Theologie

Wenn die Erneuerung des menschen das Denken mit einschließt, dann gib es viel zu entdecken und zu über-denken

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Ich lese immer noch in Lehnerts "Korinthischen Brocken". Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zu der Frage, wie Paulus zu lesen und auszulegen ist, weil es sich jenseits gängiger dogmatischer Alternativen bewegt. Recht konkret wird das in der Betrachtung von 1.Korinther 7, wo es um Heirat und Ehelosigkeit geht. Man kann Lehnert sicher nicht vorwerfen, er setze sich leichtfertig über den Wortlaut hinweg oder erkläre irgendwelche Aussagen für heute nicht mehr zeitgemäß. Relativiert wird lediglich eine bestimmte, weit verbreitete und Jahrhunderte lang dominierende Auslegungstradition.

Paulus ist durch seine Christusbegegnung wie aus der Zeit gefallen. Weniger die Kontinuität die vom Vergangenen kommt und auf das Zukünftige hin läuft, bestimmt ihn, sondern deren Unterbrechung.

Paulus – ziellose Schritte, kein »Weiter«, kein »Zurück«, er läuft und läuft. Fort von Damaskus – und auf Damaskus zu, auf den Moment seiner Verwandlung. Paulus agiert nicht mehr auf einem Zeitstrahl. Deshalb kann er auch so schlecht erzählen, er verliert schon innerhalb von zwei, drei Sätzen den Faden, steigt aus und reflektiert, fällt ins Suchen nach Begriffen oder abrupt ins Poetische, in den dichten Ausdruck des Augenblicks. Er schaut auf: Wo bin ich? Was ist das?

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Und so ergibt sich auch im Blick auf die Ehe eine andere Perspektive als die vieler rabbinischer Zeitgenossen, die Sexualität und Fruchtbarkeit als göttliches Geschenk feierten, wie auch der entstehenden Gnosis, die Leiblichkeit immer nur negativ in den Blick nahm:

In der Ehe eine »heilige Schöpfungsordnung« zu vermuten, ist für Paulus genauso abenteuerlich wie in der Askese einen Ausweg aus der eigenen Natur. Bleibt! Verharrt! Wenn eine Ehe zerbricht, dann möge sie zerbrechen. Und wenn eine Ehe geschlossen wird, so habe sie Bestand. Bleibt! Was die Gegebenheiten dieser Welt bedeuten, wird der Christus erweisen. Und in diesem Verharren pulst doch eine anarchische Unruhe, sie bestimmt die Lebensform des Glaubens, wie das Verlangen nach Luft die Lunge bewegt. (S. 162)

Lehnert betont auch den Kontrast zum romantischen Ideal der Moderne, die das Heil in der geschlechtlichen Liebe sucht. Auch sie kann sich nicht auf Paulus berufen. Vielleicht wäre das ja auch ein Ausweg aus den Kulturkämpfen rund um Ehe und Familie, das Thema wieder etwas zurückzunehmen. Da scheint mir auch ein Teil der Diskutanten (darunter die offizielle Linie der katholischen Kirche) an der Vorstellung von heiliger Schöpfungsordnung zu kleben und manche Kritik daran dürfte sich ihrerseits vor allem dem säkularen Motiv verdanken, in der geschlechtlichen Liebe etwas Unbedingtes zu sehen, dem ein Mensch um jeden Preis zu folgen hat, wenn er sein Glück nicht verspielen will. Ähnlich sind die Folgen für das Verhältnis der Christen zur antiken Gedächtniskultur, die so großen Wert legt auf Ahnen und Abstammung:

Die Ehe ist ja nichts als eine Interimslösung mit sehr begrenzter Gültigkeit. Ihr kommt keinerlei Heiligkeit zu, keine Metaphysik des Blutes. Es ist, folgt man Paulus, letztlich sinnlos, auf den Stammbaum der Generationen zu schauen, sich ein Weiterleben in einer Familie oder im Gedächtnis von Nachkommen zu erhoffen. Ja, es ist schon fahrlässig, eine Familie außerhalb der direkten Anwesenheit von Personen, der Liebe von Menschen zu denken […]

Die Familie löst sich bei Paulus auf bis auf die Personen, die man kennt und liebt. Genealogien, nichts haben sie mehr zu sagen auf die Frage, wer wir sind. (S. 163f.)

