdient, ernst genommen zu werden.

Thomas Merton, Raids on the Unspeakable, 32f.

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Im vergangenen Jahr habe ich Miroslav Volfs A Public Faith für den Francke-Verlag übersetzt und nun ist es endlich so weit, das Buch ist auf dem deutschen Markt. Ganz besonders freut mich, dass Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm das Vorwort für seinen Kollegen aus Yale geschrieben hat.

Die Frage, wie und in welcher Form Christen am gesellschaftliche Leben teilnehmen und teilnehmen sollten, hat schon immer die Gemüter erhitzt. Aktuell etwa positionieren sich die große Kirchen in der Flüchtlingskrise sehr eindeutig, was bei konservativen Parteien und deren kirchlichen Sympathisanten mit Missfallen zur Kenntnis genommen wird (da will man die Bibel auf einmal nicht mehr ganz so wörtlich nehmen). Aber es gab und gibt ja auch die säkularistische Forderung, Kirchen und Religion aus dem öffentlichen Raum möglichst vollständig herauszuhalten.

Miroslav Volf geht davon aus, dass praktisch gelebter Glaube auf "menschliches Gedeihen" hin angelegt ist, also ein erfülltes Leben und ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Die Frage nach dem ewigen Heil Er behandelt zwei Fehlfunktionen, nämlich den weltflüchtigen (und damit untätigen) Glauben und den übergriffigen Glauben.

Volf entwickelt diese doppelte Abgrenzung sehr sorgfältig und buchstabiert dann durch, wie Christen (aber auch Juden und Muslime) in einem säkularen Staat und einer pluralistischen Gesellschaft so leben, dass es dem Gemeinwohl nützt und sich jeder Tendenz zu religiösem Totalitarismus widersetzt. Ein wichtiges Thema, denn

die religiöse Vielfalt westlicher Länder spiegelt die zunehmende religiöse Vielfalt der Welt als ganzer wider. Was die einzelnen Länder angeht ist religiöse Vielfalt freilich kein westliches Phänomen. In mancher Hinsicht ist der Westen sogar spät dran. Einige nichtwestliche Länder wie Indien zum Beispiel leben seit Jahrhunderten mit religiösem Pluralismus.12 Andere werden wahrscheinlich zunehmend pluralistisch, wobei verschiedene Religionen – allen voran Christentum und Islam – um Mitglieder wie um gesellschaftliche Macht und politischen Einfluss wetteifern. Global und national wird religiöse Vielfalt in den nächsten Jahren in wichtiges Thema bleiben. Die modernistische Sehnsucht nach einer säkularen Welt muss zwangsläufig zu Enttäuschungen führen, genauso wie die Nostalgie eines „christlichen Europa“ oder eines „christlichen Amerika“ genau das bleiben muss: unerfüllte Nostalgie.

Nicht die schlechteste Wahl, wenn Ihr demnächst Eure Weihnachts-Wunschzettel zusammenstellt…

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Im Mai und Juni haben wir uns bei ELIA über vier Abende hinweg mit verschiedenen Aspekten christlicher Erlösungslehre beschäftigt. Es war der Versuch, einmal abseits der bekannten und nicht immer unproblematischen Metaphern von Sühne, Opfer oder Lösegeld darüber zu sprechen, was den Tod Jesu am Kreuz herbeigeführt hat und inwiefern sich daraus Rückschlüsse auf seine Bedeutung für die Menschheit im Allgemeinen bzw. seine Nachfolger im Besonderen ziehen lassen.

Die Schwäche der üblichen Sühnetheorien liegt ja darin, dass sie kaum einen Bezug zu Leben und Verkündigung des irdischen Jesus herstellen (außer seiner Sündlosigkeit, aber das ist ja schon eine negative Aussage in dem Sinn, dass sie nichts beschreibt, sondern nur etwas ausschließt) und kaum Folgerungen für ein Leben in der Imitatio Christi zulassen.

Im einzelnen haben wir vier Linien betrachtet, die ich in Ted Jennings’ lesenswertem Buch Transforming Atonement gefunden hatte. Da ging es um Jesu Widerstand gegen Unterdrückung, seine Zuwendung zu den „Sündern“, sein Überschreiten von ethnischen, religiösen und kultischen Grenzen und seine Identifikation mit den Leidenden. In jedem dieser vier Stränge lässt sich nachzeichnen, wie Jesus durch konkrete Dinge, die er sagte und tat, Widerspruch und Ablehnung erlebte, die in Gewalt umschlugen, und wie die ersten Christen sein Anliegen aufnehmen und weiterführten.

Inwiefern ist darin nun von Versöhnung die Rede? Nicht Gott muss irgendwie besänftigt werden, wie Paulus deutlich macht, sondern wir Menschen: "Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch (Gottes) Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben.“ (Römer 5,10)

Jesu Leben, Verkündigung und sein Tod am Kreuz machen deutlich, dass Gott

  • nicht auf der Seite der Unterdrücker und Eliten steht (obwohl diese ihre Macht religiös legitimieren wollen), sondern sich mit den Unterdrückten solidarisiert;
  • nicht zu denen gehört, die andere selbstgerecht verurteilen, ausschließen und beschämen, sondern gerade auch auf die Verachteten zugeht;
  • Krankheit und Schmerzen aller Art weder ungerührt zulässt noch als Strafe oder Erziehungsmaßnahme einsetzt;
  • Trennungen zwischen Menschen aufgrund von Herkunft, Geschlechts- oder Religionszugehörigkeit nicht fordert oder verschärft, sondern überwinden und die Welt befrieden möchte.

Versöhnung entsteht daraus, weil Menschen ihre verständlichen und berechtigten Vorbehalte und Klagen gegen den vermeintlichen Gott der Mächtigen und Gewalttätigen, der Selbstgerechten und Kleinkarierten, der Spalter und Scharfmacher wie auch der schmerzfrei Unversehrten aufgeben können. Zudem steht nun den vermeintlichen Gewinnern und Nutznießern dieser Mechanismen die Möglichkeit offen, ihre Feindschaft gegen den barmherzigen Gott aufzugeben – und damit auch die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen den verschiedenen Seiten aller Arten von Konflikten und Auseinandersetzungen.

Und für die vielen „Normalos“, die in der Regel beides zugleich sind (hier eher Opfer, da eher Täter oder Mitläufer) ist der Vorstoß Gottes in die Abgründe dieser Welt und des Menschseins die Chance, sich ihren Verwicklungen vorbehaltlos zu stellen. Ohne diese Ehrlichkeit wird auch die Suche nach Lösungen für alle möglichen Probleme wenig Fortschritt bringen. Mit ihr hat die Verwandlung und Erlösung der Welt schon begonnen.

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