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Die Müdigkeit steckt mir noch ein bisschen in den Knochen, aber die Dankbarkeit und Freude überwiegt. Zum zehnten Mal sind wir in diesem Jahr zum Beten in den Keller gegangen am Karfreitag. Und gut 1.700 Leute aus Erlangen und Umgebung sind mitgekommen. Das ist das erste, was ich jedes Jahr wieder so erstaunlich finde. Dass die Zeitung anders als in den Jahren zuvor nur einen knappen Hinweis brachte, hat sich kaum ausgewirkt auf den steten Besucherstrom Richtung Kellergelände.

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Das zweite, was mich erstaunt hat, war die außergewöhnliche Ruhe in diesem Jahr. Bis auf wenige Ausnahmen ging es im und vor dem Berg für mein Gefühle spürbar ruhiger zu als ich es aus den letzten Durchgängen in Erinnerung habe. Womöglich ist das auch ein positiver Lerneffekt, der damit zu tun hat, dass viele zum wiederholten Mal da waren.

Drittens staune ich, was aus den Gesprächen und Ideen im Team nach Wochen von Planung und Vorbereitung, gelegentlich zähen (aber nie überflüssigen) Diskussionen, nach manchen praktischen Tüfteleien und ein paar pragmatischen Entscheidungen dann alles im Henninger-Keller steht, wenn am Donnerstag kurz vor 18 Uhr die ersten Leute den Berg betreten.

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Viertens staune ich über die Wirkung, die sich in der Kombination aus Ort, Atmosphäre und Installationen entfaltet. Manche bleiben lange stehen, um etwas auf sich wirken zu lassen. Viele Besucher*innen kommen sichtbar bewegt zurück ans Tageslicht, einige brauchen eine ganze Weile, bis sie wieder Worte finden.

Fünftens staune ich, wie intuitiv und leicht es inzwischen fällt, die Passion in Bezug zur heutigen Welt- und Lebenserfahrung zu setzen, ohne dabei auf in vielerlei Hinsicht problematische Deutungsmuster wie Sühne, Strafleiden und Opfer zurückzugreifen. Stattdessen geht es um die Mitmenschlichkeit Gottes, es geht um die Bereitschaft, sich vom Leid anderer betreffen zu lassen, um die Hoffnung, dass Gott auch in den schlimmsten und dunkelsten Stunden nahe ist und versteht.

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Ich glaube, erst vor diesem Hintergrund wird die Botschaft von der Auferstehung wirklich nachvollziehbar, dass man nämlich dem konkreten Leiden Jesu in der Passionsgeschichte die konkreten Leiden heutiger Menschen gegenüberstellt und dabei den sozialen und politischen Horizont nicht ausblendet.

Ohne diesen Bezug laufen wir Gefahr, Ostern misszuverstehen als etwas Geschichtsloses und Weltfremdes – und damit auch Leid und Tod nicht ernst zu nehmen, auszuhalten und uns davon verwandeln zu lassen, sondern das alles zu verharmlosen, zu ignorieren und mit triumphalistischen Phrasen und Appellen zu überlagern. Das wäre weder christlich noch gesund für die Seele.

Licht und Wärme fühlen sich eben ganz anders an, wenn man gerade aus dem Keller kommt.

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Das Kreuz ist das Zeichen des Widerspruchs – es zerstört die Ernsthaftigkeit des Gesetzes, des Imperiums, der Armeen, des Blutopfers und der Obsession.

Aber die Magier drehen das Kreuz so lange, bis es zu ihren Absichten passt. Ja, auch für sie ist es ein Zeichen des Widerspruchs: die schreckliche Blasphemie des religiösen Magiers, der das Kreuz dazu bringt, der Barmherzigkeit zu widersprechen! Das freilich ist die äußerste Versuchung des Christentums! Zu sagen, dass Christus alle Türen verschlossen hat, eine Antwort gegeben hat, alles geklärt hat und dann ging, alles Leben eingesperrt ließ in die fürchterliche Widerspruchslosigkeit eines Systems, außerhalb dessen es Ernsthaftigkeit und Verdammnis gibt, innerhalb dessen die unerträgliche Frivolität der Erretteten gibt – während nirgends mehr Raum bleibt für das Geheimnis der Freiheit der göttlichen Barmherzigkeit, die als einzige wahrhaft ernst ist, und es verdient, ernst genommen zu werden.