Der Schlüssel zu einer Entkrampfung der Debatten läge aber wohl darin, dieses Zeitempfinden nachzuvollziehen, die „anarchische Unruhe“ zurückzugewinnen. Christentum in unseren Breiten hat sich vielfach in der Zeit leidlich eingerichtet, lebt mehr im Verlauf als der Unterbrechung, hütet das Erbe der Väter oder fügt sich in den Lauf der Dinge. Dass Paulus hier, wie Lehnert schreibt, Lebenssituationen zu sich selbst in Spannung setzen kann, hat mit seinem Bild der Welt zu tun:

Paulus erlebt den Kosmos als flüchtige Erscheinung in stetem Selbstwiderspruch. Die alte Welt ist verwandelt in ihren Schatten, im Licht des messianischen kairos, und doch ist sie Ort der Bewährung, des Ausharrens bis zum Ende, und das heißt: Harren in der Verantwortung für die Welt als Hauch. (S. 169)

(Bild: Dennis Skley, Love and Marriage 298/366 via Flickr/Creative Commons)

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In der Einleitung zu Ingolf U. Dahlferts Radikale Theologie findet sich dieser prägnant und ansprechend formulierte Absatz über einseitige Radikalismen:

Theologie ist Denkarbeit, und radikal denkt nicht, wer meint, dabei »RADIKAL« groß und »denken« klein schreiben zu müssen. Radikal sind Theologinnen und Theologen aber auch nicht, wenn sie ihre ganze Energie darauf richten, das Logos-Element in Theologie zu maximieren, indem sie das Theos-Moment minimieren. […] Man ist nicht dann ein besonders radikaler Theologe, wenn man alle Anstrengungen darauf richtet, zu zeigen, dass es nicht nötig, möglich, sinnvoll oder angebracht sei, von Gott zu reden, sondern dass stattdessen die Menschen, ihre Erfahrungen, Nöte, Probleme, religiösen Orientierungen, antireligiösen Vorbehalte oder areligiösen Lebensbereiche ins Zentrum theologischen Denkens und kirchliche Handelns gestellt werden müssten. Die Alternative ist eine Karikatur. Was hier gegeneinander gestellt wird, schließt sich nicht theologisch aus, sondern fordert sich gegenseitig.

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Es ist kein Zufall, dass das Neue Testament zu einem wesentlichen Teil aus Briefen besteht. Diese Briefe führen vor Augen, was es heißt, ganz und bejahend in der Welt zu leben, ohne in ihr letztlich beheimatet zu sein. Sin sind die zentrale literarische Form für das christliche Selbstverständnis zwischen diesseitiger Zeitgenossenschaft und dem Wissen, nicht dieser Zeit und dieser Welt anzugehören. Der Brief im biblischen Kanon bringt das zur Abbildung: zeitlose Zeitlichkeit eines Dokuments.

Christian Lehnert, Korinthische Brocken, S. 13.

2008.11.12 - The letter

Bild: Adrian Clark, The Letter (via flickr - creaative commons 2.0)
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Die Frage nach der mächtigen, aber oft unbewussten Wirkung verschiedener Metaphern hat mich schon verschiedentlich beschäftigt, zum Beispiel in der Diskussion um die Sühnetheologie und alternative Deutungen des Todes Jesu, oder zur gottesdienstlichen Sprache und dem Liedgut.

Walter Wink hat die Sühne in Verwandlung der Mächte für mein Empfinden etwas zu grob behandelt, aber an anderer Stelle dieses wichtigen Buches eine treffende Beobachtung zur Metaphorik der Evangelien gemacht:

Gleichnis für Gleichnis spricht Jesus von der "Königsherrschaft Gottes“. Er verwendet dabei Bilder aus der Landwirtschaft und der Arbeit der Frauen, nicht aus dem krieg und nicht aus königlichen Palästen. Diese Herrschaft wird nicht beschrieben, als würde sie vom Himmels auf die erde herabkommen; still und unbemerkt steigt sie aus dem Land empor. Sie wird nicht durch Armeen und militärische Macht etabliert, sondern durch einen unaufhaltsamen Wachstumsprozess von unten, aus dem einfachen Volk.

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Der Pustet-Verlag in Regensburg hat Walter Winks († 2012) kleines Buch The Powers That Be auf Deutsch herausgebracht unter dem Titel Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit.

