Platzanweisungen

Vielleicht war es der Titel, vielleicht auch nur eine Intuition, jedenfalls lese ich seit ein paar Tagen in „Grenzgänger“, der Biografie von Klaus Mertes. Immer wieder lese ich den eigentlich flüssigen Text ganz langsam, weil er mir Wichtiges sagt.

Vielleicht hat es mit den vielen Buchungen und Platzreservierungen zu tun, die die Urlaubszeit mit sich bringt, gestern jedenfalls war es diese Passage, an der ich hängen blieb:

Der Wunsch, Erster sein zu wollen, wird im Evangelium erfüllt, allerdings durch Zuweisung des letzten Platzes. Da, wo es keine Positionen, keine öffentliche Anerkennung und keine Macht gibt, da hält sich die Elite des Evangeliums auf. Der letzte Platz ist wirklich ein erster Platz. Das Paradox lässt sich nicht dadurch auflösen, dass man Letzter werden will, um Erster zu sein. […] Wer aus eigenem Willen zur Elite des Evangeliums gehören will, gehört nicht dazu. Der letzte Platz wird zugewiesen – der Platz bei den Armen, bei den Kranken, den Ausgeschlossenen, der Platz am Kreuz.

Wer sich auf den letzten Platz einlässt, ist gefährlich – ohne es zu wollen. Von dieser Erfahrung spricht das Evangelium an vielen Stellen…

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Paul Bergmeir

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Eine Rodung im Wald

Die menschliche Seele ist eine Rodung im Wald, und dem göttlich Reinen und Makellosen muss es völlig unbegreiflich sein, warum sie immer wieder zuwächst. Das ist der Kampf, von dem die Bibel erzählt. Die Dunkelheit, die sich immer wieder herabsenkt, über Mensch auf Mensch, Generation für Generation, Jahrhundert für Jahrhundert.

Karl Ove Knausgård, Alles hat seine Zeit

praerie

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Zwiespältige Führungsstärke

Vor einer Weile wurde im Fußball diskutiert, ob ein Team einen „aggressive Leader“ braucht. Inzwischen ist die Idee in der Politik wieder in Mode gekommen und lässt knorrige Kicker wie Mark van Bommel schrecklich harmlos aussehen. Dabei weiß schon das Buch Richter in der hebräischen Bibel über diesen autoritären Typ Anführer nicht Gutes zu berichten. Mehr noch – schon der Wunsch nach einer großen Führungsperson wird kritisiert:

Einst machten sich die Bäume auf, um sich einen König zu salben, und sie sagten zum Ölbaum: Sei du unser König! Der Ölbaum sagte zu ihnen: Soll ich mein Fett aufgeben, mit dem man Götter und Menschen ehrt, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten die Bäume zum Feigenbaum: Komm, sei du unser König! Der Feigenbaum sagte zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit aufgeben und meine guten Früchte und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten die Bäume zum Weinstock: Komm, sei du unser König! Der Weinstock sagte zu ihnen: Soll ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?

Da sagten alle Bäume zum Dornenstrauch: Komm, sei du unser König! Der Dornenstrauch sagte zu den Bäumen: Wollt ihr mich wirklich zu eurem König salben? Kommt, findet Schutz in meinem Schatten! Wenn aber nicht, dann soll vom Dornenstrauch Feuer ausgehen und die Zedern des Libanon fressen.

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Wir Luxuswesen

Der Mensch ist ein Luxuswesen. Der Luxus im ursprünglichen Sinn ist keine konsumistische Praxis. Er ist vielmehr eine Lebensform, die frei ist von der Notwendigkeit. Die Freiheit beruht auf der Abweichung, auf dem Luxieren von der Notwendigkeit. Der Luxus transzendiert die Intentionalität, die Not zu wenden. Heute wird der Luxus vom Konsum vereinnahmt. Exzessiver Konsum ist eine Unfreiheit, ein Zwang, der der Unfreiheit der Arbeit entspricht. Der Luxus als Freiheit ist wie das Spiel nur jenseits von Arbeit und Konsum denkbar. So gesehen, ist er der Askese benachbart.

Byung-Chul Han, Psychopolitik, S. 72

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Bild: Yuliya Ginzburg, Unsplash.com, Lizenz: Creative Commons Zero

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Christlicher Relativismus

Er [Jesus] hat mit seiner Person die falschen Absolutheitsvorstellungen der Welt zerschlagen und in Freiheit zurückgewiesen: Geld, Ehre und Macht; aber er hat sie nicht wieder aufgebaut und eine andere menschliche Gesellschaft errichtet, die eine neue neue Hierarchie der Ehre, Macht und Reichtum besäße.

Er hat die Welt überwunden, indem er sie relativierte; denn der Sieg der Welt über den Menschen ist es, dass sie sich ihm als etwas Absolutes darbietet.