Thomas Merton, Raids on the Unspeakable, 32f.

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Im Mai und Juni haben wir uns bei ELIA über vier Abende hinweg mit verschiedenen Aspekten christlicher Erlösungslehre beschäftigt. Es war der Versuch, einmal abseits der bekannten und nicht immer unproblematischen Metaphern von Sühne, Opfer oder Lösegeld darüber zu sprechen, was den Tod Jesu am Kreuz herbeigeführt hat und inwiefern sich daraus Rückschlüsse auf seine Bedeutung für die Menschheit im Allgemeinen bzw. seine Nachfolger im Besonderen ziehen lassen.

Die Schwäche der üblichen Sühnetheorien liegt ja darin, dass sie kaum einen Bezug zu Leben und Verkündigung des irdischen Jesus herstellen (außer seiner Sündlosigkeit, aber das ist ja schon eine negative Aussage in dem Sinn, dass sie nichts beschreibt, sondern nur etwas ausschließt) und kaum Folgerungen für ein Leben in der Imitatio Christi zulassen.

Im einzelnen haben wir vier Linien betrachtet, die ich in Ted Jennings’ lesenswertem Buch Transforming Atonement gefunden hatte. Da ging es um Jesu Widerstand gegen Unterdrückung, seine Zuwendung zu den „Sündern“, sein Überschreiten von ethnischen, religiösen und kultischen Grenzen und seine Identifikation mit den Leidenden. In jedem dieser vier Stränge lässt sich nachzeichnen, wie Jesus durch konkrete Dinge, die er sagte und tat, Widerspruch und Ablehnung erlebte, die in Gewalt umschlugen, und wie die ersten Christen sein Anliegen aufnehmen und weiterführten.

Inwiefern ist darin nun von Versöhnung die Rede? Nicht Gott muss irgendwie besänftigt werden, wie Paulus deutlich macht, sondern wir Menschen: "Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch (Gottes) Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben.“ (Römer 5,10)

Jesu Leben, Verkündigung und sein Tod am Kreuz machen deutlich, dass Gott

  • nicht auf der Seite der Unterdrücker und Eliten steht (obwohl diese ihre Macht religiös legitimieren wollen), sondern sich mit den Unterdrückten solidarisiert;
  • nicht zu denen gehört, die andere selbstgerecht verurteilen, ausschließen und beschämen, sondern gerade auch auf die Verachteten zugeht;
  • Krankheit und Schmerzen aller Art weder ungerührt zulässt noch als Strafe oder Erziehungsmaßnahme einsetzt;
  • Trennungen zwischen Menschen aufgrund von Herkunft, Geschlechts- oder Religionszugehörigkeit nicht fordert oder verschärft, sondern überwinden und die Welt befrieden möchte.

Versöhnung entsteht daraus, weil Menschen ihre verständlichen und berechtigten Vorbehalte und Klagen gegen den vermeintlichen Gott der Mächtigen und Gewalttätigen, der Selbstgerechten und Kleinkarierten, der Spalter und Scharfmacher wie auch der schmerzfrei Unversehrten aufgeben können. Zudem steht nun den vermeintlichen Gewinnern und Nutznießern dieser Mechanismen die Möglichkeit offen, ihre Feindschaft gegen den barmherzigen Gott aufzugeben – und damit auch die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen den verschiedenen Seiten aller Arten von Konflikten und Auseinandersetzungen.

Und für die vielen „Normalos“, die in der Regel beides zugleich sind (hier eher Opfer, da eher Täter oder Mitläufer) ist der Vorstoß Gottes in die Abgründe dieser Welt und des Menschseins die Chance, sich ihren Verwicklungen vorbehaltlos zu stellen. Ohne diese Ehrlichkeit wird auch die Suche nach Lösungen für alle möglichen Probleme wenig Fortschritt bringen. Mit ihr hat die Verwandlung und Erlösung der Welt schon begonnen.

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