Es ist eines der wenigen Bücher, von denen ich sagen würde, die sollten zumindest jede Theologin und jeder Theologe gelesen und verarbeitet haben. In der Einleitung bringt es Wink schön auf den Punkt, worum es geht: Viele der Schwierigkeiten und Fehlschläge, die wir uns selbst oder anderen anlasten, sind nicht einfach nur auf individuelles Versagen zurückzuführen, sondern auf die innere Dynamik der Institutionen, die unser Leben regeln. Es geht auch nicht nur technisch um bessere und gerechtere Strukturen, sondern darum, dass da eine spirituelle Dimension enthalten ist, die es zu erkennen und zu berücksichtigen gilt, wenn man echte Veränderung anstrebt:

Im Zentrum handfester Institutionen der Gesellschaft entdecken wir etwas Geistiges. IBM und General Motors haben jeweils eine eigene Spiritualität, genauso die Liga für die Ausbreitung des Atheismus. […] Auch die Vordenker der neuen Physik sind, nachdem sie durch den Materialismus hindurch gestoßen sind, in einer Welt der Geist-Materie angekommen. So können auch wir das ganze gesellschaftliche Unternehmen der menschlichen Spezies unter den beiden Aspekten von Geist und Materie sehen. Wir stehen auf der Schwelle der Wiederentdeckung der Seele im Innersten eines jeglichen Geschöpfes. Es gibt nichts, von der DNA bis hin zu den Vereinten Nationen, das nicht Gott in seinem Innersten hat. Alles hat einen spirituellen Aspekt. Alles ist Gott gegenüber verantwortlich.

Vom Weltbild her liegt das nahe an dem, was etwa Patrick Spät in Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein darlegt, aber Wink fragt nun weiter, wie diese Einsicht nun fruchtbar gemacht werden kann im Ringen um eine gerechte und menschliche Gesellschaft, in kirchlichen und politischen – also institutionellen – Veränderungsprozessen und was das für die Spiritualität bedeutet, die wir leben und anderen vermitteln wollen.

Fragt man sich etwa aktuell, warum das TTIP-Abkommen zustande kommen könnte, dessen Geist den Sieg des internationalen Kapitals über die nationalen Demokratien bedeuten würde, so dass selbst die Zeit nur noch den Begriff "satanisch" dafür findet, dann lässt sich das Geschehen und seine potenzielle Wirkung in den Kategorien von "Mächten und Gewalten" und deren Hang zum Götzendienst offenbar besser fassen als in der Sprache der Ökonomen und Juristen.

Jetzt, wo die Textgrundlage für alle verfügbar ist, wäre eigentlich eine theologische Konferenz oder ein Symposium über Wink und seine Anstöße fällig. Vielleicht kommt da ja noch etwas von den Herausgebern…?

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Die christliche Kirche hat ihren tiefsten Sinn, der sie von der jüdischen Gemeinde  u n d  dem kommenden Reiche abhebt, eben darin, dass in ihr die Gaben des Reiches schon da sind, ohne dass das Reich selbst, die verwandelte Erde und die Herrschaft Gottes auf ihr, schon da wären. Die Geistbegabung ist also die Vorwegnahme eines endzeitlichen Ereignisses … und weist so immerzu auf das Reich hin!

[…] Es ist an Ostern und Pfingsten eine Wende vollzogen, die schon vor der letzten Ankunft Christi Entscheidendes erkennbar werden lässt. Die Gemeinde Jesu ist nicht in dem Sinne die Fortsetzung der jüdischen Gemeinde, dass auch sie nur in der Enderwartung stünde, nur gestärkt durch einen neuen Zeugen, nur erneuert im alten Glauben. Sie ist „neue“, das heißt aber schon mit einem Fuß auf Reichsboden stehende Gemeinde dadurch, dass sie die Gabe des neuen Aeons, den Geist, besitzt.

Ernst Gaugler, Der Brief an die Römer, Band I, Zürich 1958, 255ff.

Spirit

(Bild: "Spirit" by 29cm via Flickr/creative commons 2.0)

 

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Als Papst Franziskus letzte Woche die Gedenkstätte Yad Vashem besuchte, sagte er unter anderem den folgenden bemerkenswerten Satz:

The Father knew the risk of freedom; he knew that his children could be lost… yet perhaps not even the Father could imagine so great a fall, so profound an abyss!