Madeleine Delbrêl (1904-1964)

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Foto: Jeremy Thomas – unsplash.com

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Der nächste Schritt

Mut gibt es gar nicht. Sobald man überlegt, wo man ist, ist man schon an einem bestimmten Punkt. Man muss nur den nächsten Schritt tun. Mehr als den nächsten Schritt kann man überhaupt nicht tun. Wer behauptet, er wisse den übernächsten Schritt, lügt. So einem ist auf jeden Fall mit Vorsicht zu begegnen. Aber wer den nächsten Schritt nicht tut, obwohl er sieht, dass er ihn tun könnte, tun müsste, der ist feig. Der nächste Schritt ist nämlich immer fällig. Der nächste Schritt ist nämlich nie ein großes Problem. Man weiß ihn genau.
Eine andere Sache ist, dass er gefährlich werden kann. Nicht sehr gefährlich. Aber ein bisschen gefährlich kann auch der fällige nächste Schritt werden. Aber wenn du ihn tust, wirst du dadurch, dass du erlebst, wie du ihn dir zugetraut hast, auch Mut gewinnen.
Während du ihn tust, brichst du nicht zusammen, sondern fühlst dich gestärkt. Gerade das Erlebnis, dass du einen Schritt tust, den du dir nicht zugetraut hast, gibt dir ein Gefühl von Stärke. Es gibt nicht nur die Gefahr, dass du zu viel riskierst, es gibt auch die Gefahr, dass du zu wenig riskierst.
Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.

Martin Walser, gefunden in einer älteren Ausgabe des Anderen Advent

 

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Weisheit der Woche: Letzte Worte

Ein nachdenklicher Impuls zum Ausklang dieses Jahres. Aber zuvor: Danke für alle Rückmeldungen und Diskussionsbeiträge und ein gutes neues Jahr Euch allen!

Ich habe Theodore W. Jennings gelesen über das Ringen des Paulus um den Zusammenhalt der jungen Kirche und die Neigung zu innerkirchlichen Machtspielchen, in denen sich eine Gesellschaftsordnung widerspiegelt, die Ausgrenzung für lebensnotwendig hält und so zur Kreuzigung des Messias geführt hat:

Jenen, die viel Aufhebens vom Niedergang des Christentums machen (womit sie freilich den Niedergang ihrer Lieblingsform des Christentums meinen, ihrer Fraktion sozusagen, oder der Fraktion, der sie sich gerne bemächtigen würden), stünde es gut zu Gesicht, wenn sie sich fragten, ob nicht eben jene Spalterei, in der sich die Welt der Spaltung und Unterwerfung [„divide et impera“!] widerspiegelt, die Ursache des Niedergangs ist, den sie beklagen: „Aus diesem Grund sind viele von euch schwach und krank und manche sind gestorben.“ (1.Kor 11,30)

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Leben und Lästern mit Luther (1): Hebräische Nachtigallen

Alle laufen sich allmählich fürs Reformationsjubiläum warm, hier mein persönlicher Beitrag: Luthersprüche, die nicht immer die Meinung der Redaktion widerspiegeln und vermutlich auch nicht die aller LeserInnen. Über diesen Spruch dürfte sich Rolf Krüger freuen:

Wir mühen uns jetzt ab, die Propheten ins Deutsche zu übersetzen. Lieber Gott, ein wie großes und beschwerliches Werk ist es, die hebräischen Schriftsteller zu zwingen, deutsch zu reden. Sie sträuben sich, wollen ihre hebräische Art nicht aufgeben und sich der deutschen Barbarei nicht fügen. Das ist so, als ob eine Nachtigall gezwungen würde, ihre überaus wohllautende Weise aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut.

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Ganz, ganz authentisch…

Das Thema „Authentizität“ (vor allem die Forderung nach derselben) hat mich ja schon verschiedentlich beschäftigt. Wasser auf meine Mühlen goss diese Woche Harald Schmidt in diesem Interview mit der Zeit:

Technisch sehr gut in der Ausführung kann man Authentizität beim Bundespräsidenten Gauck beobachten, der ja sogar die echte Träne vorführt. Ich habe gesehen, wie er aus seiner Autobiografie vorgelesen hat, und er musste darüber weinen. Das waren schon zwei Etagen der Kunstfertigkeit, eine Autobiografie zu schreiben, öffentlich daraus vorzulesen und dann noch darüber zu weinen – da hat das deutsche Stadttheater Schwierigkeiten mitzuhalten.

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Schweigen mit Rilke (2)

Für alle, die es mögen: noch ein inspirierendes Rilke-Zitat, das mich durch die Stille begleitet hat

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,

an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen,

du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen

du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen

du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen

du dunkles Netz,

darin sich flüchtend die Gefühle fangen

Das Stundenbuch, 268

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Feuchter Triumph

Heute ist das ja zum Glück kaum noch ein Problem – im 19. Jahrhundert standen sich jedoch im frommen Wuppertal Reformierte und Lutheraner nicht sehr freundschaftlich gegenüber. Das Unglück des anderen wurde als Zeichen dafür gedeutet, dass er auch theologisch im Unrecht war. Vor allem an der Frage nach der Prädestination schieden sich die Geister, wie ein (zugegeben: sehr bissiger) Zeitzeuge schildert:

Einmal kam ein alter steifer Lutheraner ein wenig angetrunken aus einer Gesellschaft und mußte über eine baufällige Brücke gehen. Das mochte ihm in seinem Zustände doch etwas gefährlich dünken, und so begann er zu reflektieren: Gehst du hinüber, und es geht gut, so ist’s gut, geht es aber nicht gut, dann fällst du in die Wupper und dann sagen die Reformierten, es hätte so sein sollen; nun soll es aber nicht so sein. Er kehrte also um, suchte eine seichte Stelle, und an dieser watete er, bis an den Leib im Wasser, hindurch, mit dem seligen Gefühl, die Reformierten eines Triumphes beraubt zu haben.

Friedrich Engels, Briefe aus dem Wuppertal (1839)

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