Ist sogar Gott selbst erschüttert über das exzessive Ausmaß menschlicher Grausamkeit und Zerstörung, das im Holocaust so unübersehbar wird?

Dieses Gottesbild steht nicht nur in einem bemerkenswerten Kontrast zu den Vorstellungen von absoluter Macht und Wissen, die ultrakonservative katholische Kritiker des Papstes kennzeichnen, sondern auch zu manchen protestantischen Vorstellungen von einem abgebrühten, achselzuckenden Gott, der den Menschen schon immer alles erdenklich Böse zugetraut hat und deswegen eigentlich von gar keiner Brutalität mehr überrascht und erschüttert wird.

Doch in seiner Meditation über „Adam, wo bist du?“ nimmt der Papst die Spannung in der Erzählung von Sündenfall ernst (Gottes Erstaunen wäre andernfalls ja nur gespielt). Mit der Frage nach dem Erstaunen und Entsetzen Gottes steht er auch dem Gottesbild der Propheten bis hin zu Jesus näher als metaphysischen Abstraktionen.

Sich Gott zum Vorbild zu nehmen hieße dann, anderen nicht immer schon das Schlimmste zu unterstellen, auch auf die Gefahr hin, böse Überraschungen zu erleben. Wenn man Frieden stiften und versöhnen möchte in dieser Welt, geht das vermutlich nur so.

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Den folgenden Text habe ich für eine Mitarbeiterhilfe des CVJM geschrieben, und diesen ersten Teil auch vor einigen Monaten schon einmal gepostet unter dem Titel „Die Singkrise“. Damit auch die folgenden Gedanken nachvollziehbar werden, stelle ich das nun erneut ein und lasse den Rest in kurzen Abständen folgen. Wer’s schon kennt, kann warten bis zum zweiten Teil.

Kürzlich nahm ich als Gast bei Freunden an deren Gottesdienst teil und die Lobpreisband spielte Matt Redmans berühmtes Lied “Heart of Worship”. Die Story dazu ist nicht nur unter Insidern bekannt: Redmans Gemeinde – die Jugendkirche „Soul Survivor“ im englischen Watford – stellte fest, dass ihre Lobpreismusik dabei war, zum Selbstzweck zu werden und Gott selbst in den Schatten zu stellen – gerade weil sie so angesagt und mitreißend war. Also verschrieb man sich eine Phase der Entwöhnung und verzichtete auf die Musik – wie die Katholiken auf die Glocken in der Karwoche (da fliegen diese angeblich nach Rom). In dieser Zeit entstand das Lied, das davon handelt, dass es nicht um Lieder und Musik geht, sondern um die Liebe zu Gott. So weit, so gut. Ich finde, es ist wirklich ein schönes und bewegendes Lied.

Und es kann einen zum Nachdenken bringen!

Bei Soul Survivor haben sie längst wieder begonnen zu singen und “Heart of Worship” hat überall auf der Welt begeisterte Aufnahme gefunden. Vielleicht, weil es ein Dilemma anspricht, das viele ganz ähnlich empfinden: das Medium entwickelt eine Eigendynamik, es verdeckt mehr als dass es noch Hinweischarakter hätte, geistliche Musik wird zum Konsumartikel. Auch dazu wurde schon viel gesagt.

Foto: Ashley Campbell via Flickr/creative commons 2.0

Aber reicht es denn schon aus, in einem Lied (unter etlichen anderen) darüber zu singen, dass Singen nicht alles ist und manchmal mehr von Gott ablenkt als zu ihm hinführt, ohne dann auch tatsächlich den Ausknopf zu drücken und zu sehen, was denn wirklich passiert, wenn wir mit leeren Händen dastehen, die Stille mühsam aushalten, in der der innere Lärm und die Störgeräusche von nichts mehr übertönt werden – und können wir glauben, dass Gott uns dann auch darin begegnet? Sollte man so ein Lied eigentlich singen, ohne sich die damit verbundenen Herausforderungen tatsächlich zugemutet zu haben? Anders gefragt: Verhindert es am Ende vielleicht genau den Erneuerungsprozess, den es beschreibt? Ist es genug, dass wir den Gedanken oder die unbehagliche Ahnung „eigentlich müsste man etwas ändern“ zwar ausdrücklich zu Protokoll geben, die tatsächliche Beschäftigung mit diesem Thema dann aber umgehend wieder vertagen?

Der Philosoph und Gesellschaftskritiker Slavoj Zizek hat in den letzten Jahren immer wieder angemerkt, dass unsere Konsumkultur und der moderne Kapitalismus längst einen Weg gefunden haben, die Kritik am System zum Teil des Systems zu machen. Ohne dass sich das System an sich ändert, das – Papst Franziskus hat es erst kürzlich scharf kritisiert – alles und jeden zur Ware macht, die man kauft, benutzt und wegwirft, kann sich der Konsument etwa durch ethisch „guten“ Kaffee für einen gewissen Aufpreis von seinem schlechten Gewissen loskaufen. Das Rädchen, das zu quietschen drohte, läuft nun wieder wie geschmiert.

Zizek bestreitet nicht, dass „fairer Konsum“ die Lage mancher Erzeuger tatsächlich verbessert, er zweifelt nicht an den guten Absichten der Beteiligten, aber er fragt, ob die gute Absicht konsequent genug umgesetzt wurde, oder ob wir es am Ende doch mit einer Alibi-Aktion zu tun haben, die nur die hässlichen Symptome kaschiert und die wahren Ursachen unberührt lässt. Würden wir nach diesen Ursachen fragen, dann müssten wir uns unseren Ohnmachtsgefühlen angesichts dieser trostlosen Lage stellen, der Resignation und Gleichgültigkeit, die uns lähmen oder zur Flucht in heile Welten drängen: virtuelle Phantasiewelten, die (spieß-)bürgerliche Idylle oder fromme Subkulturen. Zieht man den Horizont nur eng genug, bleiben all die verstörenden Dinge außer Sichtweite.

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Barmherzigkeit statt Opfer - auf diese Formel bringt Jesus seinen Konflikt mit den Pharisäern in Matthäus 9. Hinter diesen beiden Begriffen stehen gegensätzliche Weltbilder und Lebensweisen, mit denen wir bis heute ringen. Vor allem aber ein mächtiges Gefühl, das in Kirche und Theologie gravierende Folgen nach sich zieht.

Statt eines „normalen" Blogposts stelle ich heute den Mitschnitt und die Präsentation meiner Predigt von gestern hier ein. Sie beruht in vielem auf dem ungemein hilfreichen und erhellenden Buch Unclean: Meditations on Purity, Hospitality, and Mortality von Richard Beck, das ich seit einigen Tagen mit einer ganzen Serie von Aha-Effekten lese. Vielen Dank an Rainer Behrens für den Tipp, und viel Spaß beim Zuhören. (Leider ist der Ton in den ersten Sekunden durch ein Versehen meinerseits etwas hallig, das hört aber gleich auf)

Weitere Posts zu Becks spannenden Thesen werden folgen.

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Ich bin kürzlich in einem Aufsatz von Hanna Strack über Hildegard von Bingen auf folgenden interessanten Gedanken gestoßen: Strack plädiert für eine "Theologie des Blühens“ und stellt diese in einen Kontrast zur traditionellen "Theologie der Mortalität“, die sie so beschreibt:

… die bisher überwiegend gelehrte und gepredigte Theologie der Sterblichkeit aller Menschen [betont] die Hinfälligkeit, Fehlerhaftigkeit, das Schuldbewusstsein und die Angst. Diese zielt auf Erlösung durch die strafende und barmherzige Gottheit.

Während Strack das biblische Motiv des Blühens mit (vor allem auch explizit weiblicher) Fruchtbarkeit verbindet, könnte man, um eventuell problematische Parallelen zu Fruchtbarkeitskulten oder Esoterik zu meiden, die "Theologie des Blühens" auch von Auferstehung und Neuschöpfung her denken und sagen, dass Gott in der Sendung Christi seine Liebe zum Leben erweist und sie mit der Auferweckung bestätigt als die grenzenlose, überströmende Lebenskraft und -fülle, die selbst das verwelkte und beschädigte Leben erneuert und verwandelt.

Denn für Hildegard von Bingen hat die "Grünkraft“ auch mit dem Heiligen Geist zu tun, der nach dem Neuen Testament nicht nur in der anfänglichen Schöpfung wirkt, sondern auch die Kraft ist, durch die die Welt und die Menschheit neu geschaffen wird. So kann Hildegard, wie Strack zeigt, Christus als schöne Blume bezeichnen und von ihm sagen: "sie schenkte ihren Duft all den Gewürzen, die da dürre waren. Da prangten alle sie in sattem Grün“.

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Das Grab ist schließlich par excellence das Symbol metaphysischer Totalität und des Mythos kosmischer Gewalt: es ist Endstation und Grenze, es markiert nicht nur die Schranke zwischen Leben und Tod, sondern zwischen Sein und Nichtsein, Fleisch und Seele, Kosmos und Chaos, Geschichte und Mythos, Sinn und Sinnlosigkeit, dem Physischen und dem Spirituellen, dem Reinen und Unreinen, Zeit und Ewigkeit, Polis und Exil, Subjekt und Objekt; es ist, kurz gesagt, ein absoluter taxonomischer Index der Welt als einer abgeschlossenen Totalität; denn wenn jede Begrenzung eine Art Tod ist, dann ist die Begrenzung auch die Kraft des Lebens – so lange sie gewahrt wird.

Aber genau diese Begrenzung überschreitet Christus, der keine Schranken respektiert, in absoluter Freiheit. Die Auferweckung Christi ist, sofern das leere Grab ihr Kardinalzeichen ist, das genaue Gegenteil jeder Form gnostischer Vertröstung, jedes Heilsschemas, das die Schöpfung der Herrschaft der Mächte ausliefert und zugleich eine Emanzipation von der Welt und ihren Leiden bietet; die Form Christi, der Heilsweg, legt sein reales historisches Gewicht nie ab, seine Schönheit – seine kabod.

David Bentley Hart

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Vor einiger Zeit bekam ich das inzwischen veröffentlichte Thesenpapier Zeit zum Aufstehen zugesandt mit der Einladung, Erstunterzeichner zu werden. Anscheinend gehöre ich zu den Menschen, denen die Autoren das zutrauten. Viele meiner Freunde und Bekannte haben sich inzwischen dem Aufruf angeschlossen.

Ich war nicht begeistert. Hier sind ein paar Gründe:

Erstens scheint es mir, dass es hier um evangelikale Richtigkeiten geht, die zu bekräftigen die Urheber und wohl auch viele Unterzeichner nichts kostet, weil sie diese Positionen seit Jahr und Tag vertreten und in einem Umfeld arbeiten, das sie ebenfalls für selbstverständlich hält – jedes Rütteln an ihnen aber vehement sanktionieren würde. Das Papier hätte vor 25 Jahren genau so erscheinen können. Ich habe mich gefragt, was sich denn eigentlich bewegt hat in letzter Zeit. Aber vielleicht ist das schon die falsche Frage, weil Positionierung und Bewegung ja gerade nicht dasselbe sind.

Zweitens enthält es formal und inhaltlich aus meiner Sicht keinerlei Gesprächsangebot an Andersdenkende, lädt zu keinem Brückenschlag ein, stellt keine Fragen, sondern formuliert Parolen und versucht, die eigenen Reihen zu schließen. In der obligatorischen Bekräftigung der Autorität der Bibel finden sich so – Entschuldigung, plumpe – Slogans wie "Die Bibel ist immer aktueller als der jeweilige Zeitgeist.“ Gilt das auch für die Bibeltexte, die Sklaverei unkritisch sehen? Und wenn nicht, was bedeutet so ein Satz dann eigentlich noch?

Drittens fallen die Leerstellen auf: Die Christologie (genauer: Göttlichkeit und Einzigartigkeit Christi, Versöhnung durch Kreuz und Auferstehung) hat die Trinität überlagert, vom Heiligen Geist ist nirgends die Rede und der Schöpfer erscheint, wenn man genau hinsieht, nur als Begründer und Garant der Ebenbild-Anthropologie. Diese wiederum reduziert sich, wie die weiteren Aussagen zeigen, auf die Festschreibung traditioneller Geschlechtermuster und die Unantastbarkeit menschlichen Lebens. Ich bin auch gegen eine „Entwertung der Ehe“, aber ich weiß natürlich, dass dieser Textbaustein mittlerweile ein gängiges Codewort ist, das darauf zielt, andere Lebensformen als problematisch und defizitär hinzustellen.

Viertens: Fahndet man nach den gesellschaftspolitischen Konsequenzen des Aufrufes, dann bleiben die Themen Lebensrecht, islamkritisch akzentuierte Religionsfreiheit und die Exklusivität der traditionellen Familie allein auf weiter Flur. Hat Jesus das gemeint, als er vom Reich Gottes sprach? Die Bekräftigung der alten Engführungen ist doch ein Schlag ins Gesicht für die Vertreter der Micha-Initiative, die evangelikale Frömmigkeit und den Einsatz für eine gerechte Welt verbinden, die sich ja längst nicht mehr trennen lässt von der Bewahrung der Schöpfung.

Das ohrenbetäubende Schweigen zu diesen Themen ist natürlich auch eine klare Abgrenzung von allen anderen kirchlichen Bewegungen, die sich eben diese Themen auf die Fahnen geschrieben haben. Und damit vermittelt der Text unterm Strich den Eindruck, dass es den Autoren nicht um Kooperation, gegenseitige Ergänzung und lebendigen Austausch geht, sondern um das Beharren auf und die Durchsetzung von bestimmten Positionen.

Das ist jetzt meine völlig subjektive Interpretation dieses Textes. Möglicherweise lesen und meinen ihn die Autoren und Unterzeichner ja anders. Daher ist das keine persönliche Kritik an einzelnen, wohl aber eine an diesem verunglückten Aufruf.

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Nietzsche fand bekanntlich, dass Pilatus besser abschneidet als Jesus, weil er illusionäre Wahrheitsansprüche ironisiert. David Bentley Hart betrachtet das Gespräch der beiden aus einem anderen, sehr erhellenden Blickwinkel, wie ich finde:

Die Frage des Pilatus ist höchst dialektisch, höchst sokratisch: Mit einem Wahrheitsanspruch konfrontiert, einer rhetorischen Geste, die den Angesprochenen zur Anerkennung einlädt, aber die abgesehen von dieser Einladung nicht in eigener Sache argumentiert, versucht Pilatus, deren Kraft umzuleiten, indem er seinen Blick von der Wahrheit vor seinen Augen abwendet, hin zu einer abstrakten Frage bezüglich der Wahrheit von Wahrheit.

Jesus jedoch hat keine Behauptung aufgestellt, die besagt, dass er wahr sei, dass er im Abstrakten an „Wahrheit“ appelliere, vielmehr hat er gesagt, dass er die Wahrheit ist, die er anbietet und bezeugt; er hat die Frage des Pilatus tatsächlich schon beantwortet, und Pilatus manövriert sich nun weg von dem beunruhigenden Anspruch, vor den Christus ihn stellt. Und dann wieder, nachdem Christus gegeißelt und verspottet worden ist, versucht Pilatus Christus ein letztes Mal dazu zu zwingen, über sich Auskunft zu geben, irgendein reinrassiges – „Wo bist du her?“ – das den außerordentlichen Ansprüchen, die er stellt, Autorität verleiht oder sie wenigstens erklärbar macht; Pilatus ringt darum, die Kraft der Rhetorik aufzulösen, die vor ihm steht, mit Dornen gekrönt, und schließlich kann er nur die eine Wahrheit aussprechen, die er kennt – „weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich zu kreuzigen?“ – und dann kann er nur diese Wahrheit herbeiführen, … indem er Christus dem Tod übergibt.

Pilatus ist also nicht der vornehme Ironiker, sondern schlicht ein kurzsichtiger Reaktionär; Jesus hat die Ordnung von Wahrheit, der Pilatus sich verschrieben hat, längst untergraben, also hat Pilatus keine andere Wahl, als sie wiederherzustellen, indem er handelt. Christi Wahrheit jedoch ist derart, dass sie umso offenkundiger wird, je mehr man sie unterdrückt; ihre Geste ist die des Geschenks, das selbst dann gegeben wird, wenn es abgelehnt wird; und so macht Christus am Kreuz die schiere Gewalt, die den Ökonomien weltlicher Wahrheit zugrunde liegt, für sich selbst transparent, und eröffnet eine Wahrheit anderer Ordnung, eine andere Geschichte, eine, die jedes Mal neu und mit größerer Kraft erzählt wird, wenn man sie mit Gewalt zu Schweigen bringt. (The Beauty of the Infinite, S. 332f.)

(Wer dem Wahrheitsthema gern weiter nachgehen möchte, kann hier zu Parker Palmers Gedanken klicken).

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Ein schönes Zitat von Alfred N. Whitehead (aus der Predigt meines katholischen Kollegen Michael Pflaum vom vergangenen Wochenende):

Gott ist der Poet der Welt, leitet sie mit zärtlicher Geduld durch seine Vision von der Wahrheit, Schönheit und Güte.

Und im kritischen Blick auf populäre Gottesbilder (der Monarch, der Moralist, der Apathische) konnte Whitehead sagen:

Liebe herrscht weder, noch ist sie unbewegt; auch ist sie ein wenig nachlässig gegenüber der Moral. Sie blickt nicht in die Zukunft; denn sie findet ihre eigene Belohnung in der unmittelbaren Gegenwart.

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Vielleicht liegt es daran, dass ich vorgestern einen Bericht über die heimlichen Foltermaßnahmen der CIA und einen über Augenzeugenberichte aus den Konzentrationslagern des Dritten Reiches gelesen habe und dann über Karfreitag nachdenken musste. Jedenfalls fiel mir ein, wie oft ich den Satz gehört habe, „ich“ oder „wir alle“ hätten es ja eigentlich „verdient" gehabt, am Kreuz zu enden. Also an der für damalige Verhältnisse brutalsten und unmenschlichen Folter zu sterben.

Ich weiß schon, was damit vermutlich gemeint ist: Es ist der Versuch, das neutestamentliche „für unsere Sünden gestorben“ nachzubuchstabieren. Aber es ist für mich ein Versuch, der in eine falsche Richtung führt:

Erstens nämlich verharmlost und legitimiert so ein Satz (ungewollt zwar, aber um so effektiver) die unmenschlichen Grausamkeiten, auf die er sich bezieht, indem es sie als „verdient“ bezeichnet. Dagegen kann man nur sagen: Niemand hat das verdient, wirklich niemand. Zumal sich sofort die Frage stellt, wer ein solches Urteil überhaupt fällen und solche Gewalt verüben darf. Der Satz setzt die Folterknechte und ihre Dienstherren damals und heute ins Recht.

Zweitens wirft der Satz ein völlig entstellendes Licht auf Gott. Dessen Heiligkeit scheint sich daran zu bemessen, dass jeder Kratzer, der ihr zugefügt wird, möglichst drakonisch vergolten wird. Je vernichtender das Urteil über jeden, der sie antastet (man könnte auch sagen: je grausamer die Rache), desto strahlender erscheint Gottes Herrlichkeit. Zugleich löst sich angesichts der Dominanz von strafender „Gerechtigkeit" die Beziehung von Gottes Heiligkeit und seiner Barmherzigkeit und Liebe fast vollständig auf.

Drittens führt die Aussage zu einem kranken Menschenbild. Wenn jedem Durchschnittssünder schon aus Prinzip die Höchststrafe droht, dann fehlt in Gottes Blick auf den Menschen jedes Element von therapeutischer Korrektur, sanftem Werben, und das kann ja nur heißen, dass man es eben gar nicht wert ist. Wenn also jemand von sich sagt, er habe das „verdient“, dann tut er es ja meist in dem sicheren Wissen, dass ihm die Vollstreckung erspart bleibt. Vielleicht schaut man dann nicht so genau hin und fragt auch nicht, ob man das wirklich, wirklich ernst meint.

Diese Strafe, die an Jesus vollstreckt wurde, hat niemand verdient. Gott hat sie auch nicht „verhängt“. Er hat sie am dritten Tag aufgehoben.

Die Liebe Gottes, die sich am Kreuz zeigt, fragt im Übrigen nicht einmal rhetorisch, was wir „verdienen“ oder nicht. Also auch nicht, um uns einen pädagogisch-taktischen Schreck einzujagen und den dann durch den nachfolgenden Hinweis auf die Vergebung in ewige Dankbarkeit zu verwandeln.

Die Liebe fragt nur danach, wie sie möglichst allen Menschen einen solchen Tod ersparen kann, und wie das unbeschreibliche Leid derer, denen Folter und Grausamkeit widerfährt, in den Horizont einer noch größeren Hoffnung gestellt werden kann.

Das Kreuz ist, so verstanden, aber auch Gottes Gerichtsdrohung gegen die Verbrechen der Nazis, der CIA und aller anderen Menschenverächter. Die unterdrückten Stimmen der Opfer werden nicht aus der Geschichte verdrängt. Die Täter werden sich ihnen noch stellen müssen. Erst dann kann die Welt heil werden.

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